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Epidemie und Oikonomie

Autor:Lumma Liborius
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2020-03-30

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Seit etwa zwei Wochen – mancherorts schon länger, andernorts etwas kürzer – befindet sich die katholische Kirche und mit ihr alle anderen Religionsgemeinschaften in weiten Teilen der Welt in einem pastoralen, karitativen und liturgischen Ausnahmezustand, den sich zuvor kaum jemand hätte vorstellen können.

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Zumindest in unseren Breiten hat die theologische Reflexion kirchlicher Gewohnheiten und Normen einen solchen Fall bestenfalls abstrakt behandelt: quasi als Fußnote im Lehrbuch, die auf besondere Umstände in Kriegszeiten, in restriktiven politischen Systemen oder unter anderen außergewöhnlichen Rahmenbedingungen eingeht. Die Religionsgemeinschaften haben der massiven Beschränkung ihrer gewohnten Entfaltungsformen sogar ausdrücklich zugestimmt: Auch dieser Fall war nicht als Lehrbuchwissen vertraut, doch in der derzeitigen Situation war das vernünftig und ethisch geboten – und Religionen sind keineswegs so rationalitätsfeindlich wie ihnen gerne unterstellt wird.

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Was sich gerade im kirchlichen Leben ereignet, wird tagesaktuell theologisch analysiert, und ich muss gestehen: Die Schärfe vieler dieser Analysen irritiert mich. Mal ist das, was sich nun unter großem Zeitdruck und hoher psychischer Belastung aller Beteiligten neu konfiguriert, ein Beweis dafür, wie sehr die katholische Kirche selbstgefälligem Klerikalismus huldigt; mal folgt aus der Bestandsaufnahme, dass nun endlich und offensichtlich die große Stunde der Laien und ihrer von jeglichem hierarchischen Korsett befreiten Begabungen schlägt. Es scheint bereits festzustehen, dass nach der Corona-Krise die Kirchen an Sonntagen noch leerer sein werden als zuvor und das Christentum noch schneller an gesellschaftlicher Relevanz einbüßt als ohnehin schon; andererseits erblüht laut anderen Deutungen gerade die „Hauskirche“, und damit wird das Christentum wieder so sehr zum Sauerteig der Menschheit, wie es das seit dem 2. Jahrhundert nicht mehr gewesen ist.

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In den Analysen der von Bischöfen (inklusive des Bischofs von Rom), Liturgiereferaten, Caritas, Orden, Gemeinden und Privatpersonen unter enormem Zeitdruck vorgelegten Initiativen (Rahmenordnungen für das Gemeindeleben, Seelsorge-Hotlines, Hilfsdienste für die Risikogruppen, Liturgie-Streamings, Gottesdienstvorlagen für die Ostertage in der Familie, Predigt-Podcasts usw.) werden bevorzugt jene Kategorien weiterverwendet, die noch vor wenigen Wochen selbstverständlich waren. Entsprechend eindeutig fällt dann das Urteil aus, schließlich ist man die Anwendung der eigenen Methodik ja bestens gewöhnt, Zeit für eine Neujustierung der eigenen Systematik ist ohnehin nicht vorhanden, und mediale Wirkung erzielt man nur, wenn man forsch und pointiert auftritt – und dabei auch am schnellsten ist.

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Diese in der Krise fortlebenden Muster scheinen mir symptomatisch zu sein für westkirchliche theologische Denkformen, die letztlich alle auf das Bedürfnis zurückverweisen, präzise zwischen richtig und falsch unterscheiden zu können. Selbst dort, wo das System Grautöne zulässt, versucht es sie durch exakte Instrumente zu erfassen, zu bändigen und zu normieren.

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Ich würde mir in der momentanen Situation mehr von dem wünschen, was im ostkirchlichen Denken oikonomia genannt wird: ein Begriff, der irgendwo zwischen Hausverstand und Weisheit oszilliert und der das beschreibt, was dem „Heil des (je einzelnen) Menschen in einer konkreten Situation dient“. Wo die Bibel etwa von Tugend und Klugheit redet, zeigt sie, dass man das nicht abgeschlossen-definitorisch, sondern nur metaphorisch und beispielhaft tun kann.

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Oikonomia sucht nicht nach der Gelegenheit, die eigene Überzeugung gegen andere durchzusetzen. Oikonomia schöpft aus dem Schatz der kollektiven Identität (in diesem Fall etwa dem Netzwerk aus Bibel, Konzilsbeschlüssen, Liturgie, Kirchenrecht, kulturellen und spirituellen Gewohnheiten und vielem mehr) und prüft, was davon in den Erfordernissen eines konkreten Einzelfalls das wichtigste ist, was für den Moment weggelassen werden muss und was nur in modifizierter Form hilfreich ist. Da oikonomia immer auf den Einzelfall bezogen ist, eignet sie sich nicht für Pauschalurteile und apodiktische Forderungen, und sie bietet auch kein rasterhaft anwendbares Handlungs- und Analyseinstrument. Sie verlangt jene Kompetenzen, die kaum in Lehrbuchwissen zu fassen sind und die doch aus menschlichen Begegnungen und aus persönlichen gelungenen und misslungenen Entscheidungsprozessen vertraut sind: Erfahrung, Verantwortungsbewusstsein, Aufmerksamkeit, die richtige Mischung aus Demut und Mut, die richtige Mischung aus Ernsthaftigkeit und Gelassenheit.

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Die Corona-Krise hat uns alle erfasst, sowohl die Analysierten als auch die Analysierenden: psychisch, sozial, intellektuell, viele auch finanziell, manche – die jetzt um ihr Leben ringen – ganz spürbar leiblich. In dieser Situation müssen konkrete Menschen unter konkreten Umständen konkrete Lösungen für konkrete Herausforderungen finden. Abgeschlossene Systematiken eignen sich dafür nicht mehr. Sie sind für den Normalfall konstruiert, nicht für den Ausnahmefall.

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Für die Personen, die das kirchliche Leben in Zeiten des social (oder physical) distancing koordinieren und ihre Tätigkeiten ad hoc auf neue Methoden umstellen müssen, könnte sich die Anwendung der oikonomia in folgenden Fragen zeigen: Was sind meine individuellen Fähigkeiten, die ich in dieser neuen Situation einbringen kann, und welche Hilfsmittel können mir dabei dienen? Was sind meine Grenzen, die ich berücksichtigen muss und berücksichtigen darf? Wie kann ich den Menschen, für die ich verantwortlich bin, etwas Gutes tun? Wer kann mir ehrlich und besonnen rückspiegeln, ob ich mich in den Dienst des Menschen, des Glaubens und der Kirche stelle oder die Gunst des Augenblicks für meine eigenen Interessen nütze?

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Für diejenigen, die das Geschehen analysieren, könnte oikonomia heißen: Habe ich die Individualität und Einzigartigkeit der handelnden Menschen und der entstehenden Herausforderungen im Blick oder unterwerfe ich sie einem unhinterfragten Analyseraster? Ist meine Systematik eine Verstehenshilfe oder ist sie ein Instrument der Machtausübung, das meine Stabilität sichert und andere zu Objekten meiner Maßstäbe macht?

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In der gegenwärtigen Krisenerfahrung scheint es mir jedenfalls ungeeignet, vertraute Systematiken einfach weiterzuverwenden. Erst im Nachhinein wird der Schritt auf die reflexive Metaebene verantwortungsbewusst möglich sein. Dann wird erkennbar werden, was sich durchsetzt (im Unterschied zu „was jemand durchsetzen wollte“) und wie man darüber sinnvoll urteilen kann. Solange wir aber selbst noch mitten in der Krise sind, weiß ich kein besseres Instrument für den Umgang mit den unvermeidlichen Herausforderungen als die Haltung der oikonomia.

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