Universität Innsbruck
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Der Männergesangsverein in Außervillgraten umrahmt den Vortrag von Raymond Ammann zur Geschichte des Jodelns im Zuge der Uni im Dorf 2015. (Bild: Uni Innsbruck)

Ein Juchezer

Juchezer, Almschrei oder Kuhreihen sind ältere Begriffe für den Jodler, der heute nicht zuletzt in der Neuen Volksmusik in aller Munde ist. Raymond Ammann, Professor am Institut für Musikwissenschaft, beschäftigt sich mit der Geschichte des Jodelns im Alpenraum und vergleicht die Entwicklungen in Tirol und der Schweiz.

Singen ohne Text und der Wechsel zwischen Brust- und Kopfstimme sind die Charakteristika eines Jodlers, der vor allem im Alpenraum weit verbreitet ist. Von der Nachbildung des Alpenprofils durch die Notenlinien bis hin zum Ausdruck von Emotionen – zur Entstehung des Jodlers existieren die unterschiedlichsten Theorien. Als gesichert gilt allerdings die ursprüngliche Funktion der musikalischen Vorform des Jodlers, die zur Kommunikation gedient haben soll. „Früher lebten die Menschen in den Alpen häufig weit auseinander. Der über weite Strecken hörbare Ruf half zur Verständigung vom Berg ins Tal. Wanderinnen und Wanderer kennen dies vielleicht auch selbst, wenn man jemandem ganz intuitiv ein ‚Juhuu’ zuruft. Beim lauten Rufen springt die Stimme oft ungewollt in die Kopfstimme – die Grundtechnik des Jodlers“, erklärt Raymond Ammann, der sich aber vor allem mit der Verbreitung des Jodlers wissenschaftlich auseinandersetzt. Diese Art der Gesangstechnik wurde in der Schweiz als Kuhreihen bezeichnet, der auch in Tirol als „Kuhschroa“ geläufig ist. In jedem Fall war es auch hier ein Kommunikationsmittel, um die Kühe zu rufen. Auch wenn die Gesangstechnik schon länger existiert, der Begriff „Jodeln“ wurde erstmals von Emanuel Schikaneder, im Singspiel „Der Tyroler Wastl“, im Jahr 1796, erwähnt.

Jodelnd in die Welt

Die aus dem Zillertal stammenden „Tiroler Nationalsänger“ zogen im 19. Jahrhundert aus, um an Fürstenhöfen, in Konzertsälen in ganz Europa und Amerika ihre Musik, unter anderem auch das Jodeln, zu verbreiten. „Durch sie erreichte diese traditionelle Art des Singens große Bekanntheit und Beliebtheit“, so Ammann. Nur in der Schweiz waren diese Sänger kaum zu Gast, da es dort keinen Adel gab, der die Mittel hatte, diese Nationalsänger gegen Bezahlung einzuladen. Gejodelt wurde aber trotzdem, und das auf eine ganz andere Art. „Die Naturtonreihe, die auch beim Alphornspielen verwendet wird, prägt hier den sogenannten Naturjodel, die ursprünglichste Art des Jodelns. Im Gegensatz zum Tiroler Jodel-Lied wird dabei gänzlich auf den Text verzichtet. Dieser Jodler baut nicht auf dem temperierten Tonsystem, wie wir es vom Klavier kennen, auf“, erklärt der Musikwissenschaftler. Im Gegensatz zum Tonsystem am Klavier ist in der Naturtonreihe eine Mehrstimmigkeit entsprechend dem „klassischen“ Musiksystem nur begrenzt möglich. Zudem weichen die 7., 11. und 13. Stufe von dem bekannten System ab, sodass manche Töne für Zuhörerinnen und Zuhörer schräg klingen. Im Kanton Appenzell-Innerrhoden bezeichnet man den Naturjodel als „Ruggusserli“, im Außerrhodischen als „Zäuerli“. Doch auch der sich in der Schweiz entwickelte Jodler wurde von der Tiroler Jodelart beeinflusst. „Der Käsehändler Josef Felder aus Entlebuch im Kanton Luzern lebte über zehn Jahre in Salzburg, wo er die hiesige Art des Jodelns übernahm und später in seiner Heimat verbreitete. Er war der erste Schweizer, der im Jahr 1905 einen Jodler aufzeichnete. In dieser Aufnahme ist deutlich der Tiroler Stil zu erkennen“, erklärt Ammann. Im 19. Jahrhundert ist nicht nur die Musik, sondern auch die Gesellschaft mit weitreichenden Veränderungen konfrontiert. Zum einen werden mit dem aufkommenden Chorwesen und die daraus entstehende Polyphonie mit dem vierstimmigen Satz von Bass, Tenor, Sopran und Alt die einstimmigen Jodler verdrängt. Zudem bedeuten die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen im 19. Jahrhundert, die aufkommende Industrialisierung und die zunehmenden Landflucht sowie Urbanisierung Veränderungen von Traditionen. Die Gelegenheiten für das gemeinsame Singen und Jodeln in den Familien gehen verloren. Parallel entwickelt sich aber auch der Tourismus im Alpengebiet und mit ihm die Inszenierung der heimischen Kultur für die ankommenden Touristinnen und Touristen. In der Zeit des ersten Weltkrieges gewannen Traditionen für Menschen wieder mehr an Bedeutung und der Wunsch zur Stärkung der Identität wuchs. „Es wurden dann vor allem die Schweizer aktiv, die Traditionen des Jodelns und des Alphornspielens wieder zu beleben. Alphörner wurden gebaut, verteilt und Kurse wurden gehalten“, erklärt der Wissenschaftler. 1910 wurde der Eidgenössische Jodelverband mit heute 21.000 Mitgliedern gegründet. Nicht nur Sängerinnen und Sänger, sondern auch Alphornbläserinnen und –bläser sowie Fahnenschwinger sind heute Teil des Vereins, der das Ziel hatte, dem „durchaus ‚heimischen’ Tiroler Jodellied eine Anzahl von hiesigen Jodelliedern entgegenzusetzen“, zitiert Ammann.

Transalpine Verbundenheit

Hat man früher, vor etwa 100 Jahren, noch das Jodeln in der Familie gelernt, so werden heute diverse Workshops zum Erlernen dieser Gesangstechnik angeboten. „In den Tälern und Orten werden die lokalen Sängerinnen und Sänger, die noch in der Familie das Jodeln erlernt haben, rar. Die modernen Jodelworkshops werden heute häufig auch von ausgebildeten Sängerinnen und Sängern angeboten, die hier eine Nische gefunden haben“, erklärt der Musikwissenschaftler. Damit verändert sich nicht nur das Angebot, sondern auch das Klientel dieser Workshops. „Es sind vorrangig nicht mehr Menschen vom Land oder aus den Bergen, sondern Städter, die Interesse am Jodeln haben“, so der Experte der erwähnt, dass das Jodeln, etwa in Verbindung mit Yoga, immer mehr auf eine Ebene der Geistigkeit gehoben und damit zu einer Art Lifestyle wird. Den Körper zu öffnen und die Stimme zu befreien – so lauten Konzepte, mit denen die therapeutische Wirkung des Singens und Jodelns betont werden soll. „Derartige Entwicklungen dürfte bereits Loriot in seinem Jodeldiplom vorhergesehen haben, wenn auch mit einem Augenzwinkern“, schmunzelt Raymond Ammann, der von einer internationalen Jodel-Begegnung erzählt: „Eine deutsche Sängerin hat den einen Jodelstil aus einem Tal in der Schweiz übernommen und ist daraufhin wieder nach Berlin gegangen, um dort Workshops zu unterrichten. Später kam sie wieder in die Schweiz zurück, um auch dort das Jodeln zu unterrichten. Es stellt sich die Frage, ob für Musikerinnen und Musiker möglicherweise die kulturelle Zugehörigkeit, wie etwa zur alpinen Kultur, eine größere Rolle spielt als nationale Grenzen.“ Im Gesang und vor allem im traditionellen Jodler entwickelt sich ein starkes Wir-Gefühl der Kulturen. Die Internationalisierung des Jodlers in Workshops sowie die Miteinbeziehung in die Neue Volksmusik und andere Musikrichtungen werden dafür sorgen, dass der Jodler in absehbarer Zeit nicht aussterben, sondern durch seine Traditionsträgerinnen und –träger kontinuierlich umgeformt wird. Am 1. März 2016 startet Raymond Ammann sein FWF-Projekt „‚Tirolerei‘ in der Schweiz“, in dem er vor allem die Transkulturalität sowie Transnationalität des Jodlers untersuchen wird: „Nationale Identitäten, Kulturtransfer und Authentizität werden in diesem Projekt eine zentrale Rolle spielen. Die Tiroler haben das Jodeln und die Schweizer das Alphornspielen in der Welt bekannt gemacht.“ In der Musik kommen Menschen zusammen, Kulturen werden verbunden und Grenzen überwunden – auch ohne Diplom.

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