Echt wahr

subject_02: Wahrheit | Was ist in Zeiten von „Fake News“ eigentlich wahr? Vertreterinnen und Vertreter von fünf Disziplinen erzählen über das Wesen der Wissenschaft – und, warum der Wahrheitsbegriff zu kurz greift.

Abgeschottet von der Wirklichkeit unablässig auf der Suche nach der einen, echten Wahrheit, dabei keine Ahnung von den „Menschen draußen“ und in ihren Erkenntnissen wankelmütig: Dieses wenig schmeichelhafte Bild von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern greift wieder um sich, nicht erst, seit Donald Trump bei jeder Gelegenheit „Fake News“ in die Mikrofone brüllt und Wissenschafts­skepsis auf höchster Ebene in Mode gekommen ist. Nun: Dass Erkenntnisse umgeworfen werden, ist das Wesen der Wissenschaft – und was ist „Wahrheit“ überhaupt? Wir haben fünf Forscherinnen und Forscher nach ihren Zugängen zu ihrer Arbeit befragt: Eine Pharmazeutin, eine Anglistin, ein Theologe, ein Statistiker und eine Medienwissenschaftlerin erzählen Geschichten aus dem Forschungsalltag.

„Optimaler Wirkstoff zur Heilung von Asthma gefunden“: So oder ähnlich hätte der Titel einer Boulevardzeitung zu einem Forschungserfolg der Pharmazeutin Daniela Schuster lauten können. Ganz so einfach ist es in den Naturwissenschaften aber leider nicht: Auch wenn die Pharmazeutin einen neuen Wirkstoff-Kandidaten identifiziert hat, der gute Eigenschaften für die Wirkung an medizinisch relevanten Zielproteinen für Asthma und Entzündung zeigt, wäre diese Aussage viel zu verkürzt.

Mithilfe von dreidimensionalen Computermodellen scannt Daniela Schuster potenzielle Wirkstoffe oder Chemikalien, um deren Wirkung im menschlichen Körper vorherzusagen.

Daniela Schuster erklärt das Schlüssel-Schloss-Prinzip.

„Auch wenn unsere Modelle kein Blick in die Kristallkugel sind, den Anspruch auf absolute Wahrheit haben wir nicht“, so die Pharmazeutin, die im März 2017 zur Ingeborg-Hochmair-Professorin am Institut für Pharmazie der Uni Innsbruck berufen wurde. „Im menschlichen Körper gibt es derzeit rund 500 bekannte Zielproteine für medizinische Wirkstoffe; deren Wirkungen und Wechselwirkungen sind zum Teil noch nicht oder nicht umfassend verstanden. Man kann sich also vorstellen, dass unsere Forschungsarbeit nie wirklich fertig ist.“ Als Beispiel nennt die Wissenschaftlerin den Wirkstoff Diflapolin, der von ihrer Forschungsgruppe zum Patent angemeldet wurde.

Einer aus über 200.000

Mithilfe zweier von ihrem Team entworfenen, dreidimensionalen Pharmakophormodelle für zwei verschiedene Targets hat Daniela Schuster eine Chemikalien-Datenbank mit 202.920 Wirkstoff-Kandidaten gescannt. „Da in modernen Therapieansätzen mittlerweile oft zwei Targets – also Zielmoleküle im Körper, die den Krankheitsverlauf beeinflussen können – angesteuert werden, haben wir mithilfe zweier von einander unabhängigen Modelle Targets getestet, die in der Entzündungskaskade, vor allem im Zusammenhang mit Asthma, eine Rolle spielen“, erläutert die Pharmazeutin. Diese Tests haben sieben passende Kandidaten geliefert. „In den anschließend durchgeführten In-vitro- und In-vivo-Tests zeigten zwei dieser Chemikalien Aktivitäten an beiden Targets; eine davon so gute, dass wir es mittlerweile zum Patent angemeldet haben.“

Warum – auch wenn der Wirkstoff vielversprechende Eigenschaften zeigt – nicht von „optimal“ und „Heilung“ gesprochen werden kann, erklärt Daniela Schuster so: „Um den Wirkstoff als Medikament einsetzen zu können, sind noch viele weitere Schritte nötig. Wir müssen die Substanz modifizieren, zum Beispiel muss die Wasserlöslichkeit verbessert werden, um den Stoff oral verfügbar zu machen. Der beste Wirkstoff bringt nämlich nichts, wenn er nicht an den Ort seiner Wirkung kommen kann. Aber auch wenn das gelingt, sind umfassende Tests zur Medikamenten­zulassung nötig, bis der Wirkstoff schließlich als Tablette am Markt landet. Und selbst dann wissen wir nicht, ob wir nicht in einer anderen Datenbank einen viel besseren Wirkstoff gefunden hätten, der noch größere Aktivität zeigt oder auch, ob ein anderes Target für die Behandlung dieser Erkrankung viel besser geeignet wäre.“

Dennoch ist für die Wissenschaftlerin jedes Forschungs­ergebnis ein Schritt in Richtung Wahrheit: „Jede Erkenntnis in unserem Forschungsprozesses hilft uns, ein Puzzleteil hinzuzufügen und unsere Methoden zu verbessern. Am Ende bleibt es aber wahrscheinlich immer ein Prozess, der nie abgeschlossen ist.“

Nie abgeschlossen: Das hat Forschung in den Natur- und den Geisteswissenschaften gemeinsam. Da wie dort steht die Suche nach Neuem im Vordergrund, Erkenntnisse dienen als Ausgangspunkt für weitere Fragen.

Wahre Worte?

Ein Buch unter dem Arm tragen, lesend auf den Bus warten oder sich am Strand liegend in eine andere Welt verführen lassen – Literatur begleitet Menschen in allen Lebenssituationen. Auch die Anglistin Sibylle Baumbach liebt Bücher – nur sieht sie diese auch aus der Perspektive der Wissenschaft. Als Professorin am Institut für Anglistik ist etwa Shakespeare ihr täglicher Begleiter. Hunderte Jahre alte Texte werden noch immer wissenschaftlich durchleuchtet und auf neue Lesarten untersucht. „Die Literatur ermöglicht uns viele Zugänge zu unterschiedlichen Welten“, erläutert Baumbach. „Zum einen geben uns Texte Einblicke in Denk- und Sichtweisen der Zeit, in der sie entstanden sind. Zum anderen erhalten wir durch literarische Texte immer neue Perspektiven auf die Welt, in der wir leben: sie halten uns gewissermaßen den Spiegel vor, hinterfragen vermeintliche ‚Wahrheiten’ und bieten neue Perspektiven auf unsere Lebenswelt.“ Dies gilt auch für Shakespeares Dramen. So werden in Stücken wie „Othello“ oder „Der Kaufmann von Venedig“ Konstruktionen des ‚Eigenen’ und ‚Anderen’ kritisch verhandelt. Zugleich erinnern uns Shakespeares Stücke an die Tatsache, dass wir in einem großen Welttheater leben, in dem wir unterschiedliche Rollen spielen. So heißt es in „Wie es euch gefällt“ (“As You Like It”):

All the world's a stage,
And all the men and women merely players,
They have their exits and their entrances,
And one man in his time plays many parts.

Shakespeare, “As You Like It”

Das Bild der Weltbühne verweist darauf, dass unterschiedliche Welten und Wahrheiten, in denen wir leben, konstruiert sind – durch die Menschen, die in ihnen leben, deren Handlungen, aber auch vor allem durch Sprache. Sprache erschafft ganze Welten und die Literatur führt uns nicht zuletzt auch diese Macht von Sprache vor Augen.

Kein Ende in Sicht

Die Wahrheit eines Textes zu finden ist nicht primäres Ziel der Literaturwissenschaft. „Wahrheit ist ein schwieriger Begriff. Die einzig wahre Interpretation eines Textes gibt es nicht“, betont Baumbach. Jeder Text bietet ein Potenzial an unterschiedlichen Deutungsmöglichkeiten, die auch bedingt sind durch die kulturellen und historischen Zusammenhänge, in denen ein Text entsteht und in denen ein Text gelesen wird. George Orwells „1984“ zum Beispiel hat jüngst, gut 70 Jahre nach der Erstveröffentlichung, wieder die Bestsellerlisten erstürmt – in einer Zeit, in der von „Fake News“ und „Alternative Facts“ gesprochen wird, ist Orwells dystopischer Roman, in dem Wahrheit das ist, was die Machthaber als solche definieren, wieder hochaktuell. Gerade die Literatur bietet uns Wahrheiten, die jetzt wieder brisant werden und die wir neu entdecken müssen.

„Die Literaturwissenschaft sucht jedoch nicht nach Wahrheit, sondern eröffnet Deutungsmöglichkeiten, die uns helfen, Werke und vergangene sowie aktuelle Welten zu verstehen“, sagt Baumbach. Hierin besteht zugleich der Reiz der Wissenschaft.

„Gerade das Nicht-fertig-Werden und das Entdecken immer neuer Dimensionen ist ein unglaublich spannender Prozess, auch wenn es oft schwierig und langwierig ist, zu einem Ergebnis zu kommen.“

Sibylle Baumbach

Im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, aber auch mit Studierenden, werden Thesen erörtert, geprüft, verworfen oder gefestigt. Das Gefühl, je eine Fragestellung erschöpfend beantwortet zu haben, stellt sich bei der Wissenschaftlerin jedoch nie ein: „Es gibt einen Punkt, an dem man die aktuelle Forschung zu einem bestimmten Thema gesichtet, die kulturhistorischen Zusammenhänge recherchiert und den Text sehr genau analysiert hat. Dann erst fühlt man sich bereit für eine Publikation.“ Abgeschlossen ist der Prozess zu neuer wissenschaftlicher Erkenntnis aber dann noch lange nicht: „Das wäre ja schade!“ Als Teilergebnis auf dem Weg zu einem großen Ganzen sieht Baumbach ihre Ergebnisse, die weiterhin Grundlage von neuen Fragestellungen sein werden.

„Wissenschaft ist viel von Zufällen getrieben.“

Sibylle Baumbach

Häufig sei auch die Entwicklung von Themen, an denen man arbeitet, schwer nachzuvollziehen. „Der Deutungsprozess ist nie am Ende, sonst wäre der Beruf auch nicht so spannend. Auch für uns bleibt es immer noch ein Lernprozess, in dessen Verlauf wir stets Neues entdecken.“

Auf der Suche nach guten Gründen

„Ich glaube, das geht völlig schief“, sagt der Theologe Roman Siebenrock, der gerade von einer dreiwöchigen USA-Reise zurückgekehrt ist. „Die Menschen dort glauben, dass ihnen das Leben abgenommen wird.“ In dieser Haltung, gepaart mit einer nach rückwärts projizierten Illusion eines heilen Amerikas, begründet sich für ihn der Populismus. Dem tritt der Theologe mit entschiedener Skepsis entgegen:

„Trau keinem, der dir den Himmel auf Erden verspricht, es wird die Hölle sein!“

Roman Siebenrock

Und wenn Donald Trump sagt, er wurde von Barack Obama abgehört und der inzwischen entlassene FBI-Chef erklärt, dass es keine Evidenz dafür gibt, dann muss Trump gute Begründungen liefern, die außerhalb seines eigenen Behauptungssystems liegen. „Sonst lügt er oder setzt unhaltbare Behauptungen in die Welt“, sagt Siebenrock. Doch derzeit scheinen sich die Menschen schwerzutun, zwischen Meinung und Wahrheit zu unterscheiden, weil in einer hochkomplexen und vernetzten Weltgesellschaft einerseits scheinbar alles als möglich erscheint und gleichzeitig alles unter Verdacht gestellt werden kann.

Kritische Reflexion

Wissen bedarf einer Überzeugung, verlangt aber auch nach Rechtfertigungsgründen und gemeinsamen Prüfungskriterien. Deshalb begründet Wissenschaft ihre Aussagen methodisch nachvollziehbar und von jedem prüfbar. Für Roman Siebenrock gehört immer auch eine Form von Empirie und Erfahrung dazu. In den Naturwissenschaften ist dies die Messbarkeit. Auch die Sozial- und Humanwissenschaften können mit Empirie arbeiten, aber nicht alles lässt sich messen. „Ich kann verschiedene Dinge messen und daraus schließen, dieser Mensch hat Zahnweh. Aber Zahnweh kann ich nicht messen. Insofern gibt es Bereiche der Wirklichkeit, die sich der Messbarkeit entziehen“, sagt Siebenrock.

Auch die Theologie, als die wissenschaftliche Beschäftigung mit konkret gelebter Religion, hat oft keine harten empirischen Kriterien. Sie muss für ihre Überzeugungen Gründe anführen, die von anderen geprüft und prinzipiell widerlegt werden können. Deshalb lernen die Studierenden auch religionskritische Argumente kennen und prüfen. „Das kann dazu führen, dass Menschen existentiell in die Krise geraten. Es gehört zum Projekt der Theologie, dass Menschen im Prozess der Reflexion zweifeln oder auch den Glauben verlieren.“ Diese Form von Überprüfbarkeit und kritischer Reflexion muss auch existentiell sein und kann so den Menschen, aber auch die Gesellschaft verändern.

Dass dies für die Wissenschaft allgemein gilt, zeigt Siebenrock am Beispiel Albert Einstein. Dieser war fest davon überzeugt, dass „der Alte nicht würfelt“ und wollte die von der Quantentheorie proklamierte Unschärfe nicht als endgültige Erkenntnis akzeptieren. So hat er sein ganzes Leben lang versucht, eine andere Theorie zu finden. „Und da merkt man, dass auch in der Naturwissenschaft lebensweltliche Vorbedingungen teilweise eine erhebliche Rolle spielen“, betont Siebenrock. „Auch die Naturwissenschaft hat eine bestimmte Perspektive auf die Welt.“

Suche nach gemeinsamen Wahrheiten

Diese Perspektive bedeutet aber nicht, dass man einfach alles Mögliche behaupten kann. „Das Wörtchen Wahrheit funktioniert nicht nach dem Motto: Ich behaupte, also trifft es zu. Sondern: Ich habe eine Überzeugung, ich muss dafür Gründe liefern, die ihnen einsichtig sind und danach können wir von einer gemeinsamen Wahrheit sprechen.“ Diese Gründe müssen immer so sein, dass sie außerhalb des Überzeugungssystems von demjenigen liegen, der etwas behauptet. Und dafür sind Übersetzungsleistungen notwendig, die Überzeugungen in eine Sprache und in einen Erfahrungszusammenhang bringen, die für alle Menschen nachvollziehbar und verständlich sind. Roman Siebenrock erläutert das an einem Beispiel des Philosophen Jürgen Habermas: „In vielen Religionen wird der Mensch als Ebenbild Gottes angesehen, in der Neuzeit wandelt sich diese Vorstellung in den Grundsatz von der Unantastbarkeit der Menschenwürde. „Solche Übersetzungsleistungen zu liefern, das ist auch eine der Aufgaben der Theologie“, betont Siebenrock.

Die große Transformation der Gegenwart

Angetrieben von der theoretischen Neugier des Menschen ist seit 200 Jahren eine Transformation der menschlichen Lebensbedingungen am Werk, wie es sie seit der Sesshaftwerdung vor 10.000 Jahren nicht mehr gegeben hat.

„Es kann sein, dass das Experiment Mensch schlecht ausgeht, denn wir sind heute in der Lage, auch uns selbst zu vernichten.“

Roman Siebenrock

„Aber damit muss man umgehen. Hier muss die Wissenschaft ehrlich sagen: Wir verzeichnen viele Erfolge, aber wir können euch kein Paradies versprechen. Und wer in der Vergangenheit das Paradies auf Erden versprochen hat, der hat die Hölle angerichtet“, sagt Siebenrock. Insofern lebt der Mensch mit einer gewissen Unsicherheit.

Der Theologe plädiert, gerade weil er von einer großen Hoffnung als Christ bewegt wird, für einen entschiedenen, aber selbstkritischen Humanismus als gemeinsame Lebensform in einer pluralistischen Gesellschaft. Dabei soll der Mensch die letzte Hoffnung nicht auf sich selbst setzen, sondern kann auf eine andere Wirklichkeit ‚setzen‘. „Man kann die Welt zerstören, wenn man von ihr den Himmel erwartet. Wer seine letzte Hoffnung nicht auf diese Welt setzt, wer weiß, dass er abtreten muss, dass er auch alles einmal loslassen muss, der kann in einer ganz neuen Weise, das was er hier hat, schätzen.“

Als Intellektueller hat man seiner Ansicht nach letzten Endes nur die Mittel der Rede, der Argumente und eines guten Beispiels. Insofern ist die Wissenschaft in ihrer Überzeugungsarbeit schwach, weil sie auf die Einsicht der Menschen hoffen muss. Diese Kultur zu prägen, liegt aber auch in der Verantwortung der Wissenschaft. Sie muss die Menschen dazu ermutigen, bei aller Vorläufigkeit dem Denken zu trauen. „Das ist immer die bessere Orientierung, als irgendwelchen Parolen nachzulaufen“, zeigt sich Siebenrock zuversichtlich.

Der Statistiker Achim Zeileis berechnet alle zwei Jahre den wahrscheinlichsten Gewinner der jeweiligen Fußball-Europa- oder -Weltmeisterschaft, arbeitet gemeinsam mit den hiesigen Meteorologen an unterschiedlichen Projekten zur Wettervorhersage und hilft, den Baumbestand in tropischen Regenwäldern automatisiert zu erfassen. Als Statistiker verwendet er mathematische Methoden, da liegt der Schluss nahe, dass jemand, der mit dieser vermeintlich exakten Disziplin vertraut ist, auch dem Begriff der Wahrheit einiges abgewinnen könnte. Weit gefehlt.

Kategorie Wahrheit

„Wahrheit ist in meiner Arbeit eigentlich keine Kategorie, in der ich meine Ergebnisse messe. Da müsste es etwas Absolutes geben, das Zeit und Raum und alle Veränderungen überdauert. Und mein statistisches Modell oder meine Theorie müsste ich dann unendlich lange testen können, um zu wissen, dass sie auch wirklich dem allen Stand hält“, sagt Achim Zeileis. Der Statistiker beschäftigt sich qua Beruf lieber mit Wahrscheinlichkeiten: Wie wahrscheinlich regnet es morgen zu Mittag, welche Mannschaft gewinnt mit welchen Chancen die Fußball-Weltmeisterschaft? Das heißt nicht, dass Präzision keine Rolle spielt, ganz im Gegenteil: „Es geht darum, mit den vorhandenen Informationen so präzise wie möglich zu sein und diese Präzision auch zu beziffern. Wie groß sind denn die Fehler, die ich mache? Und das möchte ich dann auch an der Wirklichkeit abschätzen können. Solang ich die Fehlergröße richtig einschätze, kann ich mit dem Modell arbeiten. Was nicht heißt, dass nicht jemand das Modell noch verbessert.“ Etwa: Wenn Achim Zeileis‘ Wettermodell sagt, morgen Mittag wird es in Innsbruck mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit zwischen 14 und 18 Grad Celsius warm sein, heißt das nicht, dass nicht jemand mit einem besseren Modell das Intervall bei gleicher Sicherheit von 95 Prozent auf eine Spanne zwischen 15 und 17 Grad verkürzt.

Statistik als Beruf

Seine Arbeit als Statistiker umfasst grob drei Phasen, wie Achim Zeileis erklärt: „Das eine ist die Entwicklung von statistischen Methoden, eine eher mathematische Angelegenheit. Am anderen Ende ist die Anwendung auf praktische Fragestellungen, meistens in Kooperation mit anderen Forschern, und dazwischen – das liegt mir persönlich sehr – ist die Umsetzung von mathematischen Methoden in Software, die überhaupt die Anwendung auf größere Datenmengen von anderen Forscherinnen und Forschern ermöglicht.“ Diese drei Phasen sind verwoben, verwenden aber unterschiedliche Methoden aus verwandten Disziplinen, angefangen bei der Mathematik für die Entwicklung statistischer Methoden über die Informatik und ihre Konventionen bei der Umsetzung in Software bis hin zu empirischen Methoden bei der praktischen Anwendung der Modelle. „Die Methoden, die bei der Anwendung zum Einsatz kommen, hängen natürlich von der Art der Daten und der Wissenschaftsdisziplin unserer Partner ab.“

„Im weitesten Sinn geht es in der Statistik darum, Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen.“

Achim Zeileis

Neben ihrem Einsatz bei Prognoseproblemen – die erwähnten Modelle für Wettervorhersagen etwa – spielt die Statistik bei der Überprüfung von Hypothesen eine wichtige Rolle. „Im weitesten Sinn geht es in der Statistik darum, Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen. Die Statistik versucht, bei begrenzten Informationen, konkurrierende Risiken gegeneinander abzuwägen und sich für etwas mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit zu entscheiden. Ein klassisches Beispiel für einen Hypothesentest wäre etwa die Wirksamkeit eines Medikaments: Ich habe ein neues Medikament, ein bisheriges und ein Placebo und die Hypothese ist, das neue Medikament ist besser als das alte. Oder eben nicht, ich muss also eine Entscheidung zwischen den beiden treffen und zur Kontrolle gibt es einen Versuch mit Placebos. Ich mache das dann auf Basis empirischer Daten und kann die dabei möglichen Fehler gegeneinander abschätzen“, erklärt der Statistiker. Und selbst nach diesem Test gibt es Raum für Unsicherheiten: „Wenn ich sage, das neue Medikament ist besser als das alte, habe ich noch nicht gesagt, um wie viel genau. Da können dann Folgestudien, wenn sie grundsätzlich diese Entscheidung bestätigen, sagen, der Effekt ist aber viel größer oder viel kleiner, für Männer ist er größer als für Frauen, das Körpergewicht spielt eine überdurchschnittliche Rolle und so weiter.“

Gegen die Skepsis

Gerade die Medizin und verwandte Felder sind anfällig für übertriebene Panik- oder Erfolgsmeldungen: Wenn Kaffee zum Beispiel gleichzeitig als krebserregend und unbedenklich gilt, je nachdem, welche Medien man zu welchem Zeitpunkt konsultiert. „Zwei vermeintlich widersprüchliche Schlagzeilen sind vielleicht gar nicht so extrem widersprüchlich, wenn man die dazugehörigen Artikel gelesen hat“, sagt Achim Zeileis. Darauf nicht grundsätzlich mit Wissenschaftsskepsis zu reagieren, dabei sieht der Forscher jeden einzelnen und jede einzelne in der Pflicht. „Wichtig ist es zu verstehen, dass man empirisch überprüftes Wissen sinnvoll einsetzen kann, auch wenn es nicht zu hundert Prozent ‚fertig‘ ist und wahrscheinlich auch nie ‚fertig’ sein wird. Dass sich solches Wissen noch verändern kann, ist nicht auf dem gleichen Level mit ‚Ich denk mir meine eigene Wahrheit aus und das hat exakt den gleichen Stellenwert‘. Den hätte es nur, wenn man das auch empirisch abprüfte. Da sind viele sogenannte Skeptiker allerdings sehr viel robuster dabei, die Wirklichkeit zu ignorieren. Aber das sind Einzelfälle.“ Expertinnen und Experten beschäftigen sich jahrelang mit ihren Feldern: „Nicht bei jedem Thema wird man als Konsument mit der gleichen Aufmerksamkeit dabei sein können, und das verlangt auch niemand. Es gibt ja viele Dinge, die viele von uns nicht können und trotzdem funktioniert unsere Gesellschaft. Aber gerade deshalb ist es wichtig, Experten zu haben, Forscherinnen und Forscher, die sich genau in einem Thema gut auskennen, damit nicht jeder von uns Experte für alles sein muss.“

Auch für die Medienwissenschaftlerin Petra Missomelius ist „Wahrheit“ aus mehreren Gründen kein Begriff, mit dem sie arbeitet – zumindest nicht als vermeintlichen Anspruch. Denn gerade in der Medienwissenschaft ist der Umgang mit „Wahrheit“ oder auch „Realität“ eine zentrale Grundlage der wissenschaftlichen Annäherung an mediale Themenbereiche. Die Medienwissenschaftlerin und Medienpädagogin beschäftigt sich am neu gegründeten Institut für Medien, Gesellschaft und Kommunikation der Uni Innsbruck intensiv mit Fragen zu Abbildungen von Realität – und welchen Einfluss beispielsweise die Form in der medialen Berichterstattung nimmt. Im Gespräch erzählt Petra Missomelius, dass in den Medienwissenschaften daher vielmehr von einem „medialen Wirklichkeitseindruck“ die Rede sei:

Petra Missomelius zum „medialen Wirklichkeitseindruck“.

Die Bedingungen der medialen Produktion, ihre Weiter- und Wiedergabe beeinflussen also das Gezeigte. Die fortschreitende Digitalisierung fast aller unserer Lebensbereiche hat die Fragen nach „wahr“ und „falsch“ sogar nochmals virulenter gemacht. Petra Missomelius beschäftigt sich seit ihrer Studienzeit vor allem mit digitalen Medienkulturen. Ihr Fokus liegt dabei nicht nur auf technischen Aspekten, sondern vor allem auf der Frage, wie sich unser Weltbild und Selbstbild durch Digitalität verändern. Mit Stichworten wie Hasspostings oder „Fake News“ hat die Form der Beeinflussung vor allem des öffentlichen Diskurses nochmals eine neue oder zusätzliche Dimension und Dringlichkeit erreicht – und auch Schattenseiten etwa der sozialen Medien zutage befördert. Um diesen zu begegnen, sieht Missomelius vor allem den Bildungsbereich in der Verantwortung. „Gerade Kinder und Jugendliche sollten hier stärker im Hinblick auf Kritikfähigkeit sowie Medien- und Kommunikationsanalyse unterstützt werden“, ist die Forscherin überzeugt. Hier sieht Missomelius vielfältige Ansatzmöglichkeiten:

Petra Missomelius zu Ansätzen in der Bildung.

Ein Artikel in einer Fachzeitschrift, ein Kommentar zu einem aktuellen Thema oder auch das Gespräch im Rahmen der Gestaltung dieses Formats, des subject: Missomelius sieht ihre Aussagen immer als Abbild ihres momentanen Kenntnisstandes, der sich stets weiterentwickelt und auch immer wieder verändert. „Heureka“-Momente sind hier keine dabei, sondern eher Zufriedenheit mit dem Ergebnis und der gewählten Herangehensweise:

Petra Missomelius: Keine „Heureka“-Momente.

Dass sich Erkenntnis auf Beweis und Gegenbeweis stützt, übersehen Skeptiker und Kritiker gern. Bei allen Unterschieden in den methodischen Zugängen sind sich alle fünf Forscherinnen und Forscher einig: „Fertig“ ist Wissenschaft nie, „Heureka“ ein Klischee – und sie sprechen damit wohl stellvertretend für ihre Disziplinen.

© News-Redaktion der Universität Innsbruck 2017

Mit Beiträgen von:
Melanie Bartos, Eva Fessler (Porträtfotos), Christian Flatz, Stefan Hohenwarter, Daniela Pümpel, Susanne Röck

Zusatzmaterial:
Daniela Schuster: Wirkstoffe im Check:
https://www.youtube.com/watch?v=sP_H97QKA5o&t
Sibylle Baumbach: Das Doppelgesicht der Faszination (PDF):
https://www.uibk.ac.at/forschung/magazin/16/seite38-39.pdf
Achim Zeileis zur Fußball-EM 2016: https://www.youtube.com/watch?v=kra25_9z6Tw
Petra Missomelius: Digitale Chancen:
https://www.uibk.ac.at/newsroom/digitale-chancen.html.de

Sujetfotos: colourbox.de