„Historisches Jagdfieber“

Im Tiroler Landesarchiv fand am 10. November 2016 die Vorstellung eines Buches über die Täter der Novemberpogrome in Innsbruck 1938 statt, das in der Zusammenarbeit zwischen Prof. Thomas Albrich vom Institut für Zeitgeschichte und 25 Studierenden der Universität Innsbruck entstanden ist.
Franziska Niedrist, eine der vortragenden Studierenden.
Bild: Franziska Niedrist, eine der vortragenden Studierenden. (Credit: Jakob Kathrein)

Die sogenannten Novemberpogrome, auch unter dem von den Nationalsozialisten geprägten, verharmlosenden Begriff der „Reichskristallnacht“ bekannt, jährten sich heuer zum 78. Mal. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 fanden im gesamten Deutschen Reich gezielte Aktionen gegen die jüdische Bevölkerung statt. Hunderte Juden wurden ermordet, tausende verhaftet und bereits in Konzentrationslager deportiert. Auch in Innsbruck forderte diese Nacht drei Todesopfer (mit Namen Bauer, Berger und Graubart, sowie Adler, der wenige Monate später an den Folgen seiner Verletzungen starb) und einen Sachschaden von 200.000 Reichsmark.

Die gut besuchte Buchvorstellung am 10. November wurde von Landesarchivdirektor Dr. Christoph Haidacher mit einer Begrüßung eröffnet. Danach begann Prof. Albrich mit der Präsentation. Er sprach dabei vor allem über das Zustandekommen des Werkes als Ergebnis eines Forschungsseminars. Albrich wies darauf hin, dass es sich bei dem Projekt um ein „weibliches Unternehmen“ handelte, da der Großteil der Mitwirkenden Studentinnen waren.

Die Produktion des Sammelbands nahm insgesamt ein ganzes Jahr in Anspruch. Der Grund dafür ist nicht zuletzt in der Recherche-Arbeit zu sehen, die sich wegen des Aktenbestands schwierig gestaltete. Da alle Akten zu Personen, die nicht verurteilt wurden, nach dem Gesetz zu vernichten waren, konnten einige mutmaßliche Tatverdächtige nicht mehr erfasst werden. Auch die Tatsache, dass einige der betroffenen jüdischen Familien später im Rahmen des Holocaust ermordet wurden – wie etwa die Familie Turteltaub aus der Defreggerstraße – führt dazu, dass bis heute noch nicht alle Täter identifiziert werden können. „Wo kein Kläger, da kein Richter“, bemerkte Albrich dazu treffend.

Bei den bekannten Tätern und Tatverdächtigen des Innsbrucker Novemberpogroms handelte es sich fast ausschließlich um sog. „Illegale“. Der Begriff umfasst jene, die sich bereits vor dem „Anschluss“ Österreichs im März 1938 offen oder verdeckt als Nationalsozialisten betätigten. Die Aktionen in Innsbruck wurden von Angehörigen der SS (Schutzstaffel), SA (Sturmabteilung) und des NSKK (Nationalsozialistisches Kraftfahrkorps) durchgeführt.

Stellvertretend für die knapp 70 Personen, die im Sammelband biographisch dargestellt werden, präsentierten drei Studierende jeweils einen Täter aus den oben genannten NS-Organisationen. Dabei stach der Bericht von Master-Studentin Franziska Niedrist (siehe Bild) über die Vielfältigkeit der Recherche-Arbeit heraus, welche die Studierenden in Archive, aber auch auf Friedhöfe und Orte in ganz Tirol führte. Teil der Erhebungen waren außerdem Kontakte zu verschiedenen Institutionen, die ihre Hilfe in unterschiedlichem Ausmaß zur Verfügung stellten.

In Summa wurde deutlich, dass es sich bei der historisch-fundierten Suche nach den Tätern um ein sensibles Thema handelt, bei dem knapp 80 Jahre nach der Pogromnacht immer noch Aufarbeitungsbedarf besteht.

 (Jakob Kathrein)


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