Veranstaltungsreihe

VERGANGENHEIT VERHANDELN IN LITERATUR & FILM

Eine Veranstaltungsreihe der Universität Innsbruck, Studienjahr 2026/27

Unter der geordneten Oberfläche des „Lebens in Lüge“
schlummert also die verborgene Sphäre der wirklichen
Intentionen des Lebens, seiner „verborgenen
Aufgeschlossenheit“ der Wahrheit gegenüber.

Václav Havel 1989
Versuch, in Wahrheit zu leben, Hamburg, S. 29

Immer wieder versuchten Einzelne wie der tschechoslowakische Dissident, Dramatiker und spätere Präsident der Tschechischen Republik Václav Havel (1936-2011) oder ganze Gruppen der Gesellschaft dem „Leben in der Lüge“ etwas entgegenzustellen. Selbst wenn die eigene Gegenwart trist erschien, so war es oftmals allein die Aussicht auf ein anderes Leben in Wahrheit, die sie in ihrem Streben leiteten, gegen absolute Deutungshoheit und nicht selten rohe Gewalt einer omnipräsenten Staatsmacht anzuarbeiten, auf ihre Weise und mit ihren Möglichkeiten Widerstand zu leisten.

Die Veranstaltungsreihe will zur Frage der unterschiedlichen Diskurse über Geschichte und den damit verbundenen Handlungsräumen, zur Frage traumatischer Erfahrungen und künstlerischer Bewältigungsstrategien aus einer interdisziplinären Sicht Stellung beziehen. Dabei stehen neben einer kontextualisierenden historisch-wissenschaftlichen Perspektive insbesondere Artikulationsversuche in Literatur und Film aus süd-osteuropäischen Ländern im Fokus.

9. Oktober - 18. November 2026

Filmretrospektive - 100 Jahre Andrzej Wajda [KS1] 
Ein Dialog zwischen Film, Literatur, Geschichte und Malerei

Ort: Leokino, Anichstraße 36, 6020 Innsbruck

Info & Karten:www.leokino.at

Veranstalter: Polnisches Institut Wien, Adam-Mickiewicz-Institut in Warschau, Leokino Innsbruck, Universität Innsbruck – NoA (Network of Areas), Institut für Geschichtswissenschaften und Empirische Kulturwissenschaft, Institut für Kunstgeschichte, Institut für Slawistik

Anlässlich des 100. Geburtstags und des 10. Todestages von Andrzej Wajda widmet sich eine fünfteilige Retrospektive dem Werk eines der bedeutendsten polnischen Regisseure des 20. Jahrhunderts. Wajda war nicht nur ein international gefeierter Filmemacher, sondern auch eine prägende moralische Stimme des Landes. Seine Filme verbinden historische Erfahrungen mit universellen Fragen nach Freiheit, Verantwortung, Erinnerung und menschlicher Würde. Im Jahr 2000 wurde er mit dem Ehren-Oscar ausgezeichnet, 2006 erhielt er auf der Berlinale den Goldenen Ehrenbär für sein Lebenswerk verliehen.

Die Retrospektive lädt dazu ein, Wajdas Kino neu zu entdecken – als kritisches Gedächtnis der polnischen Geschichte, als Dialog mit Literatur und bildender Kunst und als zeitlose Reflexion über den Menschen. Jede Vorführung wird durch eine Einführung begleitet, die den historischen und künstlerischen Kontext des jeweiligen Films erschließt.

Freitag, 9.10., 19:00 Uhr

Die Mädchen von Wilko / Panny z Wilka (PL 1979) (polnische OF mit dt. UT)
Einführung: Bolesław Racięski (Universität Warschau)

Donnerstag, 15.10., 18:00 Uhr

Asche und Diamant / Popiół i diament (PL 1958) (polnische OF mit dt. UT)
Einführung: Gernot Howanitz (Universität Innsbruck)

Donnerstag, 29.10., 18:00 Uhr

Das Gelobte Land / Ziemia obiecana (PL 1975) (polnische OF mit dt. UT)
Einführung: Kurt Scharr (Universität Innsbruck)

Mittwoch, 11.11., 18:00 Uhr

Der Mann aus Marmor / Człowiek z marmuru (PL 1977) (polnische OF mit dt. UT)
Einführung: Eva Binder (Universität Innsbruck)

Mittwoch, 18.11., 18:00 Uhr

Afterimages / Powidoki (PL 2016) (polnische OF mit engl. UT)
Einführung: Gernot Howanitz (Universität Innsbruck)


Begleitend zum Filmprogramm

Mittwoch, 11. oder 18. November, 15:30-17:00 Uhr [nähere Informationen folgen]

Bolesław Racięski (Universität Warschau): Andrzej Wajdas Verhältnis zur Kunst [Vortrag in englischer Sprache]


Lesungen & Gespräche

Dienstag, 17. November

Eisen[stein]: Lesung & Gespräch mit der Autorin Gusel Jachina
in Kooperation mit dem Literaturhaus am Inn und dem Institut für Slawistik der Universität Innsbruck

Ort: Literaturhaus am Inn
19:00 Uhr

Mit ihrem vierten, 2025 auf Russisch und 2026 auf Deutsch erschienenen Roman Eisen präsentiert die russisch-tatarische Schriftstellerin eine fiktionalisierte Biographie des großen sowjetischen Filmregisseurs Sergej Eisenstein (1898–1948). Aufgewachsen in großbürgerlichen Verhältnissen in Riga erlebte Eisenstein in Sankt Petersburg das Revolutionsjahr 1917 als Student. Im revolutionären Moskau der 1920er Jahre schloss sich der junge Mann den künstlerischen Avantgardebewegungen an, wechselte schnell vom Theater zum Film und wurde mit seinem Revolutionsfilm Panzerkreuzer Potemkin (1925) weltberühmt. Dem Talent des großen Filmtheoretikers und Filmemachers begegnet Jachina in ihrer Romanbiographie mit Respekt, seinem menschlichen Charakter und Handeln jedoch mit Ironie und aus der Distanz der Gegenwart. Zwischen den Lesepassagen und ausgewählten Ausschnitten aus den berühmtesten Filmen gibt die Autorin im Gespräch Aufschluss über ihre Auseinandersetzung mit ihrem Protagonisten.

Moderation: Eva Binder


Donnerstag,  3. Dezember

Eternal Russia: Lesung & Gespräch mit der Theaterkritikerin und Autorin Marina Davydova
In Kooperation mit dem Literaturhaus am Inn und den Instituten für Slawistik & Geschichtswissenschaften und Empirische Kulturwissenschaft der Universität Innsbruck

Ort: Literaturhaus am Inn
19:00 Uhr

Die seit 2022 im europäischen Exil lebende Kennerin des zeitgenössischen europäischen und russischen Theaters gibt im Gespräch mit Eva Binder und Kurt Scharr Einblick in ihre Arbeit als Dramatikerin und Regisseurin. Im Mittelpunkt von Lesung und Gespräch wird ihre geschichtsphilosophische Trilogie Eternal Russia (2017), Museum of Uncounted Voices (2023) und Berlin, Charlottenburg (2026) stehen. Darin verbindet sie theaterkritische Analysen mit persönlicher Biografie und einer kritischen Auseinandersetzung mit der russischen Geschichte.

Marina Davydova ist eine international tätige Theaterkritikerin, Theaterwissenschaftlerin, Kuratorin und Regisseurin. Sie war über 10 Jahre Chefredakteurin der russischen Theaterzeitschrift Teatr, gestaltete 2016 das Schauspielprogramm der Wiener Festwochen und war 2023–24 Schauspielleiterin der Salzburger Festspiele.

Moderation: Eva Binder und Kurt Scharr

Dolmetscherin: Mascha Dabić


Vorträge & Diskussion


Mittwoch, 11. oder 18. November, 15.30-17 Uhr [nähere Informationen folgen]

Andrzej Wajdas Verhältnis zur Kunst 

Bolesław Racięski (Universität Warschau)
Vortrag in englischer Sprache – Begleitprogramm zur Filmretrospektive 100 Jahre Andrzej Wajda

Moderation: Magdalena Nieslony und Gernot Howanitz (Innsbruck)


Dienstag, 10. November, 19:30 Uhr

Ort: Wagner’sche Buchhandlung

LeseLupe Osteuropa #6
In Kooperation mit der Wagner’schen Buchhandlung und dem Institut für Slawistik der Universität Innsbruck

Gemeinsam mit Lisa Haibl (Graz), Bob Muilwijk (Salzburg) und Željana Tunić (Innsbruck / Halle) gibt Yana Lyapova wieder in bewährter Weise Einblicke in die literarischen Landschaften Osteuropas: In der 6. Ausgabe unserer LeseLupe liegt der Fokus auf spannende Neuerscheinungen aus den Nachfolgestaaten Jugoslawiens.

Organisation & Moderation: Yana Lyapova (Universität Innsbruck)


Montag, 18. Januar 2027, 15:30-17:00 Uhr - im Rahmen der Vorlesung Ost-Südosteuropa

Ort: HS6

Malerei als Klassenkampf. Zum Künstlerspielfilm in der DDR

Julian Blunk (Graz)

Moderation: Kurt Scharr (Innsbruck)

Konrad Wolfs Goya – oder der arge Weg der Erkenntnis (1971) und Bernhard Stephans Jörg Ratgeb, Maler (1978) begleiten den spanischen Hofmaler der Revolutionszeit und den Parteigänger und vermeintlichen Chronisten der Bauernaufstände des 16. Jahrhunderts in Etappen zu der Einsicht, dass sich die Kunst weder den Herrschenden andienen noch sich in selbst zurückziehen dürfe, sondern Partei für die Beherrschten zu beziehen habe. Geradezu zwingend leite sich aus der einmal erkannten gesellschaftlichen Verantwortung künstlerischen Vermögens zugleich das Stil-Gebot eines sozial(istisch)en Realismus ab: Trotzdem beide Filme verhaltene Kritik an der restriktiven Kulturpolitik ihrer Gegenwart übern, gerät das Werk ihrer Helden am Ende ganz zum progressiven Erbe im Sinne des offiziellen Geschichtsverständnisses der SED und zu einem historischen Vermächtnis, das zugleich die Blaupause für die Staatskunst der Gegenwart zu liefern weiß.

Vortrag [nähere Informationen folgen]


23. Februar

Film-Screening I
in Kooperation mit dem Leokino

Zwei Staatsanwälte (F/D/NL/LVA/LTU/RO 2025)

Regie: Sergei Loznitsa, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Georgij Demidov (2025 in der deutschen Übersetzung von Thomas Martin und Irina Rastorgueva), mit Aleksandr Kuznetsov in der Hauptrolle

Trailer: www.epd-film.de/filmkritiken/zwei-staatsanwaelte


Zum Inhalt: Die negative persönliche Erfahrung des Romanautors, der Jahre seines Lebens im sowjetischen GuLag verbrachte, bildet den Hintergrund zur aktuellen Verfilmung. Es geht um die geradezu erschreckend zeitlose Absurdität eines autoritären Systems, das einerseits seine Stabilität aus einer bewusst diffus gehaltenen Angst bezieht; einer Angst, der ausnahmslos alle – selbst Josef Stalin – unterliegen. Zugleich ist es die Angst, jederzeit plötzlich und völlig unerwartet zum Opfer des Systems werden zu können und in die Mühlen des ebenso diffizil wie unermüdlich arbeitenden Repressionsapparates zu geraten. Andererseits muss dabei auf dialektische Weise der äußere Schein vermeintlich rechtstaatlicher Abläufe gewahrt bleiben. Die Menschen werden gleichwohl von der Angst getrieben, den Glauben an dieses System zu verlieren, mit dem doch eine neue, gerechtere Welt geschaffen werden sollte.

Einführung & Filmgespräch: Eva Binder & Kurt Scharr


7. Mai

Im Gespräch mit … Jaroslaw Hrytsak  (Donnerstag)
in Kooperation mit dem Forschungsschwerpunkt kulturelle Begegnungen kulturelle Konflikte

Ort: Café Katzung, Salon Pauli
15:00-17:00 Uhr

Im kleinen Kreis diskutiert der ukrainische Historiker Jaroslaw Hrytsak mit Studierenden und Interessierten über ausgewählte Texte aus seinem Buch zu Fragen von Geschichtsschreibung, Nation und Identität.

Anmeldung bis 5. Mai erforderlich: fsp-kultur@uibk.ac.at


10. Mai

Podiumsdiskussion  (Sonntag)
in Kooperation mit dem Journalismusfest Innsbruck

Ort: Treibhaus Innsbruck
14:15-15:15 Uhr

Jaroslaw Hrytsak – Biographie einer bedrängten Nation (2024)


Im Rahmen des Journalismus-Festes Innsbruck diskutiert der Autor (Professor an der Ukrainisch-Katholischen Universität L’viv/Lemberg, sowie Direktor des Instituts für historische Forschungen an der Nationalen Iwan-Franko-Universität L’viv) mit Kurt Scharr über sein Buch zur Geschichte und Gegenwart der Ukraine in Europa.


12. Mai

Film-Screening II – EurAsia Movie Night
in Kooperation mit dem Exzellenz-Cluster der Universität Innsbruck EurAsia

Ort: Audimax im Ágnes-Heller-Haus (1. UG), Innrain 52a
Beginn: 17:15 Uhr

Il generale dell'armata morta (I/F 1983)

Regie: Luciano Tovoli nach dem gleichnamigen Roman von Ismail Kadare (1963), mit Marcello Mastroianni (General Ariosto) und Michel Piccoli (Benetandi) in den Hauptrollen.

Trailer:  www.youtube.com/watch?v=y6mPkPHVMD8
Details: www.uibk.ac.at/de/alte-geschichte-orient/veranstaltungen/2026/eurasia-movie-night-4


Zum Inhalt: Zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erhält ein italienischer General den Befehl, die Überreste der im gegenwärtigen stalinistischen Albanien während des Krieges gefallenen italienischen Soldaten zu suchen und sie ehrenhaft in die Heimat zu überführen. Ein sprach- wie ortskundiger Priester, ebenfalls Offizier der italienischen Armee, begleitet ihn dabei. Der Kontakt mit dem ehemaligen Gegner und die zermürbende Zeit in einem scheinbar fremden Umfeld lassen zunehmend Zweifel an der anfänglichen patriotischen Aufgabe aufkommen und geraten immer mehr zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Geschehenen und dem vormals als feindlich empfundenen Gegenüber.

Impulsvortrag zur neueren Geschichte Albaniens: Robert Pichler (ÖAW-Wien)
Einführung zum Film: Kurt Scharr


Wintersemester 2026/27

Wir setzen diese Reihe im Wintersemester 2026/27 mit Lesungen, Gesprächen und Filmen fort und freuen uns auf Ihre rege Teilnahme! 

Eine gemeinsame Veranstaltung des Doktoratskollegs Austrian Studies und des Instituts für Slavistik in Kooperation mit dem

Forschungsschwerpunkt Kulturelle Begegnungen- Kulturelle Konflikte

NoA – Network of Areas

Exzellenz-Cluster Eurasia
Literaturhaus am Inn
Leokino & Cinematograph Innsbruck

Barrierefreiheit & Datenschutz

Wir bemühen uns, unsere Veranstaltung so barrierefrei wie möglich zu gestalten. Sollten Sie Unterstützung benötigen, informieren Sie uns bitte im Vorfeld.

Im Rahmen dieser Veranstaltung können Fotografien und/oder Filme erstellt werden. Mit der Teilnahme zur Veranstaltung nehmen Sie zur Kenntnis, dass Fotografien und Videomaterialien, auf denen Sie abgebildet sind, zur Presse-Berichterstattung verwendet und in verschiedensten (Sozialen) Medien, Publikationen und auf Webseiten der Universität Innsbruck veröffentlicht werden. Weitere Informationen zum Datenschutz entnehmen Sie bitte unserer Datenschutzerklärung unter: www.uibk.ac.at/datenschutz

Wir bitten um eine umweltfreundliche Anreise! Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Fahrradabstellplätze stehen ausreichend zur Verfügung. Informationen zu den öffentlichen Verkehrsmitteln finden Sie unter:
www.ivb.at

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