Theodor Schieder in Innsbruck (1941/42)

Nach dem „Anschluss“ wird im Sommersemester 1938 Ignaz Philipp Dengel (1872-1947), Vertrauensmann des Dollfuss-Schuschnigg-Regimes, in der Nachfolge von Ludwig Pastor Vertreter des katholisch „ultramontanen“ Lagers innerhalb der Innsbrucker Historikerzunft, in seiner Funktion als Direktor des Österreichischen Historischen Instituts in Rom auch Bewunderer des Mussolini-Faschismus, entlassen. Seit 1933 vertrat Dengel – hervorgetreten durch kirchenhistorische Studien in der frühen Neuzeit, namentlich der „Nuntiaturberichte aus Deutschland“ seit der Mitte des 16. Jahrhundert – die Ideologie der „Vaterländischen Front“ von den Österreichern als den „besten Deutschen“. Dengel, der 1934 in Gedenkfeiern für Engelbert Dollfuss auch dessen Verdienst um die Liquidierung der sozialistischen Arbeiterbewegung würdigen soll, protestiert beim früh nazistisch gesinnten Rektor, dem Mediziner Bernhard Mayrhofer, gegen dessen Einwand, Dengels „vaterländische Kundgebungen würden gegen die „gesamtdeutsche“ Haltung der Universität Innsbruck verstoßen und seien somit gegen das „deutsche Reich“ gerichtet.[1]

Für die Nachfolge Dengels forcierte dessen Fachkollege Harold Steinacker, seit dem März 1938 NS-Rektor der Universität Innsbruck, den seit 1937 in Königsberg lehrenden „Volksgeschichtler“ Kleo Pleyer (1898-1942), den „böhmischen Hitler“, der 1922 die Universität Prag nach einer von ihm angeführten antisemitischen Hetzkampagne gegen Samuel Steinherz verlassen hatte müssen. Schließlich wurde Pleyer in Tübingen beim nationalreaktionären Johannes Haller mit einer Arbeit über die „Politik von Papst Nikolaus V.“ promoviert.

In den 1930er Jahren mehrmals als Stipendiat nach Paris gesandt hob Pleyer in seiner in Berlin 1933/34 eingereichten Habilitationsschrift „Die Landschaft im neuen Frankreich. Stammes- und Volksgruppenbewegung im Frankreich des 19. und 20. Jahrhundert“ die den französischen Nationalstaat in Frage stellenden dezentral föderalistischen Triebkräfte hervor, so regionalistisch landschaftliche Bewegungen in der Provence, im Elsass oder die bretonischen Separataktivitäten. Pleyers latentes Plädoyer für eine Aufteilung Frankreichs, dem er angesichts seiner Völkervielfalt rassische Schwäche unterstellte, schien 1935 dem Berliner Auswärtigen Amt beim derzeitigen Stand der deutsch-französischen Beziehungen als störend, sodass die Auslieferung der gedruckten Exemplare erst bei Kriegsbeginn erfolgen sollte.

Hermann Oncken, der vom NS-Regime an den Rand gedrängte Habilitationsgutachter, hatte im Jänner 1934 tendenziell Bedenken, dass bei Pleyer der „historische Erkenntnistrieb“ stark von politischen Wertungen, von einem „voluntaristischen Standpunkt“ überlagert ist, der „sich bewusst Treitschke näher fühlt als Ranke“.[2]

Im April 1939 kam Kleo Pleyer nach zwei knappen Königsberger Jahren als Professor für neuere Geschichte nach Innsbruck. Allenfalls ein Semester war er hier real tätig, so las er nur im Sommersemester 1939 über „Europäische Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert“, bot ein Seminar „Großdeutsche Geschichte“ an und kündige eine Arbeitsgemeinschaft zu „Frankreich seit 1789“ an.

Für das Wintersemester 1939/40 kündigte Pleyer eine dreistündige „Geschichte des deutschen Bauern- und Arbeitertums“ verbunden mit einem Seminar zum deutschen Bauernkrieg, sowie eine „Volksgeschichtlich-staatenkundliche Arbeitsgemeinschaft: Südosteuropa“ an. Dies kam schon nicht mehr zustande. Abgesehen davon, dass die Universität im ersten Kriegssemester geschlossen blieb, war Pleyer fortan zum Wehrdienst im Westen eingezogen.

Am 15. Juli 1939 akzeptierte Pleyer die von Henriette Wäsche (Jg. 1913 in Gelsenkirchen, zuständig nach Berlin) eingereichte Dissertation „Die deutsche Arbeiterin vor dem Weltkrieg“ und prüfte sie gemeinsam Harold Steinacker im historischen Hauptrigorosum.

Vergeblich wünschte sich der Philosophendekan, der Althistoriker Franz Miltner am 30. Juli 1940 Pleyers Rückkehr an die „innere Front“. Das laufende Besatzungsregime nach der Niederlage Frankreichs benötige eines Pleyer nicht: „Es erhebt sich daher für uns die Frage, wo Sie unter den dermaligen Verhältnissen wichtiger sind, und ich bitte Sie, sich selbst diese Frage vorzulegen. Wir glauben allerdings, soweit wir von hier aus die militärische Lage und die Einsatzaussichten beurteilen können, dass Sie nunmehr doch wieder an die innere Front zurückkehren sollten, damit hier die Geschichte die ihr zukommende Rolle einnehmen kann.“ Pleyer wollte aber die dann ausgebliebene „Fahrt nach England“ nicht versäumen.

Oft kolportiert wurde die Landsergeschichte von Pleyer, der die Hakenkreuzfahne am Eiffelturm hissen ließ. Was er 1935 als Berliner Dozent vorgedacht hat, fand er im Juni 1940 als Kompaniekommandant siegestrunken in einem darniederliegend gedemütigten Frankreich vor. Nach Pleyer hat die Abkehr Frankreichs vom „germanischen Norden“ zur Niederlage beigetragen: „Hier im Lande der Loire zwischen Tours und Poitiers, hat vor mehr als zwölfhundert Jahren der Franke Karl Martell die weltgeschichtliche Entscheidungsschlacht gegen die Araber geschlagen und aus germanischer Kraft die europäische Zukunft gerettet. Farbiges Afrika und asiatisches Judentum müssen heute dem germanischen Schwerte weichen. Mit ihnen weicht das frevlerisch verbündete Franzosentum zurück.“

„Über das rote Russland bricht das Weltgericht herein.“, notiert der mittlerweile zum Oberleutnant beförderte Pleyer im Juni 1941. Gesteht er Frankreich noch kulturellen Teilbestand zu, so markiert er in rassistischen Hasstiraden die „Kulturlosigkeit des fremden Osten“. Pleyers Hass auf die bolschewistische Sowjetunion wird überboten von der den Massenmord rechtfertigenden Denunziation der Juden: „Der Jude konnte als Konservativer, als Liberaler, als Demokrat, als Sozialdemokrat, als Kommunist ausgezeichnete Geschäfte machen. Nun aber ist die Maskerade zu Ende. Jetzt kommt das schlechteste Geschäft, das der Jude je abschließen musste: es kostet ihm den Kragen.“

Pleyer, der dem „russischen Menschen“ in deutschimperialistischer Manier jede Menschenwürde abspricht, verklärt in den Wochen der „Winterkrise“ 1941/42 den Feldzug zu einer „großen Studienfahrt des deutschen Volkes“: „Er ist auch für mich als Wissenschaftler mehr wert als alle Werke, die ich jemals über Russland gelesen habe. Nicht Kliutschewkijs Geschichte von Russland, nicht Masaryks Russische Soziologie, nicht Dostojewskijs Schriften erschließen den russischen Wesensgrund. Man muss dem russischen Menschen im Kampfe begegnet sein, man muss den russischen Alltag mitgelebt haben. Man muss den Russen gesehen haben, der sein lebensunwürdiges Dasein, wie einen Pappenstiel hinwirft.“[3] So Pleyer, der soeben den Opfermut der Rotarmisten zu spüren bekommen hatte!

In der Parte der Innsbrucker Universität für den „am 26. März 1942 im Osten für Volk und Führer gefallenen“ Kleo Pleyer hält Rektor Harold Steinacker fest: „Wir verlieren in ihm einen Mann, der immer und überall an vorderster Reihe stritt: im Volkstumskampf der nationalsozialistischen Partei Böhmens, im Ringen der Deutschen Studentenschaft um großdeutsche Einheit, im geistigen Kampf um eine neue gesamtdeutsche und nationalsozialistische Sicht der deutschen Geschichte.“

Aus dem Erbe von Kleo Pleyer stammte die Dissertation von Sophie Lorenz (aus Eberswalde in Brandenburg, 1912 als Tochter eines Mühlenbesitzers geboren, dann Studium in Freiburg, Berlin und Königsberg, 1935 Austauschstipendiatin in Rom), so Steinacker am 25. Oktober 1940 in seinem Gutachten die politische Widersprüchlichkeit angesichts der „Achsenpolitik“ und des „Optionsabkommens“ von 1939 ansprechend: „Die im Jahre 1937 von Kleo Pleyer in Berlin angeregte Arbeit betrifft Südtirol, kann daher aus den heute gegebenen politischen Rücksichten nicht gedruckt werden.“ Für die Darstellung des „Volkstumkampfes“ hat Lorenz u.a. die landesgeschichtlichen Arbeiten von Hermann Wopfner und Otto Stolz oder Eduard Reut-Nicolussis „Tirol unter dem Beil“ (1928) benützt. Lorenz, die einen Ettore Tolomei als „Vampir“ charakterisiert, hat nach Steinacker oft zu scharf formuliert, ihrer Tolomei-Darstellung stimmt er aber trotzdem zu: „Richtig ist in der Arbeit die verhängnisvolle Rolle des Monomanen Tolomei gekennzeichnet, richtig die Abhängigkeit der Stufen und Phasen der Entvölkerungspolitik von der allgemeinen Entwicklung des Faschismus und der Außenpolitik Italiens erkannt.“ Richtig habe die Verfasserin erkannt, dass der Faschismus angesichts der mäßigen Erfolge seiner Südtiroler Minderheitenpolitik „zu einer immer radikaleren Politik gewaltsamer Enteignungen und völliger Zerstörung der deutschen Wirtschaft getrieben hat, denen zweifellos schließlich die Umsiedlung der Deutschen nach Altitalien gefolgt wäre“. Den „deutschen Widerstand“ hätte Lorenz eingehender darstellen müssen, zumal dieser „moralisch und seelisch ungebrochen war, als der Staatsvertrag von 1939 die Deutschen aus der alten Heimat als einer auf die Dauer doch nicht haltbaren Position herauszog. Ohne diese Maßnahme würden wir Boden und Menschen von Südtirol verloren habe. Mit ihr verlieren wir den Boden, behalten aber die Menschen und damit die Hoffnung, den Boden, wenn wir ihn einmal zurückerhalten sollten, mit den Menschen besiedeln zu können, denen er gebührt.“

Steinackers Haltung zeigt ihn im Zwiespalt seiner kultischen Hitler-Verehrung und seiner Ablehnung der Brenner-Grenze. Der nach 1945 maßgebliche Südtirol-Politiker Friedl Volgger, Optionsgegner, maßgeblicher Vertreter des „Dableiber“-Lagers und 1943 nach dem Bruch der „Achse“ im KZ Reichenau und dann in Dachau interniert, hat in seinen „Erinnerungen“ diesen Widerspruch im Weltbild des „Blut- und Bodenideologen“ Steinacker beschrieben.

Für den 7. Juli 1939 stand die Promotion von Friedrich (Friedl) Volgger, der bei Hermann Wopfner und Steinacker eine Dissertation zur „Siedlungs- und Wirtschaftsgeschichte von Ridnaun“ und jene seines aus Luttach stammenden Vinzenz Oberhollenzer (Dissertation „Beiträge zur Volksgeschichte des Ahrntales“) an. Angesichts des soeben öffentlich gemachten „Umsiedlungsabkommens“ sahen sich beide außer Stand, an einer öffentlichen Promotion teilzunehmen: Steinacker „zeigte volles Verständnis, dass wir unter solchen Umständen nicht gewillt waren, zu der für die ersten Julitage anberaumten feierlichen Promotion anzutreten. Er erteilte den Auftrag, unsere Promotionsurkunden gleich vorzubereiten und uns auszuhändigen.“ Auf die Frage der beiden Absolventen nach der Lage in Südtirol hat Steinacker nach Volgger geantwortet: „Als Parteigenosse müsste ich Ihnen sagen, Sie müssen dem Ruf des Führers folgen und ins Reich umsiedeln. Aber als Deutscher sage ich Ihnen, kehren Sie nach Südtirol zurück und bleiben Sie mir ja im Lande drinnen. Und wenn Sie keine Arbeit finden, gehen Sie auf eine Alm, um Kühe zu hüten.“[4]

Bezüglich der Lorenz-Arbeit hat Hermann Wopfner als Kogutachter am 24. September 1940 ausgeführt, dass die Literatur über die „Geschichte des Südtiroler Deutschtums“ unzulänglich ausgewertet ist, dass die Ausführungen über das tirolische Höferecht mangelhaft sind: „Meine Arbeit über die Frage der Güterteilung bleibt der Verfasserin anscheinend unbekannt, der große Gegensatz zwischen Landschaften schärfster Güterteilung und Landschaften, in denen wenigstens seit dem 17. Jahrhundert das Anerbenrecht sich durchgesetzt hat, bleibt ganz unberücksichtigt.“ Wie Steinacker lobt Wopfner die Darstellung Tolomeis: „Die Arbeit lässt die Zähigkeit des deutschen Bauerntums im Kampf um sein Volkstum erkennen und zeigt, dass begründete Hoffnung vorhanden war, dass sich diese Bauerntum noch geraume Zeit trotz aller Schwierigkeiten zu halten vermocht hätte bis etwa andere Zeiten andere Grundsätze in der Lösung der Nationalitätenfrage gebracht hätten als die faschistische Niederknüppelung gegnerischer Minderheiten.“

Nach Wopfner hat Sophie Lorenz eingehend dargelegt, wie der Faschismus rücksichtslos das deutsche Südtiroler Bauerntum zerstört. Umso mehr ist es für den „Option“-Gegner Wopfner unverständlich, dass Lorenz im Abkommen von 1939 einen deutschen Erfolg erkennen will: „Da ist es dann eine sonderbare Logik, wenn sie am Schluss ihrer Arbeit das deutsche Abstimmungsergebnis, das zur Räumung Südtirols, zur Lösung von Blut und Boden führen muss, als großen deutschen Sieg und als Niederlage der Italiener bezeichnet.“ In Wirklichkeit ist es für Wopfner „ein unerhörter Erfolg der Politik Tolomeis und des Faschismus“.

Rektor Steinacker beklagte 1941/42 wiederholt die personelle Ausdünnung im historischen Fachbereich, neben ihm selbst – überlastet mit dem Rektorat – und dem Althistoriker Franz Miltner – dieser überhäuft mit Dekansagenden – lehrt noch der Mediävist und Historische Hilfswissenschaftler Richard Heuberger. Gelegentlich hilft Landesarchivdirektor Otto Stolz in der Lehre aus. Hinzu kommt im erweiterten Fachbereich der ehemalige Innsbrucker Professor für Österreichische Geschichte und Wirtschaftsgeschichte Adolf Helbok, der 1934 wegen seiner nazistischen Aktivitäten ins Hitlerdeutschland geflüchtet in Leipzig eine volkskundliche Professur – betrieben in rassistischen Kategorien – erhalten hat, die er ab dem Herbst 1941 wieder in Innsbruck ausübt.

Der 1941 nach der Emeritierung von Hermann Wopfner für „Geschichte des Alpenraums und allgemeine Wirtschaftsgeschichte“ ernannte Franz Huter (1899-1997) ist fast vollständig für „das Ahnenerbe [der SS] in Südtirol“, also für die großflächigen Archivübernahmearbeiten im Rahmen der deutsch-italienischen „Kulturkommission“ freigestellt.

Außerdem – so Rektor Steinacker am 27. Februar 1942 – droht der Verlust von Miltner an die Universität Straßburg. Miltner will Steinacker auch deshalb nicht verlieren, da sie beide gemeinsam mit den soeben berufenen Werner Körte (Kunstgeschichte) und Wilhelm Ehmann (Musikgeschichte) und dem ebenfalls neu hinzu gekommenen Ur- und Frühhistoriker Leonhard Franz eine „Kampfkameradschaft“ im Sinn einer nazistischen Geschichtsauffassung bilden wollen: Miltner „ist auch ein wichtiger Träger der Verbindung der Universität zu Gau und Partei.“ Steinacker klagt, dass „die Berufungen an die neuen Universitäten Straßburg und Posen gewaltige Lücken“ in den historischen Personalstand gerissen haben, aber: „Wir anderen Hochschulen müssen auch das Niveau halten.“[5]

Weiters beklagt Steinacker, dass der einzige Assistent Wilhelm Neumann zum Wehrdienst eingezogen ist. Neumann hatte sich 1936/37 im Geflecht der diversen klein-, groß- und gesamtdeutschen Geschichtsideologien, so unter anderem auf Heinrich Srbiks „Deutsche Einheit“ (1935) zurückgreifend, an Bismarcks Verhältnis zu Österreich abgearbeitet.[6]

Es geht Neumann in seiner Dissertation nicht um den Kriegsgegner Bismarck von 1866, der in Wirklichkeit für maßvolle Friedensbedingungen eingetreten war, eine Annexion Böhmens ablehnte, schon allein um sich kein weiteres „Slawenproblem“ aufzuhalsen. Es geht um den sich als strategisch darstellenden „Staatenlenker“.

Den „Vielvölkerstaat“ sieht Bismarck in seiner Schutzfunktion für das Deutsche Reich, der auch aus der „Notwendigkeit eines mitteleuropäischen Ordnungssystems und des deutschen Volksinteresses“ entspringt. Für die osteuropäischen Verhältnisse ist der westeuropäische Nationalstaat nicht das Muster schlechthin, deshalb auch Bismarcks Zurückhaltung gegenüber den deutschbaltischen Siedlungsräumen, so wie er die Existenz der Habsburger-Doppelmonarchie – trotz dortiger gelegentlicher antipreußischer Bündnisideen mit Frankreich – als eine einschätzte, die zumindest mittelfristig im strategischen Interesse des 1871 gegründeten Deutschen Reichs liegt. Steinacker urteilte in seinem Neumann-Gutachten, dass dieser hierbei auf die Bismarck-Studien über „den Osten“, namentlich das Baltikum zurückgreifen konnte, wie sie in Hans Rothfels‘ „Bismarck und der Osten“ (1934) vorlag. Im Vorwort seiner Dissertation „Bismarck über Österreich“ führt Neumann aus: „Mochte Bismarck im einzelnen auch häufig die innerösterreichische Entwicklung verneinen, die Idee des übernationalen Staates, wie sie durch Österreich einzig dastehend verwirklicht wurde, bejahte er grundsätzlich, bejahte er grundsätzlich aus der natürlichen Einsicht des ostdeutschen Menschen, dass der Nationalstaatsgedanke in seiner westeuropäischen Form untauglich sei als Grundlage der Staatenbildungen in Ostmitteleuropa zu dienen.“

Steinacker führt am 27. November 1937 im Gutachten aus: „Die Arbeit ist auch über H. Rothfels hinausgekommen, der aus seinen Feststellungen über Bismarcks Verhältnis zum baltischen Deutschtum auch Bismarcks Urteil über Österreich am besten verstanden hat und bei dem [Neumann] auf die seinen eigenen Ergebnissen am nächsten stehenden Formulierungen stieß. (…) Dabei gelingt ihm überdies, tiefer und vielseitiger als die bekannte Arbeit von [Günther] Franz über ‚Bismarcks Nationalgefühl‘ [1926] das Verhältnis von Volk und Staat in Bismarcks Denken überhaupt zu erfassen.“

Neumann, der 1938 anmerkt, dass er schon zwei Jahre zuvor als illegaler „deutschösterreichischer Nationalsozialist“ an die Bismarck-Dissertation herangegangen ist, tritt gegen die These von den „zwei deutschen Staaten“ auf und bestreitet, dass Bismarck „Anschluss“-Gegner war. In der Lage von 1918 hätte Bismarck nach dem Zerfall des Habsburgerimperiums den „Anschluss“ gefordert, so Neumann 1938, weshalb Neumann die „Großtat des Führers vom 13. März“ in der Kontinuität von Bismarck sieht. Bismarck habe Wert auf „die deutsche Schutzfunktion des österreichischen Staats“ gelegt. Allein aus diesem Grund hat Bismarck von den „Deutschösterreichern“ das vorübergehende „Opfer“ eines Anschluss-Verzichts „im Interesse des Deutschen Reichs und damit des Gesamtvolkes“ verlangt.[7]

Diese „reifste Leistung“ Neumanns belohnte Steinacker mit einer Assistentenstelle. Am 26. Februar 1946 wurde Neumann, der spätere Kärntner Landesarchivdirektor mit seinen umstrittenen Positionen im „Ortstafelstreit“ der 1970er Jahre, aus dieser Stelle enthoben: „Dr. Neumann ist seit 1936 Mitglied der SA, wurde bei dieser Truppführer und Schulungsleiter.“

Für den abwesenden Kleophas Pleyer konnte Steinacker 1940 vorübergehend Reinhard Wittram als Supplenten für mittlere und neuere Geschichte gewinnen. Schon der Amtsantritt von Wittram verzögerte sich zum Mai 1940, wie er am 2. April 1940 aus Posen berichtet: „Seit der Umsiedlung bin ich Beauftragter für die Angelegenheiten der baltendeutschen Dozenten in Posen, mit einem Auftrag, der mir einerseits vom kommissarischen Kurator der Universität Posen, andererseits vom Leiter der Volksdeutschen Mittelstelle, Einwandererberatung, Zweigstelle Posen, SS-Staf. Dr. Kroeger, erteilt worden ist.“ Wittram deutet an, dass seine eigentliche „Aufgabe im Nordosten“ liegt.

Wittram liest im II. Trimester im Frühsommer 1940 über „Neuere Geschichte Osteuropas“, bietet ein Seminar zum Weltkrieg und eine Übung zur „Volksgeschichte“ an. Im III. Trimester im Herbst 1940 liest er über „Russland und Europa von Bismarck bis zum Ersten Weltkrieg“ und bietet ein Seminar zum Weltkrieg an. Im I. Trimester 1941 bietet er vom Jänner bis zum März wieder Lehrveranstaltungen zur „Geschichte des Weltkriegs“ an.

Reinhard Wittram (1902-1973), auch er wie Pleyer Schüler von Johannes Haller, war als aggressiver, auf rassenbiologischer Grundlage arbeitender „Ostforscher“ und wegen seiner Rolle um die „Volksgeschichte“ im Baltikum, an der neuen „Grenzlanduniversität“ Posen unabkömmlich.[8]

Für das Sommersemester 1941 folgte Theodor Schieder als neuer Pleyer-Supplent. Im Sommersemester 1941 liest Schieder über „Zeitalter des Absolutismus 1648-1786“, hält ein Seminar über Leopold Ranke und ein Proseminar über „Großdeutschland – Kleindeutschland in der Geschichtsschreibung des 19. Jh.“ ab.

Im Wintersemester 1941/42 folgt Lehre über „Europäische Geschichte im Zeitalter Friedrich des Großen“ und ein Seminar: „Der Fürstenbund von 1785 und die Reichspolitik Friedrich des Großen“. Für das Sommersemester 1942 kündigt Schieder noch einmal eine Hauptvorlesung „Bismarckisches Reich. Begründung, Aufstieg“ und ein Seminar „Die außendeutschen Volksgruppen“ an. Dazu kommt es nicht mehr, da Schieder als Professor nach Königsberg zurückgerufen wird.

In einem Empfehlungsschreiben für die Universität Münster – konkret an den Theaterwissenschaftler Heinz Kindermann – charakterisiert Steinacker Theodor Schieder Anfang Jänner 1942 so: Schieder „ist ein Schüler Karl Alexander Müllers. Seine Erstlingsarbeit ist ein gutes Buch über Bayerns Stellung zur deutschen Frage. Er hat sich dann in Königsberg, wo er hauptamtlich an der Forschungsstelle für Nachkriegsgeschichte tätig ist, habilitiert und sein großes Einfühlungsvermögen durch eine Arbeit zur westpreußischen Geistesgeschichte erwiesen (…) Deutscher Geist und ständische Freiheit im Weichselland. (Einzelschriften der Historischen Kommission für ost. und westpreußische Landesforschung Nr. 8).“ Wichtig nach Steinacker auch Schieders Arbeit zur Geschichte des italienischen Faschismus. In der HZ erscheint demnächst ein Aufsatz über Goethe und Ranke, der „eine feinsinnige geistesgeschichtliche Studie darstellt.“

Weniger „feinsinnig“ waren Schieders „volkstumspolitische“ Auftragsarbeiten. Schon im Sommer 1941 hatte Schieder gezeigt, dass Innsbruck nur ein Zwischenspiel für ihn sein kann. Er orientiert unter dem Eindruck des raschen Vormarschs der Deutschen in der Sowjetunion – auf „den Osten“. Im forschen Ton schreibt er am 11. August 1941 kriegseuphorisiert an den Innsbrucker Philosophendekan. Den baldigen Fall von Kiew erwartend verbreitet er insiderisch Gerüchte, wonach Gauleiter Hinrich Lohse „Reichskommissar für das Ostland“ (Lettland, Estland, Litauen, Weißrussland) wird, dass das soeben im Frühsommer 1941 eroberte Bialystok an Ostpreußen angegliedert in den Geschäftsbereich seiner Forschungsstelle fallen wird.

Nach Abhandlungen über die „völkische Zusammensetzung der neuen Gebiete“, konkret des im Herbst 1939 im „Polenfeldzug“ eroberten Regierungsbezirks Zichenau/Ciechanów gerät nun der Bezirk Bialystok in das Blickfeld von Schieders faschistisch akademischen Geschäften. Als bildungsbürgerlich andienender Intellektueller schreibt er nach Innsbruck: „Man muss also immer großräumiger denken im deutschen Osten, damit man auf dem Laufenden bleibt.“

Am 16. Februar 1942 spricht Schieder im Rahmen der vom Innsbrucker NS-Dozentenbund veranstalteten „Aula-Vorträge“ über „Friedrich der Große und das deutsche Volk“. So wie Wittram am 8. Juli 1940 über „Das Reich und seine Volksgruppen im Osten“ referiert hatte, so versuchte Schieder angesichts der aktuellen Notwendigkeiten des deutschen Weltkriegs den ehemaligen Zwiespalt zwischen dem preußisch protestantischen Norden und dem österreichisch katholischen Süden weg zu deuten und den „alten Fritz“ für die gesamtdeutsche Sache zu instrumentalisieren, wie Harold Steinacker in Einführungsworten hervorhebt: „Unsere heutige gesamtdeutsche Geschichtsauffassung überbrückt den alten Gegensatz zwischen kleindeutscher und großdeutscher Einstellung.“ Es kommt zur Versöhnung zwischen dem Norden und dem „deutschen Süden“.

Nach Schieder hat der Ideologe des Deutschtums Ernst Moritz Arndt mit Recht auf Friedrichs gesamtdeutsches Unverständnis verwiesen, dabei aber übersehen, dass Friedrich trotzdem „im Kampf um den Bestand und die Vergrößerung Preußens diesen Staat zu einem Kernpunkt deutschen Wesens und deutscher Kraft“ entwickelt hat, „der auch für das kommende geeinte Reich vorbildlich wurde“. Wie hat Theodor Schieder das in seiner späten großen Friedrich-Biographie 1983 gesehen?[9]

In die Monate der Innsbruck-Episode fällt Schieders Gutachten über Dietrich von Oppen „Die Umvolkung in Westpreußen von der Reichsgründung bis zum Weltkrieg“. Oppens Dissertation zeigt nach Schieder „günstige Eindrücke“, stand sie doch offensichtlich auf Linie von Schieders Königsberger „volkstumskämpferischer“ „Landesstelle Ostpreußen für Nachkriegsgeschichte“, Schieder am 4. März 1942: „Ihr Hauptanliegen, den Gang der Geschichte und die Formen der Ausbreitung des Polentums in Westpreußen bis zum ersten Weltkriege aufzuhellen, erweckt erhebliches politisches Interesse und zeigt den engen Kontakt des Verfassers mit den politischen Problemen des Volkstumskampfes im Nordosten.

Durch die Klärung der Tatsache, dass der polnische Bevölkerungsüberschuss Westpreußens im wesentlichen dem ländlich-bäuerlichen und gewerblich-kleinstädtischen Bereich zugutegekommen ist, hat Oppen unsere Kenntnisse über die bisherige Forschung (Max Weber [‚Der Nationalstaat und die Volkswirtschaftspolitik. Akademische Antrittsrede in Freiburg, 1895], auch L[udwig] Bernhard) [„Die Polenfrage“] hinaus vermehrt.“ Oppen, „der von der Bevölkerungslehre Gunter Ipsens herkommt“, kombiniert statistische Auswertung mit „historischer Erfahrung“. Manche soziologische Kategorie, wie jene der „Industriegesellschaft“ überzeugt Schieder im Rahmen der Erklärung der „Entfaltung des Deutschtums und des Polentums“ im städtischen und ländlichen Bereich nicht. Schieder lobt die systematische Auswertung der „westpreußischen Verwaltungsakten“. Für künftig empfiehlt Schieder: „Heranziehung des in den Wahlergebnissen zu den Reichstagen und preußischen Landtagen, eventuell auch Kreistagen vorliegenden Materials zu polnischer politischer Willensbildung. Breitere Darstellung jener Entwicklung, die geschichtlich zum Einbruch des polnischen Nationalismus in Westpreußen geführt hat.“ Harold Steinacker schloss sich der Beurteilung von Oppens Doktorarbeit, die „an der Grenze zwischen Geschichte und Soziologie, zwischen historischer und statistischer Methode steht“, an.

Am 5. März 1942 wurde der 1912 in Berlin geborene, in Eberswalde lebende Dietrich Oppen, Sohn eines „Berufsoffiziers im preußischen Heer“, in Innsbruck nach Vorstudien in Berlin (neben Universität „Hochschule für Politik in Berlin, Arbeitsgebiete: Grenz- und Auslandsdeutschtum) und ab 1937 an der Universität Königsberg promoviert. Er hört bei Kleo Pleyer (sowohl in Berlin als auch in Königsberg), bei dem „Volkstumssoziologen Gunther Ipsen, Arnold Gehlen, Friedrich Baethgen und eben bei Schieder. 1941 „vor Leningrad verwundet“ kann er in einem Studienurlaub die Dissertation abschließen. Zur „politischen Tätigkeit“ führt Oppen an: „1.11.1933 Eintritt in die SS, Pg. Seit 1.5.1937. Zweijährige Mitarbeit im studentischen Landdienst Kurmark (1935 bis 1937). Wiederholt eigene Arbeit auf grenzmärkischen Bauernhöfe. Selbständige Herausgabe einer Landdienstzeitschrift.“

„Kultur“ wurde den Polen allenfalls vom „Deutschtum“ vermittelt: Oppen beklagt für die Jahre 1871-1914 das Fehlen eines konsequenten „bodenständigen … deutschen Gestaltungswillens“, der die „Verpolung“ Westpreußens gebremst hätte.

Die jüdische Bevölkerung wandert aus den Ostprovinzen in die Großstädte ab, so Oppen in antisemitischer Diktion: „Aus den Ostprovinzen verjudet das Reich! (…) Auch in den Weichselstädten werden es weniger, aber bei weitem nicht in dem Maß, wie in der Landstadt und der Landbevölkerung. (…) Diese Bevorzugung der größeren Stadt lässt auf den Verbleib der abgewanderten Juden schließen; der Parasit folgt seinem Wirtsvolk auf dem Wege in die Großstadt. Der ‚Kurfürstendamm‘ entsteht.“ (Oppen 1942, 28f., 101)[10]

Am 23. Juni 1942 Schieder kommt als offizieller Vertreter der Universität Königsberg noch einmal zur Pleyer-Gedenkfeier nach Innsbruck. Am selben Tag nimmt er der Kandidatin Marianne Strasser gemeinsam mit Steinacker und Walter Schulze-Soelde, einem im „deutschen Sinn“ lehrenden, 1939 aus Greifswald berufenen Philosophen, das Rigorosum ab. Marianne Strasser (Jg. 1918 in Bozen), ausgebildete Volksschullehrerin, in der Hitlerjugend aktiv und als Bildungs- und Propagandareferentin im „Bund deutscher Mädel“) hat bei Schieder und Steinacker eine Dissertation über „das Bild des deutschen Menschen im Werke E.M. Arndts“ vorgelegt. Steinacker urteilte, dass Strasser jenseits der von ihm angezweifelten „Geistesgeschichte [Friedrich] Meineckescher Art“ mit „großer Einfühlsamkeit“ das „Verhältnis unserer Zeit und der deutschen geistigen Gegenwartswelt zu Arndt erstmals und zutreffend darstellt“. Die Arbeit würde eine Drucklegung verdienen. Schieder schloss sich bei punktuellen Einwänden an. Strasser hat Arndts Denken „mit den völkischen Maßstäben unserer Zeit“ einen „neuen Standort innerhalb unserer geschichtlichen Überlieferung“ gegeben.

Marianne Strasser stellte Arndt, der ihr vor allem als ein ideeller Denker des Befreiungskriegs von 1813 galt, in die Linie des gegenwärtigen Weltkriegs: „Ein beispielsloser Aufbruch hat unser Volk aus der Erniedrigung der Nachkriegszeit, einer Demütigung, die nicht ganz unverschuldet war, geführt und weist nun den Weg zur höchsten Bestimmung. Mit derselben gesammelten Kraft, mit der die Bewegung, zu der wir uns ganz bekennen, ihr politisches Leben gestaltet, ringt sie um die Erneuerung des deutschen Menschen, um die Besinnung auf sein eigenes Wesen im stetigen Kampf gegen fremde, vor allem internationale, die völkische Substanz gefährdende Mächte.“

Strasser hebt Arndts an organisch, romantisch irrationale Volksgeistideologien anknüpfende Gegnerschaft zum „Rationalismus der Aufklärung“ hervor, der als ein „das Volksganze“ auflösender „Individualismus“, wie er im „Einfall des französischen Geistes“ und der „Ideen von 1789“ sowie im „westlichen Kosmopolitismus“ sichtbar wurde, destruktiv gewirkt habe. Weimarer Klassik und Deutscher Idealismus hätten da nicht hinreichend dagegenhalten können: „Arndt empfand sehr deutlich, dass die deutschen geistigen Strömungen unmittelbar der drohenden völkischen Gefahr nichts entgegenzusetzen hatten“.

Strasser verteidigte Arndt gegen den Vorwurf, er hat im hohen Alter als Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung 1848/49 die Idee vom „ganzen Deutschland“ verraten, indem er den preußisch kleindeutschen Standpunkt eingenommen und den preußischen König zur Annahme der deutschen Kaiserkrone aufgefordert hat und dabei „den Ausschluss großer deutscher Gebiete befürwortet als ihre Einbeziehung, die zugleich eine Einverleibung starker fremder Volksteile bedeutet hätte“.

Bei Arndt findet Strasser die „blutsmäßige Gebundenheit des deutschen Menschen“ vorgedacht: „Nicht um ihrer selbst willen oder als Forscher befasst er sich mit rassischen Fragen, sondern immer mit Blick auf das Volksganze, um dessen Sicherung es ihm geht.“

Arndts Bedeutung für die Gegenwart sieht Strasser darin, dass er erkannt hat, dass das „nordisch-germanische Erbe sich im deutschen Menschen verdichtet“ hat, dass „die ‚romanischen Mischlinge‘ niemals das ‚Salz der Erde‘ wie der Nordmensch, vorzüglich der Deutsche“ werden können. (Strasser 1942, 19, 48, 92, 204)

In seinem Nachruf auf Kleo Pleyer nimmt Schieder das Arndt-Motiv seinerseits wieder auf. Pleyers „Volkstumskampf“ erinnert Schieder an Arndt: „Dies alle macht Pleyer niemand so nahe verwandt wie Ernst Moritz Arndt, mit dem er auch die grenzdeutsche Herkunft, Arbeitswillen und -leistung aus bäuerlichem Blut, sittlicher Zucht und Härte gegen sich selbst und die tiefe völkische, ins Religiöse gehende Inbrunst gemeinsam hatte.“ Beeindruckt war Schieder sichtlich von Pleyers „Rede über den Grenzlandkampf in Ostmitteleuropa vor dem Erfurter Historikertag“: „Pleyer hatte das Zeug dazu, aus der Geschichte wieder ein Instrument unmittelbarer Volkserziehung zu machen.“ Pleyer spürte nach Schieder „die Schicksale des deutschen Bauern und Arbeiters“ und deren von „marxistischer Überfremdung“ verschütteten „germanisch korporativen Kräfte“ auf: „Er hat auch dem deutschen Bürgertum den geschichtlichen Rang echter ständischer Leistung vor allem in der Siedelbewegung nicht abgesprochen, wenn er auch seine Anklage gegen den bürgerlichen Kapitalismus und Liberalismus und seine bedenkliche Verfilzung mit dem Judentum erhob und sicher ein ganz unbürgerlicher Mann war.“[11]

Vom Sommersemester 1942 bis zum Sommersemester 1944 hat der Münchner Dozent Fritz Wagner (1908-2003) die nun nach Kleo Pleyers Tod vakante Lehrkanzel vertreten. Schieder und Wagner kannten sich von der gemeinsamen Münchner Studienzeit, weshalb Schieder auch den Innsbrucker Kontakt herstellte. Wagner eröffnete mit einer Vorlesung über „Europa im Zeitalter der spanischen Vorherrschaft“. Bei Karl Alexander Müller mit „der Liberale Benjamin Constant“ (1932) promoviert hat Müller auch Wagners Habilitationsschrift über „Kaiser Karl VII. und die großen Mächte 1740-1745“ (1938) in München angenommen. Politisch erwähnte Wagner im Juni 1942 seine Mitgliedschaft bei der Tübinger Burschenschaft „Germania“: „Mein längst gestellter Aufnahmeantrag in die NSDAP ist durch meine Einberufung und die auf Kriegsdauer verhängte Aufnahmesperre unterbrochen worden. (…) Mitarbeit an der vom Reichspropagandaamt München-Oberbayern veranstalteten Ausstellung ‚Raubstaat England‘, wiederholt Mitarbeit am Kriegspropagandaeinsatz der Reichsstudentenführung, Mitarbeit am Kriegseinsatz der Geisteswissenschaften (Ritterbusch) in der anglistischen Reihe.“ Für die „Kriegseinsatzreihe“ hat Wagner 1942 auch ein Büchlein „England und das europäische Gleichgewicht“ verfasst.[12]

Der Vorschlag der Innsbrucker Fakultät für die Pleyer-Nachfolge auf der Lehrkanzel für neuere Geschichte vom Juli 1942 wurde vom Reichserziehungsministerium umgehend mit dem harschen Hinweis, dass alle Kandidaten für Innsbruck unerreichbar sind, zurückgewiesen. Damit waren auch die Bemühungen von Harold Steinacker, den gerade an der im Nahfeld des Heydrichschen „Reichssicherheitshauptamts“ stehenden Berliner auslandswissenschaftlichen Fakultät lehrenden Südosteuropaforscher Fritz Valjavec, auch er ein Schüler von Karl Alexander Müller im Umfeld des so genannten „Südost-Instituts“ in München, nach Innsbruck zu holen, hinfällig: „Was die politische Seite betrifft, so hat Valjavec in der österreichischen Kampfzeit unsere illegale Bewegung durch nicht ungefährlichen Einsatz unterstützt, war auch im Krieg als Sonderführer vom SD in Rumänien eingesetzt.“, wie Steinacker verharmlosend anfügt.[13]

Erst zum Wintersemester 1944/45 wurde noch einmal auf den Innsbrucker Vierervorschlag - unter anderen war auch Taras Borodajkewycz gereiht – zurückgegriffen und der 1942 zweitgereihte Heinrich Srbik-Schüler Hellmuth Rössler (1910-1968) zum Professor für neuere ernannt: „Ein Studienaufenthalt in Wien 1930 ließ Rössler nicht nur zum aktiven Anhänger des Anschlussgedankens werden, sondern weckte sein Verständnis für die Bedeutung Österreichs und seiner Geschichte für das Verhältnis des Deutschtums zum Südosten. So verfasste er das biographische Werk: ‚Der Soldat des Reiches, Prinz Eugen‘ (1934) und erhielt auf Grund dessen vom Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands 1936 einen Forschungsauftrag, (…). Als dessen Ergebnis erschien 1940 das zweibändige Werk ‚Österreichs Kampf um Deutschlands Befreiung. Die deutsche Politik der nationalen Führer Österreichs‘ 1805-1815.“

Vom „Reichsinstitut“ bei Kriegsbeginn zum OKW überstellt hat Rössler „dort eine Tornisterschrift ‚England raubt die Welt‘ und eine Schulungsschrift ‚Schwarze Blätter aus Englands sozialer Geschichte‘“ verfasst. 1941 zum Dr.habil. graduiert: „Rössler wurde 1933 Mitglied der SA, 1940 Mitglied der Partei.“[14]

In Innsbruck angekommen hat Rössler eine Festschrift für Harold Steinacker, der schon früh „gegen die fremdvölkische Vergewaltigung“ in der Habsburgermonarchie aufgerufen hat und zum „großen Rufer gesamtdeutschen Volksdenkens“ geworden ist (Rössler am 22. November 1944), vorbereitet. Am 2. Mai 1945 rief Rössler in einem weiteren Vorwort-Konzept angesichts des vor dem Fall stehenden Berlin zu geistiger Abwehr auf: „Unser Wille aber ist ungebrochen wie einst; drängender noch ist unsere Pflicht, uns auf uns selbst, auf unsere letzten Reserven zu besinnen, unserem Volke aus unserer Geschichte das Bewusstsein unserer in Niederlagen nur noch wachsenden Kraft emporzuhalten als Feldzeichen seiner europäischen Mission: ‚In diesem Zeichen wirst du siegen.‘“

Unter den angekündigten Beiträgern fanden sich etwa Theodor Schieder, Reinhard Wittram und „Heydrichs Professor“ Hans Joachim Beyer, der sich soeben aus Prag nach Innsbruck abgesetzt hatte, sowie der sich auf den Spuren von Martin Heidegger als eine Art „existentialistischer“ Nazifaschist inszenierende Kunsthistoriker Werner Körte.[15]

Die Festschrift zum 70. Geburtstag kam „in den Wirren der deutschen Katastrophe“ 1945 nicht mehr zustande, wie Rössler zehn Jahre später 1955 klagte, sodass „mit ihr so kostbare Arbeiten wie die Werner Körtes, der Steinacker wie wenige verbunden gewesen war“, ungedruckt blieben. In der Steinacker-Festschrift von 1955 scheinen unter den Gratulanten und Beiträgern aber auch die ehemaligen Innsbrucker Kollegen Theodor Schieder, Reinhard Wittram oder Fritz Valjavec wieder auf.[16]

Hellmuth Rössler selbst hat die Innsbrucker Universität im Sommer 1945 verlassen müssen. Er, der später durch geschichtsrevisionistische Äußerungen in der deutsch-polnischen Grenzfrage auffallen sollte, konnte an der Technischen Hochschule Darmstadt Fuß fassen. Im Innsbrucker Frühjahr 1945 tat sich Rössler zu einer Arbeitsgemeinschaft mit Günther Franz zusammen. Innsbruck war in den letzten Kriegstagen zu einem Anlaufpunkt berüchtigter Naziprofessoren geworden, denen in den Tagen der Befreiung Anfang Mai 1945 von der Quästur ganz regulär das Gehalt im Auftrag ihrer jeweiligen Heimatuniversitäten ausgezahlt wurde, so an Franz, der sich aus Straßburg abgesetzt hatte, an den erwähnten Prager Beyer oder an den berüchtigten Berliner Juristen Wolfgang Siebert.[17]

Die nicht gedruckte Festschrift wurde Ende Mai 1945 in Form vorliegender Manuskripte privat an Harold Steinacker übergeben, so auch Theodor Schieders „Geistige Wirkungen Bismarcks“. „Wie stand Otto von Bismarck als geistige Gestalt in seiner Zeit?“ fragt Schieder. Ein gutes Bild von Bismarck sei zu gewinnen, wenn man vergleichend in Heinrich Treitschkes „Cavour“ über den „realistischen Einiger Italiens“ hineinliest.

Schieder fabuliert in irrationalen Kategorien der bürgerlichen Geschichtswissenschaft über den aus lutherisch pietistischer Prägung herkommenden „shakespearischen Charakter“ von Bismarck, im Zusammenbruch des fortschrittlichen Hegelschen Idealismus nach der Revolution von 1848 und der zur Mode gewordenen reaktionären Kulturkritik eines Schopenhauer zur Macht gekommen.

Die „Reichsgründung“ von 1871 sieht Schieder bedauernd von der Auseinandersetzung mit Richard Wagner und dessen ästhetisch vernebelter Forderung nach einem neuen Reich aus dem Geist einer neuen Kunst, Musik überlagert, sowie von der Kritik von Seite Friedrich Nietzsches, dem das neue Deutschland in „Bildungsphilisterei“ versinkend als zu massendemokratisch, zu sozialpolitisch galt, während Nietzsche selbst - „auf die Geburt des Genius, des Starken der Zukunft, des Übermenschen“ setzte: „Kann der Sieg Preußens das neue Hellas heraufführen, das Volk, das die großen Schlachten schlägt und dann die Tragödie als ‚notwendigen Genesungstrank‘ braucht; das Volk, bei dem männliche Kampfeslust und künstlerischer Enthusiasmus, Staat und ästhetische Kultur Ausfluss eines großen einheitlichen Lebensstroms sind, (…)?“

Schieder stellt fest, dass der abtretende Bismarck und der noch klare Nietzsche, „der Staatsmann und der Philosoph“ durch eine Welt getrennt waren, dass dies im Königsberger Sommer 1944 angesichts der heranrückenden Sowjetarmee aber nicht mehr gilt, vielmehr eine intellektuelle Synthese notwendig ist: „Bismarck und Nietzsche sind für uns auch sonst näher gerückt als sie sich selbst waren. Wo beide noch auf getrennten Feldern kämpften, ist heute eine einzige, zusammenhängende Schlacht entbrannt. Für uns, gegen die eine Macht der Verneinung mit Panzern und Motoren heranbrandet, ist der Zwiespalt zwischen dem Krieg der Geister und dem Krieg auf den Schlachtfeldern, in den Staatskanzleien in einen zusammengewachsen.“ Schieder sieht den „Zwiespalt von Staat Geist“ im Sinn „unserer völkischen Kultur“ aufgehoben. Schieder nützt Nietzsches „Kriegserklärung“ für eine der letzten Königsberger Durchhalteparolen als „eine Warnung und einen Anruf an die geistige Bewährung der Deutschen“.[18]

Unter den westorientierten Bedingungen der Bundesrepublik greift Schieder 1962 in seiner Antrittsrede zum Kölner Rektorat das Bismarck-Nietzsche Problem adaptiert wieder auf.[19]

 

[1] Universitätsarchiv Innsbruck (UAI), Personalakt Dengel. Vgl. Sergio Pagano: Der Nachlass Ignaz Philipp Dengels im Archivio Segreto Vaticano, in: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 116 (2008), 121-129.

[2] Vgl. durchgehend Gerhard Oberkofler: Ludwig Spiegel und Kleo Pleyer. Deutsche Misere in der Biografie zweier sudetendeutscher Gelehrter, Innsbruck 2012, 198-213. UAI, Personalakt Kleo Pleyer. Hier liegen auch die Akten zu Reinhard Wittram, Theodor Schieder, Fritz Wagner und Hellmuth Rössler ein. Die zitierten Dissertationsgutachten nach UAI, Reihe „Phil. Dissertationsakten 1873-1965“ (alphabetisch).

[3] Vgl. Kleo Pleyer: Volk im Feld (Schriften des Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands), Hamburg 1943, 98, 143, 159, 202f.

[4] Vgl. Friedl Volgger: Mit Südtirol am Scheideweg. Erinnerungen des KZ-Häftlings, Journalisten und Politikers, Bozen 2014, 13f.

[5] Vgl. Martina Pesditschek: Franz Miltner (1901-1959), in: Lebensbilder. Klassische Archäologen und der Nationalsozialismus I, hrg. von Gunnar Brands und Martin Maischberger, Halle 2013, 178-191 und Gerhard Oberkofler: Franz Huter. Soldat und Historiker Tirols, Innsbruck 1999.

[6] Vgl. zum „Drang nach Osten“ in den imperialistischen Ideologien deutscher Historiker Hans Schleier: Die bürgerliche deutsche Geschichtsschreibung der Weimarer Republik, Berlin 1975, 74-77, 104.

[7] UAI, Personalakt Wilhelm Neumann. Vgl. zusätzlich zur Dissertation Wilhelm Neumann: Bismarck und der Anschluss, in: Vergangenheit und Gegenwart. Monatsschrift für Geschichtsunterricht und politische Erziehung 28/7, 8, 385-397.

[8] Über Wittram, nach 1945 Professor in Göttingen Hans-Erich Volkmann: Von Johannes Haller zu Reinhard Wittram. Deutschbaltische Historiker und der Nationalsozialismus, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 45 (1997), 21-46 und Nicolas Berg: Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung, Göttingen 2003, 233-241.

[9] Nach Innsbrucker Nachrichten, 18. Februar 1942. Vgl. an Forschungen von Angelika Ebbinghaus, Susanne Heim und Karl Heinz Roth anknüpfend Götz Aly: Macht – Geist – Wahn. Kontinuitäten deutschen Denkens, Berlin 1997, 153-183, sowie Götz Aly: Theodor Schieder und Werner Conze oder die Vorstufen der physischen Vernichtung, in: Deutsche Historiker im Nationalsozialismus, hrg. von Winfried Schulze und Otto Gerhard Oexle, Frankfurt 1999, 163-182 und Christoph Nonn: Theodor Schieder. Ein bürgerlicher Historiker im 20. Jahrhundert, Düsseldorf 2013, 82-115.

[10] Über Oppen, der sich in den 1950er Jahren als Assistent von Helmut Schelsky für empirische Soziologie habilitiert und später als liberal geltender Sozialethiker an der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Marburg – so wie Schieder, Conze, Aubin oder unter vielen anderen mehr Wittram – zu hohem bundesdeutsch akademischem Ansehen kam, vgl. Klaus Ahlheim: Geschöntes Leben. Eine deutsche Wissenschaftskarriere, Hannover 2000.

[11] Vgl. Theodor Schieder: Kleo Pleyer zum Gedächtnis, in: Jomsburg 6 (1942), 133-137 und Harold Steinacker: Gedenkrede auf Kleo Pleyer (19. November 1898 – 26. März 1942), in derselbe: Volk und Geschichte. Ausgewählte Reden und Aufsätze, Brünn-München-Wien 1943, 541-555. Über Steinacker Anna Schader: Harold Steinacker (1875-1965). Sein Weg in den Nationalsozialismus, phil.Diss., Klagenfurt 1997 und Renate Spreitzer: Harold Steinacker (1875-1965). Ein Leben für „Volk und Geschichte“, in: Österreichische Historiker. Lebensläufe und Karrieren 1900-1945, Band 1, hrg. von Karel Hruza, Wien 2008, 191-224.

[12] Vgl. Frank-Rutger Hausmann: „Deutsche Geisteswissenschaft“ im Zweiten Weltkrieg. Die „Aktion Ritterbusch“ (1940-1945), Dresden 1998, 25, 146, 148.

[13] Vollständig wiedergegeben in Peter Goller: „… natürlich immer auf wissenschaftlicher Ebene!“ Mystifikationen. Die geisteswissenschaftlichen Fächer an der Universität Innsbruck im Übergang von Nazifaschismus zu demokratischer Republik nach 1945, Innsbruck 1999, 106-114.

[14] Vgl. Helmut Heiber: Walter Frank und sein Reichsinstitut für das neue Deutschland, Stuttgart 1966, 535-537, 1119.

[15] Vgl. Karl Heinz Roth: Heydrichs Professor. Historiographie des „Volkstums“ und der Massenvernichtung: Der Fall Hans Joachim Beyer, in: Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918-1945, hrg. von Peter Schöttler, Frankfurt 1997, 262-342 und Werner W. Ernst: Werner Körte und der Nationalsozialismus, Innsbruck 2019.

[16] Vgl. Festgabe dargebracht Harold Steinacker zur Vollendung des 80. Lebensjahres am 26. Mai 1955, hrg. von Hellmuth Rössler, München 1955, Vorwort, Glückwunschtafel.

[17] Auszahlungsbuch 1945 samt Schriftverkehr, einliegend in UAI, Akten des Rektorats Karton 186 aus 1946/47. Vgl. Wolfgang Behringer: Bauern-Franz und Rassen-Günther. Die politische Geschichte des Agrarhistorikers Günther Franz (1902-1992), in: Deutsche Historiker im Nationalsozialismus, hrg. von Winfried Schultze und Otto Gerhard Oexle, Frankfurt 1999, 114-141.

[18] Theodor Schieder: Geistige Wirkungen Bismarcks, maschinschriftliches Typoskript, 22 Seiten [hier 1f., 15, 20f.], einliegend UAI, Nachlass Harold Steinacker, Karton 1. Handschriftlich merkt Schieder an: „Diese Untersuchung wurde zuerst auf der 400-Jahrfeier der Universität Königsberg [im Juli 1944] als Festvortrag vorgetragen. Sie möge jetzt auch als Dank und Gruß der Königsberger Philosophischen Fakultät in der schwersten Stunde ihres Wirkungsortes an ihren Ehrendoktor Harold Steinacker gelten.“ – Die Rössler Vorwort-Konzepte liegen ebenfalls hier ein.

[19] Vgl. Theodor Schieder: Bismarck und Nietzsche, in: Historische Zeitschrift 196 (1963), 320-342.

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