Predigt zum 5. Fastensonntag in der Jesuitenkirche
Lesung: Ez 37,12-14, Evangelium: Joh 11, 1–45
Faszinierende, aber auch erschreckende Kulissen tauchten vor meinen Augen auf, in dem Moment, als mich das Wort Gottes in dieser Liturgie traf. Kulissen, die es mit dem besten Barocktheater aufnehmen könnten. Die Worte der heutigen Lesung sind im Szenario aus dem Buch Ezechiel angesiedelt. Es stellt ein wahrhaftiges Mysterium tremendum et fascinosum[1], ein erschreckendes und faszinierendes Geschehen dar. Und warum dies? Ein weites Feld voll von ausgetrockneten Gebeinen, ein überdimensionaler Friedhof, dessen Gräber die ausgebleichten Knochen nicht mehr bergen können. Ein Schlachtfeld oder aber das Feld menschlicher Geschichte. Facta bruta: die nackten Tatsachen des menschlichen Lebens! Eines Lebens, das mit den nüchternen Augen des Naturwissenschaftlers betrachtet, bloß der Inbegriff von biologischen, chemischen und physikalischen Tatsachen bleibt. Der Mensch, diese fleischgewordene Lebenslust, seine „profundior et universalior appetitio“[2]: dieses tiefe und keine Grenzen kennende Verlangen nach Glück, das der Mensch ist, stirbt. Er reduziert sich zum Knochengerüst und wird nach und nach zum Staub, zur Materie, aus der wiederum das Leben zu kommen scheint. Nach dem Motto: „Stirb und werde!“ Das faszinierende Schauspiel der Macht des Todes, aber auch nicht mehr.
Der Visionär des Ezechielbuches erlebt nun in seinem Traum, wie die Gebeine zusammenrücken, sich mit Sehnen und Fleisch überziehen, zu lebendigen „Frankensteins“ werden, oder aber zu Zombies. Der Atem stockt ihm genauso, wie dem Naturwissenschaftler der Atem stocken würde, wenn er zum Zeugen solcher Ereignisse werden würde: zum Zeugen solcher Veränderung der Materie. Doch, so faszinierend das Schauspiel auch sein mag, so banal wird es bleiben in seinem Kreislauf von „Stirb und werde!“ Von Transzendenz keine Spur. Und wir alle, die wir eingebettet bleiben in dieses ewige Stirb und Werde, würden diese Banalität nicht einmal merken, wenn es das Wunder nicht gäbe! Wenn der göttliche Geist diese facta bruta des menschlichen Lebens, diese nackten Tatsachen nicht widerlegen würde.
Denn inmitten dieser Barockkulissen spricht Gott zu uns in der heutigen Lesung: „Ich hauche euch meinen Geist ein, erst dann werdet ihr lebendig! (Ez 37,14). Der Staub, die Materie, die physikalischen, chemischen und biologischen Tatsachen machen ja den Menschen noch lange nicht aus. Kommt der göttliche Geist nicht hinzu, so werden im überdimensionalen Laboratorium menschlicher Geschichte, in dem der Mensch längst mit seinem Gebein und Fleisch experimentiert, aus diesem Labor bestenfalls Zombies und hochentwickelte Frankensteins hervorgehen: Mechanische Gliederpuppen ohne Geist! Und dies trotz aller Errungenschaften der künstlichen Intelligenz. Ohne den Geist, der von außen kommt, gibt es die Transformation zum Menschsein nicht. Doch auf welche Art und Weise kommt der göttliche Geist in diese Welt hinein? Wo wird er greifbar auf diesem überdimensionalen Schlachtplatz, in diesem Labor mit seinen facta bruta, mit den nackten Tatsachen des menschlichen Lebens? Bei welchen Lebensvollzügen können wir ihn erahnen? An der Rokoko-Kanzel in Zwiefalten (dem Prachtstück des schwäbischen Barock) wird die Szene aus dem Buch Ezechiel genial dargestellt.[3] Das Zusammenrücken der Knochen, das Überziehen mit Fleisch und Sehnen und auch der Haut werden dort mit Glauben und Hoffnung in Verbindung gebracht. In Gestalt von zwei Frauen agieren diese theologischen Tugenden inmitten des Knochenfeldes. Die dritte Frau, die für die Liebe steht, verantwortet das Leben der Knochengerüste. Die Haut wirkt lebendig, weil die mechanischen Gliederpuppen den göttlichen Geist der Liebe geschenkt bekommen haben.

Abbildung 1 Von Dionysos
Liebe Schwestern und Brüder, „Als Jesus sah, wie Maria weinte und wie die Juden weinten, war er im Innersten erregt und erschüttert und da weinte auch Jesus.“ (Vgl. Joh 11,33 ff). Im Gefühl, im Mitgefühl, in der Empathie füreinander, im Geist der Liebe geschieht das Wunder. Die Worte des Evangeliums bezeugen es deutlich, dass die Empathie so stark sein kann, dass sie selbst den Naturgesetzen zu trotzen vermag: „Lazarus komm heraus!“ (Joh 11,43) In dieser Empathie vermögen wir die Spuren der Menschwerdung des göttlichen Geistes wahrzunehmen – und auch die ersten Akte einer dramatischen Auseinandersetzung zwischen diesem lebendig machenden Geist und dem Staub der Materie, den physikalischen, chemischen und biologischen Tatsachen. Und warum? Weil diese immer wieder eine Übermacht über die Menschen gewinnen können.
Und wie ging diese Geschichte weiter?
„Was sollen wir tun?“ fragte der Hohe Rat (Joh 11,47ff). Dieser Mensch tut viele Zeichen, er wagt ja, die facta bruta, diese nackten Tatsachen des menschlichen Lebens, in das Wunder einzubeziehen. Er wagt ja, den Kreislauf von „Stirb und werde!“ durchzubrechen. Wenn wir ihn gewähren lassen, werden viele glauben – an den lebendig machenden Geist, an die Inspiration, an die Transzendenz. Lasst uns also die Kraft der Empathie brechen und die Übermacht des Sterbens und Vergehens demonstrieren und den banalen Kreislauf siegen lassen. Auf dass seine Knochen ausgebleicht zum Staub werden und das Grab noch einmal die Banalität unserer Existenz demonstriert! Und man hängte ihn auf, begrub und deckte seinen Leichnam zu. Und die Banalität des Alltags hätte beinahe gesiegt, wenn es das Wunder nicht gäbe, das den Kreislauf durchbricht – das Wunder des göttlichen Geistes!
Dieser lebendig machende Geist ließ es nicht zu, dass jener Mensch, der in seinem Leben zum Inbegriff der Empathie wurde, im Tode bleibt. Oder nur im ewigen Kreislauf des allzu menschlichen „Stirb und werde“ – reduziert auf den Inbegriff biologischer, chemischer und physikalischer Gesetze. Nein! Der lebendige göttliche Geist weckte ihn auf, demonstrierte deutlich die Ohnmacht des Todes und zeigte durch den Tod hindurch eine Lebensform, die sich den nüchternen Augen des Naturwissenschaftlers und dem Pseudogenie der Künstlichen Intelligenz entzieht. Eine Lebensform, von der nur Religion und Kunst (eine Kunst, die ihren Namen auch verdient) zu zeugen vermögen! Eine Lebensform, die all die uns bekannten kleinen mysteria tremenda et fascinosa[4] der mechanischen Gliederpuppen übersteigt, weil sie aus der Transzendenz, aus dem Himmel des lebendig machenden Gottes kommt – aus dem Himmel der Unsterblichkeit: dem Himmel eines empathischen Gottes. Mehr noch: aus dem Himmel des göttlichen Liebhabers des Lebens. Sein Leben stellt ja den Inbegriff des Geheimnisses des Lebens, der Liebe und nicht des Todes dar.
[1] Ein Begriff des berühmten Religionswissenschaftlers Mircea Eliade. Vgl. Niewiadomski, Mysterium tremendum et fascinosum – erschreckend und faszinierend: das Geheimnis... https://www.uibk.ac.at/de/theol/leseraum/texte/998/
[2] Vgl. Zeites Vatkanisches Konzil. Pastoralkonstitution Gaudium et Spes, Nr. 9.
[3] Vergleich die detaillierte Abbildung in https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/91/M%C3%BCnster_Zwiefalten_1714-HDR.jpg
[4] Vgl. Anm. 1.