Peter Goller
Franz Weiß (1902-1942)

Am 18. April 1902 wird Franz Weiß nahe Graz in Maria Trost, Rettenbach Haus Nr. 204, als Sohn der 1900 verehelichten Kleinstbauern, „Grundpächter“ Franz Weiß (Jg. 1863) und Therese Schornböck (Jg. 1880) geboren.
Der Vater des älteren Franz Weiß wird als „Johann Weiß, Keuschler“ in die Taufmatrikel des Pfarramts St. Anna am Aigen eingetragen. Auch Therese Schornböcks Herkunft aus einer Keuschler-Familie lässt Dorfarmut vermuten.

Franz Weiß als Schuhmachergeselle
Am 2. Februar 1920 stellt die Fach-Genossenschaft der Schuhmacher in Feldbach den „freisprechenden“ Lehrbrief für Franz Weiß aus. Er hat seit Jänner 1917 bei Josef Binder und Josef Schöllauf die Lehrzeit absolviert. Die Gesellenprüfung besteht er am 22. Februar 1920. 1933 – mittlerweile zum Dr.phil. promoviert – heiratet Franz Weiß Charlotte Jahrmarkt, 1899-1993, in Berlin-Charlottenburg geboren, aus einer Arbeiterfamilie. Sie war bis zu ihrer Verehelichung als Postassistentin in Berlin tätig. 1936 wird Tochter Ariane, 1937 Tochter Sabine geboren. Im Grazer Haushalt „1 Küche, 1 Zimmer“ lebt auch die jüngere Schwester Renate Jahrmarkt.
Am 24. Februar 1927 hat Franz Weiß am Akademischen Gymnasium die Matura als Externist bestanden. In der Hausarbeit schreibt er über „das moderne Proletariat und die soziale Frage“. So wie Gesellenbrief, Reifeprüfungszeugnis liegt auch Franz Weiß‘ Studienbuch vor.

Franz Weiß als Geschichtestudent an der Universität Graz
Er inskribiert mit dem Sommersemester 1927 an der Philosophischen Fakultät der Grazer Universität. In den Folgesemestern hört er bis zum Frühjahr 1931 vor allem geschichtliche und germanistische Lehrveranstaltungen.
Bei Raimund Friedrich Kaindl (1866-1930) besucht er Kollegien über „Österreichische und deutsche Geschichte 1740-1815“ und Übungen aus der österreichischen und neuzeitlichen Geschichte („Staatsschriften und Publizistik aus dem 19. Jahrhundert“), über „Österreichische Geschichte seit dem Wiener Kongress“ und „Die deutsche Nationalversammlung 1848/49“ oder über „böhmische und ungarische Geschichtsquellen“.
Kurt Kaser (1879-1931), Karl Lamprecht in Leipzig verbunden – nicht zufällig hat der vom „Lamprecht-Streit“ her bekannte Georg Below 1902 in der „Historischen Zeitschrift“ Kasers Habilitationsschrift „Politische und sociale Bewegungen im deutschen Bürgertum zu Beginn des 16. Jahrhunderts“ (1899) attackiert – Kaser, auch im Umfeld des der österreichischen Sozialdemokratie nahestehenden Mediävisten und Volksbildners Ludo Moritz Hartmann, war auch Anreger zu Studien zur Geschichte der steirischen Arbeiterbewegung. Kurt Kaser ist Franz Weiß‘ wichtigster Lehrer. Er hört bei ihm „Wirtschaftsgeschichte des 18. Jahrhundert“, „Wirtschaftsgeschichte Österreichs im Vormärz“ und sitzt durchgehend bis zum Studienende in Kasers „wirtschaftsgeschichtlichen Übungen“, dazu bei Anton Mell „Quellen zur Verfassungsgeschichte“ und „Geschichte der Staatsbildung“. Bei Otto Cuntz hört Weiß über römische Geschichte. (Vgl. Günter Fellner: Ludo Moritz Hartmann und die österreichische Geschichtswissenschaft, Wien-Salzburg 1985, 282f., 439)
In der Germanistik studiert er bei seinem späteren Rigorosenprüfer Karl Polheim, hört bei ihm über „Schiller“, „Goethe“, „Lessing, Wieland, Herder“. Er besucht 1928 Konrad Zwierzina „Interpretation ausgewählter Stücke aus Wolframs Parzival und ein Seminar über „mittelhochdeutsche Prosa“. Bei Hugo Kleinmayr schreibt er sich in dessen „Einführung in das Mittelhochdeutsche“ und eine Vorlesung über „Friedrich Hölderlin und seine Zeit“ ein.
Beim klassischen Philologen Karl Mras hört er über „Geistige Strömungen im Zeitalter der zweiten Sophistik (römische Kaiserzeit)“, über „Cicero“.
Beim Indogermanisten Hans Reichelt ergänzt Weiß seine Sprachstudien im Wintersemester 1930/31 mit einer Sanskrit-Vorlesung. Ab dem Studienjahr 1928/29 besucht er nationalökonomische Vorlesungen an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät, so bei Wilhelm Röpke volkswirtschaftliche Übungen, bei Wilhelm Andreae, einem Anhänger von Othmar Spanns „Universalismus“, Kollegien über „Finanzwissenschaft“ und „Sozialpolitik“ oder das Seminar von Josef Dobretsberger. Gegen Ende des Studiums wählt Franz Weiß einzelne physikalische Kollegien bei Michael Radakovic und Hans Benndorf.

Promotion zum Dr.phil. 1931
Im Herbst 1931 legt Weiß die Dissertation „Geschichte des Proviant- und Widmungswesen im steirisch österreichischen Eisenwesen“ vor. Hans Pirchegger bezeichnet die auf umfangreiches Archivmaterial gestützte Untersuchung Ende Oktober 1931 als „sehr beachtenswert“. Nach redaktioneller Korrektur sollen große Teile der Arbeit im Druck veröffentlicht werden. Anton Mell stimmt als Zweitreferent zu. Die wirtschaftsgeschichtlichen Kenntnisse hat Weiß bei dem im Herbst erkrankten, am 1. November 1931 verstorbenen Kurt Kaser erworben. Pirchegger bezeichnet Weiß explizit als „einen Schüler Kasers“.
Das zweistündige Hauptrigorosum aus Geschichte und Germanistik legte Franz Weiß am 15. Dezember 1931 mit ausgezeichnetem Erfolg bei Anton Mell und Hans Pirchegger, sowie bei Karl Polheim ab.
Am 21. Dezember 1931 folgte das einstündige Pflichtrigorosum aus Philosophie („Philosophicum“), für das Ernst Mally – bei diesem hat Weiß über „Logik“ gehört – und Carl Siegel vorgesehen waren.
Am 22. Dezember 1931 wird Franz Weiß zum Dr.phil. promoviert.

Von der Sozialdemokratie zur KPÖ
Franz Weiß war Sozialdemokrat, Republikanischer Schutzbündler. Arnold Reisberg beschreibt 1974 in „Februar 1934“ (S. 45-48) neben den Linzer, Steyrer, Wiener auch die steirischen Kämpfe, in Bruck an der Mur oder in Graz.
Im Mai 1934 bereist Anna Seghers auch die Steiermark, um „den letzten Weg des Koloman Wallisch“ über die steirischen Alpen in einer Novelle zu beschreiben. Im 1935 im Exil veröffentlichten Roman „Der Weg durch den Februar“ fügt sie in szenischen Bildern auch die Grazer Februarkämpfe ein – Heldenmut, Opferbereitschaft, Konflikte zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten, auch Verzweiflung, Depression und Demoralisation.
Durch die ständigen Schikanen, Durchsuchungen, Verhaftungen sind auch in Graz viele Schutzbundverbindungen abgerissen. Es herrscht Verwirrung. Was tun? Anna Seghers lässt eine alte Grazer Arbeitersozialistin auftreten: „‘Habt ihr denn plötzlich Gewehre?‘ – ‚Dazu brauchst keins. Wir müssen die Straße aufreißen. Wir müssen doch etwas für Bruck tun. Die verbluten doch. Wir können doch die Soldaten nicht einfach durchlassen.‘ – ‚Das hätt man längst gesollt.‘ (…) Die Frau sagte: ‚Ihr wisst selbst nicht, was ihr müsst. Jetzt ist’s doch viel zu spät.‘“ Der am 19. Februar 1934 nach den Februarkämpfen hingerichtete Landessekretär Koloman Wallisch muss auch für Franz Weiß großes politisches Vorbild gewesen sein. Er kannte wohl auch den am 17. Februar 1934 hingerichteten Grazer Metallgewerkschaftler und Arbeiterkammersekretär Josef Stanek. Franz Weiß zählt zu jenen Sozialdemokraten, die enttäuscht über den reformistisch defensiven Kurs der SDAP zur kommunistischen Partei wechselten.

Franz Weiß als illegaler KPÖ-Aktivist. Verhaftung. Hinrichtung
Mit dem Regisseur Karl Drews, dem Angestellten Josef Neuhold oder dem Kaminkehrer Anton Kröpfl baute Franz Weiß nach dem „Anschluss“ eine illegale steirische KP-Landesleitung auf. Anfang 1941 wurden viele Mitglieder dieser Gruppe verhaftet. (Dazu Heimo Halbrainer: Die ersten Prozesse des Volksgerichtshofs in Graz 1942 gegen Kommunisten, in: Alfred Klahr Gesellschaft. Mitteilungen 4/2022.) Nach seiner Verhaftung Anfang Februar 1941 wurde Franz Weiß fristlos aus dem Dienst am Grazer Landesarchiv entlassen.
Bei Franz Weiß‘, der ein geschulter politischer Kader war, fand die Gestapo laut Bericht vom
17. März 1941 in einer Heuhütte im Wolfsgraben im Landkreis Graz-Land versteckt „mehrere marxistisch-kommunistische Schriften“:

  1. Ferdinand Lassalle: Gesammelte Reden und Schriften;
  2. Bilanz der Revolution 1905;
  3. Über Historischen Materialismus von Marx und Engels;
  4. W.I. Lenin, Staat und Revolution;
  5. Protokoll des VI. Weltkongresses der kommunistischen Internationale;
  6. Die Klassenkämpfe in Frankreich von 1848 bis 1850, von Karl Marx;
  7. Die russische Revolution von Rosa Luxemburg
  8. „Der Kampf“, sozialdemokratische Monatsschrift in Buchformat“

Die Angeklagten bekamen im Sommer 1942 die militante Verschärfung und weitere Barbarisierung der Repression zu spüren, erfolgt nach dem Angriff auf die Sowjetunion und der für den deutschen Faschismus seit dem Dezember 1941 verschlechterten Kriegslage.
Im Sommer 1942 wird im Todesurteil eines Grazer Senats des Berliner Volksgerichtshof festgehalten, dass Franz Weiß in Gesprächen mit Mitangeklagten sowie mit den ihm nahe stehenden Arbeitern kommunistische Gedankengänge entwickelt und diese Personen damit in ihrer kommunistischen Einstellung bewusst bestärkt hat. Weiß habe großes Vertrauen in die Stärke der Sowjetunion und der Roten Armee geäußert und in einer Flugschrift die Niederlage des Kapitalismus vorhergesagt: „Dann aber wird der Kapitalismus nicht mehr imstande sein, so wie er 1919 die bayrische und ungarische Räterepublik zerschlug, 1927 das Wiener Proletariat niedermetzelte, 1938 das spanische Volk erwürgte, auch die kommende proletarische Revolution niederzuschlagen.“ (Nach Willi Weinert: Lisl Rizy und Willi Weinert: „Mein Kopf wird Euch auch nicht retten.“ Korrespondenz österreichischer Widerstandskämpfer und Widerstandskämpferinnen in vier Bänden, Wien 2016, über Franz Weiß Band 4, 1992-1996.)
In Gefängnisbriefen an seine Frau Charlotte – neun Briefe, ein Brief von Charlotte Weiß – berichtet Franz Weiß über seine bedrückte Lage, dabei Frau und Kinder aufmunternd, an seinen politischen Idealen treu festhaltend.
Am Tag seiner Hinrichtung im Wiener Landesgericht schreibt Weiß am 7. Oktober 1942 seinen Abschiedsbrief. Wochen nach der Befreiung wurde eine Abschrift angefertigt und im Juni 1945 in der Zeitung der steirischen KPÖ veröffentlicht und in der Forschung zitiert. Die Gefängnisbriefe und der Abschiedsbrief im handschriftlichen Original werden unberührt im Karton „Franz Weiß“ im Universitätsarchiv verwahrt.
In Tirol setzte die Repression gegen den sozialistischen und kommunistischen Widerstand (revolutionäre Sozialisten: Josefine und Alois Brunner; gegen kommunistische Gruppen um den Berliner Verbindungsmann Robert Uhrig: Adele Stürzl, Anton Rausch, Max Bär, Josef Pair, Adalbert Horejs, Leopold Alois Tomschik, um Eisenbahner wie Konrad Tiefenthaler oder Andreas Obernauer – Josef Frenademetz,
Josef Werndl, Johann Nepomuk Vogl, Adele Obermayr ua) im Frühjahr 1942 ein. Initiativen zur landesuniversitären Erinnerung an den Tiroler ArbeiterInnenwiderstand, etwa im Rahmen der jährlichen Innsbrucker Christoph-Probst-Vorlesung blieben unbeantwortet, offenbar nicht einmal ignoriert.

Franz Weiß in der Erinnerung seiner Tochter Sabine Weiß, Professorin der österreichischen Geschichte an der Universität Innsbruck
Die vorhin genannten persönlichen Dokumente von Franz Weiß fanden sich im Nachlass seiner Tochter Sabine Weiß (1937-2026, nach Grazer Promotion zu einem Thema der Maximilian-Forschung seit 1968 Assistentin an der Universität Innsbruck, 1978 Habilitation für Österreichische Geschichte, seit 1985 Universitätsprofessorin). Am 4. März 2026 wurden diese Unterlagen samt Lebensdokumenten von Sabine Weiß dem Universitätsarchiv Innsbruck übergeben.
In Erinnerung an ihren Vater gehörte Sabine Weiß dem Kuratorium des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands (DÖW) an. Sie stand in Kontakt zu DÖW-Gründer Herbert Steiner (1923-2001), der in den frühen 1980er Gastvorlesungen am Innsbrucker Institut für Geschichte abgehalten hat. Dementsprechend hat sie auch einen Beitrag über den individuellen Widerstand für die DÖW-Reihe „Widerstand und Verfolgung“ verfasst. Während Sabine Weiß 1984 über den „Widerstand von Einzelnen“ berichtet hat, schreibt ihr Innsbrucker Fachkollege Gerhard Oberkofler über den Widerstand der Sozialisten und Kommunisten.
Herbert Steiner merkte im Vorwort an, dass der Tiroler Widerstandsband nur auf Grundlage der jahrelangen Sammlungstätigkeit des Antifaschisten Edwin Tangl (1912-1990, Resistance, 1940 in Paris Tochter Claire geboren, Wiedersehen mit Frau und Tochter erst nach der Befreiung aus dem KZ Dachau) entstehen konnte, nicht zuletzt wegen der damaligen „Aktensperre“ im Tiroler Landesarchiv.
Es bestand so doppelter Kontakt zu Edwin Tangl: a) im Zug des DÖW-Beitrags und b) im Zug der Erforschung des Thun-Archivs in Tetschen/Decin (Staatsarchiv Litomerice/Leitmeritz) durch die MitarbeiterInnen der Abteilung „Österreichische Geschichte“ um 1985. Edwin Tangl, auch der tschechischen Sprache kundig, hat nützliche Kontakte vermittelt. Edwin Tangl hat in den 1980er Jahren auch die Herausgabe des „Michael Gaismair“-Buchs des tschechischen Historikers Josef Macek unterstützt.

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