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Wider den subtilen Selbsthass. Auch in der Kirche!
(Predigt in der Jesuitenkirche, gehalten am 11. Juli 2021)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2021-07-13

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Schmal ist diese Grenze: die Grenze zwischen Kritik, Hass und Selbsthass. Und sie wird noch schmäler, wenn positive Identitätsbilder, wenn ein „gesundes Selbstbewusstsein“ eine Mangelware darstellen. Wenn der moralisierende Ton den allgemeinen Diskurs beherrscht. Meine Generation ist regelrecht getrimmt worden in der Logik der sog. „kritischen Theorie“. „Kritik“, „kritisches Bewusstsein“ und der selbstgerecht erhobene Zeigefinger sind uns zu regelrechten „Schibboleths“ geworden, zu magischen Schlüsseln, die sämtliche Türen in Richtung „Zukunft“ zu öffnen versprachen. Mehrere Semester lang waren wir von einem Dozenten für Philosophie fasziniert, dessen Grundeinstellung im Satz gipfelte, es sei unverantwortlich Kinder in diese „falsche“ Welt zu setzen. „Es lässt sich privat nicht mehr richtig leben“, dichtete gegen das Ende des Zweiten Weltkriegs in seinem amerikanischen Exil der deutsche Starphilosoph Theodor W. Adorno. Er veränderte dann den Wortlaut dieser Maxime, der Spruch wurde auch zu einem Aphorismus, der die Mentalität der 68-er Studentenrevolte anfeuerte und bis in unsere Zeit das „möchtegern revolutionäre Bewusstsein“ strukturiert: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“.  Die Sentenz motivierte zuerst zum Engagement in Richtung Veränderung. Nachdem aber die aus der Hüfte geschossenen Veränderungsrezepte nicht aufgingen, generierte dieses kritische Bewusstsein destruktive Mentalitäten, stellte den fruchtbaren Boden für die Kultivierung eines subtilen Selbsthasses dar, weil es ein privates Glück unter Generalverdacht stellte. Meisterhaft formuliert negiert der Aphorismus das für jeden Menschen doch notwendige positive Identitätsbild, das positiv besetzte Selbstbewusstsein, oder verschiebt dieses, und damit auch die Präsenz des richtig glücklichen Lebens auf den St. Nimmerleinstag. Von einem derart kritisch motivierten Bewusstsein angetrieben „stürzen“ in unserer Gegenwart die Epigonen dieser Mentalität immer wieder ganze Biographien in den Abgrund, Traditionen – v.a. die christliche - und Institutionen – v.a. die Katholische Kirche – vom Sockel. Kritik, Infragestellung, Destruktion mutieren zum erstrangigen Lebensvollzug. Ich muss freimütig bekennten, dass ich hin und wieder angewidert bin über den Ton und über das permanente Hervorheben von Fehlern, Pannen und Anschuldigen – und dies fast bei jeder positiv anmutenden Nachricht – in unserer medial strukturierten Öffentlichkeit; (was ich vermisse, ist die gesunde Selbstkritik der sich so rühmenden „unabhängigen Medien“). Ja, Kritik, Hass und Selbsthass liegen nahe beieinander, gerade wenn die positiven Identitätsbilder mit Füßen getreten werden.  

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Liebe Schwestern und Brüder, warum dieser geschichtsphilosophisch anmutende Einstieg in die Predigt an einem Sonntag, an dem die Sommerferien der Schulen beginnen?  Was haben wir denn heute in der Lesung (Eph 1,3–14) gehört? Und dies noch meisterhafter formuliert als all die „Minima Moralia“ von Adorno, die das kritische Bewusstsein generieren sollten. Das exakte Gegenteil dieser kritischen Mentalität. Auf die Kurzformel gebracht: Gerade, weil es so viel an falschem Leben gibt und dies auf Schritt und Tritt, gerade deswegen dürfen wir glauben, dass wir aus Liebe im Voraus dazu bestimmt sind, in diesem falschen Leben ein richtiges Leben zu haben. Das Wort des lebendigen Gottes, das uns an diesem Sonntag trifft entwirft nicht ein kleines, nett anmutendes Bildchen vom privaten Glück. Es entwirft vor unseren Augen eine atemraubende und atemberaubende Perspektive. Es sprengt den Tunnelblick – auch oder gerade den kirchlich momentan so massiv präsenten Tunnelblick –, der nur noch den „Missbrauchspriester“ erblickt und die „klerikale Macht“, den Tunnelblick, der bloß Korruption artikuliert und das Verbrechen, ganz gleich welcher Couleur, den Tunnelblick, der unsere ganze Geschichte zur „Kriminalgeschichte“ abstempelt und bloß für Empörung und Selbsthass sorgt. Das Wort des lebendigen Gottes sprengt diesen sogenannten kritischen Blick, weil es uns ein gesundes Selbstbewusstsein vermittelt. Nein! Es sagt nicht, dass wir moralisch perfekt sind. Es kanzelt uns aber auch nicht ab. Ganz im Gegenteil. Das Wort Gottes spricht uns zu: Ganz gleich, wer du bist, ganz gleich, wie du dein Leben lebst, ganz gleich, wie es dir ergeht: Eines ist dir sicher! Du bist gesegnet, ja erwählt und dies schon vor der Erschaffung der Welt. Das allererste und niemals in Frage zu stellende Axiom unseres Lebens lautet: wir sind auch Liebe dazu bestimmt, durch Jesus Christus Kinder des himmlischen Vaters zu werden. Durch Jesus Christus! Nicht nur unsere Leistung, nicht durch unser Bravsein und auch nicht durch unsere Kirchlichkeit. Das Bewusstsein dieser Erwählung können weder die Kirchenaustritte, noch die so schwachen und sündigen Priester in Frage stellen.

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Liebe Schwestern und Brüder, die Pandemie, all die Diskussionen über die Systemrelevanz der Kirchen, aber auch die ständig zu hörenden Aufforderungen seitens der kirchlichen Hierarchie und der Caritas, was wir noch alles tun müssten, damit wir eine Berechtigung zum Dasein in diesem „falschen Leben“ haben, haben uns, haben den Christen den Boden unter den Füßen entzogen. Wir haben unser gesundes – unser gläubiges – Selbstbewusstsein verloren: das Vertrauen, dass wir geliebt sind. Deswegen auch gerade im falschen Leben uns des richtigen Lebens erfreuen können. Jeder auf seine Weise. Im Geiste der Dankbarkeit Gott dem Vater Jesu Christi gegenüber, der uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet hat.

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