Evangelium: Lk 24,13-35
Der Weg des christlichen Glaubens beginnt mit der umwerfenden, ja der einzig wirklichen um-drehenden, re-volutionären Erfahrung: Der Gekreuzigte lebt! Der Herr ist auferstanden! Und unser christliche Weg wird nur weitergehen, wenn wir, wenn ich mich ganz persönlich in diese Erfahrung hineingenommen erfahre, wenn also der Ostermorgen auch in meinem Leben Ereignis wird.
Die Bedeutung des heutigen Evangeliums, dieser wunderbaren Erzählung vom Gang zweier Jünger nach Emmaus, liegt für mich darin, dass diese Geschichte uns eine mögliche Ostererfahrung heute eröffnen will. Die Erzählung von Emmaus ist die Ostergeschichte für alle Zeiten, für alle Pilgerinnen auf dem neuen Weg. Sie möchte und kann den Stein vor meinem Herzensgrab um-drehen. Aber wie ist das möglich? Wie wird die so oft gehörte und ausgelegte Geschichte zu einer gegenwärtigen Erfahrung, zu meiner Erfahrung, zur bestimmenden Orientierung meines Lebens? Wie kann es zu einer „realen“ Begegnung mit dem Auferstandenen heute kommen? Lassen wir uns einmal ohne Vorbehalt auf das Evangelium ein. Es schenkt uns ein Geleit in diese Erfahrung. Diese Erzählung stiftet Gleichzeitigkeit.
Die Erzählung beginn mit einem Schnitt, „Und siehe“. Sie beginnt mit einer Unterbrechung zur vorangegangenen Erzählung von den Frauen, die mit ihrem Zeugnis die Apostel aufrüttelten. Also: Schwenk auf eine neue Situation! Zwei waren auf dem Weg nach Emmaus, weg von Jerusalem, weg von dieser schrecklichen Demonstration römischer Tötungskunst, die ein tiefes Trauma ausgelöst hat. Nur weg! Denn darauf beruht das Imperium. Darauf, auf dem Tötenkönnen beruht alle menschliche Gewalt-Macht. Darüber muss ich in diesen Tagen kein Wort verlieren. Aber die zwei werden sich selbst und ihre traumatische Erfahrung nicht los. Sie müssen darüber sprechen, auch wenn sie dem Ort des Grauens ihren Rücken zukehren.
Dann der zweite Schnitt: Und es geschah: plötzlich war ein anderer da. Sehr fein erzählt es Lukas: er hatte sich genähert und dann ging er mit ihnen. Die Zwei wissen nicht, wer dieser ist. Der Evangelist löst für uns die Spannung auf: Jesus! Er geht mit ihnen und tut so, als ob er von nichts wüsste! Nun geht einem das Herz über und er verliert jede Zurückhaltung. Wessen das Herz voll ist, davon läuft es über! Was, Du weißt nicht, was da passiert ist? Kommst Du denn vom Mond? Kleopas überschlägt sich geradezu, und wir hören sein zutiefst politisches Bekenntnis zu Jesus von Nazareth: Er sollte doch, Israel erlösen, auszulösen aus der Fremdherrschaft. Doch: Seine politische Hoffnung ist jämmerlich gescheitert. Es sprudelt weiter aus ihm heraus. Nicht nur das ist uns widerfahren. Jetzt kommen auch noch die absurdesten Behauptungen dazu.
Und jetzt müssen wir heute hier genau zuhören, denn jetzt wird diese Geschichte pure Gegenwart. Denn jetzt, hier und in dieser Stunde kann sich Emmaus ereignen. Die Erzählung zieht jetzt uns in die Geschichte hinein.
Zunächst aber wird erinnert, damit auch wir auf der Höhe des Geschehens sein könne: Frauen hätten von Engelserscheinungen gefaselt. Die Apostel haben dies als Frauengeschwätz abgetan (Lk 24,11-12). Petrus allein machte sich auf den Weg. Kleopas weiß auch, dass die Jünger dann das Grab leer gefunden hätten; so wie es die Frauen berichteten. Und? Nichts! Die Botschaft vom leeren Grab zu hören allein reicht offensichtlich nicht. Und es gibt immer, bis heute gute und weniger gute Gründe, die Botschaft von Ostern abzutun, auch wir, ich selbst auch, haben nicht immer gute Argumente, solche Gründe aufzulösen. Und überhaupt: Argumente begründen immer nur in einem vorgegebenen Rahmen, der nicht durch Beweismittel, sondern durch verschiedenste Voraussetzungen, nicht nur „rationale“ gebildet wird. Deshalb ist eine lebensorientierende Botschaft nicht absolut begründbar. Das gilt natürlich auch für die Ostererzählung. Deshalb hätte auch eine Erscheinung des Herrn bei der Obrigkeit, wie es manche apokryphen Erzählungen es sich vorstellen, nichts geholfen. Pilatus, die Soldaten und die jüdische Obrigkeit hätte sie einfach abgetan: Blödsinn! Und wenn sie tatsächlich sich aufdrängende Visionen gehabt haben sollten, hätten sie wohl gesagt: Spinne ich? Oder: Muss ich gestern wieder einmal voll gewesen sein.
Lukas sagt deshalb über die beiden Jünger: Ihre Augen seien gehalten. Jesus nennt sie Unverständige und Langsame im Herzen. Und dann erschließt er Ihnen die Schrift, vor allem die Propheten. Aber, ich habe mich immer wieder gefragt, warum denn bloß… Warum? Lukas erzählt nicht, wie Jesus auf die so wichtige Frage antwortet, die er selber formuliert, und die wir ganz wörtlich hören müssen, damit wir nicht die falschen Fragen stellen: „War das nicht nötig, dass der Messias litt und einging in seine Herrlichkeit?“ (Lk 24,26). Keine rhetorische Frage, aber eine verneinte Frage, die also immer nur zu einer indirekten Antwort führen kann. Zu einer Antwort, die selbst zur Frage wird: Wäre es denn anders möglich gewesen? War dieser Weg Jesus denn nicht nötig?
Jesus stellt selbst jene Frage, die die ganze Geschichte des Christentums durchzieht, in Frömmigkeit, Liturgie und Theologie. Lukas beantwortet die Frage, so meine ich, deshalb nicht, weil wir, jede und jeder einzelne, seine Antwort geben muss. Die Evangelisten geben Ihre Antwort, Paulus gibt eine Antwort und die Kirche hat in der sogenannten Erlösungslehre darauf zu antworten gesucht; und –, und das ist wichtig –, lässt verschiedene Antworten gelten. Die Kirche hält nur eines fest: Jesus musste im strengen Sinne des Wortes nur unser menschliches Lebensschicksal teilen, also sterben. Warum aber dieser Tod am Kreuz? Gewiss gibt es keine Notwendigkeit in der Geschichte, aber drängt sich nicht doch bisweilen ein Ereignis so auf, dass wir – hinter her natürlich nur – mit besten Gründen sagen können, das hat so kommen müssen? Nehmen wir die Frage Jesu auf und stellen sie uns heute: Wäre ein anderer Weg wirklich möglich gewesen? Mehr noch: Wir müssen uns diese Frage ganz persönlich stellen, damit ich meine Antwort in mir selbst erfahre? Ostern stellt sich nur ein, wenn ich unvertretbar persönlich von Jesu Frage getroffen bin und meine Antwort zu geben wage.
Wie finde ich nun aber meine eigene Antwort? Hören wir noch einmal genau auf das Evangelium. Einer der Jünger hieß Kleopas; und der andere? Der Zweite? Wer ist dieser Namenlose? Die Erzählung öffnet in dieser Lücke einen Raum für jede mögliche Leserin. Jede und jeder von uns ist eingeladen, durch diesen Platzhalter in die Erzählung einzutreten. Wenn wir dieses Experiment wagen und uns ins Gespräch hineinnehmen lassen und dann Jesus persönlich fragen, dann und nur dann kann Ostern sich auch in unserem Leben heute ereignen. Ich habe in den ignatianischen Exerzitien lernen dürfen, Jesus selbst zu fragen, mich also als zweiter Jünger mit auf den Weg zu machen. Ignatius ermutigt und fordert uns auf, sich den Weg nach Emmaus vorzustellen, sich selbst mit hineinzugeben und dem Herrn alles anzuvertrauen, was einem selber auf dem Herz brennt. Und, das ist das große Versprechen der ignatianischen Exerzitien, der Herr wird antworten. Und ich habe erfahren dürfen, dass sie das Versprechen einlösen. Aber Ignatius sagt mir immer auch: Was Dir genützt haben mag, was Dir Trost geschenkt hat, das muss nicht einem anderen Trost schenken. Nimm Dich zurück![1] Deshalb halte ich mir immer vor Augen, dass andere eine andere Antwort vernehmen werden. Wenn ich also hier mit Euch teilen darf, was ich glaube vernommen zu haben, dann ist das nicht die einzig sinnvolle Antwort, sondern meine, mit der ich mit ihm, meinem „Señor y Compañero“, auf dem Weg bleiben darf, ja mich freue, dass er meinen Lebensweg, alles mit mir teilt, ja in mir lebt (Gal 2,20). Ich darf mit dem Gehörten seinem Versprechen täglich neu trauen: Ich bin bei Euch alle Tage, bis zum Ende der Welt (Mt 28,20). Mein Zeugnis kann jedoch nicht einfach übernommen werden. Es soll Euch nur dazu ermutigen, im Gespräch mit dem Herrn Deine eigene, unvertretbar persönliche Antwort zu finden.
Die erste Antwortrichtung scheint mir eindeutig zu sein. Sie ist für mich sogar die notwendige Bedingung für alle weiteren möglichen Antworten. Jesus, wollte kein politischer Messias sein, einer der Schlachten schlägt und nach hartem Kampf letztlich gewinnt, und seine Feinde tötet. Das auf alle Fälle nicht; – und er warnt mich zugleich, ja keinem zu trauen, der sich als Führer oder „Leader“ aufspielt und mit Gewalt und Krieg meint, die Welt und die Menschen zur Freiheit und Gerechtigkeit führen zu können. Ich bin kein Pazifist, aber im Namen des Evangeliums und im Namen Jesu Christi, im Namen Gottes ist kein Krieg zu rechtfertigen. Hier müssen wir ein bedingungsloses NEIN! Sagen. Gerade heute: Nein zu allen politischen Messiase, die dadurch den Namen Gottes verhunzen! Gott hat keine Freude am Tod der Sünder, er will, dass sie umkehren und leben! Es gilt ohne jede Ausnahme: Gewalt ist kein Name Gottes!
Meine zweite Orientierung im Gespräch mit dem Herrn entwickelt sich aus dem großen Narrativ der Schrift, vor allem der Geschichte im Anfang, im Garten. Ich habe im Hören den Eindruck gewonnen, dass es eine Art drängende Konsequenz zu Jesu Weg von der Seite Gottes und von der Seite des Menschen her gibt.
Was geschah im Garten? Es wird erzählt, dass der Mensch wie Gott sein wollte, um die Grundgesetze des Lebens selbst zu bestimmen und zu modulieren. Das ist die Ur-Sünde: kein Mensch mehr sein zu wollen, sondern Gott. Welch‘ letzten Endes groteske Anmaßung. Aber ein Wunsch und eine Absicht, die sich bis heute durch die Geschichte zieht: HOMO-DEUS / Mensch-Gott. Heute wird uns die digitale Unsterblichkeit und anderes mehr vorgegauckelt und für dieses Projekt Milliarden eingesetzt. Was geschieht, wenn der Mensch nicht mehr Mensch sein will?
Zuerst: die Menschen merkten, dass sie nicht Gott waren, sondern nackt, gefährdet und verletzbar, sterblich. Der Tod ist die innere Konsequenz dieser absoluten Selbstverweigerung. Und sie bekamen es mit der Angst zu tun. Diese Angst, die Konsequenz der Selbstnegierung als Mensch, breitet sich über die ganze Selbst- und Welterfahrung aus und muss mit Notwendigkeit auf den Schöpfer selbst zurückschlagen. Der Mensch, Adam, versteckt sich. Gottes Bild ist jetzt vergiftet, entstellt. Statt Ur-Vertrauen, Ur-Misstrauen! Bis heute: Und wie reagieren wir? Wir reagieren auf Angst entweder mit Rückzug, Flucht und Selbstverweigerung, mit einer Panzerung um uns selbst oder mit Gewalt gegen andere. Das ist die menschliche Seite der Geschichte, sie ist heute beängstigend aktuell.
Und, jetzt zurück zur Frage Jesu: Wie hätte der Schöpfer uns zeigen können, dass es gut und schön ist, Mensch zu sein. Einige salbungsvolle Worte uns zurufen? Blieb ihm denn eine andere Wahl, als selbst Mensch zu werden, selbst von innen unsere Geschichte zu leben und zu erleiden? Menschwerdung, nicht in Thronen und Palästen, sondern irgendwo in einem vergessenen Winkel der Weltgeschichte, in einem Stall, verborgen, alltäglich, unspektakulär, eine Allerweltsexistenz! Doch, das ist wichtig, um das Drama der Geschichte Jesu angemessen auszulegen: Die Menschwerdung des Wortes Gottes ist keine Reparatur der zunächst misslungenen Geschichte, sondern die innere Dynamik der Schöpfung selbst. Gott, der Schöpfer wollte sich immer schon seiner Schöpfung schenken, und hat sich deshalb immer schon als innerste Dynamik allen Seins eingestiftet. Alles ist durch den Logos geworden und dieser war das Licht und das Leben aller Menschen (Joh 1, 3-4). Mit der Schrift dürfen wir uns sagen, Gott ist ein Freund des Lebens (Weisheit 11, 26). Unser Verhängnis liegt darin, dass wir uns mit Gewalt genommen haben, was wir nur als Geschenk empfangen können. Hätte es also für diesen Gott, den Vater Jesu Christi einen anderen Weg geben können als den, der uns in der Gestalt Jesu von Nazareth gezeigt ist?
Vertiefen wir diesen Aspekt: Wie ging es wirklich zu in unserer realen Geschichte, was erzählt die Schrift? Gott, so wird bildhaft und daher getreu erzählt, ging Gott Adam, den Menschen, nach und rief sie. Die Menschen waren jedoch nicht bereit, ehrlich zu sein und um Vergebung zu bitten. Wie aber hätte der Schöpfer vergeben können, wenn sich sein Bild bereits verzerrt hatte und der Mensch in Freiheit auf die Einladung ihres Schöpfers nicht eingingen? Die Konsequenz dieses Handelns war der Verlust des Paradieses. Was hätte aber Gott dann tun können, um dieses von Angst und Größenwahn verzerrte Bild seiner selbst wieder zu korrigieren? Von außen allein scheint es unmöglich zu sein. Denn wir könnten immer sagen, der hat leicht reden, er teilt ja nicht unser elendes Schicksal. Gegen ein Zerrbild helfen keine Begriffe und keine Worte, wie Newman sagt, sondern nur die Bereitschaft, ehrlich und redlich mit einem authentischen, eigenen Bild das Zerrbild zu vertreiben.[2] Und das hat Gott getan. Alle Seiten der Bibel bezeugen dies. Dieser Jesus von Nazareth, dieser Jesus Christus ist das Bild des unsichtbaren Gottes (Kol 1,15).
Wir könnten mit dieser ignatianischen Methode, im vertrauen Gespräch mit dem Herrn und dem zweiten Begleiter, noch mehr erfahren. Immer erschließt sich die Möglichkeit des Glaubens aus einem Dialog meines eigenen Lebens in dieser Zeit mit der Heiligen Schrift und der Erfahrung der menschlichen Geschichte, wenn ich mich in den Lebensweg Jesu betrachtend hineinnehmen lasse.
Jetzt aber muss ich mich kurz fassen: Gott musste so, wie der erste Mensch war, dem Menschen wieder entgegenkommen, um sein vergiftetes Bild zu reinigen. Er kam als Kind, nackt und bloß; er starb am Kreuz, nackt und bloß! Müssen wir uns vor diesem Gott fürchten? Müsste nicht vielmehr unsere eigene Gewalttätigkeit uns Angst einjagen? Gottes heilende Kraft musste unsere tiefste Angst von innen her heilen. Er wurde zum Medikament gegen unsere Existenzangst, indem er diese selbst geteilt und unseren Fall in das Nichts der Sünde durch seine eigene Gott-Verlassenheit auffing und so verwandelte. Nur so, in der radikalen Selbstentäußerung kann sich jenes Wesen Gottes unter den Bedingungen dieser unserer Geschichte zeigen: unter den Bedingungen unserer realen Geschichte zeigt sich die reine Liebe immer im Modus des Leidens, des scheinbaren Untergangs. Und nur so, in der innersten Annahme und Wandlung unseres Neins, das ins zweite Nichts geführt hätte, konnte die entstellte Schöpfung wieder hergestellt werden (Eph 1,10). Ostern ist ja der Beginn der Neuen Schöpfung, Heimholung der gefallenen Welt in das wahre Leben.
Doch unser Weg nach Emmaus ist noch nicht ans Ziel gekommen. Auch die beste Theologie zaubert keinen Osterglauben herbei. Es muss noch etwas dazu kommen. Es muss noch etwas Unersetzbares hinzukommen, weil Glauben nicht befohlen werden kann: nicht von außen, das wäre ja Missbrauch; aber auch nicht von innen. Ich kann mir nicht befehlen, zu lieben und zu trauen. Alle grundlegenden existentiellen Grundvollzüge des Menschen lassen sich nicht befehlen, und daher auch nicht andemonstrieren. Und jetzt komme ich ins Spiel, durch nichts und niemanden vertretbar. Was aber kann ich, ermöglicht durch seine Gegenwart, tun?
Die Jünger haben Jesus gebeten zu bleiben. Sie haben jene Worte gesprochen, die wir jeden Abend selber auch sprechen könnten und singen sollten: „Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneiget“. Christus tritt nur ein, wenn er eingeladen wird. Gott kommt nur, wo aufgetan wird. Wir öffnen, wenn wir unser Herz leer werden lassen, wenn wir ganz auf Gottes Wort schauen und hören, wenn wir uns selber, wie Meister Eckhart es sagt, wenn wir uns selber lassen, uns selber ledig werden. Wenn wir uns durch die staunende Erfahrung einer Begegnung selbst vergessen.
Jetzt erst kommt in der Emmaus-Erzählung die alles entscheidende Zäsur: „Und siehe“. Da waren sie bei Tisch, und Jesus tat, was er am Abend vor seinem Leiden tat und was er auch in dieser Stunde tun wird: Er nahm das Brot und gab es Ihnen: Jetzt erst werden die Augen geöffnet und sie erkennen ihn. Und, gerade in diesem Moment wird er unsichtbar. Da und doch verborgen, Gegenwärtig aber doch entzogen, mit auf dem Weg, aber nicht greifbar, nicht instrumentalisierbar. Damals, heute und auch in Zukunft.
Jetzt erst, danach, als sie wieder „allein“ waren, nach der Erfahrung des ganzen Weges, können die Jünger über dieses Geschehen nachdenken, und merken, was mit ihnen geschah und wodurch der Herr auch heute erkennbar wird: „Brannte nicht unser Herz?“ Jetzt erschließt sich Botschaft, Begegnung und alle Erfahrung. Allein durch meine eigene, innere Erfahrung des brennenden Herzens, das im Bild eindeutig auf das Wirken des Heiligen Geistes verweist, ereignet sich Ostern, Auferstehung, Sieg über allen Tod, und Befreiung aus der Urangst aller Kreatur.
Doch diese innere Erfahrung überwältigt nicht, sie kommt ganz leise. Wenn Gottes es ganz ernst meint, uns etwas ganz Wichtiges mitzuteilen hat, sich selbst schenken möchte, dann nimmt er sich ganz zurück. Mit Emmanuel Lévinas[3], dem jüdischen Religionsphilosophen und Talmud-Gelehrten, bin ich überzeugt davon, dass die biblische Gottesverkündigung deshalb ganz nahe am möglichen Atheismus angesiedelt ist, weil die ewige Liebe mit allem Risiko unsere freie und liebende Antwort ohne jeden Vorbehalt sucht. Deshalb gehen den Jüngern in Emmaus erst die Augen auf und sie verstehen, was geschehen war auf dem Weg, als der Herr weg war. In diesen österlichen Karsamstag, der auch heute noch anhält, in dieses scheinbar Fehlen des göttlichen Wortes hinein können wir mit einem Glauben antworten, dem alle Freiheit und Verantwortung zugeschickt wird.
Emmaus liegt an unserem Lebensweg, nicht weit von meinem Herzen. Ja, Emmaus muss überall sein, denn wir haben die Ostererfahrung nicht als Fertigpacket ein für allemal, sondern einzig und allein als glaubende Hoffnung, die jeden Tag neu werden möchte, solange wir auf unserem irdischen Pilgerweg sind und bleiben. Auf diesem Pilgerweg klingt meine ganz persönliche Emmaus-Erfahrung ein in das Hohe Lied, das Paulus uns geschenkt hat: Jetzt bleiben diese drei: Glaube, Hoffnung und Liebe. Die Liebe ist unter diesen drei deshalb das höchste, weil allein die Liebe bleibt. Sie ist es, die uns mit dem Wesen Gottes verbindet. Deshalb ereignet sich Ostern nur wirklich, wenn das brennende Herz uns zu den geringsten Schwestern und Brüdern Jesu führt; damit dort ganz wörtlich und auch ganz irisch-greifbar „Auferstehung“ geschehen kann.
Doch diese Hoffnung ist zu groß für mich, ich kann sie allein nicht tragen. Deshalb bin ich froh und dankbar, dass in der Kirche Jesu Christi diese Hoffnung gelebt und immer wieder neu verkündet wird, schattenhaft aber getreu (Lumen gentium 8); auch für meinen „Unglauben“.
Sagen wir es still uns ins eigene, auch langsame Herz, wenn in dieser Stunde er selbst uns das Brot bricht und sich uns im Sakrament schenkt. Verkünden wir uns selbst, was Maria Magdalena am Ostermorgen den im Herzen langsamen Apostel bezeugte: Rabbuni, mein Meister, ja, Du bist wahrhaft auferstanden.
[1] Ignatius von Loyola (1998): Geistliche Übungen. In: Ignatius von Loyola (Hg.): Deutsche Werkausgabe. Bd. II.: Gründungstexte der Gesellschaft Jesu., II. Unter Mitarbeit von Peter Knauer. 2 Bände. Würzburg: Echter, S. 83–269. Die Exerzitien werden nach den international vergleichbaren inneren Nummern zitiert. Die Meditation zu Emmaus: EB 303.
[2] „Ich sagte mir: ich muß den wahren Schlüssel zu meinem ganzen Leben geben; ich muß zeigen, was ich bin, damit man sieht, was ich nicht bin, und damit das Phantom, das an meiner Stelle umgeht, vernichtet wird. Ich will, das man mich als lebendigen Menschen kennenlerne und nicht als ein Schreckebild, das sich in meine Kleider hüllt. Falsche Vorstellungen werden vielleicht durch Beweise widerlegt; aber allein durch wahre Vorstellungen werden sie vertrieben.“ (Newman, John Henry, Apologia pro vita sua. Geschichte meiner religiösen Überzeugungen. Übersetzt von Maria Knoepfler. In: John Henry Newman: Ausgewählte Werke I. Hg. v. Werner Becker, Heinrich Fries und Johannes Artz. Mainz 1951, 16.
[3] Lévinas meint, dass das Judentum die Welt entzaubert hätte und merkt an, dass es dafür den Enthusiasmus, das Überwältigtwerden durch die Präsenz der Gottheit als Götzendienst zurückgewiesen hätte, damit das Heilige nicht einhüllt und entrück. Das wäre Gewalt! „Die rigorose Behauptung der menschlichen Unabhängigkeit, ihrer geistigen Gegenwart in einer intelligiblen Realität, die Zerstörung des numinosen Begriffs des Heiligen enthalten das Risiko des Atheismus, das eingegangen werden muß. Nur dadurch erhebt sich der Mensch zum geistigen Begriff des Transzendenten Es gereicht dem Schöpfer zu hoher Ehre, ein Wesen auf die Beine gestellt zu haben, das ihn bejaht, nachdem es ihn im Blendwerk des Mythos und des Enthusiasmus angefochten und geleugnet hatte; es gereicht Gott zu hoher Ehre, ein Wesen geschaffen zu haben, das imstande ist, ihn zu suchen oder aus der Ferne zu hören, vor dem Hintergrund der Trennung, des Atheismus. … Der Monotheismus überwindet und umschließt den Atheismus, aber er ist demjenigen verwehrt, der nicht das Alter des Zweifels, der Einsamkeit und der Auflehnung erreicht hat. Der schwierigste Weg des Monotheismus mündet in die Straße des Abendlands. Man darf sich nämlich fragen, ob der abendländische Geist, die Philosophie letztendlich nicht die Position einer Menschheit ist, die das Risiko des Atheismus akzeptiert, das man eingehen, aber überwinden muß - als Preis ihrer Mündigkeit“ (Lévinas, Emmanuel (1996): Schwierige Freiheit. Versuch über das Judentum. 2. Aufl. Frankfurt a.M: Jüdischer Verl., darin: Eine Religion für Erwachsene, 21-37, hier 27).