Barbara Hausmair
TAGS
Materialitäten der Vernichtung und des Widerstands. Häftlingsmarken aus dem Konzentrationslager Mauthausen

Fördergerber*innen
Österreichische Akademie der Wissenschaften, Heritage Science Austria.2 Programm, Projektnr.: Heritage_2024-01_TAGS (2026-2029)
Innsbrucker Team:
Barbara Hausmair (PI, Historische Archäologie)
Ulrike Töchterle (Konservierung und Traceologie)
Peter Tropper (Geochemie und Archäometallurgie)
Bianca D‘Anna (Post-Doc, Historische Archäologie)
Tommy Theine (Doktorand, Traceologie und Historische Archäologie)
Paul A. Moser (student. Mitarbeiter, Historische Archäologie)
Zoltan Tüttö (student. Mitarbeiter, Archäometallurgie)
Projektpartner*innen:
Mauthausen Memorial (Yvonne Burger & Ralf Lechner)
Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim (Florian Schwanninger, Simone Loistl & Peter Eigelsberger)
„Der Raub des Eigennamens gehört zu den tiefgreifendsten Verstümmelungen des Selbst. Er dokumentiert das Ende der eigenen Lebensgeschichte. … Die Nummer bedeutete die Umwandlung des Individuums zum Massenmenschen, die Transformation der personalen Gesellschaft zur seriellen Gesellschaft der Namenlosen.“ (Sofsky 1993, 101)
„Hallo, wie heißt du?“ – eine banale Frage, die wir in unserem Leben tausendmal hören, die aber einen Kern unseres Menschseins berührt: unseren Namen. Namen sind mehr als Identifikationsmerkmale; sie sind tief mit unserer Identität und unseren Beziehungen verbunden – sie sind Teil unseres Selbst. Was also, wenn uns unser Name gewaltsam entrissen wird?
Genau das erlebten Millionen Menschen in den Konzentrationslagern der Nationalsozialist*innens zwischen 1933 und 1945. Die Schutzstaffel (SS) ersetzte Namen durch Nummern – eine grausame Praxis, die die Menschlichkeit der Opfer systematisch zerstören sollte. Die Nummernvergabe war Teil der Registrierungsprozedur in allen Konzentrationslagern, der die Deportierten nach oft tagelangen, katastrophalen Transporten ausgeliefert waren. Die Häftlingsnummern spielten eine entscheidende Rolle in der Verwaltung der Lager. Überlebende erinnern sie vor allem als Symbol für Demütigung, des Leids und der Identitätszerstörung.
Im Konzentrationslager Mauthausen, sowie vielen anderen Konzentrationslagern, wurden die Nummern nicht nur auf die Häftlingskleidung genäht, sondern auch auf Metallmarken ausgegeben, die um das Handgelenk oder den Hals getragen werden mussten. Es sind keine SS-Unterlagen bekannt, die den genauen Zweck dieser Marken erklären. Erhaltene Artefakte (Abb. 1), Unterlagen nachkriegszeitlicher Exhumierungen (Abb. 2) und – wenn auch nur sehr wenige – Überlebendenberichte bezeugen aber deren Existenz und deuten an, dass diese Marken der zusätzlichen Kontrolle und Schikanierung der Inhaftierten dienten.
Das von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften geförderte Projekt „TAGS“ ist ein interdisziplinäres Kooperationsprojekt der Universität Innsbruck, des Mauthausen Memorials und des Lern- und Gedenkortes Schloss Hartheim. Sein Fokus liegt auf einem Konvolut von über 260 Häftlingsmarken des KZ-Systems Mauthausen, die sich in der Obhut der Gedenkstätten befinden. Diese Häftlingsmarken wurden Großteils bei nachkriegszeitlichen Exhumierungen von Massengräbern des Konzentrationslagers Mauthausen und seiner Außenlager geborgen oder 2002 bei archäologischen Ausgrabungen in der ehemaligen NS-Tötungsanstalt Schloss Hartheim gefunden, wo KZ-Häftlinge im Rahmen der Aktion 14f13 ermordet worden waren.

Abb. 1 Häftlingsmarken aus dem Konzentrationslager Mauthausen, ausgegeben von der SS (links) und selbstgefertigt von Häftlingen (rechts). Die meisten der Marken können anhand der erhaltenen Häftlingsakten (Mitte) mit Mauthausen-Opfern verknüpft werden (Archiv Arolsen, DocID: 1744828).
Entgegen der Intention der SS, Häftlinge durch die Nummerierung zu entmenschlichen und zu anonymisieren, erlauben es die Nummern der gefundenen Marken in über 90% der Fälle die Identität ihrer einstigen Träger*innen anhand historischer Lagerdokumente (Abb. 1/Mitte) zu ermitteln und so die Marken mit individuellen Biografien von Opfern, der Lagerchronologie (Deportations-, Transfer- und Todesdaten), und Häftlingsgruppen zu verknüpft. Zudem umfasst dieses Ensemble nicht nur offizielle, von der SS ausgegeben Marken (Abb. 1/links), sondern auch von Häftlingen gefertigte Objekte (Abb. 1/rechts). Diese sind oft kunstvoll gestaltet, etwa mit Initialen, Datumsangaben oder Ortsnamen, die darauf hinweisen, dass solche selbstgefertigten Objekte wichtige Mittel der Selbstbehauptung und des Überlebenswillens der Häftlinge waren .

Abb. 2 Ein forensisches Dokumentationsformular aus der nachkriegszeitlichen Exhumierung des Lagerfriedhofs Mauthausen in den 1950er Jahren zeigt ein vorgedrucktes Feld für Marke inkl. einer groben Skizze des gefundenen Gegenstandes.
TAGS erforscht die Häftlingsmarken des Konzentrationslagers Mauthausen mit einem Heritage Science-Ansatz, der Archäologie, Traceologie, Metallurgie und Geschichtswissenschaft verbindet. Diese Forschung baut auf einer ethnografischen Studie von Marlene Schütz (2013) und einer archäologischen Pilotstudie zu Häftlingsmarken aus dem Konzentrationslager Mauthausen von Barbara Hausmair (2018) auf. Die interdisziplinäre Herangehensweise hat zum Ziel, die Materialität der Entmenschlichung, aber auch des Widerstands in den nationalsozialistischen Lagern umfassend zu erforschen, indem die Marken, ihre materiellen Eigenschaften, archäologischen Kontexte, Objektbiografien, Bedeutungswandel in verschiedenen Phasen der nationalsozialistischen Herrschaft und in unterschiedlichen Lagern, sowie ihre Transformation zu Objekten der Identifikation und Erinnerung nach dem Ende des NS-Regimes untersucht werden.

Abb. 3 Screenshot der Projektdatenbank mit Informationen zu einer Mauthausen-Marke, die in der ehemaligen NS-Euthanasieanstalt Schloss Hartheim gefunden wurde. Diese Marke trägt die Häftlingsnummer von Boško Vasić aus Jugoslawien und belegt, dass er in Hartheim ermordet wurde.
Mithilfe innovativer Methoden der Metallspurenanalyse (Abb. 4) untersuchen wir Herstellungs- und Gebrauchsspuren, die Aufschluss über die Produktion offizieller Erkennungsmarken sowie die Techniken zur Herstellung von Häftlingsmarken geben. Die chemische Zusammensetzung der verwendeten Metalle wird mit modernsten metallurgischen Verfahren wie Mikro-Röntgenfluoreszenz (Abb. 5) oder Rasterelektronenmikroskopie (Abb. 6) bestimmt. Zusammen mit der archäologischen Kontextualisierung ermöglichen uns diese Ansätze, die Ausgangsmaterialien, die Zirkulation der Marken innerhalb des Konzentrationslagersystems, die Möglichkeiten der Häftlinge zur Eigenherstellung von Marken sowie die Nutzungs- und Entsorgungsprozesse zu beleuchten. Die Verbindung von archäologischer Kontextualisierung, Archivforschung und Oral History stellt die Funktion und Bedeutungen der Marken für verschiedene historische Akteur*innen ins Zentrum und zeichnet individuelle Opfergeschichten anhand der Objektbiografien nach. Ein Vergleich mit Marken aus anderen Lagern soll Einblicke in die Systematik der Nummerierung im gesamten KZ-Apparat liefern.

Abb. 4: Elementaranalysen wie die Mikro-Röntgenfluoreszenz erlauben die Bestimmung der Materialzusammensetzung der Marken.
Das Projekt baut auf einer bereits bestehende Datenbank auf (Abb. 3), die in den letzten Jahren von der Projekt-PI aufgebaut wurde und Daten zu Artefakten, biografische Informationen identifizierter Häftlinge und andere relevante Archivquellen vereint. Diese Datenbasis wird laufend durch weitere historische, ikonographische und materialanalytische Daten erweitert. Derzeit enthält die Datenbank neben den mehr als 260 Marken aus Mauthausen noch über 1000 weitere Datensätze zu Häftlingsmarken aus anderen Lagern und Kontexten. Bisher sind Marken in folgenden Lagern nachgewiesen:
Auschwitz
Bergen-Belsen
Buchenwald
Dachau / Allach
Flossenbürg
Groß-Rosen
Majdanek
Mauthausen
Neuengamme
Sachsenhausen

Abb. 5: Makrofotografie und Digitalmikroskopie ermöglichen detaillierte Analysen von Herstellungsspuren und Gebrauchsspuren.

Abb. 6: Herstellungs- und Abnutzungsspuren sowie Korrosion als Folge der Bodenlagerung der Marke des Italieners Alfredo Brambilla werden mittels Rasterelektronenmikroskopie sichtbar
Ziel des TAGS-Projektes ist es, neue Einblicke in das Leben der von den Nazis verfolgten Menschen zu gewinnen (Abb. 7), Richtlinien für die Analyse von und den Umgang mit Metallartefakten aus archäologischen Kontexten des 20. Jahrhunderts zu erarbeiten, und ein gemeinsames Bildungsprogramm der beteiligten Gedenkstätten zu entwickeln und so zum langfristigen Erhalt und der Wertschätzung dieses einzigartigen materiellen Kulturerbes beizutragen.

Abb. 7: Überlebende des Lagers Ebensee, eines Außenlagers von Mauthausen, am Tag nach der Befreiung. Joachim Friedner, ein jüdischer Überlebender aus Polen, hält seine Marke in die Kamera.
Danksagungen
Für diese Forschung gewähren viele KZ-Gedenkstätten sowie Archive und Museen, die dem Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus gewidmet sind, Zugang zu ihren Sammlungen, Archivmaterialien und Wissen. Wir bedanken uns besonders bei unseren Kooperationspartner*innen der Gedenkstätten Sachsenhausen, Majdanek und Dachau, sowie den Arolsen Archives. Fotos von Häftlingsmarken aus privaten Familiensammlungen und/oder Informationen über Häftlingsmarken und die Biografien der mit ihnen verbundenen Menschen werden uns von engagierten Einzelpersonen oder Angehörigen von Menschen, die von den Nazis inhaftiert wurden, übermittelt. Diese Einblicke sind von unschätzbarem Wert für das Projekt, und wir danken allen, die unsere Bemühungen unterstützen
Ausstellungen
- Dinge Erzählen: Archäologie des KZ-Systems Mauthausen-Gusen. Sonderausstellung im Reviergebäude des Mauthausen Memorial (Erinnerungsstr. 1, 4310 Mauthausen), 23.04.2026 bis 31.12.2026, freier Eintritt
Themenbezogene Lehre
- Mauthausen kuratieren: Objekte aus der Sammlung des Mauthausen Memorial
MA Seminar und Praktikum, Universität Innsbruck
Lehrende: Barbara Hausmair und Yvonne Burger, Sommersemester 2023, LVNo: 644160
- Archäologien des NS-Terrors
MA Vorlesung, Universität Innsbruck
Lehrende: Barbara Hausmair, Sommersemester 2022, LVNo: 644160
- Archäologie der Weltkriege
BA/MA Seminar
Universität Tübingen, Lehrende: Barbara Hausmair, Wintersemester 2019/20
Literatur
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Burger, Yvonne. 2019. Das vergessene Lager: das ehemalige Waldlager Gunskirchen. MA-Arbeit., Wien: Universität Wien.
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Hausmair, Barbara. 2016. ‘Jenseits des „Sichtbarmachens“. Überlegungen zur Relevanz materieller Kultur für die Erforschung nationalsozialistischer Lager am Beispiel Mauthausen’. In Archäologie und Gedächtnis. NS-Lagerstandorte: Erforschen – Bewahren – Vermitteln, hg. von Thomas Kersting, Claudia Theune, Axel Drieschner, and Astrid Ley, 31–45. Denkmalpflege in Berlin und Brandenburg Arbeitsheft 4. Petersberg: Imhof Verlag.
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———. 2018. ‘Identity Destruction or Survival in Small Things? Rethinking Prisoner Tags from the Mauthausen Concentration Camp’. International Journal of Historical Archaeology 22 (3): 472–91.
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———. 2024. ‘Camp Archaeology in Germany and Austria. A Prospective Review’. In Archäologie und Krieg, hg. von Svend Hansen und Christian Jansen, 35–55. Kolloquien zur Vor- und Frühgeschichte 28. Wiesbaden: Harrassowitz-Verlag.
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Hausmair, Barbara, Maria Bianca D’Anna, Yvonne Burger, Florian Schwanninger, Tommy Theine, Ulrike Töchterle und Peter Tropper, TAGS: Häftlingsmarken des Konzentrationslagers Mauthausen aus historisch-archäologischer Perspektive. coMMents Chronicle of the Mauthausen Memorial: Current Studies, im Druck [2026].
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Hausmair, Barbara, Claudia Theune, Yvonne Burger und Nathalie Soursos. 2026. Dinge erzählen. Archäologie des KZ-Systems Mauthausen-Gusen Katalog zur Sonderausstellung an der KZ-Gedenkstätte Mauthausen. Wien: Mauthausen Memorial 2026. Download
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Klimesch, Wolfgang. 2002. ‘Veritatem dies aperit. Vernichtet – Vergraben – Vergessen. Archäologische Spurensuche im Schloss Hartheim’. Jahrbuch des Oberösterreichischen Musealvereins 147 (1): 411–34.
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Loistl, Simone, und Florian Schwanninger. 2018. ‘Vestiges and Witnesses: Archaeological Finds from the Nazi Euthanasia Institution of Hartheim as Objects of Research and Education’. International Journal of Historical Archaeology 22 (3): 614–38.
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Schütze, Marlene.2013. Löffel, Zigarettenetui, Erkennungsmarke – Möglichkeiten und Grenzen der Analyse von Dingen aus dem Konzentrationslager Mauthausen. Univ. Dipl., Wien: Universität Wien.
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Sofsky, Wolfgang. 1993. Die Ordnung des Terrors: Das Konzentrationslager. Frankfurt a. Main: Fischer-Taschenbuch-Verlag.
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Valley, Émile und Amicale de Mauthausen. 1950. Mauthausen: Plus jamais ça. Paris: Amicale de Mauthausen.