Der Regenengel

 

Als Luzifer, verführt von Geist und Schönheit, die ihm der Herr verliehen, Aufruhr unter die Engel trug und nach der himmlischen Herrschaft strebte, entbrannte zwischen den Abtrünnigen und den Getreuen ein furchtbarer Kampf. Und während sie miteinander rangen, gab Gott den Schwingen der guten Engel solche Kraft, daß sie damit einen gewaltigen Sturm entfachten, der die Flügel der Hoffärtigen lähmte und zerbrach, sodaß einer nach den andern in den Abgrund stürzte. Nur Luzifer drang trotz aller Ermattung immer aufs neue wider den Wall erzürnten Flügelschlagens an.

Es war aber unter den Verteidigern der Himmelsfeste einer, der als er mit rauschendem Gefieder auf den Verruchten herabstieß, jählings in seinem haßverzerrten Antlitz, auf dem sich Trotz und Verzweiflung spiegelten, das Bewußtsein des Unwiederbringlichen erkannte und überwältigt ward vom Nachglanz der verlorenen Schönheit Gottes auf den erschöpften Zügen und der von Hoffnungslosigkeit versengten Stirn. Und es befiel ihn eine unermeßliche Trauer um Gott und den Verworfenen, daß er innehielt und aus der Schar der Streiter, die Luzifer bedrängten, sich löste und das Haupt in seinen Schwingen verbarg, um nicht mitanzusehen, wie ihn die Finsternis verschlang. Doch hörte er den Schrei, mit dem er fiel, und fühlte sich im Innersten zerrissen.

So fand ihn Gott und sah sogleich, daß eine Hälfte seines Wesens verdunkelt war und nicht mehr ihm allein gehörte. „Dienst du so säumig?" fragte er mit Strenge. „Du standest abseits, als die andern kämpften" „Bedurfte es denn meiner? Wen du verstoßen hast, der fällt", entgegnete der Engel. Und leiser noch: „Ich sah sein Antlitz, Herr, und etwas in mir trat zu ihm über."

„So hat er auch dich betört, und du willst mich verlassen?"

„Ich weiß nicht, Herr. Doch ist es nicht Empörung, was mich bewegt; nur eine große Schwere zieht mich nach seinem Fall."

„So liebst du?" fragte Gott, und rings die andern Engel erschauerten, denn dieses Wort war neu, und sie verstanden es noch nicht. Sie kannten nur Ehrfurcht und Gehorsam. Doch der eine neigte sein Haupt und schwieg. Und Gottes Stimme war ohne Groll, als er nun fortfuhr: „Es ist der Widersacher, den du liebst."

Da lächelte der Engel zu ihm auf: „Du weißt doch, Herr, daß du es bist, den ich im Widersacher liebe. Ist er nicht dein Geschöpf, und wars nicht dein Licht, das ihn verblendete? Du magst verdammen, denn du bist der Herr. Nicht schmälerts dich, wenn ich ihn drum beklage."

Und Gott erschrak vorm Abgrund des Vertrauens in seinem Blick und nahm ihn bei der Hand und führte ihn bis an den Rand des Himmels, wo unter ihren Füßen die Wasser atmeten. Dort schaute er lange sinnend ins Unendliche. Dann sprach er zu dem Engel: „Den Liebenden stürzt keiner, denn er fällt aus eigener Schwere. Und keiner kann ihn halten, es sei denn, er finge sich selber auf. Doch nur was fallen will, wird unaufhaltsam steigen."

Da schwindelte den Engel und er stürzte verlassen vom Bewußtsein seiner Flügel bis auf den Grund des Meeres. Doch blieb er nicht zerschellt in seiner Tiefe liegen, denn das Gestein öffnete sich ihm, und er fiel hindurch. Und fiel durch das Geäder der dunklen Erze und des roten Goldes, brach durch Kristall und teilte den Basalt und drang bis in das Innerste der Erde und sauste hindurch, ganz unversehrt vom Feuer, und fiel und fiel, bis auf der andern Seite ihn das Gestein in neue Meere entließ und er getrieben von der Wucht des Sturzes emporstieß aus der Flut.

Und siehe, da stand der Herr noch immer hoch im Raum; denn er war über allen Meeren.

Und als der Engel ihn erblickte, jauchzte er auf und fühlte jäh die Kraft der Schwingen wiederkehren und erhob sich und flog.

Doch weil er so unbegreiflich schön war, wollte ihn das Meer nicht lassen, sondern hängte sich in seine Locken und an sein Gefieder und schmiegte sich in sein Gewand. Aber der Engel war nicht zu halten. So fielen denn die Wasser am Bogen seines Fluges rauschend nieder; und aus der innigen Berührung strömte die Liebeskraft des Engels mit dem Wasser auf Wald und Flur und tränkte alle Schöpfung, daß sie erglänzte wie am ersten Tag.

Gott breitete die Arme, als er kam, und als der Engel sich verwirrt und feucht an seinen Knien bergen wollte, hob er ihn auf und nahm ihn an sein Herz. Dort lag er nun und hörte, wie das Herz gewaltig schlug und meinte sich zu erinnern, daß auf seinem Sturz durch das Gestein ihn etwas wie ferner Nachhall dieser Schläge geheimnisvoll erschüttert hatte, und er fühlte beglückt, daß er dem ewigen Ursprung anheimgefallen war.

Als hätte er sich nur ein Weilchen unterbrochen, vollendete der Herr nun den Gedanken, den er begonnen, eh der Engel fiel, und sprach zu ihm: „Denn Fall und Flug sind eines in der Liebe und runden nur den Kreis der Wiederkehr."

Weil er aber den Engel ganz unsagbar liebgewonnen hatte, begriff er die Verlassenheit des Meers, das ihn dem Himmel wiedergeben mußte. Und er löste die Bande der Gewässer, die sie an die Erde fesselten, und verlieh ihnen die Kraft, verwandelt aufzusteigen und sich mit dem Wesen des Engels zu sättigen, daß sie es fallend der Erde wiederbrächten. Denn er wußte, daß alles Irdische in ungestilltem Durst sich zu verhärten droht. Dem Engel jedoch gab er die Gewalt, den Regen zu gebieten, daß sie ihn verließen, wann und wo das Irdische der Reinigung und Gnade bedürfe.

Und wer sich je ins silbergraue Vließ der Regentage schmiegt oder ins nasse Rauschen der Nächte lauscht, spürt tief in seinem Herzen den Kreislauf einer unaufhörlichen Liebe, weil wieder einmal - der Kreatur zum Trost - der Engel mit den Wassern redet. 

(aus: Das andere Schaf, Stiasny 1959)