Elternschaft und Machttabu: Machttheoretische Skizze einer Langzeitentwicklung

Désirée Waterstradt

Macht ist ein Aspekt jeder Beziehung. Gleichwohl empfinden Menschen es heute als peinlich und tabu, offen über die Machtbalancen ihrer Beziehungsgeflechte zu sprechen. Doch warum ist das so, und warum gilt dies für Elternschaft in besonderem Maße? Der Vortrag skizziert den Zusammenhang von Elternschaft und Machttabu mithilfe der prozess-, figurations- und machttheoretischen Ansätze von Norbert Elias.

Menschen haben eine für Menschenaffen außergewöhnliche Fortpflanzungsstrategie: Nachwuchsfürsorge in kooperativen Netzwerken (Cooperative Breeding). Das wurde jedoch erst erkannt, als sich der Blick vom erwachsenen Mann als Jäger auf die evolutionäre Rolle von Frauen und Kindern weitete. Aus der Gattung Homo ging in zwei Millionen Jahren eine hyperkooperative Spezies hervor, die in überschaubaren Gruppen umherzog und deren Überleben gerade nicht von der Dominanz einzelner Männer, sondern von der optimalen Kooperationsfähigkeit aller abhing. Diese Soziogenese prägte die menschliche Psychogenese grundlegend.

Erst vor einigen tausend Jahren ließ Sesshaftigkeit Besitz entstehen, der verteidigt werden musste, was die Sozialstrukturen grundlegend veränderte. Die Überlebenseinheiten wuchsen und bildeten hierarchische Gesellschaftsstrukturen um patriarchale Zentralpositionen. Diese neue Hegemonialstruktur schwächte die Positionen von Frauen, Kindern sowie Marginalisierten und ließ eine patriarchale Gruppenmatrix (Patrix) entstehen, die jedoch in Konflikt mit der hyperkooperativ-egalitären Psyche steht.

Mit der neuzeitlichen Ausdifferenzierung entstanden immer mehr Gesellschaftsbereiche, zu denen Kinder keinen Zugang hatten. Habitusbildung konnte immer weniger durch Miteinander und Mitarbeit erfolgen, sondern sollte als zielgerichtete Erziehung durch Erwachsene erzeugt werden. Die soziale Ordnung samt Zentralpositionen geriet mit der einhergehenden Aufklärung unter Wandlungs- und Rechtfertigungsdruck. Aus einem selbstbewussten, offenen Patriarchalismus wurde ein zunehmend verschämter, struktureller Patriarchalismus. Zur Selbstrettung wurde die Kategorie Kind zur Macht der Unschuld erklärt und stellvertretend zur Zentralposition erhoben. Im Mittelpunkt stehen jedoch nicht reale Kinder, sondern das jeweilige Interesse am Kind – als künftige Arbeitskräfte, Steuerzahler, Väter, Soldaten, Rentenversicherung, Ehefrauen oder Mütter.

Die Konkurrenz ums Kind führt zu intensiven Schüben der Kindzentrierung. Im eigendynamischen Machtmechanismus der Kindzentrierung stärken kindzentrierte Akteure aus Wissenschaften, Institutionen, Recht und Politik die Zentralposition Kind und legitimieren eigene Interessen als eine Art Oberelternschaft. Eine expertengeleitete Sozialisation setzt die Maßstäbe und befördert Misstrauen sowie Ängste in Bezug auf Kinder und Eltern. Die Familie wird kindzentriert und das Interesse an Elternschaft instrumentell. Eine Geschichte, Soziologie oder Psychologie der Elternschaft interessiert nicht und gibt es nicht, dagegen eine wachsende Menge an Expertenwissen zum Kind.

Der gewachsene strukturelle Patriarchalismus stabilisiert sich durch die Zentralposition Kind und wird privat wie professionell weitgehend von Frauen getragen. Die neuartigen Machtasymmetrien um die Zentralposition Kind werden tabuisiert, ob zwischen Eltern und professionell-kindzentrierter Oberelternschaft, zwischen Müttern und Vätern, zwischen Eltern und Kindern. Der Konkurrenz ums Kind und den kindzentrierten Verhaltenserwartungen können sich vor allem Mütter, aber zunehmend auch Väter kaum entziehen. Netzwerke der Nachwuchsfürsorge sind heute von tabuisierten Machtdynamiken und -asymmetrien geprägt.

 

Dr. Désirée Waterstradt, Studium der Kommunikationswissenschaft, Sozialpsychologie und Amerikanistik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Promotion in Soziologie zum Wandel von Elternschaft in Deutschland im 19./20. Jahrhundert an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Interdisziplinäre Elternschaftsforscherin, Fellow der Norbert Elias Foundation und Lehrbeauftragte an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und der Sektion Kindheitssoziologie. Hauptberuflich Unternehmensberaterin für strategische Kommunikation.

Waterstradt, Désirée (2015): Prozess-Soziologie der Elternschaft. Nationsbildung, Figurationsideale und generative Machtarchitektur in Deutschland. Münster: M&V. https://phka.bsz-bw.de/frontdoor/index/index/year/2018/docId/118

Waterstradt, Désirée (2018): Elternschaft als blinder Fleck. Herausforderungen auf dem Weg zu einer kritischen Elternschaftsforschung. In: Soziologische Revue; 41(3), 400-418.

Waterstradt, Désirée (2019): Westliche (Unternehmens-)Familienmodelle im historischen Wandel: Eine prozess-soziologische Skizze. In: Heiko Kleve und Tobias Köllner (Hg.): Soziologie der Unternehmerfamilie. Wiesbaden: Springer Fachmedien, 51–98.

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