„Stille und Sturm“. Berta Lasks Weg zur Arbeiterbewegung (1900-1933)
Berta Lask / „Gertrud Weygandt“
Berta Lask (1878-1967), geboren im österreichischen Galizien, aufgewachsen im Umfeld der väterlichen Papierfabrik im Brandenburgischen, trat nach 1918 in die Kommunistische Partei Deutschlands ein. 1925/26 wurde sie mit ihrem historisch-aktuellen Stück „Thomas Münzer“ und dann vor allem mit „Leuna 1921“, einem „Drama der Tatsachen“ in Erinnerung an den mitteldeutschen Arbeiteraufstand von 1921, bekannt.
Ende der 1920er Jahre zählte Berta Lask zu den Mitbegründer/-innen des „Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller“. In den Jahren des sowjetischen Exils ab 1933 arbeitete sie an ihrem verschlüsselt autobiographischen, teils mit literarisch fingierten, teils mit historischen Figuren operierenden Roman „Stille und Sturm“, der erst 1955 im Mitteldeutschen Verlag in Halle erscheinen konnte.[1]
Selbst als Tochter eines wohlhabenden, liberalen jüdischen Fabrikanten waren ihr als Frau die offiziellen Bildungswege verschlossen. Zugang zum universitären Bildungsbürgertum fand Berta Lask über ihren Bruder Emil Lask (1875-1915), 1898 mit einer Dissertation über Fichte bei Heinrich Rickert in Freiburg promoviert, 1905 in Heidelberg bei Wilhelm Windelband mit einer „Rechtsphilosophie“ habilitiert und ab 1913 bis zu seinem Kriegstod in einem österreichischen Infanterieregiment Extraordinarius für Philosophie in Heidelberg. Im Roman treten die Geschwister als Gertrud und Egon Weygandt auf, Berta Lask auch als Gertrud Benary-Weygandt.[2]
Als Ehefrau des Berliner Industriechemikers und Privatdozenten Moreau Benary begegnet Gertrud Weygandt nicht nur der Welt des südwestdeutschen Neukantianismus um Windelband und Rickert (im Roman als „Reichwaldt“ auftretend), dem Kreis um Max Weber („Wormann“), zu dem auch der junge Georg Lukács („Fugrin“) zählte, dem Strafrechtler und Rechtsphilosophen Gustav Radbruch („Bruchland“) oder dem Berliner Kulturphilosophen Georg Simmel („Georg Simson“), sondern auch der Arbeiterschaft, den proletarischen Klassenkämpfen, dem Anti-Kriegskampf, liberalen und sozialistischen russischen Emigranten, dem ganzen politischen Spektrum der deutschen Sozialdemokratie, den parteirechten Revisionisten wie Georg Vollmar oder Eduard Bernstein, aber auch der linken Opposition um Karl Liebknecht.
Die Figur des Moreau Benary ist die des zögerlich humanistischen Bildungsbürgers. Er wird zwar 1918 in die SPD eintreten, hat aber bis 1933 fast nichts mit dem politischen Leben seiner Frau und seiner Kinder zu tun. Er liest in den 1920er Jahren resigniert Arthur Schopenhauer. Er gibt sich angesichts der faschistischen Gefahr „philosophischer Weltverneinung“ hin!
Schon in sehr jungen Jahren begegnet Gertrud in den 1890er Jahren im Umfeld der väterlichen Fabrik Arbeiterkindern, manche aus sozialistischem Elternhaus. So hat Max Pfeilhammer, Maschinenführer in der Weygandt’schen Fabrik, von seinem Genossen Gottlieb Winkler, Dreher bei Borsig in Berlin, einen Brief erhalten. Winkler schreibt 1890 hocherfreut in die Brandenburgische Provinz. Das Sozialistenverbot ist gefallen: „Wir haben schon lange nichts voneinander gehört, aber jetzt muss ich Dir schreiben, jetzt, wo wir deutschen Arbeiter einen so großen Sieg errungen haben – ich meine die Aufhebung des Sozialistengesetzes. Du wirst es natürlich schon erfahren haben, denn Du gehörst wohl auch zur Partei. Aber das hier in Berlin mitzuerleben, das ist doch noch etwas anderes. Wie die Ausgewiesenen und Verbannten wiederkamen, die von Ort zu Ort gejagt wurden und manchmal von Land zu Land und hatten oft kaum mehr ein Stück trocken Brot und blieben doch immer unserer Sache treu, das war ein Jubel, sag ich Dir!“[3] Pfeilhammer agitiert in der Fabrik für die sozialdemokratische Sache. Der Buchhalter ist empört. Vater Leo Weygandt hält dies für kein Problem. Die Parteiarbeit müsse aber außerhalb des Arbeitsbetriebes stattfinden. (I, 44, 75)
40 Jahre später, nach dem Berliner „Blutmai“ 1929, wird Gottlieb Winkler aus Protest die Sozialdemokratie verlassen. Winkler zerreißt das Mitgliedsbuch und schreibt „an den größten Arbeiterverräter“, den preußischen Innenminister Carl Severing: „Zweiundvierzig Jahre Partei und Gewerkschaft, wieviel Arbeit, Opfer und Kampf, wieviel Hoffnung für die Zukunft füllten diese langen Jahre, und das alles habt ihr uns geraubt und zerstört, um unsere Lebensarbeit habt Ihr uns betrogen und unsere Kinder um die Zukunft, um die Zukunft der deutschen Arbeiterklasse. Ausnahmegesetze gegen die deutschen Arbeiter und freie Straße für Arbeitermörder – das ist Euer Werk, Ihr Severinge.“ (II, 507)
I. Gertrud W. vor 1914/18
I.1. Gertrud W. und die bürgerliche Kultur
Vorläufig beschäftigt sich Gertrud mit der literarisch philosophischen Welt des Bürgertums, reichend von Platon, über Goethe, Heinrich Kleist, zu Friedrich Nietzsche oder zu Stefan George und dessen Band „Das Jahr der Seele“.
Sie hört einen Vortrag des Berliner Germanisten Erich Schmidt über den jungen Goethe. Ihr Bruder empfiehlt die Lektüre von Nietzsche. „Er rezitierte Nietzsches Gedicht „Ecce homo‘. (…) Nietzsche begann bereits ein Modephilosoph zu werden. So las sie ‚Zarathustra‘.“ Sie legt ihn zur Seite, auch wenn sie noch nicht ahnt, dass Nietzsche einmal zum Ideologen faschistischer Barbarei werden könnte: „Der Zarathustrarausch war verflogen. Vom Übermenschentum war sie zum Menschentum zurückgekehrt.“ (I, 100, 107, 119)
Gertrud studiert autodidaktisch Altgriechisch, um Platon zu lesen. Stellen über die Sklaverei irritieren sie. Bruder Egon korrigiert deshalb in einem idealistischen Sinn. Sie dürfe Platon nicht vulgärsoziologisch lesen, sondern nur vom Standpunkt der Idee des Wahren, Schönen.
Zwanzig Jahre später wiederholt sich dies. Gertruds Sohn Wend liest mit anderen Gymnasiasten Platons „Gastmahl“. Ist Platon ein Apologet der Sklaverei oder kann man ihn doch nicht auf diese Ebene herunterbrechen? Ist Platons „Staat“ eine „großartige revolutionäre Utopie“ oder die Perspektive einer Kastengesellschaft? Soll man sich nicht lieber mit den „Gracchen im alten Rom, die für das unterdrückte Volk kämpften“, beschäftigen? Die Freunde gehen jedenfalls zur Lektüre von Thomas Morus, Heinrich Heine und dann zu Marx‘ und Engels‘ „Manifest der Kommunistischen Partei“ über. (II, 82-94, 93)
Die junge Gertrud besucht Georg Simsons (also Georg Simmels) „Vortragszyklus über weibliche Kultur“: „Simson war ein großer Liebhaber und Kenner asiatischer Kunst. Über die Schönheit einer chinesischen Porzellanschale oder eines Teppichs aus Buchara konnte er eine Stunde lang begeistert dozieren. Für Politik hatte er nicht das geringste Interesse. Das war nach seiner Ansicht eine profane Angelegenheit der groben, ungeformten Wirklichkeit.“ Er lebte in einem intellektuellen „Traumreich“. Auch Egon hört einige Zeit bei Simson. Er misstraut ihm vom Standpunkt der südwestdeutschen Neukantianer, bewundert allenfalls seine universell kulturhistorische Bildung: „Egon schätzte Simson nicht als Philosophen, denn Simson war Relativist.“ (I, 293f.)
Als Gertrud in den letzten Jahren vor dem Krieg 1914 vorübergehend das Interesse an der Sache des Sozialismus verliert, wird sie sich in die Welt der impressionistischen Kunst flüchten. Sie liest Friedrich Schiller, den Nietzsche als „den Moraltrompeter von Säckingen“ denunziert. (I, 426)
Unter dem Einfluss russischer Freunde greift sie zu Dostojewskij, dessen pathologische Figuren, das naiv Heilige, und die Vorstellung von einem (vorkapitalistischen) Gemeinschaftsideal gerade nach der Niederlage der russischen Revolution von 1905 faszinierend wirken: „Gertrud kannte den Roman ‚Schuld und Sühne‘ von Dostojewski, der in Deutschland stark verbreitet war. Diese hoffnungslose Schilderung des dumpfen, schmutzigen und überaus armseligen russischen Kleinbürgertums und seines in Haltlosigkeit versinkenden Opfers, des Studenten, der unter fast hypnotischem Zwang mordet, hatte ihre eine Qual bereitet, (…).“
Gertrud legt Dostojewskij deshalb zur Seite. Sie liest Maxim Gorki. Sie besucht eine Vorstellung von Gorkis „Nachtasyl“. Gorkis Realismus, seine Distanz zu „mystischer Tiefe“ haben es ihr angetan. Gorki schildert die Arbeiter, Bauern, Vagabunden, „Schwermütiges und Heiteres und die revolutionäre Sehnsucht des Dichters.“ (I, 377f.)
Gertrud bedauert in dieser Linie auch, dass Gerhart Hauptmann, der einst mit den „Webern“ ein eindrucksvolles Sozialdrama vorgelegt hatte, nun ein esoterisches Märchenstück über fromme Glockengießer, über das freie Leben mit Waldgeistern aufführen lässt: „Erst schrieb er das soziale Drama ‚Die Weber‘ und bald danach das mystisch-philosophische Märchenstück ‚Die versunkene Glocke‘, das hier in Berlin dauernd aufgeführt wird.“ (I, 369)
1932 ist sie mit Hauptmann wieder versöhnt. Eine Hauptmann-Aufführung wird zur antifaschistischen Demonstration. Das Berliner Ensemble der „Freien Volksbühne“ gibt für Arbeiter eine Sondervorstellung von „Florian Geyer“: „Die brutale Sprache des Klassenhasses dieser Feudalen, die Bauern und Handwerker niederschlagen wollen und vor den grausamsten Massenmorden nicht zurückscheuen, ihre tiefe Angst vor den freien Gedanken der edelsten Vertreter Deutschlands, vor den Forderungen der Bauernmassen nach Gerechtigkeit und menschenwürdigem Leben, die feige Knechtsseligkeit von Pfaffen und Schreibern mit ihrem offenen und versteckten Volksbetrug und Volksverrat.“ Ist das nicht die Gegenwart? „Glichen nicht die blutdürstigen Ritter den SA Führern, denen die Zuschauer eben auf dem Wege zum Theatersaal begegnet waren? Glichen nicht Worte und Taten des Truchseß, dieses wütendsten Würgers des schaffenden Volkes, den Worten und Taten Hitlers? Und erinnerten nicht die revolutionären Bauernführer Thomas Münzer und Florian Geyer und die edle, humanistische Gestalt Wendel Hipplers, der an einer Verfassung für das deutsche Volk in einem geeinten Deutschen Reich arbeitete, erinnerten sie nicht an revolutionäre Führer der Gegenwart, ermordete und noch nicht ermordete?“ Nach der Szene, in der Florian Geyer eine Versammlung „aller Haufen gemeiner Bauernschaft in und um Würzburg“ eröffnet, kommt aus dem Publikum der Ruf „Einheitsfront!“ (II, 586-588)
I.2. Gertruds sozialethisch, reformpädagogischer Einsatz für die „Arbeiterfrage“
Knapp nach 1900 war Gertrud Weygandt erstmals auf sozialethische Literatur gestoßen. Sie liest die Lyrik der italienischen Volksschullehrerin Ada Negri, die in den 1890er Jahren zu sozialistischen Idealen vorgestoßen war. Negri gestaltet die Welt der Armen, Entrechteten, der Fabrikarbeiterschaft. Egon und sein Freiburger Studienfreund Wassilij Krylow lästern, sie halten mit George’scher „Formvollendetheit“ dagegen. Gertrud lässt sich nicht einschüchtern: „Gertrud nahm ‚Das Jahr der Seele‘ von Stefan George und ein Bändchen soziale und revolutionäre Gedichte von Ada Negri mit. Krylow schlug vor, jeder solle Gedichte auswählen und selbst vorlesen.“ Gertrud begründet, warum sie Negris Gedicht „Der Grubenbrand“ ausgewählt hat. „Wenn ich ein Gedicht von Ada Negri vorlese, so will ich damit nicht sagen, dass sie Goethe gleichzusetzen ist. Aber sie ist ein feuriger, begeisterter Mensch, schreibt aus dem Leben unserer Zeit und hat eine große Liebe für das Volk und für die Gerechtigkeit.“ Die „Gesinnungs“-Gedichte von Negri kommen bei Egon und Krylow nicht gut an. Krylow vermisst die formale poetische Komposition: „Ich begreife, dass die italienischen Arbeiter diese Dichterin lieben. Könnte man doch die gute Gesinnung dieses italienischen Mädchens mit der hohen Meisterschaft Stefan Georges verschmelzen.“ (I, 183f.)
Gertrud treibt auch die Frage nach einer einheitlichen Volkskultur um. Gibt es eine solche jenseits der Spaltung von Kultur in elitäre Avantgarde einerseits und Operettenkitsch für die Massen auf der anderen Seite? Kann die Sozialdemokratie eine solche nationale Volkskultur schaffen? Gertrud fragt Egon: „Da interessiert sich ein kleiner Kreis von Gebildeten für so zarte und verinnerlichte Dichtungen wie die von Hoffmannsthal, Maeterlinck, und als äußerstes Extrem für die der jungen Dichter Rilke und George. Und für die Masse gibt es seichte und gemeine Operettenschlager, die man auf allen Höfen singen hört. Die Gebildeten begeistern sich für die Feinheiten französischer Impressionisten, (...). Und für das Volk gibt es schauderhafte Illustrationen in Kolportageromanen für zehn Pfennig das Heft (…).“ (I, 308)
Gertrud kann die „soziale Frage“ im Berlin der Jahrhundertwende 1900 nicht übersehen. Sie sieht das Elend der Heimarbeiterinnen. Sie sucht Kontakt zur bürgerlich dominierten Frauenbewegung. Sie nimmt an Versammlungen einer Gesellschaft für „ethischen Kultur“ teil. Gertrud erhält so Kontakt zu bürgerlichen Wohltätigkeitsvereinen. Dabei ahnt sie, dass die Volksarmut so nicht zu beheben ist. Es fehlt fast jede Arbeitslosenunterstützung. Die Unfallversicherung existiert oft nur auf dem Papier. So studiert sie die Lage der Berliner Arbeiterschaft: „Diese Tätigkeit führte sie in die Arbeiterviertel des Nordens und Ostens, doch nicht zu den noch in Betrieben Arbeitenden, sondern zu Leuten, die durch Siechtum oder andere Unglückfälle ihre Arbeit verloren hatten. Die Heimarbeiterinnen bildeten die elendste und rechtloseste Schicht, die in den seltensten Fällen gewerkschaftlich zusammengeschlossen war. Gertrud kannte das kleine Arbeiterhaus ihres Vaters, in dem sich auch schon manches Elend, notdürftig durch Almosen gelindert verbarg. Es war dort ein kleines Elend, verschämt, verschwiegen und fast zugedeckt durch das kräftige Leben der anderen Menschen ringsum. Hier in den riesigen Mietskasernen, (…) schien das Elend wie ein wild wuchernder Schimmelpilz ganze Häuserreihen zu durchziehen.“ (I, 276f.)
Gertrud besucht (Tuberkulose) kranke Heimarbeiterinnen, stellt ihnen Fragen zur sozialen Lage: „Wann bekamen Sie den letzten Lohn von der Konfektionsfirma?“, usw. (I, 276f. 315)[4]
„Professor Wormann“ / Max Weber und der Sozialismus
Immer wieder begegnet Gertrud Weygandt-Benary in der Figur des „Professor Wormann“ Max Weber, Helene Weber und deren Kreis, anfangs vermittelt durch ihren „Philosophenbruder“. So sieht sie erstmals während einer Silvesterfeier 1899/1900 die akademischen Freiburger „Halbgötter“. Bei allen Zusammentreffen mit Wormann geht es um dessen zwiespältiges Verhältnis zur sozialistischen Arbeiterbewegung, das bei aller Sympathie ein Verhältnis der Ablehnung ist.
Wormann spricht in der Silvesternacht der Jahrhundertwende in einem Rückblick auf das 19. Jahrhundert zur Sozialismusfrage. Wormann, zugleich ein Kritiker des wilhelminischen Deutschland, bedauert, dass die sozialistische Bewegung weder nationalen Geist zeigt, noch in das politische System integriert ist: „Wenden wir einen Blick auf das abgelaufene Jahrhundert! Was brachte es Deutschland auf politischem Gebiet? Befreiung von ausländischer Herrschaft 1812/13. Doch als Lohn für dargebrachte Blutopfer Despotie im Innern. Eine Revolution 1848, doch ohne dass ein starkes Bürgertum und eine starke Demokratie entstanden. Kriege, in denen wir siegten, doch der letzte Krieg vielleicht ein Keim zu neuen Kriegen. Einen Staatsmann von Format, doch begabt nur in der Außenpolitik, in der Innenpolitik ebenso blind und rückständig wie alle anderen deutschen Regierer. Eine Einigung des Reichs, doch nicht unter der Fahne Schwarz-Rot-Gold. Eine deutsche Arbeiterbewegung, in manchem wirksam, doch zersetzt und ohne nationalen Geist.“ (I, 246f.)
Erst im „Burgfrieden“ von 1914 soll sich Wormanns Wunsch erfüllen. 1916 kommt es zu einer Begegnung im Kreis Max Webers, an der auch die Figur des sozialdemokratischen Funktionärs Krümelmann teilnimmt. Wormann begrüßt den Sozialdemokraten auf das Herzlichste: „‚Ich habe Ihre Politik vom ersten Kriegstage an verfolgt, und nichts hat mich in dieser schweren Zeit so gestärkt wie die staatsbejahende Haltung der Sozialdemokratie.“ Im Gesprächsverlauf ergibt sich, dass der Sozialdemokrat Krümelmann in der Zustimmung zur deutschen Annexionspolitik sogar weitergeht als der durchaus skeptische Wormann. (I, 645)
Unverbindlich spricht Wormann immer wieder davon, dass das Zeitalter des Sozialismus gekommen wäre: „Aber er will ihn nicht. Er ist zu sehr Geistesaristokrat. Eine Demokratie wie die englische Demokratie der vergangenen Jahrhunderte will er für Deutschland. Und doch hat er genug historische Kenntnisse, um zu begreifen, dass die Geschichte sich nicht wiederholt und sich nicht nach seinem Kopf richtet.“ (I, 477)
1913, ein Jahr vor Kriegsausbruch, besuchte Wormann Gertrud in Berlin. In der Stadt geraten sie in eine Antikriegsdemonstration, die von der Polizei niedergeknüppelt wird. Wormann reagierte aber bloß mit dem Gejammer des ewig Unverstandenen, der zwischen den Lagern eingekeilt sei, da der kriegsaggressive „Sonnenkaiser“, die „mit Deutschland va banque spielenden Alldeutschen“, dort die „ebenso gefährlichen Sozialdemokraten“. (I, 505f.)
Gertrud selbst sieht zu dieser Zeit gesellschaftliche Konflikte noch idealistisch, moralisch und reformpädagogisch an. Das Bürgertum versinkt gerade in Sedanfeiern: „Gertrud schien es, dass in der Politik das Ethische nicht gedieh. Das hatten Ereignisse wie die im Dreyfussprozess enthüllten Intrigen (…) gezeigt. Die Höherentwicklung der Menschheit kann nur durch Erziehung vom frühesten Kindesalter an erreicht werden, Entfaltung der Schöpferkraft, Erziehung zur Freiheit.“ (I, 487)
Gertruds Sohn Wend wird deshalb 1923 zur politischen Entwicklung seiner Mutter notieren. Sie hängt immer noch an ihren sozialpazifistischen Idealen: „Mutter ist in einer ganz anderen, friedlichen Zeit geboren, in der das Bürgertum noch viel stärker war. Sie kam allmählich von ihren humanistischen Idealen her über viele Illusionen zu den revolutionären Arbeitern.“ (II, 120)
Von Wormann hat sich Gertrud gelöst. Sie sieht ihn Ende 1918 noch einmal als Redner gegen ein rätesozialistisches Experiment in Deutschland. Die anwesenden Sozialdemokraten glauben mehr an Wormann als an Karl Marx: „Er sprach offen von der militärischen Niederlage und mahnte das Volk zur Besonnenheit. ‚Eine Revolution ist ein Luxus, den sich das Volk jetzt nicht leisten kann. Sie käme uns teuer zu stehen. Sie würde das Chaos bedeuten und den Einmarsch der Entente.‘“ Anwesende Sozialdemokraten applaudieren, eine Minderheit buht: „Wormann übte einen großen Einfluss auf Demokraten und Sozialdemokraten aus, denen seine Theorien weit schmackhafter schienen als die von Karl Marx.“ (II, 19)[5]
I.3. Gertruds aktiver Einsatz für die Sozialdemokratie vor 1914
Mit ihrem Freund Wassilij Krylow verfolgt Gertrud die russische Revolution von 1905. Sie beobachtet das gespaltene Emigrantenmilieu: Revolutionäre, Sozialisten und bürgerliche Kritiker der zaristischen Despotie. Schon früh wird Krylow von Mitexilanten wegen seiner Gewaltablehnung angegangen: „Mit Ihrer Dissertation über deutsche idealistische Philosophie bekämpfen Sie ganz gewiss nicht den Zarismus.“
In Gertrud sieht Krylow die naive politische Idealistin: „Ach, Gertrud, was weißt du von jenen sinnlosen Kämpfen, Verschwörungen, Attentaten und blutigen Streiks? Bomben werden geworfen, Gouverneure und Zaren zerfetzt. Neue Zaren und Gouverneure, nicht weniger grausam als jene, treten an ihre Stelle. Streiks werden blutig niedergeschlagen und nichts wird geändert. Sinnlos diese Kämpfe.“
Die Ende 1905 in eine sozialistische Richtung treibenden Moskauer Barrikadenkämpfe lehnt Krylow entschieden ab. Für einen revolutionären Emigranten ist Krylow ein verlorener Kämpfer: „Krylow will hier mit Ihnen die Blumen der Kultur pflanzen und pflücken, während man bei uns Bauern peitscht, Arbeiter im Streik erschießt, die Besten des Volkes in Verbannung und Tod jagt wie Puschkin, Lermontow und viele andere bis auf den heutigen Tag. Unsere Kämpfer schreiben auch Bücher, aber in den Gefängnissen, und aus der sibirischen Schneewüste schicken sie ihre Blumen der Kultur, Druckschriften, die von Hand zu Hand wandern und das Volk zum Kampf vorbereiten, nicht zu einem Kampf in fernen Zeiten, sondern zum Kampf von heute und morgen.“ (I, 204-208)
Gertrud verfolgt mitleidend die Berichte über die revolutionäre Meuterei auf dem Panzerkreuzer Potemkin („mit roter Fahne“). Mit Sorge beobachtet sie die Umtriebe reaktionärer preußischer Offiziere, die einen Interventionskrieg gegen ein rotes Russland, gegen den roten Pöbel fordern: „Bekommen die Roten die Oberhand, so marschieren wir ein. Pest ist ansteckend. Pest muss man bekämpfen, sonst kommt sie über die Grenze. Haben doch hier auch Rote. Die werden immer frecher. Selbst für den preußischen Landtag wollen sie dieses gleiche Pöbelwahlrecht.“ (I, 382-387)
Gemeinsam mit Bruder Egon für die Sozialdemokratie?
Gemeinsam mit ihrem Bruder Egon nähert sich Gertrud ab etwa 1900 der deutschen Sozialdemokratie an. Egon Weygandt bewegt sich in zwei Welten, in der Welt eines rein aprioristischen, auf formale Werte abstellenden neukantischen Idealismus und in der Welt der sozialen Widersprüche, der Welt der Arbeiterklasse. Weygandts philosophische Haltung führt ihn teilweise in die Lebenswelt der Arbeiter, andererseits isoliert sie ihn vom Denken des Sozialismus.
Teilweise leitet sie ihn aber sogar zu sozialdemokratischer Agitation an. Manche seiner Studenten wie Klaus Münzer und der Ungar Fugrin (das ist Georg Lukács) werden nach 1914 ausgehend von der Windelband-Rickert-Schule, vom Weber-Kreis zu Internationalisten. Egon Weygandt selbst hingegen führt sein Denken schlussendlich zum „Kulturwert“ des „Deutschen Kriegs“. Er rückt Ende 1914 als Kriegsfreiwilliger ein. Er wird wenige Wochen später 1915 bei einem Angriff sterben.
Erstmals war Egon seinem Freiburger Lehrer Reichwaldt Mitte der 1890er Jahre begegnet. Reichwaldt spricht schon hier in Gegenwart seines jüdischen Schülers am Beispiel von Spinoza Fragen möglicher Assimilation an die so genannte deutsche Leitkultur an. Während Egon dem naturwissenschaftlichen Materialismus, dem Erbe der Aufklärung von Voltaire, Diderot oder von Lessing ein wenig Recht zusprechen will, erklärt Reichwaldt schroff, ja auch Kant war ein „Kind der Aufklärung“, aber er habe eben „kritischen Verstand“ mit religiös metaphysischer Spekulation verbinden können: „Er hatte den Mut zu einer dualistischen Philosophie deutscher Prägung. So ist dieser größte deutsche Philosoph ein Repräsentant der christlich-germanischen Kultur im besten Sinne.“ Reichwaldt spottet so heftig über die Entwicklungstheorien von Darwin oder Haeckel, dass sich der junge Student erklärt: „Ich bin doch weder mit den französisch-englischen Aufklärern, noch mit dem jüdischen Talmud aufgewachsen, sondern mit Herder, Schiller, Goethe und dem Geist der deutschen Philosophie.“ (I, 94-96)
Ein gutes Jahrzehnt später – im Zeichen verschärfter imperialistischer Spannungen kurz vor 1914 – wird der Heidelberger Privatdozent Egon W. Zeuge eines Gesprächs zwischen Reichwaldt und dem Philosophen Jason. Es handelt sich dabei um den 1933 aus Deutschland vertriebenen Jonas Cohn. Es geht um den Zusammenhang von rationalistischer Kulturtheorie und lebensphilosophischen Strömungen, um eine Annäherung der Neukantianer an Henri Bergson oder Friedrich Nietzsche. Soll sich der Neukantianismus neuhegelianischen oder „vernunftfeindlichen“ Systemen öffnen, oder ist ihm das „Irrationale“ nicht ohnedies immanent?
Jason berichtet Reichwaldt von einer Begegnung mit Bergson in Paris. Reichwaldt hält wenig von Bergson, subsumiert ihn umgehend unter das Phänomen Nietzsche: „Bei Bergson ist ausschließlich das Irrationale übriggeblieben, ebenso übrigens bei Nietzsche, eine Vergöttlichung (…) der dunklen Lebenskraft.“ Auch wenn Nietzsche gar kein Philosoph sei, so sei dessen Verherrlichung des „kriegerischen heroischen Menschen aber gar nicht so unsympathisch“. Egon korrigiert Reichwaldt: Nietzsche würde nicht den Krieger, sondern die „blonde Bestie“ verklären.
Auf den Einwand, Reichwaldt/Rickert würde mit seiner Abtrennung der Naturwissenschaften von den Geisteswissenschaften die Tür zu Gefühl, Glaube und Irratio öffnen – „Wenn der Irrationalismus neben der Ratio wohnen darf, dann kann allerlei geschehen. Er ist ein angriffslustiger Bursche.“ – antwortet Reichwaldt: „Ich weise dem Irrationalen einen Platz neben der Ratio, neben dem rein vernunftgemäßen Denken an.“
Ein Vierteljahrhundert später denkt Jason 1933 bitter an dieses Gespräch und die nun im Zeichen des Hitler-Faschismus scheinbar realisierte Verschmelzung von Neukantianismus und Nietzscheanismus. Der soeben emeritierte Reichwaldt hat ihn auf dem Weg ins Exil kühl verabschiedet: „An dieses Gespräch erinnerte sich Jason wieder, als er dreißig Jahre später, im Begriff, aus Hitlerdeutschland zu emigrieren, sich von Reichwaldt verabschieden wollte, und dieser ihn, vor dem Lautsprecher einer ‚Führerrede‘ lauschend, mit dem Hitlergruß empfing.“ (I, 342-345)[6]
Egon liest um 1908 Hölderlin, jenen jakobinischen Hölderlin, der vor den miesen deutschen Verhältnissen in die griechische Antike geflohen ist. Andererseits verkehrt er auch immer wieder in einem dunkel aristokratischen, alles „Plebejische“ verachtenden Gundolf-George-Zirkel. (I, 452f.)[7]
Egon will eine rein transzendentale Ethik und Wertphilosophie begründen, anknüpfend auch an Max Weber, aber zugleich dessen historisch relativistische Kulturtheorie mit ihrer an „Vielgötterei“ erinnernden Pluralität der Wertreihen überwindend. Zu einer aristokratischen Freundin gewandt meint Egon: „Diese Theorie von Wormann (von mehreren nebeneinander bestehenden religiösen, ethischen Wertreihen – Anm.) ist sehr interessant. Sie hilft ihm die Kulturen ferner Völker zu verstehen. Seine vielen Wertreihen nebeneinander sind ein Ausdruck von Reichtum, doch auch von Zerrissenheit. Ich kann dabei nicht stehenbleiben. Man muss die Einheit finden, etwas, das alles überwölkt, eine verbindende Einheit über alle Widersprüche hinaus.“ (I, 341)
Egon arbeitet an einer kritizistischen Metaphysik, an einer formalen Geltungstheorie, an seinem „transzendentalen Platonismus“ – von der Zielrichtung her mit Edmund Husserls „Logischen Untersuchungen“ der reinen theoretischen Akte frei von allem psychischen Sein und Gedachtwerden vergleichbar. Er studiert Heraklit, „den Vater der Dialektik“, Aristoteles und vor allem den „dunkel-herrenmäßigen“ Plotin, bei dem in der Spätantike die „geistigen Ströme aus Okzident und Orient“ im Widerspruch zusammenfließen würden.
1912, zwei Jahre vor Kriegsbeginn, während „fern in der Türkei die Völker aufeinander schlugen“, hat Egon W./Emil Lask endlich das große philosophische Werk vorgelegt: nach 1911 „Die Logik der Philosophie und die Kategorienlehre. Eine Studie über den Herrschaftsbereich der logischen Form“ nun 1912 „Die Lehre vom Urteil“ mit ihrem „absoluten ‚Primat‘ des Gegenständlich-Logischen“: „Der Geltungscharakter des Theoretischen soll von aller Subjektivität – und sei diese noch so ‚unpersönlich’, ‚unwirklich‘, bloß ‚Bewusstsein überhaupt‘ – befreit werden“, wie dies Georg Lukács 1918 in einem Nachruf in den „Kant-Studien“ formulieren wird! (I, 493f.)[8]
Egon bewegt sich ständig zwischen seiner aprioristischen Philosophie, seinem Bemühen um eine Logik des reinen Geltens und seinem Interesse an den aktuellen Klassenkämpfen, so gemeinsam mit seinem Freund Bruchland (Gustav Radbruch). Beide besuchen sozialdemokratische Vortragszirkel.
Im „Inneren Weg“ erinnert Gustav Radbruch nicht nur an seinen Mitschüler Erich Mühsam, den er nach der Münchner Räterepublik in bayerischer Festungshaft besuchen wird, sondern auch an seinen eigenen Weg zum Sozialismus. 1913 nimmt er an August Bebels Begräbnis teil. Schon als Student hat er Marx‘ „Kapital“ gelesen: „Und als [1898] die Zuchthausvorlage [zum Schutz der] Streikbrecher drohte, fand ich in der Diskussion mit meinem Vater aus der Erinnerung an [Lujo] Brentanos Vorlesung die richtigen und treffenden Argumente für die Gewerkschaft und den Streik.“[9]
Der Straf- und Völkerrechtler Bruchland ist auch in seiner auf ein minimalistisches Naturrecht orientierenden Rechtstheorie von Egons Heidelberger „Rechtsphilosophie“ mit ihrer doppelten Kritik am ungeschichtlichen, „Rechtswerte zu Rechtswirklichkeiten“ hypostasierenden Vernunft- und Naturrecht sowie an dem theoriefeindlichen Rechtshistorismus der Savigny-Schule, die umgekehrt „aus dem empirischen Substrat die Absolutheit des Wertes hervorzaubern“ will, beeinflusst: „Naturrecht und Historismus sind die beiden Klippen, vor denen die Rechtsphilosophie sich hüten muss.“[10]
Bruchland berät die sozialdemokratische Partei in Friedensfragen. Auf Bruchlands Drängen gab auch Egon trotz aller Flucht aus dem Politischen seine idealistische Sympathie für die Sozialdemokratie mitten in der kriegshetzerischen Stimmung vor 1914 nicht restlos auf. Beide bewundern die sozialdemokratische Kompromissbereitschaft, sprich den immer mehr um sich greifenden Opportunismus: „Wenn Egon in dieser Zeit des wild aufschäumenden Chauvinismus, der alldeutschen Flut, der Militärvergrößerungen und Flottenvorlagen Sympathie für die Sozialdemokratie zeigte, so durfte nichts Persönliches sie länger getrennt halten. Nach der Versammlung saßen sie mit einigen örtlichen sozialdemokratischen Führern zusammen, und Egon war erstaunt über ihre Bereitschaft zu Kompromissen, ihren Wahlpakt mit der Fortschrittspartei, ihr Verständnis für die Vaterlandsverteidigung, wenn auch nicht für unbegrenzte Militärverstärkung, und sogar für eine Kolonialpolitik. Doch Egon war zu tief von seinen philosophischen Gedanken erfüllt, zu fest von ihnen umsponnen. Das politische Leben umplätscherte ihn nur (…).“ (I, 501f.)
Gemeinsam sind Egon und der als naiv pazifistisch hingestellte, menschenfreundliche Bruchland, der sich nichtsdestotrotz 1914 stolz in seiner Leutnantuniform zeigen soll, Wormann begegnet. Wormann zweifelt die Russische Revolution von 1905 an. Der versuchte Sturz des Zarismus sei zwar notwendig. Tragisch sei aber, „dass es keine Möglichkeit für die Entfaltung der Demokratie in Russland gibt“. Die fürchterlichste „asiatische Despotie“ wäre die Folge. Bruchland widerspricht: Man kann das Land von Dostojewskij, Tolstoi, Turgenjew oder Tschernyschewskij „unbesorgt den Weg des Sozialismus beschreiten lassen“. (I, 336f.)
Gertrud ist beeindruckt vom Widerstand, den Bruchland gegen alle völkische Kriegshetze leistet. Später soll sie dann von ihm enttäuscht werden. Bruchland – er ist ab 1921 für einige Monate sozialdemokratischer Justizminister – versteckte sich mehr denn je hinter seiner „Gutgläubigkeit“: „Bruchland, der gelehrte Sozialdemokrat mit dem guten Herzen. Schon mehr Komödie. Sie machten ihn zum Justizminister. Er fand noch immer alle Menschen ungewöhnlich sympathisch, auch alle reaktionären Ministerialräte in seinem Amt.“ Er tat nichts, um die Auslieferung eines italienischen politischen Flüchtlings an seine faschistischen Mörder zu verhindern. Gertrud schreibt einen Protestbrief an Bruchland. Eine Antwort wird sie nie bekommen. (II, 129f.)
Egon schwankt weiter zwischen vorsichtigem Anbändeln an die Arbeiterbewegung und vollständigem Rückzug in die philosophische Spekulation. Er sieht die Gefahr der Marokkokrise, der Balkankriege. Er lehnt die imperialistische Aufrüstung, die ständigen „Heeresvorlagen“ ab. Er verfolgt sorgenvoll die Atmosphäre des alldeutschen Chauvinismus. Doch Egon versank dann doch „wieder in seinem einsamen Grübeln und Ringen wie in einer Wolke“. (I, 502)
Seit 1903 hatte Egon seine Schwester in sozialdemokratische Versammlungen begleitet. Im Roman gilt er als neukantischer Sozialist, so wie einige Sozialdemokraten aus dem Umfeld des Marburger Neukantianismus von Hermann Cohen und Paul Natorp, die ihrerseits wie der spätere bayerische, 1919 ermordete Ministerpräsident Kurt Eisner an eine Synthese von „Marx und Kant“ dachten: „Egon war als idealistischer Denker gegen jede Art materialistischen Denkens und somit auch gegen den Materialismus von Marx und Engels. (…) Die räumliche Entfernung von der südwestdeutschen Professorenwelt, in deren Bann er nun schon so viele Jahre lebte, sowie die Eindrücke des Berliner Großstadtlebens mit den gewaltigen Massen von Fabrikarbeitern im Norden und Osten der Stadt und die Entfesselung der politischen Leidenschaften durch eine bevorstehende Reichstagswahl [1903] schienen seinem Streben eine neue Richtung zu geben. Er stieg von seinen luftigen Höhen auf die Erde, prüfte die Programme der politischen Parteien und fand, dass man als ehrlicher und freiheitsliebender Mensch nur den Sozialdemokraten seine Stimme geben könne, nicht nur weil August Bebel eine Achtung gebietende Persönlichkeit war, sondern weil nur die Sozialdemokraten wirklich soziale Gerechtigkeit und freie Entwicklung des ganzen Volkes wollten.“ (I, 296)[11]
Vor den Reichstagswahlen 1903 besuchten Egon und Gertrud eine sozialdemokratische Versammlung. Einerseits fand Gertrud noch nie Menschen vor, die „so stark von etwas Gemeinsamen durchglüht waren“. Andererseits war sie enttäuscht keine „Revolutionäre“ vorzufinden, sondern „viele Männer mit großen Schnurrbärten im sorgfältig gebürsteten Sonntagsanzug“, „ein Glas Bier in der Hand“, Gewerkschaftsgelder kassierend und einen gemäßigt „scharfen“ Redner, der sich ein wenig über die Verkürzung des Arbeitstages ausließ, auf das wachsende Militärbudget schimpfte.
Auch Egon hätte aus der Partei August Bebels mehr „Grundsätzliches“ erwartet: „Aber die Sozialdemokratie ist eine reine Arbeiterpartei, deshalb schon etwas einseitig und noch viel mehr dadurch, dass ihre Führer Lohn- und Gewerkschaftsfragen in den Mittelpunkt stellen.“ (I, 300f.)
Und da war noch ein Punkt, der ihn von der Sozialdemokratie trennt, ihre Gleichgültigkeit gegenüber der spezifisch nationalen Kultur. Es kann keine universell kosmopolitische Kultur geben. Egon stört sich am Internationalismus der Sozialdemokratie: „Sie ist international und zwar auf eine aufklärerische und abstrakte Weise. International muss man insofern sein, als in allen Ländern die Arbeiter ihre vollen Menschenrechte erkämpfen sollen. Aber national muss man daneben doch sein, muss verstehen, dass nationale Eigenart ein Wert ist, dass es nationale Besonderheiten von großer Bedeutung gibt.“
Über allem schwebt die mit dem Namen Eduard Bernstein verbundene „Revisionismusfrage“. Angesprochen wird die in Frankreich um 1900 aktuelle Frage, ob sich Sozialisten an bürgerlichen Koalitionsregierungen (Ministerialismus, Millerandismus) beteiligen dürfen: „Einige dieser Führer, kleinbürgerliche Intelligenz und gehobene Arbeiter in gesicherter Stellung, warfen die Frage auf, ob die Marxsche Theorie wirklich richtig war oder völlig revidiert werden müsse. In Frankreich, wo theoretische Fragen immer schnell zu politischen Konsequenzen führen, gab es schon seit Ende des vorigen Jahrhunderts einen sozialdemokratischen Minister.“ (I, 295)
Gertrud und Egon besuchen auch einen sozialliberalen Intellektuellenzirkel. Dort treffen sie auf „gebildete“ Revisionisten: „Auf dem Büchertisch lagen neben sozialdemokratischen und naturwissenschaftlichen Broschüren Exemplare der führenden bürgerlichen Zeitschrift für moderne Literatur, in der Eduard Bernstein, das Haupt der Revisionisten, seine Theorie auseinandersetzte. (…) Mehrere Diskussionsredner äußerten ihre Freude über die Kritik an dem ‚starren sozialistischen Dogma’. Ein gegnerischer Redner wurde mehrfach durch ironische Zwischenrufe und Lachen unterbrochen. (…) Egon aber sagte: ‚Diese Revisionisten sind viel gebildeter, mehr von allgemeiner Kultur durchdrungen. Aber es ist eine Halbheit in ihnen, die sie durch wissenschaftlich scheinende Argumente nicht verdecken können. Zwar haben sie in mancher Hinsicht einen weiteren Horizont als die kleinen Gewerkschaftsbeamten. Aber sie sind eigentlich gar nicht mehr Sozialisten im Sinne von Marx, auch nicht im Sinne früherer Sozialisten wie Thomas Münzer, den Wiedertäufern und den böhmischen Hussiten.‘“ (I, 303-309)
Gertruds sozialdemokratische Arbeitergefährten
Gertrud geht ihren Weg zum Sozialismus nunmehr allein, begleitet von sozialdemokratischen Genossen. Sie liest Franz Mehrings „Geschichte der Sozialdemokratie“. Viel darin ist ihr noch fremd, die marxistische Diktion unverständlich: „Sie las das Buch mit sehr starkem Interesse und wurde dadurch mit dem Kampf der deutschen Arbeiterklasse bekannt. Von den wichtigsten Problemen der Errichtung und Durchführung des Sozialismus begriff sie trotz dieser Lektüre sehr wenig außer der Notwendigkeit der Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln. Wendungen wie ‚Diktatur des Proletariats‘ oder ‚Absterben des Staates’ überlas sie, ohne sich etwas dabei zu denken, weil diese Begriffe ihr völlig unbekannt waren und sie vom Wesen des Staates eine ganz unklare Vorstellung hatte.“ (I, 311)
Gertrud unterstützt 1903 den entbehrungsreichen Streik der Textilarbeiter/-innen von Crimmitschau für den Zehnstundentag: „Sie setzte sich mit Begeisterung für den Kampf der Weberinnen und Spinnerinnen des sächsischen Industrieorts Crimmitschau ein. Sie sammelte Geld zur Unterstützung der Streikenden und suchte bürgerlichen Kreisen die Wichtigkeit dieses Kampfes und das Unrecht gegen die Arbeiterinnen klarzumachen, stieß jedoch zu ihrer Verwunderung auf starke Ablehnung.“
Am Kampfwillen und an der festen Gesinnung der Sozialdemokratie zweifelt Gertrud immer wieder. Der Geist der „sozialistische Bewegung in ihren Anfängen zur Zeit von Karl Marx“ scheint zu fehlen. Die Sozialdemokratie koche für die Arbeiter zu oft nur „dünne Wassersuppen“.
Gertrud begegnet wieder ihrem Spielgefährten aus brandenburgischen Kindertagen Willi Pfeilhammer. So wie Vater Max ist auch der junge Eisendreher organisierter Sozialist. Als Rekrut wird er deshalb schikaniert. Willi Pfeilhammer berichtet, dass ein Sozialdemokrat beim preußischen Militär kein Mensch mehr sein kann: „Bei denen nicht, bei diesen Junkern und Kosaken. Die haben ganz offen gesagt, - denn es war bekannt, dass ich Sozialdemokrat bin: - Dem Roten, dem werden wir’s schon zeigen, was ein vaterlandsloser Geselle bei uns zu erwarten hat. – Im Gelände haben sie mich manchmal fast zu Tode gehetzt mit – Sprung auf! Nieder!“ Er zieht die Lehre, indem er fortan Antimilitarist ist. (I, 439)
Gertruds Bruder Kurt – er hat die väterliche Fabrik übernommen – macht seine eigenen Erfahrungen. Er wird Reserveoffizier, leidet aber darunter, dass er antisemitisch diffamiert wird, was teils auch für Egon an den Universitäten gilt. Kurt versucht dies auszugleichen, indem er einen dieser antisemitischen Provokateure zum Duell fordert, indem er in einem „Kolonialverein“, also in den Kreisen der deutschnationalen Kleinstadtbourgeoisie verkehrt. (I, 434f., 442)
Der Eisendreher Willi Pfeilhammer, mit dem die junge Gertrud über alle Klassengrenzen hinweg in den Wäldern in der Umgebung der väterlichen Fabrik gespielt hatte, führt sie 1907 in das lokale Parteileben ein. So sieht sie in einer Versammlung Georg Vollmar und Karl Liebknecht in direkter Auseinandersetzung. Der „Sozialpatriot“ Georg Vollmar, bayerischer Parteirechter seit dem Fall des Sozialistenverbots, spricht versöhnlerisch, mit Verständnis für die deutsche Militär- und Kolonialpolitik.
Karl Liebknecht, der wegen seiner Schrift „Militarismus und Antimilitarismus“ soeben zu mehrmonatiger Festungshaft verurteilt wurde, sieht das Zögerliche der deutschen Genossen in der Antikriegs-Frage. Er antwortet: Die deutschen Arbeiter „sollen ihr Blut vergießen, damit der deutsche Bourgeois die Negervölker ungestört ausrauben und ausrotten kann“. Für solche Kriege wollen Genossen wie Vollmar dem Budget parlamentarisch zustimmen: „Und selbst eine antimilitaristische Propaganda erklärt der Genosse Vollmar für überflüssig, denn da wir wissen, dass es zum Wesen des Kapitalismus gehört, Kriege zu führen – wozu dann erst eine besondere antimilitaristische Propaganda? – sagt der Genosse Vollmar.“
Mit Erstaunen sieht Gertrud die polarisierten Flügel in der Sozialdemokratie. Viele schon lange aktive Genossen murren über Karl Liebknecht, vor allem als dieser ausführt, dass die Sozialdemokratie gegen ihr Verbot von 1878 kämpferisch aufgetreten ist, nun als starke Organisation aber den „Mut zum gerechten Kampf der Arbeiter verliert und den Arbeitern den Klassenfrieden predigt“. Während viele junge Genossen Karl Liebknecht zustimmen, schimpft ein Parteiveteran: „Dieser Karl Liebknecht ist seines Vaters nicht würdig. Ein Krakeeler ist er.“ (I, 413-419)
Als der alte Max Pfeilhammer, Maschinenführer in der Weygandtschen Papierfabrik, 1908 den Genossen Gottlieb Winkler in Berlin besucht, trifft er auf eine Partei, die sich angesichts einer gewissen Scheinmacht Illusionen hingibt, eine Partei, in die vermehrt nationalistische, bürgerliche Ideologien eindringen. Zu Pfingsten 1908 nehmen die Familien Winkler und Pfeilhammer an einem Ausflug der sozialdemokratischen Gewerkschafter teil. Bei oberflächlichem Blick scheint es, als beherrschten die Gewerkschaften Berlin: „Der Ausflug macht einen großen Eindruck auf Pfeilhammers. Es war geradezu, als wären die Gewerkschaften die Herren von Berlin.“ Am Ausflugsziel vor den Toren Berlins angelangt spricht ein Gewerkschaftsfunktionär namens Fritz Bärenklau. Er „sprach vom fröhlichen Pfingstfest, das trotz Heiterkeit und Spiel Macht und Wachstum der Gewerkschaften zeigte“. Bärenklau schimpft in chauvinistischem Ton auf die Engländer, den barbarischen Zaren: „Selbst Bebel will doch noch die Knarre auf die Schulter nehmen, wenn’s gegen den Zaren geht“. Pfeilhammer ist enttäuscht und alarmiert: Das soll ein Genosse sein? Kriegssorge treibt die beiden alten Genossen um. (I, 468-471)
Über Egon lernt Gertrud linke Heidelberger Studenten kennen: den Ungarn Fugrin (Georg Lukács) und Klaus Münzer. Münzer kommt aus der sozialdemokratischen Jugendbewegung. Er ist einer der wenigen Studenten, die es aus einer Arbeiterfamilie an die Universität geschafft haben. Seine Parteileitung hat ihm, der schon Marx und Engels eingehend gelesen hat, eine „theoretische Ausbildung“ bei Egon Weygandt empfohlen. Egon lächelt und wehrt ein wenig ab: „Ich habe ein ähnliches Ziel wie Sie, mein junger Freund, das Ziel, mitzuhelfen, die Menschen vom Dunkel des Nichtwissens zu befreien und zum Licht der Erkenntnis zu führen. Und beginnen muss man mit der Untersuchung der Denkmethode.“
Das kann Klaus Münzer, der 1914 mit dem bürgerlichen Hochschulmilieu brechen soll, bei aller Verehrung für seinen neukantianischen Professor nicht überzeugen: „Nein, bei Ihnen gibt es doch nur Schemen und Abstraktionen, Formen ohne Inhalt. Statt der einen wirklichen Wirklichkeit und ihrer dialektischen Entwicklung Ihre ‚zwei Welten‘: das Seiende und das Nichtseiende, das Seiende und das Geltende und wie sich die zwei Welten aufeinander beziehen.“ (I, 479f.)
Nach Kriegsbeginn geht der soeben promovierte linke Antimilitarist Münzer auch auf Professor Wormanns pseudodemokratische Konstrukte los: „Ich will ihnen sagen, was Sie sind, Herr Professor Wormann: ein Edel-Imperialist, ein Phantast, ein Don Quichote, aber kein ungefährlicher.“ Münzer wirft Weber vor, dass er in Selbsttäuschungen über ein demokratisiertes, mit England kooperierendes Deutschland lebt, dass er die sozialen Kämpfe, den Charakter des Imperialismus und die Rolle der Finanzoligarchien nicht durchschaut. (I, 535f.)[12]
Klaus Münzer bedrängt im Sommer 1914 auch Egon Weygandt: „Es ist nicht mehr die Zeit der Worte, sondern die Zeit der Entscheidungen. Geht es Ihnen wirklich um Volk, Vaterland, Freiheit, Zukunft und Wahrheit, so steigen Sie herunter von Ihrem idealistischen Trapez und verteidigen Sie mit uns die Kultur der Menschheit gegen die Räuberei und Mordgier der Kapitalisten.“
Egon Weygandt verteidigt sich mit dem Argument, auch Münzers Genossen, die Sozialdemokraten, stünden in der Front der Vaterlandsverteidigung. Münzer gesteht dies ein, ja diese hätten das Basler Friedensmanifest von 1912 verraten. Der ermordete Jean Jaurès, Karl Liebknecht, Clara Zetkin, Rosa Luxemburg oder die in Petersburg auf der Straße gegen den Krieg demonstrierenden Arbeiter hingegen hielten den proletarischen Internationalismus weiter aufrecht. Egon weicht aus: „Ich habe bisher die Denkmethoden durchforscht und habe von Fichtes Gedanken auch seinen Ruf zur Vaterlandsverteidigung vertreten. Wie könnte ich plötzlich in der Stunde der Gefahr beiseite stehen, anstatt mein Leben einzusetzen, wie ich es lehrte?“ (I, 542f.)
Gertrud trifft dann 1924 – die KPD ist nach dem Hamburger Aufstand gerade verboten – noch einmal auf Klaus Münzer, der im Süden Deutschlands für die Kommunisten agitiert. Münzer ist erfreut, die Schwester seines ehemaligen Lehrers wieder zu treffen. Sie diskutieren über die revolutionären Traditionen in Deutschland und Russland, Münzer meint: „So wurden die russischen Intellektuellen genährt und getragen von den revolutionären Volkstraditionen. Die großen demokratischen Intellektuellen Russlands im 19. Jahrhundert, wie Tschernyschewskij, Belinskij, Herzen und andere, waren ungleich radikaler, kühner, konsequenter als die deutschen Demokraten, die sich bereits vor den Arbeitern fürchteten.“ Mit der Schwäche der deutschen revolutionären Tradition erklärt Münzer auch die rasche reformistische Entwicklung der SPD. (II, 148)
Gertrud und Fugrin (G. Lukács): Sommer 1914
Wie Klaus Münzer bewundert auch der „kleine Ungar Fugrin“ Egons Gedankenwelt: „Fugrin dachte, manchmal ist Weygandt ein richtiger deutscher Professor, scholastisch und schrullenhaft.“ 1923 wird sich Emil Lask‘ Utopie einer logischen Einheit von realen Geschehnissen und geschlossenen Wertreihen auch in „Geschichte und Klassenbewusstsein“ – materialistisch gewendet – wieder finden: „Die Überwindung des Dualismus vom Sein der Dinge und ihrem logischen Gelten in einer höheren Einheit“, das habe Egon Weygandt in seinen Büchern „fast mystisch dargestellt“, und damit eine „neue Metaphysik“, „die Einheit über allen Gegensätzen, sie glich dem ‚Frieden in Gott‘“ geschaffen! In der sozialistischen Perspektive von „Geschichte und Klassenbewusstsein“ wird sich Georg Lukács nicht nur auf Karl Marx‘ Entfremdungs- und Verdinglichungstheorie, auf Marx‘ Analyse des „Warenfetischismus“ in „Kapital I“, auf Lenins „Staat und Revolution“, auf Rosa Luxemburgs „Akkumulation des Kapitals“, sondern auch auf Emil Lasks Logik des reinen formalen Geltens, auf Georg Simmels „Philosophie des Geldes“, auf Max Webers formales Rationalisierungsmodell beziehen. (I, 497)
In einem Heidelberger Gastgartenidyll diskutieren Mitglieder des philosophischen Seminars – unter ihnen Egon und Fugrin – über Husserls Phänomenologie, da platzt Bruchland mit der Meldung vom Attentat auf den österreichischen Erzherzog Franz Ferdinand herein. Nur Fugrin versteht sofort, das bedeutet Krieg, Weltkrieg! Für Egon und Bruchland klingt dies wie ein „mächtiger Orgelklang“. Fugrin sind diese Gelehrten mit einem Moment fremd. Fugrin beharrt: „Begreift ihr denn nicht? Das bedeutet den Weltkrieg.“
Der ungarische Großbürgersohn Fugrin hat schon andere politische Erfahrungen. Er hat in Budapest mit sozialistischen Arbeitern debattiert, ehe er von der Max Weber’schen Sozialwissenschaft oder von der Windelband-Rickert-Philosophie eingefangen wird. „Fugrin dachte plötzlich an die halb vergessenen Nächte, die er in Budapester Wirtshaustuben mit sozialistischen Arbeitern und Intellektuellen durchdiskutiert hatte, bevor diese neukantianische Philosophie ihn in den Bann schlug. Die Gestalten neben ihm wurden ihm mit jedem Wort fremder, verloren ihren Glanz.“
Auch Egon, dessen baldigen Kriegstod er betrauern wird, scheint ihm völlig fremd: „Fugrin sah mit vollem Blick in Egons Gesicht. Diesen Mann hatte er verehrt. Jetzt wurde er ihm fern. Er stand auf, ging leise und traurig aus dem Garten der ‚sittlichen Stille‘ und ließ die anderen zurück wie an einem anderen Ufer.“ (I, 513-515)
Fugrin hat genug von der Welt der idealistisch feinsinnigen Spekulation, die „elenden Hütten“ ungarischer Bauern, die Wohnlöcher der Budapester Arbeiter sind eine andere Welt. Fugrin „war ausgezogen, die Wahrheit zu suchen, und war hängengeblieben in diesem bunten Spinngewebe im Flusstal. Diese weiche, mit müdem Skeptizismus vergiftete Luft, diese feierliche philosophische Fakultät, diese ästhetischen Spielerein, diese überbetonten Differenzierungen, diese aufgeblähten individuellen Schicksale und als Wahrzeichen über allem eine modernde Burgruine. Es war Zeit, sich von all dem zu lösen.“ (I, 538-540)
Fugrin löst sich auch von Wormann, der immer noch seinen Heidelberger Habilitationsplan unterstützt. Kurz nach Kriegsbeginn trifft er im Wormann-Kreis auf den „Nationalsozialen“ Friedrich Naumann und dessen „Mitteleuropa-Raumideologie“, vom deutsch imperialistischen „Kaisertraum“, von Hegemonie vom „Nordmeer“ über den Balkan bis in den Nahen Osten: „Wirtschaft und Kultur mächtig aufblühend unter dem nationalsozialen Kaisertum.“ Auch der ehemalige, zum Sozialchauvinisten gewendete „Linksradikale“ Paul Lensch ist anwesend. Er sieht im Krieg nun eine „Volkserhebung“, eine „deutsche Revolution“. Fugrin-Lukács widerspricht Naumann: „Herr Pastor, wie wollen Sie die Arbeiterschaft sozial befreien, ohne den Kapitalismus zu beseitigen? Und wie wollen Sie das Volk einigen, ohne die Ursachen des Klassenkampfes aus der Welt zu schaffen“. Fugrin spricht mit „hartem ungarischen Akzent“. Viele in der Wormann-Runde denken: „Was will dieser ausländische Jude bei uns?“
Weitere Enttäuschungen bleiben nicht aus. Fugrin sieht, dass auch Simson-Simmel nichts Besseres zu tun hat, als einen Aufsatz über den „Sinn des Krieges“ zu schreiben. (I, 538f.)
Zum endgültigen Bruch mit Wormann kommt es nach einem Streit über die Annexionspolitik des deutschen Imperialismus. Nach kühler Verabschiedung sagt Fugrin auf der Straße zu einem Freund: „Ein schädlicher und ein verlorener Mensch. Er stützt, was er niederreißen müsste, und setzt sich außerdem selbst zwischen alle Stühle. Der Bourgeoisie ist er unbequem wegen seiner Unbestechlichkeit und seiner scharfen Kritik, und den Sozialismus fürchtet er. Schade! Deutschland ist nicht sehr reich an Persönlichkeiten, und Wormann ist eine, wenn auch eine verschrobene. – nun hol‘ ihn der Teufel! Wir haben andere Sorgen.“ Die Sorgen, die Fugrin jetzt hat, sind nicht mehr jene der südwestdeutschen Neukantianer, sondern die der Linken in der ungarischen Sozialdemokratie! (I, 641-650)
Sozialdemokratischer „Burgfrieden“, internationalistischer Arbeiterwiderstand
Egon sieht im Spätsommer 1914, dass kein offizieller sozialdemokratischer Widerstand mehr vorhanden ist, dass der Parteivorstand den „Burgfrieden“ durchgesetzt hat. Den verdrängten sozialistischen Protest sieht er nicht, das stärkt Egons Kriegszweifel nicht gerade, obwohl er gut informiert schon früh weiß, dass der „Septemberrückzug“ vor Paris trotz aller täglichen Siegesfanfaren wohl schon eine entscheidende Niederlage gewesen sein könnte.
Unter dem Einfluss von Klaus Münzer entzieht er sich noch ein wenig der kriegschauvinistischen Stimmung. Bei einem Rundgang sieht Egon, wie Münzer in einer Arbeiterschenke antimilitaristisch spricht: „Egon, der durch Wormann über die Vorgeschichte des Krieges, über die Fehler und Schwächen der führenden deutschen Politiker ganz anders orientiert war, sprach mit niemanden davon. Einsam vergrub er sein Wissen. (...) Am Abend las er Marx, anfangs mit leidenschaftlichem Interesse. Besonders die Lehre vom Überbau durchgrübelte er bis in seine Träume hinein. Starres begann sich zu bewegen. Er fuhr nach Berlin, durchwanderte die Arbeiterviertel, saß lauschend in Wirtshäusern. Ein Volk schien sich erhoben zu haben. Klaus Münzers Worte begannen zu verblassen.“
Es drängt Egon immer mehr, sich als Kriegsfreiwilliger zu melden. Auf dem Weg in die Garnison Wittenberg kehrt er ein letztes Mal in die brandenburgische Heimat zurück. Er hat Fichtes Kriegsreden und Marx‘ gesammelte Schriften im Gepäck. Beim Ausrücken nimmt er Fichtes Reden mit, jene von Marx bleiben zurück. Marx‘ Werke will er nach Kriegsende studieren: „Fichtes Reden an die deutsche Nation und Goethes Faust begleiteten Egon nach Wittenberg. Die Werke von Marx blieben in der Mansarde. Egon beschloss nach Beendigung des Krieges Marx erneut und gründlich zu studieren, das Problem des Sozialismus in seiner ganzen Breite und Tiefe zu durchforschen.“ (I, 548f.)
Im Gegensatz zu Egon sieht Gertrud den proletarischen Kriegswiderstand vom Juli 1914. Arbeiter warten auf Entscheidungen der Parteiführung: „Noch strömten die Arbeiter in die Versammlungssäle, ernst, mit Zorn im Herzen und warfen finstere Blicke auf krakeelende Studenten, bürgerliche Jugendbündler und patriotische ältere Herren. In Berlin gab es an diesem Abend dreißig Arbeiterversammlungen.“ Gottlieb Winkler, Willi Pfeilhammer protestieren: „Kein Tropfen Blut den Profitinteressen der Reichen! … unerschütterlicher Friedenswille des klassenbewussten Proletariats. Hoch die Völkerverbrüderung!“
Parteiredakteure wie Rudolf Hilferding versuchen in diesen Versammlungen den nahen „Burgfrieden“ sozialistisch zu bemänteln. Hilferding, der wegen seines „Finanzkapitals“ angesehen ist, spricht in die Unverbindlichkeit angeblicher Notwendigkeiten hinein. Er glaubt seiner eigenen Antikriegs-Rhetorik nicht: „Jetzt fegt Hilferding, der Vorwärts-Redakteur, mit eleganten Schritten durch den Saal. Er spricht schon in der dritten Versammlung, überall kurze, zündende Worte. ‚Es gibt keinen Angriffs- und keinen Verteidigungskrieg im Zeitalter des Imperialismus. Mit solchen Unterscheidungen will die Bourgeoisie die Arbeiterschaft vor ihren Wagen spannen. Einerlei, auf welcher Seite zuerst mobilisiert und geschossen wird. Es geht um die Absatzmärkte, um größere Profite für die Kapitalisten. Dieser Krieg ist niemals unser Krieg.‘“
Über diese eigenen Worte erschrickt Hilferding so, dass er sich sogleich hinter dem Lauf der Dinge versteckt: „Hilferdings Gesicht glänzt selbstgefällig. Er ist stolz auf sich, dass er so kühn die theoretisch erkannten Wahrheiten ausspricht, die er schon in seinem Buch festgestellt hat. Selbst Lenin, der Bolschewikenführer, hatte vieles lobend gebilligt. An Hilferdings Augen ziehen blitzschnell die anerkennenden Zeitungskritiken vorüber. Wie er aber jetzt in den Saal hinunterblickt, in die leuchtende Entschlossenheit dieser Arbeitergesichter, erschrickt er und denkt: Frei beieinander wohnen die Gedanken. Doch hart im Raum stoßen sich die Dinge. Vielleicht ist es doch nicht an der Zeit, jetzt so kühn zu reden. Man kann nicht wissen, was für Notwendigkeiten … Er sitzt schon hinten auf der Bühne, ohne den Beifall richtig genossen zu haben.“
Arbeiterdemonstrationen treffen unter den Linden auf chauvinistische Züge von Kriegsvereinen, aggressiven Studenten. Die Polizei drängt die Arbeiter ab. Diese wissen vom anhaltenden proletarischen Widerstand in Paris oder London. Wegen der passiv irreführenden Haltung der SP-Führung verlieren die Arbeiter aber zunehmend die Hegemonie: „Die Straße gehört nicht mehr dem Volk. Vor drei Tagen noch gehörte die Straße den Arbeitern. Unabsehbar der schwarze Menschenstrom, ruhig, beherrscht, nicht lärmend wie die Züge des Bürgertums. Aus dem Norden und Osten quoll es heran. Am Brandenburger Tor dehnte es sich wie ein Meer aus, strömte dann durch die Linden in die Wilhelmstraße und bedrohte die vornehme Ruhe der Minister und Diplomaten. Französische und englische Arbeiter waren mit unter den Demonstranten und verkündeten, dass zu gleicher Zeit die Arbeiter in Paris, London, Brüssel und Wien gegen den Krieg demonstrierten. Noch nie war die Internationale so wuchtig gesungen worden.“ Und nun in den ersten Augusttagen nur mehr der allgegenwärtig barbarische Kriegschauvinismus!
Genossen wie Gottlieb Winkler organisieren in den schon militarisierten Betrieben auch Ende Juli 1914 immer noch den Arbeiterwiderstand, etwa als ein Leutnant in Winklers Metallfabrik befiehlt, das Lied „Frankreich schlagen“ zu singen. Viele stimmen in dieses Kommisslied ein. Da fährt Gottlieb Winkler den Leutnant an: „‚Das sind unsre Jungs, Herr Leutnant‘, ruft Gottlieb, ‚Arbeiterjungs, denen sagen wir Bescheid.‘ Die Arbeiter sind eine drohende Masse. Der Leutnant kann nichts machen. Der Gesang verstummt. An der Borsigmauer wird wild diskutiert. – Krieg kommt. – Nein, er kann nicht kommen. Die Arbeiter wollen es nicht. Sie sind stark. – Wenn sie nicht wollen, geht’s nicht. In Russland streiken sie und stehen auf den Barrikaden.“
Als in den Fabriken Bajonette geschliffen werden, appellieren alte Genossen an die Kollegen: „Wir demonstrieren gegen den Krieg, und sie lassen die Bajonette schleifen. Wer hat die Entscheidung? Wir oder sie? Vielleicht glauben sie nicht, dass wir Ernst machen. Kann Wilhelm ohne die Arbeiter Krieg führen? Kann er nicht, Genossen. Ernst machen müssen wir. Dann zwingen wir’s. Dann gibt’s keinen Krieg. Gebt die Parolen! Wir gehen mit!“ Aber die Parolen kamen nicht! (I, 521-529)[13]
Am 31. Juli 1914 muss Gottlieb Winkler im „Vorwärts“ lesen, dass unter den scharfen kriegsrechtlichen Vorschriften keine „sinnlosen“ Opfer gebracht werden sollen, dies würde der Arbeiterklasse schaden. Alle „Parteileidenschaften“ müssten schweigen. Der Parteivorstand hatte sich vom Klassenkampf losgesagt. Er forderte die Arbeiter zu unterwürfiger Ergebenheit auf: „Mit furchtbarer Schärfe treffen die strengen Vorschriften des Kriegsrechts die Arbeiterbewegung. Unbesonnene, nutzlose und falsche verstandene Opfer schaden in diesem Augenblick nicht nur dem einzelnen, sondern unserer Sache. Wir fordern euch auf, auszuharren, bis die Zukunft trotz allem der völkerverbindenden Sozialdemokratie gehört.“ Was für schändliche Erklärung. Winkler ist wütend, angesichts der Isolation, der Selbstaufgabe der Sozialdemokratie wird er resignativ.
In seinem Roman „Väter“ schildert Willi Bredel, wie empört und schockiert Hamburger Werftarbeiter auf den Rückzug der sozialdemokratischen Parteiführung reagiert haben. Gottlieb Winkler ergeht es gleich: „Gottlieb war es, als hätte ihm ein Schlag das Rückgrat gebrochen. Er äußerte sich nicht. (…) Gottlieb schüttelte langsam den Kopf. ‚Ich glaube, unsere Führer haben nicht getan, was sie konnten.‘ (…) Als der Krieg begann, wurde er müde und apathisch. Mit Staunen beobachtete er im Betrieb, die wachsende Kriegsbegeisterung der Arbeiter. Sie fallen auf alles herein, dachte Gottlieb. Die Zeitungen lügen doch. Hin und wieder traf er sich mit ein paar Gleichgesinnten. Dann sprachen sie leise und traurig wie nach einem Todesfall.“ (I, 532f.)
Ende 1914 zeigt sich den arbeitersozialistischen Soldaten erster Kriegswiderstand. Sie hoffen auf Karl Liebknecht, der am 2. Dezember gegen die Kriegskredite gestimmt hat, er hätte dies schon am 4. August tun sollen: „Der Karl! Aber das hätt‘ er schon damals tun sollen.“
Ein vom Heimaturlaub an die Westfront zurückkehrender Soldat berichtet: „Gestern als ich abfuhr, war große Aufregung in Berlin, Karl Liebknecht hat im Reichstag gegen die Kriegskredite gestimmt.“
Gottlieb Winklers Sohn Fritz, angehender „Spartakist“, weiß, dass sich weitere Genossen – Rosa Luxemburg, Clara Zetkin oder Julian Marchlewski – Liebknecht angeschlossen haben. Es sind wenige, aber doch sehr aktive Internationalisten: „Und außer Rosa hat sich alles verkrochen? – Nein, beileibe nicht. Rosa und Clara und Karski und Pieck und andere, die haben gleich agitiert, soviel sie konnten. Kaum dass der Krieg anfing. Die schüren den Widerstand und stehen auf dem Posten.“ Heimlich zirkulieren einige illegale Flugblätter der „Gruppe Internationale“.
Beim vom Kriegsschrecken ablenkenden Kartenspiel treffen im ersten Kriegswinter 1914/15 ein paar Soldaten zusammen, nein, so isoliert ist die Kriegsopposition nicht. Es gibt „in der Partei große Kämpfe, in der ‚Vorwärts‘-Redaktion und auch in den Bezirken bei den Proleten“: „Karl [Liebknecht] sagt, in der Armee muss man arbeiten, die Soldaten aufklären. Das ist jetzt das Wichtigste.“ Ein Soldat zeigt Fritz Winkler oppositionelles Material: „Hier, das mit Schreibmaschine Geschriebene ist Referentenmaterial. ‚Die Ursachen des Weltkrieges‘. Ich sage dir, das schlägt ein. Und hier ist ein Flugblatt: Liebknechts Ablehnung der Kriegskredite.“ (I, 576-578, 585f.)[14]
Während eines Fronturlaubs trifft Fritz Winkler im April 1916 auf die schwer schuftende, zum Granatendrehen verpflichtete Mutter, auf den politisch gebrochenen Vater. Er lernt eine kleine spartakistische Gruppe um den Maschinenschlosser Johann Miruleit kennen. Miruleit zeigt Fritz und den Genossen das Spartakusflugblatt zur Berliner Maifeier 1916: „Das Spartakusflugblatt zur Maifeier ist fertig. Ein paar Exemplare habe ich hier. Seht’s euch noch mal an! Falls jemand kommt, gleich in den Herd stecken! Mutter hat Feuer gemacht.“ Karl Liebknechts Leitsätze, Leitlinien der Zimmerwalder Konferenz werden herumgereicht.
Fritz Winkler erreichen auch die Beschlüsse der Kienthaler Internationalistenkonferenz, er ist verblüfft: Wurde in der Tat nicht nur zu „revolutionären Massenaktionen, Demonstrationen, Streiks“ aufgerufen, sondern sogar zu „ihrer Steigerung bis zum bewaffneten Aufstand“? „Bewaffneter Aufstand – so weit hatten seine Gedanken noch nicht gezielt, seit dem der Kriegsalp auf dem Lande lag. Bewaffneter Aufstand – und jetzt lag vor ihnen als nächste Etappe die Maidemonstration.“ Alle illegal Versammelten verschwinden, da Polizeispitzel im Anmarsch sind. Am 1. Mai 1916 ist Fritz am Potsdamer Platz, sieht wie Liebknecht verhaftet wird, vier Tage später endet sein Fronturlaub. (I, 627)
II. Gertrud W. nach 1914
II. 1. Gertrud im Widerstand gegen den Krieg
Gertrud, die um ihren Bruder Egon trauert, fallen die immer blasseren, sorgenvollen Frauengesichter auf. Der IG Chemie-Generaldirektor Tervogen – einer der gern über Nietzsches „Herrenphilosophie“ schwadroniert – hingegen lässt sich genüsslich süffisant die einst sozialistische Theoriezeitschrift „Neue Zeit“ bringen, um einen Artikel über Kartelle und Kriegsgewinne zu lesen. „Kriegsgewinne der Stahlindustrie 1914-1916: bei Phönix von 15,5 auf 23,2 Mill. Mark gestiegen. Dividende 20 Prozent, bei Mannesmann von 8 auf 17 Mill. Mark gestiegen, Dividende 15 Prozent [usw.] Von Krupp steht nichts in dieser Statistik. Tervogen lächelte. Warum? Wussten sie nicht genug oder fürchteten sie die Zensur und die große Erregung der Massen Und warum schreiben sie nichts von uns? Sind ihnen die Zahlen zu hoch?“ (I, 659)
Auf der anderen Seite brutales militärisches (Zwangs-) Arbeiterregime in den Betrieben, ein „Kohlrübenwinter“ nach dem anderen: „Ganze Schulklassen wurden wegen Furunkulose geschlossen. Alte Leute starben an Erkältungen, Lungenschwindsucht und Grippe rafften die Menschen dahin.“ (I, 684)
Über ihren Chemikergatten erfährt Gertrud von der gigantischen Aufrüstung der Chemieindustrie, vom Rüsten zu einem Giftgaskrieg. Südlich von Merseburg wird 1916 in ländlich dörflicher Umgebung ein riesiges Stickstoff- und Ammoniakwerk aus dem Boden gestampft: „Die alte Stadt Merseburg träumte geduckt unter dem breiten Schlossberg. Durch ihre winkligen Gassen rieselte schläfriges Leben. Im Frühjahr 1916 wurde sie aufgeweckt. Die Bauern im weiten Flachland redeten aufgeregt in der Dorfkneipe. Die Badische Anilin- und Sodafabrik [BASF] kaufte Land.“ [oder ließ es brutal enteignen!] (…) Der Leunariese atmete Stickstoff ein und schied Ammoniak aus. Stickstoff kam aus der Luft, Kohle aus dem Geiseltal und aus Halle kam revolutionäre Agitation.“ Aus dem Stammwerk Ludwigshafen wurden Arbeiter rekrutiert. Hinzu kamen neben den Ortsansässigen unzählige Wanderarbeiter, belgische Kriegsgefangene.
Scharfe militärische Arbeitshetze führt 1917 zu ersten Unruhen: „In Russland jagen sie ihren Zaren fort, und wir bauen hier einen neuen, riesigen Giftgasbetrieb, als ob der Krieg ewig dauern sollte.“ Die Werksleitung beobachtet dies mit Sorge, zumal man ja „nicht alle Sozialdemokraten in den Schützengraben schicken“ kann.
Im August 1917 streiken die Leunaarbeiter zwei Tage für baldigen Frieden und: „Mehr Brot, mehr Fleisch, besseres Essen in der Kantine, mehr Lohn.“ Generaldirektor Tervogen rückt empört an. Er sieht, dass die „Gewerkschaftsführer ihre Leute nicht mehr in der Hand haben“, dass radikale Linke den Streik mit organisieren: „In allen Teilen des Reichs flammten Streiks von solchem Ausmaß auf, dass sie sich nicht mehr verheimlichen ließen.“ Die Marinemeuterei im Sommer 1917 – das Auftreten von Matrosen wie Albin Köbis und Max Reichpietsch – ließ auch die mitteldeutschen Arbeiter aufhorchen: „Als am sechzehnten August die winzige Fleischration noch gekürzt wurde, war die Stimmung reif. Die revolutionären Obleute des Leunawerks verbreiteten ein Flugblatt für den Frieden ohne Annexionen. Das Flugblatt war der Funke, der ins Pulverfass fiel. Die Belegschaft trat in den Streik.“ (I, 662-672)[15]
Gertrud liest im letzten Kriegsjahr Heinrich Manns „Geist und Tat“. Heinrich Mann hat 1911 die demokratiefeindlich autoritätsunterwürfige deutsche Intelligenz und Literatenwelt angegriffen. Während die Intellektuellen Frankreichs von Rousseau bis Zola „der bestehenden Macht entgegentraten“, haben die deutschen Ideologen die Demokratie verachtet: „Ein Intellektueller, der sich an die Herrenkaste heranmacht, begeht Verrat am Geist.“ Der Geist – so Heinrich Mann – „zersetzt, er ist gleichmacherisch“.
Später liest Gertrud sozialistische Literatur, so 1925 Johannes R. Bechers Gedichtsammlung „Der Leichnam auf dem Thron“. Nach 1918 bewundert sie die Zeichnungen und Graphiken von Käthe Kollwitz oder George Grosz. (I, 651 – II, 201, 217)
1918 fährt Gertrud zu einem freideutschen Jugendtreffen, dort trifft sich das ganze Spektrum des Kriegswiderspruchs vom Theosophen bis zum Anarchisten. Alle eint der Friedenswunsch: „Im übrigen ritt jeder sein besonderes Steckenpferd, und es war eine sehr bunt zusammengewürfelte Gesellschaft, die sich dort zusammenfand, viele ehrlich und glühend, andere die Konjunktur ausnutzend, auch abergläubische Wirrköpfe, Theosophen, Sozialpolitiker, Anarchisten, Jünger chinesischer Weisheit, Jünger des Buddhismus und indischer Atemkunst.“
Gertrud lernt die in Heidelberg relegierte Philosophiestudentin und Reichwald-Dissertantin Klara West, eine Pazifistin aus katholischer Familie kennen. Diese steht mit linken Arbeitern in Kontakt: „Einer ihrer Mitkämpfer wurde nach der Relegierung durch das Land gejagt und fand schwer eine Zuflucht. Ihr Freund, ein Jude, arbeitete, illegal in Schlesien in Verbindung mit dem linken Flügel der Arbeiterbewegung. (…) Ein Jahr später (…) erschlugen ihn reaktionäre Offiziere.“
Gertrud fährt nicht zuletzt in Erinnerung an Egon zu Professor Reichwaldt, der aus seiner Universitätsstadt in ein Dorf gezogen ist, um den fernen Kanonendonner aus den Vogesen nicht hören zu müssen. Als Reichwaldt (also Heinrich Rickert) „hörte, von was für einer Tagung Gertrud kam und dass sie sich mit der von der Universität verwiesenen Studentin Klara West befreundet hatte, geriet er in höchste Erregung und verurteilte das ‚verderbliche Wühlen‘ der Pazifisten mit ungewöhnlich scharfen Worten. Es gab einen solchen Zusammenstoß zwischen Reichwaldt und Gertrud, dass Frau Reichwaldt sich bemühen musste, einen endgültigen Bruch zu verhindern. Denn Reichwaldt hing nach wie vor an Egon, seinem berühmten Schüler, dessen nachgelassene Schriften soeben erschienen waren. Der Professor, der den Lärm der Geschütze nicht einmal aus der Ferne mit anhören konnte, verurteilte jeden, der nach einem Friedensschluss verlangte.“ (I, 688-692)
II.2. Gertrud W. und die sozialistischen Revolutionsaufstände 1918-1923
Die „Novemberrevolution“ erlebt Gertrud als schlecht organisiertes Taumeln in die Niederlage. Gertrud besucht zahlreiche Versammlungen: „Jeder, der eine Rolle spielen will, spricht und zeigt sein Gesicht, oft ein über Nacht gewandeltes, fragwürdiges Gesicht. Es marschieren auf: Demokraten, Sozialdemokraten, Anarchisten, parteilose linke Kulturpolitiker.“
Sie begegnet dem linksradikalen Schriftsteller Franz Pfemfert: „Auf vielen Volksversammlungen sprach der anarchistische Herausgeber der expressionistischen Zeitschrift ‚Die Aktion‘. (…) Die gemäßigten Elemente kritisierte [Pfemfert] leidenschaftlich und drohend. Trotzdem wurde er von den meistern Arbeitern, auch von denen der äußersten Linken abgelehnt.“ Zu sehr lehnten die Arbeiter das abstrakte „O Mensch!“-Getue, dem auch Gertrud noch anhing, ab.
Von Seite der Mehrheitssozialdemokratie, auch von Seite der Unabhängigen Sozialisten werden „gewaltfreie“ Sozialisierungspläne gestreut: „Eine Sozialisierungskommission ist eingesetzt, (…). Die Umstellung könne natürlich nicht so schnell gehen. Erst müsse die Volkswirtschaft wieder in Gang gesetzt werden.“
Gertrud sieht, dass sich die Arbeiter- und Soldatenräte rasch als Ordnungskräfte korrumpieren: „Am gefährlichsten wirkte sich die Unklarheit bunt zusammengewürfelter Menschen in den Arbeiter- und Soldatenräten aus. Sie waren von reaktionären Elementen und von Spitzeln durchsetzt. Die alten Reaktionäre und die neue Regierung wollten ihre Macht brechen und stifteten erfolgreich Verwirrung, denn es fehlte nicht nur den bürgerlichen Weltverbesserern an Klarheit und Organisation, sondern auch den revolutionären Arbeitern.“ (II, 10)
Der Angriff auf die Volksmarinedivision im Dezember 1918 war ein erstes deutliches Anzeichen für das Scheitern der sozialistischen Revolution, dann die Nachricht von der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht und später im Frühjahr 1919 jene von Leo Jogiches: „Fritz Winkler und seine Genossen saßen in der Stube des Schlossers Mieruleit zusammen, dort, wo sie 1916 die illegale Maidemonstration besprochen und Karl Liebknechts Flugblatt vorgelesen hatten. Fritz Winkler sagte: ‚Wir haben eine schwere Niederlage erlitten. Wir müssen von den russischen Genossen lernen.‘“ (II, 14)
Im März 1920 sieht Gertrud durchziehende Artilleriezüge, die auf die Arbeiter der Roten Ruhrarmee schießen werden. Im „Vorfrühling“ 1921 fährt Gertrud mit ihrem Mann als Teil einer Chemiker-Delegation in das Merseburgisch-Mansfeldische. Sie sollen auch die Leuna-Werke und die Leuna-Wohnlager, eine aus dem Boden gestampfte Barackenstadt für mehr als 20.000 Arbeiter, besichtigen: „Es ist sehr unruhig im Werk“ meint der Direktor. Schon im März 1920 haben die Leuna-Arbeiter den Generalstreik gegen die Kapp-Putschisten auch dann noch nicht abgebrochen, als die Regierung dies angeordnet hatte.
Generaldirektor Tervogen will die Macht der mitteldeutschen Arbeiter endgültig brechen.
In einer „Aktion Halle“ sollen Reichswehr, Polizei, paramilitärische Freikorps in den Regierungsbezirk Halle-Merseburg vordringen, um den roten Widerstand auszuräuchern, um den Protest gegen den Abbau „sozialer Errungenschaften“, gegen die zunehmende Arbeitsrepression, gegen ein System raffinierter Lohnstrafen zu liquidieren.
Die Werkdirektoren wollen zwar „Politik“ von den angereisten Gästen fernhalten, warnen aber vor den „unruhigen Leuna-Arbeitern“ und ganz besonders vor Max Hoelz: „Im nahen Vogtland formierte ein Räuberhauptmann eine rote Armee.“
Zwar würden die Bürgerwehren, wie die Organisation Escherich „natürlich gute Dienste gegen das rote Chaos“ leisten. Militärischer Werkschutz sei aber unentbehrlich! Ein Werkdirektor deutet an, dass „alle Bergwerksbesitzer und Hüttenbesitzer, die ganze Industrie ungeduldig“ eine Polizeiaktion erwarten.
Gertrud fährt durch das Mansfelder Land, sieht Elendsgestalten, ausgemergelte Bergarbeiter. Sie merkt kurz vor dem Aufstand, dass „hier eine Stimmung wie vor dem deutschen Bauernkrieg“ herrscht. Zurück in Berlin hört sie vom Abwehrkampf der Bergleute im Mansfeldischen, vom Widerstand im Leuna-Werk: „Es soll sogar mit Artillerie in das Werk geschossen worden sein. (…) Gertrud las mache Zeitungsartikel über ‚die roten Mordbrennerbanden und geheimnisvolle russische Agenten in Mitteldeutschland‘, erfuhr aber die wirkliche Geschichte des Aufstands in allen Einzelheiten erst viel später. Doch von den furchtbaren, über die aufständischen Arbeiter verhängten Strafen, von dem Wüten der Gerichte und der weißen Garden drangen Nachrichten bis nach Berlin und bis zu Gertrud. Diese Nachrichten erregten sie tief. Sie dachte an die Hungergesichter in Halle und an die stillen verhutzelten Leute im Mansfelder Land. Waren das die Mordbrenner?“ (II, 49-69)
Gertrud, die seit einiger Zeit die „Rote Fahne“ abonniert hat, tritt 1923 der KPD bei: „Mutter hat die ‚Rote Fahne‘ abonniert. Vater ist das nicht recht.“
1925 verfasst Berta Lask in Erinnerung an die Bauern-Aufstände von 1525 ein Thomas Münzer-Sprechstück. In „Stille und Sturm“ schreibt sie das Münzer-Drama einer dritten Person zu: „Eine kommunistische Schriftstellerin hatte ein Münzerdrama geschrieben, kein Werk von dichterischer Bedeutung, ein schnell hingeworfenes Agitationsstück, doch von starkem Gefühl und dem heißen Atem der Zeit durchpulst und in der Parallele zu den Geschehnissen der letzten Jahre ins Herz treffend. Karl Liebknecht neben Thomas Münzer, und General Watter, der 1920 die Ruhrarbeiter blutig niederschlug neben Herzog Johann, der das gleiche vor vierhundert Jahren den Bauern antat.“ Das Stück wird auch im Mansfelder Land aufgeführt: „Diese Mansfelder Bergarbeiter, Hüttenarbeiter und Landarbeiter, die wohl zum erstenmal einer Theateraufführung beiwohnten, strahlten vor Freude über die Siege der Bauernrevolutionäre, trauerten über ihre Niederlagen, (…).“ (II, 215f.)
Gertrud hatte 1921 die Umgebung der Leuna-Werke durchstreift – Leuna, eine Schwefelhölle, eine „Dantesche Hölle“. 1926 wandert sie noch einmal durch das Mansfelder Revier. Bei manchen Bergarbeitern kehrt sie ein: „Dort waren die Kampftage von 1921 nicht vergessen. Sie sprachen von ihnen, schmerzlich leidenschaftlich mit leuchtenden Augen. Es waren die großen Tage in ihrem grauen Leben. Manche erzählten von ihnen wie von einer alten Sage.“ Gertruds Agitprop-Stück „Leuna“ über die Kämpfe der mitteldeutschen Arbeiter 1921 führt zur Entlassung ihres Mannes aus dem IG-Chemie-Imperium. (II 218-223)
Nach über einem Jahrzehnt begegnet Gertrud 1926 in Berlin wieder Fugrin (G. Lukács), dem Schüler ihres Bruders. Fugrin, der 1914 im ‚Café zur sittlichen Stille‘ jäh erwachend die schillernde Haut der neukantianischen Philosophie abstreifte, in die Heimat zurückfuhr, sich der revolutionären Arbeiterbewegung anschloss – wenn auch nicht ohne zeitweilige Irrwege – und für die ungarische Räterepublik kämpfte. Mit Mühe entrann er den Henkern und arbeitete nun in Deutschland.“ (II, 262)
Bis in die letzten Tage der bürgerlichen Weimarer Demokratie unterstützt Gertrud Lohnkämpfe, antifaschistische Aktionen, so besonders im Juni 1930 einen Streik im Mansfeldischen, „wohl der erste große Streik seit dem Terror 1921“. Gertrud arbeitet für die Revolutionäre Gewerkschaftsopposition (RGO). Im Mansfelder Bergbau soll der Tarif um 15 Prozent herabgesetzt werden: „Mutter, die das Gebiet im Jahre 1921 besuchte, eilte begeistert hinunter, stürzte sich in die Propagandaarbeit und wurde daraufhin von der Streikleitung zur weiteren Unterstützung aufgefordert. Der Streik wurde mit elementarer Erbitterung und Begeisterung geführt. Besonders die Frauen, obwohl rückständig und meist katholisch, entwickelten eine fanatische Aktivität. Von Woche zu Woche, von Tag zu Tag, verschärfte sich der Kampf und nahm neue Formen an. Mutter hat uns das konkret und anschaulich geschildert – stundenlange Demonstrationen durch die Gebirgsdörfer und Landstraßen bis nach Merseburg, Kämpfe mit Streikbrechern und Polizei. Frauen bis zu siebzig Jahren auf Streikposten, rissen Streikbrecher aus den verdeckten Autos, prügelten und verjagten sie. Großartige Hilfsaktion der internationalen Arbeiterhilfe, bis schließlich doch durch Gewerkschaftsbonzenverrat, Schlichtung und blutigen Polizeiterror der Streik niedergeschlagen wurde.“ (II, 447)[16]
II.3. Klassenkämpfe und antifaschistischer Kampf aus der Sicht von „Wends Tagebuch“ (1923-1933)
Mit den nachrevolutionären Jahren wechselt die Erzählperspektive von „Sturm und Stille“ 1923 bis hin zum Faschismus 1933 vorwiegend auf „Wends Tagebuch“. Gertruds Sohn Wend Weygandt tritt 1923 dem Kommunistischen Jugendverband bei.
Wend Benary trennt sich von der Welt seiner rechtsnational völkischen Mitschüler, von der Welt von Nietzsche, George oder Rilke: „In seinem Kopf brodelte es von Gedanken – wie doch die alte Griechenwelt vollkommen schien, persönliches und öffentliches Leben harmonisch verschmolzen und doch war das gesamte schöne Leben der aristokratischen Bürger auf Sklavenarbeit aufgebaut.“
In der KJV-Gruppe wird eifrig Marx, Engels studiert, so im deutschen Krisensommer 1923: „Gestern lagen wir auf der Wiese und lasen Marx: ‚Lohn, Preis, Profit‘ und sprachen dann darüber. (…) Gestern las ich wieder in Lenins ‚Staat und Revolution‘.“ (II, 119, 176)
In den letzten Jahren der Weimarer Legalität wird Wends Bruder Rudolf an der Marxistischen Arbeiterschule (MASCH) Abendkurse über politische Ökonomie abhalten, unter den Teilnehmern viele von der kapitalistischen „Weltwirtschaftskrise“ 1929 auf die Straße geworfene Erwerblose: „Heißhungrig wird studiert mit Kopf und Herz zugleich – Marx: ‚Die Pariser Kommune‘, Lenin: ‚Staat und Revolution‘, Stalin ‚Der Weg zum Oktober‘, über den Fünfjahresplan und über die Kollektivierung der Landwirtschaft. Es wird gelernt in der Marxistischen Arbeiterschule, im agrarwissenschaftlichen Seminar und in vielen anderen Zirkeln.“ Auch Gertruds Freund aus brandenburgischen Jugendtagen Willi Pfeilhammer – seit Jahren arbeitslos – nimmt teil: „Emil, der junge Chemiearbeiter, sagte seinen Kameraden, dass er an einem Kursus über Strategie und Taktik teilnehmen wolle. ‚Man muss lernen, wie man kämpft und siegt.‘“ (II, 524f., 541f.)[17]
Wend trifft 1923 auf den KJV-Genossen August. Dieser ist Lehrling bei Siemens. Er stammt aus einer sozialdemokratischen Familie. Er kann als Arbeiterkind nicht in das Gymnasium. Wend weiß von den sozialpazifistischen Illusionen im politischen Leben von Mutter Gertrud. August berichtet ähnliches: „Mein Vater ist doch ein alter Metallarbeiter. Der sagt, der deutsche Arbeiter hängt zu sehr an seinem Gewerkschaftsbuch und an seinem Parteibuch und an der Invalidenkarte und an der Krankenkasse und Streikunterstützung. Wenn er das alles verliert, dann meint er, steht er vor dem Nichts. Darum fürchtet er den Kampf.“
Im Herbst 1923, den Wochen und Monaten der sächsischen und thüringischen Einheitsfrontregierungen, scheint es den Freunden um Wend so, als sei angesichts der „Inflationskrise“ und der weißen (bayerischen) Reaktion ein deutscher roter Oktober herangewachsen: „Ähnlich wird es wohl 1917 in Russland gewesen sein. (…) Jetzt müssen wir kämpfen, sonst kommt es überall so wie im Januar 1919 in Berlin, als Karl und Rosa erschlagen wurden. Das müssen doch auch die sozialdemokratischen Arbeiter begreifen. Gestern disputierten wir mit sozialdemokratischer Arbeiterjugend. Die hatte ganz nebelhafte Vorstellungen von der Lage. Allmählich fingen sie an, etwas zu begreifen.“ (II, 122-124)
Wend eilt mit jungen Genossen im Oktober 1923 nach Hamburg. Der Hamburger Aufstand bleibt isoliert und wird deshalb rasch niedergeschlagen. Wend und seine Freunde entkommen, da sie sich bei einer befreundeten Familie im Hamburger Villenviertel verstecken können.
Die Niederlage, das einstweilige KPD-Verbot führt zu politischer Depression, sie müssen sich politisch neu organisieren, sehr zur Verwunderung des Vaters: „Moreau Benary schüttelte den Kopf: ‚Kaum ist euer Parteiverbot aufgehoben, da träumt ihr schon wieder von einer Roten Armee.‘“ Ist die Hamburger Niederlage mit der Liquidierung der Moskauer Barrikadenrevolte 1905 vergleichbar? (II, 142 f., 162)
Warum sind die deutschen roten Nachkriegsaufstände allesamt lokal isoliert worden? „Das Jahr 1923 wurde zu Grabe geläutet, ein schweres, unheilvolles Jahr für das deutsche Volk. Immer wieder seit 1918 war die Flamme der Revolution in verschiedenen Gebieten des Landes aufgeflackert und jedesmal mit Arbeiterblut gelöscht worden. Endlich im Jahre 1923 wollte das Feuer im ganzen Land gleichzeitig hervorbrechen, aber durch Kleinmut und Verrat wurde es niedergehalten. Eine große Hoffnung war versunken – und gewiss für lange Zeit -, die Hoffnung der deutschen Arbeiter auf die Gestaltung des Lebens, auf einen sozialistischen Staat.“ (II, 160)
Klaus Münzer, vor einem Jahrzehnt bei den Heidelberger Neukantianern promovierter Philosoph, sieht das Übel im Fehlen einer diszipliniert leninistischen Partei, zu Gertrud gewandt: „Warum begann trotz des Massenelends und der revolutionären Stimmung des Volkes im Oktober dieses Jahres nicht die große sozialistische Revolution in Deutschland? Weil unsere Partei noch zu jung und unreif war, und die verhängnisvollen sozialdemokratischen Traditionen waren noch zu stark. Nur unser Genosse Thälmann in Hamburg führte das Volk in den Kampf. Eine Situation, wie sie so bald nicht wiederkommen wird, wurde verpasst, eine große Sache verspielt. Diese kampflose Niederlage im Reich ist eine der dunkelsten Etappen der deutschen Arbeiterbewegung und der heldenhafte Aufstand in Hamburg ihr größter Ruhm.“ (II, 148)
1925 inskribieren die Brüder Benary an der Berliner Universität, Wend Nationalökonomie, Rudolf Rechtswissenschaft. Marx‘ Kritik der politischen Ökonomie ist tabu. Der marktliberale „Grenznutzentheoretiker“ Ladislaus Bortkiewicz will nicht einmal den Namen Marx in den Mund nehmen: „Als im Seminar über theoretische Nationalökonomie ein kommunistischer Student fragte, ob sie nicht auch die Theorie von Karl Marx behandeln würden, antwortete [Bortkiewicz] ärgerlich: ‚Sie fragen so etwas doch nicht im Ernst?‘ Im Verlauf des ganzen Semesters wurde der Marxismus als nicht existierend betrachtet. (…) Nur an zwei deutschen Universitäten wird verhältnismäßig ernsthaft Nationalökonomie getrieben, in Heidelberg und in Kiel. Dort sind begabte jüngere Professoren, Sozialdemokraten. Dort existiert Marx, wenn auch verwässert und verfälscht.“ (II, 230)
Sie wechseln deshalb zu den „drei sozialdemokratischen Dozenten: Bär, Colm und Neißer“ –wie im ganzen Roman teils historische, teils literarisch fingierte Personen – an das renommierte Weltwirtschaftsinstitut der Kieler Universität: „Das ist doch etwas anderes als in Berlin, wo man bei Professor Bortkiewicz nicht einmal den Namen von Marx nennen darf.“ Einige dieser Kieler Professoren müssen 1933 emigrieren.
Der 1933 vertriebene Hans Philipp Neisser hält „Übungen über Karl Marx“ ab. Es ist zwar ein akademisch adaptierter und kein klassenkämpferischer Marx, aber diese Lehrenden verdienen jeden Respekt. Die Benary-Brüder lesen Gerhard Colms „Beitrag zur Geschichte und Soziologie des Ruhraufstandes März-April 1920“: „Das Semester wird ganz interessant, ein Seminar bei Colm, der vor Jahren eine Arbeit über die Ursachen des bewaffneten Kampfes der Ruhrarbeiter gegen den Kapp-Putsch schrieb, dieses glorreichen Abschnitts der deutschen Revolution mit verwirklichter Einheitsfront der Arbeiter unter den Waffen. Die Arbeit ist eine ernste wissenschaftliche Untersuchung und von einem solchen Grad richtiger Parteinahme, dass ein Kommunist sie geschrieben haben könnte.“ (II, 275, 365f.)
Die Brüder sind diesen Professoren dankbar, auch wenn sie den kapitalistischen Krisenzyklus nicht hinreichend erklären können, so ein Professor Bär: „Wie Kant erst das Reich der Vernunft begründet und dann doch durch eine Hintertür wieder Gott einführt, so nimmt [Professor] Bär viele Bausteine aus dem Reich der marxistischen Vernunft, um zuletzt doch wieder die sozialdemokratische Theorie einzuschmuggeln oder, richtiger gesagt, den Kapitalismus als den einzigen Gott, der das meiste – auch die Krisen – schon selbst hübsch in Ordnung bringt und die Wirtschaft gut vorbereitet, um sie zuletzt mit freundlichem Lächeln in die Hände der ebenso freundlich lächelnden sozialdemokratischen Arbeiter zu legen.“ (II, 299f.)
Politisch hofft Wend Benary nach den KPD-internen Flügelkämpfen Ende 1925 auf Ernst Thälmann, den neuen Vorsitzenden des Zentralkomitees. Nach dem „ultralinken“ Kurs der Gruppe um Ruth Fischer oder Arkadi Maslow soll die Rückkehr zur Massenarbeit, zur Arbeit in den Gewerkschaften, zum Aufbau von Betriebszellen erfolgen.
Gertrud Weygandt begegnet Fritz Winkler: „Sie standen auf dem Friedhof der Revolutionsopfer in Friedrichsfelde, diesem großen, grünen Totengarten mit den Gräbern von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Wieder einmal war ein Jungkommunist erschlagen worden.“ Auch Fritz Winkler hält eine Grabrede. Seine Freundin war 1919 in den Berliner Kämpfen getötet worden. Winkler übt Kritik an der KPD-Linie: „Denken Sie an die Lage im Jahr 1923! – Inflation, Hunger, Arbeitslosigkeit. Vom Elend aufgepeitscht, wollten große Massen den Kampf. Aber unsere Parteiführung war theoretisch unklar und ging im Schlepptau der Sozialdemokratie, und manche der besten, tatkräftigsten Arbeiter waren in den stürmischen Jahren 1918 bis 1923 gefallen oder hinterrücks ermordet worden.“ (II, 232-235)
Zu einem großen Erfolg wird 1926 die breite, von den Linken organisierte Bewegung gegen die „Fürstenabfindung“. Unter der Losung „Keinen Pfennig den Fürsten!“ wird bis hinein in die Reihen der kleinbürgerlichen Demokraten mobilisiert. Wend trägt in sein Tagebuch ein: Die Volksbewegung für die Enteignung der ehemaligen Fürsten und Könige umfasst auch konservative ländliche Bürger. „Das Kleinbürgertum ist mächtig aufgewühlt. All die Handwerker, Kleinbesitzer und Rentner, die durch die Inflation enteignet wurden, sind wütend, dass für die Großen alles gerettet wird und man ihnen Millionen und Milliarden in den Rachen wirft. Das ist einmal eine Volksbewegung! Kommunistische Redner neben Demokraten, zum Beispiel dem alten Professor [Robert René] Kuczynski.“ (II, 231)
1926 ist auch das Jahr der Solidarität mit dem großen englischen Bergarbeiterstreik. Wend und Genossen sammeln für die Internationale Arbeiterhilfe. Wend notiert: „England, dein mächtiges Weltreich steht nicht so fest wie du glaubst. Der große Bergarbeiterstreik zeigt es. Wie tapfer und ausdauernd die englischen Arbeiter kämpfen! Morgen machen wir eine große Solidaritätskundgebung für die englischen Jungarbeiter. Aber im Ruhrgebiet, wo’s am meisten darauf ankommt, sind wir noch zu schwach. Da machen deutsche Bergarbeiter sogar Überstunden und helfen damit, ihre englischen Brüder niederzuschlagen.“ Die blutige Ruhr-Niederlage 1920 wirkt immer nach: „Sie haben alle Angst, ihre Arbeit zu verlieren. Denn die Unternehmer rationalisieren unentwegt, (…).“ Die kapitalistische Rationalisierungswelle und die Niederlagen von 1920, 1921 und 1923 haben die Arbeiter mutlos gemacht. (II, 228)
Im Juli 1927 erlebt Wend den Aufstand der Wiener Arbeiter gegen ein Urteil der Klassenjustiz, gegen einen Freispruch für Arbeitermörder („Justizpalastbrand“). Aus der Ferne sieht er die Polizei, die mit Panzerwagen gegen die Demonstranten vorgeht. Er verfolgt die zögerliche Haltung der „austromarxistischen“ Sozialdemokratie in der Generalstreikfrage. (II, 285)
Drei Jahre später setzen sie 1930 bei einem antifaschistischen Jugendtreffen in Leipzig immer noch große – wenngleich illusionäre – Hoffnung in die Widerstandskraft des sozialdemokratischen Schutzbundes. Die jungen Benarys treffen auf österreichische Schutzbundjugend. Sie bewundern diese, da sie bewaffnet sind, wenngleich der Wiener „12. Februar 1934“ zeigen sollte, dass es im Schatten der reformistischen Sozialdemokratie nur eine selbsttäuschende Scheinbewaffnung ist: „‚Seht doch, das sind Österreicher, Schutzbundjugend! Seht doch die Fahnen! – Von so weit her seid ihr gekommen Freundschaft! Rot Front!‘ Die Österreicher wurden umringt. Sie erzählten viel. Als man sich zum Schlafen in einem Massenquartier wiedertraf, erzählten sie von den Waffen des Schutzbundes. ‚Wir deutschen Arbeiter haben keine Waffen mehr‘, sagte Kurt traurig.“ (II, 431)[18]
Kiel, die Stadt der Matrosenrevolten von 1917/18, ist eine Hochburg der SPD. Kommunistische Organisationen sind nur schwach vertreten. In heftigen Diskussionen mit sozialdemokratischen Jugendlichen hält Wend dagegen. Ihr wisst doch, wie Noske 1918 „die Matrosenrevolution in Kiel abgewürgt“ hat, ihr kennt doch Carl Severing: „Severing in Bielefeld [1920], wisst ihr davon? Wie die Rote Armee das Ruhrgebiet besetzt hielt und er sie betrog und ihnen die Waffen abnahm.“
Sie unterstützen im Weg der Internationalen Arbeiterhilfe (IAH) streikende Kieler Metallarbeiter: „Wieder einmal sind die Gewerkschaften den Streikenden in den Rücken gefallen. Gestern tagte die staatliche Schlichtungskommission.“ Sozialdemokratische Referenten preisen das Schlichtungswesen als „großartige Einrichtung“.
Und dann kommt 1927 der sozialdemokratische Parteitag nach Kiel. Wend sieht in den sozialdemokratischen Parteifunktionären gar „böse Fabelwesen“: „Da werden wir diese ganzen Sozialpatrioten, Arbeiterverräter, Mitschuldige am Liebknechtmord, Würger von Spartakus, von Mitteldeutschland und vom Ruhrgebiet von Angesicht sehen samt ihrem ‚großen Theoretiker‘ Hilferding.“ Sie missbrauchen die Loyalität alter sozialdemokratischer Arbeitergenossen: „Da ist der hochgeehrte, biedere Wels, der 1918 die Matrosen im Berliner Marstall niederkartätschen ließ, neben ihm Noske, der große, unersättliche Bluthund. Dabei sehen sie aus wie einfache preußische Feldwebel und ganz spießig. Es kamen alle Werftarbeiter, ihre Führer zu begrüßen. Als die Würger ihre Hand drückten, leuchteten ihre guten, ehrlichen Gesichter.“
In Parteitagsreden geben sich die sozialdemokratischen Anführer Illusionen über ihre Scheinmacht hin. Im Mittelpunkt steht Rudolf Hilferdings Referat zur „Wirtschaftsdemokratie“ (über „die Aufgaben der Sozialdemokratie in der Republik“). Der vormalige Verfasser des „Finanzkapital“ trägt seine sozialfriedlichen Vorstellungen vom angeblich zunehmend krisenfreien „organisierten Kapitalismus“, vom allmählichen ruhig friedlichen Hineinwachsen eines „planmäßigen“ monopolistischen Kapitalismus in den Sozialismus, seinen Glauben an ein arbeiterfreundliches staatliches Tarif-Schlichtungswesen, das in Wirklichkeit ein Instrument zur Streikniederschlagung ist, vor. Hilferding orientiert auf eine rein parlamentarische Taktik, auf den Eintritt sozialdemokratischer Minister in eine bürgerliche Koalitionsregierung: „Der ‚demokratische‘ Staat kontrolliert die Wirtschaft. Das ist ein Sieg der Arbeiterklasse und schon ein Element des Sozialismus. Dass dieser demokratische Staat ein Staat des Monopolkapitalismus ist, verschwieg Hilferding, obwohl der Verfasser des ‚Finanzkapitals‘ darüber orientiert sein dürfte. Dass die Gewerkschaftsführer ‚mitarbeiten‘, indem sie die Arbeiter von Lohnforderungen und von Streiks abhalten, ist ein weiteres Stück Sozialismus, und die staatliche Zwangsschlichtung, die den Arbeitern fast immer das raubt, was sie mit großen Opfern im Streik erkämpften, das dritte Stück Sozialismus. Also Sozialismus auf der ganzen Linie. Hilferding sprach mit großer Emphase, als ob er sich selbst an seinen gut gebauten Sätzen berauschte.“ (II, 285-292)[19]
Im Jahr 1928 verschärfen sich die Klassenkämpfe, eskalierend im „Ruhreisenstreit“, einem großen Streik der Metallarbeiter im Ruhrgebiet. Die Arbeiter verlangten 15 Pfennig Lohnerhöhung, den Achtstundentag und ein Dreischichtensystem. In einem ersten Schiedsspruch wurde eine Lohnerhöhung zwischen 2 und 6 Pfennig – ohne Arbeitszeitverkürzung – zugestanden. In einem Akt kalkulierter Provokation lehnten die Unternehmerverbände den Spruch ab und sperrten 215.000 Arbeiter aus. Die reformistischen Gewerkschaften waren auf diesen Angriff auf das Tarifvertragssystem und damit auf die Institutionen der Weimarer Verfassung nicht vorbereitet und akzeptieren Ende 1928 einen stark verschlechterten zweiten Spruch.
Fritz Winkler, der Spartakist des Jänner 1919, fährt 1928 auf Agitprop-Tour nach Essen. Er unterstützt nicht nur die Metallarbeiter, sondern auch den Lohnkampf linksrheinischer Textilarbeiter und Textilarbeiterinnen. Ein „rotes Puppentheater“ – das „rote Sprachrohr“ geleitet von Maxim Vallentin – führt ein proletarisches, auf die deutsche „Panzerkreuzer“-Wiederaufrüstung anspielendes Stück auf: „Kriegsminister: ‚Hier bin ich.‘ Stahlkönig: ‚Auf einem einzigen lumpigen Panzerkreuzer kommst du! Wo bleibt der zweite Panzerkreuzer?‘ Kriegsminister (kläglich): ‚Er ist noch nicht bewilligt.‘ Stahlkönig: ‚Noch nicht bewilligt? Zum Teufel, wozu haben wir denn unseren sozialdemokratischen Reichskanzler? (Ruft) Reichskanzler Müller!‘ (Auf der Bühne des Puppentheaters erscheint der Reichskanzler und verneigt sich tief.) Reichskanzler: ‚Womit kann ich dienen?‘ Chemiekönig: ‚Hast du vergessen was du zu tun hast? Eroberungskrieg, Aufrüstung. Der leere Raum im Osten, wo das rote Chaos herrscht, soll erobert werden.‘“
Nach dem Scheitern des großen Ruhrstreiks Ende 1928 ist Fritz Winkler verbittert, aller Einsatz war vergeblich. Der sozialdemokratisch dominierte ADGB hat nicht durchgehalten: „Ja, Severings ‚glückliche Hand‘ brach auch diesmal dem Widerstand das Rückgrat.“ (II, 352-360)[20]
Im Mai 1929 folgt die nächste Niederlage. Der sozialdemokratische Berliner Polizeipräsident Karl Zörgiebel hat ein Demonstrationsverbot für den 1. Mai verhängt. An den Protestmärschen zum Arbeiterfeiertag nahmen trotzdem rund 200.000 Arbeiter teil. Nach Polizeiüberfällen bauten kommunistische Arbeiter in Neukölln und im Wedding Barrikaden. Mehrere Werktätige wurden getötet, mehrere hundert verletzt, über tausend Demonstranten verhaftet. Die „Rote Fahne“ durfte sieben Wochen lang nicht erscheinen. Nach diesem „Zörgiebel’schen Blutmai“ verfielen viele Freunde von Wend in eine politische Depression: „Schwer und bedrückend waren die nächsten Tage. Wohl war die Empörung über Zörgiebels Bluttat in breiten Arbeiterkreisen groß, und nicht nur bei den Kommunisten. Doch durchschlagende Massenaktionen erfolgten nicht. So konnte Zörgiebel sein Werk durch das Verbot des Roten Frontkämpferbundes krönen, mit der Begründung, der Rote Frontkämpferbund habe die Kämpfe am 1. Mai ausgelöst. Der Stahlhelm und die SA wurden nicht verboten.“ (II, 374f.)
Die parteioffizielle These von der Sozialdemokratie als einer Agentin der herrschenden Verhältnisse fand dementsprechend Zulauf. Es ist der nun in Berlin arbeitende Philosoph Fugrin (G. Lukàcs), der die jungen Genossen davor warnt, auf den „Blutmai“ mit der Faschismus-Losung zu reagieren. Fugrin, er hat soeben Ende 1928 für die unter dem Horthy-Regime illegale Kommunistische Partei Ungarns in seinen umstrittenen „Blum-Thesen“ das Übergangs-Kampfziel einer „demokratischen Diktatur“ der Arbeiter und Bauern, also so etwas wie eine vorweggenommene Volksfrontlosung, ausgegeben, warnt. Das ist noch kein Faschismus, vielmehr muss man für die Erhaltung der verbliebenen liberalen Grundfreiheiten mobilisieren, auf der Grundlage der bürgerlichen Demokratie für das Versammlungs-, Vereinigungs- und Streikrecht kämpfen: „Die so etwas sagen, haben keine Ahnung vom Faschismus. Wir haben noch gewisse demokratische Freiheiten, die wir ausnützen müssen. Vorläufig wird nur am 1. Mai und bei Streiks geschossen. Seht doch auf Italien und Ungarn! Wir müssen den Arbeitern sagen: das ist erst der Auftakt, das Vorspiel, damit wir sie stärker aufrütteln zum Kampf gegen den wirklichen Faschismus. Wenn sie glauben, das wäre schon der Faschismus, schlimmer könne es gar nicht kommen, dann lullen wir sie ein, und sie wiegen sich in falschen Illusionen.“ (II, 384f.)[21]
Wend ist 1929 in Kiel mit einer Arbeit über den „Sinn des Streits um den Zwangsschiedsspruch“ zum Diplomvolkswirt graduiert worden. Als solcher findet er keine Arbeit – nach Wochen in einer Färberei: „Am liebsten hinge ich die Nationalökonomie an den Nagel und bliebe als Arbeiter im Betrieb. Aber bei ruhiger Überlegung sage ich mir doch, das ist wohl Romantik, Narodnikitum, Handwerkelei.“ (II, 412)
Im Kampf gegen den Faschismus durchreist er mit einigen Genossen brandenburgische Dörfer. Die Profite des großen Agrarkapitals steigen, die Kleinbauern verelenden. Täglich gibt es mehr Zwangsversteigerungen kleiner Bauernhöfe. Die Lage der Taglöhner, Knechte, Dienstmägde ist oft kaum von der halbhöriger Leibeigener zu unterscheiden. Wend fertigt mit einem Genossen eine Untersuchung über die Lage am Land an: „In den Dörfern des Gebiets machen wir statistische Untersuchungen über die Lage der Bauern, ihre soziale Zusammensetzung, über Halbbauern und Landarbeiter. Die Lage der Landarbeiter mit Deputat ist mittelalterliche Halbhörigkeit. Sie müssen Frau und Kinder auf den Gütern arbeiten lassen. Die Lage der Kleinbauern verschlechtert sich von Monat zu Monat. Von den hohen Lebensmittelpreisen profitieren nur die Großen. Den Kleinen bleibt nichts. Sie müssen teures Viehfutter kaufen und teuren Dünger, beides untragbar für ihre kleinen rückständigen Wirtschaften.“ Das Ergebnis der Landagitation ist bescheiden, aber immerhin: „In drei Dörfern KJ-Gruppen gegründet.“ Einige wenige Kleinbauern können für die kommunistische Sache gewonnen werden, die meisten bleiben in den von Großagrariern dominierten Landbünden organisiert. (II, 441-444)
Es gibt weitere kleine, wenigstens moralisch wirkende Erfolge. Einige reaktionäre Offiziere wie Richard Scheringer oder Ludwig Renn wechseln in das KPD-Lager. Einer dieser Offiziere hat Renns Bücher gelesen. Renn, der seit Ende der 1920er Jahre im Bund proletarisch revolutionärer Schriftsteller als Redakteur der „Linkskurve“ agiert, kämpft unter der Losung „Kultur gegen Barbarei“ mit anderen fortschrittlichen Intellektuellen gegen den Nazifaschismus: „Rieck sagte, er hätte sowohl Renns Kriegsbuch als auch seine biographischen Aufzeichnungen gelesen, und beides hätte großen Eindruck auf ihn gemacht. ‚Dieser Graf Goltz von Fietenau [Vieth von Golßenau], früher Hauptmann des kaiserlichen Heeres, ist ehrlich. Lauter und mutig ist er, denn er ging zu euch. Er fürchtet weder Deklassierung noch Fememord.‘“ Auch Richard Scheringer hat sich als nazistischer Freikorpssoldat 1931 von der Welt der „bezahlten Landsknechte der Krupp, Thyssen, Klöckner, Vögeler“ losgesagt. (II, 476)
Ab 1929 ist Wend in der „Revolutionären Gewerkschaftsopposition“ (RGO) aktiv. Erstmals nach vielen Jahren streiken im Herbst 1930 die Berliner Metallarbeiter - gegen den Willen der sozialdemokratischen Gewerkschaftsführung: „In einer Massenversammlung im Zirkus Busch unter der Leitung der Revolutionären Gewerkschaftsopposition stimmten die RGO-Funktionäre, die Betriebsräte der Großbetriebe und die schon länger gebildeten Kampfausschüsse eben für den Streik.“ Aus Protest gegen die Gewerkschaftsbürokratie wird ein „roter Metallarbeiterverband“ gegründet. (II, 478, 489).[22]
Ab 1930 gilt der Widerstand dem präsidialautoritären Notverordnungsregime des Reichskanzlers Brüning. In einem fort werden letzte Errungenschaften im Sozialrecht, im Arbeitslosen-, im Krankenversicherungsrecht kassiert. Lohntarife werden bis zu acht Prozent staatlich verordnet gekürzt, die Bezugsdauer der Notstandshilfe für Erwerbslose wird drastisch gekürzt. Alle Sozialleistungen wurden eingeschränkt, gleichzeitig wurden die Lasten der Krise durch Massensteuererhöhungen auf die Werktätigen abgewälzt. Auch wenn Widerstand wenig aussichtsreich scheint, meint ein Arbeitsloser wie Willi Pfeilhammer: „Lieber Grzesinskis blaue Bohnen in den Leib, als still in den Wohnungen verrecken.“ (II, 519f.)
Wend bemüht sich im Kampf gegen den bedrohlich ansteigenden Hitler-Faschismus um Einheitsfrontaktionen mit sozialdemokratischen Arbeiterorganisationen „von unten“ – bei aller wechselseitiger Aversion, so 1931: „‘Kameraden vom Reichsbanner‘, sagte Wend tief bewegt, ‚nur die gesammelte Kraft der deutschen Werktätigen kann die Diktatur des Kapitals und seiner blutigen Landsknechte brechen. Diese Einheitsfront muss geschmiedet werden. Es lebe die Einheitsfront aller deutschen Werktätigen (…) Fangen wir gleich konkret an, Kameraden! Verabreden wir gleich gegenseitige Unterstützung bei Überfällen und Streikschutz!‘“ (II, 533)
Wend beobachtet, dass es unter deutschen Industriekapitänen eine Strategiedebatte gibt. Die Sozialdemokraten haben als Stütze der kapitalistischen Ordnung ausgedient. Soll man auf die „vornehm“ bürgerlichen Kräfte um Kanzler Brüning zurückgreifen oder muss man „kulturlose“ Konsorten wie Hitler und Röhm zur Hilfe rufen?
Berta Lask lässt einen IG-Chemie-Direktor und einen „Stahlkönig“ an der Ruhr 1928 räsonieren: „Was konnten diese sozialdemokratischen Beamten noch geben? Sehr wenig. Sie hatten schon fast alles hergegeben, worüber sie verfügten – alles, was die Arbeiter in den ersten Revolutionsjahren erkämpft hatten: Achtstundentag, Betriebsrätemacht, Streikrecht. Von Wehrmacht und Gerichtswesen ganz zu schweigen. (…) Ja, sie waren nun wirklich schon bald überflüssig. Dies zeigten diese Streiks – Rhein, Ruhr, Hamburg. Die Arbeiter folgten nicht mehr ihren Kommandos. (…) Diesem Sozi-Reichskanzler Hermann Müller haben wir doch ganz klar gesagt, dass er fliegt, wenn seine Partei gegen den zweiten Panzerkreuzer stimmt. Beim Schlichtungswesen sind sie noch von Nutzen. Da musste man zuletzt wieder den kleinen Metallarbeiter Severing voranschicken.“
Die beiden Kapitalvertreter denken an eine sozialdemagogische Faschistenclique: „‚Eine Volksbewegung zur Niederschlagung des Volkes.‘ Der Stahlkönig lachte.“ (II, 340)
Auch wenn sie sich die Arbeiterbewegung lieber von dem katholischen Bildungsbürger Brüning vom Leib halten lassen wollen und das „Hitler-Gesindel“ verachten, notfalls müsste man dieses aber doch als politischen Retter vor sozialistischen Ansprüchen akzeptieren: „Jenes Gesindel würde ich nur im äußersten Notfall heranziehen, im äußersten. Es wird, denke ich, zu vermeiden sein. Brüning ist mir bedeutend sympathischer – konservativ, religiös, gebildet, alte Traditionen – und falls er im stürmischen Meer der Krise versinken sollte, könnte man einen Mann wie General Schleicher ans Steuer stellen. Alles besser als jene dunklen Abenteurer. Aber wie gesagt, wenn es sein muss, paktiert man auch mit des Teufels Großmutter.‘‘ (II, 454)
Im Mai 1932 notiert Wend zur Krise des Kapitalismus, der drohenden nazistischen „Machtergreifung“: „Hatte Zeit, etwas mehr die gegenwärtige ökonomische Lage Deutschlands zu studieren – tiefste Zerrüttung überall. Industrieproduktion und Devisenbestand der Reichsbank seit der Julikrise 1931 außerordentlich geschrumpft. Dagegen Notenbankkredite und Geldumlauf erheblich gestiegen. Die Arbeitslosenzahl geht der siebenten Million entgegen. Durch den Monopolisierungsprozess des deutschen Kapitalismus geringere Elastizität, geringere Anpassung an die Marktlage. Deflation mit inflationistischen Zügen durchsetzt. Durch Kreditausweitung suchte man eine Anzahl von Betrieben zu sanieren und schob ihren Bankrott hinaus, ohne Steigerung der Produktion zu erreichen. Und trotzdem Schließung großer Werke. Verschrottung kostbarer Maschinen und Betriebsanlagen, Patente werden angekauft und vernichtet. Phantastischer Niedergangsprozess. (…) Die Zwangsversteigerung von Bauernhöfen nimmt einen beispiellosen Umfang an.“ (II, 578f.)
Im Frühjahr 1933 tauchen Gertrud Benary und ihre Söhne Wend und Rudolf in den politischen Untergrund ab, sie verlassen die Wohnungen, nur der vor Jahren bei IG Chemie entlassene Moreau Benary bleibt zurück: „Die Illegalität wurde nicht genügend vorbereitet.“
Gertrud gelingt die Flucht ins Ausland, ihr Sohn Rudolf wird im Sommer 1933 verhaftet.
Ein ehemaliger Mitschüler von Wend, ein Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“ verehrender Corpsstudent und Nazijurist, hat sein Ziel, Kommunisten zu liquidieren, erreicht. Er lässt das Haus der Benarys überwachen, aber außer „dem alten Professor“ Benary ist niemand mehr da: „Die illegale Parteileitung erfuhr, dass Wend Benary als angeblicher ‚Mörder‘ gesucht wurde, und ließ ihm sagen, dass er für einige Zeit ins Ausland verschwinden soll. Wend traf die Nachricht unerwartet. Er war fest in der illegalen Arbeit eingereiht und hatte sie auch nach Rudolfs Verhaftung fortgesetzt. An Emigration dachte er nicht.“ Zumal er sich auch nicht von seiner Freundin Marietta trennen will.
Im Herbst 1933 wird Wend auf der Flucht von einem SA-Kommando erkannt und erschossen: „Der SA-Mann, einen Fluchtversuch befürchtend, hob den Revolver und feuerte auf Wend.“ Wends Begleiter kann den SA-Mann noch erschießen, dann wird auch er tödlich getroffen. (II, 627, 643-645)
[1] Berta Lask: Stille und Sturm. Roman, 2 Bände, Mitteldeutscher Verlag, Halle 1955. Zitierte Stellen werden im Text laufend angegeben. Vgl. Klaus Kändler: Die proletarisch-revolutionäre Dramatikerin Berta Lask, in derselbe: Drama und Klassenkampf, Berlin-Weimar 1974, 128-142.
[2] Vgl. Andreas Anter: Männer mit Eigenschaften. Max Weber, Emil Lask und Georg Simmel als literarische Figuren in Berta Lasks Roman „Stille und Sturm“, in: „Siegreiche Niederlagen“ Scheitern. Signatur der Moderne, hrg. von Martin Lüdke u.a., Hamburg 1992, 156-169.
[3] Vgl. Dieter Fricke: Bismarcks Prätorianer. Die Berliner politische Polizei im Kampf gegen die deutsche Arbeiterbewegung, Berlin 1962.
[4] Vgl. Iris Schröder: Soziale Frauenarbeit als bürgerliches Projekt. Differenz, Gleichheit und weiblicher Bürgersinn in der Frauenbewegung um1900, in: Wege zur Geschichte des Bürgertums, hrg. von Klaus Tenfelde und Hans-Ulrich Wehler, Göttingen 1994, 209-230.
[5] Vgl. Max Weber: Der Sozialismus (Vortrag vor k.k. Offizieren in Wien im Juni 1918), in: Zur Politik im Weltkrieg. Schriften und Reden 1914-1918 (Gesammelte Werke I/15), Tübingen 1984, 599-633 und Das neue Deutschland (Bericht des Wiesbadner Tagblatts vom 5. Dezember 1918 über eine Rede Max Webers), in Max Weber: Zur Neuordnung Deutschlands. Schriften und Reden 1918-1920 (Gesamtausgabe I/16), Tübingen 1988, 388-392. Zu Webers Sozialismusvorstellungen 1918 Joachim Radkau: Max Weber. Die Leidenschaft des Denkens, München 2005, 754f.
[6] Vgl. zu Rickerts Verhalten 1933 Hans Friedrich Fulda: Krise und Untergang des südwestdeutschen Neukantianismus, in: Philosophie im Nationalsozialismus, hrg. von Hans Jörg Sandkühler, Hamburg 2009, 83-132.
[7] Vgl. Pierre Bertaux: Hölderlin und die Französische Revolution, Frankfurt 1969.
[8] Vgl. Georg Lukács: Emil Lask. Ein Nachruf, in: Kant-Studien 22 (1918), 349-370. Dazu Thomas Rentsch: Emil Lask, in: Metzler. Philosophenlexikon, Stuttgart 2003, 440-443.
[9] Vgl. Gustav Radbruch: Der innere Weg. Aufriss meines Lebens, Göttingen 1961, 41, 47f. und 62f. zur Freundschaft mit Emil Lask, der ihn vom „Kantischen Dualismus von Sein und Sollen, Wirklichkeit und Wert“ überzeugt habe.
[10] Vgl. Emil Lask: Rechtsphilosophie (1905), in: Neukantianismus. Texte der Marburger und der Südwestdeutschen Schule, ihrer Vorläufer und Kritiker, hrg. von Hans-Ludwig Ollig, Stuttgart 1982, 182-226, hier: 186, 197f. Dazu Gustav Radbruch: Literaturbericht Rechtsphilosophie (1907), jetzt in derselbe: Rechtsphilosophie I, bearbeitet von Arthur Kaufmann (Gesamtausgabe 1), Heidelberg 1987, 466-470: „Der erste der Methode der Rechtsphilosophie gewidmete Abschnitt (in Lask‘ ‚Rechtsphilosophie‘) erklärt im Gegensatz einerseits zum Naturrecht, das aus dem richtigen Rechte das geltende abzuleiten sucht, anderseits zum Historismus, der umgekehrt lediglich durch Untersuchung gesetzten Rechtes Maßstäbe zu seiner Bewertung zu gewinnen strebt, im Anschluss an Windelband und Rickert die Rechtswirklichkeits- und die Rechtswertbetrachtung für strengstens zu scheidende Aufgaben und weist erstere der Rechtswissenschaft, letztere der Rechtsphilosophie zu.“
[11] Egon Weygandt gilt in Berta Lasks Roman als ein neukantischer Sozialist, ob dies auch für das historische Vorbild Emil Lask gilt, ist nicht geklärt. In manchem erinnert die literarische Figur des Egon Weygandt an das Sozialismusideal des 1919 ermordeten bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner. Eisners libertär philanthropischer Sozialismus war aus der Marburger Schule des Neukantianismus um Hermann Cohen hervorgegangen. Vgl. Bernhard Grau: Kurt Eisner 1867-1919. Eine Biographie, München 2001, 105-129.
[12] Zu Webers Demokratieverständnis, das an einen „caesaristischen Bonapartimus“ grenzt, zu Webers Ansatz, eine Demokratisierung des wilhelminischen Regimes im Inneren sei notwendig, um eine starke Stellung Deutschlands nach außen im System der imperialistischen Konkurrenz zu ermöglichen, vgl. Georg Lukács: Die Zerstörung der Vernunft, Berlin 1954, 481f.
[13] Zu den Antikriegsdemonstrationen im Juli 1914 vgl. Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Band 2. Vom Ausgang des 19. Jahrhunderts bis 1917, Berlin 1966, 208f.
[14] Vgl. zu „Klassenkrieg gegen den Krieg“ und „Der Hauptfeind steht im eigenen Land“ Spartakusbriefe, hrg. von Ernst Meyer, Berlin 1958 und Karl Liebknecht: Gesammelte Reden und Schriften VIII, Berlin 1966, 1-114.
[15] Zum Leuna-Streik 1917 Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Band 2. Vom Ausgang des 19. Jahrhunderts bis 1917, Berlin 1966, 120f. Vgl. zum Typus „Leuna-Arbeiter“, der sich der reformistisch sozialdemokratischen Lenkung entzieht, Karlheinz Roth: Die „andere“ Arbeiterbewegung und die Entwicklung der kapitalistischen Repression von 1880 bis zur Gegenwart, 2. Auflage, München 1976, 51-54.
[16] Vgl. Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Band 4. Von 1924 bis Januar 1933, Berlin 1966, 246f.
[17] Vgl. Gabriele Gerhard-Sonnenberg: Marxistische Arbeiterbildung in der Weimarer Zeit (MASCH), Köln 1976.
[18] Zu einem in die politische Defensive gedrängten, im Grunde nur zum Schein über militärische Macht verfügenden Schutzbund Ilona Duczynska: Der demokratische Bolschewik [Theodor Körner]. Zu Theorie und Praxis der Gewalt, München 1975.
[19] Vgl. Rudolf Hilferding: Die Aufgaben der Sozialdemokratie in der Republik (1927), in: Zwischen den Stühlen oder über die Unvereinbarkeit von Theorie und Praxis. Schriften Rudolf Hilferdings 1904 bis 1940, hrg. von Cora Stephan, Bonn 1982, 212-236. Dazu Jürgen Harrer: Die Sozialdemokratie in Novemberrevolution und Weimarer Republik 1919-1933, in: Geschichte der deutschen Sozialdemokratie 1863-1975, Köln 1977, 65-179, hier 135-138.
[20] Vgl. Wolfgang Abendroth: Einführung in die Geschichte der Arbeiterbewegung. Von den Anfängen bis 1933, Heilbronn 1985, 238f. und Christian Seifert: Die deutsche Gewerkschaftsbewegung in der Weimarer Republik, in: Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung, hrg. von Frank Deppe, Georg Fülberth und Jürgen Harrer, 3. Auflage, Köln 1981, 146-210, hier 188-191.
[21] Vgl. Georg Lukács: Blum-Thesen (1928/29), in derselbe: Werke 2, Neuwied-Berlin 1968, 699-722.
[22] Vgl. Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Band 4. Von 1924 bis Januar 1933, Berlin 1966, 268f.