Ausblick über Innsbruck
72. Arbeitskreis Angewandte Gesprächsforschung

Multimodalität in der Anwendung

17. und 18. Mai 2024, Universität Innsbruck

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Anwendung, also die „Rückbindung empirischer Forschungsergebnisse mit den jeweiligen gesellschaftlichen Handlungsfeldern“ (Website AAG) ist ein Thema, das seit vielen Jahren intensiv im Arbeitskreis Angewandte Gesprächsforschung diskutiert wird. Hier sind in den vergangenen Jahrzehnten grundlegende Arbeiten entstanden (u.a. Brünner/Fiehler/Kindt 2002, Bendel Larcher 2018), Trainingskonzepte reflektiert (z.B. Meer/Spiegel 2009), der Einsatz von Transkripten in der Praxis diskutiert (z.B. Birkner/Stukenbrock 2009) und Kommunikationsratgeber verfasst worden (z.B. Meer 2003, Coussious et al. 2019, Sachweh 2023). Auch methodische Vorschläge zur Weiterentwicklung der Angewandten Gesprächsforschung sind in den letzten Jahren entstanden („good practice“, Brünner/Pick 2020, Bendel Larcher/Pick 2023).

Gegenstand der Anwendung sind Ergebnisse empirischer Forschung zu authentischen Gesprächen bzw. genereller authentischer Kommunikation. In der empirischen Forschung wird dabei zunehmend die grundsätzliche Multimodalität von Kommunikation in den Fokus gerückt (u.a. Fix 2008, Müller et al. 2013, 2014, Stukenbrock 2015, Klug/Stöckl 2016, Wildfeuer et al. 2020, Mondada 2021, Schmitz 2022). Das umfasst sowohl die Analyse multimodaler Ausdrucksressourcen (Gestik, Mimik, Körperhaltungen, Objektmanipulation usw.) als auch unterschiedlicher multimodaler Zeichenressourcen (neben Sprache z.B. auch Bilder, Videos, Musik) (Meer/Pick 2019). Multimodalität wird insofern nicht nur in der Gesprächsforschung diskutiert, sondern auch in anderen linguistischen Teilgebieten wie der Medienlinguistik oder der multimodalen Textlinguistik. Zwar liegen in den verschiedenen Teilgebieten zum Teil unterschiedliche (Multi-)modalitätsbegriffe zugrunde, verbindend scheint aber doch die Vorstellung, dass Sprache (mündlich wie schriftlich) nicht isoliert verwendet wird, sondern systematisch mit anderen Ausdrucks- und Zeichenressourcen kombiniert auftritt.

Demgegenüber ist Multimodalität in der Angewandten Forschung bislang wenig theoretisiert und es fehlen weitgehend Konzepte, wie empirische Ergebnisse zu multimodalen Daten in der Anwendung fruchtbar gemacht werden können. Dies gilt für die Angewandte Gesprächsforschung und in noch stärkerem Maße für die multimodale Text- und Medienlinguistik. Beim geplanten Arbeitstreffen sollen daher Fragen der Anwendung und Angewandten Forschung im Schnittfeld der genannten linguistischen Teilgebiete beleuchtet werden. Dabei soll der empirische Fokus auf multimodalen Daten liegen.

Ziel unseres Treffens ist es, auszuloten, ob und wie sich Theorien und Methoden Angewandter Gesprächsforschung auf multimodale Kommunikate und Kommunikationsprozesse beziehen lassen. Wir möchten diskutieren, ob es gelingen kann, den Gegenstandsbereich der Angewandten Forschung breiter zu denken (multimodale Gespräche, Texte, Medien, Diskurse) und möchten danach fragen, welche Potenziale und Grenzen sich für die Anwendung komplexer multimodaler Analysen zeigen.

  • Daraus ergeben sich verschiedene Fragen und Desiderate, denen wir bei unserem Treffen nachgehen möchten:
  • Welche Beispiele für Anwendung empirischer Forschung zu multimodalen Daten gibt es in den Gebieten der Gesprächs-, Text- und Medienlinguistik (z.B. Gespräche in Institutionen, Optimierung von multimodalen Texten, Leichte Sprache, Risiko- und Krisenberichterstattung, Fake News)?
  • Wer sind in den einzelnen Teilgebieten empirischer Forschung jeweils die Zielgruppen (z.B. Kommunizierende, Institutionen, interessierte Öffentlichkeit)?
  • Was sind jeweils Formen der Anwendung (z.B. Trainings, Ratgeber, Apps, Reflexionshilfen, Wissenschaftskommunikation)?
  • Welche Ziele und Ergebnisse eignen sich in einzelnen Forschungsprojekten zu multimodaler Kommunikation für die Anwendung, welche vielleicht auch weniger?
  • Ergeben sich in allen oben genannten Teilgebieten (Gesprächs-, Text-, Medienlinguistik) grundlegend die gleichen Fragen und Vorgehensweisen, wenn man sich dafür interessiert, empirische Ergebnisse in die Anwendung zu bringen?
  • Oder sollte Anwendung eher gegenstandsspezifisch oder auch modalitätsspezifisch gedacht werden, weil abhängig vom empirischen Gegenstandsbereich ganz verschiedene Theorien und Methoden der Anwendung erforderlich sind?

Wir laden Beiträge ein, die konkrete Beispiele Angewandter Forschung und praktischer Anwendung aus den verschiedenen Gebieten multimodaler Kommunikationsforschung vorstellen möchten. Wir laden aber auch Beiträge ein, die ein empirisches Forschungsprojekt zu multimodalen Daten verfolgen und auf dieser Grundlage überlegen möchten, wie eine Anwendung ihrer empirischen Forschung möglich wäre. Selbstverständlich sind auch Beiträge aus dem Kernbereich der Angewandten Gesprächsforschung wie immer sehr willkommen.

Beitragsformen und Abstracts:

Mögliche Beitragsformen sind:

  • Vorträge (20 Min.),
  • Vorträge mit Datenpräsentation (30 Min.),
  • Datensitzungen (i.d.R. 90 Min.),
  • Übungen (Vorstellen/Durchführen von Trainingsmethoden o.Ä.) (30 bis 60 Min.),
  • Berichte aus der Anwendungspraxis (15 bis 45 Min.).

Bitte schicken Sie Ihr Abstract (max. 400 Wörter plus Literaturangaben) bis zum 03.03.2024 an judith.stelter@uibk.ac.at. Bitte bei einer Beitragseinreichung auch angeben, welche Beitragsform geplant ist.

Die Einsendenden erhalten zeitnah eine Antwort. Das Programm wird Ende März bekannt gegeben. Weitere Informationen zur Tagung finden Sie auch auf https://angewandte-gespraechsforschung.de/arbeitstreffen.html

Wir freuen uns auf ein spannendes Treffen!

Carolin Dix, Judith Stelter und Ina Pick

Universität Innsbruck

Literatur

Bendel Larcher, Sylvia. 2018. Angewandte Gesprächsforschung. In Stephan Habscheid, Andreas P. Müller, Britta Thörle & Antje Wilton (eds.), Handbuch Sprache in Organisationen, 364–381. Berlin: de Gruyter.
Bendel Larcher, Sylvia & Ina Pick (eds.). 2023. Good practice in der institutionellen Kommunikation: Von der Deskription zur Bewertung in der Angewandten Gesprächsforschung. Berlin: de Gruyter.
Birkner, Karin & Anja Stukenbrock (eds.). 2009. Die Arbeit mit Transkripten in Fortbildung, Lehre und Forschung. Mannheim: Verlag für Gesprächsforschung.
Brünner, Gisela, Reinhard Fiehler & Walther Kindt (eds.). 2002. Angewandte Diskursforschung. Radolfzell: Verlag für Gesprächsforschung.
Brünner, Gisela & Ina Pick. 2020. Bewertungen sprachlichen Handelns und good practice in der Angewandten Gesprächsforschung. Methodische Vorschläge für praxisorientierte Forschung. Zeitschrift für Angewandte Linguistik 72(1). 63–98.
Coussios, Georgios, Wolfgang Imo & Lisa Korte. 2019. Sprechen mit Krebspatienten: Ein gesprächsanalytisch fundiertes Trainingshandbuch für die medizinische Aus- und Weiterbildung. Göttingen: Verlag für Gesprächsforschung.
Fix, Ulla. 2008. Nichtsprachliches als Textfaktor: Medialität, Materialität, Lokalität. ZFGL 36(3). 343–354.
Klug, Nina-Maria & Hartmut Stöckl (eds.). 2016. Handbuch Sprache im multimodalen Kontext. Berlin: de Gruyter.
Meer, Dorothee. 2003. „Dann jetz Schluss mit der Sprechstundenrallye“ – Sprechstundengespräche an der Hochschule. Hohengehren: Schneider Verlag Hohengehren.
Meer, Dorothee & Ina Pick. 2019. Einführung in die Angewandte Linguistik – Texte, Gespräche und Medienformate analysieren. Stuttgart: Metzler.
Meer, Dorothee & Carmen Spiegel (eds.). 2009. Kommunikationstrainings im Beruf: Erfahrungen mit gesprächsanalytisch fundierten Fortbildungskonzepten. Mannheim: Verlag für Gesprächsforschung.
Mondada, Lorenza. 2021. Sensing in Social Interaction. Cambridge: Cambridge University Press.
Müller, Cornelia, Alan Cienki, Ellen Fricke, Silva Ladewig, David McNeill & Jana Bressem. 2014. Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft / Handbooks of Linguistics and Communication Science (HSK) 38/2. Berlin: de Gruyter.
Müller, Cornelia, Alan Cienki, Ellen Fricke, Silva Ladewig, David McNeill & Sedinha Tessendorf (eds.). 2013. Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft / Handbooks of Linguistics and Communication Science (HSK) 38/1. Berlin: de Gruyter.
Sachweh, Svenja. 2023. „Bei uns geht‘s bunt zu, nich?“: Kommunikation in Demenz-Wohngemeinschaften. Göttingen: Verlag für Gesprächsforschung.
Schmitz, Ulrich. 2022. Kann und soll Linguistik angesichts multimodaler Kommunikation eine eigene Disziplin sein? Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie OBST (100). 11–28.
Stukenbrock, Anja. 2015. Deixis in der face-to-face-Interaktion. Berlin: de Gruyter.
Wildfeuer, Janina, Jana Pflaeging, John Bateman, Ognyan Seizov & Chiao-I Tseng (eds.). 2020. Multimodality. Berlin: de Gruyter.

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