Anna Seghers

Anna Seghers und die sozialistische, kommunistische Arbeiterbewegung zwischen Oktoberrevolution und Faschismus. Arbeiterkämpfe, Klassenkämpfe in Anna Seghers‘ Romanen 1932-1949

Der Weg der in Heidelberg Kunstgeschichte studierenden, 1924 mit einer Dissertation über „Jude und Judentum im Werke Rembrandts“ promovierenden Netty Reiling zum Sozialismus führt weniger über theoretisches Studium oder direkt politische Erfahrungen als über subjektive Alltagseindrücke, über das Literaturstudium.

1967 erinnert sich Anna Seghers, dass sie als Mainzer Gymnasiastin ein erstes Gefühl für Klassenwidersprüche entwickelt hat, obwohl „ich noch gar nichts von Politik verstand“: „Ich sah jetzt mit wachen Augen, dass es Menschen gab, die schlechter als andere gekleidet waren, dass es Menschen mit schlechten Schuhen gab. Ich scheute mich, bessere Schuhe zu tragen als diese. Ich sah mit erschrockenen Augen, wie man durch die Stadt einen Gefesselten führte, einen Menschen, der gegen weiß der Teufel was revoltiert hatte.“

Auch das Wetterleuchten der Oktoberrevolution hinterließ Eindruck, wenn vorläufig auch noch keinen politisch konkreten. Seghers erinnert an ihre Lektüre von Henri Barbusse „Feuer“ in den frühen 1920er Jahren: „Und da kam nun auch z.B. das Buch von Barbusse ‚Le Feu‘ an mich. Also die Ungerechtigkeit des Krieges und dadurch die Losung ‚Brot und Frieden‘, für die war ich schon aufgeweckt worden.“

Der Seghers-Biograph Kurt Batt weist mit Recht darauf hin, dass der Weg der jungen Studentin zum Sozialismus nicht über ein spezielles Marx-Studium, sondern überraschenderweise etwa über die Lektüre von Dostojewskij geführt hat, den sie später 1938/39 im „Realismus-/Expressionismusstreit“ auch gegen Georg Lukács verteidigen wird, während sich dieser von seinen eigenen frühen Dostojewskij-Studien distanziert. Dostojewskij wurde von der bürgerlich oppositionellen jungen Intelligenz nach 1918 als Prophet des bürgerlichen Untergangs und der Revolution gedeutet. Batt zitiert Seghers: „Nach Dostojewskijs Romanen stellten wir uns die aufgewühlte Gesellschaft Russlands vor, in der man schon die Revolution grollen hörte.“[1]

Die vielen roten Emigranten im Umfeld der Heidelberger Universität brachten der Studentin Reiling die sozialrevolutionären Kämpfe im Osten Europas – in Ungarn, in Bulgarien, in Polen – nahe, wie Anna Seghers 1948 in einem Begleitwort zu ihrem 1932 veröffentlichten Roman „Die Gefährten“ berichtet: „Der weiße Terror hatte die erste Welle der Emigration durch unseren Erdteil gespült. Und seine Zeugen, erschöpft von dem Erlebten, doch ungebrochen und kühn, uns überlegen an Erfahrungen, auch an Opferbereitschaft im großen und Hilfsbereitschaft im kleinen, waren für uns wirkliche, nicht beschriebene Helden. Wir waren um so feinhöriger, als Deutschland selbst noch von Aufständen zerwühlt war, von den Spartakuskämpfen bis zu den Hamburger Barrikaden [1923]. Die Interventionskriege gegen die junge Sowjetunion wurden von der Roten Armee gestoppt.“[2]

Theoretische Kenntnis der Marx’schen „Kritik der Politischen Ökonomie“, des Historischen Materialismus, von Lenins „Staat und Revolution“ eignete sich Anna Seghers nicht zuletzt aus der Begegnung mit ihrem lebenslangen Partner, dem 1919 nach der Niederlage der ungarischen Räterepublik geflohenen László Radványi (1900-1978) an. Radványi leitete unter dem Parteinamen Johann-Lorenz Schmidt die Marxistische Arbeiterschule (MASCH) bis zu ihrer Auflösung durch den Nazifaschismus 1933.

1928 schließt sich Anna Seghers der KPD an. 1929 tritt sie dem Bund Proletarisch Revolutionärer Schriftsteller (BRPS) bei. In ihrer Erzählung die „Bauern von Hruschowo“ wird 1929 erstmals die kommunistische Partei sichtbar. Die Partei tritt mitentscheidend in Klassenkämpfen, hier in den Kämpfen von Karpatenbauern um ihr Land, auf. Woytschuk, der Anführer der Bauern, ist nicht mehr der weitgehend isolierte heroische Einzelrevolutionär Hull, wie er von Seghers noch 1928 im „Aufstand der Fischer von St. Barbara“ gestaltet worden war. In die Bauern-Erzählung fügt Anna Seghers deshalb ergänzend einen Hinweis auf deren Entstehung an: „Diese Geschichte habe ich vor vielen Jahren erzählen hören vom Sekretär der Partei im Bezirk Karpatenrussland.“[3]

Widmete Seghers den 1932 noch in Berlin erschienenen Roman „Die Gefährten“ den schwierigen Kämpfen ungarischer, bulgarischer, polnischer, italienischer und chinesischer (Exil-) Genossen seit 1919, so erinnert sie in ihrer, auf dem Weg ins französische Exil entstandenen, 1933 bei Querido in Amsterdam veröffentlichten Geschichte „aus einem deutschen Dorf im Spätsommer 1932“, „Der Kopflohn“, auch an das Schicksal der roten Landagitation Wochen vor der nazistischen „Machtergreifung“, an eine kleine Gruppe von Kommunisten in einer von stupid gewalttätigen, reaktionären Kräften dominierten Bauernszenerie.

Rund zwei Monate nach dem Schutzbund-Arbeiteraufstand im Februar 1934 fuhr Anna Seghers durch Österreich, um für den 1935 in Paris erscheinenden Roman „Der Weg durch den Februar“ zu recherchieren. Sie besuchte Schwurgerichtsverhandlungen gegen Februaraufständische. Für die Erzählung „Der letzte Weg des Koloman Wallisch“ wanderte sie den Fluchtweg der Wallisch-Gefährten ab: „Zehn Wochen nachdem man den Koloman Wallisch in Leoben aufgehängt hat, fahre ich an einem Werktag in der Frühe von Graz nach Bruck an der Mur. Unermessliche Mengen von Flieder und Kastanien sind über dem Land Österreich aufgegangen. Fliederbüschel in Wassergläsern haben in Wien in den zerschossenen Gemeindehäusern auf allen Kommoden gestanden, in denen noch die Schrapnellsplitterchen steckten. (…) Die Gemeindehäuser waren nur außen wiederhergestellt, innen war alles unverändert geblieben, weil der Gemeinde das Geld ausgegangen war.“

Fast zeitgleich hat Bertolt Brecht das Februar-Motiv in einer Fragment gebliebenen Wallisch-Kantate aufgegriffen. Friedrich Wolf hat in einer ähnlichen Solidaritätsaktion das Drama „Floridsdorf“ gestaltet. 1930 hatte die Volksbühne am Berliner Bülowplatz bereits Wolfs Schauspiel über den Aufstand der österreichischen Kriegsmatrosen in Cattaro (1918) uraufgeführt.[4]

Sowohl die Wallisch-Erzählung als auch der Februar-Roman orientieren sich zwar an den historisch authentischen Ereignissen, allerdings in der bei Seghers üblichen, verfremdeten literarisch fiktionalen Erzählweise, wobei nicht nur aus Gründen des konspirativen Schutzes überlebender aufständischer Arbeiter nur wenige Klarnamen genannt werden, so neben Koloman Wallisch etwa der ebenfalls standrechtlich hingerichtete Wiener Schutzbundkommandant Georg Weissel. Anna Seghers in einer Vorbemerkung: „In diesem Buch sind die österreichischen Ereignisse in Romanform gestaltet. Manche Vorgänge sind verdichtet worden; man suche auch nicht nach den Namen der Personen und Straßen. Doch unverändert dargestellt sind die Handlungen der Menschen, in denen sich ihr Wesen und das Gesetz der Ereignisse gezeigt hat.“

1935 fordert Anna Seghers in ihrer Rede auf dem I. Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur schon im Zeichen der Volksfront-Losung, den Faschisten die „Vaterlandsliebe“ zu entreißen und sich das nationale Erbe von Hölderlin, Kleist oder Büchner für ein demokratisches Deutschland anzueignen, überraschenderweise auch Kleist, der etwa von Georg Lukács einer irrational vernunftfeindlichen, antidemokratischen „Dekadenz“ zugerechnet wurde.[5]

Von Mexiko aus – wo sie auch die Geschichte der revolutionären Volksführer Benito Juárez und Emiliano Zapata studiert, von wo sie die von Simón Bolívar zu Pablo Neruda führende Linie würdigt – wird sie ab 1943 auf das Vorbild der fortschrittlichen Aufklärung eines „Freien Deutschland“ hinweisen, auf Gotthold Ephraim Lessing und auf den Kampf der Mainzer Jakobiner um Georg Forster 1792.

1938 hatte Seghers, die zu diesem Zeitpunkt das „Siebte Kreuz“ plante, noch von Paris aus verlangt, dass die Antifaschisten „einer Jugend, die der Faschismus daran gewöhnt hat, vom ‚Gefährlichen Leben‘ zu träumen“, eine „andre Konzeption des Lebens“ bieten muss: „Statt dem ‚Gefährlichen Leben‘, wie es von den Jünger und Dwinger besungen wurde, jenes andere, das gelebt wurde von Mühsam und Ossietzky“.

Seit 1933 hat sich Anna Seghers für die Freilassung des 1933 internierten KP-Vorsitzenden Ernst Thälmann eingesetzt. Im Juli 1937 fuhr sie aus Solidarität nach Madrid, um die republikanischen Kräfte zu unterstützen. Sie schrieb nicht nur eine Rezension von Bodo Uhses Spanien-Roman „Leutnant Bertram“, sondern auch mehrere Beiträge zum Schicksal von Interbrigadisten, so zu dem aus dem KZ Dachau geflohenen, Ende 1936 vor Madrid gefallenen deutschen Kommunisten Hans Beimler. Beimler ist auch einer der wenigen, der im „Siebten Kreuz“ mit Klarnamen genannt wird.

Bertolt Brechts 1937 in Frankreich aufgeführtem Spanien-Stück „Die Gewehre der Frau Carrar“ widmete sie eine Besprechung. Im „Transit“-Roman, 1943 in Mexiko erschienen, erinnert sie in vielen Passagen besonders an das Schicksal der aus Franco-Spanien geflüchteten Sozialisten und Kommunisten.[6]

Im 1959 in der DDR erscheinenden „sozialistischen Zeitgeschichtsroman“ „Die Entscheidung“ lässt Anna Seghers drei ehemalige Spanienkämpfer – nach 1945 in je unterschiedlicher Lage, zwei in der Sowjetischen Besatzungszone/DDR, einer im kapitalistischen Westen gelandet – ihre Erfahrungen aus dem republikanischen Kampf mit Blick auf einen antifaschistischen Neubeginn reflektieren.

Ab etwa 1944 arbeitet Anna Seghers im mexikanischen Exil an dem historischen Epochenrückblick „Die Toten bleiben jung“, also an einer Geschichte des deutschen Volkes einsetzend mit der Novemberrevolution 1918 bis zur Niederlage des Faschismus 1945. Neben der bürgerlichen Linie von (in nietzscheanischen Gewaltphantasien schwelgenden) Freikorpsoffizieren, von das Bündnis mit Hitler vorbereitenden Industriekapitänen, von reaktionären Junkern und neben diversen deklassierten NS-Handlangern findet sich die (seit 1917 gespaltene) proletarische Linie von Spartakisten, Kommunisten und von sozialdemokratischen Arbeitern, die oft erst nach 1933 im Widerstand zu einem gemeinsamen Handeln finden.

Anna Seghers pflegt eine realistische, aber auch experimentell offene, immer wieder religiöse Symbole verwendende Erzählweise, oft kaleidoskopförmig ohne streng durchgehende Fabel, ohne zentrale Erzählperspektive, in das Erzählen simultaner Szenen aufgelöst. Literarische Fiktion zieht sie zumeist historisch dokumentarischer Authentizität vor. Sie wählt auch häufig „phantastisch märchenhaft-imaginative“, „archaische“ Erzählstoffe, wie die 1936 entstandenen, von Brecht hochgeschätzten „Sagen vom Räuber Woynok“.[7]

Dementsprechend verteidigt Anna Seghers in ihrer Briefdebatte mit Georg Lukács die „avantgardistischen“ Erzähltechniken der „Dekadenz“ eines James Joyce oder John Dos Passos („Manhattan Transfer“). Nicht nur die von Lukács angebotene Linie des bürgerlichen Realismus von Honoré de Balzac über Leo Tolstoi zu Thomas Mann sei für einen sozialistischen Realismus entscheidend, sondern auch jene von Fjodor Dostojewskij oder Franz Kafka. Die Hiebe gegen die literarische „Dekadenz“ müssen – so Anna Seghers in ihrem Brief an Lukács vom Februar 1939 – gezielt gegen den faschistischen Ableger der Moderne geführt werden, gegen die D’Annunzio, Marinetti und Benns: „Unser Hauptfeind ist der Faschismus. Wir bekämpfen ihn mit allen physischen und intellektuellen Kräften. Er ist unser Feind, wie der Feudalismus Lessings Feind war. Wie Lessing die höfisch-feudalistische Kunst bekämpft hat, so bekämpfen wir den Niederschlag des Faschismus in der Kunst. Kann man aber diesen Kampf mit dem Kampf gegen die Dekadenz gleichsetzen? Es ‚sind noch lange nicht genug und genügend treffende Hiebe gegen die Dekadenz ausgeteilt‘ worden, schreibst Du. Wem gelten diese Hiebe? Den faschistischen Schriftstellern, den Kriegsdichtern, den Blut- und Boden-Schwätzern? Den Marinetti und d’Annunzio? Ihren biederen deutschen Kollegen? Für die gibt es nicht Hiebe genug.“[8]

Revolution 1918/19 - Spartakus

Anna Seghers‘ 1949 nach der Rückkehr nach Deutschland veröffentlichter Roman „Die Toten bleiben jung“ eröffnet mit der Ermordung des Spartakisten Erwin durch weißgardistische Freikorps-Söldner Anfang 1919 im Grunewald nahe Berlin: „‚Macht Schluss!‘ Erwin verstand die Worte, obwohl sie der Hauptmann nur knurrte. Er begriff, dass sein Ende bevorstand. Als gestern die weißen Garden den Marstall gestürmt hatten, war ihm sein eigener Tod noch unfassbar erschienen. Er war zwar gewohnt, mit dem Tod zu rechnen, seit er sich gleich 1914 als halber Junge freiwillig gemeldet hatte. Damals versprach die Armee mehr als die eigene verwaiste, elende Jugend. Lieber in einer Uniform stecken als in dem kläglichen Kittel der Müllabfuhr von Berlin; elender Arbeitsplatz, den ihm der Onkel verschafft hatte, weil er ihn nicht länger ernähren und auch nicht das Geld für eine Lehrstelle ausgeben wollte.“ (Die Toten, 7)

Ein gutes Jahrzehnt später prahlt ein mittlerweile zum Industriellen aufgestiegener Freikorpsoffizier immer noch: „Und in Berlin, wie wir gerade recht kamen, um die Roten zu verscheuchen. Die Nacht, wo wir mit dem Marstall aufräumten. (…) Wie wir dann auf der Rückfahrt nach Nowawes dem Transport begegneten mit dem Gefangenen aus der Volksmarine-Division. Wir knallten ihn dann der Einfachheit halber gleich ab.“ (Die Toten, 248)

1916 hatte der Weg des „unpolitischen“ Kriegsfreiwilligen Erwin zu den revolutionären Soldaten begonnen. Er stößt auf ein antimilitaristisches Flugblatt, wohl aus dem Umfeld der „Zimmerwalder Linken“, der Kientaler-Konferenz (1915/16) oder aus dem Umfeld von Karl Liebknecht und der „Gruppe Internationale“: „Aber sein echtes Leben hatte genaugenommen im Dezember 1916 begonnen. Damals war ihm das erste Flugblatt im Schützengraben in die Hände gefallen. (…) Das Flugblatt war der erste menschliche Zuspruch, der je an ihn selbst ergangen war. (…) Er hatte sich vorher eingebildet, das Vaterland brauche ihn dringend. Er hatte sich grimmig gegen die Schmach gesträubt, er könnte mit etwas verführt worden sein, wonach er sich selbst gesehnt hatte. Die eine Hälfte des Herzens hatte sich lange gegen die Einsicht der anderen Hälfte gewehrt. Obwohl er schon ahnte, dass die Armee mit Mutter und Heimat nichts zu tun hatte, so wenig wie seine Tante, die sich freute, dass sie ihn los war. Das Vaterland, das sie ihm priesen, war gar nicht die Zuflucht, die er gemeint hatte.

Als er das Flugblatt in seine Uniform steckte, da wusste er, endlich hatte ihn der gefunden, den er unruhig und unbewusst suchte. Er sah schwarz auf weiß die Fragen, die ihm nur durch den Kopf geflitzt waren wie Schatten von Schatten. Warum war das Leben vor dem Krieg so und nicht anders gewesen? Warum war der Krieg gekommen? Warum musste er aufhören?“

Der rote Soldat Martin – auch von ihm erfährt man keinen Familiennamen – hat Erwin 1916 das Flugblatt in die Hand gedrückt. Martin wird später den politischen Kampf auch für seinen Freund Erwin fortführen und auch an Erwins Sohn Hans – der Vater hat den Sohn nie sehen können – weitergeben. Nach der NS-„Machtergreifung“ taucht Martin konspirativ unter, geht als Interbrigadist nach Spanien und kämpft später möglicherweise an Seite der Roten Armee gegen die Faschisten, wie der zur Wehrmacht eingezogene, nahe Stalingrad stehende junge Hans 1942 nicht ausschließen will: „Der Mann, der ihm damals das Flugblatt zusteckte, hat Martin geheißen. Erwin ahnte nicht, was alles dem Druck des Flugblattes vorausging: gefälschte Pässe, gefährliche Auslandsreisen, Konferenzen in Schweden und in der Schweiz, hartnäckige Streitigkeiten, verbotene Druckereien, Verhaftungen an der Front und daheim, Zuchthaus und Standrecht, bis endlich die paar gedruckten Zeilen vor seine Augen kamen. Weil ihm das Flugblatt befahl: ‚Weitergeben!‘, gab er es rasch und gehorsam weiter. – Er verteilte bald wieder mal Flugblätter. Er wurde in Gespräche gezogen und nach und nach in Beratungen. Er machte ein Art Schulzeit durch im Schützengraben zwischen zwei Schlachten. Der Wind aus dem Osten trieb durch Deutschland, das, müde und hungrig, den vierten Kriegswinter erwartete, in einer verregneten Novembernacht das Laub aus dem roten Oktober an. Die Revolution war so jung wie er selbst.“

Im November 1918 – nach der Rückkehr mit Martin nach Berlin – hofft Erwin nicht nur auf die Räterepublik, sondern damit auch auf ein „neues Leben“, „das mit dem vergangenen sowenig zu tun hatte wie das Jenseits mit dem Diesseits. Sie hatten die Aufteilung des Bodens genauso erwartet wie unerhörte Gefühle in ihrem Innern. Er hatte für sich genauso gehofft, dass er vielleicht jetzt doch noch Maschinenschlosser werden könnte, oder vielleicht sogar in dem neuen Leben Maschinenzeichner, wie er hoffte, die neue Welt werde künftig in Freiheit und Gerechtigkeit von einer unerschöpflichen Macht gelenkt. Dafür hatten sie sich wochenlang in den Straßen von Berlin geschlagen; zuletzt gegen die weißen Garden, die Noske zu Hilfe geholt hatte. Die Republik war ja im November wie das Kind im Märchen mit weißen Haaren greise zur Welt gekommen, gelähmt von den Lasten und Lastern der alten Zeit.“ (Die Toten, 7-11)

Über ein Jahrzehnt später – knapp vor 1933 – erstattet Martin dem toten Freund Erwin rückblickend Bericht, vor allem die Spaltung der Arbeiterparteien, die fehlende proletarische Einheitsfront beschäftigt ihn: „‚Wir sind eine große Partei geworden, so stark wie nie zuvor. Der Riss, der sich damals auftat zwischen uns und den Arbeitern, die ihre alte Partei nicht aufgeben wollten, der Riss ist auch noch größer geworden. Es gibt keine Stadt und keine Straße, es gibt kein Haus und kein Zimmer, in dem nicht eins das andere hasst. Einer streitet mit dem andern; ein Bruder steht gegen den andern.‘

[Martin] strengte sich an, um die teuren Züge [Erwins] festzuhalten. Er konnte ihnen nur eines entnehmen: ich jedenfalls bin tot. ‚Die Menschen sind alle tot, auf die wir damals bauten. Die Luxemburg, Liebknecht, Jogiches, alle tot. Doch unsre neue Partei, die euch mehr wert war als euer Leben, und die alte Partei, die uns damals hasste, wir hassen uns weiter, untereinander; noch stärker als damals, wie wir auch alle zusammen gehasst werden von denen, die alles hassen, was rot ist oder an rot erinnert. Sie hetzten ihre weißen Garden auf uns.‘“

Während einer Zugfahrt imaginiert Martin ein Zwiegespräch mit Erwin. Er fährt gerade zu einem KP-Treffen in Brandenburg. Martin „konnte sich nicht mehr genau auf das Gesicht des Toten besinnen; die Züge waren bald klarer denn je, bald wichen sie ab ins Dunkle. ‚Kapp zog nach Berlin mit Ehrhardt und mit den weißen Banden. Auf einmal hörten wir auf, miteinander zu streiten, einen einzigen Tag lang. Wir warfen, eben noch uneins, den Kapp zusammen hinaus. Die Arbeiter, alle zusammen, hassten die Bande so stark, dass dieser Hass mehr fertigbrachte als jedes andere Gefühl. Doch dann fing wieder gleich eins mit dem andren zu streiten an. Der Ebert rief dieselben Banden, vor denen er eben noch selbst geflohen war, zur Hilfe gegen uns auf, um uns zum Schweigen zu bringen. (…) Wir schlugen uns weiter an der Ruhr und in Mitteldeutschland, in Thüringen und in Sachsen. Wir glaubten noch immer, wir könnten aus Deutschland einen Sowjetstaat machen, aus ganz Europa ein Bündnis von Sowjetstaaten.‘“

Martin selbst wird um 1930 wieder mit Haftbefehl gesucht: „Verstehst du, es ist genau, wie es damals war; dieselbe Verfolgung, Haftbefehl, falsche Papiere. Derselbe Kampf und dieselbe Hoffnung. Gerade jetzt und genau wie damals. (…) Erwin war nach dem Sturm auf den Marstall abgeführt worden. Man hatte später im Grunewald einen Toten gefunden; das war er wohl gewesen. Er aber, er hatte fliehen können.“

Martin schließt den fingierten Dialog mit Blick auf viele enttäuschte Hoffnungen, mit Blick auf den Vormarsch des europäischen Faschismus, des Nazismus ab, konkret auch unter dem Eindruck des Berliner „Zörgiebelschen Blutmai“ von 1929: „Du kannst uns alle wiedererkennen und hast doch alles versäumt. Du hast versäumt, dass die Rote Armee vor Warschau rückte, und unsere Enttäuschung auch, als sie sich zurückzog. Du hast Lenins Tod nicht erlebt; den Namen Stalin hast du nicht mehr gehört. Du hast zahllose Namen versäumt. Pilsudski in Polen, Mussolini in Italien. Und du, immer tot. Den Hindenburg, den man nach Ebert wählte, den kennst du ja auch noch. Das ist die Lehre, die unser Volk aus dem Krieg gezogen hat; das ist aus allen Leiden und Wunden herausgekommen. Es hat sich den Feldmarschall gewählt. Zörgiebel hat in den Straßen auf uns geschossen, in denen man damals schon auf uns schoss. Er hat uns am 1. Mai die rote Fahne verboten, und Arbeitslose, die sich kein Hemd mehr kaufen können, die freuen sich mit den braunen Hemden, in die man kostenlos ihre abgeklapperten, ausgehungerten Knochen steckt. Sie singen dafür die Lieder, die du kennst, auf neue, freche, gemeine Reime. Die rote Fahne, die man zu tragen verboten hat, die tragen sie jetzt mit einem weißen Kreis und in der Mitte ein Hakenkreuz.‘“ (Die Toten, 265-269)

Die Spaltung der Arbeiterklasse:

Kommunisten gegen Sozialdemokraten

Die mit Hans schwangere Marie erfährt über ein Jahrzehnt nichts von Erwins Schicksal. Sie heiratet den verwitweten sozialdemokratischen Arbeiter Geschke. Geschke, stets bis zur Selbstverleugnung loyal zur Ebertschen Mehrheitssozialdemokratie, an der erst nach 1933 zu zweifeln beginnt, ist vor allem über die soeben gegründete kommunistische Partei und die Spaltung der Arbeiterklasse empört. Er streitet sich mit dem ungeliebten Wohnungsnachbarn und KP-Proleten Triebel. Die beiden stehen sinnbildlich für die beiden Flügel der Arbeiterbewegung: „In jener Zeit, in der der Gram um die erste Frau und das Glück um die zweite ihn jeder groben Wirklichkeit entfremdet hatte, war alles das geschehen, was jetzt an sein Ohr klang: dass Ebert zum Reichspräsidenten gewählt worden war, derselbe Ebert, der, sagte Triebel, ungern den Kaiser abgesetzt hatte; dass sich die Spartakisten jetzt Kommunisten nannten. Geschke schwieg, er mischte sich in nichts ein. Triebel war schon im Schützengraben derselbe Krachschläger gewesen. Er war oft ins Loch gekommen. Gott weiß, was ihm alles hätte passieren können, wenn nicht der Waffenstillstand dazwischengekommen wäre. Er hatte immer von allem zuviel auf einmal verlangt, und zu früh und zu laut, zum Beispiel den Waffenstillstand. Er sprang jetzt auf die Füße, als stünde er vor dem Arbeiter- und Soldatenrat; er pries die Sowjetunion, das unbekannte Land.“

In einer Kneipe wird Triebel von einem weiteren sozialdemokratischen Parteigänger schroff und stumpf attackiert: „Wäre man seinen Ratschlägen gefolgt, dann hätte man hier dasselbe Chaos wie in Russland: Mord und Totschlag, und die Alliierten stünden nicht bloß am Rhein, sondern an der Spree, und das Reich wäre futsch; das hätte Ebert verhindert. Worauf ihm Triebel entgegentobte: Das schade bei Gott nichts, wenn so ein Reich futsch sei.“

Geschke erkennt trotzdem für sich, dass mit der Ermordung von Rosa Luxemburg oder Karl Liebknecht politisches Unglück über die alte deutsche Sozialdemokratie, die einmal dem Bismarckschen Sozialistenverbot widerstanden hatte, gekommen war. Geschke war in Gedanken verloren, so sehr, „dass er ein Kartenhaus aus Bieruntersätzen baute“, dann horchte er doch „auf zwei Namen, die man schon oft in seine Ohren getrommelt hatte. Es kam ihm unglaubhaft vor, dass sie diesen Mann und diese Frau, die die Stadt aufwühlten, als er noch daheim oder schon weit weg war, erst im Januar sollten ermordet haben. Und jetzt war Sommer, kaum sechs Monate später. Die Todesnachricht war an ihm vorbeigelitten in seiner damaligen Starrheit, (…).“

Der Transportarbeiter Geschke geht also im Sommer 1919 trotz seines Streits mit Triebel demonstrativ zum Luxemburg-Begräbnis: „Man hatte jetzt erst die Frau aus dem Kanal gefischt, in dem sie seit ihrer Ermordung lag. Die Nachricht war frisch. Er war auf einmal den anderen gleich. Nicht viele waren bei der Beerdigung Liebknechts mitgegangen; das Polizeiaufgebot war zu groß gewesen, der Aufmarsch der militärischen Verbände, die Knüppel, die Verhaftungen, und das Gespucke und die Pfiffe auf dem Weg zum Friedhof. Das Wasser des Landwehrkanals, das die Ermordete lange verborgen hatte, gab noch einmal die Gelegenheit, das klägliche Begräbnis nachzuholen. Es gab auch viele, sagte Triebel, die sich damals auf den Randstein gestellt und gespuckt hatten, aus Scham, weil sie nicht mitgingen, denn zwischen Feigheit, nicht mitzugehen, und Spucken auf die, die mitgehen, sei kein so großer Unterschied, wie man denkt.“

Im Treppenhaus der Arbeitermietskaserne reagiert Geschke mürrisch auf sozialdemokratische Genossen, die ihn wegen dieser Teilnahme angehen: „Geschke dachte. Ich brauche mir weder von dir noch dem Triebel was vorschreiben zu lassen. Ich bin schon länger dabei als ihr beide! Er wusste selbst nicht genau, was er unter ‚dabei‘ verstand: das Volk, die Arbeiterklasse oder das durchgelebte Leben. Er sagte: ‚Beruhige dich. Ich weiß schon von selbst, was ich zu tun und was ich zu lassen habe.‘“ (Die Toten, 76-79)

Ein Jahrzehnt später um 1930 lässt der vorläufig noch religiös, christlich geprägte Bergarbeiter Andreas Bentsch die Ereignisse der „Novemberrevolution“ – in Anna Seghers 1937 veröffentlichter „Rettung“ – für sich synchron als politische und private Chronologie ablaufen. Bentsch war im November 1929 nach Tagen aus einer verschütteten Berggrube gerettet worden. Er hat die Solidarität der eingeschlossenen Bergkumpel organisiert. Die Naturkatastrophe hat Bentsch also heldenhaft bestanden. Kaum aus dem Bergloch befreit bricht vor dem Hintergrund der kapitalistischen Weltwirtschaftskrise aber die gesellschaftliche Katastrophe über die Bergarbeiter herein, die Schließung des Montanwerks. Die Massenarbeitslosigkeit, die „Langeweile“, die Disziplinierung durch das Stempelamt, die diskriminierende Wohlfahrt, die (Brüning’schen) Notstandsverordnungen, Kürzung um Kürzung in Richtung unerträglichem proletarischen Elend – macht so auch den die Welt fromm interpretierenden, „unpolitischen“ Bentsch demoralisierend kaputt. Die gesellschaftlichen Abgründe sind für Bentsch nicht durchschaubar, politisch scheint er (vorläufig) nicht organisierbar. Distanziert beobachtet Bentsch die kommunistisch Gesinnten in seiner Umgebung, so seinen alten Bergkumpel Janausch, dem es in harter Agitation gelingt, einige Arbeitslose von der Sozialdemokratie zu den Kommunisten hinüberzuziehen. Bentsch will sich aus allem heraushalten, gibt sich uninformiert: „Das Gespräch zottelte eine Weile dahin über Brüning und Adolf Hitler, über Thälmann und Hindenburg. Bentsch waren sie alle einer so gleichgültig wie der andere, er erwartete von keinem was.“ (Rettung, 251f.)

Bentsch besucht trotzdem eine Wahlveranstaltung des kommunistischen Abgeordneten Ringwald. Die politischen Ansagen und Jahreserinnerungen des Redners Ringwald lassen in Bentsch parallel die private Erlebniswelt ablaufen. Ringwald spricht – Anfang 1930 – zur kapitalistischen Krise: „Das ganze Land erschüttert, zwei Millionen Arbeitslose, ein Betrieb schließt nach dem anderen, eine Grube nach der anderen. Die Kohlenhalden wachsen, die Menschen frieren. Peschkow hat man schon geschlossen, vielleicht schließt man morgen hier.“

Bentsch reagiert mit wachsender Unruhe, der Redner Ringwald fährt fort: „‚Was hat uns so weit gebracht? Was und wer? (…) 1918 – als ihr den Kaiser davongejagt habt und die Republik ausrieft‘ – war mein einziger Wunsch, so rasch wie möglich heimzukommen, war meine einzige Hoffnung, Ursula Woytschek unverheiratet anzutreffen.

‚1919 – als man uns diesen Mann [Karl Liebknecht] totschlug‘ – deutet er jetzt auf den, den ich nicht erkenne? – starben meine Eltern nacheinander an der Grippe, und meine Hoffnung ging in Erfüllung, und wir heirateten.

‚1920 – als derselbe Noske den Ruhraufstand zusammenschoss‘ – wurde meine Tochter Marie geboren. Sie wog nur vier Pfund. Meine Frau war sehr schwach, vom Krieg und von der Grippe.

‚1923 – schickte Ebert die Reichswehr nicht gegen den Hitlerputsch, sondern gegen Sachsen‘ – wurde mein Sohn Franz geboren. Es ging besser als das letztemal.

Die Unruhe wuchs im Saal ruckweise. ‚Diese Stilllegung, die euch bedroht – diese Gesellschaftsordnung - -‘ Bentschs Unruhe wuchs.“ Bentsch fehlt (noch) die Hoffnung auf eine sozialistische Ordnung. (Rettung, 82f.)

                                                                

Abwehr der „Kapp-Putschisten“ – „Rote Ruhr“ (1920)

Geschke selbst war im Frühjahr 1920 trotz aller politischen Verbitterung aktiv und bewaffnet im Kampf gegen die Kapp-Lüttwitz-Putschisten dabei. Der Staatsstreich einer reaktionären Offiziersclique weckt sein Klassenbewusstsein: „Sein eigenes Leben mochte ein Dreck sein, mit und ohne die Proklamation der Schweinehunde, die sich heute Regierung zu nennen wagten. Doch wenn sie daran blieben, war es endgültig, ohne jede Hoffnung auf Umschwung, verloren. Er wusste sonst nicht genau, wer recht hatte, vielleicht der Lorenz [SPD], vielleicht der Triebel [KPD]; das wusste er aber genau: wenn diese, die Kapp und Lüttwitz, im Sattel blieben, dann war es sinnlos, sich um ein besseres Leben die Köpfe zu zerschlagen; dann war nicht bloß ein besseres Leben, dann war auch der letzte Rest einer Hoffnung auf ein besseres Leben zerschlagen. Die dreckige Sippschaft hoffte von neuem, in ihre Paläste und Ministerien zu kommen und das Volk Blut schwitzen zu lassen, obwohl es gerade im Krieg ausgeblutet war. Er wurde von einer rasenden Wut auf diese freche, hochstaplerische Sippschaft erfasst; er war bereit, sofort auf sie zu knallen; er war auch bereit, sich zusammenknallen zu lassen, so viel war das bisschen Leben nicht wert, dass er damit noch sparen wollte.“

Proletarierfrauen wie Marie Geschke sehen, der Generalstreik funktioniert, kein Wasser, kein Gas, kein Licht: „Gleich darauf kam noch ein von Geschke geschickter Bursche herauf, der fremd hier war; er rückte aber den Küchenschrank, er brach eine Diele auf und nahm das Armeegewehr an sich, das Geschke dort noch aus dem Krieg versteckte. [Marie] hatte nicht geahnt, dass ein solches Gewehr in der Wohnung lag. Als hätte der Generalstreik auch ihr sein unbekanntes Gesetz aufgezwungen, gehorchte sie stumm all den sonderbaren Befehlen.“ (Die Toten, 83f.)

Geschke sieht, wie ein unscheinbarer, nie politisch aufgefallener Arbeiter von den Kapp-Putschisten ermordet wird: „Es kam auch eine Nachricht ins Haus, dass einer der ihren verwundet gestorben war, ein ruhiger, kleiner Vater, der den Krieg vom ersten bis zum letzten Tag überstanden hatte. Nicht die Karpaten und nicht die Argonnen hatten sein Todesmal werden sollen, sondern die Rosenthaler Straße. Er war auch keiner von denen gewesen, die zu den Versammlungen laufen, er hätte am liebsten daheim bei seiner Familie gesessen; er war keine Spur Spartakist gewesen, man hatte nie wo seinen Namen genannt. Man sprach heute Nacht mehr über den Toten als je über den Lebenden.“

Der Generalstreik wird von der Weimarer Regierung und den freien Gewerkschaften bald beendet. Geschke versteckt sein Gewehr wieder: „Geschke kam erst am nächsten Tag zum Essen. Die Arbeit war wieder aufgenommen. Der Küchenschrank stand noch schräg in seiner Küche, denn das Gewehr wurde erst abends zurückgebracht, so dass er es an seinen alten Platz legen konnte. Er hatte es nach dem Krieg, ohne viel nachzudenken, zunächst einmal irgendwo versteckt. Er hatte nie enge Freunde gehabt und keine Berater. Ein Trieb hatte ihn geleitet, zunächst einmal sein gutes Gewehr nicht abzugeben, sondern es daheim zu lassen.“ (Die Toten, 85)

Mehr schlecht als recht kann sich die Arbeiterfamilie Geschke durch die Inflationsjahre schleppen: „Marie hatte sich Heimarbeit beschafft mit Hilfe der Tante Emilie.“ Diese ist nicht nur selbstausbeuterisch, die Entlohnung wird von der Inflation aufgefressen.

Die Kämpfe der Roten Ruhrarmee vom März und April 1920 deutet Anna Seghers aus der Perspektive reaktionärer Freikorpsoffiziere an. Der an der Ermordung von Erwin beteiligte reaktionäre Offizier und rheinische Industrielle von Klemm klagt: „Die rote Armee, die sich vor der Nase der Alliierten im Ruhrgebiet eingenistet hatte, war eine Gefahr für ganz Deutschland. Der missglückte Putsch in Berlin hatte die Burschen nur dreister gemacht; genau wie im Winter letzten Jahres, als Ebert die alten Offiziere zu Hilfe rufen musste; weil ihm die Revolution über den Kopf gewachsen war, nahm er wieder seine Zuflucht zu denselben Männern, denen er in der Hauptstadt den Knüppel vor die Füße geworfen hatte. Die verbotenen Freikorps und die aufgelösten Brigaden und die abgesetzten Generale, jetzt war er wohl selber ganz glücklich, dass sie noch nicht richtig aufgelöst, noch nicht verboten waren.“ (Die Toten, 91)

Der spätere SS-Offizier und weiße Gardist von Lieven, ein emigrierter baltischer Junker, Gutsbesitzer, der etwas auf seine Dostojewskij- und Nietzsche-Verehrung hält, der offenbar die Schriften der „konservativen Revolution“ von Oswald Spengler bis zu Arthur Moeller van den Bruck liest, verklärt 1920 seine Brutalität gegenüber den „Roten“ pseudometaphysisch: „Der Sternenhimmel über mir und das ewige Gesetz in meiner Brust. Das ewige Gesetz in meiner Brust, das mich aus der russischen Kriegsgefangenschaft, durch alle Gefahren, durch alle Tücken der Bolschewisten, nach Finnland zu dem General Mannerheim führte und nach Deutschland zurück, rechtzeitig, um die Spartakisten davonzujagen, und in die Ruhrkämpfe und zuletzt hierher.“ Nach 1941 wird er mit der Wehrmacht auf seine Güter zurückkehren, ehe er 1944 von sowjetischen Partisanen erschossen wird. (Die Toten, 97, 293)

                                               

Roter Oktober 1923

Auch der deutsche „rote Oktober“ von 1923 wird in „Die Toten bleiben jung“ aus der Sicht der vorfaschistischen Soldateska dargestellt. Wieder „erledigt“, so kommandiert Fritz von Wenzlow wie schon 1918/19 die Liquidierung sozialistischer und kommunistischer Arbeiterkämpfer: „Wenzlow gab den Befehl heraus, die Säuberungsaktion vor Einbruch der Dunkelheit durchzuführen. Aus dem Block waren zwei Schüsse gefallen; einer seiner Leute war verwundet. Die Offiziere bezogen eine von Wachen umstellte Wirtschaft. An den Wänden hingen noch ein paar Fetzen von Flugblättern der sächsischen Landesregierung, sozialistische Aufrufe und Aufforderungen der proletarischen Hundertschaften. Wenn diese Fetzen Augen gehabt hätten in den Buchstaben, dann hätten sie sich gewundert, dass jetzt die Reichswehrleute hier saßen; von Berlin nach Sachsen geschickt, weil man dort links regierte, anstatt nach Bayern, wo man rechts putschte.“

Die (Para-) Militärs fürchten den anhaltenden Widerstand der proletarischen Hundertschaften. Auch junge Arbeiter werden gefangen und liquidiert. Für den Major Wenzlow sind das Fragen von „Erledigt-Sein“, so wie 1919 am Stadtrand von Berlin im Fall Erwin, so wie später 1944 an der zusammenbrechenden Ostfront im Fall von Erwins Sohn Hans Geschke: „Man sollte aus den soeben Verhafteten die aussondern, die besonders anrüchig waren, verantwortliche Leiter von Hundertschaften, gefährliche Zellenleiter. (…) Man trieb die Abgesonderten in den anstoßenden Hof, der nur ein schmaler, zur Lagerung von Brennmaterial abgetrennter Hofteil war, zwischen Bretterwand und rückwärtiger Häuserfront. (...) Die Offiziere an ihrem Tisch in der Kneipe zählten vier Schüsse. (...) Der Hauptmann hinter dem Tisch sagte: ‚Erledigt‘, worunter er den an ihn selbst ergangenen Befehl verstand, den er ausgegeben hatte. Es war einen Augenblick so still, als hätten sich alle Geräusche der Welt in den vier Schüssen erschöpft.“ (Die Toten, 137-142)

Die Erinnerung an Spartakus 1919, an die rote Ruhr 1920, an den mitteldeutschen Aufstand der Leuna-Arbeiter 1921 oder an den roten Oktober 1923 spielt fortan in den Kämpfen der deutschen Arbeiterklasse, im Widerstand gegen das NS-Regime eine große Rolle. Sie scheint deshalb bei Seghers immer wieder als Leitmotiv auf. Ein junger Proletarier denkt in der „Rettung“ in der Arbeitslosen-Krise von 1932 zurück an die Hoffnungen auf einen roten deutschen Oktober 1923: „Da hatte es hier auch Streiks gegeben und Schüsse und Reichswehrdurchmarsch. Er war im letzten Schuljahr gewesen. Die niemals bösen, nur hartnäckigen Streitigkeiten zwischen seinem Vater und seinem nächstjüngeren Bruder hatten in seinem Kopf eine trübe Unentschlossenheit zurückgelassen.“ (Rettung, 404)

Der alte Spartakist Ernst Wallau, Jahrgang 1894, Anführer der Ausbruchgruppe aus dem KZ Westhofen, erinnert im Oktober 1937 nach seiner gescheiterten Flucht während des Folterverhörs, so im „siebten Kreuz“: Als oppositioneller Frontsoldat war er zum Spartakusbund gekommen. „Der Mann, da er noch am Leben war, im Oktober 1918, trat dem Spartakusbund bei. Was soll das aber jetzt? Sie könnten ebenso gut Karl Liebknecht selbst zu einem Verhör bestellen, er würde ebenso viel, ebenso laut antworten. Lasst die Toten ihre Toten begraben.“ (Siebte Kreuz, 197)

Einige Genossinnen haben die Kämpfe der Arbeiter- und Arbeiterinnenbewegung von jungen Tagen an mitorganisiert. Von fern erinnern sie sich in der Ausnahmesituation der Flucht vom Oktober 1937 an das Sozialistenverbot Bismarcks, an August Bebel, an Wilhelm und Karl Liebknecht. Sie tragen seit 1933 den illegalen Kampf mit: „Nichts, was nicht widergehallt hatte in ihren vier Wänden, Kämpfe um den Zehn-, Neun-, Achtstundentag. Reden, die man sogar den Frauen vorlas, wenn sie die wahrhaft teuflischen Löcher in allen Strümpfen stopften, Reden von Bebel bis Liebknecht, von Liebknecht bis Dimitroff. Schon die Großväter, hatte man stolz den Kindern erzählt, waren eingesperrt worden, weil sie streikten und demonstrierten. Freilich: ausgerottet, ermordet war man damals dafür noch nicht worden.“ (Siebte Kreuz, 147)

Der Metallarbeiter Paul Röder sucht in seinem Betrieb nach alten politischen Verbindungen. Paul mustert gedanklich seine Kollegen. Wer könnte für Georg Heislers Flucht hilfreich sein? Er denkt an den Kollegen Heidrich: „Paul hatte tausendmal Heidrichs Narbe unter dem Schulterblatt gesehen – Wunder genug, dass er, von hinten nach vorn durchschossen, doch sein Leben behalten hatte, das Leben eines Schweißers bei Pokorny. Paul konnte sich noch erinnern, wie Heidrich im November achtzehn frisch aus dem Frontlazarett in Eschersheim aufgetaucht war: Hohläugig, auf zwei Stöcken, gewillt, das Land zu verändern. Er, Paul war um jene Zeit angelernt worden. Was ihn an Heidrich am meisten gefesselt hatte, war diese große Einschussnarbe. Heidrich hatte rasch seine zwei Krücken abgelegt. Er wollte bald ins Ruhrgebiet abziehen, bald nach Mitteldeutschland. Er wollte überallhin, wo es hart auf hart ging. Er war ja ohnedies schon zusammengeschossen. Aber die Noske und Watter und Lettow-Vorbeck hatten ihm seine Aufstände rascher zusammengeschossen, als er von Eschersheim aus dort ankam. Keine Schüsse hätten den Heidrich so ausbluten können, wie die kommenden Friedensjahre: Arbeitslosigkeit, Hunger, Familie, Abbröckeln aller Rechte, Spaltung der Klasse, das Verzetteln der teueren Zeit, wer nun recht, statt das Rechte unverzüglich zu tun, und zuletzt im Januar 33 der furchtbarste Schlag. Niedergebrannt die heilige Flamme des Glaubens, des Glaubens an sich selbst.“ (Siebte Kreuz, 341f.)[9]

Weiten Kreisen der Reaktion scheint die Antwort auf den roten Herbst von 1923 als zu wenig scharf, vor allem die vorübergehende mehrmonatige Illegalisierung der KPD 1923/24 erschien als unzureichend. Die Ebert’sche Sozialdemokratie hatte ihre Funktion als Liquidatorin der rätesozialistischen Bewegung von 1918/19 ausgespielt und ihre Rolle als Stütze der bürgerlichen Herrschaft verloren. Der 1925 verstorbene Reichspräsident Ebert und seine reformistische Partei waren vor allem im Kalkül der entschieden antidemokratischen bürgerlichen Kreise nicht länger nützlich, so räsoniert ein Reichswehroffizier mit Blick auf die mitteldeutschen Revolutionsaufstände von 1921 davon, die letzten „Rötlichen“ rasch aus der Armee verdrängen zu wollen: „Bei uns im Korps bleibt doch noch die Ehre übrig, mit der man im Reich Schindluder treibt. Wir werden schon bald die unliebsamen, die Roten und Rötlichen aus unseren Reihen herausgraulen (…) Im Norden ist es viel weniger nötig, dass wir uns zeigen. In Mitteldeutschland, da haben sie unser Manöver bitter nötig. Genau in der Gegend, wo sie jahraus, jahrein herumgetobt haben. Herr Ebert hat es ja doch bloß ein Jahr ausgehalten, seine kommunistischen Halbbrüder zu verbieten, dann sind sie wieder erlaubt worden, (…). Darum hat man nun die sechzig kommunistischen Abgeordneten statt der vier vor dem Parteiverbot, an denen der Reichstag nicht genug hatte. Darum ist es schon ganz gut, diesem Pack in Mitteldeutschland vor Augen zu führen, dass wir noch richtig zielen können.“ (Die Toten, 149)[10]

Liquidierung der Arbeiterbewegung, bürgerliche Option:

„Weißer Sozialismus“, Hitlerfaschismus

Der Kommerzienrat Castricius vertrat in dieser Linie in den späten 1920er Jahren die langfristigen Interessen des rheinischen Industriekapital: Wie wird man die hinderliche bürgerliche Weimarer Demokratie und vor allem die „sozialen Errungenschaften“ von 1918 und mit ihnen die linke Arbeiterbewegung los? Wie kann man die lästige Mitbestimmung, das Betriebsrätegesetz, den Achtstundentag revidieren? Castricius – Verfechter einer harten Aussperrungspolitik – überlegt mit seinen Vertrauten, wie man das Streikrecht, in dem er eine Rebellion im militärischen Hinterland, also eine Fortsetzung des „Dolchstoßes“ von 1918 sieht, beschneiden kann: „Man konnte den Achtstundentag nicht ziehen; er war durch Gesetz geschützt. Man musste aus weniger Arbeitern mehr Verdienst herausholen; man musste neue Maschinen aufbringen, um auf der Höhe zu bleiben, damit trotz weniger Arbeitskräfte mehr auf den Markt kam.“

Castricius genießt in der Phase einer kapitalistischen „Rationalisierungswelle“ das Vertrauen maßgeblicher Industriekapitäne. Castricius assistieren Ernst Jünger-Verschnitte wie ein Justizrat Spranger mit seinem Ausdruck „von gezügelter Grausamkeit“, einem Anwalt von rechtsradikalen Fememördern, einem juristischen Hetzer gegen Carl Ossietzky: Soll man in letzter Konsequenz auf den deklassierten Demagogen Hitler als Garanten eines „weißen“, eines „deutschen Volksgemeinschafts-Sozialismus“ zurückgreifen? Kommt man mit faschistischer Sozialdemagogie gegen den Sozialismus an? „Die Herren von Stinnes und von Krupp und von Wolff übertrugen ihm gern das Wort; er setzte verschiedenes witzig und derb durch, wie er auch daheim mit den Arbeiterdelegationen und mit den Betriebsräten umsprang. Er pflegte danach in Gesprächen zu sagen: ‚Ich brauche in meinen Betrieben gescheite Leute, die meine teuren neuen Maschinen richtig behandeln. Und heute, wenn ein Arbeiter klug ist, dann wird er für seine Lage kämpfen und links stehen. Darum ist es nur unser eigener Schaden, wenn wir die Linken aussperren und einsperren. Wir müssen uns endlich was anderes ausdenken, damit sie an unseren Maschinen bleiben. Ein deutscher Arbeiter kann nicht anders als anständig arbeiten; es widerstrebt ihm zu sudeln. Wir brauchen einen richtigen Mann mit einem schlauen Programm, damit sie bei der Stange bleiben und uns doch nicht über die Köpfe wachsen.‘“

Castricius ist den Freikorpsfreunden von 1920 noch immer dankbar: „Wir haben Sie jedenfalls nicht vergessen; Sie haben uns damals geholfen, in Bielefeld Ordnung zu machen.“ (Die Toten, 187-189, 322f.)[11]

Castricius deutet in vornehmen Industriellenklubs Interesse an „der neuen Partei“, „der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiter-Partei“, am Faschismus als neuer bürgerlicher Herrschaftstechnik an: „Ich denke immer darüber nach, man müsste den Sozialismus zur Staatsreligion ernennen, damit er uns nicht von unten kaputtmacht wie in Russland.“ Und Castricius fortfahrend: Hitler „macht es genau wie ich, der in seinem Betrieb alle Ventile offenlässt. Nichts gegen Betriebsräte, nichts gegen Streiks, nichts gegen den ersten Mai, aber bitte schön, wenn euch das Spaß macht. Er soll seinen Kasten nur ruhig Sozialismus nennen, er soll ihn ruhig Arbeiterpartei nennen, der deutsche Arbeiter ist der wichtigste Mann im Staat; das finde ich nämlich auch. Wenn man ihn hat, hat man alles. Wenn er auf den alten Namen besser hört, probieren wir es ruhig mit dem Namen. Die Leute sind gegen die Fürstenenteignung, das hat für mich den Ausschlag gegeben. Hitler soll seine eigenen Leute zusammengeboxt haben, die die Fürstenenteignung wollten. Haben Sie schon mal einen echten Sozialisten gesehen, Klemm, der dagegen war, dass man was enteignet? Ein Sozialist, der ist nun mal gegen das Eigentum.“ (Die Toten, 191f.)

Die deutschnationalen „Stahlhelmkorps“ verlieren an Einfluss, die Hitler-Sozialdemagogie ist im Aufsteigen. Castricius schimpft auf den „Dolchstoß“ von links: „Das Hinterland hat nicht länger mitgemacht; die Soldaten haben die Waffen gestreckt, der Kaiser Wilhelm ist abgedampft; das soll uns alles nicht noch einmal passieren. Wir haben uns ziemlich herausgewurstelt; nützt alles nichts. Jetzt will ich in Luxemburg investieren. Wie kann ich die Summe beschaffen, wenn immer wieder die Streiks dazwischenkommen, wie letztes Jahr? Das geht auch nicht auf die Dauer mit Entlassungen und Aussperrung; sonst geht es schlecht aus wie der Krieg. Das Hinterland macht nicht mit, und die Leute strecken die Waffen.“

Castricius ist beeindruckt, als Hitler im Jänner 1932 in Düsseldorf „vor den Herren von Rhein und Ruhr seine Pläne entwickelte“: „Wir brauchen einen gemeinsamen Sozialismus; wir müssen die Pille schlucken; das heißt, wir brauchen ja nur das Rezept der Pille zu schlucken. (…) Dadurch hat der Mann in Düsseldorf ja Eindruck auf mich gemacht; er fühlt, was not tut; ich sage: fühlt, nicht weiß. Der Mann ist nicht besonders gescheit. Er hat keine tiefen Kenntnisse. Er stellt sich in Düsseldorf vor uns hin, wie er sich Berlin vor das Pack stellt.“ Bei allen Bedenken und Ressentiments gegen den nicht standesgemäßen Hitler ist Castricius durchaus bereit, „etwas Geld in die Nazis zu stecken“. (Die Toten, 233-235)

Castricius, der IG-Kapitän, wird dann 1944/45 einer der ersten sein, die angesichts der Nazi-Niederlage die Kollaboration mit den Westalliierten vorbereiten. Er trifft sich – in Begleitung seines SS-Schwiegersohns – in einer Taunusvilla mit Industriellen, Managern. Er bereitet das Überlaufen zu den Westalliierten nach Kriegsende, zu den neuen Geschäfte, die das Hitlerregime nicht mehr garantieren kann, vor. Er und seine Komplizen beobachten sehr wohl, „dass der Luftterror gewisse Punkte verschont. Gewisse Punkte, die für das Weitergedeihen der Wirtschaft Europas wichtig sind.“ Mit in den Tresoren liegenden Patenten können sicher gute Geschäfte gemacht werden. (Die Toten, 671-675).[12]

SP/KP-Spaltung II (1928-1933): „Sozialfaschismus“ – Berliner „Blutmai 1929“ –

„Revolutionäre Gewerkschaftsopposition“ – „Tolerierungspolitik“

Für die letzten Jahre vor der Niederlage gegen den Faschismus 1933 beschreibt Anna Seghers neben um sich greifender Massenarbeitslosigkeit die sich vertiefende Spaltung der Arbeiterbewegung. Erst unter dem Eindruck des nazistischen Terrors mehren sich Zeichen für eine Einheitsfront, zumindest für eine solche „von unten“.

Der junge Hans Geschke, angehender Jungsozialist, später dann Jungkommunist, spürt die Folgen der Spaltung im Alltagsleben: „Hans wusste von dem äußeren Leben nur, was in seine Wohnung drang. Das Leben des Vaters: das waren ein paar zärtliche Griffe nach seinem Schopf; das war das Berechnen mit der Mutter, wenn er den Wochenlohn heimbrachte, und die Angst, dass er arbeitslos würde; der Streit mit dem Triebel aus dem unteren Stock; die kleine Büchse auf dem Wandbrett neben den Töpfen, in die seine Mutter das Geld schmiss, das jede Woche ein Männchen holte und manchmal der Wirtssohn Lorenz. Er fühlte im voraus, dass immer Streit kam, wenn Triebel eintrat. Der Triebel hatte schon zweimal seine Gelegenheitsarbeit verloren.“ (Die Toten, 208f.)

Vater Geschke wirft Triebel Abhängigkeit von den „Russen“, von Stalins Partei vor. Sie streiten über den „Roten Frontkämpferbund“. Geschke sieht in diesem nur eine weitere sinnlose Abspaltung vom sozialdemokratischen „Reichsbanner“. Der widerspenstige Triebel beugt sich rationalisierender Arbeitsverschärfung nicht. Er kuscht nicht und wird entlassen, seine sich anpassenden sozialdemokratischen Arbeitskollegen warnt er. Hüpft nur auf Kommando, ihr werdet noch viel mehr hüpfen müssen: „Damit ihr nicht, wie ich, die Arbeit verliert. Passt mal auf, ihr, zu welchen Sprüngen man euch noch pfeifen wird. Damit ihr die Arbeit nicht verliert.“

Seit 1928 Teil einer bürgerlichen Koalitionsregierung stimmen die Sozialdemokraten – gegen eigenes Wahlversprechen („Für Kinderspeisung, gegen Panzerkreuzer!“) – der deutschen Wiederaufrüstung, dem Bau des „Panzerkreuzers“ zu. Im Treppenhaus der Arbeitermietskaserne kommt es zur Konfrontation: „Geschke wies das Flugblatt zurück, das Triebel ihm aufdrängen wollte. Er hatte sich schon vorher darüber lustig gemacht, dass die Kommunisten wieder ein Volksbegehren ausgeheckt hatten, diesmal gegen den Bau des Panzerkreuzers. Wenn er gegen den Krieg sei, sagte Triebel, warum stimme er nicht dagegen? Wenn seine Leute, wie sie behaupteten, alle gegen den Krieg seien, warum geben sie ihre Stimme nicht dafür, dass diese Dinger nicht gebaut würden? Es gebe bessere Mittel, sagte Geschke, als das sinnlose Stimmensammeln. Man habe damals [1926] auch für die Enteignung der Fürsten gestimmt; das hätte durch irgendwelche Tricks zu gar nichts geführt.“ (Die Toten, 214-216)[13]

Im Wirtshaus einer Kleinstadt – vermutlich am Rande eines stillgelegten schlesischen Bergbaureviers gelegen – rechnen sich Sozialdemokraten und Kommunisten um 1930 gegenseitig ihr „Sündenregister“ vor: „Dass die Kozis mit den Nazis zusammen abstimmen – überhaupt ein ganzes Sündenregister, hat mit 1919 angefangen und mit gestern aufgehört. Krach gab‘s noch auf der Straße hinterher, Polizei- …“ (Rettung, 84)

Die Kommunisten werfen den sozialdemokratischen Schicksalsgenossen unter dem Einfluss der „Sozialfaschismustheorie“ die blutige Niederschlagung der Maidemonstration 1929 durch den Berliner sozialdemokratischen Polizeipräsidenten Karl Zörgiebel, die Kapitulation vor den rechtsautoritären Brüning‘schen Notverordnungen mit ihrem Sozialabbau vor.

Der junge Kommunist Lorenz Eibner, soeben nach einem schweren Unfall im Bergwerk arbeitslos geworden, eifriger Leser von Jack London („Seewolf“), in seinem Verhalten immer wieder unzuverlässig und so an Georg Heisler, den Protagonisten des „Siebten Kreuzes“ erinnernd, verfolgt den Arbeiterstreit am Küchentisch einer beengten Proletenwohnung: „Wenn so ein Mensch wie Georg auf die Kozis schimpft, dass sie mit den Nazis stimmen, und mein Schwager auf die Sozis schimpft, weil sie für den Brüning stimmen und für die Notverordnung und in Berlin auf Proleten schießen, darauf weiß ich ihm nicht viel zu sagen, denn ich bin ja nicht beschlagen, denn es haben mich andere Sachen viel mehr geplagt die ganze Zeit über, aber wenn sie dann an mir herumzerren, eins schimpft auf den anderen, daheim und in der Montan, aber jedes pufft mich, ich soll mich entscheiden: eins von beiden; dann sag ich: keins von beiden. Trotzdem - -“ (Rettung, 253)

Im Wirtshaus der herabkommenden Bergarbeitersiedlung geraten zwei arbeitslose Genossen hart aneinander. Der sozialdemokratische Arbeiter Merz weist den „Sozialfaschismus“-Vorwurf laut protestierend von sich: „Frag mal und bring mir den her, der findet, ich sei ein Verräter oder ein Bonze. Bring doch einen her und genier dich nicht, irgendeinen von all denen, die mit mir stempeln gehen, und er soll mir dann sagen, hier, in dem Bentsch seiner Küche, dass ich eine Hauptstütze der Bourgeoisie bin, mein Freundchen“. Lächerlich sei es, in ihm den „Hauptfeind“ zu sehen. Merz wird vorgeworfen, als Mitträger des SPD-Kurses, des „Tolerierens“ der Sozialabbau-Notverordnungen zu seinem „eigenen Feind“ zu werden: „Gegen dich selbst hast du die letzte Woche Zettel verteilt, gegen dich selbst hast du agitiert. Warum wollt ihr nicht mit uns demonstrieren? Habt ihr einen anderen Hunger als wir? Bekommt ihr ein anderes Stempelgeld als wir?“ (Rettung, 266f.)

Umgekehrt kommt der Vorwurf, die Kommunisten würden mit der seit 1928 aktiven „Revolutionären Gewerkschaftsopposition (RGO)“ eine spalterische Konkurrenzgewerkschaft großziehen. Als ein KP-Genosse schimpft, die Sozialdemokraten hätten eine gemeinsame Aktion gegen eine Nazi-Zelle im Montanwerk sabotiert, reagieren diese mit: „Ihr und ein gemeinsamer Plan! Nachdem ihr jahrelang euren RGO-Laden macht. (…) Ihr habt ihn [den gemeinsamen Plan] das ganze Jahr mit Dreck beworfen, jetzt kommt ihr mit euren Angeboten.“ Soll man sich nicht doch auf der kleinen betrieblichen Ebene zusammenraufen? So die im Raum stehende Frage!

Nach dem Putsch der reaktionären Papen-Regierung gegen die sozialdemokratische preußische Landesregierung kommt am 20. Juli 1932 auch in treuesten SPD-Arbeiterkreisen Zweifel am legalistisch defensiven Kurs der Parteileitung auf. Die Partei verzichtet auf die Ausrufung des Generalstreiks. Schon gar nicht denkt sie an bewaffneten Arbeiterwiderstand. Sie wählt den illusionären Weg zum Verfassungsgericht.

Selbst Geschke, der traurige, loyale SP-Parteisoldat, denkt an Widerstand, er wird aber nicht gerufen: Geschke „brauchte vielleicht gleich sein Gewehr, falls sie ihn früh am Tag riefen. Die Preußenregierung war schändlich abgesetzt worden. Sein eigener Minister war wie ein Landstreicher aus seinem eigenen Arbeitszimmer an die Luft gesetzt worden. (…) Am nächsten Morgen kam aber niemand. Der abgesetzte Minister rief Geschke nicht; er rief den Staatsgerichtshof. Er, Geschke, hatte gewartet und gewartet und schließlich gedacht, jetzt sei es schon besser, das Gewehr in die Spree zu schmeißen. Er fühlte sich plötzlich so schwächlich und ältlich, dass ihm die Kohlenschippe zum Heben zu schwer war, geschweige denn seine Knarre, geschweige denn sein Küchenschrank, und als er an Triebel vorbeiging, rief der ihm von der Schwelle aus zu: ‚Was schnaufst du denn so beim Treppensteigen? Du trauerst wohl Deinem Minister nach? Da kannst du nichts machen; er ist der Gewalt gewichen, er sagt es ja selbst.‘ Geschke war in Wut geraten: ‚Ihr habt ja immer geholfen, ihn abzusetzen; euch ist ja gerade recht, was passiert ist; ihr habt es ja auch gewollt.‘“ (Die Toten, 353f.)

Auch in Anna Seghers‘ „Rettung“ sind die Arbeiter, die Arbeitslosen im Sommer 1932 auf das Höchste angespannt: Widerstand, wann, wenn nicht jetzt? „Was wird nun?“ – Widerstand: „Wenn jetzt nicht, dann nie.“ (Rettung, 402f.)[14]

Gemeinsam beobachten die linken Arbeiter die rabiat, sich aggressiv steigernde Nazi-Agitation, deren Hass auf die Juden und die „Mordkommune“. Alle paar Momente saust ein Nazi-Auto durch die Arbeitersiedlung „mit mächtigem ‚Heil‘ und ‚Verrecke‘“-Geschrei. Sie ahnen, dass die NS-Demagogie geschickt an das Arbeiterelend anknüpft, verfängt und manchmal sogar klassenbewusste Arbeiter zu sich ziehen kann: „Hör mal, sind denn Freibier und warmes Essen und endlich, endlich mal Fidelsein ein Schwindel?“ (Rettung, 270)

Lorenz Eibner geht zu einer Naziveranstaltung, nein, er hat mit denen nichts auf dem Hut, antwortet er den empörten, mit ihm befreundeten jungen Genossen, aber man soll sich im Klaren sein, bei uns ist das „Richtige“ „schwer“, bei den Nazis das „Falsche“ „leicht“, so Lorenz: „All das Falsche von den Nazis ist so viel leichter als unser Richtiges. Ich kann begreifen, dass es da viele hinzieht. Deutschland, das ist doch etwas, was du unter den Füßen hast, der Boden unter den Füßen, der Wald dort oben. Aber bei uns musst du erst durch etwas furchtbar Schweres hindurch, durch das Allerschwerste. Aber schwer ist es schon immer, und sie wollen jetzt endlich auf der Stelle etwas haben, lieber irgendein kleines Glück. Deshalb müssten wir doch das Glück, unser wirkliches Glück, das dahintersteht, hinter all dem Schweren, wo wir durchmüssen, dieses Glück müssten wir doch ganz unwiderstehlich zeigen, gerade das Glück, aber wir zeigen nur immer das Schwere …“ (Rettung, 363f.)

Chronik des kapitalistischen Alltagelends (1929-1933)

In das Arbeitslosenelend hinein – nur selten gibt es „warmes Essen“ – singt ein Arbeiterjunge nicht nur das „Heideröslein“, nein auch das „Brüder, zur Sonne“, den „Roten Wedding“, das Lied von Florian Geyer. (Rettung, 394)

Einige der Arbeitslosen versuchen sich in Abendkursen weiterzubilden. Manche halten sich mit Lesen über Wasser. Die traditionelle Arbeiterbildung spielt eine enorme Rolle, so findet sich in einer Arbeiterbude „der ganze Goethe, der ganze Schiller, Gedichte von Heine, nochmal ein Gedichtband, Bebels Erinnerungen. Über der Kommode hing eine große gerahmte Photographie von Marx, (…).“ (Rettung, 289)[15]

Selbst seit Jahrzehnten politisch und gewerkschaftlich Organisierte reagieren aber angesichts einer riesigen industriellen Reservearmee kraftlos, pessimistisch, so kommt 1930 ein Streik gegen die Entlassungen aus den (schlesischen) Matthiasgruben nicht zustande, eine große Mehrheit ist dagegen. Ein alter Genosse meint resignativ zu seinem Sohn, dies sei nicht die erste Angst vor dem großen Hunger: „Und es war immer dieselbe Angst vor demselben Hunger, 1896, bei dem längsten Streik, den ich jemals erlebt habe, und es steht in meinem Buch, das ich dir damals gezeigt habe, wie du das erstemal eingefahren bist, dass ich dem Streik dienlich gewesen bin, vom ersten Tag bis zum letzten, und dann war dieselbe Angst vor Hunger bei dem großen Streik 1902, und dann wieder 1908, und das war dasselbe im Krieg und dasselbe war 1918 und 1919 und dann wieder 1923.“ (Rettung, 103)

Es bleibt weitgehend bei individuell isoliertem, spontanen Widerstand. Ein Arbeitsloser rebelliert „wegen der neuen Abzüge. Da haben die Bullen geknüppelt.“ (Rettung, 329)

Die Genossen planen Arbeitslosendemonstrationen vor die Stadthäuser. Das Arbeiterviertel Findlingerstraße soll mit Flugblättern belegt werden. Bentsch steht noch immer abseits: Was denn solche Kundgebungen vor Rathäusern nutzen können? Damit kann man keine Notverordnungen ausstreichen. Trotzdem ziehen viele unter Rufen „Nieder mit Brüning“ und „Rot Front“ durch die Straßen. (Rettung, 336)

Die unendliche Öde jahrelanger Arbeitslosigkeit zerstört fast jede Widerstandskraft: „Der nächste Tag war nicht einmal ein Stempeltag. Man konnte sich nicht einmal zum Stempeln anstellen. Der Tag war ein einziges, unausfüllbares Loch. (...) Bentsch war zumut, also ob er nicht einmal sterben könnte. Er musste ewig zwischen zwei Stempeltagen hin und her pendeln, er und die anderen. Ewig wird Aldingers Radio durch die Straße plärren, mal eine Notverordnung, mal einen Volksentscheid. Ewig wird einer dem anderen sagen auf der Stempelstelle, auf der Straße, dass sich endlich etwas ändern muss.“ (Rettung, 314f.)

Auf die von Anna Seghers beschriebene, demütigende Verlangsamung des Arbeitslosenlebens, auf die Qualen des Müßiggangs, die nicht nur zu einer Streckung des Arbeitslosen- und Notstandsgeldes, sondern auch zur Ausdünnung der Erlebniswelt führen, hat Walter Benjamin 1938 in einer Besprechung der „Rettung“ hingewiesen. Benjamin beschreibt den Roman als eine „Chronik der deutschen Arbeitslosen“. Sieben Bergarbeiter haben im November 1929 überraschend ein Grubenunglück im Oberschlesischen überlebt, um dann an der gesellschaftlichen Katastrophe der kapitalistischen Massenarbeitslosigkeit zu scheitern: „Werden sie die Solidarität, die sie in der Naturkatastrophe bewährt haben, in der Katastrophe der Gesellschaft bewahren können?“: Diese Proletarier müssen nämlich „bei ihrem immer geringeren Einkommen zugleich ein immer geringeres Erleben strecken. Sie verfangen sich in nichtssagende Gepflogenheiten; sie werden umständlich; sie führen über jeden Pfennig ihres eingeschränkten psychischen Haushalts Buch. (…) Zu jedem Segen der Arbeit kommt der, dass sie die Wonne des Nichtstuns erst spürbar macht. Die Müdigkeit des Feierabends nennt Kant einen höchsten Genuss der Sinne. Müßiggang ohne Arbeit ist eine Qual. Zu jeder Entbehrung der Arbeitslosen tritt sie hinzu.“

Benjamin zeigt aber auch, wie ein diesem Verfall zuletzt widerstehendes Klassenbewusstsein entsteht. Die Hauptfigur Bentsch entwickelt sich vom katholisch braven Bergarbeiter, „der nichts auf den Herrgott und seinen Pfarrer kommen lässt“, zum vom Faschismus verfolgten Illegalen: „Er ist von Hause aus kein politischer Kopf, und ein radikaler am allerwenigsten. (…) Es ist übrigens ein langer Weg. Er führt Bentsch in das Lager der Klassenkämpfer. (…) Bentsch hat kein Schicksal: hätte er eines, so wäre es in dem Augenblick abgeschafft, wo er, am Schluss der Geschichte, unter den künftigen Illegalen als ein namenloser verschwunden ist.“

Walter Benjamin übersieht 1938 die sozialistische Perspektive des Romans nicht: „Werden sich diese Menschen befreien? Man ertappt sich auf dem Gefühl, dass es für sie, wie für arme Seelen, nur noch eine Erlösung gibt. Von welcher Seite sie kommen muss, hat die Verfasserin angedeutet, wo sie in ihrem Bericht auf die Kinder stößt. Die Proletarierkinder, von denen sie spricht, wird kein Leser sobald vergessen.“[16]

„Kopflohn“ – Rote Landagitation (1932)

In „Kopflohn“ – entstanden 1932/33 auf dem Weg ins Exil, einem „Roman aus einem deutschen Dorf im Spätsommer 1932“, erschienen 1933 bei Querido in Amsterdam – stellt Anna Seghers die sozialen Zerklüftungen und Kämpfe in einem Dorf der Rhein-Main-Gegend dar, eine Welt der herrischen Großbauern, paranoiden Kleinbauern, die ihre Frauen ausbeuten und in den Selbstmord treiben, der drangsalierten Knechte, der geschundenen Mägde. Alles wird durch die bäuerliche Verschuldung, den stockenden Viehhandel, tägliche Zwangsversteigerungen, permanente Delogierungen verschärft.

Mitten im Geschehen steht der steckbrieflich gesuchte, bei armen Verwandten untergetauchte zwanzigjährige Johann Schulz, möglicherweise mit der KPD sympathisierend. Er wird beschuldigt, bei einem Hungeraufmarsch in Leipzig im Affekt einen Polizisten getötet zu haben, auf ihn wird ein Kopflohn ausgesetzt. Am Ende der Romanerzählung wird er von militanten Dorfnazis geschlagen, gezerrt, verraten, halb totgeschlagen: „Johann hatte gedacht, sein Vater würde ihm mal hinterlassen: einen Geburtsschein, eine Stempelkarte, ein Mitgliedsbuch der SPD, das seit zwei Jahren nicht mehr geklebt war.“ (Kopflohn, 74)

In „Kopflohn“ gestaltet Seghers am Rande auch die Geschichte von Kommunisten am Land, die Geschichte der schwierigen, oft schwach organisierten kommunistischen Landagitation.[17]

In einer Kreisstadt, nahe der dörflichen Gewaltwelt, bildet sich eine rote, von Nazischergen bedrängte Zelle. Ein Kommunist wird halbtot geschlagen: „‚Rote habt ihr hier keine?‘ – ‚Nee, das haben wir nicht. So richtig Rote wie in der Stadt und wie in Botzenbach der Ibst, das haben wir hier nicht.‘“ (Kopflohn, 48)

Neben der traditionell klerikalen und deutschnationalen Dorf-Hegemonie marschiert der Nazifaschismus voran. Der verschuldete, in seiner Existenz gefährdete Kleinbauer Zillich ist Naziführer vor Ort. Im „Siebten Kreuz“ wird er als KZ-Aufseher auftreten. Zillich hasst die Roten, weil sie ihm das Land enteignen wollen, „nach dem sich Zillich sehnte“, das er aber nicht hatte und nie haben sollte, „weil sie ihm das Vieh wegtreiben wollten“, das „er im Traum besaß“. Zillich verkommt in seinem „Juda verrecke, verrecke, verrecke“-Hass: „Zillich hatte in Botzenbach, obwohl das früher ein Rotfrontkämpfer-Stützpunkt war, überraschend schnell eine [SA-]Achtergruppe aufgebracht. (…) Er war von großer Körperkraft und bekannt als gewalttätig. Vor zwei Monaten, beim roten Sportfest in Billingen, als ein Fichte-Auto erwartet wurde, hatte er über die Straße einen Draht gespannt. Er hatte dem Bauer Ibst, der früher zu den Roten Frontkämpfern gehörte, kürzlich ein Auge ausgeschlagen.“ (Kopflohn, 67f.)

Zillich will die roten Landfahrten mit Gewalt stoppen, er mobilisiert seine SA-Schlägerbande: „Ibst hatte den roten Stützpunkt seit vielen Jahren ordentlich gehalten, einen der wenigen in dieser Gegend. Außer ihm selbst gab es nur noch welche in Niederweilerbach dicht bei der Stadt, und in Beuren, wo früher Sandgruben waren. Auch Ibst war aus Beuren zugezogen, in die Familie seiner Frau, als die Gruben geschlossen wurden. Mit ruhiger, gleichmütiger Hartnäckigkeit dämpfte er die zuerst offene Feindschaft der Bauern; manche redeten nach und nach mit ihm, fragten, wurden zugänglich.“ Die kleine kommunistische Landgruppe unterstützt Bauern im Kampf gegen Pfändungen, gegen Pachtzinserhöhungen. (Kopflohn, 91f.)

Der rote Rendel agitiert Zillich bei einem Zusammenstoß an: Warum lässt du dir Nazi-„Rotz ums Maul schmieren“? Du bist auch nur ein verelendeter Kleinbauer, ständig am Absturz, du musst dich immer wieder als Knecht verdingen, du hast dich schon oft bei Schindern zum Taglohn verpflichten müssen: „Bist doch ‘n Landprolet, bist, waste bleibst. Zieh nur gestiefelt und gespornt ins Dritte Reich – “ Zillichs Nazischergen verletzen Rendel: „Rendel hatte sich inzwischen in Wolfs Werkstatt versteckt. Am Morgen hieß es, er hätte die Stadt verlassen. Er wurde aber bei Wolf gepflegt und leitete von dort die Wahlarbeit. Obwohl die Stadt klein war, hielt er sich auch weiterhin und wurde erst kürzlich erschlagen.“ (Kopflohn, 108-110)

Rendels Frau, ein von den SA-Schlägern gehasstes „rotes Mistvieh“, setzt die Arbeit fort. Bei einem Zusammenstoß Zillichs mit der Rendel bleibt ein kommunistisches Flugblatt im Dreck liegen. Zillich liest es verwirrt: „Auf der Erde zwischen den Pfützen lagen ein paar Zettel. Er bückte sich, er hielt den Zettel gegen die offene Tür. Schrift und Bild waren in Wolfs Werkstatt in Hast abgezogen, verwischt, unordentlich. Gleichwohl erkannte auch Zillich das Bild eines Mannes, schiefe Augen, Spitzbart: Nehmt und hütet wie den Augapfel das Land, die Fabriken, die Eisenbahnen und alle Werkzeuge! Dieses soll von nun an euer alleiniger Besitz sein. Als hätte er noch gar nichts erkannt, sondern wollte grade ein Erkennen verhindern, riss Zillich das Gesicht blitzschnell mitten durch.“ (Kopflohn, 142)

Der als Knecht untergekommene Johann Schulz nimmt Kontakt zu einer kleinen KP-Gruppe in der Nähe des Bauerndorfs auf, so wie Georg Heisler im „Siebten Kreuz“ sind auch einige Genossen am Land in den KPD-nahen roten „Fichte-[Sport-] Vereinen“ organisiert: „Johann blieb schließlich vor einem kleinen Laden stehen; eigentlich war es kein Laden, sondern das Fenster eines ehemaligen Wohnraumes, in dem allerlei Wandervogelkrimskrams lag, blaue Hemden und Ledergürtel, aber auch Fichte- und Antifa-Abzeichen. Auf der Rückwand war die Arbeiter-Illustrierte mit Reißnägeln angeschlagen. Johann wagte nicht hineinzugehen. Er wartete, bis jemand herauskam. Heraus kamen zwei Männer, beide nicht sehr jung, beide klein. Der eine trug das Antifa-Abzeichen an der Monteursjacke, der andere trug nichts, legte aber seinem Begleiter die Hand auf die Schulter. Johann lief hinter ihnen her. Sie gingen in einen Hof, in eine Fahrradreparaturwerkstatt. Johann trat hinter ihnen ein. Fast gleichzeitig kam aus dem Küchenzimmer hinter der Werkstatt dieselbe kurzhaarige, vor Müdigkeit gelbe, mürrisch blickende Frau in grüner Jacke, zwei Brote im Arm. Sie fragte ihn zuerst, was er wollte. Johann erwiderte, er sei ein Genosse aus Leipzig: Die Frau fragte, ob er mitäße. Der Monteur, er hieß Wolf, sagte: ‚Freilich isst er.‘ (…) Johann wollte sich vorsichtig durchfragen; der Monteur fragte ihn nach Leipzig aus, wo er sich von früher auskannte. Er fragte ihn, ob er in der Partei sei. Johann erwiderte, nein, aber er wollte gern mit jemand von der Partei sprechen, jetzt.“

Der zweite Genosse, der ortsbekannte kommunistische Aktivist Rendel, „fragte Johann, was ihn herführte. Johann fing stockend zu erzählen an. Obwohl er dabei in seinen Teller sah, spürte er, wie sich die Gesichter veränderten, die Blicke härter wurden. Schließlich sagte Rendel: ‚Du wirst dich in acht nehmen müssen, auch wenn du zu uns gehst. Du kannst gleichwohl für uns manches tun.‘“ (Kopflohn, 78)

Johann trifft auf den bei einem Dorfnazi angestellten jungen Arbeiter Kößlin. Kößlin läuft aus anerzogener Untergebenheit bei der SA mit, gleichzeitig ist er aber Johann freundschaftlich verbunden, obwohl er schlussendlich glauben wird, den Gesuchten verraten zu müssen. „Kößlin sagte: ‚Ich hab schon früher manchmal daran gedacht dass du rot bist. Du bist in der Partei, was?‘ ‚Nein, das nicht. Aber rot bin ich.‘ ‚Ich kann das von dir nicht verstehen –‘ (…). ‚Du musst mich aber verstehen, Kößlin.‘ Er brach ab und dachte nach (…) ‚Du kommst doch so nicht weiter, Kößlin. Was der Kunkel will, ist das Gegenteil von dem was du willst. Er will ’n Knecht, ’nen billigen Knecht. Willst du ein billiger Knecht sein‘“

Kößlin glaubt kein „Prolet“ zu sein, er glaubt, dass es eine „Kameradschaft“ zwischen Knecht und Dienstherr geben kann. Johann erklärt es ihm noch einmal: „Für mich ist das, dass ich n‘ Prolet bin, das, woraus ich denk, wenn mir‘s sauschlecht geht, wie mir‘s jetzt geht, dass es mir daraus wird besser gehen.“

Kößlin beharrt aber an seiner Vorstellung von Herr-Knecht-Kameradschaft und sei es eine SA-Kameradschaft: „Dass nämlich einer von jemand der Knecht ist und auch von jemand der Kamerad ist, das geht in deinen Kopf, Johann, nicht rein.“

Johann Schulz antwortet eher resignierend, er kann nicht verstehen, dass Kößlin gegen eigenes (Klassen-) Interesse seinen Ausbeutern folgt: „Nein, das geht in mich nicht rein. Sie haben dir ein Hemd geschenkt, und du hast ihnen deine Haut dafür geschenkt. Lass dich doch nicht anschmieren. Biste denn blind? Kriegst ’n Knopf und dankst für ’n Taler.“ (Kopflohn, 159f.)

                                  

Antifaschistischer Widerstand ab 1933, proletarische Einheitsfront?

In der Findlinger-Straße am Rand des schlesischen Montanreviers nimmt der SA-Terror Ende 1932 weiter zu. Ein Lokal nach dem anderen, ein Wirt nach dem anderen wird von den Faschisten übernommen. Eine kommunistische Zelle plant den Widerstand gegen die Provokationen in den Arbeitervierteln. Vier Genossen treffen sich konspirativ, unter ihnen ein alter Spartakist: „Gerade dieser Dicke war schon seit dem Spartakusbund dabei. Vier Jahre Zuchthaus hatten ihn so aufgeschwemmt.“ Herbeieilende Genossen alarmieren, die Nazis planen einen Überfall auf eine rote Arbeitergasse: „Wir kriegen heut abend einen Überfall auf die Petzekowgasse, macht hier Schluss, schickt uns alle. (…) Katholische, Sozis, die ganze Gasse. Wir haben versprochen, dass keiner mehr durchfährt und wenn’s trätscht.“ Viele halten wenig von einer direkten Konfrontation, man soll sich nicht provozieren lassen. (Rettung, 425f.)

Unter dem Eindruck der voranschreitenden faschistischen Machtergreifung ist Geschke in Berlin den KP-Genossen gegenüber gar nicht mehr so feindselig. In alter Arbeitersolidarität schmerzen ihn die ständigen Naziprovokationen vor dem Karl-Liebknechthaus. Er lehnt im Rückblick auch den „Zörgiebel’schen Blutmai“ ab, da wird der Triebel nicht so unrecht haben. Der Mai 1929 war wohl der Anfang vom Ende der alten Bebel’schen Sozialdemokratie. Auch wenn Geschke mit Triebel noch immer nichts zu tun haben will, am Kurs seiner Partei beginnt er mehr und mehr zu zweifeln: „Als die Nazis ihre Demonstration auf dem Bülowplatz vor dem Liebknechthaus ansetzen, da hatte er selbst gehofft, sie würden zu Brei zerstampft werden. (...) Der Naziaufmarsch auf dem Bülowplatz hatte ihm weh getan. (…) Es war ihm selbst schlecht zumute gewesen, als einer aus seiner eigenen Partei, Zörgiebel, der Polizeipräsident, im Mai vor vier Jahren auf rote Fahnen geschossen hatte. Triebel hatte wahrscheinlich recht gehabt; es war der Anfang vom Ende. Und später, als seine Partei gutwillig Hindenburg wählte, da hatte Triebel auch recht gehabt: Es wird mit Hitler enden. Hindenburg hat den Hitler zuerst verachtet und dann empfangen.“ (Die Toten, 355f.)

Geschke zweifelt trotz aller Gegnerschaft zu Triebel: „Er, Geschke, hätte vielleicht dem Triebel folgen sollen und mit den Seinen brechen.“ Da sieht Geschke auch schon, wie Triebel in der Nacht des Reichstagsbrandes verhaftet wird. Die SA-Truppe hielt „vor dem Haus; die Haustür flog. Marie richtete sich plötzlich auf. Die Schritte kamen dröhnend treppauf; das klang nach Polizei. Das klang noch wilder als Polizei, mit knallenden Türen, mit Fäusten und Stampfen. Sie hielten einen Stock tiefer, bestimmt bei dem Triebel. Ein Schlag fiel gegen die Tür. Man hörte den Lärm von zersplittertem und zerstampftem Zeug, eine Frau, die schrie. Die Menschen liefen aus allen Türen ins Treppenhaus. Marie sprang aus dem Bett. Geschke sah noch durch die Küchentür, wie die SA den Triebel hinunterstieß. Ein SA-Mann stand auf dem Treppenabsatz, er drehte der Triebel die Arme aus den Achseln.“ Geschke berichtet seiner Frau Marie: „Der Wallau sitzt in Oranienburg, weil er am 1. Mai die Hakenkreuzfahne nicht rausgehängt hat. Den Triebel haben sie wohl schon totgeschlagen.“ (Die Toten, 358, 390)

Die Stimmung im Betrieb erzürnt Geschke. Er sieht eine durch Terror erzwungene, durch demagogische Zugeständnisse abgepresste Regimeloyalität, zu seiner Frau Marie gewandt: „Du hättest mal hören sollen, wie sie den Hitler diesmal für die Lohntüte gelobt haben.“

Gleichzeitig wird im Schlesischen Andreas Bentsch verhaftet: „Sie haben den Lorenz abgeholt und den Bentsch mitgenommen, mit dem Überfallauto.“ Freigekommen berichtet Bentsch: „Ja, wir waren arg eingepfercht, ja man musste die Tür von außen zuquetschen.“ Bentschs Tochter Marie sucht ihren Freund Lorenz. Sie kommt vor eine SA-Kaserne, fragt nach ihm, höhnisches Gelächter und zynische Antwort: „Der ist bei uns gut aufgehoben.“ (Rettung, 445-450)

Bentsch taucht bei Verwandten unter: „Bentsch, du kannst nicht heim. Sie sitzen bei dir, sie warten nur, dass du kommst, du kannst nicht heim. (…) Bentsch sagte immer verwirrter: ‚Wohin denn?‘ ‚Da ist ein Zettel, da kannst du mal zunächst hin. Du gehst jetzt über die Angersdorfer Landstraße und dann über die Kalinger. Und dann wieder in die Stadt rein. Und dann dahin auf den Zettel. Und hier ist etwas Geld.“

Nach einem Jahrmarkt in der Frühjahrssonne mit seinen Unterhaltungen über Hitler – lasst „den Mann doch ruhig zeigen, was er kann“, wenn er es schafft, die Montangrube wieder zu öffnen, dann wäre das ja was! – verschwindet Bentsch. Es scheint ein Krieg für ihn allein zu sein. Die Demagogie von einer „Volksgemeinschaft“ scheint „die armen Seelen eingefangen“ zu haben.

Wie Geschke in Berlin beobachtet also auch Bentsch beim Abtauchen ein stilles, zumindest vorübergehend loyales Arrangieren mit dem Hitlerfaschismus: „Dieser Krieg war wohl einer, den sich Bentsch allein ausgedacht hatte, und er zog auch allein hinein. Wenigstens sah es so aus. Denn die Menschen waren alle vergnügt mit ihrem warmen Märzsonntag und ihrem Jahrmarkt, (…).“ (Rettung, 454, 458, 462)

Im Berliner Arbeiterwohnheim trauert Geschke mittlerweile seinem alten Widerpart Triebel nach: „‚Die Triebel hat mir erzählt, sie hat ihren Mann zehn Minuten gesehen. Er ist immer noch im KZ. Die lange, teure Reise für zehn Minuten!‘ Geschke sagte finster: ‚So lebt er doch noch, der Triebel.‘ Er setzte sich vor das Fenster. Er sah den Triebel die luftige dunstige Straße durchqueren; er sah ihn mit seinen hastigen, wütigen Händen fuchteln. Er sah ihn höhnisch den Mund verziehen; er sah seine wachen, frechen Augen; er sah ihn im Schützengraben; er sah ihn in der Kneipe; er sah ihn am Kaffeestand auf der eiskalten Straße beim letzten Aufmarsch im Winter zweiunddreißig. Er hörte die heftigen Worte, die er zu ihm heraufrief. Doch nicht den Sinn dieser Worte; er hörte jetzt nur ihren Klang. Er hörte die Tür zuknallen, als sie sich endgültig verzankt hatten. Er sagte: Ich werde von meinem nächsten Lohn der Triebel in ihre Türe einen Geldschein schieben, sie braucht nicht zu wissen, von wem er kommt.“ (Die Toten, 470)

Einige Jahre später, 1940, die faschistische Kriegsmaschinerie ist nach dem „Westfeldzug“ gerade am Höhepunkt ihrer Macht angekommen, beobachtet Marie Geschke Triebels Frau: „Marie saß mit ihrem Nähzeug, wo sie am liebsten saß, auf dem kleinen Balkon, der wie ein Vogelnest an der Hausfront hing. Schräg unter ihr in einem ähnlichen Vogelnest saß die Triebel mit ihrer Heimarbeit für die Fabrik. Der Streit, der irgendwann die beiden Familien getrennt hatte, stand immer noch als eine Scheidewand zwischen ihnen, wie oft und wie gern sie auch von den beiden durchbrochen wurde mit Fragen, Ratschlägen und geliehenem Hauskram. Die Triebel hatte von ihrem Mann nichts mehr gesehen seit dem Besuch in Oranienburg. Er steckte längst in einem anderen Lager. Sie wusste nur, dass er noch immer lebte. Er war noch immer der freche und zähe Bursche, der sich zwischen Fußtritten, Schlägen und wahrscheinlich auch Schüssen rätselhaft durchschlängelte.“ Gegen Kriegsende wird auch Frau Triebel von der Gestapo verschleppt. (Die Toten, 535f.)

Das Auftreten von Georgi Dimitroff im Leipziger Reichstagsbrand-Prozess, sein Freispruch Ende 1933 war eine große moralische Stütze für die bedrängten antifaschistischen Kader gewesen. Ein Freikorps-Offizier, angehender SS-Offizier ist hingegen empört: „Denn wenn es ein deutsches Recht gibt, das den Dimitroff von der Anklagebank verschwinden macht, dann ist es nicht das Recht, das wir brauchen.“ (Die Toten, 366)

Wütend hatte Geschke zusehen müssen, wie sein Sohn Franz bei der SA gelandet ist, aber immerhin sein Stiefsohn Hans ist in einer der vielen kleinen verdeckten Arbeitergruppen tätig. Hans steht seinem leiblichen Vater Erwin folgend der KP nahe. Sie verteilen Flugblätter zu den Massendemonstrationen der französischen Arbeiter gegen die drohende faschistische Gefahr im Februar 1934, zur neuen Volksfrontlinie des VII. Weltkongresses der kommunistischen Internationale 1935. Hans‘ Mutter Marie unterstützt dies in Erinnerung an den 1919 ermordeten Erwin: „Die rote Fahne, die plötzlich in schwindliger Höhe auf einem Fabrikturm wehte – wie man teils lachend, teils wütend erzählte, war die Turmleiter mit Seife beschmiert, so dass man die Fahne nicht rasch herunterbrachte, ein Flugblatt, das einmal die Tante Emilie in ihrem Briefkasten fand, worin von Frankreich die Rede war und von dem Kampf der französischen Arbeiter und von einer Sache, die Volksfront hieß, aber genau das Gegenteil sei von Hitlers Volksgemeinschaft, und einmal Sichel und Hammer mit Kalk auf eine Warenhausscheibe geschmiert.“ (Die Toten, 460f.)

Im konspirativen Umgang gibt es auch das überlebensnotwendige Misstrauen. Jeder fürchtet, der andere könnte zum Naziregime übergelaufen sein. So kontaktiert Hans Geschke 1936 vorsichtig Martin, den Freund seines leiblichen Vaters Erwin. Martin ist auf dem Weg nach Spanien zu den Interbrigaden. Aber Martin, Erwins Kampfgefährte aus den Tagen des „Spartakusaufstandes“ 1919, kann in einem Berliner Gespräch nicht ausschließen, dass Hans von der Hitlerjugend eingefangen worden sein könnte: „Hans sagte: ‚Es gibt doch immer noch Menschen, die sich keinen Honig ums Maul schmieren lassen. Man sieht ja jetzt auch in Spanien, wie ein Krieg geprobt wird. Glaubst du, wir wissen hier gar nichts? Warum verstellst du dich vor mir?‘ Martin dachte: Ich bin vielleicht schon verdächtig. Er schnüffelt, wohin ich fahre. (…) Er ist vielleicht treu, dachte Martin; ich tu ihm vielleicht unrecht.“

Martins Misstrauen schwindet, als er von Hans erfährt, dass ein Beiden bekannter junger Genosse bei einer illegalen Aktion ums Leben gekommen ist: „Er ist tot (…) Wir haben Flugblätter verteilt, da wurde er angeschossen; wir haben ihn heimgeschleppt; er ist im geheimen gestorben, damit kein Verdacht auf jemand fällt. (…) Martin dachte: Man muss die Kraft haben, jemand zu misstrauen. Man muss die Kraft haben, jemand zu vertrauen.“

Trotz seines jugendlichen Alters – er ist Jahrgang 1919 – will auch Hans Geschke zu den Interbrigaden nach Spanien: „Und jetzt, als halberwachsener Mensch, jetzt fühlt er, dass er nichts bitterer ersehnte, als offen zu kämpfen, Feind gegen Feind, mit Waffen. Er wäre am liebsten heute wie damals ohne Nachdenken mitgefahren.“ Aber dann entscheidet er sich doch für den Widerstand vor Ort in Deutschland. (Die Toten, 465-467, 471)

Das „Siebte Kreuz“: (Betrieblicher) Widerstand 1937[18]

Vor allem in ehemals stark links organisierten Betrieben kommt es 1936/37 zu passivem Widerstand, zu lokalen Streikaktionen gegen die zunehmende Militarisierung, gegen die Entrechtung im Zeichen einer „nationalen Arbeitsordnung“ und gegen die steigende Arbeitshetze, so bei Opel in Rüsselsheim. Acht Opel-Arbeiter werden im Herbst 1937 in Westhofen interniert. Ein Kommandant des im „Siebten Kreuz“ beschriebenen KZ Westhofen meldet zynisch: „Acht Neueinlieferungen. Lauter Leute von Opel-Rüsselsheim, die gegen irgend etwas gebockt hatten. Zu einer kurzen Kur, die ihnen nachher ihre neuen Akkordsätze besser bekömmlich machte.“ (Siebtes Kreuz, 330)

Nachdem Ernst Wallau, ehemals Betriebsrat bei Opel, „der ja den Krieg erlebt hatte und die Ruhrkämpfe und die Kämpfe in Mitteldeutschland und überhaupt alles, was zu erleben war“, im KZ Westhofen ermordet worden war, zirkuliert in den Opel-Werken ein Flugblatt: „Aber schon am Montag früh lief ein Zettel um in den Opelner Werken bei Mannheim, wo Wallau in alten Zeiten Betriebsrat war: Unser ehemaliger Betriebsrat, der Abgeordnete Ernst Wallau, ist am Samstag sechs Uhr in Westhofen erschlagen worden. Dieser Mord wird am Tage des Gerichts schwer zu Buche stehen.“ (Siebtes Kreuz, 364)

Schon die neuerliche Einlieferung des gefesselten, gequälten Wallau hatte die Mitgefangenen wenige Tage zuvor aufgeschreckt: „Später erzählte einer von diesem Morgen: ‚Auf uns Gefangene machte die Einlieferung Wallaus ungefähr einen solchen Eindruck wie der Sturz Barcelonas oder der Einzug Francos in Madrid oder ein ähnliches Ereignis, aus dem hervorzugehen scheint, dass der Feind alle Macht der Erde für sich hat.“ (Siebtes Kreuz, 172)

In vielen Betrieben des Rhein-Main-Landes lebt das sozialistische und kommunistische Erbe fort, auch wenn sich Viele zurückgezogen vom antifaschistischen Kampf verabschiedet haben, sind sie der alten Sache treu geblieben und deshalb auch als Fluchthelfer (für Georg Heisler und seine Kameraden) mobilisierbar. Viele alte Verbindungen sind ruhig gestellt, aber von Fall zu Fall abrufbar, so in den Griesheimer Eisenbahnwerkstätten, in denen unter vielen anderen Franz Marnet, Georg Heislers Freund aus der Zeit vor 1933, arbeitet, ein ehemals aktiver Kommunist, der seit Jahren politisch abseits stehend nun 1937 die Flucht unterstützt. Franz Marnet wird vom „Wunsch nach Gerechtigkeit“, nach einem „anderem Deutschland“ angeleitet. (Siebtes Kreuz, 321)

Auch wenn viele ihre „Fahnen eingerollt haben“ könnten, gibt es Anzeichen versteckter politischer Aktivität. Mancher, der einst ein „stramm Organisierter“ war, war „wohl deshalb nicht ins KZ gekommen, weil er zu dem unentbehrlichen Stamm Facharbeiter gehörte und ziemlich alt war“, so auch ein Genosse, der „die rote Fahne zum ersten Mai immer schon abends am dreißigsten April herausgehängt, damit sie beim ersten Morgengrauen losflattern konnte“. Mancher alte Genosse kann nicht kontaktiert werden, muss aus Gründen konspirativer Vernunft abgehängt bleiben, da er nach einer Freilassung aus einem KZ unter Gestapo-Beobachtung steht. (Siebtes Kreuz, 342f.)

Georg Heisler, die Hauptfigur in Seghers‘ „Siebtem Kreuz“, war bis 1933 kein politisch disziplinierter Genosse gewesen. Nach der Lehre arbeitsloser Autoschlosser war er eher zufällig zur KPD gestoßen. Er nimmt Ende der 1920er Jahre zwar an Demonstrationen und Arbeiter-Kursen teil, aber ohne allzu großen Einsatz. Er lebt halb treu leicht dahin, aktiv ist er allenfalls in den „Fichte-Vereinen“, also in roten Sportklubs. Dies ändert sich nach 1933 in der Illegalität entscheidend.

Auf der mehrtägigen Flucht aus dem KZ Westhofen im Oktober 1937 hilft ihm die Erinnerung an die Gefahren, denen ein „Kuli in Schanghai“ oder ein „Schutzbündler in Wien“ ausgesetzt waren: „Als deshalb Georg auf die Zeitung sah – der vierte Morgen seiner Flucht fiel in jene Oktoberwoche, da in Spanien um Teruel gekämpft wurde und die japanischen Truppen in China eindrangen -, (…).“ (Siebtes Kreuz, 231)

Vergeblich hatte Ernst Wallaus Frau gehofft, dass ihrem Mann die Flucht gelingt. Sie denkt an die Flucht des Kommunisten Hans Beimler aus dem KZ Dachau im Mai 1933 oder an jene des Sozialdemokraten Gerhart Seger aus dem Lager Oranienburg im Dezember 1933: „Wallaus Frau hielt sich nicht an Erfahrungen, nicht an Auskünfte ringsherum, sondern an zwei oder drei Legenden von gelungenen Fluchten. Beimler aus Dachau, Seeger [!] aus Oranienburg. Und in Legenden steckt ja auch eine gewisse Auskunft, eine gewisse Erfahrung. Aber sie wusste auch, dass ihr Mann mit der ganzen Kraft hellbewusster Menschen darauf brannte, zu leben, weiterzuleben, dass er den leisesten Hinweis verstehen würde.“ Sowohl der Sozialdemokrat Seger als auch der später in Spanien gefallene Kommunist Beimler hatten Erfahrungsberichte ihres Entkommens verfasst. (Siebtes Kreuz, 144)

Georg Heislers Fluchthelfer orientieren sich an den noch locker vorhandenen KP-/SP-Netzwerken in den Betrieben. Ist das Ehepaar Fiedler zu gebrauchen? Dieser Arbeitskollege lässt sich nicht in die Karten blicken: „Ach, Fiedler, der war auch nichts. Der hatte noch vorige Woche offen erklärt – als ihn Brand zur Rede stellte: Du, Fiedler, hast früher bei keinem Streik gefehlt, bei keiner Demonstration -: Die Zeiten ändern sich, und wir mit den Zeiten.“

Fiedler, der sich aus den alten Kampfverbindungen abhängen hatte lassen, überlegt für sich: „Ich hab ja gar keine Verbindungen mehr zu irgendeiner Leitung, zu irgendwelchen Genossen. Die Verbindung zu meinen eigenen Leuten ging mir längst verloren, vielleicht war sie gar nicht so unauffindbar, vielleicht hätt ich sie knüpfen können. Ich aber hab’s dabei belassen, sie ist mir verlorengegangen. Jetzt bin ich abgehängt, (…). Wie ist das nur gekommen, dass ich plötzlich allein bin und abgehängt. Hab den Anschluss nicht mehr gefunden nach den vielen Verhaftungen, als die Verbindungen nach und nach durchrissen. Oder hab ich den Anschluss gar nicht so ernst mehr gesucht, so wie man das sucht, ohne das man nicht leben und nicht sterben kann? (…) Ja, damals hab ich aufgehört, als die Leitung aufflog, und damals gerade ist auch der Georg Heisler mit aufgeflogen.“ (Siebtes Kreuz, 345-349)

Das Ehepaar Fiedler organisiert schlussendlich die Flucht Georgs nach Holland maßgeblich mit. Frau Fiedler denkt über die antifaschistische Arbeit in der Illegalität nach: „Die alte Dunkelheit, in deren Schutz man Plakate geklebt hatte, Parolen auf Häuserwände gemalt, Handzettel unter die Türen gesteckt. Wenn sie jemand heute mittag gefragt hätte nach dem Stand der Arbeit, nach der Aussicht des Kampfes, sie hätte genau wie ihr Mann mit den Achseln gezuckt.“ (Siebtes Kreuz, 381)

Auch der ehemalige Arbeiter-Abendlehrer Kreß, der sich manchmal mit seinen Schülern „über Christentum und Klassenkampf“ gestritten hatte, ist unter den dramatischen Begleitumständen der Flucht wieder für die antifaschistische Sache einsetzbar. Das Ehepaar Kreß versteckt Georg für einige entscheidende Stunden: „So war er auf den Doktor Kreß verfallen. Der hatte früher bei Pokorny gearbeitet und dann bei Cassella. Fiedler kannte ihn auch aus seiner Arbeiterabendschule. Dort hatte Kreß Chemie unterrichtet. Sie trafen sich öfters, und dann war es Kreß, der von dem Schüler lernte. Kreß war von Natur sehr ängstlich, er hatte aber im Jahre 33 tapfer zu dem gestanden, was er für richtig erkannt hatte. Dann aber hatte gerade Kreß die verhängnisvolle Antwort gegeben: ‚Lieber Fiedler, komm mir nicht mehr mit Sammellisten, komm mir nicht mehr mit verbotenen Zeitungen, für eine Broschüre will ich nicht mein Leben riskieren. Wenn du was hast, was sich lohnt, dann komm wieder.‘ – Vor nunmehr drei Stunden hat ihn Fiedler beim Wort genommen.“ (Siebtes Kreuz, 376f.)

Ein weiterer Fluchthelfer findet sich in einem alten KP-Genossen und Ruhrkämpfer des Jahres 1920, in einem Mann, mit dessen Hilfe Georg Heisler als angehender spanischer Interbrigadist mit gefälschten Papieren auf einem holländischen Rheinschlepper aus Nazideutschland fliehen kann: „Reinhardt versicherte rasch, dass er alles begreife. Als ob es an ihm sei, sich zu entschuldigen, erzählte er eine entlegene Geschichte aus dem Jahr 23 [wohl 1920!] Er hätte in der Gegend von Bielefeld gestanden bei Einzug des Generals Watter, und damals sei ihm der Schreck so in die Glieder gefahren, dass er sich wochenlang versteckt hätte. Zuletzt, als der Schreck schon vorbei war, aus Scham und aus Ärger über den Schreck.“ (Siebtes Kreuz, 401)

In den letzten Stunden auf deutschem Gebiet erinnert sich Georg Heisler an die Einlieferung eines Häftlings in Westhofen: „Keine zwei Wochen war es her, dass ein Neueingelieferter in Westhofen auf der feuchten Erde aus ein paar Spänen ein Spanien zusammengelegt hatte und mit dem Zeigefinger die Kriegsschauplätze hineingezeichnet; Georg erinnerte sich, wie der Mann mit dem Holzschuh sofort darübergefahren war, als sich der Wachtposten näherte. War ein kleiner Drucker gewesen aus Hanau.“ (Siebtes Kreuz, 408)

Georgs Flucht und sein Einsatz für das republikanische Spanien sind für die im KZ Westhofen zurückgebliebenen Häftlinge ein Hoffnungsschimmer, „etwas von der Gerechtigkeit und von dem Arm der Gerechtigkeit“.

Antinazistische „Zwischenfiguren“

In vielen Seghers-Romanen tauchen – so auch in „Kopflohn“ oder im „Siebten Kreuz“ – Zwischenfiguren auf. Auf den ersten Blick unpolitisch erscheinend haben sie sich auch unter der nazistischen Barbarei individuelle Menschlichkeit bewahrt. Sie verraten von der Gestapo Verfolgte nicht. Gelegentlich unterstützen sie diese mit kleinen Gefälligkeiten. Ihre klammheimliche Sympathie gilt etwa den aus dem KZ Westhofen Ausgebrochenen.

Der Kriegsinvalide Christian Nadler hat die richtigen Konsequenzen aus seiner schweren Verwundung gezogen. Er hat seit 1918 die Kriegshetze seines Bruders Wilhelm, eines gewalttätigen Anführers völkischer Landwirte, landarm, stets verschuldet, und deshalb seine Wut auf den jüdischen Viehhändler Levi projizierend, gehasst. Christian „konnte auch den Bruder nicht ausstehen wegen des Geschwätzes, das in Kriegsprahlerei bestand und in Redensarten aus den Vereinen“ der „Vaterländischen Landbevölkerung“ und des „Stahlhelms“.

Als Opfer des Krieges wählt Christian Nadler 1925 Hindenburg nicht. Er zerknüllt den Wahlzettel, sein Bruder Wilhelm ist Wahlhelfer der revanchistischen Hindenburg-Clique: „Christian Nadler verknäulte seinen Wahlzettel vor der Urne und steckte ihn in die Tasche. Er wusste, sein Bruder hatte auf einen Bogen Papier jeden Namen geschrieben, der zur Wahl gegangen war. Er würde vorsichtig eine Stricknadel durch den Pack Wahlzettel ziehen, damit man dann nacheinander die Namen ablesen konnte in der Reihenfolge, in der sie in die Urne geworfen wurden.“ Christian Nadler ist nirgendwo organisiert. Als scheel angesehener, aber grundanständiger Einzelgänger versteckt er einen von der SA Gesuchten, später Liquidierten. (Die Toten, 171-174)

Ähnlich entwickelt sich – ebenfalls in „Die Toten bleiben jung“ – Anneliese von Wenzlow, die Tochter des sich fließend vom preußisch friderizianisch aristokratischen Leutnant zum Freikorpsfaschisten und Nazioffizier wandelnden Militärführers. Die jugendliche Anneliese ist erschrocken über das nazistische Unrecht. Sie sucht Kontakt zu oppositionellen Kirchenkreisen, zur „Bekenntniskirche“, zu einem Pastor, der später von „zwei behutsamen Beamten, denen man nichts von Gestapo ansah“, zu „einem Verhör in die Hauptstadt“ gebracht wird. (Die Toten, 489-494)

Nazistischer Betriebsterror, passive Arbeiterresistenz

Geschke ist in den Jahren der „Kriegswirtschaft“ einem innerbetrieblichen repressiven Spitzel- und Unterdrückungsregime ausgesetzt. Jeder arbeitsrechtliche Schutz ist weggefallen. Viele Kollegen reagieren mit passiver Resistenz, mit gezieltem Langsam-Arbeiten, teils mit Sabotage: „Geschke stand in einem Munitionsbetrieb, wovor er sich, solange es möglich gewesen war, gedrückt hatte. Zuerst ging sein Lohn im Vergleich zu der alten Arbeit herunter. Marie nahm diese Misshelligkeit so gleichgültig auf wie alle Schwierigkeiten des Lebens. (…) Es gab in seiner Abteilung ein paar, die am Anfang noch langsamer und noch ungeschickter waren als er und nichts dazulernten, (…). Geschke hatte gar keine Lust danach, so viel zu arbeiten, wie es den Nazis gefiel. (…) Der Betriebsführer tobte. In manchen Abteilungen sei das alte Gespenst noch immer nicht tot: die Solidarität. Statt sich nach Schnellsten und Stärksten zu richten, verleite dieses alte schmutzige Schlagwort noch immer ein paar deutsche Arbeiter, sich nach dem Schwächsten und Langsamsten zu richten. Dadurch kämen viele Abteilungen in Verzug. Das Führerprinzip zwinge das Volk, den Betrieb, den einzelnen Mann zur Gipfelleistung. Die Solidarität drücke es auf den Standpunkt der Schwächsten und Elendsten; sie sei überhaupt nur ein Rest, eine Vermischung von jüdisch-christlichem Gefasel.

Geschke, der sich sonst bei solchen Versammlungen langweilte, gab plötzlich scharf acht. Der schnoddrige Redner hatte sein Herz getroffen. Wie wenig er auch gelesen oder nachgedacht hatte, jetzt war ein Begriff gefallen, der sich ohne sein Wissen längst tief in ihn eingeprägt hatte. Er hatte nicht Marx zu studieren brauchen und nicht Bebel zu lesen, um zu begreifen, was das ist: Solidarität.“ (Die Toten, 584f.)

In den letzten Kriegsjahren keimt der Arbeiterwiderstand langsam wieder auf, auch wenn der Faschismus alle gewerkschaftlichen und politischen Organisationen der Klasse liquidiert hatte. In Geschkes Umfeld bildet sich eine illegale Betriebszelle. Geschke wird vorsichtig kontaktiert: „Diepold hatte sich ganz gründlich überlegt, ob dieser Geschke der richtige Mann war, den er zu solchen Zusammentreffen mitnehmen könnte. Er hatte den Geschke seit langem studiert. Geschkes Gedanken waren in Ordnung, aber würde er dichthalten? Wie, wenn sie aufflogen? War er verpflichtet, Geschke zu warnen, dass dieser Nachbarbesuch gefährlich war? Er sagte: ‚Du brauchst weder deiner noch meiner Frau zu erzählen, was wir da drüben hören.‘ Geschke nickte: ‚Schon gut.‘ Er hatte in einer Sekunde alles begriffen.“ (Die Toten, 644)[19]

Auch Marie Geschke wird zur Kriegsarbeit eingezogen: „Marie war beinahe froh, dass sie ohne Zeit zum Nachdenken im Betrieb stand von morgens bis abends. (…) Hans ist noch nicht da. Sie fürchtete halb im Traum, es könnte ihm diesmal doch etwas widerfahren sein. Sie horchte nach dem letzten Autobus, sie horchte auf Schritte unter dem Fenster. Wenn er jetzt nicht mehr kam, war er aufgeflogen. Er kam nicht, und sie machte sich langsam klar, wie sie vollends wach wurde, dass er gar nicht kommen konnte.“ Auch Marie ist mit der täglichen Betriebsrepression konfrontiert: „Am nächsten Tag gab es Krach im Betrieb. Man strafte mit Lebensmittelkartenentzug; man drohte mit Strafarbeit. Es gab eine Menge Frauen, die sagten, sie könnten beim besten Willen nicht in der festgesetzten Zeit die vorgeschriebenen Löcher stanzen.“

Marie fürchtet um ihren Mann, zumal im Betrieb viele Nazispitzel aktiv sind. Geschke wird dann still aus dem (Roman-) Geschehen verschwinden: Marie „konnte sich noch daran erinnern, wie stolz ihr Mann auf den Achtstundentag gewesen war. Das verdankt ihr uns, hatte er, der längst nicht mehr da war, in der Küche, die nicht mehr da war, zu dem Triebel gesagt, der auch nicht mehr da war. Jetzt war der Arbeitstag zwölf, vierzehn Stunden lang. Nur, um das Raubtier zu füttern, das stark bleiben musste, um alle zu fressen.“ (Die Toten, 653, 665, 669)

Roter soldatischer Widerstand 1943-1945

Hans Geschke ist als Soldat an der Ostfront eingezogen. Er sieht die russischen Zwangsarbeiter, die gehängten Partisanen. Mit einer Kompanie auf Odessa vorrückend hatte sich Hans an Sergei Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ erinnert. Im Herbst 1942 in der Nähe von Stalingrad stehend stellt er sich die Frage, wo ist Martin? Ist er in Spanien umgekommen? Kämpft er nun vielleicht auf Seite der Roten Armee: „Hans hatte sich oft gefragt: Wo steckt Martin, vielleicht auf der anderen Seite? Ich habe ihn vielleicht selbst erschossen. Er ist vielleicht längst in Spanien gefallen. (…) In Frankreich [1940] hatte er selbst noch geglaubt, er könnte, wie man ihm aus dem ersten Weltkrieg erzählt hatte, einen Haufen Menschen zum Widerstand bringen. Hier war er allein.“

An der Jahreswende 1942/43 denkt nicht nur Hans an das Überlaufen zu den Sowjets, auch ein anonym bleibender Mitsoldat namens Zimmering äußert den Gedanken: „Jetzt war es Zimmering, der zuerst den Gedanken aussprach, sich bei der besten Gelegenheit auf die andere Seite zu schlagen. Er glaubt also nicht mehr, dachte Hans, dass er die anderen herüberziehen kann.“ (Die Toten, 576f., 581)

Die Erzählung von „Die Toten bleiben jung“ ist sowohl im Eingangs- als auch im Schlussteil über den reaktionären preußischen Offiziertyp von Wenzlow verknüpft. Dieselben rechten (Para-) Militärs, die 1919 Erwin füsiliert haben, liquidieren nun knapp vor Kriegsende 1945 nahe der deutsch-polnischen Grenze den antifaschistisch desertierenden Sohn Hans und zwei weitere Kampfgefährten. So wie Hans nie seinen Vater Erwin gesehen hat, so wird nun der mit der schwangeren Emma verlobte Hans nie sein Kind sehen können.

Das geplante Überlaufen zur Roten Armee scheitert: „An einem der nächsten Tage wurde Wenzlow gemeldet, dass drei Mann in einer der zur Verstärkung angekommenen Kompanien sich verdächtig oft zu Unterhaltungen isolierten, die abgedeckt gegen Zuhörer geschähen und abgebrochen würden, wenn ein Vierter dazuträte. Zu der Ausrüstung, die die Kompanie in den Kessel mitgebracht hatte, gehörte auch das Material über jeden einzelnen Mann im Gepäck der Feldpolizei. Man stellte bei der Verhaftung fest, dass einer der drei, ein gewisser Ehrmann, schon vorher von einem Vorgesetzten als unsicher bezeichnet worden war.“

Angesichts der aussichtslosen Lage der eingekesselten deutschen Einheit werden die Verhafteten sofort umgebracht. Wie 1919 im Grunewald vor Berlin ruft Wenzlow: „Macht Schluss! Macht Schluss!“ Ein Blick auf Hans erinnert Wenzlow blitzartig an 1919 und die Ermordung von Erwin. All seine Schandtaten im Dienst von Noske, Lichtschlag, Kapp oder Lüttwitz ziehen an dem nun ebenfalls erledigten Wenzlow vorbei. (Die Toten, 689, 696f.)

„Transit“, der spanische Kampf, zur Resistance (1940/41)

„Transit“ ist nicht nur eine Erzählung im Umfeld von Franz Kafkas Prosa, auch wenn sich Anna Seghers in den Exiljahren nach 1940 wieder verstärkt mit Kafka befasste. Der auch an Brechts „Flüchtlingsgespräche“ erinnernde Roman bildet nicht nur die Welt einer scheinbar irrational undurchschaubaren, labyrinthischen Transit- und Konsularbürokratie ab, auch wenn selbst der schließlich zum französischen Widerstand übergehende Ich-Erzähler, ein Arbeiter, der „im Jahre 1937 aus einem deutschen KZ getürmt“ und „bei Nacht über den Rhein gekommen“ war, angesichts der täglichen Schikanen, vor allem aber angesichts der auch von den deutschen Nazistellen und der Vichy-Polizei drangsalierten Flüchtlinge die widersinnigen Fristen als astronomische Zeiträume zu empfinden beginnt: „Damals fing ich schon an, in Konsulatsfristen zu rechnen, eine Art von Planetenzeit, in der man irdische Tage für Millionen von Jahren setzt, weil Welten verbrannt sind, ehe das Transit abläuft.“ (Transit, 8, 137f.)

Der Ich-Erzähler kann während seiner Monate in Marseille 1940/41 immer wieder beobachten, dass die Visavergabe, die Verfolgung der Geflüchteten durchaus effizient kalkulierend im Sinn einer faschistischen Rationalität organisiert ist, so in einer Hotelhalle in Marseille: „In unserem Lager am Meer war alles zusammen gewesen, was das gemeinsame Band vereinigte, der Stacheldraht. Verdreckt und verlaust, Helden und Diebe, Ärzte und Schriftsteller und Proleten, vermischt mit den schlechtestbezahlten, zerlumptesten Spitzeln.

In dieser großen, warmen, durch Spiegel verzehnfachten Halle waren auch alle beisammen, gepflegt und gebügelt: Herren aus Vichy, Herren von der Deutschen Kommission, italienische Agenten, Leiter der Roten-Kreuz-Kommission, Leiter der großen amerikanischen, ich weiß nicht was, Kommission, und in den Ecken des Spiegelsaales unter den Palmen standen auffällig-unauffällig, lutschend an den besten Zigarrenmarken der jeweiligen Länder, die bestgekleideten, bestbezahlten Spitzel der Welt. (…) Ich sah in dem Nebel aus Spiegel und Rauch und Glas ein paar Hakenkreuze herumzucken. (…) Doch hier in der durchwärmten Halle am Boulevard d‘Athènes bestürzten sie mich noch mehr als daheim in den Untersuchungsräumen der Zuchthäuser oder im Krieg auf den Röcken der Soldaten (…) Und war die Verhandlung zu Ende, dann würden wieder um einen den Herren gewährten Preis ein paar tausend Menschen mehr hinter Stacheldraht zugrunde gehen, ein paar tausend Menschen mehr mit zerfetzten Gliedern in den Gassen der Städte herumliegen.“ (Transit, 225f.)

In „Transit“ findet sich nicht nur eine jenseits aller Geschichtlichkeit angesiedelte nihilistisch existentialistische Undurchdringlichkeit, jenseits konkreter gesellschaftlicher Kämpfe. In dieser hermetischen Konsularwelt wird nämlich stets politisch differenziert. Besonders diskriminiert sind linke, kommunistische Emigranten und Flüchtlinge vor dem Franco-Faschismus.

In „Transit“ ist auch der Kampf der deutschen Arbeiterbewegung sichtbar. Die antifaschistische Identität des Ich-Erzählers ist nicht zuletzt über seine Solidarität mit dem schwer invaliden Spanienkämpfer Heinz erkennbar, der schließlich trotz aller Zusatzschwierigkeiten – ein Transit durch Spanien ist für ihn ausgeschlossen – über den Atlantik entkommen kann.

Der Ich-Erzähler – mit dem angenommenen Falschnamen Seidler – scheint mit der KPD sympathisiert zu haben. Er wird auch von den Konsulaten diesem Lager zugeschrieben. Einem Mitemigranten erzählt er: „Er fragte mich, ob ich einer Partei angehöre. Ich erwiderte nein, ich sei auch ohne Partei damals in Deutschland ins KZ geraten, weil ich mir auch ohne Partei manche Schweinerei nicht gefallen ließ. Ich sei denn auch aus dem ersten, dem deutschen KZ entflohen, denn wenn schon mal krepiert werden musste, dann doch nicht hinter Stacheldraht. Ich wollte ihm auch erzählen, wie ich damals über den Rhein geschwommen war bei Nacht und Nebel, doch rechtzeitig fiel mir noch ein, wieviel Menschen inzwischen über wieviel Flüsse geschwommen waren.“

Seidler trifft in einem Internierungslager Anfang 1940 auf den deutschen Kommunisten Heinz: „Ich dachte an den Heinz, der von den Nazis halbtot geschlagen worden war im Jahre 1935, der dann im deutschen Konzentrationslager gesessen hatte, dann nach Paris geflohen war, nur um nach Spanien zu den Internationalen zu kommen, wo er dann sein Bein verlor, und einbeinig war er weitergeschleppt worden durch alle Konzentrationslager Frankreichs, zuletzt in unseres.“ (Transit, 16, 18)

Freunde haben Heinz durch halb Frankreich südwärts geschleppt. Er kann als Invalide nicht im französischen Widerstand unterkommen: „Mein Name steht auf der Auslieferungsliste der Deutschen. Ich würde trotzdem irgendwo bleiben, wenn ich noch meine zwei Beine hätte. So lauf ich als mein eigener Steckbrief herum.“

Der Kommunist Heinz ruft Seidler im Verlauf des Sommer 1940 in Marseille angekommen zur „Treue“, also zu Loyalität zur KP(D), zur sozialistischen Sache auf: „Ihm gefielen Eigenschaften, die mir abgingen, die für mich nichts bedeuteten. Mindestens war ich damals davon überzeugt, dass sie für mich nichts bedeuteten. Ich meine: unbedingte, für mich damals sinnlose und langweilige Treue, Zuverlässigkeit, die mir uneinhaltbar dünkte, unbeirrbarer Glaube, der mir kindisch und nutzlos vorkam wie das Herumschleppen alter Fahnen auf uferlosen Schlachtfeldern.“ (Transit, 74, 76)

Seidler trifft in seiner Marseiller Absteige auf ein altes geflüchtetes, von Krankheit geschwächtes Ehepaar, vertrieben als für die Sache der Arbeiter Kämpfende: „Auf unsere Frage erzählten die beiden, sie seien auf dem Wege nach Kolumbien. Der Alte war längst aus Deutschland geflohen, als man sein Gewerkschaftshaus in Brand steckte.“ (Transit, 231)

Vor allem gegenüber den us-amerikanischen Einwanderungsbehörden fühlen sich die „Transitäre“ verpflichtet zu erklären, nichts mit einer kommunistischen Gruppe zu tun zu haben. Eine Frau, der die Einreisepapiere in die USA verweigert wurden, klagt: „Wo sollte ich, eine Frau, die immer allein lebt, zwei amerikanische Bürgen hernehmen, die für mich ihre Hand ins Feuer legen, dass ich nie Geld unterschlagen habe, den Russenpakt verdamme, den Kommunisten nicht gewogen bin, nicht war und nicht sein werde, keine fremden Männer in meinem Zimmer empfange, ein sittliches Leben führe, führte und führen werde?“ (Transit, 92)[20]

Die französische Vichy-Polizei schikaniert besonders Spanienkämpfer, verhaftet sie auf Grund eines Abkommens mit der Franco-Regierung: „Für Abgeschiedene hielt ich sie, die ihre wirklichen Leben in ihren verlorenen Ländern gelassen hatten, in den Stacheldrähten von Gurs und Vernet, auf spanischen Schlachtfeldern, in faschistischen Kerkern und in den verbrannten Städten des Nordens.“ (Transit, 106)

Vor der Flucht nach Marseille war der Ich-Erzähler vor das Konsulat von Mexiko in Paris gekommen. Dort warten republikanische Spanier in Angst: „Sie waren Spanier, Männer und Frauen, verkrochen in den Winkeln der Stadt wie ich in dem meinen, nach einer Flucht wie der meinen. Nun war das Hakenkreuz auch hier über sie gekommen. Ich stellte ein paar Fragen. Ich erfuhr, was sie hergelockt hatte: ein Gerücht, eine Hoffnung, dass dieses entfernte Volk alle republikanischen Spanier aufnehmen würde.“ Es fehlt aber an den unzähligen Durchreisegenehmigungen: „Im Gegenteil, die Deutschen hätten hier und in Brüssel Spanier gefangen und dem Franco ausgeliefert.“ Die Schiffe für die Mexiko-Überfahrt lägen schon in Marseille. Ein Spanier „wusste sogar ihre Namen: ‚Republica‘, ‚Esperanza‘, ‚Passionaria‘.“ (Transit, 30)

Vor Seidler und Heinz taucht das Bild vom „alten Spanier“ auf, „der sich trotz der Ausrottung seiner ganzen Familie doch entschlossen hatte, ein Visum zu erringen, als sei dieses Land ein Gefilde der Seligen, wo man die Seinen wiederfände“: „Eine Spanierfamilie drang ein. Zu meinem Erstaunen schleppten sie auch jenen alten Spanier mit, dessen Söhne im Bürgerkrieg gefallen, dessen Frau beim Übergang über die Pyrenäen zugrunde gegangen war. Er sah viel frischer aus, als hoffe er, bald die Seinen wiederzufinden in einem Jenseits hinter dem Ozean.“ (Transit, 251)

Seidler ruft Heinz angesichts dieser Bilder zur raschen Flucht aus Marseille auf: „Du musst aus dem Land, Heinz, bevor die Falle zuschnappt. Sonst wirst du nun zu guter Letzt von den Deutschen geschluckt. Hast du ein Transit?“ Problem: Ein Transit durch Spanien ist nicht möglich, eines für Portugal hätte Heinz schon. (Transit, 136)

In Seidlers beengtes Transitquartier kommt auch ein spanisches Paar – sie schwanger – er von den Deutschen gesucht, die Auslieferung an Hitler oder Franco drohend: „Der Mann war ein kräftiger offener Bursche, durch List aus einem Lager entschlüpft, er war Offizier in Spanien gewesen, er rechnete mit der Auslieferung an die Deutschen, so hatten sie denn den Abschied beschlossen und seine sofortige Abfahrt. Er bat mich, der Frau beizustehen.“ Vielen Flüchtenden droht Überstellung in eines der berüchtigten Vichy-Lager. (Transit, 235)

Die Abfahrt eines weiteren spanischen Republikaners gelingt. Auf dem Schiff wird er von Spitzeln erkannt, und in Marokko, Casablanca, vom Schiff weg verhaftet an Franco ausgeliefert: „Die Polizei fährt mit auf dem Schiff, der Zivilkommissar fährt mit, er studiert die Dossiers in seiner Kajüte.“ (Transit, 249f.)

Auch Seidler, dem Ich-Erzähler, wird eine ihm zugeschriebene Verbindung zum spanischen Kampf zum Verhängnis. Im von den Nazis eroberten Paris hatte Seidler die Manuskripte des Schriftstellers Weidel an sich genommen. Weidel hatte sich angesichts dieser Bedrohung in den Freitod geflüchtet. Die Figur Weidels hat Anna Seghers nach dem Schicksal des österreichischen Arztes und Schriftstellers Ernst Weiß, dem sie 1939/40 in Paris begegnet war, gestaltet. Weiß brachte sich kurz nach dem Einmarsch der deutschen Truppen im Juni 1940 um.

Auf Grund dieser Papiere wird Seidler auf den Konsulaten für Weidel gehalten. Weidel hatte Monate zuvor eine Novelle über die Liquidierung von Roten in einer spanischen Arena geschrieben: „‚Was hat Sie bewogen, Herr Weidel-Seidler, sich um ein mexikanisches Visum zu bewerben?‘ (…) ‚Verzeihen Sie, wenn ich auch hier wieder Ihrem Gedächtnis nachhelfe. Da gibt es zum Beispiel aus Ihrer Feder eine gewisse, in zahlreiche Sprachen übersetzte Darstellung von den Erschießungen in Badajos.‘“ Nicht zufällig verweigert der spanische Konsul Seidler die Durchreise durch Spanien. (Transit, 126f.)

Seidler hat genug von dem ganzen psychotischen „Transitgeflüster“: „Ich aber, ganz elend von dem Transitgeflüster, ich staunte sehr, wenn ich derer gedachte, die in den Flammen der Bombardements und in den rasenden Einschlägen des Blitzkrieges zugrunde gegangen waren, zu Tausenden, zu Hunderttausenden, und viele waren daselbst auch zur Welt gekommen, ganz ohne Kenntnisnahme der Konsuln. Die waren keine Transitäre gewesen, keine Visenantragsteller.“ Was konnte es irgendeinem Volk schaden, ein paar solcher armer Seelen aufzunehmen. (Transit, 190)

Seidler hatte schon in Paris Kontakt zum politischen Flügel der entstehenden Resistance, zur Arbeiterfamilie Binnet. Die Binnets reißen in Paris deutsche Propagandaplakate ab. Einige Familienmitglieder fliehen mit Seidler über die Demarkationslinie in den Süden.

Einige Binnets sehen, dass sich ein Teil der französischen Bourgeoisie rasch mit den Deutschen arrangiert hat: „Wir waren uns völlig einig darüber, wie sehr der Einmarsch der Deutschen den hiesigen Herren zupaß kam. Der alte Binnet verstand verschiedenes besser als ein Professor von der Sorbonne. Nur über Russland bekamen wir Streit. Die Hälfte der Binnets behauptete, Russland denke bloß an sich selbst, es habe uns im Stich gelassen. Die andere Hälfte der Binnets behauptete, die hiesigen und die deutschen Herren hätten ausgemacht, sie sollten ihr Heer zuerst auf die Russen werfen statt auf den Westen, das eben habe Russland vereitelt.“ (Transit, 14)

Irgendwann 1941 verzichtet Seidler auf eine Ausreise, auf einen Transitschein, auf ein Visum. Er geht nicht zuletzt angesichts des drohenden Vorrückens der Deutschen zur Resistance: „Die Deutschen können schon morgen die Rhonemündung besetzen.“ (Transit, 262)

Seidler entscheidet sich für den bewaffneten politischen Kampf gegen den europäischen Faschismus. Er taucht in einem Dorf nahe Marseille bei Angehörigen der befreundeten Familie Binnet auf einer Bauernwirtschaft unter: „Ich ging zum Dorfbürgermeister mit allen neuen einwandfreien Papieren. Ich stellte mich als eine Art Saarflüchtling vor, der den Winter in einem anderen Departement verbracht hat und nun zur Arbeit ans Meer fährt. Er hielt mich nach meiner Ankunft für einen entfernten Verwandten Binnets. So gibt mir denn diese Familie, gibt mir dieses Volk bis auf weiteres Obdach. Ich helfe beim Säen und Entraupen. Wenn die Nazis uns auch noch hier überfallen, dann werden sie mich vielleicht mit den Söhnen der Familie Zwangsarbeit machen lassen oder irgendwohin deportieren. Was sie trifft, wird auch mich treffen. Die Nazis werden mich keinesfalls mehr als ihren Landsmann erkennen. Ich will jetzt Gutes und Böses hier mit meinen Leuten teilen, Zuflucht und Verfolgung. Ich werde, sobald es zum Widerstand kommt, mit Marcel eine Knarre nehmen.“ (Transit, 266)

Seidlers Weg in die Resistance kann auch als Erzählvariante zu Georg Heislers im „Siebten Kreuz“ angedeuteten Weg zu den spanischen Interbrigaden gelesen werden.        

„Die Gefährten“ – Kommunistische Emigranten, Illegale 1919-1932

Verfolgte ungarische „Räterepublikaner“ nach 1919

Die „Gefährten“-Erzählung setzt mit den letzten Tagen der ungarischen Räterepublik im August 1919 ein, mit der Trennung der Kommunisten von ihren sozialdemokratischen Bündnispartnern: „… beschlossen wir, uns aus sämtlichen Institutionen der Sozialdemokratie zurückzuziehen und in die Illegalität einzutreten.“

Aber selbst im Zeichen des konterrevolutionär weißen Terrors, der ungezählten Hinrichtungen roter Bauern und Landarbeiter haben untergetauchte ungarische Genossen Ende 1919 noch verzweifelte Hoffnung. Sie setzen auf die Rote Armee, auf die Welle von Land- und Fabrikbesetzungen in Italien: „In Italien, müsst ihr wissen, geht es hoch her. Die Bauern reißen den Gutsherren das Land weg. Die Arbeiter haben die Fabriken besetzt. In Mailand und in Bologna und in vielen Städten. In Russland, aber das müsst ihr doch wissen, hat die Rote Armee eine große Schlacht gewonnen. Sie haben Kiew den Polen wieder abgenommen. Unaufhaltsam stürmt die Rote Reiterarmee nach Warschau.“ (Gefährten, 114, 118)

Die Flügelkämpfe in der ungarischen (Exil-) Partei – zwischen dem „ultralinken“ Kurs von Bela Kun und dem auf eine breite Bündnispolitik mit Bauern, Landproletariern abstellenden Kurs von Jenö Landler – werden von Seghers nicht näher beschrieben, nur gelegentlich angedeutet.

Georg Lukács hat sie aus seiner Sicht als Landler-Anhänger dargelegt und Ende 1928 in den so genannten, auf eine „demokratische Diktatur der Bauern und Arbeiter“ orientierenden „Blum-Thesen“ über „die Aufgaben der Kommunistischen Partei Ungarns“ beschrieben. Die Landler-Fraktion verlangte, dass sich die exilierte Auslandspartei den Notwendigkeiten des teils legalen, teils illegalen Kampfs im Land selbst unterordnet. Nach Auffassung von Lukács litt die KPU unter dem isolierend „sektiererischen“ Einfluss der Kun-Anhänger in ihrer Massenarbeit. Kommunisten sollten aber unbedingt in den begrenzt zugelassenen sozialdemokratischen Gewerkschaften arbeiten und agitieren. Schlussendlich entwickelte sich für den ungarischen Inlandskampf eine Doppelexistenz. Während die KPU ein verbotenes Untergrunddasein führte, konnte sie in Form einer „Sozialistischen Ungarischen Arbeiterpartei“ zumindest bis zur Verhaftung der ganzen KPU-Inlandsleitung im Februar 1927 halbwegs frei reformistisch handeln und Forderungen nach einer Landreform, nach dem Achtstundentag, nach Reallohnerhöhungen, nach Einrichtung einer Arbeitslosenunterstützung und gegen eine repressive kapitalistische Rationalisierungswelle stellen. In Vorwegnahme der späteren Volksfront-Losung der Kommunistischen Internationale verlangte Lukács ein breites Bündnis mit allen fortschrittlich demokratischen bürgerlichen Kräften. Die Kun-Fraktion nannte dieses Abrücken von der Diktatur des Proletariats „liquidatorisch und revisionistisch“. Lukács hingegen verfocht die Auffassung, „dass die proletarische Revolution und die bürgerlich demokratische Revolution (…) nicht durch eine chinesische Mauer voneinander getrennt“ sind.[21]

1919, kaum im Wiener Exil angelangt blühen allerhand Emigrantenillusionen. Es kommt zum Streit zwischen „linksradikalen“ Aktivisten und jenen, die auf einen langfristigen Kampf gegen den Horthy-Faschismus setzen, so meint der geflüchtete Hajnal: „Im jetzigen Augenblick zehntausend Mann hinstellen und ins Burgenland einziehen! Die Bauern –“ Andere fallen ihm ins Wort, halten das für gefährliche Spintisiererei. In Teilen der Partei gab es den unrealistischen Plan, alle noch in Russland gefangenen Soldaten nach Ungarn zurückzuführen, um über eine solche Kerntruppe die Partei zu reorganisieren. (Gefährten, 122)

Das Elend verwirrt die ungarischen Emigranten, wie lange dauert die Emigration? Einer glaubt in einer Wiener Barackenbude illusionär: „Der Kapitalismus kann sich vielleicht scheinbar konsolidieren auf ein paar Monate.“ (Gefährten, 124)

Ungarische Flüchtlinge suchen Zuflucht bei italienischen Genossen. So flüchtet der Rätesoldat Pali nach Bologna. Der Arbeiter Bordoni nimmt ihn auf. Pali kommt in etwa „nach dem Faschistenputsch in Bologna“ an. So müssen nun beide nach Frankreich (weiter) ziehen.

Im französischen Exil, stets von Demoralisierung bedroht und doch kämpfend, ergibt sich in einer Emigrantenbaracke folgender Dialog: „Ich werde schon noch mal zu euch kommen, so schnell werde ich ja nicht aus diesem Rattennest herauskommen, dass ich nicht mal Langeweile kriege, und dann hocken wir beieinander und studieren die Thesen des vierten Weltkongresses und wir verfassen ein Telegramm an den Jugendkongress in Berlin: …“

Ein weiterer Ungar fürchtet bei einem Emigrantentreffen in einem französischen Gewerkschaftshaus: „Ich werde nie mehr in meinem Leben aus diesem Rattennest herauskommen.“ (Gefährten, 155f.)

Auch Flüchtlinge vor dem Mussolini-Faschismus sind in den Wohnbaracken nahe Paris gestrandet. Zermürbende Hoffnungslosigkeit bei gleichzeitig bewahrter Kampfkraft macht sich breit. Der dann mit seiner ganzen Familie von der französischen Polizei wegen Teilnahme an einer Demonstration nach Belgien abgeschobene Antifaschist Bordoni antwortet seinen ungarischen Schicksalsgenossen. Er weiß von den Deportationen auf Strafinseln, von denen auch ein Antonio Gramsci betroffen ist: „Daheim. Ich kriege keine Postanweisungen und keine Liebesbriefe. Die fürchten sich wohl daheim, wenn sie einen Brief einwerfen mit der Aufschrift: Bordoni, Paris. Diesen Bolagnetti, den man jetzt auf eine Insel geschickt hat, lebenslänglich, den haben wir doch beide miteinander sprechen hören, du und ich, im großen, weißen Saal des Gewerkschaftshauses [von Bologna]. Erinnerst du dich?“ (Gefährten, 239)

Ende der zwanziger Jahre treffen sich in Berlin die verdienten, aber zunehmend isolierten ungarischen Genossen Hajnal und Faludi: „Erinnerst du dich noch, wie wir zu zweit, du und ich, von der Front kamen? Erinnerst du dich noch, wie unsre Leute quer durch das Lager marschierten, wo alles Verwirrung und Verzweiflung war? Erinnerst du dich, wie wir über die Felder flohen; wir hatten Bauernkleider an, und eine alte Frau saß da und sagte: ‚Ach, ihr Lieben, wie gut habt ihr euch herausgemacht, niemand sieht euch an, dass ihr verkleidete Rotarmisten seid.‘“ (Gefährten, 208f.)

Die linken ungarischen Emigranten diskutieren immer wieder und wieder das Schicksal der ungarischen Partei, über Matias Rákosis „Rede vor dem Militärgericht in Budapest“, auch über Faludi, den hoch verdienten Offizier der ungarischen Roten Armee von 1919: „‚Was, Faludi ist hier?‘ – ‚Ja, haben Sie das nicht gewusst. Er ist lange abgehängt, das wissen Sie doch. Das war eine böse Sache. Er war immer gewohnt, im Brennpunkt zu stehen, in einer Arbeit, wo es scharf auf scharf ging, auf Tod und Leben. Wo der Mensch ganz deutlich gesehen wird. Wenn die Lage nicht danach war, wenn es keine solchen Aktionen gab, dann versuchte er sie herbeizuführen.‘ – ‚Ich habe mal gehört, man hat ihm seine Funktion abgenommen.‘“

Der abgehängte Faludi – er war zuvor mehrmals „illegal ‚drunten‘ in Ungarn gewesen“ – ist angeschlagen. Er erzählt fast wie ein Korporal Kriegsabenteuer, wird dann aber politisch ernst: „Du hast wohl von mir gehört, dass man mich damals abgehängt hat. Man hat viel Unwahres, viel Stunk um mich gemacht. Jedenfalls war es für mich das beste, mich eine Zeitlang still zu verhalten. Man hat mir hier in der Redaktion eine Stelle verschafft.“ (Gefährten, 211)

Ungarische Exilkommunisten beteiligen sich in Berlin an der mühevollen Zellenarbeit der KPD, so der Gelehrte Bató und der geflüchtete Student Peter Böhm: „An einem Abend des Sommers 26 machte die Parteizelle 15/16 Haus- und Hofpropaganda in Berlin um das Schlesische Tor. (…) Noch immer war Bató der kleine vergilbte Hochschullehrer. Nun erzählte Böhm von seinem Häuserblock. Er kannte die Zusammensetzung der Bewohner, ihre Berufe, Einzelheiten aus ihrem Leben. Seit er hier wohnte, hatte er so oft die Straßenecken mit Plakaten bekleben helfen, Flugblätter verteilt und Versammlungen beigewohnt, dass es keine Häuserwände und keine Gesichter gab, die er nicht kannte.“ (Gefährten, 201f.)

In Berlin studieren auch einige junge chinesische Kommunisten. Sie wohnen in einem Zimmer, in dem neben dem „Bild von Tschen Tu-hsiu, dem chinesischen Parteiführer“ auch „Bilder von Liebknecht und Rosa“ hängen. Sie beteiligen sich an der deutschen Parteiarbeit: „Hier kannst du viel lernen. Deutsche Parteiarbeit, wie man Menschen zusammenhält.“ In der Ferne werden sie vom Bündnis der KP mit der einst nationalrevolutionären Kuomintang überrascht: „Ich kann nicht verstehen, was zu Hause vorgeht. Gestern habe ich Nachricht bekommen, ich verstehe wenig davon. Die Kommunisten, schreiben sie, sind in die Kuomintang eingetreten.“ Erst nach dem Militärputsch von Tschiang Kai-Schek 1927 ist das Bündnis beendet. Tschiang Kai-Schek verbietet die KPCh und richtet unter aufständischen Bauern und demonstrierenden Arbeitern in Shanghai ein Massaker an. (Gefährten 179f., 190f., 240)

Irgendwo in der Zwischenwelt der Emigration bewegt sich der ehemalige Rätefunktionär und KPU-Parteiintellektuelle Bató, der in einigen Zügen an Georg Lukács oder an Seghers‘ Ehemann László Radványi erinnert: „Seit ich von Wien fort bin, sind meine Freunde von mir abgebröckelt. Meine Familie ist nur eine Zufallsfamilie. Meine Stelle auf der Redaktion ist nur eine Zufallsstelle. In der deutschen Partei habe ich keine Arbeit. Meine Kraft hat wohl bloß ausgelangt, mich vom Alten loszureißen, nicht im Neuen einzuwurzeln. Deshalb kann ich auch nicht mehr schreiben, keinen einzigen Satz mehr.“ (Gefährten, 161)

Bató übersiedelt nach einem Zwischenaufenthalt in Moskau nach Berlin. Dort fungiert er in der Flaute (welt-) revolutionärer Konjunktur als „zweiter Redakteur“ bei einer Komintern-Zeitschrift, er hofft: „Es ist nicht für lange. Oh, wie wird alles vorbeigehen und durchreißen, es wird uns bald alle durcheinanderrütteln, sowieso.“ (Gefährten, 141f.)

Bató äußert sich resignativ über sich selbst: „Ich habe meine kleine Stelle in der Redaktion der ‚Neuen Welt‘. Nach wie vor. Sonst mache ich nur die geläufige Parteiarbeit. Seit einigen Jahren habe ich nichts mehr geschrieben.“ (Gefährten, 204)

Anna Seghers greift auch das Motiv des in die bürgerliche Universitätswelt geflüchteten, die Ideale der ungarischen Räterepublik preisgebenden Intellektuellen auf. Ihre Steiner-Figur erinnert an den Theoretiker der Wissenssoziologie Karl Mannheim (Károly Manheim), der sich 1926 an der Universität Heidelberg habilitiert hatte.

Der an die Gelehrtenwelt einer „kleinen deutschen Universitätsstadt“ andockende Steiner bewundert seine ehemaligen Genossen aus ungarischen Rätetagen, so auch Bató, Ende der 1920er Jahre sehr distanziert. Er zeigt sich verwundert, dass dieser die Mühen der politischen Alltagsarbeit so lange durchhält: „Man sagt, Sie sind in der Nacht auf den Zwölften [also 1919] über die Grenze geflohen. Am nächsten Morgen um acht haben Sie draußen in Floridsdorf gestanden und Flugblätter verteilt. Großartig, sogar sehr großartig. Nämlich am ersten Tag nach der Flucht, auch am zweiten, auch am dritten. Aber dann immer weiter, am vierten, hundertsten, tausendsten Tag.“ (Gefährten, 126)

Steiner fasst in der bürgerlichen Gelehrtenwelt langsam Fuß. Er distanziert sich von seinen Genossen und empfindet es doch gleichzeitig selbst als Verrat. Vom Lesesaal der (Heidelberger?) Universität aus „war er manchmal an den Bahnhof gerannt und nach Ludwigshafen gefahren. Dort war die Fabrik aus. Die Anilinproleten drängten sich, um ihre Milliardenbündel vor Ladenschluss loszuwerden. Die Gesichter waren finster. Ein winziger Ruck genügte damals, um die ganze, von Menschen volle Straße in einen Gleichschritt zu bringen, in einen Aufmarsch. Fahnen zischten hoch. Steiner spürte in seiner Kehle, dass er brüllte, aber er konnte seine eigene Stimme nicht heraushören. Eines Morgens war die kleine Stadt besprenkelt von roten Zettelchen, als hätte ein Ausschlag aus der Nachbarstadt angesteckt. ‚Wer heute für Ruhe und Ordnung eintritt, schützt das Kapital.‘ An einem andern Morgen im selben Winter, als er zufällig vor sechs auf die Straße kam, sah er zum letztenmal in seinem Leben einen gefesselten Mann. (…) Das war der Abschluss. Seitdem war die kleine Stadt genau so still und abgeschlossen, wie sich Steiner eine deutsche Universitätsstadt gewünscht hatte, als er mit Faludi auf dem grünen Dampfer nach Wien geflohen war.“ 

Zurück in der Welt der akademischen Netzwerke, Tagungen, Fachzeitschriften, Publikationen schreibt Steiner einen weinerlichen Brief an Bató. Er versucht seine Distanzierung von der Oktoberrevolution zu rechtfertigen, auch wenn diese ein „grandioser Anblick“ sein mag, „unsrer Sinnlosigkeit hat sie keinen Sinn gegeben, und unsrem geistigen Leid kein Ende bereitet“. Es kommt noch einmal zu einem unterkühlten Zusammentreffen. Steiner versucht seinen kulturphilosophischen (historischen) Relativismus zu rechtfertigen, von dem aus er Bató als gedanklich schlichten Parteiideologen verachten zu können glaubt, Steiner zu Bató: „‚Was haben Sie jetzt für eine Arbeit? Verteilen Sie noch immer Flugblätter?‘ ‚Ich redigiere eine kleine Zeitung, schreibe Artikel und gebe Kurse, und manchmal verteile ich Flugblätter – (…).“

Steiner sieht in Bató einen ehemalig ernsthaften Intellektuellen, der sich nun an einfachen Parolen festhalte: „Ja, solchen Menschen wie euch geht es gut! Geht in die Partei und dann habt ihr, was gewöhnlich dem Menschen im allgemeinen fehlt. Anschluss, Geborgenheit. Eine einfache Antwort.“ In Wirklichkeit gebe es auf alle Fragen hundert mögliche Antworten, Lösungen. Bató bricht kühl ab: „Hundert? Ich glaube nur zwei.“ (Gefährten, 174f., 271, 276f.)

Polnische Illegalität der 1920er Jahre

Der Kampf der illegalen polnischen KP-Kader wird von zahlreichen nationalen Widersprüchen, vom Vorwurf, das Verhalten der Kommunisten sei angesichts der Roten Armee vor Polen landesverräterisch gewesen, überschattet.

Die 1919/20 in den Karpaten illegal operierenden polnischen Parteikader hatten Hoffnung auf den Vormarsch der Roten Armee Richtung Warschau gesetzt: „Langsam verhallte das Echo vom Eintritt der Roten Armee in Polen, Stimmen kamen auf, dass die Offensive vor Warschau stockte. In diesen Tagen schlug die Stimmung in einem fort um.“ (Gefährten, 136)

Nachdem sich die Kommunistische Partei 1926 im Fall des Staatsstreiches von Josef Pilsudski für neutral erklärt hatte, kam es zu großen Spannungen unter den inhaftierten Genossen: „Nach dem faschistischen Staatsstreich, dem Pilsudski-Umsturz im Mai, brannte die [Gefängnis-] Zelle vor Erregung. Blandski und Dombrowski fingen an, sich zu hassen. Dombrowski fühlte sofort durch die wenigen Nachrichten die Schwächen der Partei heraus und übertrieb sie – in der Unbedingtheit seines Lebens und gereizt durch Blandskis äußere Gewandtheit im Diskutieren.“

Außerdem geriet die KPP im Zug des Konflikts von Leo Trotzki mit der Stalin-Sinowjew Gruppe an den Rand der Parteispaltung. Sie steigert die Spannung unter den in polnischen Gefängnissen Einsitzenden: „Die Erregung wurde noch gesteigert durch Gerüchte, von der Direktion wohldosierte Gerüchte, unverständliche Bruchstücke von Debatten, Trotzki, Ausstoßung, Spaltung. Da sie nichts anderes tun konnten als Grübeln und streiten, war die Ungewissheit unerträglich.“ (Gefährten, 213f.)

In den polnischen Industriezentren spitzt sich Ende der 1920er Jahre die Klassenkampflage zu. Es kommt zu unzähligen Streikkämpfen, auch unter Beteiligung der KPP: „In den Zeiten der Streiks und Demonstrationen sickerte es glühend aus den gewundenen rußigen Gassen der Nordvorstadt. In diesen Hütten begann man das Leben, indem man als Knabe ein rotes Fähnchen auf einen Telegrafenmast spießte, und sich von einem Streik zum andern, von einem verbotenen Aufmarsch zum andern ins Zuchthaus hineinkämpfte. Die Dombrowski kannte alle Einzelheiten des Gefängnislebens, alle Reglements, alle Schliche. Sie lebte um seine Mauern herum wie Hirten um einen Berg.“ (Gefährten, 246)

1937 wird Anna Seghers für „Die neue Weltbühne“ über die Geschichte der italienischen Fabrikbesetzungen 1919/20 und über die ebenfalls mittels Besetzung agierende polnische Streikwelle um 1930 berichten, so 1931 im Lodzer Textilgebiet und in den Kohlengruben des Dombrowagebietes. Mit der Weigerung, aus den Gruben auszufahren, manchmal verschärft durch Hungerstreik unter Tag, verhindern die Kumpel Schließungen, die angesichts der scheinbar uferlosen Wirtschaftskrise angekündigt worden waren. Man spricht vom „polnischen Streik“: „Es ist Februar [1931], ein Krisenwinter. Fährt man durch die polnische Ebene, so scheint das Land mit der Dämmerung ausgestorben, die Dörfer scheinen verschwunden. Der Bauer hat kein Geld mehr für Petroleumlicht. Ein Pferd kostet auf dem Markt einen Spottpreis, weil keiner mehr eins füttern will. In den Städten ist der Lohn zutiefst gesunken, die Arbeitslosigkeit ungeheuer. Streiks erscheinen fast aussichtslos. In diesem Monat kommt es in Piotikov in der Glashütte Hortensia zu einer Lohnbewegung. Die Belegschaft wehrt sich gegen Entlassungen. Sie weigert sich den Betrieb zu verlassen, bis die Entlassungen zurückgezogen sind. Um ihr Inventar besorgt, überrumpelt, gibt die Hüttenleitung nach. Die Überraschung über diesen Ausgang ist groß.“[22]

In den „Gefährten“ hat Seghers 1932 vor allem den jungen und trotzdem mehr als erfahrenen Kommunisten Janek gezeichnet. Janek, der Färbereiarbeiter, immer wieder verhaftet und abgeurteilt, ist vor allem in Sorge um die Einheit der Partei: „Aber sein Leben war im Gefängnis zu Ende gelaufen, im letzten Jahre hatte es Zweifel und quälende Dispute gegeben, dann eine kurze Periode der Beruhigung, aus der er Kraft nahm, um den Hungerstreik bis zuletzt durchzuhalten: Glassplitter im Innern und gerissene Speiseröhre.“ (Gefährten, 254)

Mit Zellengenossen hat Janek einen Hungerstreik mit dem Ziel, die Zusammenlegung politischer Gefangener zu erreichen, organisiert: „Die Einsamkeit fraß ihm das Hirn weg, er quälte sich. Einige Monate später wurden drei Politische nach Posen gelegt. Sie setzen sich miteinander in Verbindung, nahmen den Kampf um Zusammenlegen auf. Sie mussten acht Tage hungern, bis sie sich durchsetzten. Schließlich saßen sie alle beieinander in der Zelle. Sie waren noch krank und elend, aber zufrieden. Sie fragten einander aus.“

Janek berichtet nach bestandenem Hungerstreik seinen Mitinsassen: „Ich heiße Janek, ich war Färber. Ich bin mit neunzehn in die Partei gegangen, mit meinem Bruder, der schon drin war. Jetzt sitze ich zum drittenmal. Das erstemal im Jahre 21 beim Flugblatteinschmuggeln. Das zweitemal bei dem großen Streik in Lodz, drei Jahre. Diesmal bin ich bei der Wahl verhaftet worden. Ich bekam acht Jahre.“

Ein weiterer erzählt: „Ich heiße Kuczinsky. Ich bin nicht in der Partei. Am achten Januar, vor den Wahlen, habe ich die verbotene Demonstration mitgemacht. Auf der Wache haben sie noch ein paar Blätter in meiner Tasche gefunden. Seht, wie sie mich zugerichtet haben. Für die Demonstration zweieinhalb, für das Flugblatt zwei Jahre, das macht viereinhalb Jahre.“

Ein ehemaliger Lemberger Lehrer berichtet: „Mein Vater ist jetzt noch Kantor. Ich habe noch fünf Geschwister. Ein anderer Lehrer gab mir eins nach dem andern zu lesen, immer weiter – voriges Jahr trat ich in die Partei ein. Wie bei uns die Druckerei aufflog, flog ich mit auf.“

Und ein weiterer Genosse fügt an: „Du wirst schon von mir gehört haben: Jasiensky, ich habe auch schon von dir gehört. Ich wurde im Jahre 19 nach dem Abzug der Russen geschnappt und bekam acht Jahre wegen Landesverrat. Kaum bin ich draußen, haben sie mich wieder. Nun, da bin ich.“ (Gefährten, 284)

Bulgarische Klassenkämpfe

Für die bulgarische Partei gestaltet Seghers vor allem die Figur des Aktivisten Dudoff, ein Feindbild der Reaktion, brutal gefoltert nach dem gescheiterten roten „Septemberaufstand“ von 1923: „Im Jahre 23 beim Faschistenstaatsstreich war sein Gesicht schon so deutlich, dass sie ihn griffen und in den Kerker schickten. (…) Im Septemberaufstand half er die jäh flammenden Bauern- und Holzarbeiterdörfer unter sich und mit der Stadt verknüpfen, bis es ihn selber traf.“ (Gefährten, 164f.)

Ab 1923 ist die bulgarische Partei so wie die polnische KP illegalisiert: „Die Partei hat sich nach der Niederlage wiederaufgerichtet, ihre Fehler verbessert, die Ihrigen zusammengerufen, sich erneut an die Spitze des Kampfes gestellt.“ Auch der ebenfalls an Polen erinnernde Fraktionskonflikt scheint Mitte der 1920er Jahre beendet. (Gefährten, 170)

Wieder aufflammende Kämpfe aufständischer sozialrevolutionärer Bauern und Holzarbeiter werden von brutalen militärischen Strafexpeditionen in die Prutka einstweilen wieder erstickt.

Dudoff entkommt vorläufig nach Paris. Selbst ein so ausgezeichneter Kadersoldat wie Dudoff, eine Schlüsselfigur des bulgarischen Widerstands, scheint (für das erste) erledigt, ein verbrauchter proletarischer Held zu sein. Ein Genosse warnt ihn vor einer verfrühten Rückkehr in die Heimat: „Du bist allzu lange getrennt gewesen, die vielen Jahre Haft, du wirst es nötig haben, dich einzuleben, du bist noch krank. – Was deine Funktion anbelangt – es scheint uns richtiger, jetzt einen anderen zu schicken. Geh du ein Jahr nach drüben, lerne, sieh dich in Russland um, mach dich ganz gesund.“ (Gefährten, 226-234)

Dudoff scheint vorübergehend zu resignieren: „Diese Arbeit, die ich zuletzt vor meiner Verhaftung im Prutkagebiet machte, das war die mir angemessene Arbeit, hat gerade meine Kraft ausgefüllt.“ Dudoff fährt nach Moskau: „Er ahnte, dass er stehengeblieben war und sich nicht mehr vorwärtsbewegt hatte seit seiner letzten Verhaftung vor vier Jahren, dass seine Kraft endgültig erschöpft war.“ Dudoff wird nach neuerlicher Rückkehr nach Bulgarien gefoltert und gemeinsam mit einigen Kampfgefährten standrechtlich zum Tod verurteilt. (Gefährten 235, 269f., 305)

1948 wird Anna Seghers ein Begleitwort „Wiedersehen mit den Gefährten“ schreiben. Was wurde aus den (literarischen) Figuren des Romans von 1932? Im bulgarischen Fall erinnert sie die Gestalt des Dudoff – ohne dass es viele biographische Ähnlichkeiten zwischen ihrem Dudoff und der historischen Person gibt – an Georg Dimitroff, der „damals gezeigt hat, wie man den Nazis gegenüberstehen muss“.[23]

Der Kampf der bulgarischen Bauern und Waldarbeiter erinnert an jenen der Karpatenbauern in Seghers‘ Erzählung „Bauern von Hruschowo“ (1929/30). Eine Geschichte, die sich sowohl halbmythologisch in einer ungreifbaren Zeitebene als auch ganz konkret im Schatten der Oktoberrevolution 1917 bewegt, deren Hauptheld Woytschuk sowohl eine konkret sozialistische Figur ist als auch eine teils archaische Sagenfigur zu sein scheint.

Die Geschichte erinnert an die Rebellionen gegen die Habsburgerherrschaft: „Als im achtzehnten Jahrhundert der Rakoczi-Aufstand gegen die Krone ausbrach, waren die Karpatenbauern so stark und mächtig, dass ihre Gefolgschaft ins Gewicht fiel. Der Aufstand ging verloren. Zur Strafe für ihre Hilfe nahm ihnen die Krone den Wald. Sie erklärte den Wald als Krongut und besetzte den Kamm der Karpaten mit Wachttürmen. In der ersten Zeit rotteten sich die Bauern zusammen und brannten die Türme aus. Sie erschlugen die Pachteinnehmer.“

Über zwei Jahrhunderte erlischt dann aber der Bauern-Widerstand weitgehend. Sie vegetieren „in Hütten aus Lehm und faulem Holz“ und ließen „das magere Vieh auf der Dorfhalde weiden. Es zahlte mit seinem eigenen Blut, aber pünktlich die Pacht. (…) Ihre Körper hatten nichts mehr, sich dagegenzustemmen, und wurden schwach, ihre Gedanken wurden träge.“

Im ersten Weltkrieg geraten die Dörfer als Frontdörfer mitten in die Barbarei: „Manches der Dörfer wurde weggesprengt mit dem Berg, an dem es klebte. Andere Dörfer dösten im Kanonendonner weiter, unbewegt, in der Gewohnheit des Elends.“ (Hruschowo, 115f.)

Dies endet erst, als der Bauer Woytschuk nach seiner Rückkehr aus dem Krieg 1917/18 das Signal zum Aufstand gibt, indem er im Wald der Gutsherrschaft einen Baum schlägert, um eine Wiege für ein neugeborenes Kind zu zimmern. In die entlegenen Dörfern ist das Wetterleuchten der Oktoberrevolution zu sehen: „In Russland gibt es einen Lenin, die Erde wird den Herren weggenommen. Wald und Feld wird den Bauern gegeben.“

Im Frühjahr 1919 hören die Bauern von der ungarischen Räterepublik: „Im Frühjahr brachten Boten den Umsturz aus Ungarn. Diesseits der Karpaten standen Arbeiter und Bauern zur roten Diktatur. Flugblätter kamen bis in die Wälder, nisteten selbst in der Dorfgasse. Die Dorfgemeinde wählte Woytschuk zum Dorfrichter.“

Eine kommunistische Parteizelle ist auch unter den Bauern und Arbeitern der Karpaten aktiv. Sie requirieren Wald und Feld. Das Vieh weidet nun auf satten Wiesen: „Um diese Zeit war früher das Vieh in eine dürftige, klägliche Freiheit getrieben worden.“ Nun ist es „trunken von der Weide“.

Der Sommer 1919 bringt mit dem Ende von Räteungarn schlechte Nachrichten. Flüchtlinge „brachten Nachrichten, Sturz der Diktatur, Bauern an ihren eigenen Bäumen aufgehängt, Arbeiter in die Flüsse geworfen mit drahtumwickelten Beinen.“ (Hruschowo, 119f.)

Die Herrschenden bleiben aber auch nach dem Ende des sozialistische Ungarn ängstlich und vorsichtig: „In Uschhorod schicken die Fabrikanten Mehl und Tee an die Arbeiterheime. Die Bankiers bieten sich an, der Partei Geld zu leihen. Die Russen stehen vor Warschau. Dann war es vollkommen still, es kam gar nichts mehr, die Zeit war durchgerissen.“

Nach dem Rückzug der Roten Armee aus Polen geraten die Bauern unter Druck. Soldaten belagern die aufständischen Dörfer. Der neue (tschechoslowakische) Staat diktiert harte Bedingungen. Die Bauern sollen Entschädigung für die genutzten Wälder und Weiden zahlen.

Mit Hilfe von KP-Emissären geht der Widerstand weiter. Die Gendarmen werden vertrieben. Einen Exekutor, der das Vieh eintreiben soll, verprügeln die Bauern.

Anrückende Militäreinheiten kreisen die Dörfer ein. Mehrere Bauern, junge Bauernsöhne werden getötet. Woytschuk organisiert den Kontakt zur lokalen KP-Organisation. Rote Flugblätter zirkulieren: „Die rote Flut der vergangenen Jahre war über die Karpaten geschwemmt, zurückgegangen und stehengeblieben. Sie hatte nichts zurückgelassen als einen Wald von Hruschowo, der sollte bleiben. Der sollte bleiben, bis die Flut wiederkam. Die Arbeiter aus den Salzbergwerken traten zusammen und zogen in die Berge.“ Die Bauern erreichen schlussendlich einen nicht ungünstigen Pachtvertrag, denn die „Regierung in Prag wollte keinen Aufstand wegen eines Waldstreifens in den Karpaten. Die Soldaten wurden zurückgezogen.“ Woytschuk emigriert in die Sowjetunion. (Hruschowo, 120f., 128)

„Der Weg durch den Februar“:

Österreichischer Arbeiteraufstand 1934, Koloman Wallisch

Das passive Hinnehmen der schleichenden Liquidierung der Bundesverfassung von 1920, der rechtsautoritären „Selbstausschaltung“ des Parlaments, der im März 1933 nicht gewagte Generalstreik, das kampflose Akzeptieren des Abbaus der sozialen Rechte (der Eisenbahner), das Hinnehmen einer über Notverordnungen diktierten Aussteuerungspraxis, der fehlende Widerstand gegen das Schutzbundverbot im Frühjahr 1933 führen zur Abwendung vieler Mitglieder von der SDAP. Einige wandern zur KPÖ ab. Viele radikalisieren sich, so alte Schutzbundleute, wie ein Linzer und Steyrer Genosse, die sich Tage vor dem Februar 1934 verzweifelt über das ständige „disziplinierte“ Zurückweichen der Partei seit dem Frühjahr 1933 zeigen: „Strobl sagte: ‚Seit März vorigen Jahres ist jeder Tag Boden unter den Füßen weggetragen. Als das Parlament zum Teufel ging, da haben alle gewartet, dass etwas passiert, ein Ruck war durch alle gegangen – dann sind sie abends wieder heimgeschickt worden. Der richtige Ruck war damals durch alle gegangen, ein Ruck ist aber ein Ruck, nichts zum Aufbewahren.‘ Ruppl sagte: ‚Damals, am fünfzehnten März [1933], war ich drüben in Wels bei meinen Schwiegereltern. Da war ich mit zwei Genossen zusammen, auf die ich viel hielt. – Mit denen habe ich selbst richtig Gewehr bei Fuß gewartet am fünfzehnten März; wir haben uns richtig das Herz aus dem Leib gewartet. Ich sag euch, das waren Genossen, die wirklich aus einem Guss waren und der ganze Guss für uns.“ Nun aber – Monate später – sind sie nicht mehr für die Sache der Sozialdemokratie zu gebrauchen. (Februar, 183)

Die hinhaltenden Anweisungen der Partei- und Schutzbundleitung verwirren die Kader, so den nach dem Aufstand hingerichteten Steyrer Genossen Johst: „Solange Johst nur Anweisungen empfangen hatte, da hatte er oft geschimpft gegen diese Anweisungen aus Wien, die alle Handlungen vermanschten und die endgültige Entscheidung hinausschleppten. Im Grunde seines Herzens aber waren ihm selbst diese Handlungen unklar und die Entscheidung noch weitab gewesen. Plötzlich erschien ihm alles möglich und alles greifbar, in seine Hand gegeben.“

In Steyr (-Ennsleite) spielen sich an der Jahreswende 1933/34 angesichts der ständigen Polizei- und Heimwehrüberfälle typische Szenen ab. Ein Genosse nach dem anderen wird verhaftet. Ein Schutzbündler konnte gerade noch rechtzeitig interne Aufzeichnungen „in den Abort“ stopfen. Viele Verbindungen sind aber durch ständige Festnahmen und zermürbende Durchsuchungen schon unterbrochen: „Strobl sagte: ‚Wir wollten was tun, wie man uns den Bachmann verhaftet hat. Da hieß es von oben: Nicht provozieren lassen. Meine Meinung war: Aber grad provozieren lassen.‘ Ruppl erwiderte: ‚Wut ist schon genug in jedem drin. Die will aber raus, die verpufft sonst. Der Mensch ist doch keine Flasche, in der man die Wut einkorken kann.‘“ (Februar, 184)

In Friedrich Wolfs 1935 in Moskau geschriebenem „Floridsdorf“, einem „Schauspiel von den Februarkämpfen der Wiener Arbeiter“, treffen sich in einem Kellerabteil des Schlingerhofs einige Schutzbündler. Sie sind über das ständige Wegducken der Sozialdemokratie ähnlich verärgert: „Als der Dollfuß, der kleine Dreck, unsre Abgeordneten auseinandergejagt hat … (…) Das war Nummro 1 und drei Wochen später, im April, als er unsern Schutzbund aufgelöst, das war Nummro 2, und wir haben immer noch ‚gewartet‘ (…) Jawohl, immer, wenn so ein Mordshieb von dem Dollfuß auf uns niederging und wir haben gewartet, dann hab ich ‘nen Nagel reingeschlagen in den [Revolver-] Griff: hier Nummro 3 für den letzten Oktober, als unsre ‚Arbeiterzeitung‘ verboten wurde, und da Nummro 4 für den Dezember nach dem Versammlungsverbot … (…) Und die Besetzung unsrer Parteihäuser in Tirol, letzte Woche, das war wohl nix … (…) Die Verhaftung unsrer Funktionäre in Schwechat …“[24]

In Linz weisen gleichzeitig Sozialdemokraten kommunistische Einheitsfrontangebote ab. Anna Seghers stellte diesen Konflikt als den zwischen dem Kommunisten Aigner und der Figur des der SDAP unendlich treuen Zillich dar. Obwohl die beiden verschwägert sind, verbindet sie nur tiefe Abneigung. Aigner erscheint bei den Sozialdemokraten, er war seit 1929 nach einem missglückten Streik auf der Donauwerft zur KP übergetreten: „‚Im Namen meiner Ortsgruppe –‘ ‚Was will denn der hier? Ist der vielleicht zugelassen?‘ ‚Im Namen der Linzer Ortsgruppe der Kommunistischen Partei –‘ ‚Gibt’s das auch? Was sucht denn der hier?‘“ Schlussendlich darf Aigner seine Erklärung doch abgeben: „Im Namen der Linzer Ortsgruppe der Kommunistischen Partei Österreichs, Sektion der Dritten Internationale, gebe ich folgende Erklärung ab: Die Mitglieder meiner Ortsgruppe erachten es für ihre Pflicht, angesichts der faschistischen Gefahr, Seite an Seite mit ihren sozialdemokratischen Klassengenossen zu kämpfen, auch mit der Waffe in der Hand.“ Viele sind überrascht, manche reagieren höhnisch, abwertend antikommunistisch, andere stimmen heimlich zu.

Zillich, der stellvertretend für die grenzenlose Loyalität zur zurückweichenden Sozialdemokratie steht, „beschrieb die Lage, die jedem am Tisch wie ihm selbst genau bekannt war: die Forderungen der in Wien versammelten Vaterländischen Verbände nach Absetzung der gewählten Bürgermeister, Einsetzung von Kommissaren und Polizeigewalt der Heimwehren. Er warnte die Linzer Arbeiterschaft vor Sonderaktionen ohne Befehl der zentralen Leitung. Waffen seien nicht dazu da, um damit auf Provokationen herumzufuchteln, sondern sie seien die Wehr der Verfassung, hinter der sich die gesetzmäßige Neuwahl zu vollziehen habe, gestützt auf die überwiegende Mehrzahl der Werktätigen Österreichs.“ (Februar, 225-227)

In Grazer Szenen schildert Anna Seghers ähnlichen Streit zwischen sozialdemokratischen und kommunistischen Genossen. Der Arbeitslose Willaschek wird wegen seines Abschwenkens zur KP angefeindet. Ein Grazer SP-Genosse verweist im Streit mit KP-Anhängern auf den vermeintlichen großen Unterschied zwischen österreichischer „austromarxistischer“ und deutscher Sozialdemokratie. Die Partei von Otto Bauer sei nicht jene von Gustav Noske oder Carl Severing, habe nichts mit der schmachvollen Kapitulation der SPD vor dem NS-Regime im Frühjahr 1933 zu tun: „Wir und diese deutschen Sozialdemokraten – das ist doch nicht dasselbe. Diese Severing, Noske, und unsere Bauer, Deutsch und Wallisch. Denen ihre Gewerkschaftsleute und unser Stanek.“ (Februar, 216f.)

Koloman Wallisch-Szene

Grazer Sozialdemokraten bedrängen den verehrten Landesparteisekretär Koloman Wallisch. Dieser reagiert beruhigend: „‚Genosse Wallisch! Wir reden grad davon. Unsere Bürgermeister werden uns einer nach dem andern verhaftet, die Heimwehren rücken an, es geht an unsere Betriebsräte, es geht an unsere Abgeordneten. Da haben wir grad gesagt. Was denkt sich denn der Genosse Wallisch?‘ Der Genosse Wallisch hat gesagt: ‚Morgen kannst’s schwarz auf weiß lesen, was sich der Genosse Wallisch denkt.‘ Da hat der Melchior Senzer gesagt: ‚Wann schlagen wir los, Genosse Wallisch?‘ Da hat der Wallisch gesagt: ‚Wenn’s für die Arbeiterklasse nützlich ist.‘ Da hat der Senzer gesagt: ‚Der Arbeiterklasse ist es längst nützlich‘ Da hat der Wallisch ihn angesehen, so, und hat gesagt: ‚Sie hat immer noch viel zu verlieren.‘ Da war’s still, da habens alle hingehört, und da hat der Melchior Senzer giftig in die Stille reingesagt, dem Wallisch ins Gesicht: ‚Alles ist schon hin, einen Dreck hat sie zu verlieren.‘ Da hat der Wallisch den Melchior Senzer soo [!] angesehen und hat gesagt, ganz ruhig: ‚Seit wann ist dein Blut denn Dreck?‘ Da haben alle stillgeschwiegen, auch der Melchior Senzer.“ (Februar, 222f.)

Das Bild von Wallisch schwankte je nach Sicht, für die bürgerliche Reaktion war er ein verhasst hetzerischer Bolschewik. Einige linke Arbeiter kreideten ihm seine Nähe zur reformistisch zaudernden Parteileitung an. Manchen galt er gar als „Packler“ im Stil von Karl Renner. Der historische Koloman Wallisch war ein loyaler Sozialdemokrat, als solcher ein Gegner der Kommunisten. Er war aber auch der kampfbereite Arbeiterführer des Februar 1934, wie Grazer Gefährten Anna Seghers bei ihrer Reise durch Österreich Ende April 1934 berichten: „Wallisch hatte den Leuten in Bruck versprochen, aus Graz herüberzukommen, sobald es Ernst wird. Der Generalstreik wurde durchgegeben. Wallisch rief seine Frau, und sie fuhren. In Bruck war der Streik total, das Elektrizitätswerk lag still, die Brucker hatten seit Januar ihre Waffen in Kellern und Wohnungen eingemauert, die bewaffneten Formationen stellten sich, vor Pernegg wuchsen Barrikaden.“ (Wallisch, 159f.)

Auf dem Weg entlang der Fluchtroute hat Anna Seghers einen zwanzigjährigen Burschen „in schlechtem Hemd und speckiger Hose“ getroffen. Er ist arbeitsloser Sohn eines Eisenbahners, untergetaucht, der Februarverfolgung mit Glück entkommen. Der arbeitslose Schutzbündler berichtet von seinem Vater, von demoralisierten, nach der Niederlage des März 1933 nicht mehr kampfbereiten Eisenbahnern und von Wallisch, der ständig versucht hat, jeden (bewaffneten) Widerstand, jeden Generalstreik wenn schon nicht zu verhindern, dann wenigstens hinauszuzögern. Würde er leben, wäre er wohl ein „Brünner“, also ein Anhänger der seit dem 12. Februar in die Tschechoslowakei exilierten Parteileitung. Er erzählt von Nazis, die demoralisierte Genossen mit billigen Tricks anmachen, von den vielen, die zu den Kommunisten übergehen: „Mein Vater ist ein ordentlicher Mann, aber er hat nicht mitgemacht, er hat kein Vertrauen gehabt. Da hatten die Eisenbahner vorher den großen Streik verloren. ‚Man hat uns verpackelt, und man wird uns diesmal wieder verpackeln.‘ Der Wallisch? Wir haben ihm zugesetzt das ganze Jahr über, wir haben ihm zugesetzt, dass er losschlagen soll, aber er wollte kein Blut vergießen. Blut ist dann doch vergossen worden, zur Unzeit, und falsches Blut. Wir haben ihm gesagt: ‚Du bist doch von Natur gar kein Packler, was hältst du dich denn an ihre Pakte? Schlag doch du zuerst zu, Genosse Wallisch, dann hat eben Bruck zuerst zugeschlagen. Jetzt ist es so gekommen‘, sagt er und bleibt stehen, ‚bei uns in Bruck waren die meisten Toten prozentual.‘“ (Wallisch, 162)

In einem steirischen Wirtshaus kann Anna Seghers aufs Neue den Streit um den toten Wallisch beobachten. Er war doch ein „Kompromissler“ meint einer. Ein andrer Genosse reagiert empört: „Wisst ihr denn überhaupt, wer das war, der Wallisch? Ganz von klein auf hat er gekämpft, zuerst als Maurerlehrling daheim und dann im Bauarbeiterverband, ein Bursch, blutjung. In Triest vor dem Krieg hat er gekämpft bei dem großen Bauarbeiterstreik, in Szegedin war er Parteisekretär, und in Räteungarn hat er gekämpft. Ah, ihr wisst ja nichts.“ Ein weiterer Wallisch-Verehrer meint: „Der Wallisch hat einen Anhang hier in der Gegend gehabt, auch bei den Bauern, was immer schwer für die Partei gewesen ist. Was er jetzt tät, der Wallisch, wenn er mehr gehabt hätte als sein Leben, ob er in Brünn säße mit den anderen, ob er von Brünn aus auch packeln tät? Ich glaub nicht.“ (Wallisch, 172)

Auf dem Weg zum steirischen Hochanger trifft Seghers auf Bauern, die in ihrer Abhängigkeit von klerikaler Frömmelei Wallisch gefürchtet haben. Viele kleine Landpächter sind ihm aber auch dankbar, da er jeden „Paragraph im Kopf gehabt hat“, der den Kleinbauern im Streit mit dem Großgrundbesitz nützlich war: „Wodurch der Wallisch Anhang bei den Bauern hatte? Durch das Pachtschutzgesetz. Das Weideland um Bruck herum ist seit langem zum großen Teil Gemeindeland. Der Wallisch hat damals das Pachtschutzgesetz gemacht und nie dran rütteln lassen. Der Pächter konnte nicht vom Boden vertrieben werden, die festgesetzte Pacht konnte nicht erhöht werden. Er war der reine Anwalt, der Wallisch. Bist du zu ihm gekommen, hast du ihn um Rat gefragt, an allen Fingern hat er die Paragraphen abgezählt. Solche Paragraphen hat er gewusst – für den armen Mann, dass man ihm nicht ans Fell kann. Jetzt werden sie wohl die Gesetze durchreißen, in denen es noch solche Paragraphen hat.“ Trotz hohem Kopfgeld haben die Bauern Wallisch nicht verraten. Sie wären da nämlich um ihr „Gewissen“ gekommen. (Wallisch, 167f.)

                                     

Wien am 12. Februar 1934

In Wien dreht sich der Widerstand einer Schutzbundeinheit um die Figur des verdienten sozialdemokratischen Vertrauensmannes und Betriebsrates Riedl. Riedl ist subjektiv der Typ des aufrechten, nicht korrumpierbaren, kämpfenden Arbeitersozialisten. Objektiv stützt er aber den zaudernden, reformistischen Kurs der SDAP-Parteileitung. Bloß keine Gewalt! Riedl teilt die legalistisch parlamentarischen Illusionen seiner Partei. Er vertraut auf die Garantien der Bundesverfassung.

Riedl erinnert sich am 12. Februar – in Ottakring verbarrikadiert – an die Novemberrevolution von 1918, an seine Hoffnung auf einen unblutig gewaltlos zu erreichenden demokratischen Sozialismus, „unbefleckt“, „sündlos“: „Sein Gehirn und seine Muskeln hatten sofort die Gedanken und Bewegungen wieder aufgenommen, die sie im Oktober 1918 auf der Giovanetta-Höhe abgebrochen hatten, als seiner Abteilung der Abstieg befohlen worden war. Sie hatten damals im Dorf Lucchi die ersten Boten der Revolution gehört; sie waren mit ihren Gewehren heimmarschiert, den Sozialismus aufzubauen, den unbefleckten, sündlosen, demokratischen. Sie hatten ihre Gewehre verwahrt und geölt durch fünfzehn Jahre. Sie hatten die große Partei aufgebaut, sie hatten ihre Bürgermeister in die Städte gesetzt, ihre Gärten gepflanzt, ihre Schulen gegründet. Sie hatten ihre Verfassung, sie hatten ihre Gewehre. Riedl war stolz gewesen auf sein gut gepflegtes Gewehr. Er hatte immer im Grund seines Herzens geglaubt, man könnte seinem Gebrauch entgehen. Er hatte alles befolgt und alles geglaubt, was darauf ausging, diesem Augenblick zu entrinnen. Er hatte sich nicht darauf gerüstet, immer besser und schlauer, als auf etwas Unvermeidbares. Er hatte seine Gedanken und seine Parteiarbeit und seine Arbeit im Betrieb und seine Lebensverhältnisse und seine Freundschaften und sein Essen und Trinken und seine Kleider alle die Jahre hindurch so eingerichtet, als ob man ihm entrinnen könnte. Er hatte noch am Morgen geglaubt, man könnte ihm entrinnen. Er hatte im Grund seines Herzens gezweifelt, die Barrikade könnte den Handgranaten und Minenwerfern standhalten.“ (Februar, 310)

Die Figur des Riedl ähnelt jener des Lokomotivführers und Eisenbahngewerkschafters Ferdinand Dvorak in Jura Soyfers „So starb eine Partei“. Dvorak, zugleich ranghoher Wiener Schutzbundkommandant, ist so wie Riedl persönlich integer, bezahlte Parteiämter hat er abgelehnt. Er ist „lieber bei seinen Leuten im Betrieb geblieben“. Wie Riedl hofft auch Dvorak 1933 immer noch auf einen „friedlichen Weg“ zum Sozialismus: „Im vierer Jahr, wie ich in die Partei eingetreten bin, hab‘ ich geglaubt, in höchstens zehn Jahren wird die Vernunft die ganze Menschheit erobern.“ Dvorak teilt mit Riedl den blinden Glauben an die Einheit der Arbeiterpartei. Wie dieser lehnt er die linke Opposition ab, weil sie nicht begriffen habe, „was das eigentlich war: die Partei“. Mit Argwohn verfolgt er die zunehmende Kritik am „verbrecherischen Reformismus“. So wie Riedl ist Dvorak ganz der Vertreter der „besonnenen Parteidisziplin“. Nach dem Verbot des republikanischen Schutzbundes im Frühjahr 1933 ruft er aufgebrachten, das „Wir sind das Bauvolk der kommenden Welt!“ anstimmenden Arbeitern von der Kompanie „Friedrich Engels“ zu: „In Ruhe zu den Sektionslokalen! Alles ruhig und diszipliniert zu den Sektionslokalen! (…) Es gilt jetzt zu beweisen, dass der Schutzbund die disziplinierteste, zuverlässigste Vorhut der Arbeiterklasse ist. (…) Auseinandergehen, Genossen! (…) Zurück, nicht provozieren lassen!“[25]

Im Wiener Gemeindebau zirkuliert knapp vor dem 12. Februar 1934 das Gerücht, Riedl habe die Polizei und die „Hahnenschwänzler“ ein wenig provoziert, damit er – so wie mancher andere Schutzbundkommandant gleichsam vorsorglich – verhaftet wird, um sich so aller Verantwortung für den nahen Kampf zu entledigen: „Er hätt mit ganz klarem Verstand, weil ihm der Versammlungsbeschluss nicht gepasst hat, auf den Heimwehrposten losgehauen, damit er ein bisschen eingesperrt wird, damit er ein bisschen die Verantwortung los ist für die Zeiten, die jetzt kommen.“ Viele schimpfen auf den Verbreiter solcher Geschichten, und in der Tat taucht Riedl postwendend im Treppenhaus auf. (Februar, 243f.)

Neben Riedl zeichnet Anna Seghers die Figur des sozialdemokratisch parteirechten, den „Boden der Legalität“ beschwörenden Abgeordneten Wöllner. Wöllner versucht sich sogar angesichts der faschistischen Brutalität hinter der bürgerlich parlamentarischen Gesetzlichkeit zu verbarrikadieren. Der kleinbürgerlich lebende Floridsdorfer Gemeinderat Wöllner wird verhaftet, geschlagen. Er nimmt sich vor, mit einer einzigen Redewendung zu reagieren: „Ich stehe hier kraft meines Mandats als gesetzlich gewählter Gemeinderat. Alles, was Sie tun, ist ungesetzlich.“ Er soll Waffenverstecke des Schutzverbunds verraten, von denen er aber nichts weiß und auch gar nichts wissen will. Wöllner wird geschlagen. Er stirbt an den Folgen. (Februar, 236f.)

Wöllner erinnert an den Nationalratsabgeordneten Josef Dreher, die von Jura Soyfer vorgeführte Gestalt eines behäbigen Gewerkschaftsbürokraten. Dreher, der im Stil eines bürgerlichen Emporkömmlings lebt, glaubt als parlamentarisches „Kompromissgenie“ durch persönliche Beziehungen zu christlichsozialen Mandataren der Sozialdemokratie eine Art Restexistenz zu retten. Devot verhält sich Dreher zu Kanzler Dollfuß, dem „Louis Bonaparte der österreichischen Bourgeoisie“.

Auch in Friedrich Wolfs „Floridsdorf“ treten die Vertreter eines kulturell „geistigen“ Wohnbausozialismus auf. Schani, ehemals roter Matrose in Cattaro, nun selbstzufriedener Betriebsrat im Gaswerk und Parteikassier, trägt seine Mitgliederkartothek „wie ein Palladium“ vor sich her: „Oder ist das vielleicht nichts: der Karl-Marx-Hof, der Goethehof, der Lassallehof und hier unser Schlingerhof mit ihren Zehntausenden lichten Arbeiterwohnungen, Schulen, Kindergärten, Bädern und Versammlungsräumen! Jawohl, Genossen, das sind die Symbole und sichtbaren Hochburgen eines Sozialismus ohne Blut und Tränen.“ In den Februarkämpfen wird Schani von Gendarmen schwer misshandelt.

Otto Bauer wendet sich gegen die „Barrikadenromantik“ der Kommunisten. Friedrich Wolf lässt Otto Bauer im März 1933 zu einer Floridsdorfer Arbeiterdelegation sprechen: Die „Partei war und ist weiter bereit zu kämpfen, aber, Genossen, nicht mit der Idee der Gewalt, sondern mit der Gewalt der Idee! Die Partei kämpft mit geistigen Waffen!“

Was bei Anna Seghers als Auseinanderbrechen der sozialistischen Arbeiterbewegung beschrieben wird, findet sich auch in Oskar Maria Grafs „Abgrund“ als scheinbarer Widerspruch von vorgetäuscht revolutionärer Haltung und wirklicher Kapitulation beschrieben. Die österreichischen Parteiobleute, die als „die schriftgewaltigsten Linken der II. Internationale“, als „belesene marxistische Rabulisten“ gelten, die „die Massen im Nu in revolutionäre Begeisterung versetzen“, führen die Bewegung in offene Apathie, zumal sie es bei „scharfem Ton“ in Leitartikeln und Parteitagsreden bewenden lassen: „Der Druck erzeugte keinen Gegendruck mehr. Die Sozialdemokratie verharrte in ihrer Agonie.“ Die Regierung konnte ohne Widerstand den Lohnabbau vorantreiben, das Mietrecht, das Betriebsrätegesetz, die Kollektivverträge durchlöchern, die „Arbeiterzeitung“ der Vorzensur unterwerfen, die Steuereinnahmen des Roten Wien und damit den sozialen Wohnbau beschneiden.

Wie Seghers beschreibt auch Oskar Maria Graf die soziale und moralisch politische Demontage der sozialdemokratischen Eisenbahnerschaft. Von der Partei im März 1933 im Kampf gegen das „Bundesbahnsanierungsgesetz“ im Stich gelassen werden sie sich am 12. Februar 1934 dem Generalstreik nicht mehr anschließen: „Die einstige Elite der österreichischen Arbeiterbewegung, die Eisenbahnergewerkschaft, hatte man inzwischen ruiniert und lahmgelegt, sanft und kulant und nur mit papierenen Dekreten. Zuerst wurde sprunghaft abgebaut. Alle unzuverlässigen Elemente wurden ausgekämmt, die Löhne grausam gekürzt, und das Mitbestimmungsrecht der Arbeiter durch ihre einstigen Personalvertretungen war abgeschafft worden. Wer sich weigerte, in die ‚Vaterländische Front’ einzutreten, wurde schonungslos entlassen.“

Bei aller revolutionären Attitude, den „blutigen Bürgerkrieg“ will der gelehrte Parteitheoretiker Otto Bauer mit allen Mitteln verhindern. Er macht der bloß höhnenden Dollfuß-Diktatur ein Bündnisangebot gegen das NS-Regime. Er ging sogar soweit, dem faschistischen Regime eine Ausschaltung des Parlaments auf zwei Jahre zuzugestehen, wenn nur die Partei sich einigermaßen betätigen dürfe, wenn man sich dazu verstehen wolle, die Presse- und Versammlungsfreiheit innerhalb der gesetzlichen Schranken wiederherzustellen.

Im Jänner 1934 verfällt Otto Bauer, der – so Oskar Maria Graf – „durch sein bürgerliches Verantwortungsbewusstsein gehemmte“ Anführer, im gerade noch legal erscheinenden austromarxistischen Theorieorgan „Der Kampf“ unter dem Titel „Klassenkampf und ‚Ständeverfassung‘“ sogar auf die Idee, die päpstliche Enzyklika „Quadragesimo anno“ als ein für die Sozialdemokratie verwertbares „wirtschaftsdemokratisches“ Dokument hinzustellen: „Daher können sich die verschiedensten Klasseninteressen auf die Enzyklika berufen. Der Klassenkampf kann die Form des Streites um die Auslegung der Enzyklika annehmen und hat ihn schon angenommen.“

In Seghers‘ „Weg durch den Februar“ trifft im Jänner 1934 ein katholischer Bildungsreferent auf seinen sozialdemokratischen Schulfreund, den verletzte Schutzbündler versorgenden Arzt Bildt, um diesem zu erklären, dass „der Klassenkampf“ in die ideologische Requisitenkammer des vorigen Jahrhunderts gehöre, mit dem süffisanten Beisatz, auch „euer Otto Bauer hat rübergeschickt, er sei bereit mitzumachen, auch auf ständischem Boden“. (Februar, 191)

In Grafs „Abgrund“ wundern sich zwei radikale Wiener Schutzbundproleten, wie man sich auf die auf dem Motto „Wer Knecht ist, soll Knecht bleiben!“ beruhende „patriarchalische Wohltätergesinnung“ der Enzyklika auch nur von weitem einlassen kann: „Jetzt weiß ich nimmer, solln wir jetzt Betbrüder werden oder Kommunisten? Ich glaub bald, die vom Parteivorstand gehn jeden Tag in die Kirch und lesen bloß noch heimlich den Marx …“[26]

Ein kämpferischer Schutzbündler aus Seghers‘ „Weg durch den Februar“ ist verwundert über die „Gewissensbisse“ all der Otto Bauer von wegen „Blutvergießen“. Die Rechten plagt das nicht, Dollfuß schon gar nicht. Seine Freunde sehen ihn unter dem Einfluss kommunistischer Agitation: „‚Und was du furchtbare Versündigung nennst vor der Arbeiterklasse, so mein ich, wären‘s doch müßige Gewissensbisse, die besser einem Katholik anstehen, das mit dem Blutvergießen, obwohl’s nämlich umgekehrt ist. Wenn der Otto Bauer Angst hat vor der Versündigung, der Dollfuß hat bestimmt gar keine. Was mir Gewissensbiss machen tät, wär nur, die Zeit verpassen.‘ ‚Hast wohl mit Kommunisten debattiert, die letzte Zeit? Man hört ihre Argumentiererei aus deiner Rede heraus, wie beim Klopfen den Sprung im Teller.‘“ (Februar, 245)

Tage vor dem Februar 1934 erinnern sich Genossen in einer Wiener Arbeiterwohnung an die Krise der russischen Revolution nach 1905, an die um sich greifende Resignation, an die neue zaristische Repression. Lohnt sich der Kampf, der bewaffnete Widerstand im Wien des Jänner 1934 überhaupt noch? Der soeben den „Roten Falken“ entwachsene Jungsozialist Fritz, ein politischer Zögling von Riedl, denkt an den Aufstand der Goldarbeiter an der Lena 1912: „Von damals, nach 1905, als in Russland die Revolution war, die verlorenging, grabesstill war es dann, (…), bis dann aber ein großer Streik war, droben in Sibirien auf den Goldfeldern an der Lena, von dem aber niemand etwas gehört hat, weil’s zu arg weit weg war. Es hat ihnen auch nichts genützt, ihr Streik, weil die Soldaten sie alle gleich in den Schnee zusammengeschossen haben; aber denen ihr Lenin hat später gesagt, dass er doch was Rechtes war, ihr Streik, weil so lange vorher nichts war, und nachher, nach dem Streik, doch etwas angefangen hat.“ (Februar, 210)

Am Montag des 12. Februar 1934 wird Riedl in seinem Metallbetrieb von aufgeregten Betriebsratskollegen empfangen: „Du, Riedl, sie weigern sich, die Arbeit aufzunehmen, Du, Riedl, sie weigern sich, den Betrieb zu verlassen. Das ist eine ganz brenzlige Geschichte.“

Die Arbeiter bedrängen Riedl, den respektierten Betriebsratsobmann: „Genosse Riedl, du hast uns im Juli siebenundzwanzig von diesem Hof auf die Straße geführt. Du bist nie von uns weggegangen. Du hast dich geweigert, Genosse Riedl, bezahlter Funktionär zu werden. Du hast immer bei uns bleiben wollen, Genosse Riedl.“ Riedl versucht aber weiterhin zu beruhigen: „Habt doch Vertrauen, Genossen. Geduldet euch jetzt. Der Betriebsrat tritt zusammen.“

Es gibt Zweifel am Sinn des Streiks, vor allem: Was nützen Teilaktionen ohne Generalstreik? „Wer sagt dir denn Riedl, dass es ein Teilstreik bleiben muss“ Da kommt aus der Parteizentrale ein abwehrender Kurier: „Unter allen Umständen Teilstreik verhindern.“

Viele Arbeiter rufen: „Packler!“ Nichtsdestotrotz versucht Riedl alles, um die Arbeiter, die Schutzbündler einzubremsen: „Wir dürfen unsere Kraft nicht zersplittern, vor dem großen Kampf verbrauchen. Jetzt geht es nicht um Teilstreiks, nicht um Teilforderungen, nicht mehr um die Abwehr einzelner, wenn auch noch so unerträglicher Übergriffe und Rechtsbrüche der Bourgeoisie. Es geht um den großen Entscheidungskampf der Arbeiterschaft für die Verfassung, für die Freiheit, für die Demokratie.“

In Wien gehen erste unsichere Nachrichten von den Kämpfen in Linz oder Steyr um. Gerüchte über einen Generalstreik zirkulieren. Nachrichten vom streikenden Wiener Elektrizitätswerk machen die Runde. Aber alles ist unsicher, von „der Leitung“ kommt keine Bestätigung. Eine zentrale Kampfleitung kommt nicht (mehr) zustande. Die Parteileitung zerfällt kampflos, setzt sich teilweise rasch Richtung Brünn ab. (Februar, 274f., 277f.)

Plötzlich werden in Riedls Fabrikhof Waffen verteilt. Riedl ist überrumpelt, sein Widerstand war vergeblich: „Bis jetzt ist unsere Waffe der Generalstreik. Erst muss man den Generalstreik sich auswirken lassen. Die Bewaffnung der Schutzbündler geschieht an den Sammelstellen.“ Riedl kann sich nicht mehr durchsetzen: „Jetzt genug, Riedl, Scher dich. In Linz schießt man, in Steyr. Man wird uns in Wien über den Haufen schießen.“ (Februar, 280)

Die passive Politik des sozialdemokratischen „Abwartens“, die verfehlte Militärtaktik des Schutzbundes rächt sich nun in rasch fortschreitender Desorganisierung, nicht zuletzt da immer mehr Verbindungen abreißen. Vertrauensleute erscheinen nicht zu vereinbarten Treffpunkten. Waffenverstecke können nach den vielen Verhaftungen nicht mehr aufgefunden werden. Viele suchen nun auf eigene Rechnung unkoordiniert nach Bewaffnung: „Jetzt wurden die Männer an den Sammelstellen unruhig, einzelne vielleicht verzweifelt. Jetzt waren die Kasernen, die Polizeistationen bis zum äußersten gerüstet. Vielleicht ging es schon los an einem Punkt der Stadt, und am anderen Punkt warteten die Männer an den Sammelstellen. Der Schutzbund musste sich sofort mit aller Kraft auf die Kasernen werfen. Er musste die Wachstuben stürmen, er musste die Schienen aufreißen, er musste die Brücken sprengen, er musste den Flugplatz besetzen und das Radio und alle großen Druckereien. Das alles musste sofort geschehen. Motorradfahrer mussten mit Windeseile nach Niederösterreich abfahren.“ (Februar, 285)

Riedl lässt seine Genossen nicht im Stich. Er schließt sich dem Kampf, den er nicht verhindern konnte, an. Er unterstützt den Barrikadenbau: „Riedl war noch zu seinem Gewehr gekommen, gewiss. Er war an einer Sammelstelle in Ottakring abgesetzt worden. Seine Angst war überflüssig gewesen, er könnte durch irgendein Unglück vom Kampf ausgeschlossen bleiben.“ Tanks rücken auf eine Ottakringer Schutzbundstellung zu, Riedl – in seinem nie nachlassenden Vertrauen an die bürgerliche Gesetzmäßigkeit gebunden – ist perplex: „Es gibt gar keine Tanks! (…) Die sind im Vertrag verboten.“ In alter Parteidisziplin möchte er sich auch jetzt noch an den Befehlen einer nie existenten „Kampfleitung“ orientieren. (Februar, 309-311)

Trotz der bedrängten Lage gibt es auch am Dienstag noch Hoffnung auf Verstärkung durch Schutzbundeinheiten aus Niederösterreich, aus Wiener Neustadt. Falschmeldungen über meuternde Truppenteile, gelegentliche kleine Erfolge, wie erfolgreiche Angriffe auf einige wenige Polizeireviere verstärken diese Illusion.

In Steyr werden die Arbeiterhäuser an der Ennsleite von Bundesheer-Artillerie, aus Minenwerfern beschossen. Die Steyrer waren am Morgen des 12. Februar als erste dem Kampf der Linzer Schutzbündler um Richard Bernaschek gefolgt: „Wie auch die Beschlüsse der Wiener Zentrale ausfielen, wie sich auch die Ortsleitung bemühte, solche Beschlüsse auszuführen, wenn der Strick in Linz riss, folgten die Steyrer den Linzern – Beschlüsse für die Katz. Nichts mehr zu verlieren.“ (Februar, 266f.)

In Steyr wie in Linz schwanken Seite an Seite kämpfende sozialdemokratische Schutzbündler und Kommunisten am zweiten Tag des Aufstands zwischen Resignation und verzweifelter Hoffnung, so die nun verbündeten Arbeiter Aigner und Zillich: „‚Hast gehört?‘ – ‚Was denn?‘ – „Dass nach Urfahr Schutzbund unterwegs ist.‘ Der Schwager erwiderte: ‚Ja‘ – ‚Glaubst dran?‘ – ‚Man müsst wissen, was in Wien los ist. So weiß ich’s nicht. Ist auch für uns egal.‘ – ‚Egal?‘ – ‚Weil wir auf jeden Fall hier stehenbleiben. So als ob sie unterwegs wären.‘“ In Wirklichkeit wissen beide um die isolierte Lage. Der Generalstreik ist ausgeblieben: „Beide dachten an dasselbe, an alle, die stumm geblieben waren: Menschen an Weichenstellen und in Lokomotiven und an Rotationsmaschinen, Menschen hinter Nähmaschinen und Bügelbrettern und Kinderwagen, Menschen, die müßig aus den Fenstern sahen.“ Stunden später müssen sie sich verdeckt aus ihrer Stellung zurückziehen. (Februar 327-331)

Die Verteidiger des Karl Marx-Hofes ziehen sich in die Kanalisation zurück, sie sind mit dem Verrat des Schutzbundkommandanten Korbel konfrontiert: „Sie stiegen mit ihren Gewehren in die Kanäle hinunter. Sie hatten den Plan, sich droben in Wien in dem Bezirk, in dem sie aus der Erde herauskamen, mit ihren Gewehren zur Verfügung zu stellen. Als Fritz mit seinen Genossen aus den Kanälen herausstieg, da klebten dort im Bezirk die Plakate des Schutzbund-Kreisführers Korbel: ‚Ich erkläre die bedingungslose Übergabe meines Kreises –‘“ (Februar, 334)

In Floridsdorf gehen die Kämpfe auch am Mittwoch weiter. Zum Symbol des Kampfes wird der Feuerwache-Offizier Georg Weissel, der wegen seiner revolutionären Haltung und wegen seiner Kritik an einem statischen Exerzierregime Jahre zuvor aus dem Schutzbund ausgetreten war. Weissel wird so wie die Schutzbundkommandanten Karl Münichreiter oder Emil Swoboda am 15. Februar 1934 standrechtlich hingerichtet: „Morgens war das ganze Gebiet in ihrer Hand gewesen. Sie hatten alle Polizeiwachstuben in der Nacht gestürmt gehabt. Sie hatten den Schlingerhof fest besetzt gehabt. Dann hatte es damit angefangen, dass sich das Polizeikommissariat nicht ergeben hatte, Weißel hatte die Feuerwehr bewaffnet, sie hatte aber dem Kommissariat nicht standgehalten. Dann waren die Panzerautos aus Wien herübergekommen. Ihnen hatte man aus Wien nicht nur keine Verstärkung geschickt, man hatte Polizei, Militär, Artillerie ungehindert durchgelassen. Sie hatten den Schlingerhof räumen müssen.“ (Februar, 337)

Friedrich Wolf lässt Georg Weissel vor dem Standgericht in einer Weise auftreten, die an Georg Dimitroffs Verhalten im Leipziger Reichstagsbrandprozess erinnert: „Es ist Ihnen gewiss ebenso bekannt, Herr Vorsitzender, dass die Regierung seit März 1933 ein dutzendmal die Verfassung gebrochen hat, dass sie das Parlament verjagte, Arbeiterorganisationen zerschlug, Betriebsräte verhaften ließ, dass die Überfälle der Heimwehrler auf Arbeiterhäuser sich mehrten. (…) Die Instruktionen der Parteileitung … die hießen: Abwarten, solange bis der Dollfuß und die Heimwehrler den letzten Funktionär und Betriebsrat verhaftet und das letzte Parteihaus umgestülpt hatten.“

Anna Seghers nennt 1934/35 naheliegender Weise kaum historische Klarnamen, abgesehen von wenigen Ausnahmen, so jene von Georg Weissel, Richard Bernaschek, Koloman Wallisch oder jenen des hingerichteten Grazer Arbeiterkammersekretärs Josef Stanek.

Durch die ständigen Schikanen, Durchsuchungen, Verhaftungen sind auch in Graz viele Schutzbundverbindungen abgerissen. Die einzelnen Kampfgruppen agieren unkoordiniert auf eigene Faust. Nicht einmal die Verbindung des Bundesheers nach Bruck kann unterbrochen werden. Es herrscht Verwirrung. Was tun? „‚Habt ihr denn plötzlich Gewehre?‘ – ‚Dazu brauchst keins. Wir müssen die Straße aufreißen. Wir müssen doch etwas für Bruck tun. Die verbluten doch. Wir können doch die Soldaten nicht einfach durchlassen.‘ – ‚Das hätt man längst gesollt.‘ (…) Die Frau sagte: ‚Ihr wisst selbst nicht, was ihr müsst. Jetzt ist’s doch viel zu spät.‘“ (Februar, 339)

(Gelöschte) Erinnerung an den Februar 1934

Die Erinnerung an die gefallenen Schutzbündler wird vom austrofaschistischen Regime geächtet. Der junge Genosse Fritz besucht mit der Mutter des bei den Kämpfen umgekommenen Wiener Schutzbündlers Rudolf Bäranger den Zentralfriedhof. Lange suchen sie nach den Gräbern der Februarkämpfer, finden sie dann in einem verwahrlosten Friedhofseck: „Sie erblickten einen großen Haufen aus einem Abfall von welken Kränzen, Schleifen und Sträußen. (…) [Fritz] las die vier Namen der Familie Eberle, Mann, Frau und zwei Kinder. Sie waren im ersten Stock ihrer Hofwohnung durch Ekrasit zerstückelt worden. Sie standen auf ihrem Blumenschild untereinander, als seien sie alle am selben Tag einer Grippeepidemie erlegen nach Gottes unerforschlichem Ratschluss. Frau Bäranger kauerte sich hin. Sie hatte Rudolfs Namen entdeckt. Sie zerrte aufgebracht an dem losen Rasenstreifen und legte ihre Blumen hin.“ Beim Weggehen sehen sie die Arkadendenkmäler, die „Grabdenkmäler der Ehrentoten“, deren Büsten, „ihre Züge waren prall von Stolz und Erkenntnis, frei von allen Zweifeln und kläglichen Ängsten.“ (…) Ihre Namen und Daten waren mit Gold eingraviert, unverwesbar, für alle Nachfahren.“ (Februar, 361)

Noch schändlicher ist der Umgang mit den Opfern in Bruck an der Mur und in Graz, wie Anna Seghers im Frühjahr 1934 beobachten kann: „Ich finde mich nicht zurecht, werkmorgens allein auf diesem Friedhof. Den Totengräber finde ich nicht. In der Provinz ist es noch schwerer als in Wien, die Februartoten zu finden. In Graz hat man sie zwei und zwei in Säcke vernäht, man hat sie überall in flache Gruben gedrückt, man hat die Gräber mit den Schuhen eingetreten, man hat verboten, Schilder und Blumen draufzustecken.“

Die Brucker Arbeiter- und Parteihäuser sind zu Gefängnissen umfunktioniert, zu provokant hatte das Bürgertum diese Errungenschaften des Proletariats empfunden: „Das große rote Haus hinter den Kastanien ist das Volkshaus. Die Gendarmen, Gewehr bei Fuß, lächeln nicht. Sie zwingen mich, abzubiegen, man kommt nicht dicht heran. Die Brucker Februargefangenen sind im Volkshaus eingesperrt. Allzu gelassen schoben diese neuen Volkshäuser ihre großzügigen und reinlichen Fassaden zwischen die angestammten Prachtbauten, Kirchen, Theater und Gerichtsgebäude. In Leoben, in Bruck, in allen Provinzstädten sperrt jetzt die Kleinstadtbourgeoisie ihre Gefangenen in die Volkshäuser.“ (Wallisch, 159f.)

In Leoben ist die Erinnerung an Koloman Wallisch unter Strafe gestellt: „Ich gehe auf dem heißen Friedhof umher und suche nach Frauen und Männern, die aussehen, also ob sie das Grab besuchen. Wie der Wiener ist auch der Leobener Friedhof bespitzelt. Das Wallisch-Grab ist flacher als die Erde, grasig, ein paar zerquetschte Butterblumen liegen darauf. ‚Sie haben mit den Stiefeln daraufgetrampelt‘, sagt ein Besucher, der sich plötzlich wie ich an dem Grab einfindet. Er starrt mit gerunzelter Stirn auf die zerquetschten Butterblumen herunter wie auf eine Inschrift. ‚Sie geben vierzehn Tage Arrest jedem, der Blumen darauflegt.‘“

Die letzten antifaschistischen Symbole werden entfernt, die Erinnerung an den italienischen Sozialisten Giacomo Matteotti wird gelöscht: „Heute erwartet Leoben die italienischen Offiziere, die Dollfuß zum Ersten Mai nach Wien eingeladen hat, um den Matteotti-Hof umzutaufen in Gio-Hof (Gio, von Antifaschisten im Stadtrat von Bologna getötet). Das Volk hat die Landstraßen mit Nägeln gespickt für diese Gäste, die bis zum Semmering zehnmal die Reifen wechseln werden.“ (Wallisch, 171f.)

Der deprimierte Schutzbundarzt Bildt geht Ende Februar 1934 durch das christlich-konservativ monarchisch geprägte Stadtbild Wiens. Das reaktionäre Habsburgererbe hat überlebt. Die Symbole des Roten Wien sind weitgehend verschwunden: „Die Auffahrt der Burg versank, und die Burg selbst, und der Bronzereiter, und der Glockenturm der Franziskanerkirche, die ganze Stadt, die lange genug gestanden hatte mit ihren Kirchen und ihrer Oper und ihrer kaiserlichen Schatzkammer, in der ein Fetzen der Kreuzfahrerfahne war, die auf Jerusalem geweht hatte, und der Schaft der Lanze, die Christi Seite durchstochen hatte, und alle Kronjuwelen, und alles, was man tausend Jahre lang gebraucht hatte.“ Dagegen die vom Artilleriefeuer schwer zerstörten Wohnbauten des Roten Wien. (Februar, 393f.)

Nachfebruar: Der illegale Kampf gegen den Austrofaschismus

Wie an vielen Orten in Österreich sind auch in Bruck an der Mur im „Nachfebruar“ viele Sozialdemokraten zur Untergrund-KP übergetreten: „Was bei uns der Kern war, das ist nach links gerückt. Bei uns hat’s schon immer scharf gegen Wien geblasen. Vierzig, fünfzig Kommunisten hat’s vordem in Bruck gegeben.“ (Wallisch, 163)

In Steyr unterstützt die Rote Hilfe die Witwe des hingerichteten Steyrer Schutzbündlers Johst. Hinter der literarischen Figur des Johst verbirgt sich der am 17. Februar 1934 im Alter von 25 Jahren hingerichtete Schutzbündler Josef Ahrer. (Februar, 376)[27]

Das „Ständestaats“-Regime versucht vergeblich, die „gut gesinnte“ Arbeiterschaft in sozialversöhnlerischer Manier für sich zu gewinnen. Ernst Karl Winter, von Dollfuß eingesetzter Vizebürgermeister von Wien, so etwas wie der Verbindungsmann der Diktatur zur Arbeiterbewegung, spricht im Frühjahr 1934 im Ottakringer Volksheim über die „ständische Ordnung“, vom „Platz“ der Arbeiterschaft, vom „Klassenkampf“, der einst in manchesterliberaler Zeit, zu Marx‘ Zeit sogar seine Berechtigung gehabt haben könnte, davon, dass die Arbeiterschaft den „schädlichen Widerstand“ nun nach der Februarniederlage aufgeben möge. Winter wird aber von anwesenden Sozialisten als der „Gapon von Ottakring“ beschumpfen. Sie fordern die Freilassung der Februar-Gefangenen und stimmen die Internationale an: „Die Polizei brach herein und knüppelte.“ (Februar, 391)

In Graz steht der Arbeitslose Willaschek mit weiteren Angeklagten vor Gericht. Wegen eines tödlichen Überfalls auf einen Gendarmen wird er zwölf Jahre ausfassen. Zwei Nazimithäftlinge agitieren den Schutzbündler Willaschek an. Er bleibt standhaft, auch wenn er meint, es könne nicht jeder ein Dimitroff sein. Er sieht in den Nazis nämlich nur die Söldner der Unternehmerkaste, konkret in der Steiermark als die neuen Knechte der „gelben“, strikt gewerkschaftsfeindlichen Unternehmenspolitik der Alpine-Montan: „Ja, die Alpine Montan, die hat wie eine Barriere überm Land gelegen vor dem Aufruhr (...) Dort sitzen doch noch dieselben oben drauf, die vor drei Jahren den Pfrimer-Putsch bezahlt haben. Damals haben sie die Heimwehren aus ihrer Tasche bezahlt, jetzt bezahlen sie euch. Die haben doch jetzt nicht ihre Herzen für euch entdeckt. Die wissen, wofür sie euch zahlen.“ (Februar, 363)

Als der Pflichtverteidiger Willaschek darauf hinweist, dass der Gendarm offenbar „nicht im offenen Kampf getötet wurde“, stellt dieser die Gegenfrage: Der Grazer Arbeiterkammersekretär Josef Stanek „ist wohl im offenen Kampf gehängt worden?“ (Februar, 366)

In Linz verabschiedet sich der alte sozialdemokratische Parteisoldat Zillich von seinem ihm bis zum Februar spinnefeinden kommunistischen Schwager Aigner. Ausgerechnet Zillich emigriert „nach Russland“. Zillich ist schwer enttäuscht, weil viele Sozialdemokraten nun im Frühjahr 1934 die Februarkämpfer beschuldigen, am nunmehrigen „Unglück“ schuld zu sein und nicht die passiv abseits Stehenden, nicht die reformistischen Zauderer: „Ich hab gelesen, dass wir an all dem Unglück selbst schuld sind, weil wir durchaus kämpfen wollten. Ich hab gelesen, wir hätten nur unsere Führer weiterwursteln lassen sollen, dann wären wir vielleicht noch heute alle gesund und lebendig. (…) Wie man sich dann getrennt hat in ‚Revolutionäre Sozialisten‘ und in ‚Rote Front‘, da bin ich nicht bei denen geblieben, die an Brünn festhalten; ich bin zur ‚Roten Front‘ gegangen.“

Auch Zillich ist sich der Gefahr der Nazi-Demagogie bewusst. Er sieht, wie die Nazis im April 1934 die Flucht von Richard Bernaschek nach Deutschland nützen wollen, um demoralisierte Schutzbündler zu sich zu ziehen: „Schau dir aber mal die Nazis an. Die tauchen überall auf, wo wir was an unsern Leuten verabsäumt haben. Wo wir was brachliegen ließen, wo wir die Menschen auf was haben hungern lassen, da bringen die schnell ihre Ersatzware an, liederliche, schimmlige, aber manche merken das gar nicht und sind gierig und schlucken. Sie machen sich’s zunutz, hier herum, dass der Bernas[ch]ek mit ihnen geflohen ist. Drüben in Steyr laden sie unsere Burschen ein, an ihren Turngeräten mitzuturnen, weil unsere Halle geschlossen ist.“ (Februar, 369f.)

Riedl steht auch nach dem Februar in Treue zur alten Sozialdemokratie. Er fungiert als Verbindungsmann, als Kurier zum „Alös“, zur Auslandsleitung der Sozialdemokratie in Brünn um Otto Bauer: „Riedl war zu seiner eigenen Überraschung durch verschiedene glückliche Umstände vorzeitig entlassen worden. Auf dem Wege von der Bahn zum Karl-Marx-Hof merkte er, dass ihn seine Freilassung aus irgendeinem Grund bedrückte.“ Riedl sieht „die tiefen, plackigen Narben im Mauerwerk, die aufgerissenen, wie von Feuersbrünsten zerfressenen Wohnungen“. (Februar, 378)

Riedl glaubt an das Weiterleben der Partei von Viktor Adler, so wie Otto Bauer dies 1935 formulieren wird: „Die alte Partei lebt fort, zwar nicht als Organisation, auch nicht als wirkende Kraft, aber fort in der Erinnerung, in der Tradition, in der Treue, im Fühlen, im Denken Hunderttausender Proletarier. Sie kann eines Tages, unter veränderten Bedingungen, wiedererstehen. Die Aufgabe der ‚Revolutionären Sozialisten’ ist es nicht, sich von dieser unsichtbar gewordenen, aber dennoch fortlebenden Partei zu trennen, nicht ihr gegenüber eine ‚besondere Partei’ zu bilden oder ihr gegenüber sich zu einer ‚besonderen Partei’ zu gesellen, (…).“ Die „Revolutionären Sozialisten“ und die vielen von der SDAP losgelösten sozialistischen Untergrundkleingruppen müssten – so Otto Bauer fortfahrend – einsehen, dass die als „Traditionskompanien“ geschmähten „Parteireste“, also die oft unsichtbar schweigenden alten Betriebs- und Gewerkschaftsleute, die Vertrauensleute der untergegangenen Massenpartei weiterwirken. Die illegalen Kader der Revolutionären Sozialisten müssten erkennen, dass die alte Partei und die alten freien Richtungsgewerkschaften nicht „tot und begraben“ sind, „dass die Jahrzehnte ihres Wirkens ein großes und wichtiges Erbe zurückgelassen haben.“[28]

Riedl trifft auf seinen politischen Ziehsohn Fritz, der aber nichts mehr von der in Tradition erstarrten Hainfelder Sozialdemokratie wissen will. Fritz konfrontiert Riedl mit dem Ende des „Roten Wien“: „Das ist alles nicht mehr, wie’s war. Der Karl-Marx-Hof, der ist zwar nicht eingestürzt, der hat’s überstanden. Aber unser Glaube an die Partei, Riedl, der ist eingestürzt. (…) Man kann auch sagen, wenn man will, dass er schon Montag abend eingestürzt ist, als die Eisenbahn wieder angefangen hat, zu fahren, und das Licht, zu brennen. Bei uns war alles grundfalsch, weißt du. Ich bin gar nicht dafür, weißt du, dass wir, wie es manche Gruppen jetzt tun, einfach geschlossen zur KP hinübermarschieren. Dafür ist ja noch viel zuviel zu bereinigen, auf beiden Seiten ist da noch viel zuviel auszutragen. Aber ich bin für eine Art Zwischenstufe, so wie die Rote Front, weißt du, dafür bin ich.“

Riedl versucht zu kalmieren. Er hofft offenbar – Anna Seghers deutet das nur an - so wie Otto Bauer auf einen „integralen Sozialismus“, der die Spaltung von 1917 überwindet, auf ein „neues Hainfeld“ in Erinnerung an den Einigungsparteitag zwischen „Radikalen“ und „Gemäßigten“ von 1888/89: „Fritz, unsere Partei hat eine schwere Niederlage hinter sich, wir sind weit zurückgeworfen, wir haben furchtbare Verluste. Die schwere Niederlage mag auf viele so wirken, dass sie der Partei, dass sie ihren Führern den Rücken kehren. Wenn man vorwärts stürmt, ist es leicht, treu sein.“

Fritz, der auch an „gemeinsamen Zellenabenden mit den Kommunisten“ teilnimmt, gehört nun irgendeiner der zahlreichen zersplitterten illegalen Gruppen an, die sich unmittelbar nach der Februarniederlage 1934 von der Sozialdemokratie distanziert hatten, so neben den Hauptgruppen wie der illegalen KPÖ, den „Revolutionären Sozialisten“ oder neben dem „Autonomen Schutzbund“ Zirkel wie der „Georg Weissel-Bund“, die „Gruppe Münichreiter“, die von der KPÖ abgespaltenen „Febristen“, die „Gruppe Funke“ oder diverse trotzkistische Gruppen wie der „Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse“. Fritz wirft Riedl vor, die alten Parteikader hätten nur auf ein legal reformistisches Dasein hin ausgebildet, „aber ihr hättet uns einschulen sollen auf Zuchthaus und auf Gefängnis und auf Schüsse und auf Illegalität“.

Riedl verteidigt die Linie der SDAP, man habe im Herbst 1933 die Verfassung schützen wollen und nur unter der Voraussetzung einer Beseitigung der roten Wiener Stadtregierung, eines definitiven Verbots von Partei und freien Gewerkschaften oder einer Liquidierung der Arbeiterzeitung auch den Generalstreik und schlussendlich den bewaffneten Widerstand geplant, „denk doch an unsere vier Punkte“: „Sag mal, Fritzl, hast du auch schon auswendig gelernt, dass deine Führer dich verraten haben, oder lernst du das erst am nächsten Zellenabend? Otto Bauer und Deutsch und Wallisch – alle haben euch feig im Stich gelassen, wie‘s brenzlig wurde, keiner hat mitgekämpft. So hat’s ja der Dollfuß gewusst, und so hat’s ja auch der Moskauer Gewerkschaftssender gewusst, darin waren sich beide einig.“

Fritz hält die „vier Punkte“ für eine verschleierte Kapitulation vorab: „Ach, eure vier Punkte, die haben in Wirklichkeit nur bedeutet: von diesen vier Punkten ab, von diesen vier Fällen ab, wo es ernst wird, geht an euch die Verantwortung über.“ (Februar, 381-384)

Fritz trifft im April 1934 auch auf den Linzer KP-Genossen Aigner. Er bezweifelt, dass sich die illegale sozialistische Organisation an einer Einheitsfrontaktion zum 1. Mai beteiligen wird: „Wenn sie auch zugesagt haben, die revolutionären Sozialisten, und wenn sie auch alle Vorbereitungen zum ersten Mai mit uns gemeinsam machen, man muss doch damit rechnen, dass sie schließlich nicht mit uns zusammen demonstrieren. Denn, Aigner, wenn in der letzten Stunde eine Gegenorder aus Brünn kommt, dann werden sie sich an das halten, was der Otto Bauer sagt. Sie sind so.“

Die Broschüre von Bela Kun, dem ehemaligen Vorsitzenden des ungarischen Rätekomitees von 1919 und nunmehrigem Komintern-Funktionär, mit ihrem scharfen Verratsvorwurf an die sozialdemokratische Parteiführung beunruhigt Fritz: „Ich habe viel gelesen, was über uns geschrieben worden ist. Ich habe auch das von Kun gelesen. (…) Ich versteh’s und versteh’s auch wieder nicht. Wenn darin von den Führern gesprochen wird, und von dem Verrat der Führer, (…). Sieh mal, der Wallisch, das ist doch wirklich einer von uns gewesen, das ist doch wirklich einer mit Mut gewesen. Aber, Genosse Aigner, ehrlich gesagt, wenn er hätte fliehen können … wo, glaubst du, tät er jetzt sitzen? Er tät in Brünn sitzen.“ Auch der Genosse Riedl, der Mann vom Karl-Marx-Hof, hat gekämpft und bleibt auch im „Nachfebruar“ bei seiner „Otto Bauer hin, Otto Bauer her“-Loyalität.

Für Aigner ist die Haltung der ehemaligen Parteileitung keine Frage von individuellem Mut, nicht eine von ein paar Kampftagen, sondern Ergebnis von langjährigem Zurückweichen: „Aber wenn man sich jahrelang gesträubt hat gegen das Notwendige, dann kann man es nicht in einem Tag gutmachen, auch wenn man an diesem Tag sein Leben hundertmal einsetzt.“ (Februar, 395f.)[29]

 

[1] Vgl. Kurt Batt: Anna Seghers. Versuch über Entwicklung und Werke, Leipzig 1980, 20-23. Vgl. Anna Seghers: Gespräch mit Wilhelm Girnus (1967), in dieselbe: Über Kunstwerk und Wirklichkeit III. Für den Frieden der Welt, Berlin 1971, 29-36, hier 30. Folgende Textausgaben werden im folgenden zitiert: 1) Anna Seghers: Die Toten bleiben jung. Roman [1949], Neuwied-Berlin 1956 (kurz: Die Toten). 2) Anna Seghers: Aufstand der Fischer von St. Barbara – Die Gefährten [1932] (=Gesammelte Werke in Einzelausgaben 1), Aufbau-Verlag, Berlin 1954 (kurz: Gefährten). 3) Anna Seghers: Der Kopflohn. Roman aus einem deutschen Dorf im Spätsommer 1932 [1933] – Der Weg durch den Februar. Roman [1935] (=Gesammelte Werke in Einzelausgaben 2), Aufbau-Verlag, Berlin 1952 (kurz: Kopflohn bzw. Februar). 4) Anna Seghers: Die Rettung. Roman [1937] (=Gesammelte Werke in Einzelausgaben 3), Aufbau-Verlag, Berlin 1951 (kurz: Rettung). 5) Anna Seghers: Das siebte Kreuz. Roman [1942], Neuwied-Berlin 1962 (kurz: Siebte Kreuz). 6) Anna Seghers: Transit. Roman [1943] (=Gesammelte Werke in Einzelausgaben 5), Aufbau-Verlag, Berlin-Weimar 1964 (kurz: Transit). 7) Anna Seghers: Bauern von Hruschowo (1929/30), in dieselbe: Der Bienenstock. Gesammelte Erzählungen in drei Bänden I, Aufbau-Verlag, Berlin 1963, 115-129 (kurz: Hruschowo). 8) Anna Seghers: Der letzte Weg des Koloman Wallisch (1934), in ebenda, 158-173 (kurz: Wallisch). – Vgl. Anna Seghers. Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, hrg. von Carola Hilmes und Ilse Nagelschmidt, Stuttgart 2020.

[2] Vgl. Anna Seghers: Wiedersehen mit den Gefährten (1948), in dieselbe: Über Kunstwerk und Wirklichkeit II. Erlebnis und Gestaltung, Berlin 1971, 19f.

[3] Vgl. Kurt Batt: Anna Seghers (wie Anm. 1), 53f.

[4] Vgl. zu weiteren Erzählungen über den Februar 1934 (etwa Ilja Ehrenburg, das Schlusskapitel in Oskar Maria Grafs „Der Abgrund“) Erich Hackl – Evelyne Polt-Heinzl (Hrg.): Im Kältefieber. Februargeschichten, Wien 2014.

[5] Vgl. Anna Seghers: Vaterlandsliebe. Rede auf dem I. Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur 1935, in dieselbe: Über Kunstwerk und Wirklichkeit I. Die Tendenz in der reinen Kunst, bearbeitet und eingeleitet von Sigrid Bock, 2. Auflage, Berlin 1975, 63-66 und im folgenden Anna Seghers: Rede zum Internationalen Schriftstellerkongress 1938, in ebenda, 67-69; sowie Anna Seghers: Hans Beimler (1937), in dieselbe: Über Kunstwerk und Wirklichkeit III. Für den Frieden der Welt, Berlin 1971, 153-155 und Anna Seghers: März 1933 – Verhaftung Thälmanns (1943), in ebenda, 155-157.

[6] Vgl. Anna Seghers: Helene Weigel spielt in Paris (1938), in dieselbe: Über Kunst und Wirklichkeit II. Erlebnis und Gestaltung, Berlin 1971, 51-53; Anna Seghers: Zu Bodo Uhses Roman „Leutnant Bertram“ (1944), in ebenda 55-57; Anna Seghers: Gotthold Ephraim Lessing (1945), in ebenda 62-69; und über Georg Forster Anna Seghers: Freies Deutschland 1792 (1943/44), in dieselbe: Über Kunst und Wirklichkeit III. Für den Frieden der Welt, Berlin 1971, 204-212.

[7] Vgl. Kurt Batt: Anna Seghers (wie Anm. 1), 114.       

[8] Vgl. Ein Briefwechsel zwischen Anna Seghers und Georg Lukács (1938/39), in Georg Lukács: Probleme des Realismus I. Essays über den Realismus, Neuwied-Berlin 1971, 345-376, hier 366.

[9] Vgl. zu den Abwehrkämpfen der Arbeiterklasse im Frühjahr 1920 und zum „roten Oktober“ 1923 Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Band 3. Von 1917 bis 1923, Berlin 1966, 264-286 und 408-437.

[10] Vgl. zur „Verbots“-Lage der KPD 1924 Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Band 4. Von 1924 bis Januar 1933, Berlin 1966, 11f.

[11] Vgl. zum „Bielefelder Abkommen“ vom Frühjahr 1920 im Hinblick auf die Liquidierung der „Roten Ruhr“ Erhard Lucas: Märzrevolution 1920. Band 3. Verhandlungsversuche und deren Scheitern; Gegenstrategien von Regierung und Militär; die Niederlage der Aufstandsbewegung; der weiße Terror, Frankfurt 1978, 11-91.

[12] Vgl. zum Faschismus als diktatorischer Herrschaftsform des (Monopol-) Kapital Reinhard Kühnl: Faschismustheorien. Texte zur Faschismusdiskussion, 2 Bände, Reinbek 1979.

[13] In ihrer Erzählung „Auf dem Wege zur amerikanischen Botschaft“ schildert Anna Seghers 1929 einen Protestzug gegen den Justizmord an Nicolas Sacco und Bartolomeo Vanzetti 1927: „Vom Sockel herunter warf eine Stimme Sacco – Vanzetti – Proteste – Klassenjustiz (…).“

[14] Vgl. zur KP/RGO-Politik, zum „Sozialfaschismus“-Vorwurf, zur sozialdemokratischen „Tolerierungspolitik“ und zum (zögerlichen) Kampf gegen Brünings-Notverordnungspolitik Wolfgang Abendroth: Einführung in die Geschichte der Arbeiterbewegung. Von den Anfängen bis 1933, 3. Auflage, Heilbronn 1997, 241-287.

[15] Zur Tradition der sozialistischen Bildungs- und Literaturarbeit vgl. Dieter Fricke: Handbuch zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung 1869 bis 1917 in zwei Bänden, Berlin 1987, Band 1, 661-697.

[16] Vgl. Walter Benjamin: Eine Chronik der deutschen Arbeitslosen. Zu Anna Seghers Roman „Die Rettung“ (1938), in derselbe: Gesammelte Schriften III, Frankfurt 1972, 531-537.

[17] Zur KP-Bauernagitation vgl. Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung 4 (wie Anm. 10), 161, 292-295.

[18] Zum betrieblichen (Streik-)Widerstand insgesamt vgl. Jürgen Harrer: Gewerkschaftlicher Widerstand gegen das „Dritte Reich“, in: Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung, hrg. von Frank Deppe, Georg Fülberth und Jürgen Harrer, 3. Auflage, Köln 1981, 211-217, 232f. – Zum sozialen Widerstand bei Opel in Rüsselsheim vgl. Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Band 5. Von Januar 1933 bis Mai 1945, Berlin 1966, 139-141. – sowie generell Jutta Freyberg – Bärbel Hebel-Kunze: Die deutsche Sozialdemokratie in der Zeit des Faschismus, in: Geschichte der deutschen Sozialdemokratie 1863-1975, mit einem Vorwort von Wolfgang Abendroth, hrg. von Jutta Freyberg u.a., Köln 1975, 180-241.

[19] Vgl. Jürgen Kuczynski: Geschichte des Alltags des deutschen Volkes 5 (1918-1945), Köln 1982, 48-85. Bertolt Brecht (Arbeitsjournal 1942 bis 1955, Frankfurt 1993, 454) stellt die Frage. Wo bleibt die deutsche Arbeiterklasse? So trägt er am 28. Jänner 1945 ein: „immer noch nichts aus oberschlesien über die haltung der arbeiter.“

[20] Vgl. zur Rolle der geflüchteten republikanischen Spanienkämpfer in Seghers‘ „Transit“ Frank Wagner: „… der Kurs auf die Realität“. Das epische Werk von Anna Seghers (1935-1943), Berlin 1975, 245-247.

[21] Vgl. Georg Lukács: Blum-Thesen. Thesen über die politische und wirtschaftliche Lage in Ungarn und über die Aufgaben der Kommunistischen Partei in Ungarn (1928/29), in derselbe: Frühschriften II. Geschichte und Klassenbewusstsein, Neuwied-Berlin 1968, 697-722 und Georg Lukács: Gelebtes Denken. Eine Autobiographie im Dialog, Frankfurt 1981, 118-132. Vgl. Sigrid Bock: Anna Seghers‘ Roman „Die Gefährten“, in: Weimarer Beiträge. Zeitschrift für Literaturwissenschaft, Ästhetik und Kulturtheorie 26/11 (1980), 5-34.

[22] Vgl. Anna Seghers: Fabrikbesetzung (1937), in dieselbe: Über Kunst und Wirklichkeit III. Für den Frieden der Welt, Berlin 1971, 181-184.

[23] Vgl. Anna Seghers: Wiedersehen mit den Gefährten (1948), in dieselbe: Über Kunstwerk und Wirklichkeit II. Erlebnis und Gestaltung, Berlin 1971, 18f.

[24] Friedrich Wolf: Floridsdorf. Ein Schauspiel von den Februarkämpfen der Wiener Arbeiter (1935), in derselbe: Dramen (Gesammelte Werke 4) Aufbau-Verlag, Berlin 1960, 1-122, hier 14f., 38, im Folgenden über Otto Bauer 26, über Georg Weissel 103f.

[25] Jura Soyfer: So starb eine Partei. Romanfragment (um 1934), in derselbe: Das Gesamtwerk, hrg. von Horst Jarka, Wien-München-Zürich 1980, 324-451, hier 345, 349, 413-415, im Folgenden über Dreher 379, 398.

[26] Oskar Maria Graf: Der Abgrund. Ein Zeitroman (1936), München 1994, 312, 314, 354, 408, 419f.

[27] Zu den historischen Februarereignissen in Steyr, zu dem in die CSR entkommenen Schutzbündler und Betriebsratsobmann der Steyr-Werke August Moser vgl. Alexander Dinböck: Der Wiederaufbau der Interessensorganisationen der Arbeitnehmer in Oberösterreich nach 1945. Dargestellt am Beispiel von August Moser, Linz 2004, 1-18.

[28] Vgl. Otto Bauer: Friedrich Engels, ein Lehrer unserer Zeit (1935), in derselbe Werkausgabe 9, Wien 1980, 535-543.

[29] Vgl. generell Arnold Reisberg: Februar 1934. Hintergründe und Folgen, Wien 1974, weiters Franz West: Die Linke im Ständestaat Österreich. Revolutionäre Sozialisten und Kommunisten 1934-1938, Wien 1978 und Winfried R. Garscha - Hans Hautmann - Willi Weinert: Im Kampf gegen den Austrofaschismus, in: KPÖ. Beiträge zu ihrer Geschichte und Politik, Wien 1987, 201-266 oder Ilona Duczynska: Der demokratische Bolschewik [Theodor Körner]. Zur Theorie und Praxis der Gewalt, München 1975.

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