Universität Innsbruck

Der begehrte und umstrittene Nobelpreis ...

... hat einen Wert von 200.000 schwedischen Kronen (rund eine Million Schilling) und wird alljährlich für Leistungen auf dem Gebiet der Physik, der Medizin, der Chemie und der Literatur am 10. Dezember in Stockholm vergeben, während der sogenannte Friedensnobelpreis in Oslo zugesprochen wird. Die Kandidaten werden von der Schwedischen Akademie der Wissenschaften (für Physik und Chemie), dem Karolinischen Institut zu Stockholm (Literatur), der Akademie zu Stockholm (Medizin), und dem norwegischen "Storthing", der Nationalversammlung ohne Rücksicht auf die Nationalität ausgesucht. Die Preisträger erhalten neben der Anweisung auf den Geldbetrag ein Diplom und eine Goldmedaille mit dem Bild Alfred Nobels, des Erfinders des Dynamit, ausgehändigt, der durch sein Testament den Nobel-Fonds gegründet hat, von dessen Zinsen die Preise bestritten werden. Bisher erhielten folgende Östereicher diese Auszeichnung:

  • Berta von SUTTNER (1905, Frieden),
  • Alfred H. FRIED (1911, Frieden),
  • Robert BARANAY (1914, Medizin),
  • Fritz PREGEL (1923, Chemie),
  • Richard ZSIGMONDY (1925, Chemie),
  • Julius WAGNER-JAUREGG (1927, Medizin),
  • Karl LANDSTEINER (1939, Medizin),
  • Erwin SCHRÖDINGER (1933, Physik),
  • Victor Franz HESS (1936, Physik),
  • Otto LOEWI (1936, Medizin),
  • Richard KUHN (1938, Chemie),
  • Wolfgang PAULI (1945, Physik),
  • Carl Ferdinand und Gerty Theresia CORI (1947, Medizin).

Der einzige Preis, den noch kein Österreicher erlangt hat, ist der für Literatur.

Drei Nobelpreisträger in Graz

Relativ kurze Zeit hat Professor Dr. Erwin Schrödinger in Graz verbracht. Nach seinem Studium der Physik und der Mathematik in Wien und nach seiner Lehrtätigkeit in Jena, Stuttgart, Breslau, Zürich, den Vereinigten Staaten, als Nachfolgen von Max Planck in Berlin und als Gastprofessor in Oxford übernahm er in Graz 1937 die Professur für theoretische Physik. Dadurch trat der seltene Fall ein, daß in diesem Jahr das Professorenkollegium der Grazer Universität drei Nobelpreisträger gleichzeitig aufwies. Loewi, Hess und Schrödinger. Aus Protest gegen den Nationalsozialismus verlies er Österreich und kehrte erst 1955 aus Dublin nach Wien zurück, wo er am 4. Jänner 1961 einem Asthmaleiden erlegen ist. Als Erwin Schrödinger - damals als Professor für theoretische Physik in Berlin tätig - 1933 gemeinsam mit dem Engländer Paul Dirac den Nobelpreis erhielt, wurde zum erstenmal ein östereichischer Phsyiker mit diesem Preis geehrt. Die Auszeichnung wurde ihm "für die Entdeckung fruchtbarer Prinzipien zur Entwicklung der Atomtheorie" verliehen, durch die er die moderne Atomforschung wesentlich beeinflußt hat. Schrödingers Name ist heute kaum noch aus einem Lehrbuch der Physik wegzudenken, und seinem weitgespannten Horizont verdanken wir auch eine Reihe von reifen Arbeiten, die an tiefe philosophisch-naturwissenschaftlische Probleme rühren.

Ein echter Steirer ...

Als Sohn eines Försters wurde Victor Franz Hess am 24. Juni 1883 auf Schloß Waldstein bei Deutsch-Feistriz geboren. Seine ungewöhnliche Begabung ist nach außen hin schon durch das Doktorat "sub auspiciis imperatoris" gekennzeichnet, das er 1906 an der philosophischen Fakultät in Graz erwarb. Die entscheidenden Impulse für seine Lebensarbeit erhielt Hess im Wiener Institut für Radiumforschung. Als ihn 1920 gleich zwei Berufungen erreichten, nämlich nach Amerika und Graz, zog er die in seine Heimat vor. Hier wirkte er zunächst als außerordentlicher Professor für Experimentalphysik and er Universität. Nach seinem zweijährigen Aufenthalt in den USA als Direktor eines Radium-Forschungslabors leitete er in Graz das physikalische Institut und wurde 1929 Dekan der philosophischen Fakultät der Karl-Franzens-Universität. Hier nahm er seine Arbeiten auf dem Gebiet der Strahlenforschung wieder auf und setzte diese nach 1931 in Innsbruck fort. Mit seinen Erkenntnissen hat Hess die Grundlage für die gesamte Strahlungs- und Kernforschung geschaffen und machte die Beobachtung, daß die Erde nicht nur von der Sonne bestrahlt wird, sondern überdies starken kosmischen Strahlungen von (auch heute noch) unerklärter Herkunft ausgesetzt ist, seither "Hess'sche Ultrastrahlen" genannt. Die gerechte Anerkennung seiner Verdienste war 1936 der Physik-Nobelpreis für die Entdeckung der kosmischen Strahlung. Den Preis teilte er damals mit dem Amerikaner Carl David Anderson, dem Entdecker des Positrons. 1938 wanderte Hess nach den USA aus, wo er nun als amerikansicher Staatsbürger lebt.

... und ein "echter Wahlgrazer"

Im selber Jahr wie Hess (1936) erhielt auch ein Wahlösterreicher den Nobelpreis für Physiologie und Medizin: Otto Loewi, Inhaber des Lehrstuhls für Pharmakologie an der Universität Graz, zusammen mit dem Engländer Sir Henry Dale für seine 1921 begonnenen Studien über Herzhormone. Zu dieser Zeit waren seine Arbeiten in Fachkreisen schon längst bekannt und geschätzt. Seine heute schon als klassisch gewerteten Versuche betreffen die chemische Seite der Nervenerregung und sind weit über anfängliche Spezialprobleme hinaus für die gesamte Nervenphysiologie und das Verständnis der Herzarbeit von Bedeutung geworden. Beträchtliches Aufsehen erregten auch Loewis Studien über Diabetes (Zuckerkrankheit). Der am 3. Juni 1873 in Frankfurt am Main geborene Physiologe und Pharmakologe gehörte der Grazer Universität von 1906 bis 1938 an. Bald nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde er hier verhaftet und mußte als Preis für seine Freilassung und Auswanderung nach den Vereinigten Staaten den Nobelpreis dem Deutschen Reich überschreiben. Rund 30 Jahre hindurch - darunter 1912 bis 1913 als Dekan der medizinischen Fakultät - war er an der Grazer Universität Tausenden von Studenten menschliches Vorbild und geschätzter Lehrer. Um ihn scharte sich eine große Zahl von Schülern und Mitarbeitern, auf die sein Wissen und seine Persönlichkeit ausstrahlten. Professor Loewi starb am 25. Dezember 1961 in New York.

 

Diese inhaltsvolle und - nocheinmal sei's gesagt - bei weitem nicht vollsändige Bilanz über die wissenschaftliche Tätigkeit an unseren Hochschulen läßt wohl jeden Zweifler und Nörgler erkennen, daß die Steiermark auch in jüngster Zeit auf den verschiedensten Gebieten von Lehre und Forschung stolz sein kann auf ihre Söhne, zu denen wir auch die zählten, die zum Teil nur in einem Verhältnis der "Wahlverwandschaft" zur grünen Mark gestanden sind. Wenn auch in letzter Zeit der Nobelpreis selten bis gar nicht den Weg nach Österreich oder gar nach Graz findet, so lebt doch noch der Geist der mit dieser hohen Ehre ausgezeichneten Wissenschaftler in ihren Schülern fort, die heute selbst schon die Studenten unterrichten, und ihre wesentlichen Erkenntnisse dienen als Grundkonzepte der Forschung in der ganzen Welt.


Der begehrte und umstrittene Nobelpreis, Kleine Zeitung, 1963.