Forschungswerkstatt "Zur Rückkehr der Wölfe"
Seit Wölfe Anfang des 21. Jahrhunderts in den Alpenraum zurückgekehrt sind, gibt es eine intensive Debatte darüber. Neben ökologischen und sozioökonomischen Aspekten stellen sich auch Fragen nach der Herkunft der Wölfe, legitimen und nicht legitimen Orten für Wölfe, deren Verhalten und letztlich den Konsequenzen, die wir Menschen daraus ziehen. Die Rückkehr der Wölfe ist daher als ‚kultureller und sozialer Prozess‘ zu verstehen, der die Lebens- und Vorstellungswelt vieler Menschen berührt.
Die Auseinandersetzung mit diesem 'kulturellen und sozialen Prozess' ist mittlerweile auch Thema einiger spannender Abschlussarbeiten von Studierenden unterschiedlicher Fächer. Im Zuge der Forschungswerkstatt "Zur Rückkehr der Wölfe" präsentieren die Studierenden ihre Arbeiten, diskutieren ihre Konzepte und können sich mit weiteren interessierten Forscher*innen zu diesem Thema austauschen und vernetzen.
Programm
11. Juni 2026, 09:00-11:00 Uhr
Seminarraum 8, Innrain 52a (Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock), 6020 Innsbruck
09:00 Uhr "Vom Mythos zur Meldung: Der Wolf in der Zeitung. Eine qualitative und korpuslinguistische Analyse der Online- und Printberichterstattung zum Thema "Wolf" in Der Standard und Tiroler Tageszeitung" (Annalena Walz, Universität Innsbruck)
Diese Arbeit analysiert die mediale Berichterstattung über Wölfe in österreichischen Tageszeitungen anhand von Print- und Online-Artikeln zum Thema in Der Standard, derstandard.at, Tiroler Tageszeitung und tt.com aus dem Jahr 2023. Ziel der Arbeit ist es, zentrale Frames und Stakeholder:innen zu identifizieren und basierend darauf die Frage zu beantworten, von welchen Mustern die Berichterstattung zum Thema "Wolf" geprägt ist. Zudem wird untersucht, welche Unterschiede zwischen den beiden Medien sowie den Print- und Online-Ausgaben bestehen. Methodisch kombiniert die Arbeit eine qualitative Inhaltsanalyse der Print-Artikel mit einer korpuslinguistischen Analyse, die die Verwendung relevanter Keywords und Kollokationen in Print- und Online-Artikeln untersucht. Die Arbeit soll einen Beitrag zum Verständnis der öffentlichen Wahrnehmung von Wölfen in Österreich liefern, indem sie aufzeigt, wie Medieninhalte sowohl Konflikte als auch Schutzinteressen darstellen.
Annalena Walz studiert an der Universität Innsbruck im Master Medien und arbeitet parallel in einer Marketingagentur. Zur ihrer Themenfindung: "Tatsächlich waren es aber zwei journalistische Praktika, die mich dazu inspiriert haben, mich näher mit der Frage zu beschäftigen, wie Medienrealität konstruiert wird und welche Rolle Stakeholder:innen und Journalist:innen dabei spielen."
09:30 Uhr: "Schützen, schießen oder worum geht’s hier eigentlich? Kultur- und Diskursanalytische Perspektiven auf den öffentlichen Konflikt über die Rückkehr von Wölfen in Kärnten" (Sabine Ebner, Universität Klagenfurt)
Die Rückkehr von Wölfen nach Kärnten stellt weit mehr als ein biologisches Ereignis dar. Sie lässt sich als ein vielschichtiges sozial-kulturelles Phänomen begreifen, das gesellschaftliche Aushandlungsprozesse aktiviert. Das Forschungsinteresse der Masterarbeit gilt dem öffentlichen Konflikt zwischen Akteur:innengruppen über den Umgang mit den Beutegreifern. Sie geht davon aus, dass die Wolfspräsenz erst durch diskursive Deutungsprozesse als gesellschaftliches Problem hergestellt wird. Ziel der Arbeit ist die Rekonstruktion lokaler Wissensordnungen und Praktiken, mit denen kollektive Akteur:innen die Rückkehr von Wölfen einordnen und ihre Reaktionen im Konfliktfeld legitimieren. Als theoretischer Rahmen dient das Forschungsprogramm der Wissenssoziologischen Diskursanalyse nach Reiner Keller, das über eine linguistische Textanalyse hinausgeht und mit ethnographischen Verfahren – teilnehmenden Beobachtungen sowie Interviews – ergänzt wird. Der Materialkorpus (2020-2025) wurde problemorientiert nach dem Prinzip der maximalen Kontrastierung zusammengestellt und umfasst rechtlich-administrative Dokumente, politische Reden, mediale Diskursfragmente, aber auch visuelle Quellen und Interviewdaten. Die Analyse arbeitet heraus, wie der Wolfsdiskurs in Kärnten zu einem Schauplatz für Widerstände gegen eine wahrgenommene Bevormundung durch externe Wissenssysteme gemacht wird sowie als Arena für den Kampf gegen den agrarischen Strukturwandel und als Verhandlungsraum für normative Raumsemantiken wie „Wildnis“ und „Kulturlandschaft“ dient. Dabei zeigt sich eine deutliche Artikulationsasymmetrie: Während die Phase der Skandalisierung fast ausschließlich von einer lautstarken Wolfsgegnerschaft getragen wurde, blieb eine ökologische Gegenöffentlichkeit innerhalb Kärntens weitgehend unsichtbar. Gegenwärtig ist eine Normalisierung zu beobachten. Es scheint ein ‚stiller Konsens‘ über die legalisierte Entnahme von Wölfen in Kärnten zu herrschen, während alternative Maßnahmen diskursiv marginalisiert werden. Das Abklingen der öffentlichen Lautstärke wird nicht als Ende des Konflikts interpretiert, sondern als Ausdruck der Dominanz einer Wissensordnung, die den Wolf als unvereinbar mit der Kärntner Lebenswelt rahmt. Damit wird der Wolf als Stellvertreter für Macht- und Wissenskonflikte lesbar, die weit über Fragen des Artenschutzes hinausreichen.
Sabine Ebner war über mehrere Jahre als Studienassistentin und Tutorin am Institut für Germanistik tätig und als studentische Mitarbeiterin in Forschungsprojekten am Institut für Kulturanalyse an der AAU eingebunden. Sie schätzt Umwege, die sie unter anderem in die Kunstvermittlung, die schulische Bildungsarbeit und an internationale Stationen geführt haben. Studium: Masterstudium Angewandte Kulturwissenschaft und Transkulturelle Studien, Universität Klagenfurt (AAU).
10:00 Uhr: "Angewandte Tierethik in Bezug auf die Rückkehr der »großen Beutegreifer« Wolf in Tirol" (Helmut Erler, Universität Innsbruck)
Die Tierethik gewinnt seit einigen Jahrzehnten immer mehr an Bedeutung. Das Verhältnis Mensch zum Tier erfährt in den letzten Dekaden eine Veränderung. Die cartesianische Bewertung, wonach Tiere mechanischen Geräten gleichzusetzen sind, ist überholt. Tieren wird heutzutage ein eigener Wert - ähnlich jenem von Menschen, aber nicht gleich wie einem Menschen - zugestanden. Aus dieser geänderten Einstellung ergeben sich Rechte, die den Tieren von Menschen zuerkannt werden; diese Tierrechte entsprechen Menschenpflichten. Es ist essenziell zu fragen, welche Pflichten Menschen gegenüber Tieren haben und welche Rechte Tiere haben sollen und ob diese Rechte allgemeine Gültigkeit haben können. Der Beantwortung dieser Frage kommt insbesondere dann große Bedeutung zu, wenn es um den Artenschutz und/oder die Rückkehr/Wiederansiedelung „vertriebener“ Wildtierarten in durch Menschen veränderte Habitate geht.
In Tirol wird seit geraumer Zeit eine breite Diskussion darüber geführt, ob großen Beutegreifern (z.B. Wolf, Bär, Luchs) die Rückkehr/Wiederansiedlung in frühere Habitate – Tirol war von allen großen Beutegreifern besiedelt - ermöglicht werden soll. Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich Helmut Erlers Arbeit mit der zentralen Fragestellung: „Haben Menschen eine moralische Verpflichtung, Wölfen ein Habitat zur Verfügung zu stellen, aus welchem diese Art vertrieben bzw. in welchem sie ausgerottet wurde?“
Helmut Erler studiert Philosophie im Masterstudiengang an der UIBK. Helmut Erler widmet sich in seinem Studium und seiner Abschlussarbeit insbesondere den Themen Tierrechte/Tierschutz im Allgemeinen und dabei der Rückkehr der Wölfe in frühere Habitate im Besonderen. Dabei beschäftigt er sich mit den kontextrelevanten juristischen Fragen, insbesondere mit der Umsetzung von Gesetzen/Richtlinien/Verordnungen bzw. dem Umgang damit und dessen demokratiepolitischen Implikationen. Seit 1.11.2025 ist Helmut Erler als ehemalige Unternehmer im beruflichen Ruhestand.
10:30 Uhr: "Herdenschutz auf Tiroler Schafalmen – Sozialräumliche Aushandlungsprozesse im Kontext der Wolfsrückkehr" (Maximilian Zapper, Universität Innsbruck)
Die Bachelorarbeit untersucht den Umgang mit Herdenschutzmaßnahmen auf Tiroler Schafalmen im Kontext der Rückkehr großer Beutegreifer, insbesondere des Wolfs. Im Fokus stehen gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Konflikte sowie die Frage, warum Herdenschutz von manchen Akteur:innen akzeptiert und von anderen abgelehnt wird. Methodisch basiert die Arbeit auf qualitativen Expert:inneninterviews mit Landwirt:innen, Wissenschaftler:innen, Interessenvertretungen und Praktiker:innen des Herdenschutzes.
Maximilian Zapper studiere Geographie an der Universität Innsbruck mit Schwerpunkt auf Mensch-Umwelt-Beziehungen im alpinen Raum. Inhaltlich interessiert er sich besonders für Almwirtschaft, Herdenschutz und gesellschaftliche Konflikte im Zusammenhang mit der Rückkehr großer Beutegreifer. Im Rahmen seiner Bachelorarbeit führt Maximilian Zapper qualitative Interviews mit verschiedenen Akteur:innen aus Wissenschaft, Landwirtschaft und Praxis durch.
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