Glaube: Zwei gegensätzliche Ansätze
Die klassische katholische Tradition und der zeitgenössische analytische Ansatz
Von Mark Twain stammt das bekannte Bonmot: „Glaube heißt, etwas für wahr zu halten, von dem man weiß, dass es nicht stimmt.“1 Auch wenn diese Begriffsbestimmung durchaus einige Fürsprecher hat, wird sie von den meisten Fachleuten (Philosophinnen und Philosophen auf dem Gebiet der Pistologie, der philosophischen Untersuchung des Wesens des Glaubens) als bloße Karikatur abgetan. Wie ließe sich Glaube also adäquater fassen? Obwohl im Detail kein Konsens herrscht, können wir einem stimmigen Bild näherkommen, indem wir zwei übergeordnete Ansätze vergleichen und einander gegenüberstellen: die von mir so genannte klassische katholische Tradition (KKT) und den zeitgenössischen analytischen Ansatz (ZAA). Mein Dissertationsprojekt widmet sich der Analyse der jeweiligen Glaubensbegriffe, stellt die spezifischen theoretischen Problemfelder heraus und bringt beide Traditionen im Hinblick auf eine tragfähige Synthese in einen Dialog.
1 Mark Twain, Following the Equator: A Journey Around the World (Hartford, CT: American Publishing Company, 1897), 132, „Pudd’nhead Wilson’s New Calendar“, Kap. 12.

Pietro di Francesco degli Orioli: Allegorie des Glaubens (Detail), Web Gallery of Art)
Zwei Ansätze
Die KKT stützt sich auf historische Denker wie Thomas von Aquin, Johannes Duns Scotus, Francisco Suárez und andere. Sie ist explizit theologisch angelegt: Ihr Gegenstandsbereich ist die Offenbarungstheologie – genauer die christliche Offenbarung. Ihre Systematik wird normativ durch die klassischen loci theologici geprägt, also jene Instanzen autoritativer theologischer Urteilsbildung wie die Offenbarung selbst (die als wahr vorausgesetzt wird), das kirchliche Lehramt usw. Der modus operandi der KKT besteht darin, die Aussagen dieser Quellen über den Glauben aufzugreifen und daraus eine Theorie zu entwickeln, die deren normativem Rahmen entspricht. Die KKT weist dabei mindestens drei wesentliche Merkmale auf: (1) Partikularistisch: Sie nimmt eine spezifische geschichtliche Tradition zum Ausgangspunkt; (2) Religiös: Sie räumt der nicht-säkularen Sphäre einen epistemischen und ontologischen Vorrang ein; (3) Multivalent: Sie stützt sich auf mehrere voneinander unterscheidbare normative Quellentypen mit abgestufter Autorität.
Der ZAA hingegen wird von zahlreichen in der analytischen Religions- und Erkenntnistheorie tätigen Autorinnen und Autoren der Gegenwart vertreten, etwa Howard-Snyder, Jackson, Byerly, Buchak, Audi, McCraw, McKaughan u. a. Der Ansatz ist im Regelfall nicht explizit theologisch ausgerichtet; er verortet sich primär in der Sprachphilosophie oder der allgemeinen Religionsphilosophie, ohne angeblichen Offenbarungsquellen einen Sonderstatus zuzugestehen. Sein modus operandi besteht darin, die alltägliche sowie theoretische Sprachpraxis rund um den Glaubensbegriff zu erfassen, gemeinsame Muster herauszuarbeiten und ein Modell zu formulieren, das den Großteil dieser Praktiken kohärent erklärt. Im Vergleich zur KKT kennzeichnen den ZAA mindestens folgende Wesenszüge: (1) Universalistisch: Er privilegiert keine partikulare Tradition; (2) Neutral: Er behandelt säkulare und religiöse Glaubensformen prinzipiell gleichberechtigt; (3) Univalent: Er kennt im Grunde nur eine einzige normative Beurteilungsinstanz: den tatsächlichen Sprachgebrauch.
Forschungsfragen
Worin besteht der Unterschied zwischen Glaube als Haltung (attitudinal faith) und Glaube an einen Sachverhalt bzw. propositionalem Glauben (propositional faith)? Inwiefern korrespondiert dies mit der klassischen Unterscheidung zwischen fides qua und fides quae?
Besteht ein kategorialer Unterschied zwischen religiösem und säkularem Glauben?
In welchem systematischen Verhältnis steht Glaube zu anderen mentalen Zuständen wie Hoffnung, Wunsch oder Vertrauen?
Methodik
Die Arbeit ist grundlegend theoretisch angelegt: (1) Analytisch: Begriffliche Rekonstruktion beider Positionen, systematische Konsistenzprüfung sowie Erprobung an potenziellen Einwänden und Gegenbeispielen; (2) Komparativ: Vergleichende Gegenüberstellung der Ergebnisse zur Bestimmung der jeweiligen Erklärungskraft und theoretischen Schwachstellen; (3) Syntheseorientiert: Prüfung der Frage, inwiefern sich Einseitigkeiten oder Leerstellen des einen Ansatzes durch Einsichten des anderen produktiv ergänzen lassen.
Literatur
Alston, William P.: „Belief, Acceptance, and Religious Faith“. In: Faith, Freedom, and Rationality: Philosophy of Religion Today, hrsg. von Jeff Jordan und Daniel Howard-Snyder, 3–27. Lanham, MD: Rowman & Littlefield, 1996.
Audi, Robert: „Faith, Belief, and Will: Toward a Volitional Stance Theory of Faith“. In: Sophia 58, Nr. 3 (September 2019): 457–74.
Byerly, T. Ryan: „Faith as an Epistemic Disposition“. In: European Journal for Philosophy of Religion 4, Nr. 1 (2012): 109–28.
Johannes Duns Scotus: Ordinatio. Bde. 1–14 der Opera Omnia, hrsg. von C. Balić et al. Vatikanstadt: Typis Polyglottis Vaticanis, 1950–2013.
Thomas von Aquin: Summa Theologiae (bzw. The Summa Theologica, übers. von den Fathers of the English Dominican Province, 5 Bde. New York: Benziger Bros., 1947–48).
Betreuer
Prof. Dr. Bruno Niederbacher SJ
Institut für Christliche Philosophie
Student
Hrvoje Juko SJ
Hrvoje.Juko@student.uibk.ac.at
