Stel­lung­nahme zu rechtsau­to­ri­tären und rechts­ex­tremen Grup­pie­rungen (in Kirche und Gesell­schaft) in Öster­reich

von
Wilhelm Guggenberger
Systematische Theologie | Kommentar

In gegenwärtigen globalen und gesellschaftlichen Entwicklungen lassen sich Tenden­zen wahrnehmen, die zunehmend demokratische Grundwerte infrage stellen. Sie geben Anlass zur Sorge. Auch in Österreich gewinnen christlich-nationalistische Strö­mun­gen – wie etwa der sogenannte (Neo-)Integralismus – an medialer Sichtbarkeit, politischem Einfluss und gesellschaftlicher Resonanz. Die früher deutliche Abgren­zung zwischen politischem Nationalismus und Christentum scheint heute an Schärfe zu verlieren, da der christliche Glaube zunehmend für die politische Legitimation von rechtspopulis­tischen Agenden funktionalisiert wird. Diese Entwicklung ist in höchs­tem Maße besorgniserregend, da sie mit einer scheinbar biblisch begründbaren Ab­leh­nung von Menschen- und Freiheitsrechten bis hin zur Religions­freiheit und insbesondere von Frauenrechten eine Schwächung demokratischer Werte und damit nicht nur eine reale Ge­fahr für demokratische Gesellschaften darstellt, sondern auch die christliche Botschaft verzerrt und diskreditiert.

Rechtsextreme Bewegungen benutzen und missbrauchen religiöse Sprache, christ­liche Symbolik und das christliche Gottesbild, um antidemokratische, antifeministische und aus­gren­zende Ideologien zu legitimieren. Damit wird Religion für politische Zwecke instrumentalisiert und ihrer befreienden, die Menschenwürde fördernden und pluralitätsfähigen Dimension beraubt. Umso wichtiger ist es, dass die theolo­gischen Fakultäten und die Pädagogischen Hochschulen in kirchlicher Trägerschaft in Öster­reich auch im Sinne von Papst Leo XIV. gemeinsam deutlich Position beziehen.

Besonders Bildungseinrichtungen und theologische wie kirchliche Ausbildungsstätten tragen hier eine große Verantwortung. Sie können wesentlich dazu beitragen, demo­kratie­politische Bildung zu stärken. Kirchliche und theologische Bildungs­institutionen können sich aktiv gegen christlich-nationalistische Tendenzen enga­gieren, indem sie Räume schaffen, in denen religiöse Bildung als kritische, dialogische und kontext­bewusste Praxis verstanden wird. Sie können dazu beitragen, dass religiöse Traditio­nen nicht als starre Identitätsmarker, sondern als lebendige Deutungs­angebote vermittelt werden, die zur ethischen Verantwortung und zum demokra­tischen Mitein­ander befähigen. Gegen Strömungen, die das Christentum für die Legitimation autoritärer und exkludierender Weltbilder instrumentalisieren, können sie hermeneu­tische Kompetenz und Urteilsfähigkeit fördern, indem Studierende und Lernende dazu befähigt werden, politisch aufgeladene religiöse Narrative und Symboliken kritisch zu hinterfragen, Machtstrukturen in religiöser Sprache zu erkennen und zwischen authen­­tischem Glaubenszeugnis und ideolo­gischer Verein­nahmung zu unterscheiden. Dies schließt auch die Reflexion über digitale Kommuni­kationsräume ein, in denen religiöse Botschaften häufig verkürzt und emotionalisiert verbreitet werden. Als Bildungsinstitutionen sind wir Orte der kritischen Reflexion von Glauben und Vernunft, von Religion und Wissen, und bekennen uns zu einer freien, demokratischen und pluralen Gesellschaft. Wir treten jeglicher Form von Diskriminie­rung, Antifeminis­mus, Anti­semitis­mus und Islamfeind­lichkeit entschieden entgegen. Darüber hinaus verpflichten wir uns, eine theologisch fundierte und zugleich pluralitäts­sensible Bil­dung zu fördern und so einen ent­scheidenden Beitrag zur Stärkung demokratischer Resilienz und zur Prävention gegenüber religiös legitimier­tem Extremismen in Kirche und Gesellschaft zu leisten.

Die Unterzeichner:innen rufen daher alle Verantwortungsträger:innen in Kirche, Politik, Wissenschaft und im Bildungsbereich dazu auf, sich klar und un­miss­­ver­ständlich gegen christlich-nationalistische Gruppierungen zu positionieren und ge­meinsam für eine offene, demokratische und men­schen­würdige Gesellschaft einzu­treten.

1. Juli 2026

Die Unterzeichner:innen

pleno titulo

KLARA-ANTONIA CSISZAR, Dekanin der Fakultät für Theologie der Katholischen Privatuniversität Linz

ULRIKE GREINER, Rektorin der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Niederösterreich

WILHELM GUGGENBERGER, Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck

NIKOLAUS JANOVSKY, Rektor der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Edith Stein

ANDREA LEHNER-HARTMANN, Dekanin der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien

KATHARINA PYSCHNY, Dekanin der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz

JOHANNES REITINGER, Rektor der Privaten Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz

ANDREA SEEL, Rektorin der Privaten Pädagogischen Hochschule Augustinum

SABINE WEISZ, Rektorin der Privaten Pädagogischen Hochschule Burgenland

DIETMAR W. WINKLER, Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Salzburg

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