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70 Jahre Pogromnacht

Autor:Stecher, Alt-Bischof Reinhold
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:Ansprache von Alt-Bischof Reinhold Stecher bei der Gedenkveranstaltung am 9. November 2008, 19.15 Uhr, auf der Theologischen Fakultät Innsbruck
Datum:2008-11-11

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Es ist nicht leicht, als Zeitzeuge für diese dunkle Stunde des Landes eine Festansprache zu halten. Diese Nacht bietet eine Serenade des Grauens, ein Festival der Beschämung. Und vieles geht mir in diesem Augenblick durch den Sinn. Ich will versuchen, in die Skale der Gefühle ein wenig Ordnung zu bringen ...

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Entsetzen

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Das erste und unmittelbarste Gefühl war das E n t s e t z e n . Ich kann mich noch erinnern, wie meine Mutter fassungslos zu mir gesagt hat: „Heute Nacht haben sie den lieben 80jährigen Herrn Diamant ein paar Häuser weiter, an der Ecke Adamgasse - Salurnerstrasse, über die Stiege hinuntergeschlagen, dass die Blutspuren an den Wänden waren... Und der Herr Graubart ist tot..." Wir waren doch immer bei Graubart zum Schuhe - Einkaufen. Und immer war der Herr Graubart im Geschäft, ein freundlicher Herr, den meine Mutter gekannt hat, für mich der Inbegriff des seriösen Kaufmanns. Meine Mutter hat auch Angestellte von ihm gekannt, die immer betont haben, dass der Chef so korrekt und sozial sei...Und nun ist er tot. Einfach umgebracht. Nicht von irgendeinem Mob aus kriminellen Kreisen. Nein, Akademiker war dabei, Hochschüler aus radikalen Organisationen. Und da waren bei den Horrorgerüchten dann die Namen meiner ehemaligen jüdischen Mitschüler (sie waren alle rechtzeitig außer Landes gegangen) aber die Elterngeneration war vielfach noch da. Die Namen Bauer, Berger, Grünhut, Pasch... Und die Kurzmanns mit dem kleinen Geschäft in der Altstadt. Ihr Sohn ist der einzige, der von meinen Mitschülern noch lebt - in England. Er hat mir erzählt, wie er seine Eltern beschworen hat, doch auch mit ihm ins Ausland zu gehen. Sie wollten nicht. Der Vater hat gesagt, er sei doch Weltkriegsteilnehmer, mit Auszeichnungen, da könne doch nichts passieren.. Sie sind geblieben und endeten in den Gaskammern...Wenn man diese Familienschicksale erlebt hat, befällt einem noch immer das lähmende Entsetzen. Wir wussten, welche Dämonie an der Macht war. Mein älterer Bruder hatte mit dem Gefängnis der Gestapo schon Bekanntschaft gemacht. Aber nun. In der Kristallnacht, war sie in voller Wucht da, die „Stunde der Finsternis" - und mit ihr das Entsetzen.

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Zorn

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Und das Zweite, das heraufsteigt, ist ein Z o r n. Ich habe meine Mutter noch nie so zornig gesehen. Ich lese jetzt gerade den Propheten Amos, den ältesten der Propheten. Er ist voller Empörung. Und seine Aufregung gilt nicht so sehr einer mangelnden Frömmigkeit, sein Zorn richtet sich gegen die Auflösung des Rechtsstaates. „Weh denen, die das Recht in bitteren Wermut verwandeln und die Gerechtigkeit zu Boden schlagen. Bei Gericht hassen sie den, der zur Gerechtigkeit mahnt, und wer Wahres redet, den verabscheuen sie ... Ihr bringt den Unschuldigen in Not und verweigert dem Armen das Gericht ..." In der Kristallnacht hat der nationalsozialistische Staat sozusagen vor der Weltgeschichte feierlich seine Visitenkarte abgegeben, den Ausweis mit der fundamentalen Auflösung des Rechtsstaates. Die sogenannte Volkswut war ja bestens organisiert: Sie spielten perfekt zusammen: Reichsregierung und Parteileitung, alle Dienststellen der SA und der SS, Sicherheitsdienst und Gestapo, Gauleiter und Kreisleiter, Stadtführung und die Schutzpolizei, die auf die verzweifelten Anrufe nicht reagieren durfte, Brandstifter und Mörder - und die verstummte Justiz. Und die Ermordeten und die vielen zerstörten Synagogen und Geschäfte, und die zehntausenden Juden, die im Zusammenhang mit dieser Nacht in die KZs geliefert wurden, das alles war nur ein Preludium für noch viel Schlimmeres. Aber die Kristallnacht war die feierliche Bankrotterklärung des Rechtsstaates. Der Staat und das organisierte Verbrechen waren identisch.

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Es ist schwer, Entsetzen und Zorn über Ereignisse, die 70 Jahre zurück liegen, einer jungen Generation von heute nahe zu bringen. Der Zeitzeuge ist in der Generation der Urgroßväter. Und es ist sicher verkehr, einer später geborenen Generation irgendwelche Schuldvorwürfe zu unterstellen. Aber ich habe bei Jungbürgerfeiern immer versucht ein wenig nahe zu bringen, was für ein Wert der Rechtssaat ist. Ideal kann er nie ganz verwirklicht werden. Aber wer ihn fundamental auflöst, wie das Dritte Reich, der wird als Regierung moralisch illegal und den trifft zu Recht der Zorn des Amos, der damals auch ohnmächtig war, aber der durch das Buch der Bücher weitergeht, als Drohung für alle Verächter der Menschenrechte.

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Bedenken

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Nach Entsetzen und Zorn erfordert aber die Erinnerung an die Kristallnacht die Übersiedlung in den Raum des kühleren B e d e n k e n s . Man muss die Hintergründe zu erfassen versuchen, den Wurzelverzweigungen des Hasses nachgraben, den Nährboden für vorurteile, Sündenbocktendenzen, Horizontverengungen, Rassenstolzdummheiten und Aberglauben aufspüren.

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Und da stoße ich unausweichlich auf den christlichen Antijudaismus. Er ist ein immer wieder auftauchendes Gespenst der abendländischen Geschichte und eine schwere Hypothek meiner Kirche.

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Wenn man in die Welt mehr Licht bringen will, darf man belastenden Schatten der Vergangenheit nicht ausweichen. Hier, in der Theologischen Fakultät hat unser damaliger Professor für Kirchengeschichte, Josef Maaß SJ, der große Fachmann für Kirche und Politik in der Vorlesung gesagt, wie wir auf die dunklen Dinge wie Hexenwahn und Judenhass und Ähnliches gestoßen sind: „Meine Herren, in der Kirchengeschichte gibt es nur eine Frage: Was ist gewesen und warum ist es dazu gekommen, was sind die Folgen? Ob uns die Antwort passt oder nicht, es kann nur um die Wahrheit gehen, die man weder beschönigend verdrängen noch propagandistisch übertreiben darf ... „ Es ist in der Kirchengeschichte wie in der Weltgeschichte: Die verfälschenden Übermaler sind immer am Werk. Die Wahrheit kann zwar unangenehm, peinlich und beschämend sein, aber sie macht nüchterner, bescheidener, demütiger, antitriumphalistischer, wachsamer, einfühlsamer und sensibler für Gefahren.

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Derzeit ist in Tirol das Rundgemälde im Gespräch. Ich habe für das Bildungsprogramm eigentlich eine anderes. Größeres Rundgemälde der heimischen Geschichte im Auge, das nicht nur die heroischen und glanzvollen Seiten der Historie konserviert, sondern eben auch die Schatten. Und in dieses Rundgemälde gehört beides: Bergiselschlacht und Kristallnacht. Und daraus sollte eine größere Sensibilität für Fehlentwicklungen in der Vergangenheit und lauernde Gefahren der Gegenwart erwachsen, eine Sensibilität, die nicht nur dann reagiert, wenn irgendein Dummkopf in der Straßenbahn „Sieg-Heil" schreit, sondern auch in den höheren Etagen der Tagespolitik, bei Parteilaufbahnen und parlamentarischen Spielen.

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Verneigen

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Aber wenn ich an die Schrecken der Kristallnacht denke, bewegen mich nach Entsetzen, Zorn und kritischer Analyse auch andere Gefühle. Ich fühle das Bedürfnis, mich z u v e r n e i g e n.

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Ich möchte mich verneigen vor den vielen unschuldigen Opfern. Sie sind im Frieden, weil Gott auf der Seite der Bedrängten und Verfolgten ist. Aber ich habe ein besonderes Bedürfnis, mich tief zu verneigen vor jenen großen Persönlichkeiten, die so Schreckliches erlebt, aber dann als Überlebende sich nicht nur tiefe Menschlichkeit bewahrt haben, sondern sich positiv für die Schaffung eines humanen Klimas und für Versöhnung eingesetzt haben. Ich darf hier zwei Beispiele erwähnen. Das eine ist unser verehrter, nunmehr heimgegangen Prof. Jakob Allerhand, Universitätsprofessor für Judaistik in Wien. Ich war mit Sascha befreundet. Er hat mir seine Kindheit und Jugend erzählt. Als 12Jähriger ist er dem Todeslager entflohen. Über die Pripetsümpfe wurde das Waisenkind nach Sibirien verfrachtet, kam nach Kasachstan und dann auf abenteuerliche Weise in den Westen. Dieser Mann, mit dieser erschütternden Biographie hat sich in Österreich immer für die Versöhnung von Kirche und Judentum eingesetzt.

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Und das ist bewundernswert. Denn wer so lange Bitterkeit im Leben gekaut hat, dem wäre nicht übel zu nehmen, wenn er Verbitterung in sein Wesen aufgenommen hätte. Ein zweiter Großer dieser Art, mit dem ich noch korrespondieren durfte, war Viktor Frankl, der Tiefenpsychologe und Schöpfer der Logotherapie. Ich bin auch dankbar, dass ich dieser für mich nicht selbstverständlichen Offenheit und positiven Einstellung in Persönlichkeiten der Israelitischen Kultusgemeinde in Innsbruck begegnen durfte. Ich schenke ihnen allen im Gedenken an das was sie erleben mussten eine tiefe Verneigung.

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Verändern

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Und schließlich ertönt aus diesem Gedenken gebieterisch ein Befehl, ein Appell, ein Impuls: V e r ä n d e r n !

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Wir dürfen in diesem Gedenken nicht im Nostalgischen hängen bleiben, auch nicht in einer Nacht, in der uns das Böse in seinen Bann schlägt.

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An sich leben wir ja in einer Epoche, in der sich die Innovationen und Veränderungen in allen Bereichen der Menschheit überschlagen. Aber wenn es um Veränderungen in tiefsitzenden Grundhaltungen geht, in jahrhundertlang eingefressenen und eingerosteten Vorurteilen und irrationalen Abwehrhaltungen, dann ist Veränderung gar nicht so einfach. Überkonservativ eingestellte Kreise stemmen sich in Teilen der Gesellschaft gegen derartige Veränderungen. Manchmal klammert man sich sogar an pseudoreligiöse Begründungen. Das haben wir in der Kirche in den mutigen Vorstößen Johannes des XXIII und des Konzils zu spüren bekommen, als Neugestaltung der Beziehungen zum Judentum auf dem Programm stand. Wer Mentalitäten verändern will, braucht ein tiefe Überzeugung und einen langen Atem der Geduld. Es ist bekanntlich auch mühsam und langwierig, kontaminierte Böden zu sanieren. Bei den Veränderungen gegen Antijudaismus und Antisemitismus geht es auch um giftige Altlasten am Grund der Seelen.

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Aber, meine verehrten Freunde, ein bisschen h a t sich verändert. Ich war jahrzehntelang in Jugendarbeit und Schule. Ich weiß, dass der überwältigende Teil der jüngeren Generation mit diesen Vorstellungen von Gestern und Vorgestern nichts mehr am Hut hatte. Und ich freue mich über das herzliche Verhältnis zur israelitischen Kultusgemeinde in Innsbruck und ihre Integration in der Öffentlichkeit. Sie ist nicht mehr eine isolierte Gruppe am Rande der Gesellschaft. Sie gehört zur Stadt und zum Land. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich mit dem Bus durch die Sillgasse fahre und immer wieder eine Schulklasse vor der Synagoge stehen sehe zur Besichtigung - genau dort, wo sie vor 70 Jahren zerstört wurde. Ich freue mich, dass unser Kristallnachtdenkmals zwar nicht so imposant ist, aber dass es im Wettbewerb von jungen Menschen in den Höheren Schulen gestaltet wurde. Und ich freue mich, wenn der Verschönerungsverein zusammen mit der Stadt einen ehemaligen jüdischen Friedhof, der dem Judentum ja besonders heilig ist, eine würdige Gestaltung sichert, obwohl der Platz bei den meisten gar nicht mehr im Bewusstsein war.

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Ich freue mich über diese Veränderung, zu der das Ansehen und die geistige Offenheit einer Persönlichkeit wie Frau Prof. Dr. Esther Fritsch, aber auch der Stadtgemeinde und des Landes wesentlich beigetragen haben. Es hat sich doch auch ein wenig verändert. Und so zeigt auch die dunkelste Nacht unserer lieben Stadt einen hellen Streif am Morgenhimmel.

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Das also ist die Skala der wechselnden Gefühle in diesem Gedenken: über Entsetzen und Zorn, kritisches Bedenken und ehrfurchtsvolle Verneigung bis zu hoffnungsvoller Veränderung, mit dem Blick auf die Verwirklichung einer Zivilisation der Liebe.

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