EPISTEMISCHE UNGERECHTIGKEIT IM BILDUNGSWESEN
Der Begriff der epistemischen Ungerechtigkeit sollte nicht auf das Unrecht beschränkt sein, das einem bereits gebildeten Wissenden zugefügt wird, der sich am epistemischen Austausch beteiligt. Sollte aber auch das Unrecht einschließen, das jemandem angetan wird, wenn er von vornherein daran gehindert wird, Wissende zu werden.

Bekämpfung von Bildungsungerechtigkeit (eine Form von EEI) in einer postkolonialen afrikanischen Gemeinschaft.
ZUSAMMENFASSUNG
Diese Dissertation legt ein umfassendes Konzept der epistemischen Ungerechtigkeit vor, das – im Gegensatz zu bisherigen Ansätzen – auch und insbesondere Ungerechtigkeit im Bildungswesen (educational epistemic injustice: EEI) berücksichtigt. Während andere Darstellungen sich mit epistemischer Ungerechtigkeit befassen, insofern Wissende bereits Wissen erlangt haben, untersuche ich Formen von Ungerechtigkeit, die epistemische Subjekte grundlegend davon abhalten, Wissen zu erlangen. Bisherige Darstellungen beschränken sich außerdem auf die Perspektive sog. diskriminierender Ungerechtigkeit und darüber hinaus auf propositionales Wissen. Dabei werden jedoch drei wesentliche Aspekte epistemischer Ungerechtigkeit außer Acht gelassen, nämlich erstens jene Phase, in der man überhaupt erst zum Wissenden wird; zweitens die distributive, im Gegensatz zu diskriminierenden, Ungerechtigkeit; und drittens das nicht-propositionale Wissen.
Ich werde zwei Formen der EEI erörtern, die in je verschiedenen Phasen des Lernprozesses auftreten: formative Ungerechtigkeit und postformative Ungerechtigkeit. Formative Ungerechtigkeit liegt vor, wenn einer Person Unrecht angetan wird, indem ihr Ressourcen vorenthalten werden, die ihr helfen, Wissen zu erlangen. Dies führt zu postformativer Ungerechtigkeit, die sich in fehlgeleitem Lernen und epistemischer Diskriminierung äußert. Ich vertrete die Auffassung, dass epistemische Ungerechtigkeit nicht nur aus Diskriminierung resultiert, sondern auch aus systemischen Versäumnissen, die Einzelpersonen die grundlegenden Ressourcen vorenthalten, Wissen zu erlangen. EEI umfasst meiner These nach nicht nur propositionales Wissen (Wissen-dass), sondern auch praktisches Wissen (Wissen-wie). Mein Ziel ist es, eine fundierte Darstellung epistemischer Ungerechtigkeit zu liefern, die sich nicht auf die Analyse bloßer zwischenmenschlichen Interaktionen beschränkt, sondern sich mit den gesellschaftlichen Bedingungen befasst, die dazu beitragen, dass Einzelpersonen überhaupt in der Lage sind, solche Interaktionen einzugehen.
FORSCHUNGSZIELE
Das Ziel dieser Arbeit ist es, eine ausführliche Darstellung epistemischer Ungerechtigkeit zu liefern, die sich mit dem Unrecht befasst, das Individuen zunächst bei ihren Versuchen, Wissende zu werden, und in ihrer Eigenschaft als Wissende zugefügt wird. Um dieses Ziel zu erreichen, werde ich:
- Entwickeln Sie einen ausführlichen Bericht über epistemische Ungerechtigkeit, der die Ungerechtigkeit analysiert, die Einzelpersonen zugefügt wird. Beide in ihrem Prozess, Wissende zu werden, und als Wissende.
- Erklären Sie das Konzept der formellen Ungerechtigkeit als distributive epistemische Ungerechtigkeit anhand praktischer Beispiele aus postkolonialen afrikanischen Gemeinschaften, die zeigen, wie sich diese Ungerechtigkeit auswirkt.
- Untersuchen Sie epistemische Fehlbildungen und epistemische Diskriminierung als Formen postformaler Ungerechtigkeit und diskriminierender epistemischer Ungerechtigkeit.
- Erweitern Sie den Umfang epistemischer Ungerechtigkeit, um praktisches Wissen (Know-how) und nicht nur propositionales Wissen (Know-that) einzubeziehen.
FORSCHUNGSFRAGEN
- Inwiefern gehen bestehende Berichte über epistemische Ungerechtigkeit nicht auf das Unrecht ein, das Einzelpersonen bei ihren Versuchen, Wissende zu werden, angetan wird? Und wie erfasst der Begriff der epistemischen Ungerechtigkeit im Bildungsbereich epistemische Ungerechtigkeit sowohl aus einer beschreibenden als auch aus einer diskriminierenden Perspektive?
- Welche Ressourcen benötigt eine Person, um sich als Wissender zu entwickeln? Und wie führt eine Verleugnung oder ungleiche Verteilung dieser Ressourcen zu Bildungsungerechtigkeit?
- Was ist die Art des Schadens, den Einzelpersonen in der postformationellen Phase epistemischer Bildungsungerechtigkeit erleiden? Und wie wirkt sich dieser Schaden auf ihre epistemische Handlungsfähigkeit und Würde als Menschen aus?
- Wie erweitert epistemische Ungerechtigkeit im Bildungswesen den Wissensbegriff über propositionales Wissen (knowledge-that) hinaus, um praktisches Wissen (knowledge-how) in den Diskurs epistemischer Ungerechtigkeit einzubeziehen? Und welche Relevanz hat Wissen für das Verständnis und die Bewältigung epistemischer Ungerechtigkeit?
FORSCHUNGSMETHODE
Diese Forschung wird die Methode der analytischen Philosophie verwenden, die konzeptionelle Analyse umfasst, logische Argumentation, und kritisches Hinterfragen, um EEI zu verstehen (ein Phänomen, das bisher noch nicht ans Licht gebracht wurde), und gib einen ausführlichen Bericht darüber. Es werden primäre und sekundäre Quellen verwendet, darunter Fallstudien von Opfern epistemischer Ungerechtigkeit im Bildungswesen, vorhandene Literatur zum Thema wie z. B. Bücher, Artikel, Zeitschriften, elektronische Quellen und andere schriftliche Materialien, die für diese Forschung relevant sind.
LITERATUR
Coady, D. (2017). Epistemic injustice as distributive injustice. In The Routledge handbook of epistemic injustice (pp. 61-68). Routledge.
Dotson, K. (2011). Tracking epistemic violence, tracking practices of silencing. Hypatia, 26(2), 236-257.
Dunne, G. (2023). Epistemic injustice in education. Educational philosophy and theory, 55(3), 285-289.
Fricker, M. (2007). Epistemic injustice: Power and the ethics of knowing. Oxford university press.
Ryle, Gilbert. (1945). Knowing how and knowing that: The presidential address. In Proceedings of the Aristotelian society (Vol. 46, pp. 1-16). Aristotelian Society, Wiley.
BETREUERIN
Univ.-Prof. Katherine Dormandy, DPhil.
Institut für Christliche Philosophie, Universität Innsbruck.
DOKTORANDIN
Essence Ene Ujah, M.A.
essence.ujah@student.uibk.ac.at
