In gegenwärtigen globalen und gesellschaftlichen Entwicklungen lassen sich Tendenzen wahrnehmen, die zunehmend demokratische Grundwerte infrage stellen. Sie geben Anlass zur Sorge. Auch in Österreich gewinnen christlich-nationalistische Strömungen – wie etwa der sogenannte (Neo-)Integralismus – an medialer Sichtbarkeit, politischem Einfluss und gesellschaftlicher Resonanz. Die früher deutliche Abgrenzung zwischen politischem Nationalismus und Christentum scheint heute an Schärfe zu verlieren, da der christliche Glaube zunehmend für die politische Legitimation von rechtspopulistischen Agenden funktionalisiert wird. Diese Entwicklung ist in höchstem Maße besorgniserregend, da sie mit einer scheinbar biblisch begründbaren Ablehnung von Menschen- und Freiheitsrechten bis hin zur Religionsfreiheit und insbesondere von Frauenrechten eine Schwächung demokratischer Werte und damit nicht nur eine reale Gefahr für demokratische Gesellschaften darstellt, sondern auch die christliche Botschaft verzerrt und diskreditiert.
Rechtsextreme Bewegungen benutzen und missbrauchen religiöse Sprache, christliche Symbolik und das christliche Gottesbild, um antidemokratische, antifeministische und ausgrenzende Ideologien zu legitimieren. Damit wird Religion für politische Zwecke instrumentalisiert und ihrer befreienden, die Menschenwürde fördernden und pluralitätsfähigen Dimension beraubt. Umso wichtiger ist es, dass die theologischen Fakultäten und die Pädagogischen Hochschulen in kirchlicher Trägerschaft in Österreich auch im Sinne von Papst Leo XIV. gemeinsam deutlich Position beziehen.
Besonders Bildungseinrichtungen und theologische wie kirchliche Ausbildungsstätten tragen hier eine große Verantwortung. Sie können wesentlich dazu beitragen, demokratiepolitische Bildung zu stärken. Kirchliche und theologische Bildungsinstitutionen können sich aktiv gegen christlich-nationalistische Tendenzen engagieren, indem sie Räume schaffen, in denen religiöse Bildung als kritische, dialogische und kontextbewusste Praxis verstanden wird. Sie können dazu beitragen, dass religiöse Traditionen nicht als starre Identitätsmarker, sondern als lebendige Deutungsangebote vermittelt werden, die zur ethischen Verantwortung und zum demokratischen Miteinander befähigen. Gegen Strömungen, die das Christentum für die Legitimation autoritärer und exkludierender Weltbilder instrumentalisieren, können sie hermeneutische Kompetenz und Urteilsfähigkeit fördern, indem Studierende und Lernende dazu befähigt werden, politisch aufgeladene religiöse Narrative und Symboliken kritisch zu hinterfragen, Machtstrukturen in religiöser Sprache zu erkennen und zwischen authentischem Glaubenszeugnis und ideologischer Vereinnahmung zu unterscheiden. Dies schließt auch die Reflexion über digitale Kommunikationsräume ein, in denen religiöse Botschaften häufig verkürzt und emotionalisiert verbreitet werden. Als Bildungsinstitutionen sind wir Orte der kritischen Reflexion von Glauben und Vernunft, von Religion und Wissen, und bekennen uns zu einer freien, demokratischen und pluralen Gesellschaft. Wir treten jeglicher Form von Diskriminierung, Antifeminismus, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit entschieden entgegen. Darüber hinaus verpflichten wir uns, eine theologisch fundierte und zugleich pluralitätssensible Bildung zu fördern und so einen entscheidenden Beitrag zur Stärkung demokratischer Resilienz und zur Prävention gegenüber religiös legitimiertem Extremismen in Kirche und Gesellschaft zu leisten.
Die Unterzeichner:innen rufen daher alle Verantwortungsträger:innen in Kirche, Politik, Wissenschaft und im Bildungsbereich dazu auf, sich klar und unmissverständlich gegen christlich-nationalistische Gruppierungen zu positionieren und gemeinsam für eine offene, demokratische und menschenwürdige Gesellschaft einzutreten.
1. Juli 2026
Die Unterzeichner:innen
pleno titulo
KLARA-ANTONIA CSISZAR, Dekanin der Fakultät für Theologie der Katholischen Privatuniversität Linz
ULRIKE GREINER, Rektorin der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Niederösterreich
WILHELM GUGGENBERGER, Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck
NIKOLAUS JANOVSKY, Rektor der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Edith Stein
ANDREA LEHNER-HARTMANN, Dekanin der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien
KATHARINA PYSCHNY, Dekanin der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz
JOHANNES REITINGER, Rektor der Privaten Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz
ANDREA SEEL, Rektorin der Privaten Pädagogischen Hochschule Augustinum
SABINE WEISZ, Rektorin der Privaten Pädagogischen Hochschule Burgenland
DIETMAR W. WINKLER, Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Salzburg
