Was ist Glaube?
Eine Untersuchung des metaphysischen und religiösen Vertrauens in Gott
Diese Forschungsarbeit entwickelt und bewertet die „Dual Faith Hypothesis“ (DFH): Die These, dass sich der Glaube an Gott in zwei unterschiedlichen, aber oft gleichzeitig vorhandenen Formen manifestiert – dem metaphysischen Glauben und dem religiösen Glauben –, die jeweils auf unterschiedlichen Evidenzgrundlagen beruhen und unterschiedliche epistemische und phänomenologische Merkmale aufweisen.
Metaphysischer Glaube (MF): Gewohnheitsmäßiges Vertrauen in Gott, das in erster Linie auf unparteiischen Belegen beruht – Erfahrungen, Intuitionen und Schlussfolgerungen, die über religiöse Grenzen hinweg zugänglich sind. Beispiele hierfür sind: kosmologisches Staunen über die Existenz; moralische Intuitionen, die auf objektive Werte hindeuten; das Gefühl einer kosmischen Zweckmäßigkeit; philosophische Argumente (kosmologische, teleologische, moralische); Erfahrungen von Transzendenz in der Natur oder in der Kunst. MF kann ohne religiöse Zugehörigkeit existieren und bleibt auch bei Änderungen der Glaubenslehre bestehen.
Religiöser Glaube (RF): Gewohnheitsmäßiges Vertrauen in Gott, das in erster Linie auf partikularistischen Belegen beruht – Überzeugungen, Praktiken und Zeugnisse, die für bestimmte Traditionen spezifisch sind. Beispiele hierfür sind: die Autorität der Heiligen Schrift; prophetische Zeugnisse; liturgische Erfahrungen; konfessionelle Lehre; Wunderberichte; Bekenntnisgemeinschaften. RF liefert detaillierte theologische Inhalte, hängt jedoch von der Akzeptanz traditionsspezifischer Autoritäten ab.
Entscheidend ist, dass sich diese Glaubensformen nicht gegenseitig ausschließen. Viele religiöse Gläubige zeigen beide gleichzeitig, wobei MF ein grundlegendes Vertrauen bietet, das durch RF verstärkt und konkretisiert wird. Diese duale Struktur erklärt ansonsten rätselhafte Phänomene: warum Menschen mit unvereinbaren religiösen Überzeugungen dennoch darauf bestehen können, dass sie an Gott glauben, warum „kulturelle“ Gläubige mit minimalem dogmatischem Wissen einen starken Glauben zeigen, warum religiöse Skeptiker oft das Vertrauen in Gott bewahren, warum ernsthafte dogmatische Zweifel den Grundglauben nicht untergraben müssen und warum Anhänger unvereinbarer Religionen trotz unvereinbarer Überzeugungen ein ähnliches dispositionelles Vertrauen teilen können.

Was ist neu an dieser Forschung?
Bestehende Theorien haben Schwierigkeiten, die Vielfalt religiöser Überzeugungen und die entsprechenden empirischen Belege für aufrichtiges Vertrauen in Gott selbst bei Menschen zu erklären, die keine starken oder gar keine religiösen Überzeugungen haben. Richard Swinburnes evidenzbasiertes Rahmenkonzept (2005) betrachtet Glauben als Vertrauen, das auf Wahrscheinlichkeitsberechnungen anhand der gesamten Beweislage beruht; dies sagt jedoch voraus, dass Glaube mit dogmatischem Wissen und dem Bewusstsein für Beweise korrelieren sollte – was im Widerspruch zur Beobachtung steht. Alvin Plantingas reformierte Erkenntnistheorie (2000, 2015) unterscheidet den sensus divinitatis (der den Glauben an Gott hervorbringt) von der inneren Regung des Heiligen Geistes (die christliche Überzeugungen hervorbringt) und erkennt damit implizit zwei Mechanismen an, entwickelt dies jedoch nicht zu einer Theorie zweier unterschiedlicher Glaubensarten weiter. Theologische Traditionen unterscheiden zwischen „allgemeiner“ und „besonderer“ Offenbarung, analysieren die entsprechenden Glaubensformen jedoch selten systematisch.
Forschungsfragen
Ist die Unterscheidung zwischen unparteiischen und parteiischen Beweisen philosophisch stichhaltig? Lassen sich Paradigmenfälle für jeden Beweis-Typ identifizieren? Gibt es Grenzfälle, die sich einer Kategorisierung entziehen, und wenn ja, untergraben sie die Unterscheidung?
Erkennen theologische und philosophische Traditionen implizit die Unterscheidung zwischen MF und RF an? In welcher Beziehung stehen allgemeine/besondere Offenbarung, natürliche/offenbarte Theologie, impliziter/expliziter Glaube und anonymes Christentum zum DFH?
Erklärt das DFH beobachtete Phänomene besser als Alternativen? Spezifische Testfälle: (a) Beständigkeit des Glaubens trotz dogmatischer Zweifel; (b) „spirituelle, aber nicht religiöse“ Bevölkerungsgruppen; (c) interreligiöse Gemeinsamkeiten; (d) ausgefeilte theologische Zweifel, die mit dem Glauben vereinbar sind; (e) Muster religiöser Bekehrung.
Forschungsmethode
Konzeptionelle Klärung: Entwicklung operationalisierter Definitionen von MF, RF, gewohnheitsmäßigem Vertrauen sowie unparteiischen/parteiischen Beweisen. Erstellung formaler Modelle, die die Beziehungen zwischen den Komponenten darstellen.
Vergleichende Analyse: Untersuchung, inwiefern bestehende Theorien (Swinburne, Plantinga, Aquinas, Smith) die Unterscheidung zwischen MF und RF implizit anerkennen oder übersehen. Aufzeigen, dass das DFH Unklarheiten in der bestehenden Literatur beseitigt.
Alltagssprachliche Analyse: Systematische Untersuchung, wie „Glaube“ im religiösen Diskurs, in der Alltagssprache und in philosophischen Texten funktioniert. Identifizierung von Verwendungsmustern, die auf eine duale Struktur hindeuten.
Literatur
Palmqvist, Carl-Johan und Francis Jonbäck. Semi-Secular Worldviews and the Belief in Something Beyond. Cambridge: Cambridge University Press, 2025.
Plantinga, Alvin. Warranted Christian Belief. Oxford: Oxford University Press, 2000.
Rahner, Karl. Foundations of Christian Faith. New York: Seabury Press, 1978.
Smith, Wilfred Cantwell. Faith and Belief. Princeton: Princeton University Press, 1979.
Swinburne, Richard. Faith and Reason, 2nd edition. Oxford: Oxford University Press, 2005.
Betreuer
Univ.-Prof. Mag. Dr. Christoph Jäger
Institut für Christliche Philosophie

Doktorand
Robert Joseph Hutchinson, MA, MPhil
E-Mail: robert.hutchinson@student.uibk.ac.at