Leopold Vietoris – Ein Leben für die Berge
Leopold Vietoris (1891–2002, ja tatsächlich - er war er zu seinem Tod der älteste Österreicher) war ein österreichischer Mathematiker, der mit seinen Arbeiten die Topologie – ein damals noch junges Gebiet – entscheidend voranbrachte. Doch sein Leben reichte weit über die Wissenschaft hinaus: Es war geprägt von Familie, tiefem Glauben und einer besonderen Liebe zu seiner Wahlheimat Innsbruck. Als einer der langlebigsten Wissenschaftler überhaupt hinterließ er ein beeindruckendes Vermächtnis.
Frühe Jahre: Vom Ingenieurstudenten zum Mathematiker
Leopold Vietoris wurde am 4. Juni 1891 in Bad Radkersburg in der Steiermark geboren, wuchs jedoch in Wien auf, wo sein Vater als Eisenbahningenieur arbeitete und am Bau einiger Brücken beteiligt war. Früh wurde Leopold von der technischen Welt geprägt, und auch für ihn schien zunächst eine Karriere als Ingenieur vorgezeichnet. Nach dem Besuch des Benediktinergymnasiums in Melk begann er 1910 ein Studium an der Technischen Universität Wien.
Doch schnell zeigte sich, dass seine wahre Leidenschaft nicht der Ingenieurskunst, sondern der Mathematik galt. 1912 entdeckte er während einer Vorlesung seine lebenslange Faszination für dieses Fachgebiet, das ihn fortan begleiten sollte.
Unterbrechung durch den Ersten Weltkrieg
Vietoris unterbrach seine Karriere aufgrund des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs und rückte in die österreichische Armee als einjährig-Freiwilliger ein. Er erlitt früh eine schwere Verwundung. Während sogenannter Studienurlaube vom Krieg und in seiner Genesung fand er jedoch Zeit, Mathematik zu betreiben.
Nach seiner Genesung wurde er als Bergführer an die italienische Front geschickt. Trotz der schwierigen Umstände gelang es ihm, an seinen Ideen weiterzuarbeiten. Nach Kriegsende und neunmonatiger Kriegsgefangenschaft in Italien kehrte er 1919 nach Wien zurück, wo er seine Dissertation abschloss.
Innsbruck: Die Verbindung von Wissenschaft und Natur
Nach einer Assistenzprofessur in Graz und seiner Habilitation in Wien, zog Vietoris 1927 nach Innsbruck, wo er eine Professur an der Universität antrat. Dieser Schritt sollte sein Leben nachhaltig prägen, denn hier fand er eine ruhige Umgebung für seine wissenschaftliche Arbeit sowie Zugang zur Natur, die er schätzte. Im selben Jahr heiratete er Klara Anna Maria Riccabona von Reichenfels.
Nachdem Vietoris von der Universität eine Forschungsstelle in Obergurgl bekommen hatte, und den Gletscher dort sah, engagierte er sich in der glaziologischen Forschung und untersuchte Blockgletscher und deren physikalische Eigenschaften. Diese Arbeiten zeigten seine außergewöhnliche Vielseitigkeit. Seine Ski und die seiner Kinder schnitzte er selbst.
Innsbruck wurde für Vietoris zur dauerhaften Heimat. Nach einem kurzen Intermezzo in Wien kehrte er 1930 endgültig nach Tirol zurück, wo er bis zu seiner Pensionierung und darüber hinaus blieb. Seine Frau Klara, mit der er sechs Töchter hatte, verstarb 1935 nach der Geburt der sechsten Tochter. Vietoris suchte nach einer neuen Frau, die sich um seine Kinder kümmern konnte. Er entschied sich im Jahr darauf für Maria, die Schwester seiner verstorbenen Ehefrau, weil sie den Kindern bereits als Tante vertraut war.
Zweiter Weltkrieg und spätere Jahre
Auch für den Zweiten Weltkrieg unterbrach Vietoris im Alter von 48 Jahren seine Arbeit, als er erneut zum Militärdienst einrückte. Nach einer Verwundung und seiner Entlassung aus dem Dienst 1941 im Alter von 50 Jahren kehrte er nach Innsbruck zurück und widmete sich wieder der Forschung und Lehre.
Während einige von Vietoris' Kollegen nach dem Krieg im Zuge der Entnazifizierung ihren Lehrstuhl abgeben mussten, durfte Vietoris weiterhin an der Universität tätig sein. Bemerkenswert ist, dass er auch im hohen Alter aktiv blieb. Er fuhr Ski bis er 95 Jahre alt war und seine letzte Arbeit erschien 1994 – im Alter von 103 Jahren. Zwei Wochen vor ihm verstarb seine Frau. Besonders schmerzlich für ihn war, dass er bei ihrer Beerdigung nicht dabei sein konnte, da er selbst im Krankenhaus lag.




