am Museum Haus der Erinnerungen in Medellín, Kolumbien
Wandmalerei am Museum Haus der Erinnerungen in Medellín, Kolumbien. Gilberto Echeverri war der Friedenscounsellor von Guillermo Gaviria, dem. Landeshauptmann vom Bundesland Antioquia. Beide wurden im Mai 2003 in einer gescheiterten militärischen Rettungsaktion von ihrer Entführung ermordert.

Frieden leben

Versöhnung, eine offene Kommunikationskultur und den kleinen, unspektakulären Frieden zu vermitteln ist das Ziel der Forschungen von Josefina Echavarría vom Arbeitsbereich „Frieden und Konfliktstudien“. Nach Jahren des Krieges hat Kolumbien seit einem Jahr endlich einen Friedensvertrag. Anlass genug für die Wissenschaftlerin, hier weitere Projekte zu planen.

Jeder Konflikt ist unterschiedlich, hat seine eigenen Dynamiken und viele Dimensionen. „Frieden ist nicht nur eine Idee, sondern auch eine Erfahrung, die auf einer Gefühlsebene, einer körperlichen Ebene oder einer spirituellen Ebene stattfinden kann“, erklärt Josefina Echavarría. Zur wissenschaftlichen Friedensarbeit wurde in Innsbruck die Transrationale Friedensphilosophie und die Methode der Elizitiven Konflikttransformation weiterentwickelt. Kern der wissenschaftlichen Rahmenbedingungen ist die Miteinbeziehung der Konfliktparteien in den Prozess der Transformation. „Jeder Konflikt ist geprägt von kulturellen und gesellschaftlichen Besonderheiten. Wir dürfen nicht den Fehler machen und versuchen, dasselbe Friedenskonzept in unterschiedlichen Kontexten anzuwenden. Die bekannte ‚Blaupause’ führt selten zu einem nachhaltigen Frieden“, so die Wissenschaftlerin. Die erarbeiteten theoretischen Rahmenbedingungen sollen den Mitwirkenden eine strukturelle Hilfestellung geben. Wolfgang Dietrich, UNESCO-Chair Holder und Leiter des Arbeitsbereichs, entwickelte das von John Paul Lederach in den 1990er Jahren entwickelte Konzept der „Elizitiven Konflikttransformation“ weiter. „Elizitiv bedeutet so viel wie ‚hervorlocken’. Die Konfliktlösung soll aus der Mitte der Konfliktparteien entstehen und nicht von außen vorgeschlagen werden“, verdeutlicht Echavarría. Die aus Kolumbien stammende Wissenschaftlerin engagiert sich besonders für ein Projekt in ihrem Heimatland, das nach einem Jahr nach der Unterzeichnung des Friedensvertrags zwischen der Regierung und einer der größten Guerilla-Gruppierungen vor neuen Herausforderungen steht. „Wir müssen uns vielleicht von der Idee eines großen und spektakulären Friedens verabschieden und uns auf die kleinen Gesten der Versöhnung konzentrieren“, verdeutlicht die Forscherin.

Rezeptfrei

Für die Frage, wie der Frieden gelingen kann, gibt es keine Generallösung, denn „Frieden“ wird von allen Menschen und in allen Kulturen und Gesellschaften unterschiedlich verstanden. Manche sehen in ihm einen moralischen Frieden, also die Unterscheidung zwischen Gut und Böse, andere beispielsweise energetische Friedensansätze, die den Frieden mit Harmonie und Gleichgewicht verbinden. Zudem existieren auch Verständnisse von Frieden, die eng mit Gerechtigkeit zusammenhängen oder jene, die ein Gefühl von Sicherheit vermitteln sollen. „Wir sehen uns einer Reihe von Friedensvorstellungen gegenüber und müssen im Konflikt herausfinden, welche in den jeweiligen Kulturen und Gesellschaften dominant sind“, so Echavarría, die weiters betont, dass ein Konflikt auch alle gesellschaftlichen Schichten durchdringt. Von der familiären Ebene, über die Menschen, die sich formieren und den Konflikt austragen, zu den vermittelnden Institutionen wie NGOs oder Universitäten bis hin zur Ebene der politischen Entscheidungsträger. „Wir sehen uns vor der Aufgabe, das komplexe Gefüge aus Friedensvorstellungen, die Ebenen und Schichten eines Konflikts zu analysieren und anschließend die uns richtig erscheinenden Ansätze vorzuschlagen. Dabei möchten wir nicht nur ein theoretisches Konzept präsentieren, sondern auch einen Beitrag vor Ort leisten“, engagiert sich die Wissenschaftlerin. Seit der Unterzeichnung des Friedensvertrages in Kolumbien im November 2016 befindet sich das Land in einem interessanten Prozess der Konflikttransformation. „Die Unterschrift am Vertrag ist wunderbar. Aber jetzt stehen die Menschen und die Regierung vor der Herausforderung dieses Versprechen jeden Tag umzusetzen und auch eine institutionelle und strukturelle Transformation vom Staat und von der Zivilgesellschaft zu erreichen“, verdeutlicht Echavarría.

 

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In Kolumbien hoffen die Menschen auf einen nachhaltigen Frieden. (Bild: Carolina Chica)

Der rote Faden

Die Wissenschaftlerin ist sich sicher, dass in jedem Konflikt ein roter Faden zu finden ist, auch wenn dieser nicht immer geradlinig verläuft. „Der Weg zum Frieden verläuft eher wie eine Spirale, denn es ist sehr wahrscheinlich, dass wir am Weg des Friedens und der Friedensstiftung wieder sehr viele Momente der Gewalt erleben werden“, erläutert Echavarría, die darauf anspielt, dass es seit der Unterzeichnung des Friedensvertrages bereits über 100 Personen, die sich für die Erhaltung der Menschenrechte oder die Umweltgerechtigkeit eingesetzt haben, ermordet wurden. Kolumbien hat eine lange Tradition der Gewalt und dementsprechend viel Erfahrung damit. „Man kann aber auch nicht behaupten, dass der Frieden gescheitert ist. Wir müssen uns darauf einstellen, dass eine Konflikttransformation Zeit braucht und nie perfekt sein kann.“ Und trotzdem glaubt Josefina Echavarría an das Gelingen eines anhaltenden Friedens, allerdings unter der Einschränkung, sich auf den kleinen pluralen Frieden zu konzentrieren. „In unserer Gesellschaft haben wir so viel Wissen und Erfahrung mit dem Krieg, dass es für viele eine Herausforderung ist, ab nun den Frieden zu denken“, so die Friedensforscherin, die auch betont, dass es neben allen Konflikten auch stets politische Bewegungen des gewaltfreien Widerstandes gegen den Krieg gegeben hat. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen war die Wissenschaftlerin bereits direkt in den Konfliktgebieten, um dort mit den Menschen zu arbeiten und Vertrauenspersonen als Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner auszubilden. Die Friedenserziehung ist für Echavarría auch eng mit der Arbeit an der Kommunikationskultur verbunden. „Wenn sich die Kommunikation zwischen den Menschen ändert, verändert sich auch viel im Konflikt. Gegenseitige Schuldzuweisungen müssen aufhören, denn nur so ändert man auch das Klima in schwierigen Situationen und Nachbarschaften“, ist sich die Wissenschaftlerin sicher. Zudem betont sie, dass ein Umdenken der Menschen weg von einer Orientierung in der Vergangenheit zu einer Vision der Zukunft passieren muss. „Die Menschen müssen annehmen, dass ihre Zukunft eng mit der Zukunft ihrer ehemaligen Feinde verbunden sein wird. Versöhnung ist eben auch die Fähigkeit sich in Zukunft so zu positionieren, dass das Bewusstsein für eine globale Vernetzung geschaffen werden kann“, verdeutlicht Echavarría. Der kleine Frieden sei demnach überall zu finden, wenn man nur geduldig genug ist, danach zu suchen und an ihn zu glauben. Formularbeginn

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