Internationale Tagung
Affären mit und ohne Menschen – Yoko Tawadas neue Perspektiven
Leitung: Christine Frank in Kooperation mit Ulrike Tanzer
10. – 11. Juni 2026
ganztags
Forschungsinstitut Brenner-Archiv, Josef-Hirn-Straße 5-7, 10. Stock
Es ist keine Anmeldung erforderlich.
Programm
9:30-9:45
Begrüßung Ulrike Tanzer
9:45-10:00
Einführung Christine Frank
10:00-11:00
Miho Matsunaga (Waseda Universität Tokyo):
Ist das Land fern und unerreichbar? Yoko Tawada als Weltbürgerin und das sich wandelnde Japanbild in ihrem Werk nach dem großen Erdbeben
11:00-11:30
Kaffeepause
11:30-12:15
Francesco Eugenio Barbieri (Università degli studi di Bergamo):
Language, Nation and Environment: Ecocritical Perspectives on Tawada Yōko’s “Nordic Trilogy”
12:15-13:00
Daniel Brandlechner (Universität Wien):
Von Hafenstädten aus: Ökologische Transformationen des Maritim-Urbanen bei Yoko Tawada nach Fukushima
13:00-14:30
Mittagspause
14:30-15:15
Julia Sowacka (Uniwersytet Kazimierza Wielkiego w Bydgoszczy):
Hydroimaginationen in Yoko Tawadas Literatur
15:15-16:00
Alessia Torre (Università degli Studi di Napoli L’Orientale):
Ein Balkonplatz für flüchtige Abende: Sprachspiel, Intermedialität und soziopolitische Implikationen
16:00-16:30
Kaffeepause
16:30-17:15
Tim Heißenberger (Universität Wien):
Verliert eure Fersen! Füße als Verkörperung sprachlicher Identität in „Fersenlos”
18:30-20:00
Quer durch und über EurAsien. Wege und Ansichten
Öffentliche Podiumsdiskussion mit Yoko Tawada und Claudia Gehrke (Verlegerin),
sowie Bernard Banoun (Sorbonne Université) und Ina Hein (Universität Wien)
Programm
9:30-10:15
Silvia Ulrich (Università di Torino):
Yoko Tawadas Paul Celan-Roman zwischen der Faszination der Interkomprehension und dem Zauber des Storytelling
10:15-11:30
Eriberto Russo (Università degli Studi di Messina):
Fachsprachen in Tawadas Prosa nach Fukushima
11:30-12:00
Kaffeepause
12:00-12:45
Daniel Rees (Cambridge University):
Shi wo noserutame no „Hakobune“: Das Geschenk als Form des Gedichts in Yoko Tawadas Mada Mirai
12:45-13:15
Jana Maria Weiss (Europa-Universität Viadrina, Frankfurt/Oder):
Stimmlos erzählen. Yoko Tawadas Roman Eine Affäre ohne Menschen (2025)
13:15-14:30
Mittagspause
14:30-15:15
Yun-Young Choi (National University, Seoul):
Dinge und Undinge in Yoko Tawadas Poetik
15:15-16:00
Áine McMurtry (King’s College London):
Hearing Things: Die Sprache der Dinge im translingualen Werk Yoko Tawadas
16:00-16:30
Kaffeepause
16:30-18:00
Abschließendes Gespräch mit Yoko Tawada (nur TagungsteilnehmerInnen)
20:00
gemeinsames Abendessen (TagungsteilnehmerInnen)
Ist das Land fern und unerreichbar? Yoko Tawada als Weltbürgerin und das sich wandelnde Japanbild in ihrem Werk nach dem großen Erdbeben
Es ist bekannt, dass Yoko Tawada eine weltenbummelnde Schriftstellerin ist. Wie der Titel ihres Werkes „Verstreut auf Erden“ symbolisch andeutet, sind ihre Spuren über den ganzen Globus verstreut. Ihre in zwei Sprachen verfassten Werke haben sich in einem komplexen Netzwerk weltweit verbreitet. In diesem Vortrag wird Yoko Tawadas Werk in verschiedene Gruppen eingeteilt und das sich wandelnde Japanbild untersucht, das sich je nach Entstehungszeitpunkt ihrer Schriften herausbildet. Insbesondere in ihren nach dem Großen Ostjapanischen Erdbeben entstandenen Werken könnte ein Plädoyer für die Abschaffung von Grenzen erkannt werden. Ihre Werke präsentieren ein Konzept des Zusammenlebens jenseits des Nationalismus, eine positive Auffassung von „Zuhause“, die den Verlust der Heimat in der Moderne mehr als kompensiert.
Language, Nation and Environment: Ecocritical Perspectives on Tawada Yōko’s “Nordic Trilogy”
This paper proposes to analyze Tawada’s latest trilogy, Chikyū ni chiribamerarete (2018; Scattered All Over the Earth, 2022), Hoshi ni honomekasarete (2020; Suggested in the Stars, 2024), and Taiyō shotō (2022; Archipelago of the Sun, 2025), through the theoretical framework of Environmental Studies and the Blue Humanities. It examines how the shift in setting from the long-established Germany–Japan spatial duality to the Baltic–Scandinavian region constitutes a meaningful ecological and geocritical reorientation in Tawada’s work. The Scandinavian and Baltic environment functions as a key narrative space for rethinking ecological vulnerability, mobility, and interdependence in the Anthropocene. The presentation wants to show that Tawada’s Nordic setting is not merely a backdrop, but a critical device through which contemporary environmental concerns are refracted and re-signified, contributing to broader debates on ecology, spatiality, and transnational imaginaries.
Von Hafenstädten aus: Ökologische Transformationen des Maritim-Urbanen bei Tawada nach Fukushima
Hafenstädte bilden einen wichtigen Topos im Werk Yoko Tawadas: Bordeaux in Schwager in Bordeaux (2008), Victoria in Hamlet No See (2011), immer wieder Hamburg, etwa in Ein Balkonplatz für flüchtige Abende (2016), oder zuletzt Kopenhagen in der Roadtrip-Trilogie um Hiruko (2018-2022). Ausgehend von Ortrud Gutjahrs Analyse des Hafens als zentralem Topos in Tawadas Hamburger Poetikvorlesungen untersucht der Vortrag Transformationen der Hafenstadt in Tawadas Texten vor und nach 2011 insbesondere im Hinblick auf ökologische Dimensionen. Während Hafenstädte in früheren Texten wie Schwager in Bordeaux vor allem als Räume von Fremdheit und Begegnung erscheinen, gewinnen sie in den seit 2011 veröffentlichten Texten, insbesondere in der „Kopenhagen-Trilogie“, eine neue materielle und ökologische Dimension. Mit Bezug auf Carola Heins Arbeiten zu Hafenstadträumen lässt sich zeigen, dass Tawadas Hafenstädte nach Fukushima als Räume funktionieren, in denen sich globale Erwärmung, ökologische Instabilität und energiepolitische Abhängigkeiten mit Fragen von Sprache, Mobilität und Zugehörigkeit verschränken.
Hydroimaginationen in Yoko Tawadas Literatur
Der Beitrag widmet sich einer diffraktiven (Barad 2007: 71) Analyse eines der zentralen Elemente in Tawadas Schreiben: des Wassers. Nach Tawada ist Wasser ein Zwischenraum (Tawada 2012: 44–45), in dem keine klar definierten Grenzen existieren. In ihren literarischen Texten, etwa im frühen Kurzroman Das Bad oder im Prosatext Ges-ICH-ter, erscheint Wasser als Subjekt und als elementare Form der Differenz. Es ist ein Element, das starre Ontologien unterspült und Dichotomien sowie feste Kategorien infrage stellt. Auch Tawadas spätere Literatur – wie sich dies etwa in Ein Balkonplatz für flüchtige Abende zeigt – entfaltet sich als eine subversive Praxis, die der Strategie eines mehrdimensionalen Unterspülens folgt. Diese Dynamik gewinnt angesichts der aufsteigenden Mauern – bei denen, wie Tawada in ihrem Essay Die unsichtbare Mauer schreibt, das Leben auf beiden Seiten bedroht ist (Tawada 2017: 72) – eine ethische Relevanz. Ein wesentlicher Bestandteil des Beitrags ist der Versuch, das Konzept der Hydrontologie mit Tawadas Werk nach 2010 abzustimmen. Dieses Konzept umfasst unterschiedliche spekulative Denkströme über die wässrige, zirkulierende und variable Dimension von Anwesenheit und fügt sich damit in den Diskurs der Blue Humanities ein.
Ein Balkonplatz für flüchtige Abende: Sprachspiel, Intermedialität und soziopolitische Implikationen.
Das bislang wenig rezipierte Werk Ein Balkonplatz für flüchtige Abende (2016) von Yoko Tawada erweist sich als ein komplexes literarisch-intermediales Experiment, in dem Sprachspiel, Bildlichkeit und eine gewisse Sensibilität für zivile und soziopolitische Fragestellungen auf subtile Weise miteinander verflochten sind. Der Beitrag unternimmt es, diese von der Forschung bislang kaum erschlossene Arbeit erstmals systematisch zu analysieren und ihre poetische, bildliche und zugleich kritisch-soziale Dimension sichtbar zu machen.
Im Zentrum steht Tawadas spezifische Kunst des Sprachspiels, die sich durch Verdichtungen und Verschiebungen von Klang und Bedeutung, durch den zugleich wörtlichen und metaphorischen Gebrauch von Wörtern und Redewendungen, durch Neologismen, Doppeldeutigkeiten und zitathafte Anspielungen auszeichnet und die Sprache des Werkes insgesamt fließend und schwer fassbar werden lässt. Eine weitere zentrale Matrix des Werkes, die im Beitrag eingehend beleuchtet wird, ist seine intermediale Textur: Text und Bild treten in ein oszillierendes Verhältnis, das lineare Lektüren unterläuft und Wahrnehmung selbst als einen prekären und instabilen Prozess erfahrbar macht.
Gerade in dieser Dimension der Flüchtigkeit entfaltet das Werk seine Relevanz als soziopolitische Kritik. Zwischen den Ebenen von Sprache und Bild werden hochaktuelle Themen wie die ökologische Krise, die Gewalt normativer Familienmodelle, psychophysische Vulnerabilität sowie Formen von Fürsorge und gegenseitiger Unterstützung evoziert, die feste Kategorien von Gender und Zugehörigkeit überschreiten. Der Beitrag argumentiert, dass Tawadas poetische Strategie nicht auf eine explizite und deklarative Thematisierung abzielt, sondern auf eine ästhetische Evokation, die mittels einer „flüchtigen“ Sprache und ebensolcher Bilder deutlich konkretere Fragestellungen verhandelt und auf diese Weise neue kritische Räume ziviler Wahrnehmung eröffnet.
Verliert eure Fersen! Füße als Verkörperung sprachlicher Identität in „Fersenlos“
Dieser Beitrag befasst sich mit der Bedeutung des ‚Fußes‘ in Yōko Tawadas Erzählung „Fersenlos“ (1994; jp. Kakato o nakushite, 1991). Ich argumentiere, dass die Füße einen wichtigen Aspekt der Identität der Protagonistin, nämlich ihre sprachliche und kulturelle Identität, physisch verkörpern und dadurch angreifbar machen. Durch fremdenfeindliche Vorurteile wird die zunächst anpassungswillige Protagonistin als eine ‚Andere‘ abgestempelt und sozial zum ‚Stolpern‘ gebracht. Ob ihre Fersen physisch oder nur metaphorisch fehlen, wurde, wie auch der Titel selbst, in der bisherigen Rezeption unterschiedlich ausgelegt, was auch auf die Bedeutungsnuancen in den verschiedensprachigen Versionen des Textes (Japanisch, Deutsch, Englisch) zurückzuführen ist. Mit Bezug auf Tawadas Essay „Subete, koronde, kakato ga toreta“ (1999, wörtl.: Ich bin ausgerutscht, gestürzt und meine Ferse ist abgefallen) komme ich zu dem Schluss, dass die Zehen in dieser Erzählung eine zentralere Rolle spielen als die (vermeintlich) fehlenden Fersen, und schlage vor, den Titel als Aufforderung zu lesen: Verliert eure Fersen!
Yoko Tawadas Paul Celan-Roman zwischen der Faszination der Interkomprehension und dem Zauber des Storytelling
Tawadas Celan-Roman ist ein Beispiel für die Begegnung zwischen aktuellen und innovativen sprachlichen und erzählerischen Praktiken. Die eine Praxis ist die des gegenseitigen Verständnisses zwischen auch weit voneinander entfernten Sprachsystemen, wie der alphabetischen und der ideogrammatischen Sprache, was die deutsch-japanische Schriftstellerin dazu veranlasste, Beispiele und Strategien zu finden, um das Fremde in Sprachen und Kulturen anzugehen und zu verstehen. Die andere ist die nicht ganz literaturwissenschaftliche, aber dennoch sehr literarische Praxis des Storytelling, d.h. der Kunst, Geschichten zu erzählen, um die Zuhörer zu unterhalten, zu überzeugen und zum Handeln zu motivieren. Im Celan-Roman verbinden sich diese beiden Perspektiven auf neuartige Weise. Der vorgeschlagene Beitrag zielt darauf ab, das analytische und interpretative Potenzial dieser beiden Perspektiven zu definieren und aufzuzeigen, wie sie sich in einer engen Form der Wechselbeziehung verknüpfen.
Fachsprachen in Tawadas Prosa nach Fukushima
Ausgehend von der Beobachtung, dass Fukushima für Yoko Tawada auch einen wesentlichen literarischen Wendepunkt markiert, untersucht der Vortrag die fachsprachlichen Ressourcen ihrer Prosa nach der Katastrophe. Im Fokus steht die Frage, wie technische und semi-technische Lexik (Energie/Strahlung, Geräte- und Infrastrukturvokabular, Plastik/Materialität, Kontamination) in der Prosa funktional umcodiert wird: Fachwörter erscheinen als Auslöser von Irritation, als Träger einer Materialkritik und als Mittel zur Entautomatisierung des „Normalen“ in einer maschinisierten Alltagswelt. Als Korpus dienen exemplarisch Fremde Wasser, Sendbo-o-te, Eine Affäre ohne Menschen, in dem Umwelt- und Kontaminationswissen sprachlich operationalisiert wird.
Shi wo noserutame no „Hakobune“: Das Geschenk als Form des Gedichts in Yoko Tawadas Mada Mirai
Der jüngste Gedichtband Yoko Tawadas, Mada Mirai, ist seiner Form nach explizit als Geschenkobjekt entworfen worden. Dass die Kategorie des Geschenks in sich ein methodologisches Problem der Subjekt-Objekt-Ontologie birgt, ist spätestens seit Marcel Mauss eine Begleiterscheinung jeder Beschwörung dieses Begriffs. Der folgende Beitrag geht dieser Problematik nach und kombiniert kontemporäre Ansätze zur literarischen Form mit Ansätzen aus der Materialästhetik, um einer Ontologie des Gedichts als Geschenk anhand des Fallbeispiels Mada Mirai nachzugehen. Anschließend wird durch Hinweis auf den in Tawadas Dankesrede für den Nelly-Sachs-Preis aufgestellten Kontrast zwischen der entmenschlichenden Selbstverständlichkeit des digitalen Daseins und des Geschenks der materiellen Briefkultur ein Vergleich zwischen der subjektorientierten Vision des Gedichts als Geschenk und der objektorientierten Erzählweise des Romans Affäre ohne Menschen aufgestellt.
Stimmlos erzählen. Yoko Tawadas Roman Eine Affäre ohne Menschen (2025)
Yoko Tawadas Roman Eine Affäre ohne Menschen (2025) entwirft eine Liebesgeschichte ohne menschliche Protagonisten – aber auch ohne menschliche Erzählstimme. Im Roman entfalten sich spannungsreiche bisweilen erotische, reibungsvolle, aber auch solidarische Beziehungen zwischen Dingen und Naturerscheinungen – Duschkopf, Spiegelei, Baumschatten oder Regenschirm. Mit Fokus auf die Stimmlosigkeit dieser Erzählweise zeigt der Vortrag, welche Herausforderungen Tawadas posthumanes Erzählen für eine anthropozentrisch ausgerichtete Narratologie mit sich bringt, die an Kategorien wie Subjekt, Stimme und der Frage „Wer spricht?“ festhält. Der Roman wird in Bezug gesetzt zu einer Traditionslinie von Texten, in denen nicht-menschliche Akteure zu sprechen beginnen – von Kafkas Bericht für eine Akademie (1917) in dem ein Affe das Wort ergreift, bis hin zu gegenwartsliterarischen Texten wie Sharon Dodua Otoos Herr Göttrup setzt sich hin (2016), in dem ein Ei zu sprechen beginnt. Während hier die vermeintlich menschliche Eigenschaft einer subjektiven Sprechstimme auf nicht-menschliche Akteure übertragen wird, verabschiedet sich Tawadas Text radikal von der Kategorie der Stimme selbst. Kein Ich tritt hervor; unpersönliche Zustandsbeschreibungen mit Formulierungen wie „es gibt“ oder „es wird“ dominieren den Roman. Weder wird eine kohärente Erzählstimme greifbar, noch wird den nicht-menschlichen Akteuren im Text eine Stimme verliehen. „Duschkopf“, „Spiegelei“ oder „Regenschirm“ erhalten keine Stimme im Sinne der »Prosopopoiia« , bleiben jedoch keineswegs stumm: Sie sprudeln, spritzen, brutzeln, krähen und zischen. In diesen Geräuschen, die nicht bloß als Geräuschkulisse fungieren, sondern ins Zentrum des Romans rücken, erkundet Tawada ein überaus reges und spannungsvolles Geschehen.
Der Vortrag nimmt die in den Affect Studies etablierte Unterscheidung zwischen Affekt als relationalem Geschehen (Spinoza) und Gefühl als subjektzentriertem Ausdruck von Innerlichkeit zum Ausgangspunkt, um dieses Erzählverfahren zu analysieren. Auf dieser Grundlage entwickelt er Perspektiven für eine posthumane Narratologie, die Erzählen jenseits von Stimme, Subjekt und anthropozentrischen Emotionskonzepten denkbar macht.
Dinge und Undinge in Yoko Tawadas Poetik
Ausgehend von aktuellen Debatten zu Dingen und Undingen – insbesondere bei Martin Heidegger, Vilém Flusser, Marc Augé und in neomaterialistischen Ansätzen – untersucht der Beitrag Yoko Tawadas Poetik als eine konsequente Infragestellung anthropozentrischer Ordnungen. Tawadas Texte thematisieren anthropozäne Vorstellungen, die sich insbesondere in Das Wörterbuchdorf (1996), Etüden im Schnee (2011) und Sendboote (2019) deutlich manifestieren. Sie destabilisieren die Annahme des Menschen als Zentrum von Bedeutung und Wahrnehmung und rücken stattdessen Dinge und Undinge, Tiere, digitale Netzwerke sowie sprachliche Fragmente als eigensinnige Akteure in den Vordergrund.
In ihrem jüngsten Roman Affäre ohne Menschen (2025) geht Tawada einen entscheidenden Schritt weiter. Der Roman kann als politische Zeitdiagnose, als Kritik digitaler Kontrollmechanismen oder als formales Experiment einer entmenschlichten Erzählweise gelesen werden. Während dabei insbesondere die Rolle von Systemen, Algorithmen und gesellschaftlicher Gewalt hervorgehoben wird, rückt Tawada jedoch weniger eine dystopische Zukunft als vielmehr die gegenwärtige Umordnung der Beziehungen zwischen Menschen, Dingen und Undingen in den Mittelpunkt. Der Mensch wird systematisch an den Rand gedrängt, während Undinge – verstanden als dysfunktionale, entgleitende oder sich der menschlichen Sinnstiftung entziehende Dinge – aktiv an der Konstruktion der Welt beteiligt sind. Die Welt funktioniert auch ohne den Menschen weiter, jedoch nicht harmonisch, sondern durch das Zusammenspiel von Systemen, Dingen und deren Funktions- wie Dysfunktionsweisen, in denen sich Fremdheit, Ausschluss und Fremdenhass nicht als Ausnahme, sondern als normalisierte Prozesse reproduzieren.
Hearing Things: Practices of Translingual Resistance in the Work of Yoko Tawada
The paper is concerned with the translingual challenge to anthropocentric models throughout Tawada’s oeuvre and the preoccupation with the aesthetics of things in her most recent works, in particular. I follow Sarah Dowling’s conception of the term translingual as the capacity of languages to interact, influence, and transform one another in critical and oppositional ways (2018: 4-5). My readings focus on the literary preoccupation with metamorphic modes which foreground processes of linguistic transfer and unforeseen encounter in forms of unbounded becoming that challenge hermetic conceptions of the sovereign subject by undermining static identity constructs. The political implications of this challenge to anthropocentric models will be explored through the analysis of Tawada’s most recent work Eine Affäre ohne Menschen (2025), whose surreal, object-centred narrative might call attention to what Jane Bennett terms ‘vibrant matter’, a force that crosses through bodies, both human and nonhuman, demanding recognition of ‘the extent to which all bodies are kin in the sense of inextricably enmeshed in a dense network of relations’ (2010: 13).
Veranstalter
Forschungsinstitut Brenner-Archiv
Organisation
Christine Frank (Forschungsinstitut Brenner-Archiv)
Kontakt
Forschungsinstitut Brenner-Archiv
Georg-Trakl-Turm, Josef-Hirn-Straße 5-7, 6020 Innsbruck






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