Die Diplomarbeit setzt sich zunächst mit den Begriffen „Mythos“ und „Geburt“ auseinander.
Der „Mythos“ wird als „Ur- Kunde“ vom geheimnisvollen Ursprung der Welt- und damit letztlich von uns selbst verstanden. Mythen sind gleichsam früheste menschliche Erinnerungen an unsere Herkunft. Über dieses Fenster in die Vergangenheit fanden sich antike Menschen in den mythischen Erzählungen von ihren Göttern und Göttinnen wieder. Menschliche Erfahrungen wie Aggression, Leidenschaft, Rachsucht, aber auch Liebe, Hoffnungen und Träume wurden in den Himmel verlagert. Darüberhinaus zeigten sich in den Mythen die Sehnsucht des Menschen nach dem Wunderbaren, dem Faszinosum, aber auch die Angst vor dem Unerklärbaren. Mythen von hilfreichen Götter erwiesen sich als geeignet, diese Angst zu mildern oder zu bannen. Die Unvergänglichkeit der Götter realisierte den Traum des Menschen von der Unsterblichkeit. Die olympischen Götter starben nicht, sie verloren einfach an Bedeutung oder gerieten in Vergessenheit.
Der Begriff „Geburt“ wird sehr häufig in einem übertragenen
Sinn verwendet; z. B. Geburt eines Zeitalters, Geburt des Tages, „Geburt
der Tragödie“ usw.
In dieser Arbeit soll der Begriff „Geburt“ auf das Wunder der Erscheinung
von Leben eines anthropomorphen, göttlichen Wesens oder eines Menschen
beschränkt bleiben. Voraussetzung für dieses Wunder war die grandiose
Erfindung der Evolution von weiblichen und männlichen Geschöpfen,
die bereits in der Urzeit der Mythen das Schicksal der allmächtigen
göttlichen Wesen prägte.
Hesiods großartige Theogonie fasst dieses evolutive Großereignis
in poetische Worte. Er erzählt uns in seiner Dichtung, dass zuerst
das Chaos, die gähnende Leere des Raumes und dann die breitbrüstige
Gaia entstand. Gleich darauf hören wir vom Eros, dem „schönsten
der unsterblichen Götter, der allen Göttern und Menschen den
Sinn in der Brust überwältigt und ihr besonnenes Denken“. Mit
der geschlechtlichen Differenzierung fand auch die Geburt Eingang in das
göttliche Pantheon. Zwar konnten griechische Götter und Göttinnen
durch Zeugung und Geburt nach Menschenart für Nachwuchs im Pantheon
sorgen. Übernatürliche, mythische Geburten wie Kopf-, Seiten-,
Schenkel-, Meer-, Erd- und Baumgeburten betonen aber recht eindrucksvoll
den Unterschied zwischen göttlicher und menschlicher Sphäre.
Geburten aus Erde, Felsen oder Bäumen wurden als Verfügungsgewalt
des Göttlichen über lebende und tote Materie verstanden. Handwerkliche
Formungen von Lebewesen durch Götter wie sie Hephaistos und Athena
mit Pandora vorgenommen haben sollen ebenso ausgenommen werden wie die
Modellierung des Gottkönig Pharao auf der Töpferscheibe des Gottes
Chnum.
Bildliche Darstellungen von mythischen Geburten in außereuropäischen Kulturkreisen stellen eine faszinierende Ergänzung zu den Geburtsmythen aus dem Mittelmeerraum dar. Erzählungen aus dem asiatischen Raum betreffen vor allem berühmte Religionsstifter wie Buddha, Krishna und Laotse. Die Geburt des zukünftigen Buddha, des Prinzen Siddharta aus der Seite seiner Mutter, der Königin Maja, zeigt eine verblüffende Parallele zur Geburt der alttestamentlichen Eva. Weitere Beispiele aus dem ägyptischen und mexikanischen Kulturbereich werden angeführt.
Um in die Fülle der bildlich dokumentierten mythischen Geburten etwas Ordnung zu bringen, werden die mythischen Geburten, je nach Entstehungsort auf drei Bereiche eingegrenzt:
1. Die Geburt eines Gottes, einer Göttin, eines Heroen, einer Heroine oder eines Gefährten der Götter aus einem anthropomorphen Wesen, sei es durch eine Frau oder durch einen Mann in einem nicht physiologischen Geburtsvorgang (z. B. Kopf-, Seiten-, Schenkelgeburt)
2. Geburt eines menschengestaltigen Wesens aus einem Ei
3. Geburt eines göttlichen Wesens oder dessen Gefährten
aus Materie wie Erde, Stein, Flüssigkeiten wie Meer oder Blut, Geburt
aus Bäumen oder Pflanzen; entweder autochthon, also ohne geschlechtlichen
Partner (z. B. Geburt der Menschen nach der Deukalionischen Flut, Tages,
Mithras) oder unter Mitwirkung von anthropomorphem Material wie des männlichen
Samens (z.B. Aphrodite, Erichthonios, Chrysaor und
Pegasos, Adonis)
Der ungeheure, poesievolle Phantasiereichtum griechischer Mythen hat viele Künstler und Kunsthandwerker im Laufe von mehr als zweitausend Jahren dazu angeregt, mythische Geburten in ihrer jeweiligen Formsprache wiederzugeben. Daher werden den antiken Darstellungen auch Gemälde, Zeichnungen und Objekte des Kunsthandwerkes aus späterer Zeit zur Seite gestellt.
Als besonderes Charakteristikum mythischer Geburten muss erwähnt werden, dass in der bildlichen Überlieferung ein und dieselbe Gottheit auf verschiedene Art und Weise geboren werden kann. Auf die verschiedenen Geburtsvarianten aus den Urelementen Wasser und Erde oder Ei, wird in den jeweiligen Kapiteln eingegangen.
"Ludovisischer Thron" (um 460 v.Chr., Rom, Museo Nazionale Romano
Inv. 8670)
Aphrodite erscheint im Weltbild der Griechen als Personifikation einer mächtigen, kosmischen Urpotenz. Sie zwingt Götter wie Menschen und Tiere in ihren Bann, sie sichert und fördert den Weiterbestand der Welt. Als Personifikation auch der Schönheit, der Anmut und der Begehrlichkeit ist Aphrodite/Venus fast 2.500 Jahre lang begehrtes Objekt der Künstler aller Zeiten. Auf der Hauptseite des sog. “Ludovisischen Thrones“ wird in bezaubernder Weise die mythische Meergeburt der Göttin geschildert. Neben dem berühmten Gemälde von Botticellis „Geburt der Venus“ erreichte die Darstellung von Aphrodites Meergeburt ihren Kulminationspunkt in der Salonmalerei des 19. Jh. n. Chr. An der Meergeburt der Aphrodite/Venus reizte die Maler späterer Jahrhunderte keineswegs die heikle Aufgabe, den Einbruch des Göttlichen in die irdische Welt festzuhalten. Vielmehr versuchten die Künstler die Schönheit weiblicher Körperformen in immer neuen Facetten, Haltungen und verschiedenen Lagen zu zeigen. Alexandre Cabanels „Geburt der Venus“ war eine der berühmtesten Nackten in der Salonausstellung 1863 in Paris.
Alexandre Cabanel, Geburt der Venus (1863, Paris, Musée d'Orsay
Inv. R.F. 273)
Die Darstellung der Geburt der Göttin Athena aus dem Haupt des Göttervaters Zeus beschränkte sich fast ausschließlich auf den griechischen und etruskischen Kulturkreis. Archäologische Funde von griechischen Vasen geben einen nachvollziehbaren Hinweis darauf, wie sich im Laufe eines Jahrhunderts die Vorstellungswelt der Griechen änderte. Gegen Ende des 6. Jh. v. Chr. wurden die Darstellungen von Athenas Scheitelgeburt immer seltener. Darüberhinaus änderte sich das Erscheinungsbild von Athenas Geburt entscheidend. Athena entsprang nicht mehr dem Haupt des Zeus, sondern stand plötzlich auf den Knien ihres Vaters oder neben ihm.
Geburt der Athena, schwarzfigurige Hydria des Antimenes-Malers
(um 510 v. Chr., Würzburg, Martin-von-Wagner-Museum Inv. 309)
Unter dem Einfluss der ionischen Naturphilosophen sahen die aufgeklärten,
neuen, gesellschaftspolitischen Gruppierungen in solchen mythischen Geburten
zwar traditionelle, aber irreale Geschichten, die dem Verständnis
der Zeit widersprachen.
Die Erdgeburt des Erichthonios wurde von findigen politischen Köpfen
sehr bald zur Lenkung des politischen Bewusstseins eingesetzt. Die Geburt
des Erichthonios aus der Erde Attikas schien den Einwohnern dieses Landes
den Beweis zu liefern, dass sie die einzige, autochthon in Griechenland
entstandene Bevölkerungsgruppe seien.
Geburt des Erichthonios, Außenseite einer Schale des Kodros-Malers
(um 440-430 v. Chr., Berlin, Staatliche Museen, Antikensammlung
F 2537)
Mythische Geburten waren bestens dazu geeignet, politische und kulturelle Hegemonieansprüche zu untermauern. Zur Unterstreichung von Athens Führungsanspruch gegenüber Sparta wurde eine später entstandene Legende um Helenas Eigeburt favorisiert. In dieser wurde die irdische Königin von Sparta, Leda, durch die attische Göttin Rhamnous ersetzt. Die Königin von Sparta wurde zur Ziehmutter der schönsten Frau der Antike degradiert.
Geburt der Helena, rotfigurige apulische Pelike
(um 360/350 v. Chr., Kiel, Antikensammlung Inv. B. 501)
In den beiden letzten, der Technik verschriebenen Jahrhunderten unserer
Zeitrechnung haben mythische Geburten, nach dem Verständnis dieser
Arbeit, keinen Platz mehr. Nicht mehr der Einbruch des Überirdischen,
des Göttlichen in die menschliche Atmosphäre war gefragt, sondern
das Eingreifen des oder der Außerirdischen läßt die Phantasie
der Menschen des Maschinen-und Computerzeitalters ins Uferlose wuchern.
In den anmutigen, lebensnahen und blutvollen Gestalten der antiken
Mythen konnten sich die Menschen bis in unsere Tage wiederfinden. Fraglich
bleibt für mich, ob sich der Mensch des 21. nachchristlichen Jahrhunderts
in computergesteuerten, vernetzten und gemütsarmen Maschinenwesen
begegnen kann.
Bestand: Universitätsbibliothek Innsbruck
Kontakt: Erwin Kausch