Eine historische Schwarz-Weiß-Illustration zeigt eine turbulente Szene in einem prächtigen Parlamentssaal, in dem Männer in formeller Kleidung mit Trompeten, Glocken und Topfdeckeln lautstark Lärm machen.

Abbildung 1: Österreichischer Reichsrat 1900. Versuch der Jung-Tschechen durch Lärm die Debatte zu unterbinden. 

Blog: „So ein Blödsinn!“ – Eine Ana­lyse von Zwi­schen­ru­fen im öster­rei­chi­schen Nati­o­nal­rat

Spätestens beim Verfolgen des Livestreams einer Nationalratssitzung wird klar, dass das österreichische Parlament kein Ort ruhig geführter Debatten ist, denn Abgeordnete am Rednerpult werden häufig von anderen Abgeordneten in den Sitzreihen unterbrochen. Diese sogenannten Zwischenrufe sind kurze Einwände gegen den gerade stattfindenden Redebeitrag, die in den Protokollen des österreichischen Parlaments sehr genau dokumentiert werden. Aus politikwissenschaftlicher Sicht lohnt sich eine nähere Befassung mit solchen Zwischenrufen. Sie werfen Fragen auf: Wer macht Zwischenrufe, bei wem und zu welchen Themen?

Student Paper Series #3/2026

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Ella Pariasek und Jörg Schmieder 

Die Vorgehensweise

Um diese Fragen zu beantworten, haben wir die Zwischenrufe in den stenographischen Protokolle aller Sitzungen des Nationalrats im Untersuchungszeitraum (1999 – 2025) gefiltert und samt den Reden in einem Datensatz gespeichert. Mithilfe eines biographischen Datensatzes des Sozialwissenschaftlers Philipp Korom (2023) wurden die Merkmale der Redner:innen und Zwischenrufenden sowie deren jeweilige Fraktionszugehörigkeit beigefügt. Mithilfe eines Themenmodells, das auf einem Wörterbuch des Politikwissenschaftlers Christoph Ivanusch (2024) basiert, haben wir die Themen der Reden klassifiziert. Somit konnten wir analysieren, von welchen Personen und Fraktionen besonders viele Zwischenrufe ausgehen, welche Redner:innen und Fraktionen am meisten damit konfrontiert sind und bei welchen Themen das Phänomen am häufigsten auftritt.

Wer ruft besonders häufig dazwischen? – Das BZÖ sticht heraus

Nach Fraktionen stachen BZÖ, FPÖ, und Grüne deutlich hervor, aber auch die NEOS bei näherer Betrachtung. Abbildung 2 zeigt die Anzahl an Zwischenrufen relativ nach Anzahl der Abgeordneten in der jeweiligen Legislaturperiode. Bei der Untersuchung der Anzahl an Zwischenrufen pro Jahr der einzelnen Politiker:innen sind oft dieselben Abgeordneten mehrmals auf der „Bestenliste“. Unter diesen sind vor allem Abgeordnete der FPÖ überrepräsentiert.

Ein Balkendiagramm vergleicht die durchschnittliche Anzahl der Zwischenrufe pro Abgeordnetem verschiedener österreichischer Parteien über sieben Gesetzgebungsperioden hinweg.

Abbildung 2

Betrachtet man die andere Seite, also bei welchen Redner:innen es besonders häufig Zwischenrufe gab, zeigen sich ähnliche Tendenzen wie in Abbildung 2. Wenn man wiederum die einzelnen Personen pro Jahr nach Häufigkeit untersucht, lässt sich ein deutlicher Unterschied erkennen im Vergleich zur „Bestenliste“ zuvor: es wird wesentlich häufiger bei Redner:innen linker Parteien dazwischengerufen.

Wer ruft bei wem hinein?

Wir haben ebenfalls untersucht, aus welchen Parteien sich Abgeordnete gegenseitig besonders häufig dazwischenrufen. In Abbildung 3 sieht man, welche Parteien bei welchen Parteien Zwischenrufe tätigen. Die unterschiedlichen Gesetzgebungsperioden unterscheiden sich natürlich untereinander – alleine aufgrund der unterschiedlichen Parteienzusammensetzung des Parlaments über die Zeit hinweg.

Dieses Sankey-Diagramm visualisiert die Verteilung von Zwischenrufen zwischen den Fraktionen im österreichischen Parlament während der XXVII. Gesetzgebungsperiode.

Abbildung 3

Abbildung 3: Wer ruft bei wem hinein? Das Diagramm zeigt die gegenseitigen Zwischenrufe in der Periode von 2019-2024. 

Abbildung 3 zeigt die gegenseitigen Zwischenrufe in der Periode von 2019-2024. Außerdem ist in dieser Darstellung nicht die Größe der Parteien berücksichtigt. Dennoch ist spannend zu sehen wer bei wem hineinruft, so gibt es beispielsweise bei der FPÖ die meisten Zwischenrufe und ein großer Teil davon kommt von der ÖVP. Bei den Grünen sieht man, dass ein großer Anteil ihrer Zwischenrufe in Richtung FPÖ gehen. Ebenso auf ihrer passiven Seite, also wenn bei den Grünen zwischengerufen wird, kommt der größte Anteil von der FPÖ.

Viele Zwischenrufe bei besonders wichtigen Themen

Bei der Analyse der Themen, bei denen es die meisten Zwischenrufe gibt, zeigen sich ebenfalls einige interessante Muster. So lässt sich wenig überraschend erkennen, dass Themen, die in einer bestimmten Gesetzperiode häufig behandelt wurden, auch zu vermehrten Zwischenrufen im Nationalrat führen.

Ein gestapeltes Diagramm zeigt die prozentuale Entwicklung der zehn häufigsten Themen bei Zwischenrufen, von Umwelt bis Immigration, über verschiedene Gesetzgebungsperioden seit 2002.

Abbildung 3

Abbildung 3: Wer ruft bei wem hinein? Das Diagramm zeigt die gegenseitigen Zwischenrufe in der Periode von 2019-2024. 

Abbildung 4 zeigt die anteilige Häufigkeit der Top-10-Themen, bei welchen es im Untersuchungszeitraum insgesamt zu den meisten Zwischenrufen kam. Die weiteren untersuchten Kategorien zeigten ebenfalls diese Tendenz, dass in einer Zeit besonders wichtige Themen zu emotionalisierten Debatten führen. Ein spannender Datenpunkt stellt das Thema Gesundheit in der Gesetzperiode von 2019 bis 2024 dar. Hier scheinen die Debatten zur Corona-Pandemie zu vermehrten Zwischenrufen bei gesundheitspolitischen Debatten geführt zu haben. Außerdem ist der Gesamtanteil von Zwischenrufen beim Thema Wirtschaft in diesem Zeitraum erhöht.

Sind Zwischenrufe mehr als nur „Blödsinn“?

Zwischenrufe in Parlamentsdebatten sind eine wertvolle Datenquelle, die ein spontanes und ungefiltertes Verhalten von Abgeordneten erfasst. Diese Analysen zeigen, dass in den spontanen Interaktionen mehr Informationen stecken, als man zunächst vermuten würde. Sie ermöglichen uns in der Politikwissenschaft etwas über Machtasymmetrien, politische Konflikte und kulturellen Wandel im parlamentarischen Kontext zu lernen und können für die Beantwortung einer Vielzahl an Forschungsfragen herangezogen werden.

Quellen:

Korom, Philipp (2023). "Who is Who in the National Council of Austria: A New Biographical Database (1945 - 2019) (SUF edition)", https://doi.org/10.11587/UNVOA2, AUSSDA, V1 

Ivanusch, Christoph. (2024). Issue competition in parliamentary speeches? A computer‐based content analysis of legislative debates in the Austrian Nationalrat. Legislative Studies Quarterly, 49(1), 203-221

Über die Autorin und den Autor

Ella Pariasek studiert Politikwissenschaft im Master an der Universität Innsbruck, nach ihrem Abschluss des Bachelors Politikwissenschaft in Wien. Ihre Forschungsinteressen liegen insbesondere im Bereich des Parteienwettbewerbs und der Policy-Analysen.

Jörg Schmieder ist Studierender der Politikwissenschaft an der Universität Innsbruck. Sein besonderes Forschungsinteresse gilt dem Parteienwettbewerb in repräsentativen Demokratien sowie Themen der politischen Kommunikation.

Zitieren

Pariasek, Ella & Jörg Schmieder. (2026). „So ein Blödsinn!“ – Eine Analyse von Zwischenrufen im österreichischen Nationalrat. Powi Blog, Universität Innsbruck. https://www.uibk.ac.at/de/politikwissenschaft/kommunikation/powi-blog/blog-so-ein-blodsinn/


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