Wie machen wir in unserem Leben Erfahrungen, wie die Menschen sie hatten, als sie dem irdischen Jesus begegneten? Wie können wir sie erkennen, unterscheiden und nutzen?
1. Biblische Grundlegung: Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem Wirken des irdischen Jesus und dem Wirken des Heiligen Geistes in der Zeit der Kirche
Zwischen der wunderreichen Zeit des irdischen Jesus und unserer Gegenwart liegen 2000 Jahre. Es ist eine völlig andere Welt. Damals hat Jesus Menschen angesprochen, berührt, geheilt und in die Nachfolge gerufen. Heute machen wir Erfahrungen, wo Jesus durch den Heiligen Geist unser Herz erwärmt und uns auf diese Weise auch berührt, heilt und in die Nachfolge ruft. Wir lesen die Evangelien und finden dort Anleitung, wie wir ihm bestmöglich in unserer so anderen Welt auf so andere Weise nachfolgen. Wie können wir die riesige Kluft von 2000 Jahren und ganz unterschiedlichen Weisen, Jesus zu begegnen, überbrücken?
Stellen wir uns dazu einen breiten Bergbach vor, den wir auf einer Wanderung überqueren müssen. Es gibt keine Brücke, aber in dem Bach ragt ein großer Stein heraus, den wir für die Überquerung nutzen können. Dieser Stein liegt nicht in der Mitte, sondern fast ganz auf der anderen Seite. Trotzdem: Wenn wir ihn nutzen, kommen wir drüber.
Dieser Stein steht für den Anfang der Urkirche. Er liegt 2000 Jahre von unserer Gegenwart entfernt. Und trotzdem ist es nicht so schwer, über diese Distanz hinüberzuspringen, denn die Gemeinsamkeiten sind hier größer als die Unterschiede. Es ist dieselbe Zeit der Kirche. Die eigentliche Kluft zwischen Jesu irdischem Wirken und seinem Geistwirken in der Kirche ist zeitlich betrachtet extrem schmal. Für die Jünger waren es nur wenige Tage. Für die urkirchlichen Gemeinden, die die biblischen Evangelien von den Evangelisten zuerst empfingen, waren es einige Jahrzehnte. Chronologisch ist das fast nichts im Vergleich zu den 2000 Jahren bis heute. Und doch liegen alle wesentlichen Verschiebungen des Wirkens Christi in dieser allerersten Zeit. Aber sie sind ganz genau beschrieben im Neuen Testament, begonnen mit der Apostelgeschichte. So können wir auch über diesen tiefen Graben hinüberspringen.
Was sind die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Jesu irdischem Wirken und dem Wirken des Heiligen Geistes in der Zeit der Urkirche? Auf vier Punkte möchte ich hier hinweisen:
Erstens eine grundlegende Gemeinsamkeit des Wirkens des Heiligen Geistes durch Jesus Christus und die Christen (Joh 14–17): Durch den Heiligen Geist wirkt Christus stärker und tiefer in den Jüngern Jesu, als es ihm während seines irdischen Wirksens möglich war. So können sie erstmals vollmächtig im Einklang mit dem himmlischen Vater wirken wie Jesus und auf diese Weise den Menschen beispielgebend das Gottesreich aufgehen lassen.
Zweitens ein wesentlicher Unterschied: Ganz anders als bei Jesus ist das Wirken des Heiligen Geistes in den Christen mit ihrem unbekehrten Handeln vermischt (Apg 5,1–11). Deshalb braucht es eine fortlaufende Unterscheidung der Geister (1 Kor 12,10). Dafür ist das Wirken des Heiligen Geistes in Jesus der entscheidende Maßstab (Joh 3,34; 1 Kor 12,3).
Um über die vielen biblischen Beispiele von Geisterfahrungen und Geistwirken hinaus die Weite und Tiefe des Geistwirkens für unsere Gegenwart zu erfassen, sind zwei weitere Punkte wesentlich: Christus lässt sich zunehmend in allem finden, und zwar nicht nur im Großen, sondern vorzugsweise im Kleinen und Kleinsten.
3. Der Heilige Geist Jesu Christi wirkt vorzugsweise im Kleinsten: Nach dem Zeugnis der Evangelien hat Jesus vor allem durch spektakuläre Wunder gewirkt. Dennoch hat er diese mit seinen Wachstumsgleichnissen als winzige Samenkorn-Ereignisse beschrieben (Mt 13). Zudem verdeutlicht Jesus in den Evangelien nachdrücklich, dass kleinere Mittel noch größere Wirkungen hervorbringen können (Mk 8,17–21).
4. Der Geist Jesu Christi lässt sich in allen Dingen und Menschen finden: Jesus hat sich in seinem irdischen Wirken in einer sich weitenden und vertiefenden Solidarität mit allen Menschen und der gesamten geschöpflichen Wirklichkeit bis zur Identifizierung solidarisiert (Mt 25,40.45). Demgemäß bezeugt ihn das Neue Testament ausgehend von seiner Auferstehung als Schöpfungsmittler, als Anfang und Vollendung nicht nur von allen Menschen, sondern von allem (Kol 1,20; Eph 1,10). Das bedeutet, dass er uns nicht nur in jedem Menschen – sogar in uns selbst (2 Kor 5,17; Gal 6,15) –, sondern in jeder geschöpflichen Wirklichkeit1 in der Weise von Samenkorn-Ereignissen der aufleuchtenden neuen Schöpfung auch anonym begegnen kann.
2. Die Pfingstpredigt des Petrus als Geistwirkung und genutzter Kairos
Nimmt man die letzten beiden Punkte zusammen, so ergibt sich für die Zeit der Kirche, dass kleine und kleinste Gnadenereignisse nicht weniger wirksam sind als Jesu größte Wunder.2 Und sie haben den Vorteil, dass sie weit häufiger sind. Damit ergibt sich, dass die Samenkörner des in der Gegenwart durchbrechenden Gottesreichs (Sandler 2025a, 229–231) tatsächlich so zahllos sind und an unwahrscheinlichsten (auch scheinbar heillosen) Orten gefunden werden können, wie das Gleichnis vom Sämann nahelegt.3 Es öffnet sich eine Perspektive, in der Gott überall gefunden werden kann, ohne dass er damit verfügbar werden würde: Gott ist allgegenwärtig, aber er ist nicht immer und überall als gegenwärtig erfahrbar. Er offenbart sich in unverfügbaren Ereignissen, wann, wo, wem und wie er will. Und Jesus fordert uns auf, sein Kommen zu erbitten (Lk 18,1–8)4. Wenn wir nicht im Tunnelblick auf unsere Problemsituation fixiert bleiben, sondern unseren Blick in glaubender Zuversicht weiten, erweist sich ein Samenkorn-Ereignis des aufleuchtenden Gottesreichs immer wieder als nahe (Dtn 30,11–14a), wenn auch nicht genau da, wo man gerade steht und es gerne hätte, um eine aktuelle Not zu lösen. Demgemäß kann uns Christus durch den Heiligen Geist im Kleinen und Kleinsten begegnen, sodass dies für uns zu einem Samenkorn-Ereignis des aufleuchtenden Gottesreichs wird.
Das lässt sich bereits in der ersten – beispielgebend bezeugten – Geisterfahrung der werdenden Urkirche beim jüdischen Pfingstfest aufweisen. Der Heilige Geist wirkt zwar wie ein Sturm (Apg 2,2), lässt sich aber in Feuerzungen auf einzelne Menschen nieder, um sie in die kleinstmöglichen Bewegungen zu versetzen – den Mikrobewegungen der Zunge – sodass sie in verschiedenen Sprachen reden und damit nicht Sprachverwirrung, sondern völkerübergreifende Verständigung freisetzen (Apg 2,3–6). Wie die Menschen, wenn sie sich bis ins Kleinste führen lassen, weltverändernd wirken, zeigt sich in der Predigt des Petrus (Apg 2,14–36). Darin vollzieht Petrus gegenüber seinen jüdischen Zuhörer:innen eine auf eigene Faust unerreichbare kritische Solidarität als starke Mitte zwischen aggressiver Kritik ohne Solidarität und einer resignativen Solidarität in unwahrhaftiger Kritiklosigkeit (Sandler 2011, 76–87). Petrus wurde durch diese Geisterfahrung in ein Gleichgewicht seiner Grundbeziehungen zu Gott, Mitmenschen, Welt und Selbst versetzt. So wie bei Petrus mit seiner außerordentlichen Pfingstpredigt verdeutlicht, beschreibt die Bibel die Christen als neue Schöpfung (vgl. 2 Kor 5,17), so entfaltet sie die neunfältige Frucht des Heiligen Geistes (Gal 5,22–23)5, und so erzählt die biblische Schöpfungsgeschichte den Anfang der Schöpfung vor dem Sündenfall. Petrus wirkt also aktiv mit dieser Gabe des Heiligen Geistes mit und auf diese Weise nimmt er den damit gegebenen Kairos an. So glückt ihm für diese Sternstunde seiner Pfingstpredigt eine vollkommene Bekehrung von negativ-grenzender zu positiv-bezogener gemeinschaftlicher Identität: Die Juden und jüdischen Autoritäten, die den Tod Jesu unterstützten, werden ihm von gefürchteten Todfeinden zu „Brüdern“ (Apg 2,29).
3. Eine Phänomenologie von alltagsnahen Transzendenzerfahrungen
Für eine Phänomenologie heutiger Transzendenzerfahrung gilt es, – entsprechend der Samenkornlogik der größeren Heilsmacht des Kleinen und Verletzlichen – auf alltagsnahe kleine und kleinste Bewegungen des Heiligen Geistes zu achten, die so häufig sind, dass sie jederzeit und überall zwar nicht in verfügbarer Weise da, aber doch nahe sind (s.o.), sodass man sich an ihnen ausrichten kann, um nicht nur gut gemeinte Werke für Gott, sondern Gottes Werke zu tun (Joh 5,19). Solche Bewegungen erweisen sich als geistgeführt, wenn sie wie bei Petrus und den ersten Christen horizontsprengende Ereignisse sind, die uns für einen Augenblick in den prälapsarischen (dem Sündenfall vorausliegenden) Zustand einer vollkommenen Konvergenz aller Grundbeziehungen und in eine positiv-bezogene Identität versetzen. Aber wo und wie sollen wir solche Pfingsterfahrungen in kleiner und kleinster Form mitten in unserem Alltag machen?
Das genannte Kriterium ist erfüllt in der elementaren Erfahrung, dass wir etwas oder jemanden für einen Moment als uneingeschränkt gut oder schön wahrnehmen. Wir finden zwar immer wieder Dinge oder Menschen oder Ereignisse einigermaßen gut oder schön – sodass sie ein Bedürfnis wecken nach mehr davon. Aber es kommt doch – und bei näherer Betrachtung gar nicht so selten – vor, dass etwas oder jemand in seiner Gutheit oder Schönheit in uns eine Resonanz weckt, sodass für einen Moment alles gut oder schön ist: ausgelöst etwa durch einen Baum, den wir sehen, einen Schluck Wasser, den wir schmecken, oder einen Menschen, den wir einfach nur schön finden. Eine Gegenprobe kann den Unterschied zum relativ Guten und Schönen verdeutlichen. Wenn man das mit den Worten ausdrückt – „Wie bist du schön!“ – und die angesprochene Person antwortet, „Ja, schöner als gestern, denn heute war ich beim Friseur“, dann würde man diese Antwort als offensichtlich unangebracht empfinden. Es gibt Erfahrungen, die kann man nur so beschreiben, dass „gut“ unvergleichlich ‚besser‘ ist als „besser“. In solchen Ereignissen erweist sich ein Komparativ (vgl. engl. compare) als falsch, eben weil er vergleicht und die ganz besondere Qualität eines Gegenstandes oder Menschen durch vergleichende Abhebung gegen anderes nicht nur hervorhebt, sondern eben dadurch begrenzt und sogar zurücknimmt.
Und warum erscheint uns ein solches Vergleichen in einem Samenkorn-Ereignis des aufleuchtenden Gottesreichs so offensichtlich als ungeeignet? Weil dadurch seine Besonderheit einer auf alles andere ausstrahlenden oder überfließenden Schönheit, Gutheit oder Gerechtigkeit (s.o. zu Mt 5,20) verdunkelt wird. Der Schluck Wasser wird zum horizontsprengenden Ereignis (Žižek 2014, 16) dadurch, dass das hier und jetzt erfahrene Gute oder Schöne auf alles andere ausstrahlt. Für einen Moment wird ein Mensch in seinem ganzen Sein von dem „Gut“ dieses begrenzten Gegenstandes oder Menschen erfasst: in all seinen Grundbeziehungen zur ganzen Welt und allen Mitmenschen, zu sich selbst und zu Gott, sodass mit einer – zunächst, im allerersten Moment – unabweisbaren Evidenz aufleuchtet: „Es ist gut – alles ist gut.“6 Ein einfacher Schluck Wasser kann sich als dermaßen gut erweisen, dass für einen Augenblick alles gut ist, und wo solches geschieht, ereignet sich im Grunde das Gleiche wie vor zweitausend Jahren, als Jesus nach dem Zeugnis der Evangelien einen Taubstummen heilte und das Volk ausrief: „Er hat alles gut gemacht“ (Mk 7,37).
Wo wir solches erfahren, auch im Kleinen und Kleinsten, werden wir für einen Augenblick aus unserem erbsündig-konkupiszenten Ungleichgewicht herausgerissen und in den unverstellten Anfang der Schöpfung versetzt.
Solche Erfahrungen können auch auf andere Menschen überfließen oder sogar viele Menschen zugleich erfassen: im gemeinsamen Gebet oder auch ohne ausdrücklich religiös zu sein beim gemeinsamen Singen, Tanzen, beim Jammen in einer Jazz-Improvisation oder im gemeinsamen Sport. Hier kann eine positiv-bezogene Identität durchbrechen, die sich keiner Entgegensetzung gegen andere verdankt7 – in einer zunächst noch gar nicht ausdrücklich religiösen „horizontalen Transzendenz“8 –, aber so, dass nur mehr „ein Schleier vor dem Angesicht Gottes“ ist (Griffiths 2002, 2). Wo sie dies staunend zulassen und dem dankend entsprechen, können auch ungläubige Menschen auf unausdrückliche Weise Gott danken und ihn ehren.9
Geleitet von einer christlichen Samenkornspiritualität (Mt 13) strecken sich Menschen in einer kontemplativen Grundhaltung nach solchen alltagsmystischen Gnadenerfahrungen aus, wo immer sie sich gerade befinden. Dabei genügt es nicht, darin zu verbleiben und diese zu genießen. Sie sind ein Kairos, der uns befähigt und herausfordert, auch schwere Situationen, in denen wir uns gerade befinden, im Geist der überfließenden Liebe und Gerechtigkeit Gottes zu bestehen. Wir bemühen uns, wie Christus, dem wir nachfolgen, die Werke zu tun, die der Vater uns zeigt (Joh 5,19), indem er sie in uns – durch Christus, im Heiligen Geist – zum Leben erweckt.
Auf diesem Weg eröffnet sich eine starke Mitte zwischen Polaritäten, die sonst oft in unversöhnlichem Gegensatz zueinander stehen: etwa zwischen kontemplativer „Ästhetik“ und tatkräftiger „Ethik“ (Balthasar 1976, 20–32). So führt die Fokussierung auf Gutes und Schönes nicht zur Ausblendung des Unheilen, sondern setzt ein übernatürliches Mitgefühl gegenüber Menschen frei, die sich in einem ganz und gar nicht guten Zustand befinden. Exemplarisch dafür steht das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, in dem dieser von einem Mitgefühl („splanchnízomai“) bis in seine Eingeweide („splánchna“) erfasst wird (Sandler 2025b, 223–226). Grundlage dafür ist, dass er ihn wahrnimmt, wie Gott ihn sieht: in seiner ursprünglichen Gutheit und Schönheit oder – dementsprechend – in seiner von Gott intendierten Vollendungsgestalt. Und gerade das erweist dessen momentanen Zustand als halbtot-Geschlagener als einen Skandal, der unbedingt beendet werden muss.
Literatur
Balthasar, Hans Urs von (1976), Theodramatik. Band II. Die Personen des Spiels. Teil 1: Der Mensch in Gott, Einsiedeln: Johannes Verlag.
Dostojewskij, Fjodor (1998), Böse Geister. Aus dem Russischen von Swetlana Geier, Zürich: Ammann.
Griffiths, Bede (2003): The golden string. An autobiography. Tucson, AZ: Medio Media
Markschies, Christoph Johannes / Schröter, Jens (Hg.) (2012), Antike christliche Apokryphen in deutscher Übersetzung, Tübingen: Mohr Siebeck, 7. Aufl.
Rahner, Karl (2007): Was heißt Jesus lieben [1984]. In: Karl Rahner: Geistliche Schriften: Späte Beiträge zur Praxis des Glaubens. Freiburg i. Br.: Herder (Sämtliche Werke, 29), 197–230.
Sandler, Willibald (2009), Der verbotene Baum im Paradies. Was es mit dem Sündenfall auf sich hat, Kevelaer: Topos plus; ; online https://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/texte/800.html.
— (2011), Die gesprengten Fesseln des Todes. Wie wir durch das Kreuz erlöst sind, Kevelaer: Topos Plus; online https://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/texte/900.html
— (2021), Charismatisch, evangelikal und katholisch. Eine theologische Unterscheidung der Geister, Freiburg: Herder.
— (2025a), Größere Tiefe, die in größere Weite führt. Biblische Grundlagen für eine christliche Samenkorn-Spiritualität, in: Kovács, Gusztáv und Szalay, Mátyás (Hg.), Europe: Spiritual Resources for the Future. International Congress of the European Society for Catholic Theology, Pécs: Theological College of Pécs, 220–237, online: https://pphf.hu/wp-content/uploads/e-library/esct.pdf
— (2025b), „Christus in allen Dingen finden“. Ein dramatisch-kairologischer Ansatz für eine vertieft christliche Ökospiritualität. In: Guggenberger, Wilhelm / Paganini, Claudia (Hg.): „Gott von Gott, Licht von Licht“. Lehren und Irrlehren im Christentum. Innsbruck: IUP – Innsbruck Univ. Press; online: https://ulb-dok.uibk.ac.at/ulbtirolfodok/download/pdf/12510479
Schwager, Raymund / Niewiadomski, Józef u.a. (1996), Dramatische Theologie als Forschungsprogramm, in: Zeitschrift für katholische Theolgoie 118, 317–344.
Žižek, Slavoj (2014), Was ist ein Ereignis? Frankfurt am Main: Fischer.
Anmerkungen
1 Explizit im Thomasevangelium, Logion 77,2, nach dem Jesus von sich sagt: „Ich bin das Licht, das über allem ist. Ich bin das All. Aus mir ist das All hervorgegangen. Und zu mir ist das All gelangt. Spaltet ein Stück Holz – ich bin da. Hebt den Stein auf, und ihr werdet mich dort finden.“ (Markschies/Schröter 2012) Vgl. aber auch Jesu Selbstidentifizierung mit Brot und Wein in den Abendmahlsworten (Mt 26,28 par Mk 14,24).
2 Dafür spricht auch der Schluss des Johannesevangeliums in Joh 21,25: Wenn das „viele andere, was Jesus getan hat“, die kleinen und kleinsten Heilsereignisse umfasst, beginnend mit der bloßen Ausstrahlung seiner Präsenz (Mt 4,19–20), dann wirkt die Aussage, dass „die ganze Welt die Bücher nicht fassen könnte, die man schreiben müsste“ (Joh 21,25) nicht mehr übertrieben.
3 Das wird im Gleichnis indirekt verdeutlicht: der Sämann sät seine Samenkörner überallhin (Mt 13 par Mk 4, Lk 8).
4 Dabei ist zu beachten, dass Gott unsere Bitte um sein Kommen nicht sofort, sondern schnell erfüllen wird: „en táchei“ (Lk 18,8), im Sinn von „plötzlich“ und „unvermutet“ (Sandler 2021, 261–262).
5 Zu den neun Teilfrüchten der einen „Frucht des Geistes“ beachte vor allem die produktive Spannung zwischen den letzten beiden „Sanftmut und Selbstbeherrschung (enkráteia)“ (Gal 5,23), die von Menschen auf eigene Faust nicht geleistet werden kann. Ihr entspricht die im Haupttext beschriebene kritische Solidarität. Hier zeigt sich: Was den Heiligen Geist identifiziert, ist nicht das Außergewöhnliche, sondern die Wiederherstellung der ursprünglichen Konvergenz aller Grundbeziehungen.
6 Vgl. Dostojewskijs literarische Verarbeitung einer naturästhetischen Heilserfahrung mit einem gewöhnlichen Herbstblatt, das zum Eindruck eines bedingungslosen „Es ist gut“ mit der darin aufleuchtenden Evidenz „Alles ist gut“ führt. In seinem Roman „Böse Geister“ führt der russische Schriftsteller das an der Figur des atheistischen Kirillow aus. Vgl. Dostojewskij (1998, 311–314).
7 Vgl. die entsprechende Kriteriologie in Schwager/Niewiadomski (1996, 332–333), wo solche Art der communio dem Heiligen Geist zugeschrieben wird.
8 Vgl. Taylor (2022, 1122), mit Verweis auf Luc Ferry.
9 Weil ein Dank für alles (das in dem einen Guten aufleuchtet, s.o.) nicht angemessen an einen Teil dieses Alles gerichtet werden kann. Man kann einen solchen Dank vollziehen, auch wenn man den Adressaten unbestimmt lässt. Aber „Danken will Du sagen“; es ist ein wesentlich interpersonaler Vollzug, und der Adressat eines Danks für alles kann nur Gott sein (Sandler 2009, 60–67). Vgl. auch Karl Rahner mit seiner Erschließung von suchender Christologie und anonymen Christen (Rahner 2007).