Freitag, 22. November 2019, 9:00 – 12:30 Uhr
Leben - Vielfalt - Teilhabe

Zukunftskräfte entfesseln: ein gutes Leben für alle

Angst vor der Zukunft ist eines der prägendsten Phänomene aktueller westlicher Gesellschaften: Soziale Ungleichheiten, instabile politische und ökonomische Verhältnisse, rasante technische Entwicklungen und schwer kalkulierbare populistische Strömungen bewirken Unsicherheit. Bedrohungsszenarien, Sicherheitsdiskurse und ein Forcieren gesellschaftlicher Spaltungen gewinnen politisch an Gewicht. Die auch daraus erwachsende angstvolle Sorge lähmt: kollektiv wie individuell. Zu beobachten ist einerseits ein Rückgriff auf Vergangenes und andererseits ein Festhalten an der Gegenwart, so als wäre sie vor einer unsicheren Zukunft zu schützen oder selbst schon die denkbar beste Zukunftshoffnung.

Die Frage, wie wir möglicherweise leben werden, was auf uns gesellschaftlich und individuell zukommt, verdrängt dabei oft das Nachdenken darüber, wie wir eigentlich leben wollen. Eine Haltung, die Zukünftiges als gegeben konzipiert, entwirft den Menschen gleichzeitig als passiv und bloß reaktiv. Wir reagieren jedoch nicht nur auf eine imaginierte Zukunft, die auf uns trifft, sondern gestalten sie vielmehr heute durch unsere Vorstellungskraft maßgeblich mit. Die mittel- und langfristige Zukunft wird sich nicht einfach schicksalshaft ereignen, sondern sie wird mit unseren gegenwärtigen Vorstellungen und Entscheidungen angebahnt, vorbereitet und vorentschieden.

Vor diesem Hintergrund werden Fragen nach Zukunftsfähigkeit, gutem Leben für alle, nach Inklusion, Pluralität, Nachhaltigkeit und Möglichkeitssinnigkeit drängend: Was bedeutet Zukunft? Wann beginnt Zukunft? Wie kommt das Neue in die Welt? Welche Rolle spielen dabei Bildung und Universität?

In diesem Themenpanel wollen wir solchen und vergleichbaren Fragen nachgehen, uns über die gegenwärtige gesellschaftliche Verfasstheit und die Art ihrer Zukunftsprognosen verständigen, uns über eine wünschenswerte Zukunft austauschen und entlang ausgewählter Themen zukunftsfähige Ideen artikulieren. Dabei gilt es, die individuellen und die kollektiven Perspektiven gegeneinander abzuwägen und miteinander in Beziehung zu setzen: Wie verhalten sich individuell wünschenswerte Zukünfte zu gesamtgesellschaftlich oder sogar global wünschenswerten Zukunftsentwürfen?

Um ein Nachdenken über diese Zusammenhänge anzuregen, kombinieren wir Plenarveranstaltungen (Anmoderation/Keynotespeaker/Abschlusspodium) mit kleineren Impulsvorträgen und interaktiven Workshops (Thementische mit je einem Impulsbeitrag und aktivierender Moderation).

Programm

9:00 - 09:20 Uhr

Eröffnung und Einführung in das Thema des Halbtages durch das Panelteam (Heimerdinger/Kraml/Ralser)

9:20 - 10:00 Uhr

Keynote Isolde Charim - Zukunftskräfte entfesseln: ein gutes Leben für alle

Isolde Charim, geboren in Wien, Studium der Philosophie in Wien und Berlin, arbeitet als freie Publizistin und ständige Kolumnistin der "taz" und des "Falter". 2006 erhielt sie den Publizistik-Preis der Stadt Wien. Seit 2007 ist sie wissenschaftliche Kuratorin am Bruno Kreisky Forum. Bücher u.a.: "Lebensmodell Diaspora. Über moderne Nomaden" (Hrsg. gem. mit Gertraud Auer 2012). Bei Zsolnay erschien im Frühjahr 2018 der Band "Ich und die Anderen. Wie die neue Pluralisierung uns alle verändert", für den sie den Philosophischen Buchpreis 2018 erhält.

10:0 0- 10:30 Uhr

Pause / Raumwechsel / Ziehung der Platzkarten

10:30 - 11:50 Uhr

In die Zukunft denken:  An acht Thementischen diskutieren wir gemeinsam wichtige Zukunftsfragen. Es stehen zur Wahl:

 

Maria Anna Juen/Abdullah Takim
Wettbewerb um das Gute: Welchen Beitrag können Religionen für ein gutes Zusammenleben in pluralen Gesellschaften leisten?

Religionen sind kein Selbstzweck und zeigen Wege und Möglichkeiten für ein friedliches Zusammenleben. Zu ihren wesentlichen Aufgaben gehört es deswegen, sich für das Gemeinwohl aus unterschiedlichen Beweggründen zu engagieren und ihre unterschiedlichen Perspektiven in der Bewältigung der großen Zukunftsfragen einzubringen. Welche Beiträge und Potentiale Religionen in diesem Kontext in Gegenwart und Zukunft für das gute Zusammenleben in pluralen Gesellschaften einbringen können, soll im Rahmen dieses Thementisches diskutiert werden.

 

Erol Yildiz
Mehrheimisch vor Ort?

Dass Menschen gleichzeitig mit und in verschiedenen Kulturen, Loyalitäten, Biographien, Sprachen und Lokalitäten beheimatet sein können, erweist sich als eine gelebte, unspektakuläre Alltagspraxis. Immer weniger Menschen verbringen ihr ganzes Leben an ein und demselben Ort, viele haben, über Ländergrenzen hinweg, ihren Wohnsitz mehrmals gewechselt. Dies alles gehört zum alltäglichen Leben und wird erst auf den zweiten Blick erkennbar: wenn Lebensgeschichten erzählt und reflektiert werden.  Vieles, was wir heute als national oder homogen wahrnehmen, ist ein Ergebnis von Vermischung und Übersetzung, ein Teil verflochtener Geschichten. Innsbruck ist in dieser Hinsicht ein gutes Beispiel: Im künstlerischen Schaffen, bei Musik-, Literatur- und Kulturveranstaltungen und in alltäglicher Vielheit finden sich diverse Aspekte historisch gewachsener Erfahrungen, Bindungen und Verbindungen – eine Art Kosmopolitisierung von unten. Sind wir alle mehrheimisch geworden? Braucht Innsbruck eine Charta der Vielheit?

 

Anne Siegetsleitner
Wer pflegt uns morgen? Roboter?

Beschreibung: Für den Pflegebereich wird davon ausgegangen, dass in den kommenden Jahren verstärkt Roboter zum Einsatz kommen. Schon heute wird an entsprechenden Robotern geforscht und einige sind bereits im Einsatz. Manche von ihnen sind Tieren oder Menschen nachgebildet. Doch ist das die Lösung des sogenannten Pflegeproblems, die wir wollen? Was können Roboter in der Pflege leisten und was nicht? Es werden auch unsere Entscheidungen sein, die die Zukunft in diesem Bereich mitgestalten.

 

Andreas Exenberger
Ein gutes Leben für alle bedeutet Balance: Wie garantieren wir eine faire Verteilung?

Wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Forschung macht klar, dass zu viel Ungleichheit einer Gesellschaft in vielerlei Hinsicht schadet, jedoch auch totale Gleichheit Leistungsanreize untergräbt. Vielmehr ist eine Balance wichtig, um das gute Leben für alle möglich zu machen, sodass weder die planetaren Grenzen gesprengt, noch Menschen abgehängt werden. Ausgehend davon wird sich der Thementisch der Frage widmen, wie unsere Gesellschaft organisiert sein muss, um einen fairen Ausgleich dauerhaft zu garantieren.

 

Thomas Hoffmann, Lisa Pfahl
Barrieren der Zukunft und die Zukunft der Barrierefreiheit

Barrieren begegnen uns an unterschiedlichen Orten, bei unterschiedlichen Personen und in unterschiedlichen Lebenszusammenhängen. Wo Menschen dauerhaft in ihren Alltagsmöglichkeiten eingeschränkt sind, werden Barrieren zur Behinderung. Etwa 26.500 Menschen in Innsbruck (rund 20%) leben in diesem Sinne mit einer Behinderung. Mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit für eine solche Behinderung aufgrund gesundheitlicher Beeinträchtigungen massiv an. Gesellschaftliche und medizinisch-technische Fortschritte sind in der Regel wichtige Voraussetzungen für den Abbau von Barrieren. Doch mit neuen technischen Möglichkeiten entstehen oft auch neue gesellschaftliche Normen und Fähigkeitserwartungen, die ihrerseits zu Barrieren werden können, bestimmte Personengruppen ausschließen oder an den Rand drängen und damit auf Dauer neue Behinderungen hervorbringen. Wie lassen sich Barrieren im Alltagsleben abbauen und minimieren? Wie können Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft möglichst frühzeitig für die Entstehung neuer Barrieren sensibilisiert werden?

 

Bernhard Weicht
Alter und Abhängigkeit: die Zukunft des guten Lebens 

Wie geht es mir, wenn ich alt bin? Wer betreut oder pflegt mich dann? Alter und Pflegebedürftigkeit stellen Herausforderungen an uns als Individuen, aber auch an unsere Gesellschaft. Körperliche und geistige Einschränkungen, Abhängigkeiten von anderen, oder ein Leben in Institutionen kennzeichnen dabei viele Vorstellungen und Ängste. Abhängig zu sein von der Sorge anderer verhindert dabei oft das gute Leben im Alter. Doch inwiefern sind Abhängigkeiten wirklich nur negativ? Sind nicht alle Menschen zu den unterschiedlichsten Zeitpunkten im Leben mehr oder weniger abhängig voneinander? Im Rahmen dieses Thementisches wollen wir die oft ideologisch verfestigten Dichotomien von alt/jung, abhängig/unabhängig, oder aktiv/passiv aufbrechen, um so über ein gutes Leben in Beziehungen und Wechselwirkung mit anderen nachzudenken.

 

Christian Bauer (Universität Innsbruck), Christoph Grud (Die Bäckerei), Florian Ladstätter (Die Bäckerei)
Woher nimmst Du Deine Kraft? Auf ein Bier mit der Praktischen Theologie und der Kulturbackstube

Spiritualitäten entfesseln: für ein gutes Leben! – Praktische Theologie und die Kulturbackstube DIE BÄCKEREI verbindet (mindestens) eine Frage: Was sind spirituelle Ressourcen für soziale Innovationen? Der Workshop sucht nach den Quellen entsprechender Zukunftskräfte: Was ist mein innerer Antrieb? Welcher spirit leitet mich? Wovon lebe ich eigentlich und wofür?

 

Ursula Schneider (Universität Innsbruck/Brenner Archiv)
Formen des Zusammenlebens

"Niemand zwingt dich, die Tradition fortzuführen. Auch Traditionen dauern nicht ewig. Sie fangen einmal an, Traditionen zu werden, und hören einmal auf, es zu sein." (Barbara Frischmuth) 

In unserer Geschichte gab es immer Formen des Zusammenlebens, die der Tradition nicht entsprachen, doch in den letzten 50 Jahren haben sich die gesellschaftlich akzeptierten Möglichkeiten für uns alle enorm vergrößert. Das betrifft Partnerschafts-Modelle, aber auch jede andere Form des Zusammen-Lebens. Sogar innerhalb eines einzigen Lebens gibt es unterschiedliche Bedürfnisse betreffend die Form der täglichen Realisierung von Liebe und Gemeinschaft, denkt man nur an die verschiedenen Lebensalter. Die Wahl einer Form des Zusammen-Lebens ist immer ein persönliches Wagnis. Anhand von ausgewählten kurzen Texten der österreichischen Autorin Barbara Frischmuth spielen wir gedanklich mit "Mystifikationen", "Metamorphosen" und "Modellen" - welche Bedürfnisse wollen wir in Formen des Zusammen-Lebens berücksichtigt wissen - privat und politisch?

 

12.00 - 12.25 Uhr

Podium der Sektionsmoderator*innen

Ziel: Aufnahme der Ideen aus den Thementischen/Zusammenfassung der Diskussion

Abschluss. Schlussworte des Panelteams

 

Kurator*innen:

kraml

Martina Kraml ist Universitätsprofessorin für Religionspädagogik an der Theologischen Fakultät sowie Studiendekanin an der Fakultät für LehrerInnenbildung. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich der Interreligiösen Bildung und Religionspädagogik, qualitativer empirischer Methodologie mit besonderer Aufmerksamkeit auf das Kontingenzparadigma.

ralser

Michaela Ralser, Universitätsprofessorin am Institut für Erziehungswissenschaft und  Dekanin der Fakultät für Bildungswissenschaften. Ihre Forschungsschwerpunkte sind:  Wissenschaftsgeschichte und Subjektbildung, Struktur- und Diskursgeschichte öffentlicher Erziehung, Kritische Geschlechter- und Sozialforschung in intersektionaler Perspektive. Zuletzt befasste sie sich u.a. mit den Regimen der Fürsorge in der historischen Heimerziehung der Wohlfahrtsregion Tirol & Vorarlberg.

heimerdinger

Timo Heimerdinger, Professor für Europäische Ethnologie am Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie der Universität Innsbruck. Studium der Fächer Volkskunde, Neuere Deutsche Literaturgeschichte und Deutsche Philologie an den Universitäten Freiburg i. Br. und Pisa, M.A. 1999, Promotion zum Dr. phil. 2004, dann Juniorprofessur für Kulturanthropologie / Volkskunde an der Universität Mainz, seit Oktober 2009 an der Universität Innsbruck tätig, seit 2015 Leiter des Forschungsschwerpunktes “Kulturelle Begegnungen – Kulturelle Konflikte”.

 

zurück zur Übersicht

Nach oben scrollen