Zwischen Aphrodite-Tempel und spätarchaischem Haus II

Allgemeines

FWF-Projekt (P 27073)
2014-2017

Principal Investigator:
Dr. Erich Kistler

Address:
ATRIUM - Zentrum für Alte Kulturen - Langer Weg 11

University/Research Institution:
Institut für Archäologien
Fachbereich Klassische und Provinzialrömische Archäologie
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck

Approval date:
05.05.2014

Start:
01.07.2014

End:
30.06.2017

Scientific field(s):
601 Geschichte/Archaeologie (50,00%)
107 Andere Naturwissenschaften (40,00%)
605 Andere Geisteswissenschaften (10,00%

Abstract:

Ausgangslage: Seit der frühen Eisenzeit ist die Kultstätte beim Aphrodite-Tempel auf dem Monte Iato zentraler Schauplatz der Allianzen-Bildung und Umverteilung von Ressourcen und prestiziösen Gütern. Im Laufe der Jahrhunderte hat dieses indigene, zeremonielle Zentrum nachhaltige Veränderungen durchlaufen, die auf wechselnde Figurationen der kolonialen Situation in Westsizilien zurückzuführen sind. In einer ersten Etappe haben Kontakte mit Phöniziern zur Begründung der Kultstätte im 7. Jh. v. Chr. als einem zentralen Knotenpunkt eines rituellen Austauschsystems unter indigenen Oberhäuptern geführt. In einer zweiten Phase wird dieses zeremonielle Zentrum der Einheimischen infolge enger Kontakte zu den Griechen um 550 v. Chr. mit einem megaron-artigen Gebäude überbaut, das der Aphrodite geweiht ist Es folgen weitere kleinere Sakralbauten, begleitet von einem stetig ansteigenden Strom kolonialer Importe. Dieser koloniale Prozess kulminiert letztlich im spätarchaischen Haus, dessen Banketträume im Obergeschoss um 500 v. Chr. die klassischen andrones mit ihren Randsockeln für Klinen und verputzten Wänden vorwegnehmen. Angesichts dieses hohen Hellenisierungsgrades überrascht das gleichzeitig zunehmende Festhalten an einer (imaginierten) vorkolonialen Ära der Vorväter umso mehr. Um 460 v. Chr. ist es – wohl infolge einschneidender Machtverschiebungen in den Apoikien der kolonialen Partner – zu einem Kollaps und zu einer Rückwendung in ein Leben nach der ‚Alten‘ Ordnung gekommen, das bis ins frühe 3. Jh. v. Chr. nur wenige archäologische Spuren hinterlassen hat. 

Innovativer Aspekt: Unter Anwendung des Konzepts der Kolonialität sollen die Phasen der Dominanz kolonialer Machtmatrices als Empowerment lokaler Machtstrukturen begriffen werden, das von indigenen Machtaspiranten über koloniale Partner umgesetzt wird. Kolonialität funktioniert damit zweigleisig. Ihr wird zudem die Lokalität gegenübergestellt. Das meint nicht nur alltäglich gelebte Lokalität, sondern vielmehr ein Zugehörigkeitsgefühl, das über das ritualisierte Re-enactment einer ‚alten‘ Welt aus vorkolonialer Zeit nacherlebt wird. 

Vorgehen/Methoden: Im Vorgängerprojekt (2010-2013) wurde die Phase des kolonialen Peaks um 500 v. Chr. und der lokalen Reaktionen darauf sehr ‚dicht beschreibbar‘ gemacht. Im beantragten Nachfolgeprojekt (2014-2017) geht es um die Erforschung der Zeit davor. Dazu gilt es in den anstehenden älterarchaischen Schichten unter dem feinabgestimmten Einsatz von Archäometrie den unterschiedlichen ‚Konsumlandschaften‘ (consumptionscapes) von Kolonialität und Lokalität nachzuspüren. In einem abschließenden Einzelprojekt (2018-2022) soll dasselbe für die nacharchaischen Befunde klassischer bis römischer Zeit unternommen werden. 

Ziel/Hypothese: Mit dem beantragten Einzelprojekt und geplanten Langzeitvorhaben soll eine neue Perspektive entwickelt und getestet werden, um Kolonisation vom Standpunkt indigen-lokaler Machtgewinnung her zu betrachten, die so im Widerstreit mit der machtzerschlagenden Rückbesinnung auf lokale Authentizität als ein dialektischer Prozess zwischen Aphrodite-Tempel und spätarchaischem Haus archäologisch fassbar wird.

I Innovativer Aspekt: Coloniality/Locality als Empowering/Depowering lokaler Eliten in binnenländischen Heiligtümern und kolonialen Kontaktzonen

Kultstätten und Heiligtümer sind oftmals zentrale Schauplätze der Umverteilung von Ressourcen und von Macht (Schweizer 2007, 321-2; Ulf 2006). Dabei spielt die Manifestation weitreichender Kontakte und Allianzen eine eminent wichtige Rolle. Dies kann zunächst materiell über die conspicious consumption von exotischen Gütern aus der Ferne erfolgen – eingebettet als „risk bufferings“ in das soziale Feld traditioneller Riten und Zeremonien (Kistler 2014, 73-80; Kistler 2010, 77-79; Whitley 1991, 350-353). Bei zunehmender geographischer Nähe der Kontaktpartner, einer deshalb immer stärkeren Intensivierung der Beziehungen zu diesen und einem daraus resultierenden Empowering erfolgreicher Entrepreneurs aus der Altersklasse der Krieger kann es zu einem Aufbrechen der Herrschaft der ‚Alten‘ und zur Begründung intergruppaler Heiligtümern als neuen Zentren pluri-ethnischer Begegnung und fremdkulturellen Transfers kommen, die der Bildung und Affirmation neuer Machtansprüche dienten (Mohr 2013, 21-39; Kistler 2010, 79-86). Während solche Überlegungen für panhellenische Heiligtümer schon selbstverständlich sind, werden sie im Fall von indigenen Kultstätten in kolonialen Kontaktzonen nach wie vor von den Fragen nach Ethnizität, Identität, Indigenisierung und/oder Kolonialisierung überlagert (Antonaccio 2013). Diese Fragestellungen zu binnenländischen Kultstätten als Foci kolonialen Kontaktes und kulturellen Transfers sollen im geplanten Langzeitvorhaben mit den neuen Forschungen zu Heiligtümern als interelitären Kommunikations- und Verhandlungszentren zu einem übergeordneten Methoden- und Analyseraster verflochten werden. Den Dreh- und Angelpunkt dazu bildet das Konzept der „Coloniality“, wonach die Faktoren und Prozesse der Machtbildung, die durch koloniale Kontakte ausgelöst werden und in postkolonialen Zeiten weiterhin virulent sind, aus der Sicht der davon betroffenen Einheimischen beschrieben werden sollen (cf. Gonzalez-Ruibal 2013, 3-5; Grosfoguel 2011; Morana/Dussel/Jáuregui 2008).

Tatsächlich hat das Konzept der Kolonialität den Vorteil, dass es keinen kulturellen Zustand, sondern eine soziale Situation, eben die ‚Koloniale Situation‘ und damit primär Asymmetrien in indigenen Sozialgefügen im Fokus hat. Und aus diesem Blickwinkel bleibt die Situation solange kolonial, wie diese Asymmetrien in der lokalen Lebenswelt Bestand haben – selbst dann noch, wenn die Herrschafts- und Verwaltungsstrukturen der Kolonialmacht weggebrochen sind (Maldonado-Torres 2007, 243; Mignolo 2000, 43). Doch welchen Nutzen soll nun dieses postkoloniale Konzept für die Erforschung kolonialer Prozesse im antiken Mittelmeerraum und insbesondere in binnenländischen Heiligtümern auf Sizilien haben? Dazu 6 Thesen als mögliche Antworten darauf:

II Thesen

1. These: Wenn die postkoloniale Situation trotz Dekolonialisierung ‚(post)kolonial‘ geblieben ist, dann stellt auch das ‚(prä)koloniale‘ Zeitalter Siziliens eine ‚(post)koloniale‘ Situation dar. Denn Kolonialität erreicht Sizilien nicht erst mit der ‚Großen Kolonisation‘ der Griechen (Dietler 2010, 47; Albanese Procelli 2008; Dominguez 2008)! Vielmehr setzt sie mit den ersten überseeischen Kontakten und Importen ein, die auf der Insel sozialen Vorsprung und lokales Ansehen akkumulierbar machten (Dominguez 2010, 30-33; Ulf 2009, 94; Gosden 2004, 39). Dies ist spätestens mit der Westexpansion der Mykener der Fall, auch wenn sich beim Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit die nachfolgende ‚(post)koloniale Situation‘ auf Westsizilien wieder fast bis zur archäologischen Unsichtbarkeit ausgedünnt hat. (Chapman 2013, 35, 39; De Angelis 2012, 130; De Angelis 2010, 22-27, 31-32; Blake 2008; Leighton 1999, 6-8, 223-225).

2. These: Die Asymmetrien, die durch diese ‚(post/prä)koloniale Situation‘ geschaffen werden, beziehen sich weniger auf das Fernverhältnis zu den ‚überseeischen‘ Kontaktpartnern (De Angelis 2010, 34-40), als vielmehr auf das Entstehen sozialer Ungleichheit im eigenen binnenländischen Umfeld. Das macht Kolonialität auch für indigene Machtaspiranten überaus attraktiv (Dominguez 2012, 213-15; Hodos 2010, 98): Sie verhilft ihnen zum Empowering – genauer zur Macht, darüber zu verfügen, wer an der sozialen Exklusivität des (Prä/Post)Kolonialen dauerhaft, wer nur sporadisch und wer daran gar nicht teilhaben darf. (Prä/Post)Kolonialität ist daher ein zentrales Instrument der Machtbildung und Machterhaltung, sowohl in Big-Men-Societies als auch in Chiefdoms (Mullins 2011, 136-139; Dietler 2010, 63-64, 218, 220; Antonaccio 2009, 36; Ulf 2009, 92-94). 

3. These: Die janusartige Kehrseite der (Prä/Post)Kolonialität ist die forcierte Rückbesinnung auf eine (imaginierte) Zeit vor den ersten kolonialen Kontakten. Anhand ‚uralter‘ Erbstücke, Gräber und altgemachter Requisiten, die als archäologische Evidenzen in die mündliche Lokalüberlieferung eingebettet werden, kommt es bei Festen zum regelrechten Re-enactment einer vorkolonialen Authentizität und Identität (Mühlenbock 2013, 401-403; Dietler 2010, 70; Antonaccio 2009, 48-50; Morris/Tusa 2004, 77; Hall 2002, 23). Aus der ‚Totalen‘ der Globalisierungsforschung gesehen, handelt es sich dabei um Re-Konstruktionen von Lokalitäten als originär indigenen Lebensräumen, die koloniale Orte wieder zu den ihren machen sollen, zu Orten indigener Selbstverortung (Hodos 2010, 91-92; Appadurai 1996, 178-199). Locality ist folglich ebenso wenig wie Kolonialität ein räumlich fixierter Ort, sondern ein identitärer Locus, an dem die Sehnsucht nach einer authentischen Welt der Einheimischen ohne koloniale Asymmetrien geweckt und genährt wird. Insofern ist diese ritualisierte Rückbesinnung auf den (imaginierten) lokalen Urzustand immer wieder auch gekoppelt an den Impuls, in diese egalitäre Vorzeit zurückzukehren und deshalb Hierarchien zu hetrarchisieren und Kapital zu dezentralisieren, was hier als depowering umschrieben wird (see also González-Ruibal 2012, 67, 80; Sigrist 2005: 176-178).

4. These: Lokalität beginnt mit Kolonialität – respektive: Die Sehnsucht nach der ‚Alten Welt‘ beginnt mit dem Umbruch zur ‚Neuen Welt‘, der durch die ‚ersten‘ überseeischen Kontakte eingeleitet wird (Mühlenbock 2013, bes. 408; Hodos 2010, 92). Lokalität und Kolonialität sind demnach zwei kontrakulturelle Situationen und Strategien des Machtdiskurses innerhalb indigener Lokalgruppen in (prä/post)kolonialen Kontaktzonen. Die Intensität dieses Diskurses sowie das Dominieren der einen oder anderen Situation bzw. Strategie sind dabei ganz von der historischen Figuration des kolonialen Prozesses abhängig. Das heisst zum einen, dass gerade im Fall Westsiziliens das wechselwirksame Verhältnis zwischen Kolonialität und Lokalität durch den „Stummen Handel“ mit den Phöniziern, durch die griechische Kolonisation, karthagische Epikratie oder durch die römische Okkupation ganz unterschiedliche lokale Ausprägungsformen erfahren hat (Kistler 2014, 72-99; Prag 2013; Spatafora 2013, 43).

5. These: Als identitäre Situationen definieren Kolonialität und Lokalität zwei konträre consumptionscapes (Kistler 2012, 229; Dietler 2010, 56-64; Ger/Belk 1996). Im ersteren Fall dominiert der Gebrauch des ‚neuen‘ Kolonialen, in Letzterem jener des ‚alten‘ (oder auf Alt gemachten) Lokalen. Dies führt an binnenländischen Siedlungsplätzen – und dort insbesondere an den Kultstätten (Öhlinger 2014 und 2012; Ferrer Martin 2013, Urquhart 2010) – zu divergierenden materiellen Niederschlägen im archäologischen Befund. Ist die Funddichte von Importen und von lokalen Adaptionen kolonialer Technologie, Architektur, Küche etc. am größten, dann ist von einer consumptionscape auszugehen, die auf Kolonialität und Empowering ausgelegt war (siehe Forstenpointner/Weissengruber/Galik 2005). Ist das Koloniale hingegen nahezu absent, ist von einem konsumeristischen Schauplatz von Lokalität und Depowering auszugehen (Van Dommelen/Rowlands 2012, 24). Je nach der historischen Figuration der kolonialen Machtmatrix können die beiden consumptionscapes der empowering coloniality und der depowering locality an einem gemeinsamen Schauplatz wirkungsmächtig sein.

6. These: Grundsätzlich lässt sich den materiellen Spuren der consumptionscape der Coloniality leichter als den Materialisierungen von Locality nachspüren, da erstere in aller Regel aufgrund des Empowering an Monumentalität gekoppelt ist, was im Allgemeinen bessere Auffindungs- und Erhaltungsbedingungen im archäologischen Befund schafft. Letztere hingegen, infolge des mit ihr verbundenen Depowering, tendiert zu Anti-Monumentalität und damit zu einer archäologisch viel schlechteren Sichtbarkeit (De Angelis 2010, 27). Gerade der Nachweis solcher rückstandsarmer Konsumgüter und -gewohnheiten bedarf folglich einer Art ‚Tatort-Archäologie‘ unter Einsatz aller analytischen Möglichkeiten archäometrischer Forschung. Erst dann besteht die Chance den materiellen Niederschlägen beider consumptionscapes an einem Kultplatz systematisch nachzuspüren.

III Ziel des Projekts

Unter Anwendung der Thesen 1 bis 6 wird die binnenländische Kult- und Siedlungsstätte zwischen Aphrodite-Tempel und spätarchaischem Haus zu einem archäologischen Untersuchungsfeld, auf dem der lokale Machtdiskurs zwischen empowering Coloniality und depowering Locality unter den unterschiedlichen historischen Figurationen ‚(prä/post)kolonialer Situationen‘ zu ganz verschiedenen Prozessen archäologischer Befundbildung geführt hat (allgemein: Dietler 2010, 70; Hodos 2010, 91-92).

Im Fokus des zweiten Einzelprojektes steht die Zeit vor dem ersten kolonialen Hype auf dem Iato, also die Zeit vor 500. Welche Rolle spielte dabei das sozio-religöse Feld zwischen Aphrodite-Tempel und spätarchaischem Haus, bevor es das spätarchaische Haus, ja bevor es den Aphrodite-Tempel gab? Denn überregionale Kult- und Festaktivitäten können in diesem Bereich bis ins späte 7. Jh. nachgewiesen werden. Doch wie verhält sich im Vergleich zu diesem kultischen Zentrum und zu seiner consumptionscape, in der überregionale Vernetzung und externe Einflüsse schon früh wirkungsmächtig sind, die Konsumption des Lokalen und Traditionellen in den umliegenden kontemporären Kultur- und Siedlungsschichten? Und wie konnte es gerade in diesem Bereich auch auf dem an sich konservativen Feld der Religion mit dem Bau des Aphrodite-Tempels zum monumentalen Durchbruch des Kolonialen kommen? All diesen Fragen soll im zweiten Einzelprojekt (2014 -2017) nachgegangen werden. Die sich dazu eignenden Untersuchungsflächen, zu erwartenden Befunde und ihre Erforschung nach den Gesichtspunkten einer Konsumarchäologie sowie die daraus resultierenden methodischen Vorgaben einer Art ‚Tatort-Archäologie‘ sollen nun nachfolgend noch etwas ausführlicher dargestellt werden.

IV Umsetzung des Einzelprojektes „Zwischen Aphrodite-Tempel und spätarchaischem Haus II (2014-2017)“

Ausgangslage und Forschungsstand: Das Fragment einer ionischen Kleinmeisterschale aus der Verfüllung eines Fundamentgrabens indiziert für den Aphrodite Tempel eine Erbauungszeit zwischen 550 und 525 (Isler 1984, 61 K1720). Die Funde dreier weiterer Scherben von B2-Schalen aus der planen Schicht 5, die den Fundamentverfüllungen unmittelbar aufsitzt, schienen nach dem Kenntnisstand zur Zeit der Publikation diese Datierung in das 3. Viertel des 6. Jh. zu bestätigen (Isler 1984, 60-61). Ein weiteres Fragment einer B2-Schale, das unter der Südkante des Altars hervorgezogen wurde, machte überdies die gleichzeitige Erbauung des Altars zum Tempel höchstwahrscheinlich (Isler 1984, 62-63 K435).

Die neuesten Untersuchungen zum spätarchaischen Haus haben jedoch gezeigt, dass B2-Schalen noch bis 470/60 in Umlauf waren (S. Rainer in: Kistler/Öhlinger 2014). Dies macht nun eine Revision der Baugeschichte des Tempels erforderlich. Denn die plane Schicht 6, welche im Tempelinnern die Fundamentgräben überdeckt und an die westliche Außenmauer anstieß, kann auch anstelle um 550-525 erst um 500 oder noch später angelegt worden sein. Das wirft ein neues Licht auf die 30cm hohe Aufplanierung (Schicht 7) über der planen Schicht 6, die bisher aufgrund mangelnder signifikanter Keramik nur ganz allgemein in spätarchaische Zeit datiert werden konnte (Isler 1984, 25). Folglich kann die Anhebung auch erst im Zuge einer zweiten Bauphase des Tempels in spätarchaischer Zeit erfolgt sein. Dazu würde passen, dass auf diese mächtige Innenniveau-Anhebung die Zungen der Adytonmauer gesetzt sind, wohingegen die Außenmauern des Tempels auf dem 90cm tiefer gelegenen Festplatz protohistorischer Zeit gründen (Isler 1984, 16). Demzufolge scheint es sich bei den Adytonmauern um sekundäre Einbauten zu handeln. Dies würde auch erklären, weshalb „das Ostende der Adytonnordmauer als Ecke vor[steht]“ und so aus der Flucht der Nordmauer des Tempels hervorragt (Isler 1984, 19).

Mit der Annahme einer Zweiphasigkeit des Aphrodite-Tempels stellt sich erneut die Frage nach der Erbauungszeit des Altars (Isler 1984, 22). Sie könnte auch in die Phase des Umbaus zum Tempel mit Adyton gehören. Dazu würde passen, dass die Stützmauer im Süden des Altarplatzes zwar in frühhellenistischer Zeit ausgebessert wurde, aber das keramische Material aus ihrer Hinterfüllung eigentlich um 500 datiert (Isler 1984, 14, 60, 63-64).

1. Hypothese und Fragestellung: Allem Anschein nach ist der Aphrodite-Tempel erst in einer sekundären Phase zum megaronartigen Sakralbau nach griechischem Vorbild mit vorgelagertem Altar umfunktioniert worden, als um 500 auch das spätarchaische Haus errichtet worden war. Zuvor war der Tempel offenbar ein polyfunktionales ‚heiliges Haus‘ ohne eine feste Opfervorrichtung, wie es dem Oikos am Südrand der späteren Agora (Isler 2009, 174-5) und auch vielen weiteren Oikoi im sizilischen Binnenland entspricht (Öhlinger 2014; De Angelis 2012, 166; Romeo 1989). Mit dem Bau des Banketthaus-Traktes im Obergeschoss des spätarchaischen Hauses und dessen direkter Verbindung über die Rampe mit dem Altar konnte die Funktion des „Heiligen Hauses“ als Fest- und Versammlungshaus aus dem Aphrodite-Tempel ausgelagert und dieser somit zu einem reinen Kultbau umfunktioniert werden.

Verifizierung/Falsifizierung der 1. Hypothese: Im Tempel sollen die Verfüllungen der alten Sondagen I, II, III und V wieder ausgeräumt und die zwischen ihnen stehen gelassenen Bereiche abgesenkt werden. Dadurch entsteht im besser erhaltenen Nordwestteil des Tempels ein durchgehendes E/W-Profil. Da dieses auch die Adytonmauer und Schwelle mit einbezieht, verspricht es die Möglichkeit einer feinstratigraphischen Abklärung der oben postulierten Zweiphasigkeit.

Zur Überprüfung der Erbauungszeit des Altars gilt es nördlich und östlich der alten Sondage III eine neue Sondage auszustecken. Auf diese Weise wird das Längsprofil durch den Tempel bis zum Altar hin fortgesetzt, das die relative Chronologie zwischen der Errichtung des Altars, dem Einbau der Adytonmauern, der sekundären Niveauanhebung im Innern des Tempels und der Setzung seiner Fundamente genauer abklären soll.

2. Hypothese und Fragestellung: In den neuen Sondagen werden auch älterarchaische Schichten abgetragen, die unter dem Tempel noch anstehen. Diese liegen einer festgestampften Steinschüttung auf, auf die auch die Fundamente des Tempels gesetzt sind (Isler 1984, 24). Es handelt sich dabei höchstwahrscheinlich um einen älteren Festplatz, auf dem sich schichtenweise der „ceremonial trash“ verschiedener Opferfeste abgelagert hat (Stanton 2008). Mit der Ausweitung der Untersuchungsfläche auf die gesamte Längsachse des Tempels lassen sich diese verschiedenen Festschichten besser in ihrem stratigraphischen Verlauf erkennen. Dadurch soll so eine Taphonomie der Festpolitik erarbeitet werden, die auf diesem Festplatz vor der Errichtung des Aphrodite-Tempels praktiziert worden war. Dabei ist als Leitfossil durch diese ‚(prae)koloniale‘ Geschichte kommensaler Politik die stempel- bzw. ritzverzierte und mattbemalte Keramik aus den indigenen Töpferwerkstätten genauso wichtig wie die Importkeramik. Denn gerade bei der älteren Incisa-Keramik handelt es sich um zeremonielles Geschirr, das teils sehr weiträumig im rituellen Austauschsystem unter indigenen Oberhäuptern des west- und mittelsizilischen Binnenlandes zirkulierte (Kolb/Speakman 2005). Falls auch der ‚präkoloniale‘ Festplatz unter dem Aphrodite-Tempel in diesem binnenländischen Netzwerk einen zentralen Knotenpunkt bildete, dann ist davon auszugehen, dass in dessen Ablagerungsschichten sich Incisa-Keramik unterschiedlichster Machart und Provenienz befindet.

Verifizierung/Falsifizierung der 2. Hypothese: Die systematische Überprüfung dieser These soll im Rahmen einer MA-Qualifikationsarbeit erfolgen. Zu diesem Zweck gilt es die ritz- und stempelverzierte Keramik aus diesen Fest- und Abfallschichten in Hinblick auf divergierende ‚Grammatiken‘ ihres Dekors neu zu diagnostizieren. Die Sondagenbefunde der alten Tempelgrabung (1975-76) gilt es dabei einzuarbeiten. Schließlich soll im Grad der manufakturellen und ‚grammatikalischen‘ Diversifizität die regionale oder gar überregionale Reichweite des Kultplatzes vor der Errichtung des Aphrodite-Tempels eruiert werden. Archäometrische Untersuchungen dazu sind bereits im Gange (cf. ÖNB Project 14960).

Ausgangslage und Forschungsstand: Kurz vor 500 v. Chr. wurde die Rampenmauer errichtet, die den Altarvorplatz direkt mit dem Aussenniveau vor den Banketträumen des spätarchaischen Hauses verband. Mit ihren Hinterfüllungen überdeckt die Rampe ältere Kulturschichten und Architekturreste des 6. Jhs. Darunter fanden sich sogar Überreste eines weiteren Oikos (Kistler/Öhlinger 2013, 4-6; Kistler/Öhlinger 2012, 5-6).

Hypothese und Fragestellung: Mit den erhaltenen Resten dieses Oikos scheint der Befund eines älteren Kultbaus gegeben zu sein, der in unmittelbarer Nachbarschaft des Aphrodite-Tempels stand, aber offenbar kurz vor dem Bau der Rampe und des spätarchaischen Hauses aufgelassen worden war. Letzteres resultiert aus dem Fund eines Randfragments einer attisch-schwarzfigurigen Schale (I-K 1638) aus dem zugehörigen Außenniveau, das für dieses eine Benutzungszeit bis ins letzte Viertel des 6. Jhs. anzeigt (Kistler/Öhlinger 2013, 5). Infolgedessen stellt sich die Frage, inwieweit die Auflassung des Oikos unter der Rampe mit dem oben postulierten Umbau des Aphrodite-Tempels zu einem richtigen Tempel mit Adyton und Altar um 500 zusammengehen könnte. Inwiefern könnte sich darin auch ein religiöser Verdichtungsprozess zur Fundierung eines übergeordneten Machtanspruchs widerspiegeln, indem der Versturz und die Überbauung des Oikos als ein Depowering jener sozialen Gruppe begriffen werden, die zuvor in diesem Oikos ihr kultisches Zentrum besessen hatte?

Verifizierung/Falsifizierung der Hypothese: Bevor die Überreste des Oikos unter der Rampe einer systematischen Untersuchung unterzogen werden können, muss dieser vollständig freigelegt werden. In Analogie zu den Dimensionen anderer Oikos-Bauten auf dem Iato gilt es einen ausreichend großen Schnitt von 6 auf 14 m anzulegen und darin die hellenistischen, frühkaiserzeitlichen und mittelalterlichen Schichten, die über dem Oikos anstehen, abzusenken. Erst wenn dies erfolgt ist, kann mit der systematischen Erforschung der Errichtung, Nutzung und Auflassung des Oikos als „Heiliges Haus“ in unmittelbarer Nachbarschaft und wohl auch in Konkurrenz zum Aphrodite-Tempel begonnen werden. Zu diesem Zweck soll auch untersucht werden, wie sich der Oikos zum älteren Hüttenboden verhält, der von seinem Außenniveau überdeckt wird (Kistler/Öhlinger 2013, 5-6). Gehörte dieser vielleicht zu einer Fest- und Kulthütte, auf welcher der Oikos nicht nur stratigraphisch, sondern auch kultisch fußt? Und wie verhalten sich dazu chronologisch und funktional die rectolinearen Siedlungsreste mit Lehm- und Kalkestrichböden unmittelbar westlich des Aphrodite-Tempels, die gleichfalls unter der Rampenabdeckung zum Vorschein gekommen sind (cf. Kistler/Öhlinger 2012, 4; 2011, 2)? Zur Klärung dieser Fragen gilt es auch die restlichen, noch anstehenden Kulturschichten unter der Rampe genauer zu erforschen.

Ausgangslage und Forschungsstand: Unter dem Außenniveau des spätarchaischen Hauses konnte ein älterarchaischer Hüttenkomplex aus einem viereckigen Hauptraum und einem abgerundeten Annexbau in Sturzlage freigelegt werden. Seine Mauern sind teilweise noch bis zu 0.8m Höhe ganz in Stein erhalten. Sie sind einschalig und im Trockenverband errichtet. Die N/E-Ecke des Hauptraums ist trotz ihrer Rechtwinkligkeit außen abgerundet (Kistler/Öhlinger 2012, 9-10). Damit scheinen die Mauern dieses Hüttenkomplexes einerseits ein ‚vorkoloniales‘ Entstehungsdatum vor der zweischaligen Mauertechnik des Agora-Haus I um 550 anzuzeigen. Andererseits sind sie bautechnisch wesentlich anspruchsvoller und daher wohl auch jünger als die rudimentären Steinsockel der protohistorischen Hütte aus dem späten 7. Jh. im späteren Ostquartier der Stadt (Isler 2009, 152). Trifft diese bautypologische Abfolge zu, dann gehört der zweiräumige Hüttenbau unter dem Außenniveau genau in jene Übergangsphase, in der vom Wohnen in Hütten zum Siedeln in dauerhaften Rechteckbauten aus Stein übergegangen wurde. Reste solcher hüttenartiger Häuser mit einschaligem Mauerwerk und festgestampften Lehmböden kamen bezeichnenderweise auch unter der Südostecke des spätarchaischen Hauses (Isler 2007, 112) sowie nördlich seines Nordtrakts und an der Nordbegrenzung des zu ihm gehörigen Außenniveaus ans Tageslicht (Kistler/Öhlinger 2013, 10).

Hypothese und Fragestellung: Der Übergang vom oftmals nicht-ortskonstanten Siedeln in Hütten zum dauerhaften Wohnen in rechteckigen Stein- und Lehmziegelhäusern gilt als ein epochaler Transformationsprozess, welcher mit einer zunehmenden Handwerksspezialisierung, Überschusswirtschaft und sozialen Differenzierung einhergeht (Kistler 2011, 148-148; Leighton 2000, 35). Sollte die bau- und wohntypologische Einordnung der älterarchaischen Gebäudereste mit einschaligem Mauerwerk in diese Übergangsphase zutreffen, so wäre dieser Switch in der Siedlungskultur auf dem Iato während der ersten Hälfte des 6. Jhs. erfolgt und würde somit zeitlich mit den Abfallschichten auf dem Festplatz unter dem Aphrodite-Tempel zusammenfallen. Damit wäre die einmalige Chance gegeben, mehr über den kausalen Nexus dieses siedlungsgeschichtlichen Transformationsprozesses mit der zunehmenden Dichte der Kontakte zur phönizischen und griechischen Welt zu erfahren. Auf diesem Wege ließe sich erstmals für das archaische Westsizilien die aufkommende Kolonialität im Kausalzusammenhang mit Religion und Machtbildung aus der binnenländischen Perspektive eines indigenen Empowering ‚dicht‘ beschreiben (Leigthon 1999, 262-3).

Verifizierung/Falsifizierung der Hypothese: Die Ruine des älterarchaischen Hüttenkomplexes und ihre zugehörigen Außenniveaus sowie die darunter liegenden Kultur- und Siedlungsschichten nördlich des spätarchaischen Hauses gilt es genauer zu untersuchen. Sie gewähren in jedem Fall tiefere Einblicke in Aktivitätszonen inner- und außerhalb des zweiräumigen Hüttenkomplexes. Die Frage nach einem Kontinuum von Riten und lokalen Konsumgewohnheiten soll dabei genauso im Vordergrund stehen wie die Frage nach inner- und außerhäuslichen Feldern und Funktionen religiöser Bräuche. Zu diesem Zweck sollen auch noch die übrigen, weniger gut erhaltenen Hüttenreste mit einschaligem Mauerwerk im Bereich des spätarchaischen Hauses in die Untersuchung miteinbezogen werden.

Ausgangslage und Zielstellung: Durch die geplanten feldarchäologischen Umsetzungen des Projektes soll neben den baugeschichtlichen Fragestellungen ein materielles Archiv sichergestellt werden, das sehr dicht Auskunft über Divergenzen und Konvergenzen in den Konsum- und Identitätspolitiken unter und beim Aphrodite-Tempel geben kann. Über diese materiellen Repositorien von Consumptionscapes soll ermittelt werden, ob und wie mit der zunehmend überregionalen Bedeutungsdimension der Kultstätte auch die Präsenz des Kolonialen steigt, was umgekehrt ein rituelles Reenactment lokaler Authentizität und Identität provoziert.

Zur archäologischen Erforschung dieser Consumptionscapes, braucht es eine regelrechte archaeology of consumption (Majewski/Schiffer 2009). Diese umfasst sämtliche wissenschaftlichen Zugangsweisen, die notwendig sind, um den Konsumhergang rekonstruieren zu können, der zu einem spezifischen Befundbild als materiellem Niederschlag einer consumptionscape geführt hat (Forstenpointner/Galik/Weissengruber 2010, 357). Neben den mittlerweile standardisierten Methoden archäologischer Feldforschung gehören dazu archäometrische Provenienz- und Umweltbestimmungen genauso wie Archäobotanik, Archäozoologie und chemische Laboranalytik organischer Überreste. Von höchster Priorität ist dabei die Strategie der Spurensicherung direkt auf dem ‚Feld‘, damit die Störfaktoren (biases) bei der Spurenanalyse in ihrer Größenordnung bestimmt und einkalkuliert werden können. Die feldarchäologische Untersuchung gilt es daher nicht nur nach stratigraphischen und baulichen Gesichtspunkten auszurichten. Im Vordergrund muss genauso die Frage nach möglichen Fundvergesellschaftungen mit organischen Rückständen stehen, die keramologische Analytik mit chemischen Materialanalysen kombinierbar macht. Entsprechende Spezialisten vor Ort, die ihr Expertenwissen permanent in die Untersuchungsstrategie einbringen, sind daher unabdingbar, wenn eine bestmögliche Spurensicherung kon- und divergierender consumptionscapes in den zutage beförderten Befunden gewährleistet werden soll.

Umsetzung und Fragestellungen I (Bioarchäologie): Im abgeschlossenen Einzelprojekt "Zwischen Aphrodite-Tempel und spätarchaischem Haus I" konnte dank der Kooperation mit U. Thanheiser, G. Forstenpointner und G. Weissengruber im Bereich der Bioarchäologie eine wie oben beschriebene ‚Tatort-Archäologie‘ zur Bestimmung unterschiedlicher Consumptionscapes „zwischen Aphrodite-Tempel und spätarchaischem Haus“ schon weitgehend umgesetzt und die dazu nötige Infrastruktur für künftige Projekte eingerichtet werden (U. Thanheiser/G. Forstenpointner/G. Weissengruber in Kistler/Öhlinger 2014).

Umsetzung und Fragestellungen II (Chemische Laboranalytik): Mehr oder weniger Neuland stellt auf dem Iato dagegen die chemische Analyse von organischen Rückständen dar, um mehr über den lokalen Gebrauch von Keramiken zur Bewältigung von Alltagsaktivitäten in Erfahrung zu bringen. Daher soll über eine gezielte Beprobung und Analyse von organischen Rückständen an den Oberflächen sowie in den Poren von Scherben nicht nur ein genauerer Einblick in die Lagerung, Zubereitung und den Genuss von Lebensmittel eröffnet werden. Darüber hinaus soll in Kombination mit Untersuchungen zur monochromen Fein- und Grobware sowie im Abgleich mit den bioarchäologischen Untersuchungsergebnissen gleichfalls danach geforscht werden, in welchen materiellen Niederschlägen von consumptionscapes sich fremdkulturelle Einflüsse – und mit ihnen Kolonialität – bis in den Bereich der Ernährungs- und Essgewohnheiten zurückverfolgen lassen. Und in welchen Befunden respektive materiellen Figurationen von consumptionscapes lassen sich keine solchen kulinarischen Nachweise erbringen, bleibt also die Küche lokal und traditionell?

IV.5.1. Attisch schwarz- und rotfigurige Keramik: In den archaischen Kulturschichten im Umfeld des Aphrodite-Tempels kam eine Reihe von schwarz- und rotfigurigen Spitzenstücken aus Athen ans Tageslicht, wie sie sich in der Qualität sonst nirgendwo auf dem Iato fanden. Offenbar war die Distribution und Konsumption des Früh-Rotfigurigen aus Athen im westmediterranen Bereich sehr selektiv und – mit Ausnahme von Etrurien (Reusser 2002) – in aller Regel gekoppelt an Kultstätten und Heiligtümer mit überregionaler bzw. kolonialer Bedeutungsdimension.

IV.5.2. Metallfunde (Kooperation mit Holger Baitinger): Gerade Metallfunde können auch als konsumeristische Leitfossile erforscht werden, die für die zumeist unterschätzten Möglichkeiten biographischer ‚Knicke‘ von wertvollen Objekten sensibilisieren. Diese reichen nämlich oftmals vom prestiziösen Gastgeschenk am Ende einer langen Gabenkette über prämonetäre Symbola bis zum recycelbaren Schrott, unabhängig von ihrer primären Funktion als Waffen, Bankettgerät oder Trachtzubehör. Neben den primärfunktionellen Aspekten erlauben so gerade die Biographien von Bronzeobjekten Rückschlüsse auf regionale oder koloniale Reichweiten von Kultstätten und damit auf das machtvolle Wechselspiel zwischen Empowering und Depowering.

IV.5.3. Webgewichte, Spindeln und Nadeln (Kooperation mit Hedvig Landenius Enegren): Utensilien zur Herstellung von Textilien geben nicht nur Einblick in die technologische Konditionierung lokaler Bevölkerungsgruppen bei fremdkultureller Kontaktnahme. Über den „Stoff der Gaben“ operiert genauso die lokale Kultur und überregionale Politik des Schenkens und gegenseitigen Verpflichtens in formativen Gesellschaften, wofür die Dichtung Homers archetypisch steht (Wagner-Hasel 2000). Wie die votivartige Niederlegung von Webgewichten im Obergeschoss des spätarchaischen Hauses auf dem Monte Iato anzeigt, wurden einzelne Webgewichte als Pars-Pro-Toto-Symbole für die eminent wichtige Bedeutung des Webens stofflicher Gaben und gesellschaftlicher Banden eingesetzt (H. Landenius Enegren in Kistler/Öhlinger 2014). 

In Anlehnung an Clifford Geertz‘ „Dichter Beschreibung“ sollen möglichst alle kulturgeschichtlichen Horizonte und archäologischen Repositorien beim Aphrodite-Tempel erforscht und auf das Problem von Kolonialität/Empowering versus Lokalität/Depowering befragt werden. Dieser konsumeristische Zugang macht eine ganzheitliche Untersuchung des Kultbezirkes um den Aphrodite-Tempel nach einem gemeinsamen Dokumentations- und Analyseraster zur unabdingbaren Voraussetzung. Deshalb werden in engster Abstimmung mit dem Innsbrucker Projekt auch die archaischen Kultbauten K, M und N sowie die dazugehörigen, älteren Kulturschichten östlich des Aphrodite-Tempels durch die Zürcher Ietas Grabung unter der wissenschaftlichen Leitung von Christoph Reusser und Martin Mohr weiteren feldarchäologischen Abklärungen unterzogen (dazu bereits Reusser u.a. 2013, 74-76).

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VI MitarbeiterInnen 


Projektleiter/Principal Investigator 

Prof. Dr. E. Kistler: Erich.Kistler@uibk.ac.at


Projektassistentin/Projectassistant 

Mag.a Dr.in B. Öhlinger: Birgit.Oehlinger@uibk.ac.at


ProjektmitarbeiterInnen/Project-cooperators

S. Ludwig MA (Datenbank, Webauftritt, Restaurierung; Institut für Archäologien, Universität Innsbruck): Stephan.Ludwig@uibk.ac.at

Dr. D. Feil (Numismatik; Institut für Archäologien, Universität Innsbruck):
Dietrich.Feil@uibk.ac.at

B. Wimmer BA (Bereich I; Institut für Archäologien, Universität Innsbruck): 
Benjamin.Wimmer@student.uibk.ac.at

T. Dauth BA (Bereich IV; Institut für Archäologien, Universität Innsbruck): 
Thomas.Dauth@student.uibk.ac.at

R. Irovec BA (Bereich II; Institut für Archäologien, Universität Innsbruck): 
Ruth.Irovec@student.uibk.ac.at

Dr. Hedvig M C D Landenius Enegren (Webgewichte; University of Copenhagen, Centre for Textile Research (CTR)): hedvigenegren@gmail.com

Dr. Holger Baitinger (Bronzen; Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz):
baitinger@rgzm.de

Ao.Univ.-Prof. Dr. Ursula Thanheiser (Archäobotanik; VIAS - Vienna Institute for Archaeological Science, Universität Wien): Ursula.Thanheiser@univie.ac.at

Ao.Univ.-Prof. Dr.med.vet. Gerhard Forstenpointner (Archäozoologie; Institut für Anatomie, Histologie und Embryologie, Universität Wien): Gerhard.Forstenpointner@vetmeduni.ac.at

Ao.Univ.-Prof. Dr.med.vet. Gerald Weissengruber (Archäozoologie; Institut für Anatomie, Histologie und Embryologie, Universität Wien): Gerald.Weissengruber@vetmeduni.ac.at

Dr.med.vet. Gabriela Slepecki (Archäozoologie; Institut für Anatomie, Histologie und Embryologie, Universität Wien): Gabriela.Slepecki@vetmeduni.ac.at

Univ.-Prof. Mag. Dr. Rosa Margesin (Bodenproben; Institut für Mikrobiologie, Universität Innsbruck): Rosa.Margesin@uibk.ac.at

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