Welches Bild von Männlichkeit vermitteln Christentum und Islam? Welche zeitbedingten Interpretationsweisen sind im aktuellen Diskurs angemessen? Wie verhalten sich diese ‚Männerbilder‘ zu rezenten Studienergebnissen, bei denen sich gerade unter jungen Männern ein vermeintlich patriarchales Männer- respektive Geschlechterbild feststellen lässt?
Diese Fragen bildeten den Ausgang, um den ersten interreligiösen ZIRS-Gesprächsabend der Reihe „Miteinander Zukunft gestalten“ im Sommersemester 2026 unter den Titel „Alles im Bilde? Männerbilder in den Religionen zwischen Patriarchat und Feminismus“ zu stellen. Unter der Moderation von Carolin Hohmann konnten dafür mit Erich Lehner (Psychoanalytiker in freier Praxis, Forschung und Lehre im Bereich Männer- und Geschlechterforschung, Bad Fischau) und Mouez Khalfaoui (Professor für Islamisches Recht, Universität Tübingen) zwei profunde Männerforscher gewonnen werden, die sich aus christlich-muslimischer Perspektive zum Thema positionierten.
Während Lehner in seinen Ausführungen Männlichkeit als Beziehungsgeschehen einführte und anstelle einer hegemonialen Männlichkeit als alternativ-zeitgemäßes (christliches) Modell eine sorgende Männlichkeit vorschlug, die von Empathie, Bezogenheit und Partner:innenschaft durchdrungen ist, wählte Khalfaoui einen Zugang, der an einer an Begegnung orientierten Erschließung der Lebenswelt ansetzt. Darauf aufbauend legte er exemplarisch anhand zweier Koraninterpretationsweisen – Sure 4 Vers 1 sowie Sure 4 Vers 34 – dar, welches Männerbild sich im Islam ursprünglich wiederfindet und betonte, wie sich durch unterschiedliche Rezeptionsweisen patriarchale Klischees im gesellschaftlichen Verständnis manifestieren konnten.
In beiden Impulsen sowie dem anschließenden Austausch wurde deutlich, dass Bilder von Männlichkeit bzw. Geschlecht jeweils performativ und stark kontextgebunden zu lesen sind und in der Gegenwart einer Transformation bedürfen. Insbesondere bei religiösen Schriften, wie der Bibel und dem Koran, gilt es entsprechende Bilder und Vorstellungen aus dem Verständnis der damaligen Zeit im hier und jetzt neu zu lesen. Wie gewohnt steht eine Aufzeichnung des Gesprächsabends zum Nachhören auf unserem YouTube-Kanal zur Verfügung.
