Ersatzteile. Eine transnationale Geschichte der Automobilität
Forschungsprojekt | Laufzeit Juni 2026 - Mai 2029

Das Projekt Ersatzteile. Eine transnationale Geschichte der Automobilität, Innovation und Wandel im östlichen und südlichen Afrika, 1961–1991 untersucht die transnationale Zusammenarbeit zwischen der europäischen Automobilindustrie und den postkolonialen Staaten Tansania und Sambia – mit besonderem Augenmerk auf die Rolle von Ersatz‑, Verschleiß‑ und Verbrauchsteilen für die Funktionsfähigkeit des Straßenverkehrs und der Transportwirtschaft. Im Zentrum steht die These, dass das Management von Ersatzteilen und die Ausstattung von Werkstätten zum zentralen Engpass wurden: Fehlende Teile und geringe Reparaturkapazitäten setzten Tausende über Kreditlinien finanzierte Busse und Lkws außer Betrieb und hatten spürbare ökonomische und soziale Folgen.
Das Projekt verbindet eine vergleichende, mehrskalige und verflochtene afro‑europäische Perspektive auf parastaatliche Busbetriebe und staatliche wie auch private Transportgesellschaften mit den Erfahrungen von Mechaniker:innen, Fahrer:innen, Manager:innen und Fahrgästen.
Methodisch kombiniert es multiarchivische Recherchen mit Oral‑History‑Interviews, um die “Biographien” exportierter Fahrzeuge und ihrer Ersatzteilketten nachzuzeichnen. Gerahmt wird diese globale Transportgeschichte durch die Leitideen von Ujamaa (Tansania) und Humanismus (Sambia) sowie das Selbstverständnis beider Länder als Mitglieder der Blockfreien Bewegung, die ein erschwingliches, staatlich geleitetes und möglichst eigenständiges Mobilitätssystem anstrebten – sich jedoch als postkoloniale Staaten mit den großen Herausforderungen von (neo-)kolonialen Pfadabhängigkeiten und einer kaum entwickelten lokalen Automobil- und Zuliefererindustrie konfrontiert sahen.
Herstellerstudien
- Leyland Motors/British Leyland (Großbritannien): Während die kolonialzeitliche Monopolstellung Leyland exklusive Exportchancen in beiden Ländern sicherte, kam das Unternehmen ab Ende der 60er-Jahre gehörig unter Druck durch andere europäische Hersteller. Untersucht wird, wie Leyland und staatliche als auch private Verkehrsbetriebe in Tansania und Sambia Ersatzteil‑ und Reparaturnetze organisierten und welche Folgen dies für Verfügbarkeit und Service hatte. Archivrecherche unter anderem im British National Archive.
- Fiat (Italien): Rekonstruiert werden Unternehmensstrategien, Teilelogistik und lokale Reparaturinfrastrukturen im Zusammenspiel mit afrikanischen Partnerbetrieben; dazu zählen auch die Montageaktivitäten in Livingstone (Sambia) und ein Traktorenwerk in Tansania. Archivarbeit im Fiat Historical Centre in Turin bildet dafür eine wichtige Grundlage.
- Industrieverband Fahrzeugbau (IFA, DDR): Aufbauend auf Erfahrungen mit dem Lkw‑Typ W50 untersucht das Projekt die Ausbildung von Mechaniker:innen, die Ersatzteilversorgung und deren Wirkung auf die Einsatzfähigkeit dieser Fahrzeuge in Sambia.
- Fap Famos/Rudnap (Jugoslawien): Die Studie beleuchtet die jugoslawisch‑sambische Kooperation im Nutzfahrzeugbereich – bis hin zu Einsätzen auf der “Hell Run” – sowie die Organisation von Ersatzteilketten und Schulungen.
Länderstudien
- Tansania: Gezeigt wird, wie die Regierung Straßenbau und Busverkehr ausweitete und zugleich ein erschwingliches, staatlich geleitetes System anstrebte; sichtbar werden die Konsequenzen von Ersatzteilmangel und unzureichenden Werkstattkapazitäten, die Fahrzeuge stillsetzten und Mobilität einschränkten, aber auch Innovationen in Zeiten großer Knappheit.
- Sambia: Im Rahmen von Präsident Kaundas Humanismus steht die Leistungsfähigkeit parastaatlicher Transport‑ und Frachtunternehmen im Fokus; untersucht werden die Kooperationen mit europäischen Herstellern, die Qualifizierung von Personal und das Management der Ersatzteilketten.
Der vergleichende, transnationale Ansatz macht Unterschiede und Gemeinsamkeiten sichtbar und ordnet Ost- und Südafrika in eine verflochtene afro-europäische Geschichte von Automobilität, Reparatur und (Im-)Mobilität ein.
Innrain 52d, 6020 Innsbruck
