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Was Naherwartung sagt. Predigt am 18. November 2018 in der Jesuitenkirche

Autor:Niederbacher Bruno
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2018-11-19

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

1
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Das Ende steht direkt vor der Tür. Das hat, so scheint es, Jesus vor 2000 Jahren gesagt. Ist die Naherwartung ein Irrtum? Haben Jesus und seine Jünger sich getäuscht? Und wäre dies nicht peinlich für uns Christen – so wie es für manche Sekten peinlich sein muss, wenn der wieder einmal angekündigte Weltuntergang nicht eintrifft? Ich denke nicht. Die Idee der Naherwartung hat seine Richtigkeit und macht mir zwei Dinge klar.

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1. Oft denke ich, ich habe noch viel Zeit. Und es geht mir manchmal wie dem armen Trinker im Lied der Band EAV aus den 80er Jahren, der singt:

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… morgen, ja morgen, fang' i a neues Leben an,
und wenn net morgen, dann übermorgen, oder zumindest irgendwann
fang i wieder a neues Leben an.

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Morgen, später, irgendwann, so denke auch ich. Und schiebe auf, was dringend dran wäre: eine Entschuldigung, ein aufmunterndes Wort, eine Aussprache, einen Besuch, Zivilcourage, eine wichtige Entscheidung.

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Ich glaube, ich habe noch alle Zeit der Welt. Aber Jesus sagt mir mit der Idee der Naherwartung: „Sei nicht sicher, dass du Zeit hast…“ Jan Twardowski nimmt dies auf in seinem berühmten Vers: Beeilen wir uns, die Menschen zu lieben; sie gehen so schnell. Einer schrieb, als sein Vater völlig unerwartet starb: Ich trauerte nicht nur um den verlorenen Vater, dessen Herz weicher gewesen war als das Holz, das er bearbeitete, ich litt vor allem daran, dass ich ihm nie gesagt hatte, wie sehr ich ihn liebte.

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Was Jesus mit Naherwartung ausdrücken wollte, war gerade dies: Sage nicht: „Später, Morgen, Irgendwann!“, sondern sage: „Jetzt!“ Jetzt ist die Zeit für Versöhnung. Jetzt ist die Zeit für Solidarität. Jetzt ist die Zeit, jemandem zu sagen: „Ich bin so froh, dass es dich gibt“; „Was für ein Glück, dass ich dich gefunden habe.“ Jetzt ist die Zeit, das Evangelium zu leben und zu verkünden.

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2. Oft denke ich, Gott ist fern. Vor allem, wenn für mich selbst eine Welt zusammenbricht, wenn die Sterne vom Himmel fallen, wenn Menschen und Institutionen, die ich verehrt habe, sich nicht nur als allzumenschlich sondern als untragbar erweisen. Wenn wir uns enttäuscht fühlen, wenn der Arzt eine gefährliche Krankheit diagnostiziert, wenn der liebste Mensch stirbt, dann kommt uns vor, dass uns der Boden unter den Füßen weggezogen wird und wir ins Bodenlose fallen. Da fragen wir: Wo ist denn nun dein Gott? Da erscheint auch Gott ganz fern, abwesend, der Himmel verschlossen und fest verriegelt. Aber ist es so? Jesus sieht es anders. Er wagt den kühnen Vergleich des Weltuntergangs mit dem Feigenbaum im Frühling! Sobald seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, wisst ihr, dass der Sommer nahe ist. Genauso sollt ihr erkennen, wenn ihr all das geschehen seht, dass Er nahe vor den Türen steht.

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Ob wir es glauben können, dass die Begegnung mit dem erlösenden Gott auch und gerade dort geschieht, wo wir mit unserem Latein am Ende sind, wo wir ihm unsere Bruchstückhaftigkeit, Ohnmacht und Armseligkeit hinhalten; dass unser Scheitern Türen zur Gnade sind?

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Naherwartung sagt: Jede Stunde damit rechnen, dass Gott neue Türen öffnet. Jede Stunde damit rechnen, dass er mein Unheil in Heil verwandeln kann. Jede Stunde damit rechnen, dass er auf Besuch kommt. Gottes Reich ist nahe, hat Jesus gepredigt. Das ist Naherwartung pur.

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Auch Menschen, die keine Christen waren, bezeugen dies. Zwei Beispiele:

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Ich staune immer, wenn ich die Tagebücher von Etty Hillesum lese, dieser jüdischen Studentin aus den Niederlanden. Während aufgrund der Verfolgungen der Nationalsozialisten ihr alltäglicher Spielraum immer enger wird und sie schließlich im KZ endet, wird ihr geistliches Leben immer reicher. Sie spürt: Irgendwo in dir ist etwas, das dich niemals mehr verlassen wird (123). Und: Gott, ich danke dir dafür, dass ich manchmal eine solche Weite in mir spüre, denn diese Weite ist ja nichts anderes, als ein Erfüllt sein von dir. (81)

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Und Rabindranath Tagore schreibt in einem seiner Gedichte, die ich wie Psalmen bete:

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Hast du seine leisen Schritte nicht gehört? Er kommt, kommt, immer kommt er.

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In jedem Augenblick, zu jeder Zeit, jeden Tag und jede Nacht kommt er, kommt, immer kommt er.

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So manches Lied hab ich gesungen in so manchen Stimmungen, doch alle ihre Noten haben stets ausgerufen: „Er kommt, kommt, immer kommt er!“

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In den strahlenden Tagen des sonnigen Aprils kommt er durch den Waldpfad, er kommt, kommt, immer kommt er.

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Im Regendämmern der Julinächte kommt er auf dem donnernden Wolkenwagen, er kommt, kommt, immer kommt er.

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Nach jedem Kummer sind es seine Schritte, die mir auf das Herz drücken, und es ist das goldene Gewicht seiner Füße, das meine Freude aufleuchten lässt.

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