The expected credit loss model in IFRS 9 - Exploring the construction of compliance
Kurztitel: Compliance with IFRS 9
Gefördert durch den Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank (Projekt-Nr. 18697)

Kern und Zielsetzung des Projekts

Das Projekt „The Expected Credit Loss Model in IFRS 9 – Exploring the Construction of Compliance“ untersucht, wie Banken, Prüfer:innen, Bilanzkontrollinstitutionen und Bankenregulierer in der Praxis mit Ermessensspielräumen in der IFRS-Rechnungslegung umgehen. Im Mittelpunkt steht das Wertminderungsmodell nach IFRS 9, das Banken dazu anhält, erwartete Kreditverluste frühzeitig in der Risikovorsorge zu berücksichtigen. Ziel des Projekts ist es zu analysieren, wie regelkonformes Handeln bei der Anwendung dieses Modells entsteht, wenn der Standard bewusst prinzipienorientiert ausgestaltet ist und daher nicht alle Anwendungsfragen im Detail vorgibt. Besonders wichtig ist dabei die Frage, wie Banken sogenannte Post-Model Adjustments einsetzen, also nachträgliche Anpassungen modellbasierter Risikovorsorgen, und wie diese Praxis durch andere Akteure im Rechnungslegungs- und Regulierungsumfeld beeinflusst wird.

Zusammenfassung des Projekts

Ausgangspunkt des Projekts ist die Beobachtung, dass IFRS 9 gegenüber dem früheren Wertminderungsmodell nach IAS 39 einen grundlegenden Wechsel darstellt: Kreditverluste sollen nicht erst nach ihrem Eintritt, sondern bereits auf Basis erwarteter künftiger Entwicklungen bilanziell erfasst werden. Dadurch soll Finanzberichterstattung zeitnäher und aussagekräftiger werden. Gleichzeitig entstehen erhebliche Ermessensspielräume, weil Banken Zukunftserwartungen, Risikomodelle und weitere Informationen in ihre Risikovorsorge einbeziehen müssen. Das Projekt fragt daher, wie Banken diese Spielräume nutzen, wie Prüfer:innen und Bilanzkontrollinstitutionen darauf einwirken und welche Rolle Bankenregulierer bei der praktischen Auslegung des Standards spielen.

Das Projekt gliedert sich in drei Teilprojekte. Im ersten Teilprojekt werden die Finanzberichte aller 23 nach IFRS bilanzierenden börsennotierten österreichischen Banken für die Geschäftsjahre 2018 bis 2022 ausgewertet. Diese Analyse zeigt unter anderem einen deutlichen Anstieg von Finanzinstrumenten in Stufe 2 des IFRS-9-Modells sowie eine weit verbreitete Nutzung von Post-Model Adjustments. Diese Beobachtungen führen dazu, dass das Projekt den Einsatz solcher Anpassungen vertiefend untersucht. Im zweiten Teilprojekt werden die Stellungnahmen zum Post-Implementation Review des IASB zum Wertminderungsmodell nach IFRS 9 analysiert. Dabei stehen die diskutierten Ermessensspielräume im Mittelpunkt, insbesondere Fragen zur Transparenz, Vergleichbarkeit und Anwendung von Post-Model Adjustments.

Der Schwerpunkt des Projekts liegt auf dem dritten Teilprojekt, einer Interviewstudie zur Anwendung von Post-Model Adjustments im österreichischen Bankensektor. Dieses Teilprojekt untersucht, wie Compliance mit IFRS 9 im Zusammenspiel verschiedener Akteure entsteht. Im Fokus stehen Banken als Abschlussersteller, Abschlussprüfer:innen, Enforcement-Institutionen, Analyst:innen und Bankenregulierer. Die zentrale Forschungsfrage lautet, wie die Konstruktion von Compliance mit IFRS 9 zur Institutionalisierung von Post-Model Adjustments führt. Das Teilprojekt zeigt, dass die praktische Bedeutung dieser Anpassungen nicht allein aus dem Wortlaut von IFRS 9 hervorgeht, sondern durch die Anwendungspraxis der Banken und durch Erwartungen im regulatorischen Umfeld mitgeprägt wird.

Insbesondere wird gezeigt, dass Compliance mit IFRS 9 nicht als rein technische Umsetzung eines Rechnungslegungsstandards verstanden werden kann, sondern als sozialer und institutioneller Prozess entsteht. Am Beispiel der Post-Model Adjustments wird deutlich, dass regelkonforme Rechnungslegung in einem mehrschichtigen Regulierungsumfeld gemeinsam hervorgebracht wird: Banken entwickeln Anwendungspraktiken, Prüfer:innen und Enforcement-Institutionen begleiten und begrenzen diese nur eingeschränkt, während Bankenregulierer wie die EZB eigene Erwartungen formulieren, die in der Praxis erhebliches Gewicht erhalten. Das Projekt trägt damit zur Forschung über prinzipienbasierte Rechnungslegung, regulatorischen Pluralismus und die gemeinsame Konstruktion von Compliance bei. Es zeigt, dass das Zusammenwirken mehrerer Regulierungsinstanzen nicht zwangsläufig zu einer einheitlichen Auslegung führt, sondern auch dauerhaft konkurrierende Autoritäts- und Regelungsebenen erzeugen kann.

Ergebnisse des Projekts

Ein zentrales Ergebnis des Projekts ist, dass Post-Model Adjustments ein bedeutender Bestandteil der Anwendung des Expected Credit Loss Modells nach IFRS 9 sind. Ihre Relevanz zeigt sich in der Analyse österreichischer Bankabschlüsse, in den Stellungnahmen zum IASB-Review und in der Interviewstudie. Post-Model Adjustments werden grundsätzlich als nützliches Instrument gesehen, um Risiken zu berücksichtigen, die in bestehenden Modellen nicht angemessen abgebildet werden. Gleichzeitig zeigt sich eine uneinheitliche Anwendung und Offenlegung, wodurch Transparenz und Vergleichbarkeit der Finanzberichterstattung eingeschränkt werden können.

Besonders deutlich wird im dritten Teilprojekt, dass Prüfer:innen und Enforcement-Institutionen nur begrenzte Möglichkeiten sehen, die Angemessenheit von Post-Model Adjustments umfassend zu beurteilen. Analyst:innen äußern zugleich Bedenken hinsichtlich der Nachvollziehbarkeit und Transparenz dieser Anpassungen. Das IASB nimmt trotz der Diskussionen im Post-Implementation Review keine grundlegenden Änderungen am Standard vor und stellt lediglich mögliche Verbesserungen bei den Angabepflichten in Aussicht. In diesem Zusammenhang gewinnt die Rolle der Europäischen Zentralbank an Bedeutung, weil sie Post-Model Adjustments als sinnvolle Instrumente anerkennt und damit Einfluss auf die praktische Bedeutung dieser Rechnungslegungspraxis nimmt. Insgesamt trägt das Projekt dazu bei zu verstehen, wie regelkonforme Rechnungslegung in einem Umfeld entsteht, in dem mehrere Institutionen gleichzeitig Erwartungen an die Praxis formulieren.

Der zentrale Forschungsbeitrag des Gesamtprojekts liegt darin, die Anwendung des Expected Credit Loss Modells nach IFRS 9 nicht nur empirisch für österreichische Banken zu dokumentieren, sondern zu erklären, wie sich Post-Model Adjustments trotz fehlender expliziter Kodifizierung im Standard als anerkannte Praxis etablieren. Damit erweitert das Projekt das Verständnis dafür, wie IFRS-Compliance in der Praxis entsteht, wie Ermessensspielräume durch verschiedene Akteursgruppen ausgefüllt werden und wie Bankenaufsicht auch ohne formale Standardsetzung Einfluss auf die praktische Bedeutung von Rechnungslegungsregeln gewinnt.

Abschlussveranstaltung

Zum Abschluss des Projekts fand am 25.06.2026 in Siena, Toskana, eine Abschlussveranstaltung unter dem Titel "Research Insights into the Expected Credit Loss Model in IFRS 9" statt. Neben zahlreichen Wissenschaftler:innen vor Ort und online konnten auch Vertreter:innen aus der Praxis begrüßt werden, und lieferten wertvolle Kommentare und Feedback zur laufenden Forschung.

Prof. Dr. Christoph Pelger und Niklas Preller, M.Sc., stellten die bisher gesammelten Ergebnisse des Projekts vor, und gaben einen Ausblick auf die weiter zu untersuchenden Themen. Ein besonderer Dank geht an Prof. Dr. Jannis Bischof (Universität Mannheim), der mit einer Einleitung zum aktuellen Stand der Forschung zum IFRS 9 die anschließende Diskussion eröffnete.

Abschluss

Paper des Projekts

Niklas Preller / Christoph Pelger: „Risikovorsorge nach IFRS 9 bei österreichischen Banken – Eine empirische Analyse der Geschäftsjahre 2018–2022“
Veröffentlicht in: RWZ – Zeitschrift für Recht & Rechnungswesen, 12/2023, S. 374–380.
Der Beitrag analysiert die Entwicklung der Risikovorsorge und der Stufenzuordnung finanzieller Vermögenswerte in den IFRS-Abschlüssen österreichischer Banken für die Geschäftsjahre 2018 bis 2022.

Niklas Preller / Christoph Pelger: „Wie gut funktioniert das Wertminderungsmodell nach IFRS 9? – Einsichten aus dem Post-Implementation Review des IASB“
Veröffentlicht in: Die Wirtschaftsprüfung, 77/23, S. 1240–1246.
Der Beitrag wertet die Stellungnahmen zum Post-Implementation Review des IASB zum Wertminderungsmodell aus und ordnet zentrale Diskussionspunkte wie signifikante Erhöhungen des Kreditrisikos und Post-Model Adjustments ein.

Niklas Preller / Christoph Pelger: „Co-constructing Compliance in Multi-Regulatory Settings – The Case of Post-Model Adjustments for Expected Credit Losses“
Working Paper, 2026.
Das Working Paper bildet das zentrale Teilprojekt und untersucht anhand einer Interviewstudie, wie Post-Model Adjustments im Zusammenspiel von Banken, Prüfer:innen, Enforcement-Institutionen, Analyst:innen und Regulierern als Bestandteil regelkonformer Anwendung von IFRS 9 etabliert werden.

Niklas Preller: „Post-Model Adjustments im Expected Credit Loss Model: Analyse österreichischer Banken (2018–2025)“
Work in Progress, 2026.
Diese laufende Analyse erweitert die bisherigen Abschlussdaten österreichischer Banken um spezifische Informationen zu Post-Model Adjustments und verlängert den Beobachtungszeitraum bis einschließlich des Geschäftsjahres 2025.

 

Wir bedanken uns für die Unterstützung des Jubiläumsfonds der OeNB. Weitere Informationen unter: 

https://www.oenb.at/Ueber-Uns/Forschungsfoerderung/Jubilaeumsfonds.html

Publikationen des Projekts:

  • Preller, Niklas; Pelger, Christoph (2024): Wie gut funktioniert das Wertminderungsmodell nach IFRS 9? - Einsichten aus dem Post-Implementation Review des IASB. Die Wirtschaftsprüfung, 77/23, S. 1240 - 1246. beck-online
  • Preller, Niklas; Pelger, Christoph (2023): Risikovorsorge nach IFRS 9 bei österreichischen Banken - Eine empirische Analyse der Geschäftsjahre 2018-2022. RWZ - Zeitschrift für Recht & Rechnungswesen, 12/2023, S. 374 - 380. LexisNexis

 

 

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