definitely no pictures.
ein hörprojekt von jon törklánsson und martin sexl

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Jon Törklánsson setzt sich in seiner künstlerischen Arbeit seit vielen Jahren mit der Stellung des Künstlersubjekts, mit dem Problem der Sinneswahrnehmungen und des Blicks sowie mit Fragen von Identität und AutorInnen- sowie UrheberInnenschaft auseinander, wobei ihm die Texte der postmodernen und poststrukturalistischen Philosophie im Frankreich der 60er- und 70er-Jahre theoretische Untermauerung bieten. Die konzeptuelle Beschreibung und 'Diskursivierung' seiner Bilder und Objekte versteht Törklánsson als Teil der Kunstwerke selbst. Mit ganz ähnlichen Fragen - und denselben Texten - beschäftigt sich auf wissenschaftlich-theoretischer Ebene Martin Sexl. Mit dem im folgenden beschriebenen Hörprojekt werden beide versuchen, die Theorie für die künstlerische Praxis fruchtbar zu machen - und umgekehrt.

Beide gehen von der Auffassung aus, dass die Identität eines Individuums, eines Subjekts, nicht in einer irgendwie vorgegebenen, gleichsam 'natürlichen' und unveränderlichen ’Substanz’ besteht, sondern durch soziale Kräfte (durch den "Diskurs") beeinflusst, ja sogar erst hervorgebracht wird. Dieser Konstruktionsprozess geschieht über bestimmte kulturell und sozial codierte Symbole, über Zeichen, wie beispielsweise die Sprache oder Medien, die wahrgenommen werden müssen. Das heißt zugespitzt formuliert: Ein Mensch wird durch das, was er sieht, hört etc., wird also durch das, was ihm an Zeichen ’vorgegeben’ wird (durch den Diskurs) zu einer gesellschaftlichen Person, und wird umgekehrt im sozialen Raum von anderen Personen über Zeichensysteme wahrgenommen. Dabei nimmt das Sehen unter den Sinneswahrnehmungen eine dominante Stellung ein.

Das, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen und was unseren Sinnen geboten wird, ist also eine Realität, die nicht unverstellt, sondern durch Zeichen und Symbole vielfach beeinflusst und gebrochen ist. Das Hörprojekt wird sich vor allem dieser Frage der Sinneswahrnehmung stellen.


a) ich glaube, was ich sehe

Dass die Bedeutung von Realität (und damit jegliche sozial erfahrene und erfahrbare Wirklichkeit) durch diskursive Systeme - also durch Zeichen aller Art - hervorgebracht wird (im Sinne Michel Foucaults), ist nicht neu; dass dies in zunehmendem Maße über den Sehsinn läuft, ebensowenig. An einem Beispiel formuliert: Ob eine Frau bei einer Fehlgeburt ein "Kind verliert" oder ein "übles Gewächs abstößt" (wie etwa im 18. Jahrhundert; vgl. Duden 1991), ist für die emotionalen Reaktionen auf dieses Ereignis und für Konsequenzen daraus von entscheidender Bedeutung: Im einen Fall ist der Verlust von etwas Wertvollem zu beklagen, im anderen Fall wird demselben Ereignis eine für die Frau positive Bedeutung zugeordnet. Die Möglichkeiten der Sichtbarmachung pränataler Ereignisse und Körper in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben diesen Prozess von Bedeutungsgebung im Zusammenhang mit dem Blick eine neuerliche Wendung gegeben - nun sieht man (oder glaubt es zumindest) auf großformatigen Bildern "Menschen", "Wesen", "Kinder" in einem sehr frühen Stadium der Schwangerschaft, denen nur mehr im Widerstand gegen den herrschenden Diskurs Begriffe wie "Gewächs" zuordenbar wären. Die Frage, was denn dieses 'Ding' im Körper einer Mutter nun 'wirklich' ist, außerhalb der Sprache ist, ist nicht beantwortbar - wie sollte man sie außerhalb der Sprache beantworten können?

Menschen haben sich von ihrer Umwelt immer Bilder gemacht, allerdings sind diese Bilder über Jahrtausende nicht Abbilder, Illustrationen gewesen ("so sieht das wirklich aus"), sondern Symbolisierungen, Illuminationen ("so stellen wir das dar"). Die Zeichnungen ungeborener Kinder aus dem Altertum oder dem Mittelalter gaben nicht vor, eine normalerweise unsichtbare Realität mimetisch wiederzugeben, sondern brachten bestimmte Bedeutungen und Ideen zum Ausdruck, für welche die Darstellung selbst Symbol war. Niemand hätte angenommen, dass es im Körper 'wirklich' so aussieht (vgl. Duden 1991). Erst seit der Renaissance im 16. Jahrhundert wird das Sehen die dominante Quelle von Erfahrung und Erkenntnis über die Welt und verdrängt somit tendenziell die anderen Sinneswahrnehmungen: Wir verlassen uns also seitdem mehr und mehr auf das, was wir sehen, und misstrauen etwa dem, was wir 'nur' hören.

Nun unterliegt das, was wir zu sehen bekommen, immer auch bestimmten Manipulationen, wobei jede Form der Wahrnehmung solchen 'Eingriffen' ausgesetzt ist. Zudem - darauf verweisen die oben genannten Beispiele sprachlicher Zuordnungen - erlangt die uns umgebende Realität nur dann Sinn, wenn sie mit Bedeutungen versehen wird. Daher könnte man erstens sagen, dass der Prozess der Konstruktion von Wirklichkeit unhintergehbar ist, zweitens gibt es nicht nur eine Möglichkeit, Wirklichkeit(en) herzustellen, denn dasselbe 'Ding' kann, wie gesagt, ein "übles Gewächs" oder ein "Kind" sein. Eine Lösung glauben wir oft darin zu finden, dass wir die Dinge sichtbar machen: Was so aussieht, wird schon so sein. Die Kraft des sozialen Bandes macht uns also glauben, dass das, was wir sehen, unverstellte Realität sei.

Aus zwei weiteren Gründen ist die Konzentration auf das Sehen 'gefährlich':

1) Die Konzentration auf den Blick drängt andere Sinneswahrnehmungen - das Hören, das Riechen, das Tasten (Begreifen), das Schmecken - mehr und mehr in den Hintergrund; weniger und weniger ist uns bewusst, dass wir alle Sinne benötigen, um uns in der Welt bewegen zu können. Weltwahrnehmung wird unvollständig, wenn wir uns nur auf das Sehen verlassen, und dadurch manipulierbar: Ein Sinn ist leichter zu täuschen als fünf (oder sechs).

2) Im Zusammenhang mit der bewussten Manipulierbarkeit des durch das Auge Wahrgenommenen ist die Gefahr zu sehen, dass wir - wie gesagt - für wahr halten, was wir sehen. Im Umkehrschluss formuliert: Wir bekommen das zu sehen, was wir für wahr halten sollen. Das betrifft nicht nur dokumentarische Bilder in Nachrichtensendungen, sondern in zunehmenden Maße auch Bilder, die wir auf treffende Weise "Reality-TV" nennen: "Big Brother", "Taxi Orange", "Expedition Österreich" etc. Die Wahrnehmung tendiert dabei anzunehmen, das sei so passiert, wie es gezeigt wird. Bei Nachrichten konzentriert sich die Manipulation auf die Auswahl dessen, was wir zu sehen bekommen, bei "Big Brother" ist die Manipulation direkter: Die Akteure wissen, dass sie gefilmt werden und verhalten sich entsprechend.

("Big Brother" - Was wollen wir dort unter anderem sehen? Sex. Ein Paradox: Denn das einzige und letzte Bilderverbot unserer Gesellschaft betrifft die Sexualität. Daher bekommen wir auch das, was wir sehen wollen, kaum zu sehen. Es wird dem direkten Blick entzogen und findet unscharf, unter Bettdecken oder in der Dusche statt.)


b) ich sehe nichts, ich höre

Dem Sehen und dem Für-Wahr-Halten des Gesehenen soll in einem Hörprojekt ein anderer Sinn entgegengestellt werden - das Hören - und zwar in jener Ausschließlichkeit, auf welche die Dominanz des Sehsinns zuzulaufen droht: definitely no pictures. Und was kriegt man zu hören? Es wird ein Tag, ein 'ganz normaler All-Tag' im Leben einer/eines "durchschnittlichen Stadtbewohnerin/Stadtbewohners" auf Tonband aufgenommen, ca. 16 Stunden lang, und danach auf einer Webpage hörbar gemacht: Ungefähr 16 Stunden lang werden jene Geräusche im Netz abgespielt, welche jene/r StadtbewohnerIn an diesem einen normalen Tag aufgenommen hat. Wer sich etwa um 23.00 einloggt, wird das zu hören bekommen, was anderentags um 23.00 aufgenommen wurde. Die Abspielung wird in einer 'Endlosschleife', als live stream, ständig wiederholt und durch einen vorangestellten, erläuternden Text erklärt werden.

In einer mehrfachen Brechung und ironischen Entgegensetzung nimmt das Hörprojekt Bezug auf die Frage der Konstruktion von Realität über die (optische) Wahrnehmung: So spielt das Hörprojekt mit der Frage des Authentischen (Aufnahme und Abspielen passieren in 'Echtzeit'), und doch wird gleichzeitig das Konstrukthafte an der wahrgenommenen Realität deutlich, denn die Manipulation und das Nicht-Authentische an dieser vermeintlich authentischen Wahrnehmung ist klar: Das Mikrophon ist während der Aufnahme sichtbar und wird wohl auch bemerkt und angemerkt werden, jene/r StadtbewohnerIn wird bestimmte Situationen auch vermeiden, andere vielleicht (unbewusst) herbeiführen wollen. Zusätzlich soll die Manipulation durch akustische Hinweise während des Abspielens auch deutlich gemacht werden, wenn etwa Ort und Zeit des Geschehens mit einem Komentar versehen eingespielt werden. Zudem wird das Hörprojekt nicht in einem üblichen auditiven Träger (CD, Audiokassette etc.) veröffentlicht, sondern in einem Medium, das vor allem als bildhaftes und über Bilder wahrgenommen wird: dem Internet. (Beim Ab-Hören der Tonspur bleibt der Bildschirm entweder schwarz oder es werden Textfragmente mit dem Zeitpunkt und dem Ort der Aufnahme etwa eingeblendet.) Dabei 'ensteht' klarerweise kein authentisches Subjekt, denn es wird Einblick in eine Individualität geboten ohne Intimität, ohne Bild (wie es etwa ein Foto in einem Reisepass darstellt), ohne Privatheit etc.

Pointiert zusammengefasst verfolgt das Hörprojekt folgende Ziele: Durch die ausschließliche Konzentration auf das Hören und auf den Hörsinn wird die Dominanz des Sehsinns deutlich gemacht. Dass auch im Hörprojekt manipulierte Authentitzität präsentiert wird lässt uns in einem zweiten Schritt das, was uns über das Zeigen als authentisch und wahr verkauft wird, leichter als konstruiert und manipuliert wahrnehmen - nicht über den Weg der Information (der Illustration), dies würde der gleichen Logik gehorchen, sondern im (künstlerischen) Spiel. Da der Aufnahme nichts entnommen und nichts hinzugefügt wird, kann die Frage der Auswahl von Informationen thematisiert und gleichzeitig umgangen werden: Dass das Gehörte nicht authentisch ist, ist jedoch klar - jeder Weg in der Stadt könnte auch ganz anders gewählt werden. Gleichzeitig wird auch der All-Tag einer/eines "durchschnittlichen Stadtbewohnerin/Stadtbewohners" akustisch dokumentiert, wodurch den Bildern einer Stadt ihre Geräusche entgegengestellt werden. Bekannte Städte sind oft in vielen Teilen der Welt durch Bilder (Prospekte, Plakate, Websites etc.) präsent, werden also von außen in erster Linie - und durch sehr viele Menschen sogar ausschließlich - über den Sehsinn wahrgenommen. Im Hörprojek t wird die Stadt als Raum ausschließlich akustisch erkundet und ’zur Verfügung gestellt’. Normalerweise ist bei der Wahrnehmung eines (Stadt-)Raumes ebenfalls das Sehen dominant: Offenen Auges gehen wir durch die Straßen (und suchen - zumindest, wenn wir Stadtbesucher sind - jene Eindrücke, die wir von Bildern kennen.) Nun aber: Wie kling t eine Stadt?


c) Mitarbeiter am Hörprojekt

Jon Törklánsson (Idee, Konzept): Obwohl selbst Maler, fühlt sich Jon Törklánsson dem Sehsinn "ausgeliefert". Darum versteht er sich in seiner Eigenschaft als Kunstschaffender nicht als einer, der Bilder malt, sondern als einer, der durch Erzählungen seinen Bildern Bedeutung verleiht. Beim Malen geht es ihm also nicht nur um das Sehen, das ihm immer auch suspekt erscheint, sondern auch um die Sprache.

Jon Törklánsson wurde 1962 in Akranes (Island) geboren, studierte in Dänemark Design und Produktentwicklung und lebt seit 1983 in Deutschland (zuerst Hamburg, seit 1992 in München). Sein ausgeprägtes Interesse für zeitgenössische französische Kultur- und Texttheorien (Michel Foucault, Roland Barthes, Jacques Derrida et al.) teilt er mit

Martin Sexl (Idee, Konzept, Projektleitung, Umsetzung), der sich in seiner wissenschaftlichen Arbeit mit Fragen von Sinneswahrnehmung und Texterfahrung auseinandersetzt. Dabei geht es ihm vor allem um das Problem, wie Wahrnehmungen und Erfahrungen durch Sprache geprägt sind und wie man diese Wahrnehmungen und Erfahrungen sprachlich formulieren kann.

Martin Sexl wurde 1966 in Hall (Tirol) geboren und lebt als (Vergleichender) Literaturwissenschaftler in Innsbruck. Und er ist heilfroh, dass er sich nicht mehr als nötig mit technischen Dingen herumschlagen muss, denn das erledigt

Harald Krumböck (technische Realisierung), der sich allerdings nicht nur in den technischen Dingen bewandert zeigt, sondern auch ein großes Interesse an künstlerischen Umsetzungen mitbringt.

Harald Krumböck wurde 1973 in Innsbruck geboren ist gelernter Elektroinstallateur, zur Zeit hauptsächlich als Cutter und Kameramann tätig und darüber hinaus als Techniker bei Veranstaltungen geschätzt.



Biographische Hinweise
zu Jon Törklánsson: www.hiddenmuseum.net/toerklansson_bio.html
zu Martin Sexl: www.uibk.ac.at/c/c6/c641/vergl/sexl.html

Literaturhinweis
Duden, Barbara: Der Frauenleib als öffentlicher Ort, Luchterhand, Hamburg / Zürich 1991.

… a never realised project …