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Welt­frau­en­*tag 2026 - Frau­en* in den Tech­ni­schen Wis­sen­schaf­ten

Ein Interview mit Ass.-Prof*in Gertraud Medicus vom AB Geotechnik zu ihrem Werdegang, ihrer Forschung und Erfahrungen als Frau* in den Technischen Wissenschaften.

Wie hast du zu einem Beruf in den Technischen Wissenschaften gefunden?

Mich haben immer schon naturwissenschaftliche Fächer interessiert und mein Lieblingsfach in der Schule war Mathematik. Und ich war dann auf der Suche nach einem Studium, indem Mathematik angewandt wird – und irgendwie hat mich das Bauen sehr interessiert. Ich habe dann begonnen, Architektur zu studieren, aber oft gehört – wenn es um Kräfte oder Berechnungen gegangen ist – dass das jetzt zum Zuständigkeitsbereich der Bauingenieure gehört. Das waren aber genau die Themen, die mich sehr interessiert hätten. Nach drei Semestern habe ich dann das Studium gewechselt und Bauingenieurwesen begonnen – und das war ganz klar die richtige Entscheidung!

Du bist im AB Geotechnik – was ist das und woran forscht du?

Die Geotechnik befasst sich mit dem Boden, Bauen im und Bauen auf dem Boden. Alle unsere Gebäude stehen am Boden, daher müssen wir verstehen und wissen, wie sich der Boden verhält. Außerdem befassen wir uns mit der Frage, wie sich Regen, Wasser oder Bepflanzung auf die Hänge – die es hier überall in Tirol gibt – auswirkt. Mittlerweile bin ich im Bereich der Grundlagenforschung gelandet und kann da meine zwei Leidenschaften, die Geotechnik und die Mathematik, verknüpfen. Ich entwickle mathematische Modelle, die das Bodenverhalten beschreiben. Diese Modelle verknüpfen eine Belastung mit einer auftretenden Verformung. Damit können wir dann auch abschätzen, ob Hänge standsicher sind. Und wir können abschätzen, wie stark sich ein Haus setzen wird auf einem bestimmten Untergrund.

Was denkst du, warum gibt es einen Gender Gap in den Technischen Wissenschaften?

Ich glaube ganz generell, dass das Technikbild in Österreich stark männlich geprägt ist. Man kann selbst zurückdenken, als man ein Kind war, welches Spielzeug hat man selbst bekommen als Mädchen, welches Spielzeug haben die Buben bekommen. Das ist nicht ausgeglichen. Als ich angefangen habe Bauingenieurwesen zu studieren, war der Frauen*anteil bei 10%. Es hat damals geheißen „das ist halt so“ – was ja auch Stillstand bedeutet hätte. Ich bin dann in meinem Studium ein Jahr nach Trondheim (Norwegen) an die Technische Uni im Rahmen eines Erasmus+-Aufenthaltes zum Studieren gegangen. Und habe gesehen, dass im Bauingenieurstudium damals schon 25% Frauen* waren. Mir hat die Erfahrung irrsinnig gut getan in diversen Lernteams mit viel mehr Studentinnen* zusammenzuarbeiten, als das damals hier in Innsbruck der Fall war. Mittlerweile ist auch in Innsbruck der Frauen*anteil stark gestiegen im Vergleich zu meiner Zeit – und ich glaube, dass das uns allen und den Studierenden total guttut.

Hattest du schon negative Erfahrungen als Frau* in den Technischen Wissenschaften und wie bist du damit umgegangen?

Ich habe keine negativen Erfahrungen gemacht – Was ich aber öfter erfahren habe, war, dass ich mich mehr erklären musste in meinem Umfeld. Warum studierst du Bauingenieurwesen? Man stößt, glaube ich, immer noch als Frau* auf mehr Skepsis – Warum macht die das? Und das müssen Männer ganz sicher gar nicht. Ein Mann, der Bauingenieur studiert, muss sich nicht erklären.

Meine Empfehlung: Es gibt ein fakultätsübergreifendes Netzwerk (FemTechNet), das hat eine Physikstudentin initiiert. Und das ist für Physik, Mathematik, Informatik und Studentinnen* der Technischen Wissenschaften. Und da geht es um den Austausch unter Studentinnen*; da geht es auch darum, strukturelle Probleme und strukturelle Barrieren als solche zu erklären. Oft hat man das Gefühl, das geht nur mir so. Aber es geht uns allen sehr ähnlich! Und ich finde den Austausch unter Studentinnen* super wichtig, hilfreich und extrem motivierend.

Wie kann deiner Meinung nach der Gender Gap in den Technischen Wissenschaften verringert werden?

Es gibt sicher noch ganz viel Luft nach oben bei den Vorbildern. Wir alle brauchen Vorbilder und Vorbilder haben etwas mit dem Geschlecht zu tun. Ich kann mich selbst daran erinnern, ich hatte meinen ersten Kontakt zu einer Professorin* oder Lektorin* in meinem Erasmusjahr in Trondheim und das hat sich positiv auf mich ausgewirkt. Und ich glaube, die Vorbildwirkung ist wirklich so einfach, wenn die das kann, kann ich das auch! Und es ist nicht immer was Bewusstes, aber es ist was Unbewusstes, was uns alle prägt.

Danke an Gertraud Medicus für das tolle Gespräch und die Einblicke in die Erfahrungen einer Frau* in den Technischen Wissenschaften! Habt ihr noch Ideen, wie wir als Fakultät dem Gender Gap entgegenwirken können? Meldet euch gerne via Instagram!

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