„Anton Piccolruaz und die ladinische Frage: Die Dolomitenladiner:innen als Minderheit innerhalb einer Minderheit zwischen Südtirol, Österreich und Italien (1939–1980)“

Dissertationsprojekt | Laufzeit Februar 2026 – Jänner 2030

“[M]a ‘n muessa […] cialé de no revé sot a sforc fulestriers [sic!]“1– „Aber man muss darauf achten, nicht unter fremde Anstrengungen zu geraten.“ Diese Aussage von Anton Piccolruaz lässt sich als Ausgangspunkt des entstehenden Forschungsprojekts verstehen, da sie zwei zentrale Themen der ladinischen Geschichte im 20. Jahrhundert aufgreift: erstens die Frage nach Selbstbestimmung und zweitens die mitunter konkurrierende Einflussnahme italienischsprachiger und deutschsprachiger Interessensgruppen.

In diesem Dissertationsprojekt wird die Entwicklung der Dolomitenladiner:innen zwischen der Option von 1939 und den 1980er-Jahren untersucht. Im Fokus steht eine Minderheit, deren fünf zugehörige Täler seit der faschistischen Neuordnung 1923 bzw. 1927 auf drei Provinzen und zwei Regionen verteilt sind. Das Gadertal und Gröden gehören zur Provinz Bozen, das Fassatal zur Provinz Trient und Buchenstein und Ampezzo zur Provinz Belluno. Diese administrative Zersplitterung führte zu einer ungleichen Behandlung der Ladiner:innen in Italien nach 1945 und ging mit langfristigen politischen und kulturellen Aushandlungsprozessen einher.

Ausgangspunkt des Forschungsvorhabens ist das bisher unerforschte Archiv des bereits erwähnten Anton Piccolruaz. Er war ein aus Gröden (Südtirol) stammender Rechtsanwalt, der nach seiner Ausweisung aus Italien im Jahr 1940 in Österreich lebte. Dort engagierte er sich vor allem als geschäftsführender Obmann des Bergisel-Bundes Vorarlberg – einer Organisation, die sich für die Südtiroler:innen einsetzte – für die Belange der Ladiner:innen.

Die von Piccolruaz verfassten Dokumente und gesammelten Unterlagen erlauben zunächst die Rekonstruktion seiner eigenen Tätigkeiten für die ladinische Minderheit. Dazu zählen etwa die finanzielle Unterstützung von Studierenden, die Durchführung von Öffentlichkeitsarbeit in Österreich sowie das Verfassen der „Deklaration zur ladinischen Frage in Südtirol“ (1970). Überdies erlaubt der Quellenbestand eine Einordnung des Themas in die breiteren politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der Zeit. Dabei lassen sich u. a. die folgenden drei zentralen Diskurslinien herausarbeiten: erstens die Bemühungen um eine Vereinigung der ladinischen Täler unter der Provinz Bozen, zweitens das Ringen um Selbstständigkeit und Autonomie und drittens die innere Heterogenität der ladinischen Gemeinschaft mit konkurrierenden politischen Orientierungsmustern.

Methodisch betrachtet ist das Projekt zunächst als qualitative Quellenanalyse angelegt. Neben dem Archiv von Piccolruaz werden weitere Archivbestände aus Tirol, Vorarlberg und Südtirol untersucht. Dabei ist u. a. die Frage relevant, inwiefern die Ladiner:innen von außen Unterstützung erhielten. Die primären bzw. sekundären Quellen werden durch lebensgeschichtliche Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen ergänzt. So sollen spezifische Perspektiven und Erfahrungen erfasst werden, die in den Quellen unzureichend dokumentiert sind. In Zusammenarbeit mit dem Informatiker Samuel Frontull ist zudem geplant, das erhobene Interviewmaterial für das Training eines ladinischen Korrektur- und Übersetzungssystems nutzbar zu machen. Dadurch entsteht ein wechselseitiger Mehrwert, da die Daten sowohl die Weiterentwicklung des Systems als auch die historische Forschung unterstützen und eine produktive Synergie zwischen beiden Bereichen schaffen. Das Projekt ist somit auch im Feld der Digital History verortet, da es klassische geschichtswissenschaftliche Methoden mit computergestützten Verfahren zur Analyse und Aufbereitung von Quellen verbindet.

Insgesamt versteht sich die Arbeit als Beitrag zur historischen Erforschung von Minderheiten im Alpenraum. Die Dolomitenladiner:innen erscheinen darin nicht nur als Teil der regionalen Geschichte, sondern als eigenständige historische Akteursgemeinschaft mit spezifischen Handlungsspielräumen und Herausforderungen.

 

1 Istitut Ladin “Micurá de Rü”, Archiv Anton Piccolruaz, Karton 5, Bergisel-Bund, Akten Ladinische Bevölkerung, Aktenzeichen 041, A 10000, ID 10064, 1959-1964, Anton Piccolruaz, o.T., Bludenz, 2.5.1964, S. 2.


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