Peter Goller

Gertrud Fussenegger. Innsbrucker Promotion über den „Rosenroman“ (1934)

Im Wintersemester 1930/31 beginnt Gertrud Anna Fussenegger mit dem Studium der Germanistik, Geschichte, Kunstgeschichte und Philosophie an der Universität Innsbruck.[1]

Schon im 2. Semester hielt Fussenegger am 20. Mai 1931 im Innsbrucker studentischen Historikerklub selbstbewusst einen Vortrag über die „Kunst der Renaissance in Italien“, Ergebnis einer Italienfahrt in den Semesterferien. Der Vortrag fand kein gutes Echo, hier die überambitionierte, aber intellektuell offene Fussenegger, dort meist eher indolente Mitstudierende, die sich über Einschätzungen jenseits eines bloßen „Faktenpositivismus“ lustig machten. Süffisant wurde im Klubprotokoll auf die angebliche Unerfahrenheit der Studienanfängerin Fussenegger verwiesen: „Ihr Vortrag ist besonders durch die persönliche Note interessant, da ihre Urteile zumeist noch frei sind von der Beeinflussung durch wissenschaftliche Kunstbetrachtung.“

Fussenegger schildert das Fiasko 1979 aus ihrer Sicht: „Ich verfasste einen langen dithyrambischen Erguss über die Herrlichkeiten in Uffizien und Vatikan. Ich suchte dazu die passenden Dias aus dem Archiv heraus. Noch ahnte ich nicht, dass man mich nur in eine Falle locken wollte. Und richtig, ich tappte hinein. Noch begriff ich nicht, dass man in Tirol jede persönliche Äußerung als unpassend, ja, unanständig, als seelische Selbstentblößung empfand. Hätte ich bei meinem Vortrag nur Namen und Jahreszahlen heruntergeschnurrt, mir wäre es besser bekommen. Aber meine kühnen romantischen Deutungsversuche kamen übel an.“ (Fussenegger 1979, 207)

1930 mit ihrer Familie, der Vater ein pensionierter k.k. Offizier, nach Hall in Tirol zugezogen beschreibt sie die seit den Kulturkampftagen des 19. Jahrhundert im Gegensatz zum bürgerlich liberalen Innsbruck tief katholisch klerikale „alte Stadt“ der konservativen Bürgermeister Theodor Kathrein und Paul Kathrein: „Hall war eine Stadt der Orden, Männer- wie Frauenorden, hier hatten die Jesuiten ihre erste Niederlassung auf deutschem Boden gehabt. Da war ein Franziskanerkloster, das Mutterhaus der Kreuzschwestern, das Kloster der Schwestern zur Ewigen Anbetung der Salesianerinnen zu Thurnfeld. Da war das Missionshaus St. Joseph [in Absam] und das Zufluchtskloster, daneben etliche gleichfalls mit Mauern versehene Adelssitze: Breitenegg und eine weitere Schneeburg in Mils und der Krippsche Ansitz in Absam. Uns gegenüber hatten die Grafen Forni eine im 19. Jahrhundert romantisch erbaute Villa, vis à vis eine ebenfalls betürmte Villa die Herren von Isser. In der Post wohnte Baron Kathrein, Sohn eines ehemaligen Landesshauptmanns und gleich unterhalb des Dekanats die Familie Baron Verdroß.“ (Fussenegger 1979, 245)

Nie sei es der in der Fuxmagengasse wohnenden Familie Fussenegger gelungen, „in diese hermetisch geschlossene Gesellschaft“ hineinzuwachsen. Nikolaus Grass (1913-1999), auch er ein Haller, Studienkollege und Gegner von Fussenegger im Historikerklub, zählte gemessen an der traditionellen Enge seiner katholischen Haller Bürgerfamilie, wie diese zu den wach umsichtigen Intellektuellen.

In ihrem „Lebensbericht“ erinnert Gertrud Fussenegger verschlüsselt an die Professoren aus dem Fach Deutsche Sprache und Literatur. Als 1979 Fusseneggers „Spiegelbild mit Feuersäule“ erscheint, leiht sich Grass, mittlerweile kurz vor der Emeritierung stehender Professor der Rechtsgeschichte, das Exemplar der Universitätsbibliothek aus, um es zu glossieren. Während Fussenegger viele Lehrer nur verschlüsselt erwähnt, werden sie von Grass am Rand mit Klarnamen genannt, so die Professoren der deutschen Literatur und Sprache Heinrich Schatz und Moriz Enzinger, die beide Fussenegger als öde galten, sodass sie das Germanistikstudium nach dem Anfangssemester wieder aufgab. Über den „Alttiroler Recken“ Schatz notiert sie: „Baren Schrecken jagte mir der Linguist ein, ein Mann, der für einen großen Gelehrten galt, aber er stellte an den Anfang seines Kurses den Satz, dass sich die gesamte Linguistik noch für Jahrzehnte darauf einrichten müsste zu sammeln und nur zu sammeln, ehe es ihr erlaubt sein würde, auch nur die bescheidensten Schlüsse zu ziehen. Und so verfuhr er denn auch Stunde für Stunde mit Litaneien von einzelnen Wörtern aus dem Indogermanischen, Altgriechischen, Lateinischen, Angelsächsischen, Altfranzösischen, Schwedischen – ich kam nicht mit, zu schreiben, zu schreiben, was sich da fortspann an Lautverdunklung, Lauterhellung, Eintrübung, Verschiebung, das fasste ich nicht, (…).“

Der Literaturhistoriker Moriz Enzinger löste die Literatur in eine schlichte, Fakten überhäufte Realienkunde auf: „Mit unerschütterlicher Miene und mittels eines dicken Manuskripts machte er sich nun über Goethes Meisterwerk her. (…) Da war nicht Goethe mehr, sondern nur noch ein Kompendium von uralten verstaubten vergilbten Scharteken, aus denen sich Goethe seinen Faust zusammengelesen, aus denen er sich sowohl Margarete als den Pudel, sowohl Helena als auch homunculus zusammengeklittert und collagiert hatte, (…).“ (Fussenegger 1979, 194f.)[2]

Fortan konzentrierte sich Fussenegger auf das Geschichtestudium vor allem bei dem von ihr verehrten Harold Steinacker und beim Althistoriker Carl Friedrich Lehmann-Haupt, dem sie auch im schillernden gesellschaftlichen Umgang verpflichtet war. Der dem Kulturideal des Wilhelminischen Deutschland und dem „Deutschen Weltkrieg“ anhängende Lehmann-Haupt, der bedeutende 1931 emeritierte Erforscher der armenischen Urgeschichte, soll nach Fussenegger von seinem „Großdeutschtum“ aus zum (vorübergehenden) Hitler-Verehrer geworden sein: „Doch das merkwürdigste: Carl Lehmann-Haupt, der Jude aus Hamburg, war der erste, den ich eine begeisterte Rede auf Adolf Hitler halten hörte; am 31. Januar 1933 sprach er im blauen Saal des Hotels Maria-Theresia in Innsbruck: Endlich habe Gott den richtigen Mann geschickt, er werde Deutschland zu neuer Größe führen.“ (Fussenegger 1979, 211)

Nach Lehmann-Haupts Tod 1938 (Suizid?) stellte NS-Rektor Steinacker im Oktober 1939 gegenüber dem Gaurechtsamt gespenstische „rassische“ Überlegungen an: „Nach unserem Wissen war die Frau rein arisch und auch er wohl nicht Volljude, woraus sich die Folgerungen für die Kinder ergeben.“[3]

Im dritten Semester, im Winter 1931/32 ging Fussenegger an die Universität München. Einen Moment hatte sie gezögert, statt zum völkischen Kunsthistoriker Wilhelm Pinder zum bildungshumanistischen Heinrich Wölfflin nach Zürich zu gehen. Hinzu kam, dass die Schweiz von den Folgen der kapitalistischen Weltwirtschaftskrise mit ihrem Massenelend, der Massenarbeitslosigkeit relativ gesehen unberührter blieb. Aber die Wahl fiel auf München, wo neben Pinder auch der ebenfalls militant deutschnationale Historiker Karl Alexander Müller lehrte: „Viermal die Woche Metaphysik bei Geyser, viermal Logik und Erkenntnistheorie bei Hönigswald, viermal Bayerische Geschichte bei Karl Alexander Müller. Glanzpunkt im Vorlesungsreigen: Pinders Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts.“

Der aus Nazideutschland vertriebene Richard Hönigswald, der neukantianische Denker, wirkte widersprüchlich auf Fussenegger: „Mühsam war mir Hönigswald mit seiner Logik und Erkenntnistheorie, in der er aus dem einfachen Satz A=A das Gesamte der Welt zu entwickeln trachtete.“ Trotzdem habe sie keine Vorlesung versäumt! Der in neuscholastischem Sinn wirkende Josef Geyser war – so wie Alois Dempf – wichtig für Fusseneggers Studium der mittelalterlichen Philosophie, von Thomas von Aquin. (Fussenegger 1979, 214f.)[4]

Am 20. Jänner 1934 wurde Gertrud Fussenegger, die wenige Tage zuvor von einem Aufenthalt an der Staatsbibliothek in München zum Abschluss ihrer Dissertation zurückgekehrt war, vom Bundespolizeikommissariat Innsbruck „wegen Singens des Horst-Wessel-Liedes bei der Demonstration auf der Universität Innsbruck [Hauptgebäude Innrain 52] am 19.I.1934 zu einer Geldstrafe von 150 Schilling verurteilt.“ Die akademischen Disziplinarbehörden stellten dann weiter fest, dass sie die Hand zum „behördlich verbotenen Hitler-Gruß“ erhoben hat. Eine Ermahnung und ein „bedingter Verweisungsbeschluss“ folgten.[5]

Die sich denunziert fühlende Gertrud Anna Fussenegger erklärte am 10. Mai 1934 den Austritt aus dem von katholischen Studierenden dominierten Historiker-Klub: „Ich melde hiermit meinen Austritt aus dem Historiker-Klub an, da mir hier weder die wissenschaftliche noch die akademische Kollegialität gewährleistet erscheint.“ Nikolaus Grass führte zu diesem Zeitpunkt die Klubbibliothek.[6]

Das Disziplinarerkenntnis verzögerte die Fertigstellung der Dissertation nicht. Bei dem verdeckt schon nazistisch gesinnten Steinacker stieß die Nazi-Studentin Fussenegger klammheimlich auf Sympathie. Steinacker war wie seine Doktorandin innerhalb des bürgerlichen Historikermilieus ein weitsichtiger, an kulturellen und philosophischen Fragen interessierter Fachvertreter, der über das dominierende urkundenkritisch hilfswissenschaftlich geprägte Paradigma des Wiener Instituts für Österreichische Geschichtsforschung hinausdachte. Aber auch bei Steinacker ging bürgerliche Gelehrsamkeit Hand in Hand mit fanatischem Einsatz für den NS-Faschismus, mit „Blut- und Bodenideologie“, mit „Sieg Heil! Sieg Heil“-Gegröle, mit barbarisch kultischer Hitler-Verehrung.

Harold Steinacker förderte Gertrud Fussenegger, erkannte ihr Talent: „Suchen Sie mir, sagte [Steinacker], den ersten Ansatzpunkt einer weltlichen Soziologie im Mittelalter. Sie wissen, die Scholastik hat etwas wie eine Gesellschaftslehre entwickelt, sie ist christlich-aristotelisch. Aber irgendwie, irgendwo müsste sich auch im weltlichen Bereich ein erster Versuch finden lassen. Den sollen Sie orten. (…)

Steinacker gab mir einige Tips: Pataria, Albigenser, Waldenser. Aber ich erkannte schnell: Hier hatten einige Außenseiter des Christentums Ernst machen wollen mit den Lehren des Evangeliums. Hier war nichts Weltliches, hier war nur fromme Inbrunst, fromme Glut. Und wenn man auch Stände einebnen, Eigentum verteilen, Adel und Staat abschaffen wollte, so geschah dies im Namen der Bergpredigt. Nichts für mich.“ So blieb auch ein Joachim di Fiori außen vor. (Fussenegger 1979, 238)

Beim Studium von Ernst Troeltschs „Die Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen“ (2. Auflage, Tübingen 1922, 411) fand Fussenegger die Spur zu Jean de Meun[g] genannt Clopinel (ca. 1240-1305, wohl in Paris gestorben) und dessen Rosenroman. Sie fühlte sich dem „ungeliebten Rebellen“, dem in der Zeit der Kathedralen, der Ritter und Mönche lebenden „Aufklärer, Tabubrecher, wilden Rüpel und Lüstling“, dem „Vorläufer von Rousseaus Contract social“ in Sympathie und gleichzeitig in scharfer Ablehnung verbunden, weshalb sie das Ordnungsdenken, die Gesellschaftslehre von Thomas von Aquin gegenüberstellte, um sich gegen Clopinels Wüten, das ihr trotz „seiner über die Jahrhunderte hinwegweisenden Modernität“ als ein „belferndes“ erschien, zu positionieren: „Bei Troeltsch war mir der Name Jean de Meung untergekommen, ein französischer Kleriker aus dem späten 13. Jahrhundert, er hätte, so hieß es ein riesiges Reimwerk hinterlassen, ein Monstrum von zwanzigtausend Versen, Roman de la Rose.“ Alles durchzogen von „rebellischem Gedankengut“: „Es werde über das Naturrecht räsonniert und König und Adel und Geistlichkeit tüchtig beschimpft.“

Gegen Steinackers Einwand, dass das Thema unnötige Mühe verursacht – „zwanzigtausend Verse altfranzösisch, das lohnt sich nicht“ – hielt Fussenegger am Thema fest. Am 7. Juni 1934 beurteilte Steinacker unter Zustimmung von Hermann Wopfner die Doktorarbeit „Gemeinschaft und Gemeinschaftsbildung im Rosenroman von Jean Clopinel von Meun“ (245 Seiten, mit handschriftlicher Transkription und Lebenslauf, im Folgenden: Fussenegger 1934) mit ausgezeichnet, weit über dem Durchschnitt liegend: „Die umfangreiche Arbeit handelt vom Roman de la Rose und stellt die im zweiten von Jean de Meung gen. Clopinel verfassten Teil des Romans gegebene Zeitkritik und Gesellschaftslehre dar. (…)

Der 1. Abschnitt gibt eine Übersicht über die mehr aufs Ästhetisch-Künstlerisch gerichtete große romanistische Literatur über den Rosenroman; ebenso über die Versuche der Historiker, das Werk geistesgeschichtlich zu begreifen. Jeder dieser Versuche beschränkt sich auf eine der vielen Seiten dieses, das Ganze der Welt und des Lebens spiegelnden Werkes: Huizinga auf das Verhältnis zu der sinkenden ritterlichen Kultur, Bezold auf die Staatslehre (Idee der Volkssouveränität) und Nachwirkung antiker Vorstellungen, also auf die Vorläuferschaft zu Renaissance und Humanismus.

Dempf endlich auf die Reaktion gegen Scholastik und den Durchbruch der philosophischen Renaissance. Am meisten schließt sich die Verfasserin noch diesem jungen katholischen Sozialphilosophen an. Aber sie erweitert seine Gedankengänge.“

Nach der geistesgeschichtlichen Lage in Frankreich im 13. Jahrhundert „zeichnet sie das sozusagen unsystematische System Clopinels nach allen seinen Richtungen und erweist ihn als Vorläufer des französischen Aufklärungsdenkens“: „Denn unbeschadet der Anknüpfung an das antike, sokratische Ideal des innerlich freien ‚homo bonus‘ brechen bei Clopinel, dessen Leitgedanken ‚raison‘ und ‚nature‘ heißen, der krasse Individualismus der Aufklärung, der Gedanke an die égalité aller Menschen durch, - in Anwendung auf Staat, Stände, Familie, Ehe, Liebe und Freundschaft, die Clopinel alle als Gemeinschaftswert verneint“ und ein „ganz neues, rationales und mageres Persönlichkeits- und Gemeinschaftsideal“ präsentiert: „Richtig ist jedenfalls auf die Zusammenhänge dieses echt französischen Laicismus mit den Ideen von 1789 und allen Sozialutopien, die bis zum Kommunismus des 19. und 20. Jahrhundert reichen, hingewiesen.“

Ende Juni 1934 legte Fussenegger das zweistündige Hauptrigorosum aus Geschichte und Kunstgeschichte bei Steinacker, Wopfner und Heinrich Hammer ab. Anfang Juli folgte das einstündige Rigorosum aus Philosophie, das für alle verpflichtende Philosophicum, bei den Professoren Theodor Erismann und Richard Strohal. Am 7. Juli 1934 wurde sie zur Dr.phil. promoviert.[7]

Ernst Troeltsch hat den „radikalen“, wenngleich „berüchtigten Roman de la Rose“ 1911 den am Beginn des 14. Jahrhundert verbreiteten „egalitär-demokratischen Idealen“ zugeordnet, die als „solche des Urstandes verkündigt“ wurden: „Dass ihm die besonderen christlichen Beziehungen hierbei fehlen macht nicht viel aus, denn das Urstandsgesetz ist eben zugleich das christliche Gottesgesetz.“ Im Rosenroman ist die Geschichte vom Anfang und Ende her aufgehoben.

Troeltsch führt Fussenegger per Zitat weiter auf eine Arbeit von Friedrich Bezold über die Geschichte der Theorien von der Volkssouveränität, 1876 in der „Historischen Zeitschrift“ erschienen, wo Bezold, der Bonner Historiker des Hussitentums, der Reformation, ausführt: „Der berüchtigte Roman de la Rose, ein Gemisch von trockener Allegorie, poetischer Schilderung, ernster und frivoler Philosophie, behandelt, wie fast alle Fragen des menschlichen Daseins, so auch die Entstehung des Staats. Der Dichter, welchem man kirchliche Befangenheit sicher nicht vorwerfen kann, betrachtet doch, wie die strengen Kirchenmänner den Staat als eine Entartung des natürlichen Zustands, welche aus dem Eindringen der Sünde, der egoistischen Gier nach Besitz entsprungen sei.“

Nach Bezold fehlen im Rosenroman – orientiert an antiken Idealen – „christliche Anklänge“. Auch wenn der Autor des Rosenromans nicht weit abseits vom kirchlich theologischen Diskurs steht, ist seine von allen verklausulierenden Distinktionen freie Sprache neu. Dichterisch „wird das Bild einer glückseligen Urzeit ausgeschmückt, eines Lebens in Natur, in völliger Freiheit und Gleichheit, ohne Eigenthum, daher ohne Streit und Furcht.“ In diese „Welt des Friedens und der Liebe“ bringt „die Entdeckung des Goldes“ alle Übel, „vor allem die Scheidung von Mein und Dein“: „Alle schlechten Leidenschaften werden entfesselt.“ Adel, Königtum, Beamten- und Richterstand, das (Bettel-) Mönchtum werden im „Rosenroman“ mit „wahrhaft radikaler Bitterkeit angegriffen“, Frauenfeindlichkeit kommt hinzu. Schon im verdeckten Kirchendiskurs der Hochscholastik ist nach Bezold das „Naturrecht der angeborenen Freiheit des Menschen“ und damit „die Werthlosigkeit der hohen Geburt“ ausgesprochen worden. Diesbezüglich kann der Rosenroman als konformistisch gelten, aber der Dichter des Rosenromans hat dies populär gemacht: Jean warf eine „dem Leben und dem Laienthum entfremdete Wissenschaft auf dem Markt, indem er sie in die Sprache des Volks und zugleich in die Sprache der Leidenschaft und der bewussten Verneinung übertrug. So wurde in Frankreich zeitig genug die Lehre vom Urvertrag und von der Volkssouveränetät ein Gemeingut der gebildeten Laien.“[8]

Die „Stilisierung der Liebe“ im „Rosenroman“ – zwischen „höfisch und edel“ sowie „Unsittlichkeit“ und „sexuellem Motiv“ umgeben von „viel Sakralität“ hat Fussenegger nach dem klassischen kulturhistorischen Werk von Johan Huizinga „Herbst des Mittelalters“ (erstmals 1924 in deutscher Sprache) beschrieben.[9]

Nach eigener Einschätzung folgt Fussenegger in der Darstellung der spätmittelalterlichen Geistesgeschichte dem Bonner Philosophen Alois Dempf, der dann nach der Ermordung von Moriz Schlick kurz 1937/38 als katholischer „Ständestaatsphilosoph“ auch in Wien lehren sollte. Dempfs 1929 veröffentlichtes „Sacrum Imperium“ diente Fussenegger als Leitfaden, so wenn Dempf schreibt: Der erste Teil des von Guillaume de Lorris geschriebenen Rosenromans „ist noch ganz im Idealismus eines Liebesspiels gehalten, der Fortsetzer aber, Jean Clopinel von Meung, verwendet die symbolische Sprache für die schamlosesten Zweideutigkeiten einer zynischen Liebesauffassung im Stil der derbsten Fabliaux und führt statt der Tugendallegorien Scheinheiligkeit und Heuchelei im Bettelordensgewand als Hauptakteure seiner Erzählung ein.“ Dempf sieht im Rosenroman „das erste Werk der Renaissance“, da er „die Wissenschaft in der Volkssprache“ popularisiert hat.

Nach Fussenegger hat Dempf die Folgen des Rosenromans und ähnlicher Traktate richtig dargestellt, wenn er notiert, dass sich im Pariser Plebs die Meinung verbreitete, „dass die Theologie auf Fabeln begründet sei, dass es nur in dieser Welt Glück gebe, dass der Tod das Ende von allem sei, dass die religiösen Übungen zum Possenspiel degradiert werden dürften und die Gebote der Sittlichkeit hinfällig werden“.[10]

Fussenegger resümiert die Gesellschaftsdeutung von Jean de Meun(g): „Das Naturrecht im Rosenroman aber ist das Recht einer Gesellschaft, die alle Merkmale einer friedlichen Anarchie trägt.“ Jeans Gedanke von „allgemeiner Menschenliebe“ nimmt nach Fussenegger Elemente des utopischen Sozialismus bei Thomas Morus vorweg und führt hin bis „zum theoretischen Kommunismus des 19. und 20. Jahrhundert“. Der Glaube „an die Ideale der Égalité, der Humanität und der autonomen Persönlichkeit“ ist nach Fussenegger unübersehbar. Fand der Rosenroman in England und Italien „größte Sympathien“, so „blieb ihm Deutschland verschlossen“, mag sein, dass die „rationalistischen Allerweltsgedanken“ nur der „aufkeimenden [westeuropäischen] Zivilisations-Ideologie“ entsprachen, so Fussenegger 1934 kryptisch: In Deutschland „gelten Nationalismus und Universalismus“ als Gegensätze. „Der Franzose sieht sein Volk als Civilisation, die er als gut empfindet, empfindet er zugleich als deshalb allgemein gültig.“[11]

 

[1] Universitätsarchiv Innsbruck (=UAI), Philosophische Nationalien für 1930-1934. Über Gertrud Fussenegger (1912-2009) in: Lexikon der „ausgezeichneten“ Schriftstellerinnen des Dritten Reichs. 65 biografische Skizzen, hrg. von Rolf Düsterberg, Boston 2025, 29-32. 1979 hat Gertrud Fussenegger ihre Erinnerungen „Ein Spiegelbild mit Feuersäule. Lebensbericht, Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart“ veröffentlicht, im Folgenden: Fussenegger 1979. Modifiziert und erweitert folgte 2007 „So gut ich es konnte. Erinnerungen 1912-1948“, auch hier ihr NS-Engagement vernebelnd, aus der konkreten Geschichte flüchtend und in eine abstrakte Pseudometaphysik ausweichend. Vgl. auch Gertrud Fussenegger: Über Franz Tumler. Aus einer Lesung in Laas am 21. Mai 2005, in: Franz Tumler. Beobachter – Parteigänger –  Erzähler, hrg. von Johann Holzner und Barbara Hoiß, Innsbruck 2010, 27-30.

[2] Vgl. über Schatz und Enzinger Peter Wiesinger: Josef Schatz (1871-1950). Sprachwissenschaftler, Dialektologe und Philologe an den Universitäten Innsbruck und Lemberg, in: Tiroler Heimat. Jahrbuch 76 (2012), 367-398, Sigurd Paul Scheichl: 150 Jahre Germanistik in Innsbruck, Innsbruck 2009 sowie Christoph König: Internationales Germanistenlexikon 1800-1950, 3 Bände, Berlin 2003, 440-442 und 1577f.

[3] UAI, Karton „NS-Reservatakten“. Vgl. Angelika Kellner: Carl Friedrich Lehmann-Haupt. Das Leben eines fast vergessenen Althistorikers und Altorientalisten, in: Klio 97/1 (2015), 245-292. Nach Kellner nahm Lehmann-Haupt die Hitler-Anbetung unter dem Druck seiner Kinder zurück!

[4] Vgl. George Leaman: Heidegger im Kontext. Gesamtüberblick zum NS-Engagement der Universitätsphilosophen, Hamburg 1993, 37, 42.

[5] UAI, Karton „Disziplinarakten gegen NS-Studierende“. Widergegeben bei Alexander Freiberger: Die Universität Innsbruck im Austrofaschismus 1933-1938 am Beispiel der Disziplinarverfahren gegen NS-Studierende, phil. Diplomarbeit, Innsbruck 2014.

[6] UAI, Karton „Akademischer Historikerklub“. Vgl. Ulrike Gärtner: Der akademische Historiker-Klub nach 1918, phil. Diplomarbeit, Innsbruck 2010.

[7] UAI, Reihe „Philosophische Dissertationsgutachten 1873-1965“ (alphabetisch).

[8] Vgl. Friedrich von Bezold: Die Lehre von der Volkssouveränetät während des Mittelalters, in: Historische Zeitschrift 36 (1876), 313-367, hier 340-342.

[9] Vgl. Johan Huizinga: Herbst des Mittelalters. Studie über die Lebens- und Gedankenformen des 14. und 15. Jahrhundert in Frankreich und den Niederlanden, Leiden-Boston-Paderborn 2018, 157-165.

[10] Fussenegger 1934, 61 und 138, nach Alois Dempf: Sacrum Imperium. Geschichts- und Staatsphilosophie des Mittelalters und der politischen Renaissance, München-Berlin 1929, 336f. und 347.

[11] Ebenda, 73, 224, 228, 239-241. Die sozialistischen Ideen hat Fussenegger nach der „Geschichte des Sozialismus und Kommunismus von Plato bis zur Gegenwart“ (erstmals 1899) von Georg Adler, einem Anhänger von Karl Rodbertus‘ Staatssozialismus und Gegner von Karl Marx, studiert.

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