Johannes R. Becher und die Geschichte der sozialistischen Arbeiterbewegung
Junge Arbeiter, Arbeiterinnen und die sozialistische Tradition

Der Jungproletarier Wedel studiert in den Jahren knapp nach 1900 die Geschichte der Arbeiterbewegung im Rahmen sozialistischer Bildungskurse. Er „konnte sich nicht genug darin tun, die Lehrer (der Abendkurse – Anm.) zu loben, und er meinte, der ganze Geschichtsunterricht, wie man ihn in der Volksschule, in den Gymnasien und an der Universität erhalte, tauge nicht, wenn man ihn nicht durch die Geschichte der Arbeiterbewegung ergänze.“

Wedels aus Gründen der unterschiedlichen Herkunft nur begrenzt treuer Freund, der sich durch das humanistische Gymnasium schleppende Staatsanwaltssohn Hans hingegen verfügt über allerhand spießiges Bildungswissen. Die Geschichte der Arbeiterbewegung überfordert ihn allerdings völlig: „Nein, nie hatte er etwas gehört von einem gewissen Bebel, und auch das Sozialistengesetz war ihm unbekannt … ‚Proletarier aller Länder, vereinigt euch!’ – er wusste nicht, was es bedeuten sollte.“[1]

Am Ende seines Lebens gestaltete Johannes R. Becher 1957 im Erzählfragment „Wiederanders“ die Figur des jungen Arbeiters Wedel, erinnernd an den proletarischen Jugendlichen Hartinger in Bechers halb autobiographischen Roman „Abschied. Einer deutschen Tragödie erster Teil 1900-1914“ (1940 in Moskau erschienen). Hier wie dort findet sich der zwischen der autoritären „Untertanen“-Welt und der freien demokratischen Welt des Arbeitervolkes hin und her schwankende Staatsanwaltssohn Hans (Gastl), der nun heimlich und verschämt im Konversationslexikon seines Vaters Stichworte wie „Bebel“, „Sozialismus“, „Zukunftsstaat“ zu studieren beginnt.[2]

Den jungen Proletariern Max und Lene ist die Geschichte der klassenbewussten Arbeiter hingegen schon aus ihrer Lebenswelt bekannt. Beide Figuren, Max Herse und dessen Genossin Lene, hatte Becher 1925/26 für den Roman „Levisite“ gestaltet. Mitte der zwanziger Jahre, angesichts der Krise der revolutionären Bewegung nach der Oktoberniederlage 1923 und angesichts der relativen Stabilisierung des Kapitalismus der Weimarer Republik, verlassen der Bergarbeiter Max Herse und die Trikotagenfabrik-Arbeiterin Lene die sozialdemokratische Jugendbewegung. Lene, in der „Gewaltfrage“ unsicher, zögert noch mit dem Übergang zur Kommunistischen Partei, worauf ihr Max empfiehlt, das „Kommunistische Manifest“, die Geschichte der revolutionären Kämpfe zu studieren: Die Agenten des Kapitals „legalisieren die Gewalt. ... ist nicht die Arbeitsstätte heute für die weitaus meisten Menschen eine Schlachtbank?!“ Dagegen hilft nur die Gewalt des Arbeiter-Klassenkampfs: „Lene, du musst wieder einmal das ‚Kommunistische Manifest‘ lesen. Wir müssen gewaltig viel aufholen, wir sind durch die bürgerlichen Schulen und durch unsere verbürgerlichten Führer ungeheuer verdorben und verbildet worden. Wir müssen uns wieder zu uns selbst zurückfinden, zu uns, zu unserem unverfälschten instinktsicheren Klassenstandpunkt…‘“[3]

Bechers Weg zum proletarisch-revolutionären Schriftsteller

Über seinen mit Bertolt Brecht oder Friedrich Wolf vergleichbaren Weg vom linken Flügel des Expressionismus, von ethisch antimilitaristischer Friedenssehnsucht und von einer bloß romantisch moralischen Kapitalismuskritik zum revolutionär proletarischen Schriftsteller schrieb Johannes R. Becher 1928: „Der Weg eines bürgerlichen Dichters zu einem Dichter des Proletariats ist keineswegs ein schnurgerader.“[4]

Im „Deutschlandlied“ rechnet Becher 1934 mit der „expressionistischen Periode“, den Jahren des „sinnlosen Zeitverschwendens“ ab: „In solcherlei Sprache tat ich kund / Seltsam verworrene Träume … / Ich litt noch lang an der Krankheit der / Unreinen krächzenden Reime.“[5]

Als Kriegsgegner stand Becher dem Spartakus-Bündnis, der entstehenden Kommunistischen Partei Deutschlands, dem rätesozialistischen Flügel der „Novemberrevolution“ 1918/19 nur gefühlsmäßig nahe. So bemerkt Becher 1924 zur Neuauflage einer dramatischen Dichtung aus dem Jahr 1919: „Zur Umarbeitung des Stückes selbst wäre zu sagen: ‚Arbeiter, Bauern, Soldaten‘ ist 1919 geschrieben, aus einer Atmosphäre von Gefühlskommunismus und verworrenem ekstatischem Gottsuchertum heraus.“ An „expressionistische Schauerkrämpfe“ erinnernde Stellen habe er beseitigt![6]

Selbst Anfang der 1920er Jahre war es für Becher noch möglich, einen Weg nach dem Vorbild von Stefan George mit seinem priesterlichen Sehergehabe oder nach Gottfried Benn zu gehen, also wie Benn „zu einem Sänger der Sintflut, des Weltuntergangs zu werden“.

Nach dem Studium von Lenins „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ – mit seiner Analyse der sich barbarisch kriegerisch verschärfenden Ausbeutung – oder von Maxim Gorkis „Zerstörung der Persönlichkeit“ (1909) – mit ihrer Kritik aller kleinbürgerlich parasitären Intellektualität – fordert Becher, der nun in die Linie von Thomas Münzer, G.W.F. Hegel, Georg Büchner zu Marx und Engels eingeschlagen hat, 1924 in einem Aufruf an die „Deutschen Intellektuellen“ eine Orientierung an den historisch materialistischen Kategorien der Kritik der politischen Ökonomie: Mehrwert, Profitrate, Lohnsklaverei.[7]

Mögliche Bündnispartner wie Leonhard Frank, Kurt Hiller oder Ernst Toller lehnt Becher seit Mitte der 1920er Jahre Becher mit mehr oder weniger Recht zunehmend ab. Becher richtet 1924 an Frank die Frage, warum er zur versöhnlerischen sozialdemokratischen „Reichsbanner“-Ideologie übergelaufen ist: „Sie selbst waren auch in Ihrem persönlichen Leben die Gestalt gewordene klassenhasserfüllte Kampfansage wider jene Art von Klubsesselweisheit und kunstästhetisierendem Gesellschaftsaberglauben. Ihre Welt war unsere Welt. Ihre Welt war die Welt aller Ausgebeuteten.“[8]

Linksliberale, zur Wahl der SPD aufrufende Intellektuelle wie Kurt Hiller liefern nach Becher das, was Walter Benjamin 1931 als „linke Melancholie“ abqualifizieren sollte. Ernst Toller verbreitet nach Becher mit seinem ethischen Sozialismus nur „wohlduftendes Revolutions-Parfüm“.[9] Das Urteil über Toller wird später revidiert, jenes über Leonhard Frank 1934 im „Deutschlandlied“ als Appell – Karl Kraus und Frank vergleichend – wiederholt: „Ein schweigender Hasser ist Karl Kraus. / Es traf oft die Lauen und Feigen / Sein treffendes Wort. Sein Wort blieb aus. / Sie ermordeten ihn durch sein Schweigen. / Ein Schweiger aus Hass ist Leonhard Frank. / Wir wollen sein Schweigen wecken. / Er wird sich nicht auf die lange Bank / Zu ewigem Schweigen strecken.“ (DL, 254)

Scharf attackiert Becher, 1928 erster Vorsitzender des Bundes proletarisch revolutionärer Schriftsteller Deutschlands (BPRS) die Pseudo-Arbeiterdichter im Umfeld der Sozialdemokratie als „Feierabendlyriker“ und als „Klassenversöhnungspoeten“. Im August 1926 griff Becher in der „Roten Fahne“ die nur mehr zum „Schein sozialistischen“ SPD-Schriftsteller Heinrich Lersch, Max Barthel oder Karl Bröger an, die auch ideologisch zur Übernahme jeden bürgerlichen Irrationalismus, jeder religiösen Esoterik bereit sind, indem sie von „christlicher Reinheit“, von „gut und böse“, vom „Jenseits faseln“, und „statt vom Proletariat vom Volk salbadern“, also „statt vom Proleten von dem Menschen, statt vom Klassenkampf von der Arbeitsgemeinschaft von ‚Harmonie‘‚ ‚Weltglück‘, ‚Lebensfreude‘“.[10]

Im „Deutschlandlied“ fällt Becher 1934 über den mittlerweile zur Nazi-Partei übergelaufenen Max Barthel ein vernichtendes Urteil: „Er schrieb für den ‚Vorwärts‘. Der SPD / War er gefügig als Dichter. / Es befand sich immer in seiner Näh / Käufliches Schurkengelichter. (…) / Ein dicker Bonze, gefräßig und faul, / Die Arbeiterschaft verachtend, / Die Pfeife lose im hängenden Maul, / So saß er, lyrisch verschmachtend. / Als Hitler kam an die Macht, ganz klar, / Da konnt er nicht schnell genug laufen. / Er bot seinen Preis. Mit Haut und Haar / Tat sich der Lump verkaufen. / Gebt einen Tritt dem verlumpten Subjekt!“ (DL, 242f.)

Statt scheinlinker „Arme Leute-Literatur“ hat Becher die Arbeiterkorrespondenten und junge proletarische Schriftsteller unterstützt. Karl Grünbergs „Brennende Ruhr“ würdigt Becher 1929 als eine Geschichte der ersten „Roten Armee“ in Deutschland 1920: „Karl Grünberg ist ein proletarischer Dichter. Er sieht und gestaltet die Welt vom Standpunkt des Proletariats aus. Er hat nicht die gepolsterte Ruhe, um seine Sätze zu feilen und sie zu biegen, sie vibrieren und klingen zu lassen. Roh und ungeschlacht kommt er daher, haut und fetzt Worte hin, manche Gestalten sind unausgeglichen, nur leidliche Bruchstücke.“[11]

Gleichzeitig beschreibt Becher etwa Emil Ginkel als einen „Dichter der Arbeiterklasse“: „Ginkel ist ein Dichter der Arbeiterklasse. Er gehört zu den wenigen Dichtern, die, aus dem Proletariat stammend, dem Proletariat treu geblieben sind“. Die Gedichte von Ginkel zeigen, dass die revolutionären Schriftsteller über die „Agitations-Poesie“ hinausgelangt sind. Auch wenn allein „oberflächlich hingehauene“ Agitationslyrik, die tägliche „proletarische Literaturform“ von „Arbeiterkorrespondenten und von Zellenzeitungen“ unentbehrlich sind, gilt für Becher: „Auch ‚Losungen‘ müssen gestaltet sein. Kunst ist Waffe, desto brauchbarer für uns und desto gefährlicher für den Klassenfeind, je vollendeter sie gehandhabt wird.“[12]

Über den Gedichtband „Fabriken, Gruben“ des jahrelang arbeitslosen oberschlesischen Jungkommunisten Wilhelm Tkaczyk notiert Becher 1932 in der „Linkskurve“: „Er lebt als proletarisch-revolutionärer Dichter innerhalb der kapitalistischen Gesellschaftsordnung in Not und Namenlosigkeit. Seine Dichtung ist reichhaltig und kühn, das tiefe und gewaltige Thema des Klassenkampfes wird in ihr nicht schematisch heruntergeleiert, es versackt nicht in Deklamation und allgemeinem Geschwätz, die Schwierigkeiten und Widersprüche der revolutionären Bewegung werden mit dichterischen Mitteln gestaltet, Prozesse werden gezeigt und nicht nur Resultate ‚hurra-proletarisch’ hingehauen.“[13]

In den literaturtheoretischen Kontroversen innerhalb des BPRS nahm Becher bis hin zur ns-faschistischen Machtübernahme 1933 widersprüchlich Stellung. Eindeutig war nur seine Ablehnung des „literarischen Trotzkismus“, also der These von der Unmöglichkeit sozialistischer Kunst unter den Bedingungen einer kapitalistischen Warengesellschaft.[14] Georg Lukács‘ Nähe zu den ästhetischen Kategorien des bürgerlichen Realismus und seiner „Verhimmelung“ der bürgerlichen Romanform (Balzac, Tolstoi, Thomas Mann) folgte Becher nur sehr distanziert. Die sozialistische Massenliteratur dürfe nicht von einem „hartnäckigen Festhalten an einem Qualitätsbegriff, der der bürgerlichen ästhetischen Rumpelkammer entnommen ist“, behindert werden.

Weder stimmte Becher Lukács Kritik am proletarischen „Kolportageroman“ (eines Willi Bredel oder Ernst Ottwalt) noch dessen Ablehnung der literarischen Avantgarde zu. Ohne Sergej Tretjakov, Erwin Piscator oder Bert Brecht zuzustimmen, will Becher Techniken wie Reportage, Montage, formale Sprachexperimente, Durchbrechung der Erzählzeit nicht ausgeschlossen wissen.

Der „rechte Fehler“ einer Überschätzung des bürgerlichen Erbes schien Becher genauso schädlich wie die Flucht in eine plumpe „pseudospontane“ Agitprop-Haltung. Die proletarische Literatur schwanke zu sehr zwischen den Extremen von rechter Überschätzung der „Form“ und linker Anbetung des „Inhalts“. Becher verteidigte die Stellung von Arbeiterkorrespondenten. Er protestierte gegen intellektuelle Geringschätzung der „Roten Eine-Mark-Roman“-Reihe.

Vor allem darf die Arbeiterklasse nicht der bürgerlichen Schund-Indoktrination überlassen werden, wobei es verfehlt wäre, dem einfach mit proletarischen „Schundromanen“

entgegenzuwirken: „Man kann nicht einfach arbeiten nach der Methode des geringsten Widerstands; Schund und Schmutz, rot gefärbt – und wir haben, was wir wollen.“[15]

Während eine BPRS-Gruppe das bürgerliche Kulturerbe kritiklos überschätzt, findet sich am linken Gegenpol nach Becher eine „hurraproletarische Stimmung“, ausgehend von „der Entgegensetzung von Inhalt und Form, wobei der Inhalt an sich schon alles und die Form nur ein Notbehelf ist, in der Verneinung des Erbes, in der Auffassung, dass die Aufgabe unserer Literatur ausschließlich in der Belieferung der Tagespresse mit Reportagen und Publizistik, in der Belieferung der Agitprop-Truppen mit Material, in Versammlungstätigkeit und Protestaktionen bestehe.“[16]

„Klassenschlachten“ – Deutsche und österreichische Arbeiterkämpfe 1918-1934

Becher lässt im „Deutschlandlied“, auf dem Weg in die Emigration 1933/34, die Klassenkämpfe seit 1918, den „Spartakusaufstand“ 1919, die Münchner Räterepublik 1919, die Kämpfe der Roten Ruhrarmee 1920, den mitteldeutschen Aufstand mit den Leuna-Kämpfen 1921 oder die Hamburger Barrikadenschlacht im Oktober 1923 vorbeiziehen.

Den antifaschistischen Kampf der deutschen Arbeiter sieht Becher als „Heldenlied im Gedächtnis der Völker“ eingeschrieben. Er erinnert an die Pariser Kommune von 1871: „Nicht auf Helden billig geschminkt, / Im Rampenlicht einer Bühne, / Standen sie, von Gewehren umringt, / Die Helden der Pariser Kommune. / Sie gingen wie eine leuchtende Spur / Durch die tobende Spießermasse / Und riefen: ‚Es lebe die Diktatur – / Die Diktatur der Arbeiterklasse!‘“ (DL, 248)[17]

An Heinrich Heines Pariser Exil erinnert Becher 1933 in der französischen Hauptstadt angekommen, Heine als Freund von Marx und Engels, als ein Sympathisant der emigrierten deutschen kommunistischen Wandergesellen: „Du warst bekannt mit Karl Marx und gabst / Bestimmt grad darin dein Bestes, / Wo dein Gedicht zu donnern beginnt / Wie die Sätze des Manifestes. / Und als ich das ‚Wintermärchen’ las, / Da ist es mir gewesen, / Als hörte ich – gedichtet zwar – / Manche Stelle der Feuerbach-Thesen.“ (DL, 227)[18]

Becher versucht Friedrich Hölderlin aus dem Griff des Faschismus zu retten: „Es war in Paris, da traf ich auch / Einen Dichter – ihr werdet staunen -, / Denn sie versuchen im Dritten Reich / Als den ihren ihn auszuposaunen. / Doch hat er über die Deutschen zuviel / Gesagt, man muss es nur lesen, / Denn Friedrich Hölderlin wär bestimmt / Kein Hakenkreuzdichter gewesen.“ (DL, 228)

„Spartakus“, Berlin 1918/19

Beim Abschied aus Deutschland notiert Becher über die gescheiterte „Novemberrevolution“, über den Berliner Jänner-Aufstand 1919: „Berlin. Ich sehe Karl Liebknecht hoch / Auf einem Auto unter den Linden, / Hundertausende Arbeiter folgen ihm / Mit Gewehren und roten Binden.“ (DL 179)

Bereits 1924 hatte Becher in der dramatischen Dichtung „Arbeiter, Bauern, Soldaten“ in expressionistisch stilisierter, rhythmisch von Massenchören vorgetragener Sprache an die Matrosenrevolten des Herbst 1918 erinnert: „Kameraden! Kameraden! / In allen Städten, in allen Städten, / Überall in der Heimat, / Rote Fahnen wehn, / Rote Fahnen wehn.“ Der Soldatenchor antwortet den Boten aus dem Hinterland: „Krieg dem Krieg!“ Die Soldaten „reißen sich die Offizierszeichen gegenseitig ab“. Sie „stecken sich rote Kokarden an.“

Becher sieht, ähnlich Ludwig Renn in seinem Roman „Nachkrieg“, wie die Soldaten- und Arbeiterräte schnell von kleinbürgerlichen Elementen sabotiert werden. Er sieht, dass der weiße Terror schon früh die Liquidierung der Revolution vorbereitet hat. So beklagt die schattenhaft an Rosa Luxemburg erinnernde „Führerin“ den fehlenden revolutionären Gegenterror: „O ich begreife. / Langsam begreife ich … / In die Soldatenräte eingeschlichen. / Die Bewegung gebremst … / So ist es allemal, / Wenn man nicht rechtzeitig an die Wand stellt… / Geschontes Blut bei ihnen / Blutströme bei uns …“[19]

Becher gibt die Hetzparolen des sozialdemokratischen „Vorwärts“ vom Jänner 1919 gegen Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg wider: „Vielhundert Tote in einer Reih. / Proletarier! / Karl, Rosa, Radek und Kumpanei / ‘s ist keiner dabei! / Proletarier!“

Ein Spießbürgerpöbel hetzt zum Mord an Liebknecht und Luxemburg: „Erschlagt sie! Bringt sie um! Schlagt dem Luder mit dem Gewehrkolben den Schädel ein … Hier eine Million setze ich auf ihren Kopf … Wer will sich’s verdienen? … Leicht verdient, was!! … Eine Handbewegung nur … Schluss mit ihr ... In den Landwehrkanal! Ab damit …“

Der sozialdemokratische Minister Gustav Noske tritt in einer Gesellschaft von Freikorps-Offizieren, von „wohlbeleibten Herren (Börsianer, Spekulanten etc. etc.)“ und von „Arbeiterverrätern“ als „Bluthund“ auf: „Meinetwegen! Einer muss der Bluthund werden. Ich scheue die Verantwortung nicht.“

Später tritt ein „Chor der Sozialverräter“ auf. Er prahlt mit dem Verdienst, „den sozialistischen Klassenstaat verhindert“, den „Burgfrieden“ von 1914 neu besiegelt zu haben: „Die Bildung einer roten Garde ist einzustellen. / Ich kenne dich, du bist ein Spartakist! / Die Streiks sind Totengräber am Volk. / Neue Kurssteigerungen im Vertrauen auf Noske …“

Die verhaftete „Führerin“ deutet in der Zelle“ kurz vor ihrer Ermordung Karl Liebknechts „Trotz alledem!“ an: „Trotz alledem ... Einen einzelnen mögt ihr heute noch einkerkern, an die Wand stellen ... Der Marsch der Millionenmassen aber ist nicht aufzuhalten …“[20]

In religiösen Endzeitbildern lässt Becher in einer „großen roten Marsch-Hymne“ die Revolution wieder auferstehen: „Ein Totenchor marschiert, / Rosa und Karl inmitten.“ (ABS, 130-141, 163f., 174, 183)

In nicht mehr expressionistisch emotionalen, sondern nun schon in materialistischen Kategorien übt Becher 1925/26 in „Levisite“ Kritik am wenig organisierten Berliner Jänner-Aufstand. Der Jungproletarier Max Herse weiß, dass jede Mobilisierung ohne zentral disziplinierte Leitung im Chaos von Abenteurern und Polizeiagenten versinkt: „Wieviel Schutt spült eine Revolution herauf? Desperados, Hochstapler, Hasardeure. (…) Spitzel und Provokateure …!“ Was „da alles ins Zeug schießt: Utopien, Überradikalismus, Versöhnlertum, Menschenliebe, dummdreiste Gehässigkeit“. (Levisite, 244, 366-368)

Mitte Dezember 1918 waren die räterepublikanischen Fraktionen (Spartakisten, Revolutionäre Obleute, linke „Unabhängige“, Syndikalisten) auf dem allgemeinen deutschen Rätekongress der rechten sozialdemokratischen Mehrheit unterlegen. Die Truppen der Revolution, allen voran die Volksmarinedivision, fielen ohne politische Führung unter dem Druck der „Mehrheitssozialdemokratie“ auseinander.

Die an der Jahreswende 1918/19 gegründete KPD – in Widersprüche wie den Streit über die Teilnahme zu Wahlen an einer bürgerlichen Nationalversammlung verwickelt – warnte angesichts der wieder hoch gerüsteten paramilitärischen Verbände vor Berlin, angesichts der Isolation Berlins vom „flachen Land“ vor einem Aufstand gegen die Ebert-Regierung, so Karl Radek oder Rosa Luxemburg. Mit den am 5. Jänner 1919 einsetzenden Massenprotesten änderten sich aber die Voraussetzungen.[21]

Provokatorisch war am 4. Jänner 1919 der linkssozialistische Berliner Polizeipräsident Emil Eichhorn abgesetzt worden. Hunderttausende Arbeiter und Soldaten – begleitet von bewaffneten Roten Garden – verlangten am 5. Jänner nicht nur die Wiedereinsetzung Eichhorns, sondern die Steigerung der Aktion: den politischen Massenstreik, teilweise den Aufstand. Unter diesen Umständen stimmten auch die KPD-Vertreter Karl Liebknecht und Wilhelm Pieck dem Aufstand zum Sturz der Ebert-Regierung und der Eroberung der Macht durch das „revolutionäre Proletariat“ zu.

Der nach den Protesten des 5. Jänner 1919 eingerichtete „Revolutionsausschuss“ schätzte nicht nur die militärischen Kräfteverhältnisse falsch ein. Er war vor allem nicht in der Lage, eine klare politische Leitung zu bieten, indem er ratlos zwischen der Generalstreik-Parole, der Aufstandslosung einerseits und hilflosen „Verhandlungs“-Lösungen schwankte. Er verlor sich in endlosen Beratungen, so Rosa Luxemburg am 7. Jänner 1919 in der „Roten Fahne“: „Wer die gestrige Massendemonstration in der Siegesallee miterlebt hat, wer diese felsenfeste revolutionäre Überzeugung, diese prächtige Stimmung, diese Tatkraft, die aus den Massen strömte, mit gespürt hat, der musste zu dem Schluss gelangen: Die Proletarier sind durch die Schule der letzten Wochen, der jüngsten Ereignisse politisch enorm gewachsen. (…) Sind aber ihre Führer, die ausführenden Organe ihres Willens, auf der Höhe? Sind die revolutionären Obleute und Vertrauensleute der Großbetriebe, sind die radikalen Elemente der USP inzwischen an Tatkraft, Entschlussfähigkeit gewachsen? Hat ihre Aktionsfähigkeit mit der wachsenden Energie der Massen Schritt gehalten? Wir befürchten, diese Frage nicht mit einem glatten Ja beantworten zu können.“[22]

Mit dem Sturm der „Freikorps“ auf das besetzte „Vorwärts“-Gebäude waren die rätesozialistischen Kräfte am 11. Jänner besiegt. Über Berlin wurde vom Noske-Regime ein brutaler Belagerungszustand verhängt. Becher beschreibt die Tage zwischen dem 4. und 11. Jänner 1919 in „Levisite“. Der Revolution fehlt jede planmäßige Organisation. Die Konterrevolution ist hochgerüstet: „Vom Roland bis zur Viktoria standen die Massen Kopf an Kopf. Bis weit hinein in den Tiergarten standen sie. Sie hatten ihre Waffen mitgebracht, sie ließen ihre roten Banner wehen. (…) Eine Armee von zweihunderttausend Mann. Und da geschah das Unerhörte. Die Massen standen von neun Uhr früh an in Kälte und Nebel. Und irgendwo saßen die Führer und berieten. Der Nebel stieg, und die Massen standen weiter. Aber die Führer berieten. Der Mittag kam, und dazu die Kälte, der Hunger. Und die Führer berieten. (…) Im Marstall hatten sie beraten, dann gingen sie weiter ins Polizeipräsidium und berieten weiter. Draußen die Proletarier auf dem leeren Alexanderplatz, die Knarre in der Hand, mit leichten und schweren Maschinengewehren. Und drinnen berieten die Führer. Im Präsidium wurden die Geschütze klargemacht, Matrosen standen an jeder Ecke der Gänge, im Vorderzimmer ein Gewimmel, Soldaten, Matrosen, Proletarier. Und drinnen saßen die Führer und berieten. Sie saßen den ganzen Abend und saßen die ganze Nacht und berieten, sie saßen am nächsten Morgen, als der Tag graute, teils noch, teils wieder, und berieten. Und wieder zogen die Scharen in die Siegesallee, und noch saßen die Führer und berieten.“

Das Scheitern lag aber nicht nur am subjektiven Versagen der Vertrauensleute. Es lag vor allem am Mangel einer revolutionären Vorhut der Arbeiterklasse: „Nur war es mehr eine Frage der Führung als der einzelnen Führer, es war die Partei, die fehlte. Die Konterrevolution aber arbeitete indessen nach einem einheitlichen Plan. Sie rechnete nicht nur mit Berlin, sondern mit dem ganzen Reiche. Ein Werbebüro nach dem andern wird eingerichtet, auf Lastautomobilen werden Waffen herbeigefahren. Kraftwagen aus Kasernen und Depots, ein ganzer Park von Fuhrwerken wird in Dahlem zusammengestellt, wohin inzwischen Noske und Oberst Reinhardt aus Berlin geflüchtet sind. Nach drei Tagen schon glich die Gegend einem Kriegslager.“ (Levisite, 368f.)

Münchner Räterepublik 1919: Eugen Leviné

Die Erinnerung an die Münchner Räterepublik kreist bei Becher um den im Sommer 1919 hingerichteten Eugen Leviné, den Protagonisten der zweiten roten Münchner Republik, die Anfang Mai 1919 von weißgardistischen Truppen liquidiert worden war: „München. Es spricht Eugen Leviné. / Wie einfach er spricht und entschieden! / Es stehen auf dem Odeonsplatz / Lastwagen, Gewehrpyramiden.“ (DL, 179)

Peter Friedjung, Hauptfigur in Bechers „Levisite“, 1923 aus Enttäuschung über die Hohlheit der rechten „Schlageter“-Demagogie aus der Welt der reaktionären Freikorps und der schlagenden Studentenverbindungen zu „den Roten“ übergegangen, wird Mitte der zwanziger Jahre während eines Generalstreiks schwer verletzt verhaftet: „Der Erste Mai: ein Welt-Kampftag! Aufmarsch der Vaterländischen Verbände. Rote Gegendemonstration. Provokateure an der Arbeit. Ein Blutbad – Am Abend des Ersten Mai.“

In seiner Zelle liest Peter Friedjung die letzten Gefängnis-Notizen von Eugen Leviné, die 1919 in Berlin in der Sammlung „Ahasver, Rede vor Gericht“ erschienen waren. (Levisite, 227ff.)[23]

Rote Ruhrarmee 1920 – Leuna 1921

Zum Kampf der Roten Ruhrarmee 1920 merkt Becher 1933 an: „Essen. Wie hast du im Kapp-Putsch dich / Erhoben und griffst nach den Waffen / Und hast mit den Städten an der Ruhr / Eine Rote Armee geschaffen.“ (DL, 179)

Becher waren die sozialrevolutionären, von weißem Terror niedergeschlagenen Arbeiterkämpfe aus „Rote Eine-Mark“-Romanen wie Carl Grünbergs „Brennender Ruhr“ oder Hans Marchwitzas „Sturm auf Essen“ bekannt.[24]

In ähnlichen Zeilen erinnert Becher an den mitteldeutschen Arbeiteraufstand vom März 1921, an die aussichtlose Verteidigung des Leuna-Werks: „Leuna. Wie hab ich das Heldentum / Der Leuna-Kulis bewundert! / Sie hielten das Werk viele Tage lang, / Und einer stand gegen hundert!“ Becher kannte Berta Lasks „Leuna“-Drama.

An die „rote Ruhr“ hatte Becher schon in „Levisite“ erinnert. In apokalyptischen Revolutionsbildern steht der Kampf der geschlagenen Roten Ruhrarmee vor Augen: „Die Rote Armee zog damals von Stadt zu Stadt. Hals über Kopf rückte die Reichswehr ab. Das rote Banner flog – (…) Rote Soldaten stiegen aus den Gruben, warfen sich, wo noch eine Lücke war, in die Rote Front … Das ganze Bergwerksrevier marschiert. Das ganze Bergwerksrevier kämpfte seinen bewaffneten Aufstand. So war es. So wird es wieder sein. Grab an Grab, Schächte, in denen Tausende verschüttet, erstickt, zermalmt worden sind, Schlachtäcker des Bürgerkriegs, gedüngt mit proletarischem Heldenblut: das ist westfälischer Boden.“ (Levisite, 68f., 74f.)

„Roter Oktober 1923“: Hamburger Aufstand

Becher erinnert angesichts der „relativen Stabilisierung“ des Kapitalismus an das vorläufige Ende der proletarischen Revolutionshoffnung nach der Niederlage im Oktober 1923. Dem niedergeschlagenen Aufstand von Hamburg widmete Becher 1933/34 die Zeilen: „Hamburg, du Barrikadenstadt, / Wann wirst du dich strecken und dehnen, / Dann reißen die Straßen mitten entzwei, / Und es heulen Sturm die Sirenen?! …“ (DL, 179)

Der Hamburger Barrikadenkampf, Ende Oktober 1923, von der KPD ausgerufen als Generalstreik und Aufstand gegen die Unterdrückung der mitteldeutschen Arbeiterregierungen war isoliert geblieben. Seine Niederschlagung markiert nicht nur das Ende des Roten Oktober 1923, sondern auch das Ende eines Zyklus 1918 einsetzender sozialrevolutionärer Kämpfe. Er mündet in der vorübergehenden Illegalisierung der KPD, in revolutionärer Ebbe und Depression.[25]

Über weite Teile des Landes wird der Ausnahmezustand, ein militärdiktatorisches Regime verhängt: „Seit den Hamburger Barrikadenkämpfen ... Kollegen hatten sich‘s ja erzählt. Man fühlte sich seiner eigentlich nicht mehr recht sicher …“

In der Novelle „Vorwärts, du rote Front!“ beschreibt Becher 1924 den Hass der „Extrablätter“: „Aufstand niedergeworfen … Kommunistische Haufen zerstreut … Truppen einmarschiert … Freude, Dankbarkeit der vom ‚Roten Terror befreiten Bevölkerung …“ Weißgardisten belagern Arbeiterviertel. Es herrscht Pogromstimmung gegen kommunistische Arbeiter: „Darauf erfolgt die Besetzung der Unruheherde (Volkshäuser, Gewerkschaftshäuser, sozialistische und kommunistische Parteibureaus) durch die Truppe.“

In biblischen Bildern gestaltet Becher 1924 den Befreiungskampf des Proletariats als Passion der Kreuzwegstationen, als Erlösungskampf: „So vollendet die Menschheit ihren jahrtausendelangen Weg, voll von Blutlachen, Marterpfählen und turmhoch geschichteten pestqualmenden Leichenhaufen, gespenstischen Gedenkrunen ihrer eigenen Gefangenschaft.“

Becher zeichnet das Bild von „vogelfreien Kommunisten“. Ein Arbeitermädchen namens Bärbele, ein „Seminarist“, also ein religiös sozialistischer Theologiestudent, werden bestialisch ermordet, ihre Leichen verstümmelt, „gefallen auf dem internationalen Blutacker des Bürgerkriegs, gefallen im Dienste der sozialen Revolution“, auf „den Schlachtfeldern des Klassenkampfs, so auch der „Genosse Zuckmaier“, einer „der ältesten Kämpfer der proletarischen Armee“ und weitere „im Leichenschauhaus aufgeschichtete Arbeiter“, „zu einer einzigen Leibermasse eingeschmolzen“: so der „Genosse Aloisius Grindlhuber, ein geborener Urbayer, mit vielen Gefängnisjahren dekoriert, zuletzt Leiter eines internationalen sozialistischen Korrespondenzbureaus“, die Genossinnen vom „roten Samariterdienst: die Genossin Eva Weißmantel, ‚auf der Flucht erschossen‘.“[26]

Max Herse fragt Peter Friedjung: Wann stopfen wir Proleten den „höchst ehrenwerten Herrschaften“ das Maul? In den Monaten der Illegalität nach dem gescheiterten Herbstaufstand 1923 gelten kommunistische Proleten als rechtloses Gesindel. Auch Peter Friedjung und Max Herse werden brutal zusammengeschlagen und verhaftet: „Auch an einer Gruppe von ‚Vaterländischen‘ kam [Max] vorbei, sie unterhielten sich angeregt und laut, da sie in größerer Anzahl beisammen standen. (…) Es waren breit aufgedunsene und verfettete Gesichter, aber auch scharf geschnittene Profile waren darunter, richtige Galgenvögel- und Mördervisagen. ‚Den Arbeiterschweinen wird jetzt gründlich der Garaus gemacht werden‘, quietschte einer. Er hatte dünne Beinchen und trug eine Gymnasiastenmütze. (…) Es waren meist, wie sich Max schnell vergewisserte, Reserveoffiziere, Studenten, Fabrikantensöhne, Angestellte, aber wenig, und hie und da auch noch ein wütiger Kleinbürger. Die gaben kein Pardon.“ (Levisite, 268f.)

Peter Friedjung, 1923 aus der Welt der völkischen Studentenkorps geflüchtet, und Max Herse, nach sozialdemokratischen Jahren auf dem Weg zur KPD, haben immer wieder Versammlungen der SPD, in denen sozialdemokratische Schicksalsergebenheit in den Kapitalismus gepredigt wird, besucht: „‘Ja, aber meine Herrschaften!‘ rief der [sozialdemokratische] Referent aus, als sich aus einer Saalecke heraus wieder Widerspruch bemerkbar machte. ‚Wir leben eben nun einmal in einer kapitalistischen Gesellschaft, und ich kann nicht, so gern ich auch möchte, sie heute auf morgen wegpusten. So heißt es also, sich so gut es geht mit dieser Tatsache abzufinden und sich so häuslich wie irgend nur möglich in dieser Gesellschaft einzurichten. … Gedulden Sie sich, warten Sie ab, bitte, alles zu seiner Zeit…‘“ (Levisite, 87f.)

Der Sozialdemokratie werfen Friedjung und Herse vor, die Einheitsfront der Arbeiterparteien zu sabotieren. Mit ein wenig antimonarchistischer Stimmungsmache und flacher Republik-Agitation gibt sich die Sozialdemokratie zufrieden. Das Absingen der Internationale kann den Opportunismus nicht verdecken. Kommunistische „Störenfriede“ antworten mit Rufen wie „Arbeiterverräter“, „Burgfriede“. Die Partei von Friedrich Ebert und Karl Kautsky hat mit ihrer „Pour le mérite“ würdigen Zustimmung zu den Kriegskrediten 1914 das Erbe des antiimperialistischen Kampfes von Karl Marx, Friedrich Engels, August Bebel und von Wilhelm Liebknecht aus den Jahren des preußisch-französischen Krieges 1870/71 und damit auch die Erinnerung an die internationale Solidarität mit der Pariser Kommune verraten. (Levisite, 106f.)

Der Jungarbeiter Max Herse beobachtet, wie in sozialdemokratischen Versammlungen wie selbstverständlich von der Überholtheit des Klassenkampfs, sogar von so genannten deutschen nationalen Interessen die Rede ist: „Wir Sozialdemokraten vertreten die Gesamtheit der Nation, wir vertreten die Interessen aller Bevölkerungskreise, das Wort ‚Klassenkampf‘ ist überhaupt veraltet und wissenschaftlich bereits längst überholt … Also: mit dieser kommunistischen infamierenden Klassenhetze haben wir Sozialdemokraten nichts gemein.“ (Levisite, 113)

Max Herse und seine Freundin Lene, nun am 1. Mai bei den Roten Frontkämpfer marschierend, verachten 1925 das sozialdemokratische Biedermeier: „Und morgen ist der Erste Mai … Ach, Max, wenn ich an die Maifeiern bei der SPD denke, mir wird bei der Erinnerung noch ganz übel ... Die vielstimmigen schmalzigen Männerchöre und die Reigentänze … Dieses ganze ‚Jupudei, Jupudei‘. Einmal haben wir sogar aufgeführt: ‚Sah ein Knab ein Röslein stehn…‘ Und dann die Umzüge: im Gehrock, die Angströhre aufgestülpt, den Zylinder, mit roter Schärpe um, und die Blechmusik an der Spitze: Tschindarassa ... Es war wirklich ein schöner, gemütlich-biederer sozialdemokratischer Bußbrüder- und Betschwesternverein.“ (Levisite, 247f.)

Der „Präsident der Republik“ wird als Tattergreis geschildert, dem Beamte Reden und Dokumente unterschieben, die er stockend verliest, so u.a. „Mein Bestreben bleibt es auch heute, die Klassengegensätze zu mildern, ich reiche darum erneut jedem Deutschen feierlich die Hand.“ (Levisite, 274)[27]

Umgekehrt wird Max Herse von seinen ehemaligen sozialdemokratischen Genossen hart

angegriffen: „Jüngelchen in kurzen Hosen, noch nicht trocken hinter den Ohren, Novembersozialisten, Dienstzeit: insgesamt drei Jahre Arbeiterbewegung höchstens. Aber das Maul um so voller mit Phrasen, mit revolutionären Scheinparolen, und wenn es mal losgeht, ebenso die Hosen voll. … Nur ein Lastkraftwagen mit Schupo …und heidi, heida, verschwunden schon sind sie …“ (Levisite, 124)

Die Welt der „Kultur-Philister“ in ihren „Parasitennestern“ steht gegen die Hölle der „stickicht qualmenden Fabrikräume“: „Beim Granatendrehen der Proletarierfrauen, der Proletarierkinder. Beim Kartoffelstehlen und auf den Heringspolonaisen – Beim Tage- und nächtelangen Anstehen der Arbeiterfrauen vor den Lebensmittelgeschäften. Im verzweiflungsvollen Schluchzen von Millionen der ihrer Männer im imperialistischen Weltkrieg beraubten Arbeiterwitwen …“ (Levisite 327)

Becher deutet die Lenin-Motive von einer durch (koloniale) „Extraprofite“ korrumpierten (Fach-) Arbeiteraristokratie, den kapitalistischen Krisenzyklus an: „Auseinanderfallen der Weltwirtschaft. Unfähigkeit des Kapitalismus, irgendeines der großen internationalen Probleme zu lösen. Valuta-Chaos. Unlösbarkeit der Reparationsfrage. Verschärfte Krisenperiode, Einengung des Weltmarktes. Uneinheitlichkeit der Konjunktur. Unerträgliche Spannung zwischen Produktionsverhältnissen und Produktivkräften.“ (Levisite, 294)

Revolution bedeutet nicht expressionistisches Pathos und Scheinheldentum. Revolution bedeutet täglichen Kleinkram, Ankämpfen gegen Demoralisierung, gegen Desorganisation, gegen liquidatorische, opportunistisch reformistische Stimmungen, bedeutet Zettelkleben, Flugblätter verteilen, Nicht-Organisierte ansprechen, bedeutet Handeln unter legalen und illegalen Vorzeichen zugleich: „Denn Revolution bedeutet nicht nur gefühlsmäßige, begeisterungsflammende Hingabe an das revolutionäre Ideal. Damit ist bei weitem noch nicht alles getan. Revolution ist nicht nur der bewaffnete Aufstand, ist nicht nur das Stadium des Emporflammens der Massen-Empörung, Revolution bedeutet auch kleine zermürbende Parteiarbeit. Revolution ist auch die Klebekolonne. Revolution sind auch leere Versammlungen. Revolution ist Legalität und Illegalität.“ (Levisite, 353)

Wien: Februar 1934

Wie viele antifaschistische Schriftsteller – so Anna Seghers, Friedrich Wolf, Bertolt Brecht, Oskar Maria Graf, Willi Bredel oder Jura Soyfer – verfolgte Becher den Aufstandsversuch der österreichischen Arbeiter, des sozialistischen Schutzbundes am 12. Februar 1934 in Wien, mit seiner Vorgeschichte, den zaudernd kampfunwilligen „Austromarxisten“, der defensiv vor dem katholischen Dollfuß-Faschismus zurückweichenden, sich in die parlamentarische Legalität flüchtenden österreichischen Sozialdemokratie: „Der Schutzbund hatte zwar Waffen, doch / Ließ er täglich sie sich konfiszieren, / Es war nicht ermutigend, auf diese Art / Täglich den Kampf zu verlieren.“ (DL, 167)

Die Beobachtung der Exponenten der österreichischen Sozialdemokratie verlief für Becher im Herbst 1933 ernüchternd. Becher fühlt sich an die deutsche Sozialdemokratie erinnert: „Ich sprach in Wien mit Julius Deutsch, / Er schien mir ziemlich belemmert. / Er sprach vom ‚tragischen Schicksalsschlag’ / Und wie das Schicksal ihn hämmert. / Die Bauer und Renner und Luitpold Stern / Und wie sie alle heißen – / Ich merkt’s ihnen an, sie täten gern / Wie Grzesinski nach China reisen.“

Der Heimwehrfaschismus um Ernst Rüdiger Starhemberg hingegen plant gezielt das Auslöschen des Roten Wien: „Es war gerad Katholikentag. / Viele zogen einher dollfüßig. / Fürst Starhemberg auf der Lauer lag, / Er war nicht gerade müßig. / Er drohte hinauf zum Rathaus und schrie: / ‚Brecht endlich die Trutzburg der Roten!’ / Er drohte umsonst. Es hatten die / Bereits sich selber verboten …“ (DL, 239)

Zu den mutigen, aber isoliert bleibenden Schutzbundaufständen des 12. Februar 1934 hält Becher fest: „Es standen die Arbeiter auf in Wien / Mit Greisen, Frauen und Kindern. / Von Floridsdorf rief es bis Ottakring: ‚Tod den Schergen und Schindern!’ / Es standen die Arbeiter auf in Steyr, / In Bruck an der Mur und in Gmunden, / Sie hatten Gewehre, genügend an Zahl, / Noch in den Verstecken gefunden. / Der Schutzbundprolet, der Kommunist / Schlossen die Reihen fester. / Sie rissen Schienen und Straßen auf / Und bauten Scharfschützennester. / Sie stürmten in Steyr die Waffenfabrik / Und haben die Lastkraftwagen / - es flogen Starhembergs Kugeln dicht – / Mit Panzerblech ausgeschlagen. / Herr Dollfuß zog sich eilig zurück / In sein Regierungsviertel / Und umgab sich mit hohem Stacheldraht / Und einem Truppengürtel.“

Becher schildert nicht nur die militärische Gewalt gegen die Arbeiter, die Panzerzüge und Artilleriegeschütze gegen die Wiener Arbeiterwohnhäuser: „Die ‚Herren der Lage’ riefen herbei / - es waren gezählt ihre Tage – / Geschütze, Bomben, Minen und Gas / Zwecks besserer Beherrschung der Lage. / Sie unterminierten die Häuser und / Schossen hinein mit Geschützen, / Sie warfen Bomben vom Flugzeug, um / Die Häuser entzweizuschlitzen.“

Becher schildert auch die blutige Ausnahmejustiz gegen zahlreiche Schutzbündler, so die Hinrichtung des schwer verwundeten Karl Münichreiter, Schutzbundkommandant von Wien-Hietzing: „Sie richteten dutzende Galgen auf / Und beorderten Feldgerichte. / Die Hoffnung, auf den Galgen gesetzt, / Ging ebenfalls bald zunichte. / Einen schwerverwundeten Schutzbundmann / Hoben sie auf die Leiter / Und knüpften den Strick um seinen Hals – / Der Gehenkte hieß Münichreiter.“ (DL, 273-275)[28]

Bechers Roman „Abschied“: Über Sozialisten hassendes (Klein-) Bürgertum, über eine im Sog irrationaler, imperialistischer Ideologien schwankende Sozialdemokratie

Im zwischen 1900 und dem Kriegsausbruch 1914 angesiedelten Roman „Abschied“ tritt die Arbeiterklasse nur im Hintergrund auf. Im Vordergrund stehen die vor Abstiegsängsten in eine irrational reaktionäre Welt flüchtenden Bürgerschichten.

Staatsanwalt Gastl: Reaktionärer Sozialistenhasser, die Welt des bürgerlichen Irrationalismus

Heinrich Gastl, der Vater des Ich-Erzählers Hans Gastl, hat sich als Bauernbub in das Milieu der Corps-Studenten hinaufgearbeitet. Er zählt als gefürchteter Staatsanwalt zu den Dienercliquen des wilhelminischen Obrigkeitsstaats. Er leidet aber darunter, dass er nur dem Dienstalter entsprechend vorrückt, nie eine außerordentliche Beförderung erfährt. Er fühlt sich verkannt. Er studiert deshalb täglich die Zeitungen, ob sich nicht doch versteckt eine Meldung von einer Ordensverleihung an ihn findet. Aus seiner öden Routinekarriere will er durch geistloses Basteln an einem mehrbändigen „bayerischen Landeszivilrecht“ ausbrechen. Viel erinnert an Heinrich Manns „Untertan“.

Innerhalb der Familie Gastl wahrt nur die alte Großmutter so etwas wie das Erbe des bürgerlich demokratischen Humanismus. Sehr zum Ärger ihrer Familie lässt sie sich nach ihrem Tod verbrennen. Ihre Familie unternimmt alles, um ihr fälschlich eine alldeutsch reaktionäre Gesinnung nachzudichten. Ihre Tochter, Hans Gastls Mutter, flüchtet in Welt der illustrierten Blätter. Am Rande wird immer wieder – je nach Standpunkt leicht naserümpfend, zumeist aber ehrerbietig – über Richard Wagner oder Friedrich Nietzsche debattiert. (Abschied, 228-230, 298)

Staatsanwalt Gastl, Inbegriff der wilhelminischen Klassenjustiz, spiegelt seine Wut auf die Sozialdemokratie. Die Aufhebung des Sozialistenverbots 1890 bleibt ihm unverständlich. Er ist schwer irritiert, als ein mit ihm befreundeter Oberstleutnant meint, die Sozialdemokratie entwickle sich harmlos reformistisch, sozialpazifistisch. Sie werde im Kriegsfall den „Burgfrieden“ schließen. August Bebel habe ja sogar gesagt, gegen den russischen Zaren ziehe er selbst noch in den Krieg.

Unter dem Weihnachtsbaum von 1913 erklärt Oberstleutnant Bonnet: „‚Ich für meinen Teil schlüge vor, die Führer am Kriege teilnehmen und sie die Kriegskredite bewilligen zu lassen.’ ‚Da kennen Sie die Führer schlecht’ nickte der Vater zugleich mit dem Engel. Alle Kerzen brannten. Oberstleutnant Bonnet hatte den Krapfen gekostet und machte eine Verbeugung vor der Mutter: ‚Prima, gnädige Frau, wirklich ausgezeichnet!’ – um gleich darauf zum Vater aufzublicken. ‚Wenn wir verstehen, das Volk für den Krieg zu begeistern, dann werden die Führer nachgeben. Im übrigen, soweit ich sie zu kennen glaube, werden sie bei Kriegsbeginn, mit wenigen Ausnahmen, sich daran erinnern, dass sie zunächst und vor allem Deutsche sind, besonders wenn es gegen Russland gehen sollte. Da hat ja der alte Bebel selbst gesagt: ‚Wenn es gegen den Zaren geht, nehm ich die Flinte auf den Buckel.’“

Bonnet sieht keine „rote Gefahr“. Er kann auch Gastls Illusion, in sechs Wochen in Paris einzumarschieren, nicht teilen. Er warnt vor dem Zweifrontenkrieg: „’Schon Moltke hat 1870 gewusst, dass Deutschland auf seine gefährlichste Probe gestellt würde in einem gleichzeitigen Krieg mit Frankreich und Russland!’ erwiderte Oberstleutnant Bonnet, als lege er ein Bekenntnis ab. (…) ’Meine Herren, spielen Sie nicht mit dem Krieg, der Krieg ist kein Kinderspiel!’ Oberstleutnant Bonnets Stimme klang beinahe drohend. ‚Was sagen Sie dazu’, lächelte der Vater, peinlich verlegen, ‚unser Militär ist ein Pazifist geworden und liebäugelt mit den Sozialdemokraten.’“

Staatsanwalt Gastl, der sich cholerisch und ängstlich zugleich von der proletarischen und plebejischen Welt abgrenzt, sehnt einen neuen Belagerungszustand gegen die Arbeiterbewegung herbei. Er will, dass alle sozialistischen Arbeiterführer schon im Vorfeld eines Krieges prophylaktisch interniert werden: „’Ich für meinen Teil ließe die Führer bei Kriegsausbruch gleich am ersten Tag verhaften und an die Wand stellen.’“ Für Heinrich Gastl gilt: „Wir sind zu wenig energisch!“ Weg mit dem Parlament, weg mit dem Reichstag, weg mit den „vaterlandslosen Gesellen“! (Abschied, 282f. 290, 293, 319)

Erst nach der sozialdemokratischen Zustimmung zu den „Kriegskrediten“ zeigt sich der alte Gastl im Kriegsjubel des August 1914 angesichts der abgepressten nationalen Einheit Kompromiss bereit. Er ist gerührt, dass die deutsche Sozialdemokratie „dem Ruf des Kaisers gefolgt“ ist. Er zeigt sich deshalb plötzlich versöhnlich gegenüber der sozialistischen Schneiderfamilie Hartinger. Bisher hatte er seinem Sohn jeden Umgang mit dem jungen Hartinger verboten. Umso größer ist der Schock, als sein eigener Sohn sich nicht als Kriegsfreiwilliger meldet, ja sogar zu den Gegnern des Krieges zählt! (Abschied, 413)

In „Levisite“ lobt ein Landesgerichtsrat Friedjung als ein Pendant zur Heinrich Gastl-Figur Ende 1918 die Sozialdemokratie als eine nunmehr nationale Partei: „Nun sprach auch Peter [Friedjungs] Vater: ‚Die Hauptsache ist, dass die Staatsautorität erhalten bleibt. Ich meinerseits habe bei den Sozialdemokraten seit Kriegsbeginn nichts gelesen, was der Lehre von der Unantastbarkeit des Staates zuwiderliefe. Im Gegenteil, ihre Partei hat sich während des Krieges ihre nationale Vergangenheit geschaffen!“

Seine Stammtischkumpane wollen sich aber der zur Unterdrückung der sozialrevolutionären Bewegung noch benötigten Ebert-Scheidemann-Noske SPD alsbald entledigen. Ein Oberstleutnant fällt Friedjung ins Wort: Es gelte jetzt Schritt für Schritt die bürgerliche Herrschaft wieder zu stabilisieren. Einstweilen soll man „die Sozialdemokraten regieren lassen, heimlich ihre Regierung infamieren und sie so in den weitesten Volkskreisen unmöglich machen“, um schlussendlich die „rote Hochflut“ zu liquidieren.“ (Levisite, 27f.)

Das „Anderswerden“ des Protagonisten Hans Gastl?

Georg Lukács hat Hans Gastls Bruch mit dem Bürgertum beschrieben: „Der Traum der alldeutschen Imperialisten hat sich erfüllt: der Krieg ist ausgebrochen. Der nationalistische Einheitsrausch hat fast die ganze Bevölkerung vom Kaiser bis zur Sozialdemokratie erfasst. Nur wenige Versprengte sind ‚dagegen‘, darunter der Staatsanwaltssohn Hans Gastl. Er hat jetzt seine erste wirkliche Schlacht um das ‚Anderswerden‘ geschlagen.“[29]

Nach Georg Lukács zeigt Bechers „Abschied“, wie ein Bürgersohn zum Bourgeois, zum Reaktionär geformt werden soll. Becher zeige aber an Hand der Hauptfigur Hans Gastl auch, wie demokratische Gegenkräfte wirksam werden, wenngleich langsam, widersprüchlich und mit Rückfällen verbunden: Leitmotiv des Romans sei der Kampf um ein ‚Anderswerden‘“ an Hand der „Geschichte eines jungen Menschen im wilhelminischen Zeitalter“ von der Jahrhundertwende 1900 bis zum Beginn des Weltkriegs.

In der Tat schwankt der junge Gastl zwischen Sehnsucht nach einem „deutschen Krieg“, zwischen militaristischen Phantasien, also zwischen der Welt der Feinde des Volkes einerseits und dem mühevollen Leben der Dienstboten, Mägde und Knechte, der sozialistischen Arbeiter, verkörpert von den Romanfiguren der Schneider-Familie Hartinger, vom Knecht Xaver oder der Hausdienerin Christine.

Er lässt sich von seinen brutalen Mitschülern immer wieder in die Welt der bürgerlichen Gewalt zurück zerren, in die Welt der Schulkameraden Feck und Freyschlag, die schon als Gymnasiasten die Phrasen von „Mit Eisen und Blut unseren Platz an der Sonne verteidigen!“ nachplappern, und die von einem Herren-Dasein im Offiziersrang träumen.

Den Weg der Rainer Feck-Figur hatte Becher schon 1926 in „Levisite“ gezeichnet, als den Weg eines knapp nach Kriegsende - dreiviertel der gemeinsamen Mitschüler sind gefallen! – am Abiturientenstammtisch mit Kriegserlebnissen prahlenden, zu Freikorps Verbrechen aufhetzenden Rohlings: „‘Peter [Friedjung]! Los! Gib dein deutsches Ehrenwort, verpfände uns deine Männerehre, dass du, wenn du nach Berlin kommst, es den Sausozialisten ordentlich einbrocken wirst … Hast du gehört von der widerlichen Hure, der Rosa Luxemburg … Feste druff, allemal, sage ich …Hoch!“ „Bürschchen“ wie Ernst Toller sollen ermordet werden. (Levisite, 31, 53)

Becher zeichnet für „Abschied“ an Hand eines in der Psychiatrie internierten Gastl-Onkels die Welt des aggressiven Irrationalismus im späten „Wilhelminismus“ vor 1914: Onkel Karl flüchtet sich in die Welt Barbarossas, der Hohenzollern, ins düster Germanische. Nicht zufällig bringt der Staatsanwalt Gastl seinem Schwager bei einem Familienbesuch dessen Lieblingsbuch, Houston Stewart Chamberlains „Die Grundlagen des XIX. Jahrhunderts“ mit. (Abschied, 83)

In „Arbeiter, Bauern, Soldaten“ (1919/1924) ziehen unablässig rasch wieder aufheulende Kriegshyänen, die von Industriekapitänen besoldeten faschistisch weißgardistischen Schlägergarden, „Herren im Paradefrack“, „verblödete Studentengesichter“, bornierte Studentenhorden, Figuren einer verelendeten „Bismarck-Jugend“ vorbei, alle bereit zu und stolz auf jeden Arbeitermord.

„Deutsche Männer“ im Frack, mit Zylinder marschieren, Gewehre geschultert, zum Begräbnis eines „völkischen Helden“: „Einige liegen unterdes anbetend vor einem Bismarck aus Pappmaché auf dem Bauch, andere lecken schmatzend einen riesigen mannshohen Kürassierstiefel. Die verschiedensten patriotischen Lieder werden schon durcheinander gesungen. Dazu meckert ein Komiker zynische, erotische Witze, betont ingrimmig die metaphysisch gegebene Schicksalsgemeinschaft zwischen Vaterland und Unterleib. Clowns im Stahlhelm, schwarz-weiß-rot tätowiert, schießen purzelbaumschlagend durch die Luft. Studenten saufen unter dem Gesang von ‚Siegreich woll‘n wir Frankreich schlagen‘ um die Wette.“ (ABS, 142, 156f.)

Becher gestaltet verkommene „Ästheten, Intellektuelle, Geistige“, alle „durch die Bank käuflich“, auch wenn sie sich als radikale Boheme geben wollen: „Einerseits schielen sie bedenklich nach der anarchischen Boheme, andererseits liebedienern sie recht geschäftig der besseren Gesellschaft … Sie glauben, keine Speichellecker zu sein, da ihr Speichel parfümiert ist ... Sie haben die Rolle, die früher die Hofnarren an den Höfen spielten, übernommen (…) Nur niemals plump auftreten, immer hinten herum, kompliziert, subtil, sensibel, kurzweg: ‚jeistig‘. … Fallbeile, Geldschränke, Kasernen usw. und andere Mordsmaschinen werden von ihnen gegen kleines Entgelt begeistert mit Malereien, Kompositionen, Gedichten und anderem poetischen Unrat dekoriert.“ (ABS, 160)

In „Levisite“ hat Becher Mitte der 1920er Jahre die bürgerliche Ideologie in die Linie des heraufziehenden Faschismus gestellt, etwa am Beispiel der Ludendorff-Verehrung: „Als Ideologen figurierten durchwegs Lumpenbourgeois, internationale Desperados, abgetakelte Offiziere; die Träger der Bewegung, die Masse waren: Studenten, Angestellte, Gymnasiasten, kleine Beamte, Lumpenproletarier, Kleinbürger.“ Im bürgerlichen Salon treffen die intellektuellen Kriegshetzer auf Zurück-zu-Gott-Schwätzer, auf „Rassendenker“, auf alle Varianten demagogischer „Lebensphilosophie“, auf Empathie lose Anhänger von Oswald Spenglers „Untergang des Abendlands“ mit ihrem Gerede vom Kommen einer „renaissancehaften Cäsarennatur“, auf professorale Anhänger des „katholischen Philosophen“ Max Scheler mit seiner Schrift über den „Genius des Krieges“, auf Mystiker, Esoteriker, Theosophen, „Naturapostel“, auf „neukatholische Universitätsprofessoren“. (Levisite, 99f., 197)[30]

Mit dem Sinken der Profitrate wächst die kulturelle Barbarei, die Korruption der Bürgerwelt: „Die Profitrate sinkt – ein panisches Gezeter: und nun lassen sie hervorstürzen aus den Zwingkäfigen ihrer Kasernen, sie, die schöngeistigen Ruhmredner auf Kultur und Zivilisation, schlimmer als Hunnenhorden, die von ihnen im Namen des Vaterlandes gedungenen Söldnertruppen, und die Garden der Streikbrecher, von Arbeiterverrätern und bornierten Gewerkschaftsvertretern kommandiert; Studenten- und Freiwilligenbataillone, durch deklassierte Offiziere, abenteuer-lüsterne Professoren und Pfaffen auf Arbeitermassacres abgerichtet.“ (Levisite, 294)

In Bechers Novelle „Vorwärts, du rote Front“ tritt 1924 eine kunstsinnige, fundamental katholische Künstlerfamilie auf, die ihre „neuromanische Prachtvilla“ als MG-Stellung gegen belagerte Arbeiter zur Verfügung stellt. (Rote Front, 338)

Der metaphysische „Blutsumpf“ der bürgerlichen Gesellschaft wird von der Zeitungsmaschinerie massenhaft verbreitet. Ganze Armeen von Intellektuellen „fabrizieren das so beliebte Volks-Opium: Aberglauben, Kulturdünkel, Verstocktheit“. (Levisite, 298, 308, 345)

Zwei Flügel der Boheme: Richard Dehmel, Erich Mühsam, Frank Wedekind u.a.?

Hans Gastl begegnet dem wegen seines Liedes vom „Arbeitsmann“ (1896) auch in sozialdemokratischen Milieus anerkannten Richard Dehmel, der vom Standpunkt eines ästhetisierenden Privatmoralismus jeden klassenkämpferischen Sozialismus ablehnt: „‚Der Sozialismus! Die Arbeiterbewegung! Aber ich weiß auch, dass der Sozialismus sich nicht verwirklichen lässt nach jenen kindisch läppischen Rezepten, wie sie von gewissen Weltverbesserern und Heilslehrern verschrieben werden …’“ Der junge Becher hat Dehmel verehrt. (Abschied, 314)

Über allen Diskussionen schwebt die Philosophie Friedrich Nietzsches als Vorlage für wilhelminische Machtphantasien vom „Übermenschen“, dabei den Sozialismus – sichtbar im Pariser Kommune-Aufstand 1871 – verachtend. Hans Gastl hat so ein „Philistergespräch“ belauscht: „Schwamm in Gedanken an dem Gespräch vorüber, das laut während einer Pause des Trios aus dem Salon drang, der Vater und Oberstleutnant Bonnet erhitzten sich über Nietzsche.“

Der Weg zahlreicher anarchistisch antibürgerlicher Intellektueller von kultureller Rebellion zum offenen Kriegschauvinismus war ein kurzer. Im Münchner Literatencafé Stephanie werden im Sommer 1914 eifrig Kriegsmanifeste fabriziert: „’Stiftet Unruhe! Erregt Skandale! Die Welt wird zu enge!’ (…) Ekstatisch wurde Weltbrand verkündet und Massensterben, daraus die Geburt einer neuen Menschheit erfolgen sollte: des Geschlechtes der Allbeherrscher. Etwas musste geschehen. Etwas … Gefährlich leben! Gefahren bestehen!“ (Abschied, 351)

Bechers Figur des Schriftstellers Dr. Hoch, Vertreter einer expressionistischen Radikalität, wird 1914 zum Bänkelsänger des deutschen Krieges. Schon zuvor hatten sich viele dieser Intellektuellen – die Arbeiterbewegung als antiquiert verachtend – in allerhand nietzscheanischen Aristokratismus geflüchtet. Als ein Mitschüler Hans Gastls, der Bürgersohn „Jüdlein“ Löwenstein die sozialistische Arbeiterbewegung verteidigen will, dröhnen die scheinbar antibürgerlichen „Lumpenintellektuellen“: „Ihre Arbeiterschaft … stumpfsinniger Massenhaufen!“ Die im militantem Gestus auftretende Intelligentsia des Cafe Stephanie verachtet die Arbeiter: „Doktor Hoch beharrte bei seiner Ansicht, dass man, unabhängig von dem Geschehen ringsum, in sich den neuen Menschen verwirklichen könne, es komme darauf an, komplexfrei zu werden und seine Verdrängungen rücksichtslos auszuleben. Er ließ des Jüdleins Einteilung der menschlichen Gesellschaft in Klassen nicht gelten, diese Einteilung selbst beruhe auf einer schweren Komplexbildung, wie alle Erlösungs- und Heilsideen auf Minderwertigkeitskomplexe zurückzuführen seien, jeder Weltverbesserer müsse zunächst sich selber analysieren, mit seiner eigenen Heilung würde er auch die Weltverbesserungspläne aufgeben. – ‚Klassen! Klassen!’ belferte Doktor Hoch los. ‚Merken Sie sich, Herr, das Geistige ist klassenlos – aber Sie leugnen das Geistige, Herr, leugnen Sie es nur …’“ Es handelte sich bei dieser „radikalen Boheme“ oft um „verrückt gewordene Spießer“, die sich viel auf ihre nicht vorhandene „Gefährlichkeit“ einbilden, dabei keine Ahnung von Armut, Hunger, Lohnschufterei haben.

Begleitet von „Deutschland, Deutschland über alles …“-Rufen „verlas der Anarchist mit einer Stimme, die einen schnarrenden Ton angenommen hatte, ein Manifest, worin er Deutschland, sein Vaterland, zu verteidigen gelobte“. Doktor Hoch schwärmt vom Krieg als dem „gewaltigsten psychischen Befreiungsakt der Menschheit“, als „heilsamste Massenentfesselung aller Komplexe“.

So ein Überläufer war aus der Sicht von Becher auch Frank Wedekind. Er „begrüßte den deutschen Einmarsch in Holland und Belgien“: Das Publikum zögerte im September 1914 während einer „Vaterländischen Feier“ angesichts seiner Kriegszustimmung, glaubte erst, es werde von Wedekind verhöhnt, zögerte deshalb mit Applaus. (Wiederanders, 594)

Nur der prekär vegetierende, stets schnorrende Sack, erinnernd an Erich Mühsam, möglicherweise auch Züge des jungen Leonhard Frank tragend, bleibt strikter Antimilitarist: „Sack winkte angeekelt mit der Hand ab. (…) Nur Sack spuckte: ‚Pfui! Pfui! Pfui!’“ (Abschied, 363, 373, 383f.)

In Bechers spätem Fragment „Wiederanders“ wird Sack als Wagemühl auftreten. In seinem Wohnloch – der „Wasserhahn tropfte wieder, auch die Dachrinne war nicht dicht und hinterließ auf dem Boden eine Pfütze“ – entwarf Wagemühl ein neues „kommunistisches Manifest“ als „homerischen Gesang“ gegen den imperialistischen Krieg. Wagemühl, der linksradikale Pazifist, einer der wenigen aus der pseudoradikalen Boheme-Szenerie, die nicht zur Kriegsverherrlichung übergelaufen waren, erklärte, „noch heute das ‚Manifest gegen den Krieg’ zu verfassen. ‚Aber man muss sich überlegen, ob dieser Titel auch richtig ist? In einem Zeitpunkt, da die deutschen Armeen von Sieg zu Sieg eilen, und, sagen wir einmal ruhig, das deutsche Volk in seiner Gesamtheit mit verschwindenden Ausnahmen von Kriegspropaganda total besoffen und unzurechnungsfähig ist, sollte man sich da nicht wie an einen tobenden Geisteskranken von rückwärts heranschleichen, um ihm die entsprechende Spritze zu verabreichen? Also nicht gleich Manifest und wider den Krieg, sondern wir geben es auch billiger, und weniger ist mehr.’“ (Wiederanders, 507, 571)

Plebejische, demokratische Übergangsfiguren? Dienstboten, Offiziersdiener, Mitschüler

Hans Gastl sympathisiert – wenngleich zögerlich - mit den Dienstboten. Die Hausdienerin Christine – immer wurden alle Mägde von den Herrschaften „Christine“ gerufen – ist vorsichtig, als der junge Hans Gastl fraternisiert. Obwohl einst Gastls Großeltern noch einen demokratischen Umgang mit dem Hauspersonal gepflegt hatten, sieht sie darin die oft bloß billige Anbiederung. Sie glaubt erst, dass „der gnädige Herr“ sich über sie lustig macht. In der Neujahrsnacht 1914 wünscht sich Christine dann doch „Friede auf Erden!“ Und Hans Gastl meint zu ihr: „‘Weißt du, Christine, was Sozialismus ist?‘ ‚Um Gottes Willen, was ist denn das?‘ ‚Eine neue Zeit bricht an! Proletarier aller Länder, vereinigt euch!‘ (…) ‚Das zwanzigste Jahrhundert ist angebrochen. Eine neue Zeit bricht an, Christine, du musst zu mir du sagen. Wir beide sind Genossen.‘“ Hans Gastl stimmt leise summend das „Wacht auf, Verdammte dieser Erde …“ der Internationale an. (Abschied, 286f.)

Der Offiziersbursche Xaver hasst das Militär. Er steht für eine „andere“ gesellschaftliche Ordnung. Er vertritt die Welt der „Nicht-Stramm-Steher“. Hans Gastl vermeint gelegentlich auf Xavers Ziehharmonika an „…. Völker, hört die Signale…“ anklingende Akkorde zu hören, so auch im Sommer 1914: „Unten im Hof saß Xaver, auf der Bank vor der Stube. Er trug Zivil, neben sich Köfferchen und Pappkarton. Am Hut steckte ein Blumenstrauß.“ Xaver lässt sich von der Kriegshetze nicht mitreißen. Er ist verlobt, ein Kind ist vielleicht unterwegs. Er kennt die Mechanismen der militärischen Ausbeutung, der Pseudovolksgemeinschaft, indem er zum jungen Gastl ironisch meint: „Ja, was hat denn der junge Herr für Anwandlungen! Na, meinetwegen. Jetzt werden ja, seit der Kaiser selber keine Parteien mehr kennt, die da oben nix mehr dagegen ham, wenn unsereins a bissel Musi macht.“ Die Mitschüler Feck und Freyschlag attackieren Hans Gastl wegen seiner „Stallburschen“-Bekanntschaft, es sei ja Krieg und nicht Revolution! (Abschied, 389f.)

Zur Abrichtung in ein Öttinger Internat gesteckt trifft Hans Gastl auf den Sohn der Försterfamilie Sieger. In den Ferien besucht er dessen Familie, die überraschenderweise alle vormilitärische Erziehung, alle Kriegsspiele ablehnt. Vater Sieger hält das Erbe der Bauernkriege hoch. Er warnt vor den Folgen eines Krieges: „Mit den Worten: ‚Gebe Gott, dass uns ein Krieg erspart bleibt!’ ging Herr Sieger uns voraus, einer Waldlichtung entgegen, auf Allerheim zu, (…).“ Auf diesem süddeutschen Schlachtfeld des Dreißigjährigem Krieges „ließ Herr Sieger eine eingehende Schilderung des grauenvollen Krieges folgen, der Deutschland nicht nur verwüstet und verarmt, zerrissen in seinem Inneren und ohnmächtig nach außen hin gemacht habe, sondern dessen Folgen auch heute noch nachwirkten, dreihundert Jahre später, in den Kriegsgelüsten und in der Herzensrohheit der Menschen, die durch eine heuchlerische Zivilisation nur zeitweilig gebändigt seien.“ Er erinnert an die Bauernkriege: „Als Herr Sieger auf die Bauernkriege zu sprechen kam, gab er der Meinung Ausdruck, dass dort eigentlich das deutsche Leid seinen Ursprung habe und der Dreißigjährige Krieg als die erste Folge des tragischen Misslingens der Bauernbewegung betrachtet werden könnte.“ (Abschied, 176f.)

Hans Gastls Mitschüler „Jüdlein“ Löwenstein kennt die fortschrittlichen Traditionen bürgerlicher Kultur und Wissenschaft. Das „Jüdlein“ spricht von Einstein, Michelson, Minkowski, von Lorentz, vom Relativitätsprinzip: „Das Jüdlein kannte die ‚Blumen des Bösen’ und beherrschte die Phänomenologie von Husserl, es entdeckte für mich Rimbaud, ich lernte ‚unerhörte Wortmischungen’ herstellen.“ Das „Jüdlein“ las Tolstoi. Unter diesem Einfluss beginnt Hans mit der heimlichen Lektüre von Ernst Haeckels „Welträtsel“. (Abschied, 240, 320, 352)[31]

Das „Jüdlein“ hing einem ethisch pazifistischen Sozialismus nach Gustav Landauer an. Löwenstein, der junge Gastl und der Arbeitersohn Franz Hartinger träumen vom Sozialismus als der Gesellschaft des vollendeten Menschen, von einer Gesellschaft ohne Krieg und Elend: „Hungersnöte und Kriegswirren gehörten einem vergangenen Zeitalter an.“ (Abschied, 333)

Über eine „Wurstzipfel“-Episode war der aus großbürgerlichem Haus stammende Gymnasiast Löwenstein zum Sozialismus gekommen: „Ja, es war ein Wurstzipfel. Die Mutter schnitt ihn ab beim Abendessen. Legte ihn auf den Teller und stellte den Teller beiseite: ‚Den Wurstzipfel isst man nicht, der könnte verdorben sein, den kriegt die Ursel. Die hat einen besseren Magen…‘ Ursel war das Dienstmädchen. Aber sie hieß gar nicht Ursel. Sie wurde nur Ursel gerufen. Jedes Dienstmädchen, das die Mutter anstellt, wird Ursel gerufen … So erfuhr ich vom Klassenkampf.“ (Abschied, 278)

1909 scharten sich die Mitschüler „um das Jüdlein, das von dem Lehrer Ferrer erzählte“, jenem „anarchistischen Lehrer, der in Barcelona einen Aufstand gemacht hatte“ und deshalb hingerichtet worden war.[32]

Zu Ostern 1914 fuhren Löwenstein und Gastl mit dem sozialistischen Jungproletarier Hartinger an den Bodensee. In Konstanz, vor dem Haus, in dem Hus gefangen geworden war, erinnerten sie sich an die Bauernkriege: „’Revolutionär sein und an Gott glauben, wie geht das zusammen?’ fragte [Hans Gastl] zögernd, denn dass Johann Hus oder Thomas Münzer Revolutionär gewesen sein sollten und zugleich an Gott geglaubt hatten, konnte ich nicht miteinander in Übereinstimmung bringen.“ (Abschied, 330)

Das Schiff – der revolutionäre Panzerkreuzer Potemkin von 1905 – erscheint in der Vorstellung der drei Reisenden: „‘Po-tem-kin‘, buchstabierte [Hans Gastl] im Traum, und Hartinger sagte: ‚Wir sind auf der Suche nach dem wahren Revolutionären, nach dem neuen Menschen.‘“ (Abschied, 334)

Das Jüdlein fordert die Freunde am Bodensee auf, Gottfried Keller, den demokratischen Schweizer Volksschriftsteller, zu lesen: „’Kennst du den ‚Grünen Heinrich’ von Gottfried Keller – nein?!’ Aber Hartinger hatte ihn gelesen. Das Jüdlein kannte die Stelle auswendig: ‚Und wenn mir jede Abendwolke eine Fahne der Unsterblichkeit, so sei mir auch jede Morgenwolke die Fahne der Weltrepublik.’“ (Abschied, 327)[33]

Zurückgekehrt wird Hans Gastl vom Zwiespalt „Strammstehen“ oder „Anderswerden“ eingeholt. Er findet sich wieder in der Welt der reaktionären Mitschüler mit ihrem Gerede von „deutscher Ordnung“ und vom „Platz an der Sonne gehört uns“, von „Eisen und Blut“. Sie verdächtigen Hans Gastl als „Abtrünnigen“.

Sozialdemokratie nach dem Fall des Sozialistenverbots: zwischen Klassenkampf und Reformismus, zwischen Antimilitarismus und „Burgfrieden“

In Bechers „Abschied“ erscheint eine Sozialdemokratie, die seit dem Auslaufen des „Sozialistenverbots“ 1890 zwischen marxistischer Klassenkampforganisation und sozialliberalem Reformverein schwankt, die das Erbe revolutionärer Kämpfe bewahrt und anderseits doch in einer Welt bürgerlicher Humanität, Philanthropie und Sentimentalität versinkt, eine Partei, die den wilhelminischen Imperialismus, das Kriegstreiben bekämpft und auf der anderen Seite in vielen ihrer Vertreter „Budgetbewilliger“ findet, die Prinzipien nach dem Motto „Kanonen für Volksrechte!“ verkaufen.

Sichtbar wird diese Entwicklung im Übergang von August Bebel zur rechten Gruppe um Friedrich Ebert knapp vor 1914, nur unzulänglich bekämpft von einer kaum organisierten Gruppe „Parteilinker“ um Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht oder Franz Mehring.[34]

Nichtsdestotrotz findet Becher für seinen Roman „Abschied“ jene bürgerlichen Figuren vor, die Hass erfüllt von einem neuen Sozialistenverbot träumen, die unablässig neue „Umsturzvorlagen“, kurz den Belagerungszustand gegen die sozialdemokratische Partei und Gewerkschaft einfordern, die in jeder harmlosen Demonstration zum 1. Mai eine Bedrohung von „Ruhe und Ordnung“ fürchten.

So verbietet Heinrich Gastl seinem Sohn unter dem Eindruck einer solchen Mai-Feier jeden Umgang mit dem Sohn des sozialistischen Schneiders Hartinger: „Gleichzeitig aber geriet der Vater auch in Wut, wenn er auf die diesjährige Erste-Mai-Feier zu sprechen kam. ‚Was ist schon dabei?!’ machte ich mein dummes Gesicht. ‚Ganz gemütlich ging es dabei zu, lass sie nur ruhig ihre Erste-Mai-Feier abhalten!’ Rote Nelken trugen sie im Knopfloch. Kinderwagen wurden mitgerollt. Pumphosen strampelten dahin, Mann und Frau auf Tandems. Der Zug, von Polizei geregelt, bot nichts Gefährliches dar, ich hätte gern eine staatsfeindliche Äußerung vernommen, aber nichts dergleichen verlautete, (…). Auseinanderhauen! Auseinanderhauen!’ schnaubte der Vater und vergriff sich an einer unschuldigen Vase, die er mit wildem Schwung zu Boden schmetterte. Ich hatte die Scherben aufzulesen, während sich die Mutter – ‚Ich halt das nicht mehr aus!’ – im Salon einschloss.“ (Abschied, 210)

Hans Gastls Schulfreund Hartinger kann nicht ins Gymnasium. Von den bürgerlichen Milieus werden die Hartingers als „gefährliche Sozi“ geschnitten: „Der Vater meinte, Hartingers wären kein Umgang für mich. Solche Leute wie diese Hartingers trügen die Schuld, wenn auf den Kaiser binnen Jahresfrist schon das zweite Attentat verübt worden sei. Den König von Italien hätten sie auf dem Gewissen, auch der Präsident von Amerika ist ermordet worden. Überall Mord und Totschlag. ‚Diese Sozis werden so lange keine Ruhe geben …’“ (Abschied, 48)

Vater Gastl kann nicht verstehen, warum Bismarck das Sozialistenverbot nicht verlängert hat: „Das Gesetz ist leider, unverständigerweise, wieder rückgängig gemacht worden, die Sozis haben nun ihre Partei wieder, und zum Dank dafür verderben einem die Leute die ganzen Kinder …“ (Abschied, 54f.)

Der „Hungerleider“ Hartinger darf trotz ausgezeichneter Schulleistungen nicht auf das Gymnasium. Die miesen, dumpf reaktionären Schülerfiguren Feck oder Freyschlag werden mit Privatunterricht gerade so weit gebracht, dass sie die Gymnasial-Aufnahmeprüfung schaffen: „Hartinger, der weitaus Beste der Klasse, musste in der Volksschule bleiben. ‚Der und studieren’, machte Feck geringschätzig; auch ich fand es ganz in Ordnung, dass Hartinger nicht einmal das Einjährig-Freiwillige bekommen sollte. ‚Seinesgleichen’ erklärte ich geziert, ‚kann es sowieso zu nichts bringen. So einer wie der…’“ (Abschied, 106)

In seinem „Deutschland-Lied“ erinnert Becher so an die (Bildungs-) Privilegien der Bürgersöhnchen, an den Ausschluss der Arbeiterkinder:

„Kam ich dann aus den Ferien nach Haus,

Ließ sich mein Freund erzählen

Von der Jungfraubahn und dem Matterhorn,

Doch schien er dabei sich zu quälen.

Es quälte ihn damals die Frage schon,

Die mich viel später erst quälte,

Es war sein Vater Arbeiter nur –

Doch schwieg er, und ich erzählte …“ (DL, 211)[35]

Der Gymnasiast Hans Gastl lässt sich vorübergehend von seinem Vater beeinflussen. Er weicht dem jungen Hartinger aus. Dieser warnt Hans, dass das Treiben der völkisch hetzenden Gymnasiastenbande in blutigem Krieg enden wird. Da kippt Hans Gastl auf seine reaktionäre Seite voller Standesdünkel. Der junge Gastl will mit billigem Wissen auftrumpfen, aber Hartinger ist nicht zu brechen, dieser stolze Proletenbub! Hartinger macht ihn sogar als arroganten Bildungsschnösel lächerlich: „Nun wollte ich ihm gegenüber mit meinem gewaltigen, für den Vater zurechtgemachten Wissen auftrumpfen. ‚Hast du eine Ahnung, was ich studiere! Na, sag mal, hast du vielleicht schon je in deinem Leben etwas von ‚Diathermie’ gehört oder von ‚Ecce homo’, gelt, davon weißt du nichts, oder was eine ‚Paranoia’ ist oder ‚Kristallurschleim’, du Besserwisser, du Alleswisser, du!’

Hartinger ließ sich durch meinen Wissenskram nicht verblüffen, eher belustigte es ihn, wie ich mir Mühe gab, Diathermie, Ecce homo und Paranoia richtig auszusprechen. ‚Mir imponierst du überhaupt nicht mit deinem ‚Kristallurschleim’, darauf kommt es nicht an, ein paar gelehrte Brocken auswendig zu lernen, und damit den Gebildeten zu spielen, auf so eine Bildung pfeif ich, du lächerlicher Tropf, du … Schlimm, hab ich gesagt, wird’s werden, wenn ihr so weitermacht.’“

Hans Gastl reagiert in seiner hilflosen Lage dumm und grob: „Ein anständiger Krieg soll kommen, so ist es ja zu stinkfad!“ Nach längerer Zeit begegnet Hans dem Lehrling Hartinger wieder freundschaftlich. (Abschied, 236f.)

Das Motiv vom nicht zu brechenden Proletarierjungen hatte Becher 1931 auch in der kleinen Erzählung „Zweierlei Väter“ vorbereitet. So wie der junge Hartinger ist auch der Arbeitersohn Blon ein guter Schüler und wird von den Söhnen höherer Beamter schikaniert. Er ließ sich aber nicht einschüchtern und verprügelte im Gegenzug die angehenden Herrensöhne: „Blons Vater war Arbeiter. Wenn wir Blon damit aufzogen, schämte er sich nicht und wurde nicht kleinlaut wie die anderen, sondern antwortete: ‚Jawohl, mein Vater ist Arbeiter.‘ Da spürten wir, dass er uns verachtete.“[36]

Ganz außer sich reagiert Staatsanwalt Gastl unter dem Eindruck der Russischen Revolution von 1905. Man muss gegen die Sozialdemokraten, gegen alle Hartingers, vorbeugend scharf vorgehen, um russische Verhältnisse in Deutschland hintanzuhalten. Die „Sozis“ und ihre „giftigen Gedanken“ müssen ausgelöscht werden. Die Hartingers vergleicht er mit Giftpilzen: „Solch ein gefährlicher giftiger Mensch ist der alte Hartinger, ein Sozi. Ein Faulenzer, der es zu nichts gebracht hat und der den anderen Erfolg und Vermögen missgönnt. Ginge es nach dem, dann darf es keinen Kaiser mehr geben, und die schönen Schlösser werden eingeäschert. (…) So ist in Russland jetzt die Revolution ausgebrochen, weil man zuviel Milde hat walten lassen. Es sind denn auch die Aufrührer vor das Winterpalais gezogen und haben die Frechheit gehabt, dem Zaren mit einer Bittschrift zu kommen. Pfui Teufel – spuckte der Vater aus – sogar Heiligenbilder haben sie mit sich geführt ... Aber der Zar ist nicht auf diesen Schwindel hineingefallen. Er hat befohlen, einfach in diese Gesellschaft hineinzufeuern. (…) Und so weit wird es in Deutschland auch noch kommen, wenn man den Leuten, die immer vom Anderswerden schwätzen, Gehör schenkt.“ (Abschied, 119)

Der junge Gastl sympathisiert mit dem „Streich des Hauptmanns von Köpenick“. Sogar Major Bonnet, Mitglied des väterlichen „Trio“-Stammtischs, zeigt sich amüsiert, aber Vater Gastl ist empört. Köpenick sei schlimmer als Bebel: „‘Da ist nichts zu lachen, das ist tief traurig’, meinte der Vater, ‚wenn der Staatsautorität auf diese Weise Abbruch getan wird. Solch eine Sache schadet unter Umständen mehr als eine Hetzrede von Bebel im Reichstag’ (…) Ich verstehe den Herrn Major wirklich nicht, solche Äußerungen in der Gegenwart von Jugendlichen. ... Wenn die berufenen Träger der Staatsautorität selbst … Da kann man sich nicht wundern, wenn die Kinder missraten …’.“ (Abschied, 136f.)

Hans Gastl hingegen sympathisiert mit dem Gedanken an eine sozialistische Zukunft, - wenngleich noch eher idealistisch diffus: „Sozialismus. Die menschliche Gesellschaft. Klassen – Klassenkampf. Eine neue Zeit bricht an. Internationale. Proletarier aller Länder vereinigt euch! Diese Worte schienen mir errichtet zu sein wie leuchtende Pfeiler, darüber sich der Bogen einer Brücke wölbte, wenn auch noch in unklaren Umrissen.“ (Abschied, 280f.)

Im Sommer 1914 ist Franz Hartinger noch optimistisch, dass die antimilitaristische Front der II. Arbeiterinternationale halten kann: „In Ungeduld hörte ich Hartinger zu, der berichtete, dass in der ganzen Welt die Arbeiter gegen den Krieg demonstrieren. ‚Der Krieg ist diesmal an uns vorübergegangen’, meinte selbstbewusst Hartinger, und ich holte den Baedeker, um eine schöne Sommerfahrt zu besprechen.“ (Abschied, 379)

Schockiert muss Franz Hartinger aber sehen, dass auch sein Vater, der alte verdiente Sozialdemokrat, auf die Propaganda-Lügen vom antizaristischen „Verteidigungskrieg“ hineinfällt und die „Burgfriedens“-Losungen der SPD verteidigt, die Zustimmung der Sozialdemokratie zu den „Kriegskrediten“ billigt.

Erste Zweifel waren Franz Hartinger schon während der gemeinsamen Osterfahrt im Frühjahr 1914 gekommen: „Hartinger widersprach dem Jüdlein, das einen Krieg für unmöglich hielt, weil die Sozialdemokraten und die Gewerkschaften ein solches Massenschlachten niemals zulassen würden. ‚Nein, die Sozialdemokraten selbst sind sich darüber nicht so einig, wie es den Anschein hat … Vielleicht wird auf dem diesjährigen internationalen Kongress – er soll in Paris stattfinden – ein einheitlicher Beschluss zustande kommen, aber ob man den Krieg verhindern kann durch einen Generalstreik … Wir haben zwar in den letzten Jahren gewaltig viel Mandate gewonnen, aber wenn ich meinen Vater manchmal so daherreden höre, dann wird mir angst und bange vor dem Spießertum, wie es sich in der Partei breitmacht… Schau dir nur einmal einen [Georg] Vollmar oder [Ignaz] Auer an, sehr, sehr Gemäßigte sind das, und es hängt, meine ich, von der Regierung ab, solche Volksvertreter für sich zu gewinnen und kleinzukriegen…“ (Abschied, 320f.)[37]

Franz Hartinger sieht die erstarrte Routine der Sozialdemokratie, das buchhalterische Sammeln von Mitgliedsbeiträgen, das gemütliche Kartenspiel der Genossen, die zu Nostalgie herabgekommene Erinnerung an die Zeit des Sozialistenverbots. Ja teils erinnern sie sich lieber an Anekdoten aus dem Krieg 1870/71 als an ihren Kampf gegen das „Sozialistenverbot“ zwischen 1878 und 1890, also an die Jahre, in denen viele von ihnen verfolgt, sogar verhaftet worden waren: „Hartinger erzählte von einem Bekannten seines Vaters, einem noch rüstigen Mitte-Sechziger, früheren Buchdrucker, der sich am ersten Samstagabend jedes Monats einstellte, um die Parteibeiträge zu kassieren. Mit liebevoller Sorgfalt verwaltete er sein Amt, notierte und verbuchte, klebte die Marken eigenhändig, schön gerade, in das Mitgliedsbuch: alle ihm anvertrauten Mitglieder hatten ordentlich bezahlt, und während des ganzen Jahres war kein einziger im Bezirk mit den Mitgliedsbeiträgen im Rückstand geblieben.“

Bei einem Bier kam der Genosse auf den „Siebziger Krieg“ zu sprechen, schilderte den Händedruck eines preußischen Generals. Hartinger junior sieht, dass der alte Genosse lieber in Veteranengeschichten schwelgt als von seiner Haltung unter dem Sozialistenverbot zu sprechen: „’Von solchen Kriegserlebnissen spricht der Alte weit lieber und mit viel mehr Begeisterung’, meinte Franzl, ‚als selbst über die Zeit des Sozialistengesetzes, in der er sich brav gehalten hat und mehrere Monate im Gefängnis gesessen ist.’“ (Abschied, 322-324)

Hartinger junior ist enttäuscht, dass auch sein Vater, „ein alter Genosse“ nun die „rührseligsten Geschichten aus seiner Militärzeit, wie einer vom Kriegerverein erzählt“, dass er und andere Genossen, so der Parteikassier, beim Kartenspiel die „Wacht am Rhein“ angestimmt haben. (Abschied, 387)

Nur Franz Hartinger hält die Linie des Arbeiterinternationalismus: „’Die Begeisterung ist doch schön’, sagte ich unsicher zu Hartinger. ‚Freilich ist Begeisterung schön, aber ich kann es beim besten Willen nicht schön finden, wenn ein deutscher und ein französischer Arbeiter sich gegenseitig abschlachten, um mit ihrem Heldentod das Leben anderer zu verschönern. Schön ist anders.“

Vater Hartinger hingegen schwenkt immer mehr auf „Hurra-Patriotismus“ um: „’Na, ihr Kriegsgegner’, empfing uns in heiterer Stimmung der alte Hartinger. Auf dem Tisch lag feldgraues Tuch, mit Kreidestrichen versehen zum Zuschneiden ausgebreitet. Zwei neue feldgraue Uniformen hingen am Kleiderständer. Hartingers Mutter saß an der Nähmaschine (…) Er ließ sich durch unser Schweigen nicht stören und schwatzte munter fort: ‚Ja, mei, jetzt ist halt eben der Krieg da, und nun müssen wir uns umstellen … Wenn die Unsern nicht ganz gottverlassen sind, dann geben s’ jetzt a Ruh und tun mit. Haben den Krieg eh net verhindern können. Ich hätt nix dagegen, wenn sie mich einziehen würden, da käm man auch mal a bißl raus aus dem alten Schlendrian und würd auch mal was von der Welt sehen.’“

Der pazifistische Sozialdemokrat Jean Jaurès, Ende Juli 1914 von einem französischen Nationalisten ermordet, war beim alten Hartinger unten durch: „Na, warten wir mal ab, was die Führer sagen, ich mein, die können gegen den Krieg auch nicht aufkommen. Sonst geht’s denen akkurat wie dem Jaurès: piff, paff…’ (…) Er pfiff die ‚Wacht am Rhein’ und klapperte dazu mit der Schere.“ (Abschied, 381f.)

In Bechers Romanfragment „Wiederanders“ tritt mit dem alten Genossen Wedel eine dem Schneidermeister Hartinger ähnliche Figur auf. So wie in Hartingers Familie gibt es auch in jener von Wedel 1914 Spaltung, Streit und Unruhe. Auch nach den ersten deutschen „Kriegsstockungen“ steckt Vater Wedel auf einer Karte Kriegsfähnchen. Die sich langsam sammelnde parteiinterne Kriegsopposition empört ihn: „Sein Sohn hatte ihm zwar anfangs mit der Schlacht bei der Marne, wo die deutschen Armeen zurückgeschlagen wurden, einen gewaltigen Schreck eingejagt, aber er weigerte sich dennoch, die Fähnchen zurückzustecken. Er empfand es als eine tiefe Schmach, dass sich innerhalb seiner Partei scheinbar eine Opposition gebildet habe, und trat aus der Partei aus, als Protest dagegen, dass der sozialdemokratische Hauptvorstand die vaterlandslosen Gesellen nicht aus der Partei ausgeschlossen hatte und kurzerhand an die Wand stellen ließ. Auch sein Sohn trat aus der Partei aus, aus Protest dagegen, dass die sozialdemokratische Reichstagsfraktion die Kriegskredite weiter bewilligte und auf diese Weise zur Verlängerung des bereits vor seinem Beginn verlorenen Krieges beitrug …“ (Wiederanders, 600f.)

Schon 1934 hatte Becher in der Erzählung „Das tönende Haus“ kleinbürgerlich „arbeiteraristokratische“ Tendenzen in der deutschen Sozialdemokratie beschrieben. So wie mit dem Schneider Hartinger gestaltete Becher auch mit dem Genossen Zinke eine Figur des alten, einst kämpferischen Sozialdemokraten, der aus falsch verstandener Loyalität heraus zu allen rechtsopportunistischen Akten der Partei schwieg: „Zinke war Maschinensetzer bei Scherl, ein alter Gewerkschaftler, schon seit 1894 gehörte er den Gewerkschaften an. Er war achtundfünfzig Jahre alt. 1917 wollte er aus den Gewerkschaften austreten. Er war kurz nach Kriegsbeginn als Schipper eingezogen worden. In Nordfrankreich warf er Massengräber aus, große stille Gruben, in die die Leichen zugweise entleert wurden.“ Er hasst den Krieg, den Kriegskurs seiner Partei.  

Zinke will aus Protest aus der SPD austreten. Er bleibt dann 1918 aber doch aus „alter Treue“: „Er hing zu sehr an seiner Organisation. (...) Seinem Sohn, der damals achtzehn Jahre alt war und mit den Spartakisten sympathisierte, drohte er ‚Hermann noch ein Wort gegen die Gewerkschaften und du fliegst …‘“

Er verfiel ins Sparen. Die Inflation fraß alle Träume auf. Zinke wurde immer unpolitischer. In der Phase der „Stabilisierung“ fand er wieder Arbeit und konnte sich den Traum vom kleinen Häuschen doch noch erfüllen. Aus der Betriebsratsarbeit zog sich Vater Zinke zurück. Sohn Hermann, „der Spartakist, brachte genug Unruhe ins Haus“, schimpfte ihn einen „Lakaien der Bourgeoisie“. Hermann war in die KPD eingetreten. Vater Zinke pflegte die Kleingartenidylle: „Die Gewerkschaftszeitung las er nicht mehr – ‚beim besten Willen keine Zeit mehr dazu‘ -, er abonnierte den ‚Kleingärtner‘“.

Erst die Angriffe des Faschismus auf die Arbeiterbewegung mobilisieren Vater Zinke wieder, reißen ihn aus seinem brüchigen, von SA-Schlägerbanden bedrohten Siedleridyll: „Zinke spürte auf einmal Schwung. Der Schwung kam ihm aus der Vorkriegszeit: Er ist Setzerlehrling, 1. Mai, rote Nelke im Knopfloch, im Gleichschritt Tausende, Linienstraße, Hallesches Tor: ‚Die völkerbefreiende Sozialdemokratie hoch, hoch!‘ ‚Die Internationale erkämpft das Menschenrecht!‘“ Die „Reichstagsbrandlüge“ und die Verfolgung seines Sohnes machen aus ihm 1933 wieder einen kämpferischen Antifaschisten.[38]

Die Figur „Zinke“ erinnert an Erich Mühsams „Jakob Bröschke“. Mitte der 1920er Jahre hatte Mühsam diesen „Mann des Volkes“ gestaltet. Die Figur des sozialdemokratischen Abgeordneten Jakob Bröschke, der im Frühsommer 1918 – wie zum Hohn am 14. Juli dem Jahrestag des Bastillesturms –  als angesehener Spießer den 60er feiert. Neben Krawatten und sonstigem Tand erhält er – fast absurd – auch Franz Mehrings „Geschichte der Sozialdemokratie“.

Bröschke hofft – wie ein „Jubelgreis“ im Lehnstuhl sitzend die Glückwünsche der Honoratioren entgegennehmend – auf den Erfolg der letzten deutschen Offensive, auf die baldige Eroberung von Paris. Längst hat er seinen Frieden mit der Militärdiktatur geschlossen. Für die Zeit nach Kriegsende hofft er auf sozialdemokratische Machtbeteiligung, auf Ministerämter. „Exzellenz“ Bröschke würde nicht schlecht klingen!

Die Spartakisten um Liebknecht hasst er: „Leider sind die guten Manieren unter den Arbeitern seit geraumer Zeit stark zurückgegangen. Die Hetzereien der Linksradikalen haben die früher so dankbaren und gesitteten Leute vielfach geradezu zu Pöbel gemacht.“ Desgleichen ärgert sich Bröschke über die Opposition der Unabhängigen Sozialisten. Sein vorerst noch in der sicheren Kriegsetappe stehender Sohn ist so einer: „Er muss raus bei den Unabhängigen, oder ich rühr keinen Finger, wenn sie ihn in den Schützengraben stecken.“

Einst schlecht entlohnter Tapezierer hatte es Bröschke schon unter dem Sozialistenverbot „strebsam“ zu verschiedenen Redaktionsposten im Parteiapparat, später zu Mandaten in Stadt, Land und Reichstag gebracht: „Dröhnend erscholl der Applaus durch den Saal. Der Gesangsverein stimmte die Arbeitermarseillaise an, und stehend sangen die begeisterten Parteigenossen: ‚Wohlan, wer Recht und Freiheit achtet …‘“ Mitten in die Geburtstagsfeier platzen begeistert applaudierte Frontpropagandaberichte: „Ich habe soäben den morchigen Dagesbericht delephonisch übermiddelt begommen. Unsre Druppen sind im siechreichen Vordringen beiderseits von Reims, dessen Ostforts in unsrer Hand sind.“[39]

Groß war die Enttäuschung für Hans Gastl im August 1914. Seine pazifistischen Freunde „Mops“ Sieger und „Jüdlein“ Löwenstein melden sich als Kriegsfreiwillige. Hans Gastl und Franz Hartinger bleiben allein zurück. Sie glauben nicht an die Propagandahysterie von den massakrierenden Kosaken in Ostpreußen, von den vergifteten Brunnen, von den Bomben auf Nürnberg.

Auch Max Herse, der spätere kämpferische Genosse, hat sich 1914 noch freiwillig gemeldet, so Becher 1926 in „Levisite“: „Max Herse war damals knapp neunzehn Jahre alt. Aber er hatte alles darangesetzt, als Kriegsfreiwilliger mitzukommen. (…) Das waren Tage! Das Leben flaumleicht. Der Körper ging wunderbar, wie mit Elektrizität geladen.“ (Levisite, 145)

Binnen weniger Tage, Wochen ändert sich dies und mündet in einen nie endenden Schrecken, in fürchterlichen Kriegsverbrechen in Belgien, an Arbeiterkindern: „Ja, die ganze Stadt war ein Trümmerhaufen, als wir damals einmarschierten. Kein lebendes Wesen weit und breit. Nur in einem verschütteten Haus aus einem Kellerloch die Stimme eines halb verhungerten Kindes das … das die Internationale sang… Ja, ich erinnere mich, noch deutlich, das war für viele unserer Soldaten damals ein grausamer, grauenhafter Weckruf. Viele wurden mit einem mal nüchtern. Das proletarische Gewissen gellte in ihnen wie ein Sturmglocke.“ (Levisite, 167)

Herse liest auftauchende antimilitaristische Flugblätter. Möglicherweise hört er von der Zimmerwalder Konferenz der antiimperialistischen Linken: „Und Max Herse fand eben in einem Unterstand, der zur Nachbardivision gehörte, folgendes Flugblatt an einem Balken angeheftet: ‚Helft mit allen Mitteln, die ihr zur Verfügung habt, zur schnellen Beendigung des Menschenmordens. Verlangt das sofortige Ende des Krieges. Erhebt euch zum Kampfe, getretene und hingemordete Völker! Es naht die Stunde des Völkerfriedens. Nieder mit dem Krieg …‘“ (Levisite, 159)

Nun wird Herse und seinen Kameraden klar, der Krieg ist nichts als die verlängerte Ausbeutung in der Fabrik: „Der ganze Krieg, Kamerad, ist weiter nichts als eine Riesenprofitquetsche … Wir allesamt sind die Beschissenen …“ (Levisite, 175)

 

[1] Johannes R. Becher: Wiederanders. Romanfragment (in den 1950er Jahren entstanden, erstmals 1960 in Auszügen in „Sinn und Form“ veröffentlicht), in derselbe: Abschied. Wiederanders (Gesammelte Werke 11), Berlin-Weimar 1975, 498f. (künftig kurz: Wiederanders). Vgl. Horst Haase: Johannes R. Becher. Leben und Werk, Berlin 1981, 323-327.

[2] Johannes R. Becher: Abschied (1940), in derselbe: Abschied. Wiederanders (Gesammelte Werke 11), Berlin-Weimar 1975, 369 (künftig kurz: Abschied).

[3] Johannes R. Becher: [CHCl=CH] 3 AS [Levisite] oder der einzig gerechte Krieg (1926), in derselbe: Gesammelte Werke 10, Berlin-Weimar 1969, 169-171 (künftig kurz: Levisite). Lene zu Max ungefähr 1923: „Ich habe mich heute noch nicht entschieden. Zu den Kommunisten kann ich noch nicht… Auch weißt du, habe ich so eine Intellektuellenschrulle, das ist das mit der Gewaltfrage…‘“ Später spottet sie dann selber über Max, er sei immer noch ein wenig ein pazifistischer „Doktor Unblutig des Klassenkampfs“. (Levisite, 168, 248)

[4] Johannes R. Becher: Statt einer Autobiographie (1928), in derselbe: Publizistik I 1912-1938 (Gesammelte Werke 15), Berlin-Weimar 1977, 144-158, hier 154 (künftig kurz: Publizistik I). Vgl. Lexikon sozialistischer deutscher Schriftsteller. Von den Anfängen bis 1945, Leipzig 1964, 84-102.

[5] Johannes R. Becher: Deutschland. Ein Lied vom Köpferollen und von den „nützlichen Gliedern“ (1934), in derselbe: Epische Dichtungen (Gesammelte Werke 7), Berlin-Weimar 1968, 127-282, hier 156 (künftig kurz: DL).

[6] Johannes R. Becher: Arbeiter, Bauern, Soldaten. Entwurf zu einem revolutionären Drama (1924), in derselbe: Dramatische Dichtungen (Gesammelte Werke 8), Berlin-Weimar 1971, 101-189, hier 104 (künftig kurz: ABS). Über Bechers widersprüchlichen Weg zum Sozialismus vgl. Friedrich Albrecht: Wege zur Arbeiterklasse I. Johannes R. Becher, in derselbe: Deutsche Schriftsteller in der Entscheidung. Wege zur Arbeiterklasse 1918-1935, Berlin-Weimar 1975, 162-263.

[7] Johannes R. Becher: Aufgefordert, eine Biographie zu schreiben (1926), in derselbe: Publizistik I, 107-112. Vgl. Maxim Gorki: Die Zerstörung der Persönlichkeit (1909), in derselbe: Wie ich schreibe. Literarische Porträts, Aufsätze, Reden und Briefe, München 1978, 249-301.

[8] Johannes R. Becher: An Leonhard Frank (1924), in derselbe: Publizistik I, 57-59.

[9] Johannes R. Becher: Bürgerlicher Sumpf – Revolutionärer Kampf (1925), in derselbe: Publizistik I, 77-91, hier 79-81.

[10] Johannes R. Becher: Lersch, der Kettenschmied oder vom Werdegang eines „proletarischen“ Schriftstellers (1926), in derselbe: Publizistik I, 117-121.

[11] Johannes R. Becher: Vorwort zu „Brennende Ruhr“ von Karl Grünberg (1929), in derselbe: Publizistik I, 193-201.

[12] Johannes R. Becher: Emil Ginkel (1929), in derselbe: Publizistik I, 207f.

[13] Johannes R. Becher: Ich weiß, Wilhelm Tkaczyk (1932), in derselbe: Publizistik I, 340.

[14] Gegen den „literarischen Trotzkismus“ vgl. Johannes R. Becher: Einen Schritt weiter! (1930 in „Linkskurve“), in derselbe: Publizistik I, 219-226.

[15] Johannes R. Becher: Unsere Wendung. Vom Kampf um die Existenz der proletarisch-revolutionären Literatur zum Kampf um ihre Entstehung (1931 in „Linkskurve“), in: derselbe: Publizistik I, 322-337, hier 330f.

[16] Johannes R. Becher: Kühnheit und Begeisterung. Der Erste Mai und unsere Literaturrevolution (1932 in „Linkskurve“), in derselbe: Publizistik I, 357-376, hier 364f. Vgl. Erobert die Literatur! Proletarisch-revolutionäre Literaturtheorie und -debatte in der „Linkskurve“ 1929-1932, hrg. von Frank Rainer Scheck, Köln 1973 – Helga Gallas: Marxistische Literaturtheorie. Kontroversen im Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller, Neuwied-Berlin 1971.

[17] 1926 kündigte Becher ein nie vollendetes Projekt zur Pariser Kommune an: „Augenblicklich arbeite ich an der Fertigstellung eines Dramas ‚Mauer der Erschossenen‘. Ein Drama aus den letzten Tagen der Pariser Kommune.“ Vgl. Johannes R. Becher: Woran arbeiten Sie?, in: derselbe: Publizistik I, 130. – In der Tradition von Friedrich Engels – heute etwa Marx-Engels-Werke (MEW) 17, 350f. - las Becher Clausewitz. Zum Studium von Engels‘ militärhistorischen Studien (aus 1887) vgl. Johannes R. Becher: Der Krieg (1929), in derselbe: Publizistik I, 186-192. „Levisite“ wird nicht nur ein Motto von Emile Zola, sondern auch ein Clausewitz-Motto vorangestellt!

[18] Zu Heines Schwanken zwischen radikal bürgerlicher und proletarischer Demokratie, zwischen seiner frühsozialistischen Haltung und der Befürchtung, die Kommunisten könnten seine schönen Rosen verwüsten und „an ihre Stelle Kartoffeln pflanzen“ vgl. Georg Lukács: Heinrich Heine als nationaler Dichter (1935), in derselbe: Deutsche Realisten des 19. Jahrhunderts, Berlin 1951, 89-146.

[19] Vgl. aus der Perspektive der Revolutionären Obleute Richard Müller: Geschichte der deutschen Revolution II: Die Novemberrevolution [Berlin 1924], Berlin 1979.

[20] Vgl. Karl Liebknecht: Trotz alledem! (15. Jänner 1919), in derselbe: Gesammelte Reden und Schriften 9, Berlin 1971, 709-713.

[21] Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Band 3: Von 1917 bis 1923, hrg. von einem Autorenkollektiv, Berlin 1966, 182-199.

[22] Rosa Luxemburg: Was machen die Führer? (7. Jänner 1919), in dieselbe: Gesammelte Werke 4, Berlin 1990, 516-518.

[23] Vgl. über Leviné Michaela Karl: Die Münchner Räterepublik. Porträts einer Revolution, Düsseldorf 2008, 210-229 oder: Literaten an die Wand. Die Münchner Räterepublik und ihre Schriftsteller, hrg. von Hansjörg Viesel, Frankfurt 1980 und: Umsturz in München. Schriftsteller erzählen die Räterepublik, hrg. von Herbert Kapfer und Carl-Ludwig Reichert, München 1989.

[24] Vgl. Erhard Lucas: Die Märzrevolution 1920, 3 Bände, Frankfurt 1970-1978.

[25] Über den Hamburger Arbeiteraufstand 1923 vgl. Dieter Dreetz – Klaus Gessner - Heinz Sperling: Bewaffnete Kämpfe in Deutschland, Berlin 1988, 261-295. Dazu auch Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Band 3: Von 1917 bis 1923, Berlin 1966, 429-434 und den Folgeband: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Band 4: Von 1924 bis Januar 1933, Berlin 1966, 9-31.

[26] Johannes R. Becher: Vorwärts, du rote Front! [Demonstrations-Novelle – Quo vadis …?] (1924), in derselbe: Kleine Prosa (Gesammelte Werke 9), Berlin-Weimar 1974, 315-373, hier 315, 323-325, 358-366.

[27] Bertolt Brecht hat in seinem „Tui-Roman“ Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann in ähnlicher Weise als Spießer hingestellt, die als „Hafner names Wei-wei“ und als „Schi-meh“ aus Versehen die Republik proklamiert haben. Vgl. Bertolt Brecht: Tui-Roman, in derselbe: Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe 17, Frankfurt 1989, 48f.

[28] Vgl. Arnold Reisberg: Februar 1934. Hintergründe und Folgen, Wien 1974. Auf dem Weg in das Exil fährt Becher 1933 ein letztes Mal durch das Inntal. Er erinnert sich an seine Jugendferien in den Tiroler Bergen: „Auf Wiedersehen, Tiroler Land! / Was sag ich: auf Wiedersehen?! / Seit meiner Kindheit kennen wir uns. / Die Liebe – sie blieb bestehen …“ Die Nazis sind auch schon in Österreich überall präsent: „Propaganda durch krachende Böller. / Mit schrecklichem Krach detonierte so / Ein Böller plötzlich im Keller.“ Becher spricht von den „Hakenkreuz-Legionären“ in Kufstein. (DL 204-208)

[29] Vgl. Georg Lukács: Nachwort (1941), in: Johannes R. Becher: Abschied. Roman (=Auswahl in sechs Bänden 4), Aufbau-Verlag, Berlin 1952, 417-430.

[30] Vgl. zu Nietzsche als dem Ideologen einer aristokratischen Sklavenhaltergesellschaft, zu Houston Stewart Chamberlain als „Begründer der modernen Rassentheorie“, zu Oswald Spengler oder zu Max Scheler als dem „Lebensphilosophen der ‚relativen Stabilisierung‘“ Georg Lukács: Die Zerstörung der Vernunft, Berlin 1954, 246-317, 364-389, 551-565. Zu Nietzsches Antisozialismus, seiner Abrechnung mit der Pariser Kommune auch Domenico Losurdo: Nietzsche, der aristokratische Rebell, 2 Bände, Berlin 2009, 33-37, 330-332.

[31] Zu Arthur Rimbaud aus Becher-Sicht 1934 im „Deutschlandlied“: „Arthur Rimbaud: sie haben umsonst / Dich ästhetisch verdreht und erläutert, / Denn jede Zeile in deinem Gedicht / Röchelt und blutet und eitert. –“ (DL 225)

[32] Vgl. Abel Paz: Durruti. Leben und Tod eines spanischen Anarchisten, Hamburg 1993, 96: „Das Jahr 1909 begann mit Generalstreiks, Kundgebungen und Arbeitermassenversammlungen. Einmütig richtete sich die Empörung auch gegen die Erschießung des Pädagogen Francisco Ferrer in Spanien.“

[33] Über Keller als bürgerlichen Humanisten und fortschrittlichen Demokraten vgl. Georg Lukács: Gottfried Keller (1939), in derselbe: Deutsche Realisten des 19. Jahrhunderts, Berlin 1951, 147-230.

[34] Vgl. Georg Fülberth: Vom Reformismusstreit bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs, in: Geschichte der deutschen Sozialdemokratie 1863-1975, mit einem Vorwort von Wolfgang Abendroth, Köln 1975, 37-50.

[35] Vgl. zur proletarischen Bildungslage Dieter Fricke: Handbuch zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 2 Bände, Berlin 1987, Band 1, 661-697.

[36] Johannes R. Becher: Zweierlei Väter (1931), in derselbe: Kleine Prosa (Gesammelte Werke 9), Berlin-Weimar 1974, 412-416.

[37] Zur schwankenden Linie der II. Internationale vgl. Georges Haupt: Der Kongress fand nicht statt. Die sozialistische Internationale 1914, Wien 1967.

[38] Johannes R. Becher: Das tönende Haus (1934), in derselbe: Kleine Prosa (Gesammelte Werke 9), Berlin-Weimar 1974, 454-471.

[39] Erich Mühsam: Ein Mann des Volkes (ca. 1923), in derselbe: Prosaschriften II, Berlin 1978, 379-405.

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