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Newsletter Nr. 42/2026 des Forschungsinstituts Brenner-Archiv

Ins Bild gerückt

Ein Tag im Haushalt vor 100 Jahren mit Anny Engelmann und Hermine Wittgenstein

 

Forschungsinstitut Brenner-Archiv, Anny Engelmann (Suska) - Sammlung Edith Duschka, Sign. 261-01-11

2017 und 2018 übergab Edith Duschka ihre Sammlung von historischen Kinderbüchern dem Forschungsinstitut Brenner-Archiv als Schenkung.[1] Die Sammlung umfasst vor allem Titel, die von Anny Engelmann illustriert wurden sowie Produkte des ihr verbundenen Verlags der Gebrüder Stiepel aus Reichenberg in Böhmen.[2] Anny Engelmann wurde 1897 in Olmütz in Mähren geboren. Sie publizierte vor allem unter dem Pseudonym Suska (tschechisch für: Susannchen). Als Jüdin und vermutlich auch als Psychiatriepatientin wurde sie 1942 im KZ Maly Trostinez ermordet.[3] Bis heute wissen wir nicht, wo sie ihre künstlerische Ausbildung erhielt. Wir haben kein Foto von ihr. Wir wissen nichts über ihre Krankheit. Aber Dank gemeinsamer Bemühungen konnten Edith Duschka und ich im Laufe der Jahre 61 Bücher mit ihren Illustrationen bibliographisch identifizieren und auch (zum Teil im Original) befunden. Die Texte dieser Bilderbücher stammen von unterschiedlichen Autor:innen und sind in 8 Sprachen veröffentlicht: Deutsch und Tschechisch, aber auch Dänisch, Englisch, Französisch, Niederländisch, Polnisch, Russisch, dazu einige Werke auch auf Schweizerdeutsch.

Das vorliegende Stück, das Buch Ein Tag im Haushalt (Leipzig: Fischer und Wittig, vermutl. 1926[4]) hat etwa die Größe DIN A4, es umfasst 14 nicht paginierte (d. h. nicht mit Seitenzahlen versehene) Blätter mit 12 farbigen und zahlreichen schwarz-weiß Bildern. Wie die Titelei angibt, stammen die Gedichte des Bilderbuchs von Otto Sauber. Edith Duschka und ich gingen davon aus, dass der Name – dem Inhalt entsprechend – ein gelungenes Pseudonym sei. Aber es gab Otto Sauber wirklich. Er wurde 1884 in Brandenburg an der Havel geboren, ein Todesdatum ist nicht bekannt.[5] Von ihm werden nur wenige Werke genannt.[6] Im Literaturportal Berlin-Brandenburg und im Literatur-Lexikon Kosch trägt Ein Tag im Haushalt die Gattungsbezeichnung Gedichte. Das Publikationsdatum 1926 und der Titel Ein Tag im Haushalt würden auf modern-neusachliche Lyrik schließen lassen, bei einem männlichen Autor vielleicht gar auf inhaltliche Avantgarde im Sinne einer (bisher unbekannten) gender-role-Kritik! Doch das Gegenteil ist leider wieder einmal der Fall. Zudem ist Otto Saubers Reimkunst eher bescheiden („Nun woll’n wir einmal Gärtner sein / Und pflegen Baum und Blümelein“, Gedicht Gartenarbeit). Doch soll uns das nicht kümmern. Interessant ist das Druckwerk wegen der Illustratorin „Anny Suska“, die in dieser Schreibweise sonst nicht aufscheint. Und in diesem Fall mehr noch wegen des Besitzeintrags, der auf dem Vorsatzblatt des Exemplars in der Sammlung Duschka in schwarzer Tinte zu lesen ist – und bisher noch nie jemandem aufgefallen war: „Hermine Wittgenstein“.

Anny Engelmanns ältester Bruder Paul (1891 Olmütz – 1965 Tel Aviv) war Architekt, Loos-Schüler, Kraus-Adept und Freund von Ludwig Wittgenstein. Durch ihn hatte Hermine Wittgenstein – eine Schwester Ludwig Wittgensteins – Anfang der 1920er Jahre ihre Villa in Neuwaldegg in Wien innenarchitektonisch umgestalten lassen.[7] Daraufhin erteilte 1925 eine andere Schwester Ludwigs, Margaret Stonborough-Wittgenstein, Paul Engelmann den Auftrag für ein Haus. Im Frühjahr 1926 zeigte dieser einige seiner Entwürfe seinem Freund Ludwig Wittgenstein. Der mischte sich in die Sache ein und usurpierte sie. Im Herbst 1926 reichten Paul und Ludwig gemeinsam die Baupläne für das sogenannte „Wittgensteinhaus“ in Wien Landstraße ein.[8] In dieser Zeit bestand auch ein Kontakt von Margaret Stonborough-Wittgenstein und Ludwig Wittgenstein zum mittleren Bruder von Paul und Anny Engelmann: Peter (1892 Olmütz – 1939 Olmütz[9]). Er war unter dem Namen Peter Eng als Trickfilm-Künstler und Werbegrafiker in Wien tätig. Heute gilt er als einer der österreichischen Trickfilm-Pioniere.[10] Auch Anny Engelmann lebte zwischen Oktober 1926 und März 1927 in Wien.[11] Sie wird in den autobiographischen Erinnerungen des Bruders Paul[12] nur selten erwähnt.

Forschungsinstitut Brenner-Archiv, Anny Engelmann (Suska) - Sammlung Edith Duschka, Sign. 261-01-11

Dass sie das Buch persönlich überreichte, ist schon deswegen unwahrscheinlich, weil es keine Widmung trägt. Hermine Wittgenstein war für das Buch gewissermaßen prädestiniert: Sie unterhielt zwischen 1921 und 1938 eine Tagesheimstätte für „arme christliche Knaben“, in der Buben „Verpflegung, Nachhilfe und Werkstätten-Unterricht“ bekamen.[13] Anny Engelmann wird in Hermine Wittgensteins Familienerinnerungen ebenso wenig erwähnt wie ihr Bruder Peter.[14] Und doch hat Hermine das Buch durch den Besitzeintrag zu ihrem ausdrücklichen Besitz gemacht.

Die Illustrationen von Ein Tag im Haushalt sind recht konventionell und bilden dem Zeitgeschmack entsprechend ländliche, doch zeitgemäße bescheidene Bürgerlichkeit ab. Nur selten – wie beim Bild Auf dem Markt der Hintergrund der Marktfrauen mit dem Gemüse – zeigt sich das Holzschnitthafte der Modernität. Diese ist in anderen Werken wesentlich ausgeprägter, vor allem in den Illustrationen der Bücher für größere Kinder, wie in Hans Christian Andersens Der Schlafgott oder in der Reihe von James Matthew Barries Peter-Pan-Büchern in tschechischer Übersetzung, die Milena Jesenská in Prag herausgab.[15] Vor allem der Kontakt zu Milena Jesenská gibt hier zu denken. Anny Engelmann war offenbar Teil eines über die Sprachgrenzen gehenden Netzwerks von Frauen, die sich in der Zwischenkriegszeit um Kultur und um pädagogische Belange bemühten.[16]

Ob Hermine Wittgenstein auch dazu gehörte, müssen weitere Forschungen zeigen.

Ursula A. Schneider

 


Anmerkungen

[1] Vgl. Bestandsverzeichnis https://www.uibk.ac.at/de/brenner-archiv/bestaende/engelmannanny/ (16.02.2026).
[2] Zu diesem Verlag vgl. Murray G. Hall: Der Verlag Gebrüder Stiepel als Förderer heimischer Künstler. In: Na cestách/Auf Reisen. Internationale Kulturimpulse im Schaffen deutschsprachiger Künstler und Künstlerinnen aus Böhmen, Mähren und Schlesien. Hg. v. Anna Habánová und Ivo Habán. Liberec: Oblastní galerie Liberec 2016, 112–119. Ders.: „Ein Bilderbuch aus dem Märchenhaus Stiepel“. Zum Kinderbuchprogramm des Verlages Gebrüder Stiepel in Reichenberg. In: Archiv für Geschichte des Buchwesens 70/2015, 1–13.
[3] Vgl. Ursula A. Schneider: Neues von Peter Engelmann (Ps. Eng) und Anny Engelmann (Ps. Suska). Die Geschwister von Paul Engelmann, Figuren einer verschwundenen europäischen Moderne. In: Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv 30/2011, 119–144. Ein für diesen Beitrag neu gefundenes Dokument aus dem Arolsen Archives nennt als Ort, von dem die Deportation ausging, die Psychiatrische Einrichtung in Kroměříž/Kremsier. Vgl.
https://collections.arolsen-archives.org/de/search/person/4974459?s=anna%20engelmannova&t=2546981&p=1 (24.02.2026).
[4] Angabe des verkaufenden Antiquariats, im Buch Sig. 261-01-11 sowie Angabe auf der Seite Otto Sauber im Literaturportal Berlin-Brandenburg
https://www.literaturport.de/literaturlandschaft/autoren-berlinbrandenburg/autor/otto-sauber/ (16.02.2026) sowie AS (d.i. Anna Stüssi): Otto Sauber. In: Deutsches Literatur-Lexikon. Biographisch-bibliographisches Handbuch. Begründet von Wilhelm Kosch. 3., völlig neu bearb. Auflage. Bd. 14. Bern: Francke 1992, 88.
[5] Lebensdaten und Wohnorte beinahe übereinstimmend in GND Gemeinsame Norm-Datei,
https://swb.bsz-bw.de/DB=2.104/SET=4/TTL=1/SHW?FRST=2&ADI_LND=&RETRACE=221 (16.02.2026), Literaturportal Berlin-Brandenburg und Stüssi: Otto Sauber, 88.
[6] Die Ballade Der Mutter Fluch (1914, vgl. Stüssi: Otto Sauber); Hanspeters Waldtraum. Eine Märchen-Dichtung (1927, vgl. Stüssi: Otto Sauber; im Literaturportal Berlin-Brandenburg fälschlich als Hauspeters Waldtraum); Erwartung (1927, ohne Gattungsangabe, vgl. Literaturportal Berlin-Brandenburg).
[7] Vgl. Ilse Somavilla: Einzelstellenkommentar. In: Hermine Wittgenstein: Familienerinnerungen. Hg. v. Ilse Somavilla. Innsbruck, Wien: Haymon 2015, 415.
[8] Vgl. Somavilla: Einzelstellenkommentar, 415.
[9] Peter Engelmann und dessen Frau Anna, geb. Pölz, nahmen sich beim Einmarsch der Deutschen in Olmütz 1939 das Leben. Sie sprangen aus dem Fenster.
[10] Vgl. Schneider: Neues von Peter Engelmann und Anny Engelmann, 121–131, hier bes. 128.
[11] Lt. Meldeunterlagen der Stadt Wien, vgl. Schneider: Neues von Peter Engelmann und Anny Engelmann, 142.
[12] Paul Engelmann: Wittgenstein – Engelmann. Briefe, Begegnungen, Erinnerungen. Hg. v. Ilse Somavilla unter Mitarbeit von Brian McGuinness. Innsbruck, Wien: Haymon 2006. Vgl. auch Schneider: Neues von Peter Engelmann und Anny Engelmann, 128.
[13] Somavilla: Nachwort. In: Hermine Wittgenstein: Familienerinnerungen, 479–525, hier 479.
[14] Bereits 2011 habe ich darauf hingewiesen, dass die Fehlrepräsentationen von Peter Eng und Suska durch den sie im Exil überlebenden Bruder Paul darauf zurückzuführen sind, dass er sie als Teile der Hochkultur (als Karikaturisten und Malerin) darstellte, während sie beide durchaus erfolgreiche Protagonist:innen der Alltagskultur waren. Vgl. Schneider: Peter Eng und Anny Engelmann, 120–121. Ähnliches könnte für Hermine Wittgenstein gelten.
[15] Vgl. Hans Christian Andersen: Der Schlafgott. Illustriert von Suska. Praha: Obelisk Verlag [vermutlich 1923] und Hans Christian Andersen: Uspavač. [tschechisch] Übers. v. Jaroslav Vrchlický, Ill. Suska. Praha: Obelisk [1923]. James Matthew Barrie: Petr Pan a Wendy. Z angličny přeložila Jirka Malá. Illustr. Suska. Praha: Tiskem a nákladem Pražké akciové tiskárny, Bd. 2 1926, Bd. 3 1927 (Reihe Dětská četba [Die Kinder lesen], hg. v. Milena Jesenská). James Matthew Barrie: Petr Pan v Kensingtonském Parku. Z angličny přeložila Jirka Malá. Illustr. Suska. Praha: Tiskem a nákladem Pražké akciové tiskárny 1927 [= Bd. 1]
[16] Vgl. Schneider: Peter Eng und Anny Engelmann, 134.

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