Wo keine Ähren mehr liegen

 

Ruth war die reichere Schwester. Sie ging noch bei Tag.
Ich gehe nur bei Nacht. Der Acker der Herzen ist längst schon
abgeerntet, die karge Garbe der Armut gelesen.
Nichts bring ich heim als ein Bündel staubiges Stroh;
der Morgen will es nicht sehn, ich verberg es im Winkel der Kammer.
Im Winter wird es mich wärmen. Die Liebe lebt nicht nur vom Brote,
sie lebt auch vom letzten Goldglanz
eines Halms auf dem Herde, ehe die Asche erkaltet.
Und sie hört noch den Sommer im harten Rascheln des Lagers,
wo sie nichts tröstet als das graue Vertraun einer Maus.

(aus: Lampe und Delphin, 1955.
Mit freundlicher Genehmigung des Otto Müller Verlags.)