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Materialitäten der Vernichtung und des Widerstands. Häftlingsmarken aus dem Konzentrationslager Mauthausen

UIBK Team
Barbara Hausmair (PI, Historische Archäologie)
Ulrike Töchterle (Co-PI, Konservierung und Traceologie)
Peter Tropper (Co-PI, Geochemie und Archäometallurgie)
M. Bianca D‘Anna (Post-Doc, Historische Archäologie)
Tommy Theine (Doktorand, Traceologie und Historische Archäologie)
Paul A. Moser (student. Mitarbeiter, Historische Archäologie)
Zoltan Tüttö (student. Mitarbeiter, Archäometallurgie)
Projektpartner*innen:
Mauthausen Memorial (Yvonne Burger & Ralf Lechner)
Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim (Florian Schwanninger, Simone Loistl & Peter Eigelsberger)
„Hallo, wie heißt du?“ – eine banale Frage, die doch eine der grundlegendsten Eigenschaften des Menschseins berührt: unseren Namen. In den nationalsozialistischen Konzentrationslagern (KZ) führte die SS einen der grausamsten Angriffe auf die Menschlichkeit ihrer Opfer durch, indem sie deren Namen durch Nummern ersetzte. Im Konzentrationslager Mauthausen wurden die Häftlingsnummern auf die Kleidung der Häftlinge aufgenäht, aber auch auf Metallplaketten vergeben, die als Armbänder oder Halsketten getragen wurden. Die Gedenkstätten Mauthausen und Hartheim (MM/LGSH) kuratieren eine Sammlung über 260 solcher Marken, die bei Exhumierungen nach dem Krieg und späteren archäologischen Ausgrabungen aus Massengräbern geborgen wurden. Interessanterweise umfasst diese Sammlung nicht nur von der SS ausgegebene Häftlingsmakren, sondern auch von Häftlingen selbst angefertigte. Einige davon sind äußerst kunstvolle gearbeitet und verziert. Durch die Bündelung der interdisziplinären Kompetenzen der Heritage Sciences (Historische Archäologie, Geschichte, Traceologie, Metallurgie und Konservierung) erforschen das Team von Barbara Hausmair an der Universität Innsbruck gemeinsam mit dem Mauthausen Memorials und dem Lern- und Gedenkortes Schloss Hartheim in diesem Projekt die Materialität dieser Häftlingsmarken, um ihre Rolle in der Lagerverwaltung und den Vernichtungsprozessen zu verstehen, zu ergründen, wie Häftlinge der Entmenschlichung widerstanden, indem sie sich diese Objekte der Gewalt wieder zu eigen machten, und zu klären, ob die Marken nach 1945 zu Erinnerungsstücken wurden. Ziel ist es, neue Einblicke in das Leben der von den Nationalsozialist*innen ermordeten Menschen zu gewinnen, grundlegende Leitlinien für den Umgang mit Metallartefakten aus archäologischen Kontexten des 20. Jahrhunderts zu erstellen, die Erhaltung der Häftlingsmarken sicherzustellen und sensible Objektbiografien für ein gemeinsames Vermittlungsangebot der beteiligten Gedenkstätten zu entwickeln.
Millionen Menschen erlebten in den Konzentrationslagern der Nationalsozialist*innens zwischen 1933 und 1945 die gewaltsame Zerstörung ihrer Identität. Die Schutzstaffel (SS) ersetzte Namen durch Nummern – eine grausame Praxis, die die Menschlichkeit der Opfer systematisch zerstören sollte. Die Nummernvergabe war Teil der Registrierungsprozedur in allen Konzentrationslagern, der die Deportierten nach oft tagelangen, katastrophalen Transporten ausgeliefert waren. „Der Raub des Eigennamens gehört zu den tiefgreifendsten Verstümmelungen des Selbst. Er dokumentiert das Ende der eigenen Lebensgeschichte. … Die Nummer bedeutete die Umwandlung des Individuums zum Massenmenschen, die Transformation der personalen Gesellschaft zur seriellen Gesellschaft der Namenlosen.“ (Sofsky 1993, 101) Die Häftlingsnummern spielten eine entscheidende Rolle in der Verwaltung der Lager. Überlebende erinnern sie vor allem als Symbol für Demütigung, des Leids und der Identitätszerstörung.
Im Konzentrationslager Mauthausen, sowie vielen anderen Konzentrationslagern, wurden die Nummern nicht nur auf die Häftlingskleidung genäht, sondern auch auf Metallmarken ausgegeben, die um das Handgelenk oder den Hals getragen werden mussten. Es sind keine SS-Unterlagen bekannt, die den genauen Zweck dieser Marken erklären. Erhaltene Artefakte (Abb. 1), Unterlagen nachkriegszeitlicher Exhumierungen (Abb. 2) und – wenn auch nur sehr wenige – Überlebendenberichte bezeugen aber deren Existenz und deuten an, dass diese Marken der zusätzlichen Kontrolle und Schikanierung der Inhaftierten dienten.
Das von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften geförderte Projekt „TAGS“ ist ein interdisziplinäres Kooperationsprojekt der Universität Innsbruck, des Mauthausen Memorials und des Lern- und Gedenkortes Schloss Hartheim. Sein Fokus liegt auf einem Konvolut von über 260 Häftlingsmarken des KZ-Systems Mauthausen, die sich in der Obhut der Gedenkstätten befinden. Diese Häftlingsmarken wurden Großteils bei nachkriegszeitlichen Exhumierungen von Massengräbern des Konzentrationslagers Mauthausen und seiner Außenlager geborgen oder 2002 bei archäologischen Ausgrabungen in der ehemaligen NS-Tötungsanstalt Schloss Hartheim gefunden, wo KZ-Häftlinge im Rahmen der Aktion 14f13 ermordet worden waren.

Abb. 1 Häftlingsmarken aus dem Konzentrationslager Mauthausen, ausgegeben von der SS (links) und selbstgefertigt von Häftlingen (rechts). Die meisten der Marken können anhand der erhaltenen Häftlingsakten (Mitte) mit Mauthausen-Opfern verknüpft werden (Archiv Arolsen, DocID: 1744828).
Entgegen der Intention der SS, Häftlinge durch die Nummerierung zu entmenschlichen und zu anonymisieren, erlauben es die Nummern der gefundenen Marken in über 90% der Fälle die Identität ihrer einstigen Träger*innen anhand historischer Lagerdokumente (Abb. 1/Mitte) zu ermitteln und so die Marken mit individuellen Biografien von Opfern, der Lagerchronologie (Deportations-, Transfer- und Todesdaten), und Häftlingsgruppen zu verknüpft. Zudem umfasst dieses Ensemble nicht nur offizielle, von der SS ausgegeben Marken (Abb. 1/links), sondern auch von Häftlingen gefertigte Objekte (Abb. 1/rechts). Diese sind oft kunstvoll gestaltet, etwa mit Initialen, Datumsangaben oder Ortsnamen, die darauf hinweisen, dass solche selbstgefertigten Objekte wichtige Mittel der Selbstbehauptung und des Überlebenswillens der Häftlinge waren .

Abb. 2 Ein forensisches Dokumentationsformular aus der nachkriegszeitlichen Exhumierung des Lagerfriedhofs Mauthausen in den 1950er Jahren zeigt ein vorgedrucktes Feld für Marke inkl. einer groben Skizze des gefundenen Gegenstandes.
TAGS erforscht die Häftlingsmarken des Konzentrationslagers Mauthausen mit einem Heritage Science-Ansatz, der Archäologie, Traceologie, Metallurgie und Geschichtswissenschaft verbindet. Diese Forschung baut auf einer ethnografischen Studie von Marlene Schütz (2013) und einer archäologischen Pilotstudie zu Häftlingsmarken aus dem Konzentrationslager Mauthausen von Barbara Hausmair (2018) auf. Die interdisziplinäre Herangehensweise hat zum Ziel, die Materialität der Entmenschlichung, aber auch des Widerstands in den nationalsozialistischen Lagern umfassend zu erforschen, indem die Marken, ihre materiellen Eigenschaften, archäologischen Kontexte, Objektbiografien, Bedeutungswandel in verschiedenen Phasen der nationalsozialistischen Herrschaft und in unterschiedlichen Lagern, sowie ihre Transformation zu Objekten der Identifikation und Erinnerung nach dem Ende des NS-Regimes untersucht werden.

Abb. 3: Makrofotografie und Digitalmikroskopie ermöglichen detaillierte Analysen von Herstellungsspuren und Gebrauchsspuren.

Abb. 4: Herstellungs- und Abnutzungsspuren sowie Korrosion als Folge der Bodenlagerung der Marke des Italieners Alfredo Brambilla werden mittels Rasterelektronenmikroskopie sichtbar
Mithilfe innovativer Methoden der Metallspurenanalyse (Abb. 3) untersuchen wir Herstellungs- und Gebrauchsspuren, die Aufschluss über die Produktion offizieller Erkennungsmarken sowie die Techniken zur Herstellung von Häftlingsmarken geben. Die chemische Zusammensetzung der verwendeten Metalle wird mit modernsten metallurgischen Verfahren wie Rasterelektronenmikroskopie (Abb. 4) und Mikro-Röntgenfluoreszenz (Abb. 5) bestimmt. Zusammen mit der archäologischen Kontextualisierung ermöglichen uns diese Ansätze, die Ausgangsmaterialien, die Zirkulation der Marken innerhalb des Konzentrationslagersystems, die Möglichkeiten der Häftlinge zur Eigenherstellung von Marken sowie die Nutzungs- und Entsorgungsprozesse zu beleuchten. Die Verbindung von archäologischer Kontextualisierung, Archivforschung und Oral History stellt die Funktion und Bedeutungen der Marken für verschiedene historische Akteur*innen ins Zentrum und zeichnet individuelle Opfergeschichten anhand der Objektbiografien nach. Ein Vergleich mit Marken aus anderen Lagern soll Einblicke in die Systematik der Nummerierung im gesamten KZ-Apparat liefern.

Abb. 5: Elementaranalysen wie die Mikro-Röntgenfluoreszenz erlauben die Bestimmung der Materialzusammensetzung der Marken.
Das Projekt baut auf einer bereits bestehende Datenbank auf (Abb. 6), die in den letzten Jahren von der Projekt-PI aufgebaut wurde und Daten zu Artefakten, biografische Informationen identifizierter Häftlinge und andere relevante Archivquellen vereint. Diese Datenbasis wird laufend durch weitere historische, ikonographische und materialanalytische Daten erweitert. Derzeit enthält die Datenbank neben den mehr als 260 Marken aus Mauthausen noch über 1000 weitere Datensätze zu Häftlingsmarken aus anderen Lagern und Kontexten.

Abb. 6 Screenshot der Projektdatenbank mit Informationen zu einer Mauthausen-Marke, die in der ehemaligen NS-Euthanasieanstalt Schloss Hartheim gefunden wurde. Diese Marke trägt die Häftlingsnummer von Boško Vasić aus Jugoslawien und belegt, dass er in Hartheim ermordet wurde.
Bisher sind Marken in folgenden Lagern nachgewiesen:
Auschwitz
Bergen-Belsen
Buchenwald
Dachau / Allach
Flossenbürg
Groß-Rosen
Majdanek
Mauthausen
Neuengamme
Sachsenhausen
Ziel des TAGS-Projektes ist es, neue Einblicke in das Leben der von den Nazis verfolgten Menschen zu gewinnen (Abb. 7), Richtlinien für die Analyse von und den Umgang mit Metallartefakten aus archäologischen Kontexten des 20. Jahrhunderts zu erarbeiten, und ein gemeinsames Bildungsprogramm der beteiligten Gedenkstätten zu entwickeln und so zum langfristigen Erhalt und der Wertschätzung dieses einzigartigen materiellen Kulturerbes beizutragen.

Abb. 7: Überlebende des Lagers Ebensee, eines Außenlagers von Mauthausen, am Tag nach der Befreiung. Joachim Friedner, ein jüdischer Überlebender aus Polen, hält seine Marke in die Kamera.
Publikationen
- Hausmair, B. (2018). Identity Destruction or Survival in Small Things? Rethinking Prisoner Tags from the Mauthausen Concentration Camp. International Journal of Historical Archaeology 22 (3), 472–91. https://doi.org/10.1007/s10761-017-0436-z
Hausmair, B., M. B. D’Anna, Y. Burger, F. Schwanninger, T. Theine, U. Töchterle und P. Tropper (im Druck/2026). TAGS: Häftlingsmarken des Konzentrationslagers Mauthausen aus historisch-archäologischer Perspektive. coMMents Chronicle of the Mauthausen Memorial: Current Studies.
Weiterführende Literatur
- Burger, Y. (2024). Das vergessene Lager. Das ehemalige Lager Gunskirchen im Fokus archäologischer Untersuchungen. In B. Hausmair, T. Kersting, T. Kühtreiber, N. Mehler, & U. Müller (Hrsg.), Von der Mittelalter- und Neuzeitarchäologie zur Historischen Archäologie. Festschrift für Claudia Theune zum 65. Geburtstag (S. 263–273). Habelt.
- Dreyfus, J.-M. (2024). Des corps en trop ?Exhumation, transfert et réinhumation des cadavres des détenus du camp de Mauthausen, 1945-1975. Anthropologie et Sociétés, 48, 19–39. https://doi.org/10.7202/1117428ar
- Dürr, C., & Lechner, R. (2021). Das Konzentrationslager Mauthausen-Gusen 1938-1945. In G. Botz, A. Prenninger, & R. Fritz (Hrsg.), Mauthausen und die nationalsozialistische Expansions- und Verfolgungspolitik (S. 213–262). Böhlau. https://doi.org/10.7767/9783205212171
- Hausmair, B. (2016). Jenseits des „Sichtbarmachens“. Überlegungen zur Relevanz materieller Kultur für die Erforschung nationalsozialistischer Lager am Beispiel Mauthausen. In T. Kersting, C. Theune, A. Drieschner, & A. Ley (Hrsg.), Archäologie und Gedächtnis. NS-Lagerstandorte: Erforschen – Bewahren – Vermitteln (S. 31–45). Imhof Verlag.
- Hausmair, B. (2025). Camp Archaeology in Germany and Austria. A Prospective Review. In S. Hansen & C. Jansen (Hrsg.), Archäologie und Krieg (S. 35–55). Harrassowitz-Verlag.
- Hausmair, B., Theune, C., & Burger, Y. (2026). Dinge erählen. Archäologie des KZ-Systems Mauthausen-Gusen Katalog zur Sonderausstellung an der KZ-Gedenkstätte Mauthausen (N. Soursos, Hrsg.). Mauthausen Memorial.
- Holzinger, G. (Hrsg.). (2013). Das Konzentrationslager Mauthausen 1938-1945. Katalog zur Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen. New Academic Press.
- Klimesch, W. (2002). Veritatem dies aperit. Vernichtet – Vergraben – Vergessen. Archäologische Spurensuche im Schloss Hartheim. Jahrbuch des Oberösterreichischen Musealvereins, 147(1), 411–434.
- Kranebitter, A. (2015). Zahlen als Zeugen: Soziologische Analysen zur Häftlingsgesellschaft des KZ Mauthausen. new academic press.
- Loistl, S., & Schwanninger, F. (18 n. Chr.). Vestiges and Witnesses: Archaeological Finds from the Nazi Euthanasia Institution of Hartheim as Objects of Research and Education. International Journal of Historical Archaeology, 22(3), 614–638. https://doi.org/10.1007/s10761-017-0441-2
- Perz, B. (2006). Die KZ-Gedenkstätte Mauthausen: 1945 bis zur Gegenwart. Studien-Verlag.
- Schütze, M. (2013). Löffel, Zigarettenetui, Erkennungsmarke – Möglichkeiten und Grenzen der Analyse von Dingen aus dem Konzentrationslager Mauthausen [Univ. Dipl.]. Universität Wien.
- Sofsky, W. (1997). The order of terror: The concentration camp. Princeton University Press.
- Suderland, M. (2013). Inside concentration camps: Social life at the extremes. Polity Press.
Ausstellungen
- Dinge Erzählen: Archäologie des KZ-Systems Mauthausen-Gusen. Sonderausstellung im Reviergebäude des Mauthausen Memorial (Erinnerungsstr. 1, 4310 Mauthausen), 23.04.2026 bis 31.12.2026, freier Eintritt
Danksagungen
Für diese Forschung gewähren viele KZ-Gedenkstätten sowie Archive und Museen, die dem Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus gewidmet sind, Zugang zu ihren Sammlungen, Archivmaterialien und Wissen. Wir bedanken uns besonders bei unseren Kooperationspartner*innen der Gedenkstätten Sachsenhausen, Majdanek und Dachau, sowie den Arolsen Archives. Fotos von Häftlingsmarken aus privaten Familiensammlungen und/oder Informationen über Häftlingsmarken und die Biografien der mit ihnen verbundenen Menschen werden uns von engagierten Einzelpersonen oder Angehörigen von Menschen, die von den Nazis inhaftiert wurden, übermittelt. Diese Einblicke sind von unschätzbarem Wert für das Projekt, und wir danken allen, die unsere Bemühungen unterstützen
Kontakt
Email: tags@uibk.ac.at
Post: Prof. Barbara Hausmair, Institut für Archäologien, Universität innsbruck, Innrain 52a, 6020 Innsbruck, Austria
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