Die Farben der Kindheit

 

Die Zimmerwände meiner Kindheit waren grau. Ich weiß nicht, ob diese Farbe, die so viele Jahre meines Lebens umgab, nicht untergründig die Tönung meines Gemütes und meiner Weltsicht im Guten wie im Bösen für alle Zukunft entscheidend beeinflußt hat. Es mochte, als es noch frisch und neu war, ein helles Grau gewesen sein, sanft wie das Licht stiller Regentage. Zu der Zeit jedoch, da es sich meiner Erinnerung unvergeßlich einpräte, war es schon nachgedunkelt. und von Jahr zu Jahr verriet es mir mehr vom Geheimnis ängstlich verborgener Not, darin ich früh erkennend aufwuchs.

Ich kann mich nicht entsinnen, damals in Zimmern anderer Leute einem solchen Grau begegnet zu sein, und so wurde es recht eigentlich mein frühester Besitz, der mich vom bunteren Leben der anderen Kinder unterschied und trennte und auf mich selbst verwies. Denn meine Mutter, die morgens zur Arbeit ging und erst spät am Abend heimkam, verwehrte mir Spielgefährten, wohl nicht nur aus Sorge, ich könnte unbeaufsichtigt einen Umgang pflegen, der mir nicht guttat, sondern auch weil jede Kameradschaft Besuch und Gegenbesuch mit sich bringt und ihr Stolz es nicht ertrug, vor anderen preiszugeben, wie ärmlich wir hausten. […]

Das Zimmer meiner Kindheit barg […] im Gegensatz zur Stetigkeit und Dauer der grauen Wände ein sattes Grün, das auf geheimnisvolle Weise verschwand und wiederkehrte und an dem ich später den Rhythmus unserer größeren und geringeren Not ablesen lernte wie an Baum und Strauch die Jahreszeiten.

Ich liebte dieses Grün; es lag wie eine friedliche Insel im Raum, wo alle Möbelstücke auf Grund ihrer Herkunft aus verschiedenen Trödlerläden einander bekämpften, und gab den Betten, von denen eines eckig und aus Eisen, das andere aus barock geschwungenem Holz war, ein Ansehen von festlicher Zusammengehörigkeit. […] Von allem, was still und grün in meiner Kindheit war, waren die Sommer mit ihren langen Ferien das stillste und grünste. Doch war es nicht das Grün von Wald und Flur, das meine Schulkameraden in lustvollen Wochen unbegrenzter Freiheit genossen und dessen Märchenatem noch lange nach Schulbeginn den Lärm der großen Pausen mit fröhlichen Berichten von Abenteuern füllte- Es war das Grün gedämpften Lichtes hinter herabgelassenen Jalousien, mit denen man sich vor der drückenden Hitze schützte, ein Grün, das eine Kühle ohne Hauch erzeugte, darin man dämmernd auslosch in ein Leben, das schon der Wirklichkeit entbehrte. Der Urlaub meiner Mutter war kurz, und ihre Mittel reichten nur hie und da zu einem Ausflug. Also saß ich durch viele Wochen fast den ganzen Tag allein zwischen vier Wänden und verspann mich in ein Spiel, das ich erfunden hatte und dem ich für mich selber den Namen „das Land- und das Geschwisterspiel" gab. In diesem Spiel verquickte ich Landschaften und Figuren aus meinen Lieblingsgeschichten zu einem einzigen Schauplatz und einer großen Familie, mit der ich auf Ferien fuhr. Ich erwarb mir auf diese Weise drei Brüder, vier Schwestern, einen Vater, der Arzt war, eine Großmutter, die einen Landsitz in Reichenhall hatte, und Erlebnisse, die eine solche Macht über mich gewannen, daß ich mich beraubt und einsam fühlte, wenn die Mutter wieder heimkam und mich aus einer Welt riß, in der sich die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit so gefährlich zu verwischen begannen, daß ich mich eines Tages während eines längeren Spitalaufenthaltes unter schrecklichen Gewissensnöten dabei ertappte, wie ich fremden Kindern von meinen Geschwistern und Ferienreisen erzählte.

In diesem Spiel kam nun den grünen Decken eine wichtige Rolle zu. Abwechselnd, daß keine mehr zu Schaden käme, zog ich mir bald die eine, bald die andere vom Bett – es kostete mich hinterher keine geringe Mühe, sie wieder so zurückzulegen, daß die Mutter keinen Verdacht schöpfte - und breitete sie auf den Fußboden unterm Fenster, wo die Sonne durch die Jalousienschlitze ihr lautloses Lichterspiel trieb, legte die Schuhe ab und betrat barfuß die grüne Fläche. Und sie verwandelte sich, wurde Gras und Moos, darein ich mich heiter bettete. An ihren Rändern liefen hellere, gelbliche Streifen. Sie wurden meine Bäche, mein Löwenzahn und meine Butterblumen. Ich formte aus Brotkrumen kleine Pilze, stellte sie auf und war im Wald. Ich legte einen Apfel oder eine Zwetschke hin und hatte einen Garten. Aus Zündholzschachteln und Buntpapier bastelte ich mir winzige Häuser und baute sie zu nie gesehenen Dörfern und Städten ins Grüne, die ich staunend bereiste. Ich sang und redete mit meiner schönen, älteren Schwester, oder ich schloß die Augen und hörte meine kleinen Brüder lachen. Ich wußte, daß die Mutter froh war, weil der Vater wieder einem Kranken das Leben gerettet hatte, und die Großmutter hantierte klappernd mit Schüsseln voll süßer Beeren, auf die sie frische, weiße Milch goß. Und plötzlich hatte ich einen guten Einfall. Ich würde eine Mitschülerin einladen. Sie hieß Christl und konnte nicht aufs Land fahren, weil ihre Mutter nur eine Verkäuferin war. Sie hatte keinen Vater, keine Großmutter, keine Geschwister und war immer allein. Sie lebte in einem Zimmer mit grauen Wänden, mir aber gehörte die ganze grüne Welt. […] 

(aus: Das andere Schaf, Stiasny 1959)