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Alpentourismus unter Druck

Extreme Wetterlagen, Kunstschnee, hohe Kosten: Ist der alpine Tourismus ein Auslaufprodukt? Nein, sagt Bruno Abegg vom Institut für Geographie und plädiert für ein „Neu-Denken“ des Tourismus im Spannungsfeld von lang- und kurzfristigen Entscheidungen.

Die Alpen zählen zu den touristisch meistgenutzten Natur- und Kulturräumen der Erde. Die durch den Tourismus generierten Einnahmen bewegen sich in Milliardenhöhe und bilden eine wichtige Grundlage für den Wohlstand unserer Gesellschaft. Für einige alpine Regionen ist er gar überlebenswichtig. Bruno Abegg beschäftigt sich seit vielen Jahren mit verschiedenen Entwicklungen im Alpentourismus, den der Professor für Humangeographie als Mensch-Umwelt-System begreift: „Der Tourismus in den Alpen ist vielfältigen Einflussfaktoren ausgesetzt, die in den letzten Jahrzehnten immer stärker in den Vordergrund rücken. Der komplexe Mix aus klimatischen Entwicklungen, demographischen Verschiebungen und technischem Fortschritt bringt große Herausforderungen mit sich“, sagt Abegg. Gemeinsam mit dem Tourismusforscher Dr. Robert Steiger vom Institut für Finanzwissenschaft nähert sich der Geograph dem Umbruch im Alpentourismus in Forschung und Lehre möglichst ganzheitlich an und versucht gleichzeitig auf individuelle Besonderheiten der mehr als 600 Skigebiete in den Alpen Rücksicht zu nehmen

Grüne Hänge?

Im auch heute noch sehr stark von der Wintersaison geprägten Alpentourismus ist die Frage nach der Schneesicherheit nicht nur ein medialer Dauerbrenner. Über den Schnee lässt sich ein offensichtliches Bindeglied zwischen Tourismus und Klima erstellen, auf das sich auch Bruno Abegg mit seinem Team viele Jahre konzentrierte. „Die durch den Klimawandel verursachte Erwärmung hat natürlich Auswirkungen auf die Schneesicherheit, die aber bei einem genaueren Hinsehen sehr unterschiedliche Folgen hat“, erklärt Abegg. Ein Rezept für den gesamten Alpenraum gibt es nicht. „Ein Skigebiet im Tiroler Ötztal ist in dieser Hinsicht allein schon aufgrund seiner Lage vollkommen anders aufgestellt als ein Skigebiet in Niederösterreich.“ Ohne künstliche Beschneiung schafft es kaum mehr ein Skigebiet, eine ausreichende Schneedecke über eine ganze Saison hinweg zu gewährleisten. Angesichts der langfristigen klimatischen Entwicklungen ist die Tendenz zum Kunstschnee weiter steigend. „Wenn wir nun aber mit Entscheidungsträgern auf touristischer Seite sprechen und ihnen darlegen, dass ihr Skigebiet etwa ab dem Jahr 2050 keine gesicherte Schneedecke mehr haben wird, stoßen wir häufig auf taube Ohren“, erzählt Abegg von seinen Erfahrungen. „Der Tourismus ist eine sehr schnelllebige Branche, in dem es vorwiegend um das Tagesgeschäft bzw. Investitionszyklen von maximal 20 Jahren geht.“ Künftige Problemfelder werden meist von aktuellen, nicht unbedingt klimatisch induzierten Herausforderungen überschattet. „Und hier muss deutlich gesagt werden: Das Klima ist nur einer von vielen Faktoren, die die Entwicklung des Tourismus beeinflussen.“

Kosten

Die Zeiten, als der Wintersport einfach dazu gehörte und bereits im Kindesalter in Schulen mit Skikursen oder Skiwochen forciert wurde, sind vorbei. „Das findet speziell in Österreich und der Schweiz zwar immer noch statt, aber nicht mehr in diesem selbstverständlichen Ausmaß“, so der Geograph. Junge Menschen haben außerdem eine Vielzahl anderer Alternativen zur Auswahl, der Griff zu Ski oder Snowboard steht nicht mehr automatisch an erster Stelle. Wird nun noch die immer älter werdende Gesellschaft berücksichtigt, sind es die gesellschaftlichen Entwicklungen, die viele Skisportler wegfallen lassen. „Der Skimarkt stagniert global gesehen, das Marktumfeld wird härter“, sagt Bruno Abegg. Härter wird dieses Umfeld vor allem aufgrund steigender Kosten – für alle Beteiligten. Skigebiete müssen nicht nur enorme Summen in künstliche Beschneiung investieren, sondern sich auch durch einen Ausbau der Attraktivität ihres Gebiets von der Konkurrenz abheben. Diese Entwicklung schlägt sich in den Preisen nieder und macht den Wintersport für viele Menschen nicht mehr leistbar. Badereisen sind beliebte Alternativen: „Für eine Woche Badeurlaub auf Gran Canaria muss eine Familie mit zwei Kindern unter Umständen wesentlich weniger tief in die Tasche greifen als für eine Woche Skiurlaub in den Alpen“, nennt Abegg ein Beispiel.

Plädoyer

Der Alpentourismus ist mit gesellschaftlichen und klimatischen Stressfaktoren von verschiedenen Seiten konfrontiert. Reaktionen auf diese Entwicklungen sind bereits zu beobachten, wenn etwa Skigebiete zusammengelegt werden oder der Staat eingreift. „Viele Skigebiete entlang des Alpenbogens gäbe es bereits heute nicht mehr, wenn sie nicht durch öffentliche Subventionen am Leben erhalten würden“, verdeutlicht Abegg. Der Tourismus gilt in vielen Gebieten als vermeintlich einziges Vehikel für eine erfolgreiche Regionalentwicklung, die von politischer Seite um jeden Preis gefördert wird. Abwanderung ist eine der größten Befürchtungen in vielen alpinen Tälern, wenn die Einnahmen durch den Tourismus zurückgehen. Diese aktuellen gesellschaftlichen Stressfaktoren will Abegg daher in künftige Projekte verstärkt einfließen lassen. Das Klima bleibt weiterhin Thema, allerdings in engeren Zeithorizonten: „Wir erinnern uns vermutlich alle an die schneearmen Winter der Jahre 2006/2007 sowie 2013/2014. Wir müssen davon ausgehen, dass diese Extremereignisse künftig zunehmen werden. Eine realistische Frage könnte daher lauten: Was passiert mit den Skigebieten, wenn sich solche Winter mehrmals wiederholen?“
Auch wenn der Tourismus mit zahlreichen Herausforderungen zu kämpfen hat und sich an manchen Stellen neu positionieren muss, die Zukunft des Alpentourismus sieht Abegg positiv: „Wir Wissenschaftler sind dazu aufgefordert, Alternativen aufzuzeigen, die auch greifbar sind. Wir können den Tourismus gemeinsam mit den Entscheidungsträgern aus Wirtschaft und Politik neu denken. Denn auch wenn er kein Selbstläufer mehr ist: Sport in den Alpen ist und bleibt etwas Einzigartiges.“

Zur Person:

Bruno Abegg (*1965 in der Nähe von Zürich) studierte Geographie und VWL an der Universität Zürich. Er promovierte 1996 und kehrte zehn Jahre später nach Tätigkeiten in der Privatwirtschaft sowie Auslandsaufenthalten wieder nach Zürich zurück. Neben der freiberuflichen Mitarbeit bei einer NGO folgte nach dem Wechsel an das Institut für Tourismus- und Freizeitforschung der HTW Chur 2013 der Ruf an die Universität Innsbruck. Zusätzlich zu seiner Funktion als Professor am Institut für Geographie ist Bruno Abegg gemeinsam Ulrich Strasser wissenschaftlicher Leiter von alpS.

Dieser Artikel erschien in der aktullen Ausgabe von „Zukunft Forschung“, dem Forschungsmagazin der Universität Innsbruck. Eine digitale Version der Magazin-Ausgabe ist hier zu finden.


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