Mehrere sehr alte Bücher in einem Regal

KI entdeckte einen bisher unbekannten Schatz.

KI ent­deckt bis­her unbe­kannte Komö­die

„Du reicher Geist mit unbe­kannten Schätzen“, so beginnt ein Gedicht, das Franz Grill­parzer dem span­is­chen Dram­a­tiker Lope de Vega widm­ete. Einen sol­chen „unbe­kannten Schatz“ haben zwei Forscher der Univers­itäten Valla­dolid und Wien mit Hilfe von einer an der Uni­vers­ität Inns­bruck mit­ent­wickelten Künst­lichen Intelli­genz entd­eckt. Das könnte zu weite­ren Fund­en führen, sagt der Literatur­wissen­schafter Álvaro Cuéllar (27), auch in Österreich.

Als zwei spanische Forscher Ende Jänner publik machten, dass die zuvor anonyme Komödie „La francesa Laura“ („Die Französin Laura“) von Lope de Vega stammt, ging ein Ruck durch die Literaturwelt. Er gilt als großer Dichter des Siglo de Oro, des Goldenen Zeitalters der spanischen Literatur, eine Periode im späten 16. und 17. Jahrhundert. „Sie müssen verstehen, dass wir im Goldenen Zeitalter ein großes Problem mit der Urheberschaft haben“, erklärt der Forscher im Gespräch mit der APA. „In Spanien haben wir viele Texte, viele davon Theaterstücke, von denen wir nicht wissen, wer sie geschrieben hat. Lope de Vega ist der Shakespeare von Spanien“.

Geistiger Verwandter von Franz Grillparzer

Er ist hierzulande nicht so bekannt wie seine Zeitgenossen Cervantes und Calderón, aber Lope de Vega, der „Fuenteovejuna“ geschrieben hat, gehört zur Kultur Spaniens wie Franz Grillparzer zu Österreich. Der Wiener Schriftsteller war es auch, der in dem großen Spanier einen Verwandten im Geiste erkannte. Er widmete ihm ein Gedicht, das seinen Namen trägt. Der Stoff für seine „Jüdin von Toledo“ stammt von de Vegas „Las paces de los Reyes y Judía de Toledo“.

Es wird geschätzt, dass de Vega das neu entdeckte Stück um 1630 geschrieben hat, ungefähr fünf Jahre vor seinem Tod. Die editierte Fassung des Werkes soll im Gredos-Verlag in den kommenden Monaten erscheinen, aber am meisten freut den Akademiker, dass Theatergruppen das Stück inszenieren wollen. „Das ist so wunderschön“, sagt er.

Im Jahr 2007 hat er gemeinsam mit seinem Mentor Germán Vega García-Luengos von der Universidad de Valladolid ein Projekt namens ETSO geboren, kurz für „Estilometría aplicada al Teatro del Siglo de Oro“ (Stilometrie am Beispiel des Theaters des Goldenen Zeitalters), und mit diesem Projekt versuchen die beiden Forscher, die Urheberschaft von barocken Stücken auszumachen.

KI „Transkribus“ erspart jahrelange Mühe

Das Besondere am ETSO-Projekt ist, dass dieser Prozess digital durchgeführt wird. „La francesa Laura“ war eines von 1.300 Stücken aus dem Goldenen Zeitalter, das innerhalb weniger Stunden digital transkribiert wurde, etwas, was jahrelange menschliche Mühe sparte und bis vor einigen Jahren noch unmöglich gewesen wäre. Die Künstliche Intelligenz, die dafür verwendet wird und eigens von den Forschern für ihre Zwecke trainiert wurde, trägt den Namen Transkribus und wurde an der Universität Innsbruck mitentwickelt. Im nächsten Schritt verglich ein anderes digitales Werkzeug namens Stylo die Sprache und den Stil des Stücks mit den 2.800 digitalisierten Werken von über 350 Autoren in der ETSO-Datenbank. Alles deutete darauf hin, dass tatsächlich Lope de Vega die Komödie geschrieben hat.

Künstliche Intelligenz als Verbündeter

„Es ist ein beeindruckender Prozess“, sagt Cuéllar. „Es ist für einen Menschen unmöglich, 3.000 Texte zu lesen und die verwendeten Wörter zu studieren, also kommt die Künstliche Intelligenz ins Spiel. Forscher wenden diesen Prozess seit vielen Jahren auf Shakespeare an. Auch in Frankreich macht man das Gleiche mit Molière.“ Künstliche Intelligenz hat sich in den vergangenen Jahren auch in Österreich nicht als Feind, sondern als großer Verbündeter der historisch-philologischen Disziplin erwiesen.

Die gleiche stilometrische Methode verwendeten Wissenschafter, um im Jahr 2022 zu dem Schluss zu kommen, dass der wahrscheinlichste Autor von „Josefine Mutzenbacher oder die Geschichte einer Wienerischen Dirne von ihr selbst erzählt“ der österreichische Schriftsteller Felix Salten ist - auch wenn der Text wohl von einem noch nicht identifizierten Ghostwriter vervollständigt wurde. Obwohl „die Mutzenbacher“ üblicherweise Salten zugeschrieben wird, wurde die Autorschaft des Pornoklassikers, der 1906 in Wien erschien, nie bestätigt. Viele andere Kandidaten wurden als potenzielle Autoren in Betracht gezogen, unter anderem Arthur Schnitzler.

Auch für Mozarts Werke anwendbar

Der Erfolg könnte auch zu anderen Funden führen, sagt Cuéllar, zum Beispiel auch in Bezug auf Mozart. „Es ist ein Prozess, der auf alles angewendet werden kann, auch auf die Musik.“ Von W.A. Mozart sind fünf Violinkonzerte überliefert, die als authentisch gelten. Bei zwei anderen ist man sich unsicher, ob sie wirklich aus seiner Feder stammen.

Allein die spanische Bibliothek hat rund 85.000 Manuskripte im Archiv, darunter 11.500 Theaterstücke, von denen viele ein anonymes Dasein fristen. Cuéllar glaubt, dass man mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz weitere verlorene Schätze entdecken wird. Es wird nur eine Weile dauern. Die Entdeckung der „Französin“ erforderte jedenfalls zwei Jahre akribischer Analyse.

(science.apa.at)

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