O-Antiphonen
Biblische Quellen und patristische Hermeneutik – Liturgische Erschließung und Ästhetiken in der Rezeption
Welche theologische Deutung erlauben die O-Antiphonen mit Blick auf die adventliche Erwartung des Ankommens Gottes unter den Menschen? Welche patristische Hermeneutik des Umgangs mit heiligen Texten ist identifizierbar? Was können wir über den Entstehungskontext und die liturgische Verwendung in Erfahrung bringen? Welche Rezeptionsgeschichte haben die O-Antiphonen bis heute erfahren, in welcher Ästhetik werden sie übermittelt?

Die erste O-Antiphon: O sapientia, Codex Hartker, um 1000 n.Chr. St. Gallen, SanGal 390, p. 40.
Der Codex Hartker ist musik- und liturgiewissenschaftlich erstrangiger Zeuge für das Offizium. Das Antiphonar verzeichnet als Ergebnis, was in einem längeren Aushandlungs- und Austauschprozess zur Entstehung der Römisch-Fränkischen Liturgie führte, von der frühen mündlichen Tradition zur Einführung des Choralgesangs bis hin zur präzisen, schriftlichen Fixierung der Agogik des Gesangs. Von besonderer Bedeutung ist der ottonische Codex H wohl auch, weil er das erste Manuskript ist, in dem die festlichen, adventlichen O-Antiphonen mit Neumennotation greifbar wurden, in sorgfältiger karolingischer Minuskel und St.Galler Neumen, verfasst in einem erstmals umfassenden Antiphonale für das benediktinische Tagzeitengebet. Die O-Antiphonen stehen damit im liturgischen Kontext am Ende des Advents unmittelbar vor Weihnachten. Sie haben eine besonders bildmächtige, prächtige Sprache.
So bekannt die O-Antiphonen in der Adventszeit sind, so vergleichsweise überraschend selten wurden sie wissenschaftlich gründlich erforscht.
Forschungsfragen
- Welche theologische Deutung erlauben die O-Antiphonen mit Blick auf die adventliche Erwartung des Ankommens Gottes unter den Menschen?
- Welche biblischen Quellen und welche patristische Hermeneutik des Umgangs mit heiligen Texten sind identifizierbar?
- Welche israeltheologische Hoffnung legen uns die O-Antiphonen nahe?
- Was können wir über den Entstehungskontext und die Verwendung dieses liturgischen Schatzes in Erfahrung bringen?
- Welche Rezeptionsgeschichte haben die O-Antiphonen bis heute erfahren, in welcher Ästhetik werden sie übermittelt?
Forschungsmethoden
Paläpgraphische Beschreibung der Handschrift Codex Hartker um 1000 n.Chr. unter Berücksichtigung der später hinzugefügten Tonarbuchstaben und Eintragungen aus dem 12. Jahrhundert und referenzierten Manuskripte.
Mit biblischer Exegese und patristischer Hermeneutik werde ich den Bestand der O-Antiphonen auf ihre theologischen Sinnaussagen hin erschliessen.
Da die O-Antiphonen früheste Zeugen sind, deren Anfänge im Dunkeln liegen, interessieren mich besonders leise Hinweise auf das Zueinander von Mündlichkeit im Gesang und schriftlicher Verfasstheit. In welchen umwälzenden kulturellen Transformations- und Kanonisierungsprozessen wurden sie hör- und sichtbar, was klingt an?
Die O-Antiphonen erhalten ihre Bedeutung dadurch, dass sie als liturgische Zeugen des mittelalterlichen Tagzeitengebetes erstmals greifbar werden. Was wissen frühmittelalterliche und spätere Tonare und liturgische Kommentare, Ordnungen und Rubriken über die Verwendung der O-Antiphonen?
Literatur
Ballhorn, Egbert: Die O-Antiphonen: Israelgebet der Kirche. Jahrbuch für Liturgik und Hymnologie, 1998. Vol 37 (1998), S. 9-34.
Baumhof OSB, Gregor: Ein Lied vom Seufzen der ganzen Schöpfung. Die O-Antiphonen der römischen Adventsliturgie. Regensburg 2023.
Nishiwaki, Jun: Amalar und seine Auslegung von den O-Antiphonen: Zum Verhältnis des Gregorianischen Repertoires in der Karolingerzeit. In: Beiträge zur Gregorianik. Heft 64, Regensburg 2017. S. 99-104.
Solesmes: Antiphonaire de Hartker. Manuscrits de Saint-Gall 390-391. Solesmes 1991.
Stock, Alex: Liturgie und Poesie. Zur Sprache des Gottesdienstes. Kevelaer 2010.
Betreuer: Univ.-Prof. Dr. Liborius Olaf Lumma, Institut für Bibelwissenschaften und Historische Theologie (Liturgiewissenschaft)
Dissertationsvorhaben von Univ.-Ass. Claire Geyer BTh BA MA MAS MTh in Liturgiewissenschaft
