Newsletter Nr. 43/2026 des Forschungsinstituts Brenner-Archiv
Ins Bild gerückt
Zum Geburtstag: Ingeborg Bachmann im Brenner-Archiv
2024 – Franz Kafka-Jahr, 2025 – Thomas Mann-Jahr, 2026 – ?
Endlich, eine Autorin: Ingeborg Bachmann. Am 25.06.2026 wäre sie 100 Jahre alt geworden, die Verleihung des nach ihr benannten Ingeborg-Bachmann-Preises jährt sich im Juni zum 50. Mal. Und dass wir mitten im Ingeborg Bachmann-Jahr stecken, beweist eine Vielzahl an Ausstellungen, Tagungen, Veranstaltungen und Publikationen – nicht nur im deutschsprachigen Raum.[1] Im Brenner-Archiv haben wir dies zum Anlass genommen, die eigenen Bestände noch einmal genauer zu durchforsten und zu schauen: was gibt es eigentlich alles zu Ingeborg Bachmann im Brenner-Archiv? Neben Fotoabzügen und vereinzelten Dokumenten sind wir dabei auf einen Briefwechsel gestoßen, der es uns besonders angetan hat und den wir heute ins Bild rücken möchten: den zwischen Lilly von Sauter und Ingeborg Bachmann. Denn er zeugt von einer Freundschaft und einer Einladung nach Innsbruck.
Ingeborg Bachmann, 1926 in Klagenfurt geboren, hat ihr erster Schritt aus dem Kärntner Gailtal heraus bereits im Herbst 1945 für einige Zeit nach Innsbruck geführt. Ein Studium der Philosophie und Germanistik mit Kursen zu den „Grundlagen der Logik“ und „Grundlagen der Literaturwissenschaft“ an der Leopold-Franzens-Universität im Wintersemester 1945/46 ist durch das Standesblatt vom 21.09.1945 aus dem Universitätsarchiv Innsbruck ausführlich dokumentiert.[2] Zwar ging Bachmann bereits nach einem Semester für ihr weiteres Studium nach Wien, doch hat es sie knapp ein Jahrzehnt später als Schriftstellerin wieder nach Innsbruck geführt. Im Rahmen der 8. Österreichischen Jugendkulturwochen wurde Ingeborg Bachmann, die zu diesem Zeitpunkt bereits eine bekannte Lyrikerin war, 1957 zu einer Lesung nach Innsbruck eingeladen.[3]
Doch zunächst ein Schritt zurück.

Bereits 1950, so lässt sich in einem Brief aus dem Brenner-Archiv nachlesen, hat Bachmann einen „schönen Abend mit Kisten und Kaffee“, womit es sich „existenzieller leben“ ließe, in einer „Oase“ bei Lilly von Sauter in Innsbruck verbracht – wie Bachmann aus heutiger Sicht etwas rätselhaft schreibt. Als Schriftstellerin und Kulturjournalistin engagierte sich Lilly von Sauter für Kultur- und Literaturveranstaltungen vor allem in Tirol und stand neben Bachmann auch mit Ilse Aichinger und Günther Eich in freundschaftlichem Austausch.[4] Mit der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen schließt Bachmann ihren Brief, denn ihr „Lillybedarf steigt täglich“.[5]
Mit ähnlich schwungvoller, zugeneigter und diesmal scherzhaft anklagender Note beginnt schließlich der Brief von 1957, mit dem Bachmann auf die Einladung zu den Österreichischen Jugendkulturwochen nach Innsbruck an Sauter berichtet: „Liebste Lilly, jetzt bist Du also Schuld dran [sic], dass ich nach Innsbruck komme, denn Deine Karte (ich fürchte, ich hab Dir drauf noch nicht geschrieben) war so bezaubernd, dass ich zugesagt habe!“[6] Vom Vertrauen, das Bachmann Sauter zukommen lässt, zeugt auch die angedeutete Kommunikation ohne Worte, wenn es um Bachmanns Nervosität vor einem Programmpunkt der geplanten Veranstaltung geht. Was nebst dem Ton bemerkenswert ist, ist die Offenheit, mit der Bachmann Sauter um Hilfe „in der Honorarfrage“[7] bittet – schlicht die Übernahme der Verhandlung einer angemessenen Summe für Bachmanns Auftritt in Innsbruck. Wie wichtig vertrauensvolle Netzwerke gerade in künstlerischen Berufen sind, zeigt dieser Brief ganz offen. Bachmann vertraut Sauter – inhaltlich wie finanziell – und tritt 1957 nur acht Jahre nach ihrer Zeit als Studentin im „tirolischen Athen“[8] schließlich als gestandene Schriftstellerin auf.

Von Sauters kenntnisreicher Wertschätzung für Bachmann wiederum berichten ihre Einführungsworte für die Lesung selbst. Darin reflektiert Sauter kritisch Werbetexte über die befreundete Autorin und legt mit ihren Worten zum „Fremdsein, das überall mit uns hingeht“ ein Feingefühl an den Tag, das Bachmann und ihre Texte in das Licht ihres Entstehungskontextes und ihrer Zeit stellt.[9] Die Einführung zur Lesung ist ein Dokument, das von der Auseinandersetzung einer Autorin mit der Wahrnehmung einer befreundeten Autorin im Literaturbetrieb der Zeit zeugt. Denn Sauter zitiert nicht nur aus dem Klappentext von Bachmanns Gedichtband, sondern bewertet dies kritisch und lenkt so den Blick auf die Vermarktungsstrategie. Wie bedeutend Autor:innen-Netzwerke und -Freundschaften für das künstlerische Schaffen, Sichtbarkeit und schlicht ökonomische Grundlagen damals wie heute sind, zeigen die hier ins Bild gerückten Dokumente aus dem Brenner-Archiv wie die sukzessive in der Salzburger Bachmann Edition veröffentlichen Gesamtbriefwechsel von Ingeborg Bachmann mit Ilse Aichinger, Marie Luise Kaschnitz, Hilde Domin, Nelly Sachs und anderen.
Der letzte Brief, der von Ingeborg Bachmann im Brenner-Archiv liegt, stammt bereits aus dem Jahr 1958, und damit aus der Münchner Zeit der Autorin – und enthält erneut eine Erwähnung von Innsbruck. Statt ihres Buches möchte sich Bachmann „selbst für einen Tag nach Innsbruck schicken“[10]. Was aus diesem Wunsch geworden ist, vermögen die im Brenner-Archiv überlieferten Briefe leider nicht zu beantworten. Einen Hinweis darauf, dass sich die Briefe von Lilly von Sauter im Bachmann-Nachlass in der Österreichischen Nationalbibliothek erhalten haben, liefert die Salzburger Bachmann Edition.[11] Ob diese Briefe Antworten und Erkenntnisse liefern, müssen weitere Nachforschungen ergeben. Denn offen bleibt an dieser Stelle vor allem die Frage, ob es Bachmann geschafft hat, statt der Briefe auch sich selbst ein weiteres Mal nach Innsbruck zu schicken.
Die Forschungsliteratur zu Ingeborg Bachmanns Werk füllt ganze Regalwände und hat sich seit der schrittweisen Veröffentlichung ihrer Briefe und Notizen auf ihren gesamten schriftlichen Nachlass erstreckt. Doch wie dieser Blick in das Brenner-Archiv gezeigt hat, schlummern noch immer verborgene Schätze in Archiven, für die es nur Anlässe braucht, um sie zu heben. Sei es ein Jubiläum, eine Anfrage oder eine Kooperation – in diesem Fall alles drei: denn wer Bachmanns Worte an Lilly von Sauter und die Dokumente zu Bachmanns Bezug zu Innsbruck im Original bestaunen möchte, kann dies im Herbst 2026 tun, in der Ausstellung des Kunstforums Schwaz zu Ingeborg Bachmanns Tag in Tirol.
Anna Seethaler
Aktuelles im und vom Brenner-Archiv zum Bachmann-Jahr 2026
Stand: 21.04.2026
Uta Degner: Seminar zu Ingeborg Bachmann
Gastvortrag von Alexander Honold (Basel) 8.6.
Pre-Screening von Regina Schillings Film Jemand, der einmal ich war, 8.6.
Gastvortrag von Anke Bosse (Klagenfurt) 15.6.
Uta Degner: „Ingeborg Bachmann und die Neuerfindung der Autorinnenrolle“, 4.3., Thüringen
Uta Degner: „Das Lächeln der Lemuren. Bachmann und Karl Kraus“, 20.4., Ljubljana
Anna Seethaler: „Where families (don’t) work: Ingeborg Bachmanns Franza-Fragment“, 21.5., Edmonton
Uta Degner: „Wunschhaftes Unglück. Bachmanns Malina und Freuds Traumdeutung“, 31.5., Salzburg
Anna Seethaler: „er lässt mich lieber sparen mit dem Wirtschaftsgeld“. Care-Arbeit in Ingeborg Bachmanns Literatur, 16.6., Wien
Anna Seethaler: „ihr seid ja schließlich eine glückliche Familie“. Ingeborg Bachmanns Radiofamilie, 26.6., Salzburg
Anna Seethaler: „Ich existiere nur, wenn ich schreibe“. Ingeborg Bachmann im Jubiläumsjahr, 10.7., München
Uta Degner und Irene Fußl, Gesamtherausgeberinnen der Salzburger Bachmann Edition: Malina (herausgegeben von Renate Langer und Caroline Scholzen)
Uta Degner und Alexander Honold, Herausgeber:innen: In Beziehungsnetzen, Tagungsband
Anna Seethaler, Brigid Grigg, Jessica Martensen und Henrike Ribbe, Herausgeberinnen: Bachmanns Echos, Online-Tagungsband
Anmerkungen
[1] Die Wanderausstellung zu Ingeborg Bachmann, eine Kooperation des Literaturhauses München und des Literaturmuseums der Österreichischen Nationalbibliothek reist nach Stationen in der Casa di Goethe und aktuell am Museum für Literatur am Oberrhein Karlsruhe im Herbst 2026 in das kärnten.museum Klagenfurt, Ingeborg Bachmann: Wanderausstellung. Ebenso ab Herbst 2026 ist eine Ausstellung im Kunstforum Schwaz geplant. Zahlreiche Buchpublikationen, wie beispielsweise zwei Biografien von Dieter Burdorf im Verlag C.H.Beck und von Andrea Stoll im Piper Verlag sowie eine Betrachtung der Literaturbeziehungen Bachmanns mit Paul Celan und Max Frisch, vorgelegt von Alexander Honold beim Schwabe Verlag werden ergänzt von einem Kinofilm der Regisseurin Regina Schilling mit Sandra Hüller in der Hauptrolle sowie weiteren Inszenierungen, Lesungen, künstlerischen Auseinandersetzungen mit und von Bachmanns Werk.
[2] Zum Standesblatt von Ingeborg Bachmanns Studium an der Philosophischen Fakultät Innsbruck vgl. Peter Goller: Ingeborg Bachmann. Ein philosophisch-germanistisches Wintersemester an der Universität Innsbruck (1945/46), https://www.uibk.ac.at/de/universitaetsarchiv/bachmann/ (Zugriff: 09.04.2026).
[3] Vgl. Christine Riccabona, Erika Wimmer, Milena Meller: Die Österreichischen Jugendkulturwochen 1950–1969 in Innsbruck: Ton Zeichen: Zeilen Sprünge. Innsbruck, Wien, Bozen: StudienVerlag, 2006, S. 60–61; 319.
[4] Vgl. Stellenkommentar von Irene Fußl und Roland Berbig in der Ausgabe der Salzburger Bachmann Edition: Ingeborg Bachmann, Ilse Aichinger, Günther Eich, „halten wir einander fest und halten wir alles fest“. Der Briefwechsel, hg. von Irene Fußl und Roland Berbig, München, Berlin und Zürich 2021, S. 254.
[5] Ingeborg Bachmann an Lilly von Sauter, 25.01.1950, Brenner-Archiv, Nachlass Sauter, Sig. 163-010-015.
[6] Ingeborg Bachmann an Lilly von Sauter, 03.04.1957, Brenner-Archiv, Nachlass Sauter, Sig. 163-010-015.
[7] Ingeborg Bachmann an Lilly von Sauter, 03.04.1957, Brenner-Archiv, Nachlass Sauter, Sig. 163-010-015.
[8] Ingeborg Bachmann an Lilly von Sauter, 03.04.1957, Brenner-Archiv, Nachlass Sauter, Sig. 163-010-015.
[9] Lilly von Sauter: Einführung zur Lesung mit Ingeborg Bachmann, 27.05.1957, Typoskript, Brenner-Archiv, Nachlass Sauter, Sig. 163-006-008.
[10] Ingeborg Bachmann an Lilly von Sauter, 22.10.1958, Brenner-Archiv, Nachlass Sauter, Sig. 163-010-015.
[11] Vgl. den Stellenkommentar von Irene Fußl und Roland Berbig in der Ausgabe der Salzburger Bachmann Edition: Ingeborg Bachmann, Ilse Aichinger, Günther Eich, „halten wir einander fest und halten wir alles fest“. Der Briefwechsel, hg. von Irene Fußl und Roland Berbig, München, Berlin und Zürich 2021, S. 254.