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Weltuntergang und Wiederkunft Christi. Eine mystagogisch-dramatische Auslegung der Markusapokalypse (Markus 13)

Autor:Sandler Willibald
Veröffentlichung:
Kategorieartikel
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2017-12-12

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Vorwort

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Apokalypse bedeutet wörtlich Enthüllung. Enthüllt wird in biblischen Apokalypsen, was an Bedrängnissen noch kommen wird, bis hin zu kosmischen Katastrophen und Weltuntergang. Dass sich Sonne und Mond verdunkeln und die Sterne vom Himmel fallen, gehört für uns zu den am schwersten verständlichen Texten im Neuen Testament. Andererseits leben wir seit mehr als einem halben Jahrhundert in einer Welt, die sich nuklear-technologisch, politisch, ökonomisch oder ökologisch selbst vernichten kann. Solche Ängste werden einerseits verdrängt, andererseits von der Unterhaltungsindustrie erfolgreich aufgegriffen. Blockbuster im Kino und Computerspiele zelebrieren Apokalypse. Die so verstandene Apokalypse ist im Vergleich zu biblischen Apokalypsen halbiert: Apokalypse ist gleichbedeutend mit Untergang. Dass diese Perspektive die Aktivität nicht lähmt, sondern beflügelt – und solcherart guten Stoff für Kinofilme und Computerspiele gibt – liegt darin, dass man alles tun muss, um sie zu verhindern. Und dieses „alles“ besteht üblicherweise in einem maßlosen – von üblichen moralischen Überlegungen entbundenen – Einsatz von Gewalt. Wenn der Untergang von allem droht, ist jedes Mittel erlaubt.

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Davon unterscheiden sich die biblischen Apokalypsen. Sie kündigen nicht nur Untergang an, sondern den Aufgang einer neuen Schöpfung durch den Untergang hindurch. Gemäß neutestamentlichen Apokalypsen kommt unmittelbar nach der kosmischen Erschütterung Jesus Christus auf den Wolken des Himmels. Ausgehend von ihm als Weltenrichter kommt es zu einer umfassenden Transformation von allem, was in der alten Welt lebt oder jemals gelebt hat, – mit einem neuen Himmel und einer neuen Erde, die den Tod nicht kennt.

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Überwindung der Apokalypse geschieht demgemäß von Gott her, nicht vom Menschen her. Jenes maßlose Kämpfen, das die Blockbuster beschreiben, wird kritisch entlarvt als Dynamik einer sich apokalyptisch steigernden wechselseitigen Gewalt. Anders als in den zelebrierten Apokalypsen der gegenwärtigen Unterhaltungsindustsrie führt die entbundene Gewalt nicht zur rettenden Einigung gegen einen die Welt bedrohlichen Gegner, der restlos vernichtet wird, sondern zu einer fortgesetzten Eskalation zwischen vermeintlichen Weltrettern, die gegeneinander antreten. Einen Ausweg aus diesem Dilemma können Menschen aus eigener Kraft nicht geben.

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Diese Problematik einer apokalyptisch sich steigernden Gewalt wird von den Apokalypsen, die wir in drei Evangelien finden,1 auch innergeschichtlich demonstriert, und zwar vorrangig am Ersten Jüdischen Krieg, der zur Zerstörung Jerusalems führte, – und so, dass er durch eine gesteigerte Gewalt im Namen Gottes gerade nicht verhindert werden konnte, sondern befeuert wurde.

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Im Folgenden gebe ich eine Auslegung der Markusapokalypse. Sie ist der älteste zusammenhängende apokalyptische Text in den Evangelien und im Neuen Testament. Diese Auslegung ist so geschrieben, dass sie auch einem weiteren Kreis von interessierten LeserInnen ohne fachtheologische Kenntnisse verständlich sein müsste, – wenn auch nicht ohne eine gewisse Anstrengung, ungewohnten Gedanken zu folgen. Deshalb werden ungewohnte Begriffe zumindest aus dem Haupttext erklärt. In den Fußnoten gebe ich weiterführende Erläuterungen und Reflexionen zu den im Haupttext vorgestellten Thesen und Ansätzen – auch im Blick auf die fachtheologische Diskussion.

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Methodisch bezeichne ich diese Bibelauslegung als mystagogisch-dramatisch. Auf die Eigenart dieser Methode gehe ich im ersten Anhang ein. Vorweg sei nur so viel gesagt, dass diese Art der Auslegung sich vorzugsweise an Christen richtet, die die Bibel als Grundlage für ein Leben in der Christusnachfolge lesen wollen und damit in Schwierigkeiten geraten, die sich von einer rein theoretischen, ideengeschichtlichen Lesart unterscheiden. Von daher geht es für den Text der Markusapokalypse vor allem darum, die darin leitende Aufforderung zur Wachsamkeit recht zu verstehen. Wie soll man wachsam sein für ein Weltende, das von den ersten Christen und vielleicht von Jesus selber als unmittelbar bevorstehend angenommen wurde und sich seit zweitausend Jahren immer noch nicht eingestellt hat? Von daher wird es ein zentrales Anliegen dieses Textes sein, die Naherwartung so zu verstehen, dass die Dringlichkeit der Wachsamkeit damit nicht entschärft, sondern auch im konkreten Leben nachvollziehbar wird.

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Dafür wird es immer wieder notwendig sein, über den unmittelbaren Text auf weitere Zusammenhänge auszugreifen und in einer kreisenden Bewegung das Verständnis bestimmter Verse immer mehr zu vertiefen. Dass manche Überschriften – mit der Ergänzung (1) oder (2) – zweimal vorkommen, ist ein Hinweis darauf. Außerdem werde ich auf Verse aus dem Evangelium nicht nur verweisen, sondern sie immer wieder zitieren. Auf diese Weise soll gleichsam meditativ ein tieferes Hineinwachsen in die Lektüre ermöglicht werden.

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1. „Seid wachsam!“ – Aber wofür?

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„Gebt acht, wachet!
       Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist.
34 (Es verhält sich) wie mit einem Mann,
der außer Landes ging, sein Haus verließ
und seinen Knechten Vollmacht gab, jedem einzelnen sein Werk.
Und dem Türhüter befahl er, dass er wache.
35Wachet also,
       denn ihr wisst nicht, wann der Herr des Hauses kommt,
       ob abends oder zur Mitternacht oder beim Hahnenschrei oder morgens,
36    dass er nicht plötzlich kommt und euch schlafend findet.
37 Was ich aber euch sage, sage ich allen: Wachet!“ (Mk 13,33-37)2
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So lautet die Kurzform des Evangeliums am ersten Adventsonntag im Lesejahr B. Es ist eine eindringliche Warnung. Dreimal drängt Jesus dazu, wachsam zu sein. Denn wir wissen nicht, wann die Zeit da ist (Vers 33). Welche Zeit? Wofür sollen wir wachsam sein?

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Die längere Fassung des Sonntagsevangeliums macht deutlich, dass es um Weltuntergang und Wiederkunft Christi geht. Die dreifache Wachsamkeitsforderung ist der Abschluss der sogenannten Markusapokalypse.

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„Aber in jenen Tagen nach jener Drangsal
wird die Sonne verfinstert werden,
und der Mond wird seinen Schein nicht geben.
25    Und die Sterne werden vom Himmel fallen,
und die Kräfte in den Himmeln werden ins Wanken gebracht werden.
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26 Und dann werden sie den Menschensohn auf Wolken

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mit großer Macht und Herrlichkeit kommen sehen.

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27 Und dann wird er die Engel aussenden

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und seine Auserwählten aus den vier Winden zusammenbringen,

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vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels.

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28 Vom Feigenbaum aber lernt das Gleichnis:

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Wenn sein Zweig schon weich wird und die Blätter herauswachsen,

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erkennt ihr, dass der Sommer nahe ist.

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29 So auch ihr, wenn ihr dies geschehen seht:

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       Erkennet, dass es nahe vor der Türe ist!

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30 Amen, ich sage euch,

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dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht.

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31    Der Himmel und die Erde werden vergehen,

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meine Worte aber werden nicht vergehen.

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32    Was aber jenen Tag und die Stunde betrifft, so kennt sie keiner,

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weder die Engel im Himmel, noch der Sohn, sondern nur der Vater.“
(Vers 24-32)3Daran schließt in der Langfassung des Sonntagsevangeliums die eingangs zitierte Kurzfassung an, mit der dreifachen Forderung zur Wachsamkeit. — Aber hilft uns diese erweiterte Version weiter, um zu verstehen, wie wir wachsam sein sollen?4Gewiss, wir sollen auf das Ende warten: Weltuntergang (Vers 24–25) und Wiederkunft Christi (Vers 26). Aber egal, was wir darunter verstehen: Was soll es bedeuten, dass wir dafür wachsam sein sollen? Wachen und Achtgeben (Vers 33) sind Haltungen, die auf eine zielgerichtete Aktivität ausgerichtet sind. Es gilt, gewisse Veränderungen genau zu verfolgen, um rechtzeitig darauf zu reagieren, indem wir das eine tun und anderes unterlassen. Der Weltuntergang ist aber etwas, dem wir hilflos ausgeliefert sind. Das gilt auch, wenn wir ihn so verstehen, wie er unserem Vorstellungshorizont am ehesten entspricht: Im Tod geht einem Menschen die Welt unter. „Memento mori“ – „Gedenke, dass du sterblich bist, ja dass du jederzeit sterben kannst“: Das ist schon ein bedenkenswertes Prinzip, und es hat auch irgendwie mit Wachsamkeit zu tun; aber nicht mit jener achtgebenden Wachsamkeit, die genau hinschaut, was passiert, um angemessen darauf zu reagieren. Darum aber geht es in Vers 33:

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2. Die Apokalypse nach Markus – Übersetzung mit Gliederung

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0. Einleitung
0.1 Vorhersage der Zerstörung des Tempels
1 Und als er aus dem Tempel hinausgeht, sagt einer seiner Jünger zu ihm:
       Lehrer, siehe, was für Steine und was für Bauten!
2 Und Jesus sagte ihm:
       Du siehst diese großen Bauten?
Kein Stein wird hier auf dem anderen bleiben, der nicht zerstört werden wird.
0.2 Doppelfrage der vier Jünger
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 3 Und als er auf dem Ölberg, dem Tempel gegenüber, saß, fragte ihn für sich allein Petrus und Jakobus und Johannes und Andreas:

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 4 Sage uns,

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             wann wird das sein,

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             und was ist das Zeichen, wann dieses alles sich vollenden wird?

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1. Die Zeit der Bedrängnis vor dem Ende

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1.0 Vorspann: Warnung vor falschen Propheten und Messiasanwärtern (1)

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5 Jesus aber begann, zu ihnen zu sprechen:

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Gebt acht, dass euch nicht jemand irreführt!

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6     Viele werden in meinem Namen kommen und sagen: Ich bin es.

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       Und sie werden viele irreführen.

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1.1 Der Anfang der Bedrängnis („Anfang der Wehen“)

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1.1.1 Kriege und Naturkatastrophen

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7     Wenn ihr aber von Kriegen und Kriegsgerüchten hört,

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             erschreckt nicht!

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       Es muss geschehen, (ist) jedoch noch nicht das Ende.

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8     Denn Volk wird gegen Volk aufstehen und Reich gegen Reich.

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       Erdbeben werden an verschiedenen Orten sein,

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       Hungersnöte werden sein.

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             Anfang der Wehen dies!

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1.1.2 Christenverfolgung als Chance zur Verkündigung des Evangeliums

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9     Gebt vielmehr acht auf euch selbst!

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       Sie werden euch an Synhedrien [= jüdische Gerichtshöfe] ausliefern

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und in Synagogen prügeln.

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Ihr werdet um meinetwillen vor Statthalter und Könige gestellt werden

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             ihnen zum Zeugnis.

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10    Und allen Völkern muss zuerst das Evangelium verkündet werden.

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11    Und wenn sie euch abführen und ausliefern,

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sorgt nicht im Voraus, was ihr reden werdet.

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Sondern was euch in jener Stunde gegeben wird, das redet!

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Denn nicht ihr seid es, die reden, sondern der heilige Geist.

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12    Und Bruder wird den Bruder in den Tod ausliefern und der Vater das Kind.

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Und Kinder werden sich gegen Eltern erheben und sie töten.

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13    Und ihr werdet von allen gehasst werden um meines Namens willen.

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       Wer aber ausharrt bis ans Ende, dieser wird gerettet werden.

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1.2 Der Höhepunkt der Bedrängnis (Zerstörung Jerusalems)

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14    Wenn ihr aber den Gräuel der Verwüstung dort stehen seht, wo er nicht soll

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       — wer es liest, erfasse es! — ,

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       dann sollen die in Judäa (sind,) in die Berge fliehen.

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15    Wer aber auf dem Dach ist,

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             steige nicht herab und gehe nicht hinein, um etwas aus seinem Haus zu holen.

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16    Und wer auf dem Feld ist,

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             soll sich nicht nach rückwärts umwenden, um seinen Mantel zu holen.

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17    Wehe aber den Schwangeren und Stillenden in jenen Tagen!

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18    Betet aber, dass es nicht im Winter geschieht.

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19    Denn jene Tage werden eine Drangsal sein,

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       wie eine solche seit Anfang der Schöpfung, die Gott schuf,

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       bis jetzt nicht gewesen ist und nicht mehr sein wird.

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20    Und wenn der Herr die Tage nicht abgekürzt hätte,

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       würde kein Fleisch gerettet werden.

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       Aber wegen der Auserwählten, die er erwählte, hat er die Tage abgekürzt.

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1.3 Nachspann: Warnung vor falschen Messiasanwärtern und Propheten (2)

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21    Und wenn euch dann jemand sagt:

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             Siehe, hier ist der Christus! Siehe, dort!

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       glaubt nicht.

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22    Denn falsche Christusse und falsche Propheten werden sich erheben

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       und Zeichen und Wunder gewähren,

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       um – wenn möglich – die Auserwählten irrezuführen.

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23    Ihr aber gebet acht! Ich habe euch alles vorhergesagt.

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2. Ende und Vollendung (Apokalypse)

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2.1 Kosmische Erschütterungen

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24    Aber in jenen Tagen nach jener Drangsal

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wird die Sonne verfinstert werden,

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             und der Mond wird seinen Schein nicht geben.

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25          Und die Sterne werden vom Himmel fallen,

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und die Kräfte in den Himmeln werden ins Wanken gebracht werden.

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2.2 Wiederkunft Christi in Herrlichkeit (Parusie)

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26    Und dann werden sie den Menschensohn auf Wolken

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mit großer Macht und Herrlichkeit kommen sehen.

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2.3 Sammlung aller Auserwählten

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27    Und dann wird er die Engel aussenden

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und seine Auserwählten aus den vier Winden zusammenbringen,

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vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels.

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3. Schluss: Bestärkung und Mahnung zur Wachsamkeit

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3.1 Feigenbaumgleichnis und Ansage des nahen Endes

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28 Vom Feigenbaum aber lernt das Gleichnis:

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Wenn sein Zweig schon weich wird und die Blätter herauswachsen,

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erkennt ihr, dass der Sommer nahe ist.

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29 So auch ihr, wenn ihr dies geschehen seht,

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       Erkennet, dass es nahe vor der Türe ist!

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3.2 Dreifaches Amen-Wort

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3.2.1 Naherwartung

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30 Amen, ich sage euch,

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dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht.

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3.2.2 Unvergängliche Gültigkeit der Worte Jesu

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31      Der Himmel und die Erde werden vergehen,

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meine Worte aber werden nicht vergehen.

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3.3.3 Nicht-Terminisierbarkeit der Ankunft Jesu

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32    Was aber jenen Tag und die Stunde betrifft, so kennt sie keiner,

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weder die Engel im Himmel, noch der Sohn, sondern nur der Vater.

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3.3 Mahnung zur Wachsamkeit mit dem Gleichnis vom Türhüter

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33Gebt acht, wachet!

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       Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist.

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34 (Es verhält sich) wie mit einem Mann,

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der außer Landes ging, sein Haus verließ

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und seinen Knechten Vollmacht gab, jedem einzelnen sein Werk.

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Und dem Türhüter befahl er, dass er wache.

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35Wachet also,

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       denn ihr wisst nicht, wann der Herr des Hauses kommt,

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ob abends oder zur Mitternacht oder beim Hahnenschrei oder morgens,

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36    dass er nicht plötzlich kommt und euch schlafend findet.

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37 Was ich aber euch sage, sage ich allen: Wachet!6

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3. „Das ist noch nicht das Ende“ – Es geht um die Zeit davor

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Angestoßen wird diese lange Rede Jesu7 durch staunende Ausrufe der Jünger über den Tempel, den Herodes der Große einige Jahrzehnte zuvor eindrucksvoll renoviert und ausgebaut hatte. Als Antwort kündigt Jesus dessen vollständige Zerstörung an. Für die Jünger ist eine solche Katastrophe nur vorstellbar im Zusammenhang mit Weltuntergang und Neuschöpfung, wie sie von der zeitgenössischen jüdischen Apokalyptik erwartet wurde. Deshalb fragen sie nach dem Termin und nach Vorzeichen nicht nur für die Tempelzerstörung. Sie fragen, „wann dieses alles sich vollenden wird“ (Vers 4)8.

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3.1 Weltende und Ankunft des Messias von Gott her: Frühjüdische Apokalyptik

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Diese apokalyptischen Erwartungen, wie sie vor allem im alttestamentlichen Buch Daniel niedergeschrieben und von Johannes dem Täufer neu eingeschärft wurden, finden wir auch in Jesu Rede, und zwar in den Versen 24–27. Diese frühjüdische Apokalyptik war in den letzten drei Jahrhunderten vor Christus aus älteren messianischen Heilserwartungen hervorgegangen, wonach Israel einen König bekommen würde, der gottesfürchtig und gerecht wie David sein wird. Er wird die Feinde Israels besiegen und das verheißene Königtum in Herrlichkeit neu erstehen lassen, – mit Gott als Ziel und Mitte von allem. Aber dieser König kam nicht, und die Bedrängnisse wurden immer härter. Auch Heilshoffnungen nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft verwirklichten sich nicht, und Israel rutschte von einer politischen Abhängigkeit in die nächste. Diese katastrophalen Zeiten wurden zum Auslöser für apokalyptische Zukunftserwartungen: Gottes Heil kann sich in dieser verdorbenen Welt nicht durchsetzen. Vielmehr wird Gott diese Welt in einem Strafgericht vernichten, um sie dann neu zu schaffen. Der erwartete königliche Messias (wörtlich: der Gesalbte; mit dem griechischen Wort: der Christus) wird nicht als Thronfolger in dieser Welt kommen, sondern von Gott her – „auf Wolken mit großer Macht und Herrlichkeit“ (Vers 26) – als Herrscher einer neuen Schöpfung. Und all das – Untergang und Aufgang einer neuen Schöpfung – soll in nächster Zeit geschehen. Apokalyptik ist Naherwartung.

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3.2 Achtsamkeit in der Zeit vor dem Ende

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Diese apokalyptischen Vorstellungen greift Jesus in den Versen 24-27 auf. Aber das eigentliche Anliegen seiner Rede betrifft nicht diese Ereignisse des Endes, sondern die Zeit, die all dem vorausgeht. Damit bestätigt Jesus die Erwartungen der jüdischen Apokalyptik nicht nur, sondern korrigiert sie. Eine wichtige Korrektur besteht darin, dass dieses Ende noch nicht gleich kommt, sondern dass dem eine Zeit der Bedrängnis vorausgeht, in der alles davon abhängt, dass wir wachsam sind. Das ist das Thema der Verse 5–23. Dieser Teil ist von einem dreifachen „Gebt acht“ gerahmt und durchzogen,9 – mit genau jenem Wort, das am Ende der Rede die dreifache Aufforderung zur Wachsamkeit einleitet: „Gebt acht, wachet!“ (Vers 33).

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4. Der historische Brennpunkt der Rede: Die Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 n. Chr.

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Jesus spricht von mehreren Ereignissen, die dem Ende vorausgehen. Diese laufen auf eine zentrale Katastrophe zu, die noch vor dem Ende ist, und deren geschichtliche Bezüge wir kennen müssen, um auch das andere recht zu verstehen:

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„Wenn ihr aber den Gräuel der Verwüstung dort stehen seht, wo er nicht soll
— wer es liest, erfasse es! — ,
dann sollen die in Judäa (sind,) in die Berge fliehen.
15 Wer aber auf dem Dach ist,
steige nicht herab und gehe nicht hinein, um etwas aus seinem Haus zu holen.
16    Und wer auf dem Feld ist,
soll sich nicht nach rückwärts umwenden, um seinen Mantel zu holen.“
(Vers 14–16)
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4.1 Der „Gräuel der Verwüstung“ unter Antiochus IV. Epiphanes (167 v. Chr.)

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Vom „Gräuel der Verwüstung“ (Vers 14), gleichbedeutend mit Gräuel, der Verwüstung hervorruft,10 ist schon im apokalyptischen Buch Daniel die Rede.11 Gemeint ist damit eine Jupitersäule, die im Jahr 167 vor Christus über dem Brandopferaltar im Jerusalemer Tempel aufgerichtet wurde.12 Israel befand sich damals unter hellenistischer Herrschaft. Der seleukidische König Antiochus IV. hatte gerade einen jüdischen Aufstand niedergeschlagen. Nun verordnete er eine umfassende Hellenisierung, die auch vor dem Tempel nicht haltmachte.13 Traditionsbewusste Juden sahen darin eine Entweihung des Tempels. Viele von ihnen schlossen sich zur Widerstandsbewegung der Makkabäer zusammen.14 Andere zogen sich zurück und erwarteten ein machtvolles Eingreifen Gottes. Mit dieser bodenlosen Blasphemie hätte die Welt einen Tiefpunkt erreicht, die Gott gewiss durch Weltuntergang und Neuschöpfung beantworten würde. Apokalyptische Texte wie das Buch Daniel drücken diese Sichtweise aus. Antiochus IV. wird hier als Anti-Messias beschrieben,15 den Gott alsbald für seinen Frevel vernichten wird.16

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4.2 Der erste jüdische Krieg (66–70 n. Chr.)

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Diese Ereignisse und ihre apokalyptische Deutung wurden erneut aktuell, als im Jahr 66 nach Christus der römische Statthalter Gessius Florus ausstehende jüdische Steuerschulden eintrieb, indem er den Tempelschatz plünderte. In der Folge kam es zu jüdischen Aufständen, die von ihren Anführern als Krieg im Namen Gottes verstanden wurden. Mancher Widerstandskämpfer inszenierte sich als gottgesandter Messias, der Israel in die Freiheit führen und selbst neuer König werden würde.17 Nach anfänglichen Erfolgen wurden die Aufständischen zurückgeschlagen, und nur das gut befestigte Jerusalem blieb unter ihrer Kontrolle.18 In dieser Situation flüchteten viele Juden in die Hauptstadt. Auch zelotischen19 Freiheitskämpfern gelang es, sich in die jüdische Hauptstadt durchzuschlagen.20 Während die Stadt von römischen Truppen belagert wurde, kam es im Inneren zu einem blutigen Bürgerkrieg zwischen radikalen Widerstandskämpfern und gemäßigteren Juden. Die Radikalen siegten, aber sie konnten die ausgehungerte Stadt auf die Dauer nicht halten. Der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus schreibt von drei Millionen Menschen, die in Jerusalem zusammengepfercht waren und von letztlich 1,1 Millionen Toten.21 Als die Römer schließlich brandschatzend in die letzten Bastionen Jerusalems – im Tempelbezirk – eindrangen, kam es zu unbeschreiblichen Szenen:

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„Da stürzten sich die einen freiwillig in die Schwerter der Römer, die andern erschlugen sich gegenseitig, andere brachten sich selbst um, wieder andere sprangen in die Flammen. Und es schien für alle nicht so sehr Verderben, sondern eher Sieg und Heil und Gnade zu bedeuten, mit dem Tempel zusammen unterzugehen.“22
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Der Text gibt eine Idee von dem messianisch, nationalistisch und apokalyptisch genährten Fanatismus, der sich mit äußerster Verzweiflung verband.23 Das geschah im Jahr 70, und ungefähr zu dieser Zeit entstand das Markusevangelium. Unter dem Eindruck dieser Tragödie verstanden die damaligen Christen die prophetischen Warnungen Jesu, die 40 Jahre zurücklagen, tiefer. Davon ist das Markusevangelium geprägt.

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4.3 „Gräuel der Verwüstung“ und falsche Messiasse

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Vor diesem Hintergrund – mit Anspielungen auf die Zerstörung des Tempels und Jerusalems – werden die Verse 14–20 verständlich. Zuerst ist der „Gräuel der Verwüstung“ zu deuten, denn ihn nennt Jesus als entscheidendes Zeichen, um unverzüglich zu fliehen.

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„Wenn ihr aber den Gräuel der Verwüstung dort stehen seht, wo er nicht soll
— wer es liest, erfasse es! — ,
dann sollen die in Judäa (sind,) in die Berge fliehen ...“ (Vers 14)
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Allerdings: Ein Götzenmonument wurde während des Jüdischen Kriegs nicht in Jerusalem aufgestellt. Unser Text könnte hier über die Katastrophe von 70 hinaus spätere, noch schlimmere Ereignisse andeuten.24 Die Markusapokalypse bezieht sich ja in den Versen 14–20 auf den ersten jüdischen Krieg nicht exklusiv, sondern exemplarisch. An diesem Schlüsselereignis der jüdischen Geschichte wird eine verhängnisvolle Dynamik aufgezeigt, die sich in der Menschheitsgeschichte in unterschiedlicher Gestalt immer wieder entfaltet.

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Um diese Dynamik nicht zu eng zu verstehen, müssen wir beim „Gräuel der Verwüstung“ ein grammatisches Detail beachten, das seine Bedeutung ausweitet. Dieses Detail können wir in der Übersetzung von Vers 14 nur sichtbar machen, wenn wir versuchsweise (und gegen die deutsche Grammatik) den Gräuel wie im griechischen Original25 im Neutrum benennen, – also: das Gräuel. Dann lautet unser Satz nämlich präzise übersetzt folgendermaßen:

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„Wenn ihr aber das Gräuel der Verwüstung dort stehen seht, wo er nicht soll, ...“
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Damit legt der Text nahe, dass es sich bei dem Gräuel der Verwüstung, der ursprünglich eine Sache, ein Standbild war, letztlich um eine Person handelt.26 Nun brachte bereits 200 Jahre früher das Danielbuch die Aufstellung jene Jupitersäule, die als „Gräuel der Verwüstung“ bezeichnet wurde, in engsten Zusammenhang mit der Person, die diese Blasphemie angeordnet hatte. Der eigentliche Gräuel der Verwüstung war Antiochus IV., der Anti-Messias, gewissermaßen der Anti-Christ.27 Wenn nun – wie im Ersten Jüdischen Krieg ansatzweise und fünfzig Jahre später im Zweiten Jüdischen Krieg mit aller Deutlichkeit28 – ein falscher Messias oder falscher Christus in Jerusalem „aufstellt“ wird, dann ist Gefahr im Verzug:

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„dann sollen die in Judäa (sind,) in die Berge fliehen.
Wer aber auf dem Dach ist, steige nicht herab
und gehe nicht hinein, um etwas aus seinem Haus zu holen.
Und wer auf dem Feld ist, soll sich nicht nach rückwärts umwenden,
um seinen Mantel zu holen.“ (Vers 14-16).
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Tatsächlich ist im Jahr 70 den Christen in und um Jerusalem die Flucht in die Berge in letzter Minute gelungen. Jene hingegen, die sich von den Freiheitskämpfern und den Mauern Jerusalems Schutz erhofften, gerieten in eine unvorstellbare Bedrängnis:

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„Denn jene Tage werden eine Drangsal sein,
wie eine solche seit Anfang der Schöpfung, die Gott schuf,
bis jetzt nicht gewesen ist und nicht mehr sein wird.“ (Vers 19)
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Aber selbst wenn die Zustände im belagerten Jerusalem bei seiner Eroberung unvorstellbar waren:29 Kann man angesichts des Grauens späterer Genozide sagen, dass die Zerstörung Jerusalems eine Drangsal brachte, die „seit Anfang der Schöpfung [...] nicht gewesen ist und nicht mehr sein wird“? Hier ist zu berücksichtigen, dass die Markusapokalypse sich auf den Jüdischen Krieg nicht exklusiv, sondern exemplarisch bezieht. Die Aussageabsicht ist vielmehr: Unmittelbar vor dem Ende wird es eine nochmalige Steigerung der Bedrängnis geben, die alles Bisherige (der Vernichtung Jerusalems und späterer Genozide) nochmals in den Schatten stellt. Markus 13 vertritt hier ein apokalyptisches Geschichtsbild mit einer dramatischen Eskalation: Gutes (in der Verbreitung des Evangeliums) und Schlechtes (in der Zunahme der Gewalt, resultierend aus der Zurückweisung des Evangeliums) werden bis zum Ende zunehmen.30

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4.4 Nur Gott kann „die Tage verkürzen“ (1)

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„Und wenn der Herr die Tage nicht abgekürzt hätte,
würde kein Fleisch gerettet werden.
Aber wegen der Auserwählten, die er erwählte, hat er die Tage abgekürzt.“
(Vers 20)
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Diese Verkürzung der Tage ist als Korrektur eines messianischen Fanatismus zu verstehen. Denn zelotische Aufständische vertraten die Vorstellung, dass die Menschen selber die Zeit bis zum rettenden Eingreifen Gottes verkürzen könnten, indem sie sich mutig in den Kampf für ihren Gott stürzen. Die Markusapokalypse hält diesem fanatischen Aktivismus entgegen, dass es allein Gott ist, der die Tage des Grauens verkürzen kann und dies auch tut. Wie Gott das tun kann, werden wir an späterer Stelle überlegen.31

163
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Der Gräuel der Verwüstung steht also für einen falschen Messias, verbunden mit falschen Propheten, die diesen falschen Messias propagieren. Wenn er (in Jerusalem) als Führer „aufgestellt“ wird, muss man sich schnellstens zurückziehen. Denn dieser und alle, die mit ihm mitkämpfen oder bei ihm ausharren, werden auf furchtbarste Weise vernichtet werden. Und zwar nicht, weil Gott dreinschlägt, sondern weil sie sich und vielen anderen durch ihren religiösen Fanatismus selber ein solches Ende bereiten.32

164
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Vor diesem Hintergrund verstehen sich die folgenden Verse von selbst:

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„Und wenn euch dann jemand sagt:
       Siehe, hier ist der Christus! Siehe, dort!
glaubt nicht.
Denn falsche Christusse und falsche Propheten werden sich erheben
und Zeichen und Wunder gewähren,
um – wenn möglich – die Auserwählten irrezuführen.
Ihr aber gebet acht! Ich habe euch alles vorhergesagt.“ (Vers 21–23)
166
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Die Jünger sollen achtgeben, dass sie sich nicht von falschen Christussen und falschen Messiassen irreführen lassen. Und mit Bezug auf den vorausgehenden Abschnitt: sie sollen achten auf den „Gräuel der Verwüstung“, der ebenso als Antichrist oder Antimessias zu verstehen ist.

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Mit diesen Versen endet der erste Teil der Markusapokalypse, der die Zeit vor dem apokalyptischen Ende beschreibt. Die Warnung vor falschen Propheten und die Aufforderung, acht zu geben, umklammern diesen Teil. Beides finden wir also auch am Anfang dieses ersten Teils (Vers 5-6). Darauf werden wir im Folgenden eingehen.

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5. „Erschreckt nicht, denn das ist noch nicht das Ende!“ – Mahnung zur Gelassenheit

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Gebt acht, dass euch nicht jemand irreführt!
Viele werden in meinem Namen kommen und sagen: Ich bin es.
Und sie werden viele irreführen.“ (Vers 5–6)
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Es ist die Angst – „wenn (man) von Kriegen und Kriegsgerüchten hört“ (Vers 7) – die einen in die Hände falscher Messiasse und ihrer Propheten treiben kann. Dagegen richtet Jesus den Aufruf:

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Erschreckt nicht!
Es muss geschehen, (ist) jedoch noch nicht das Ende.“ (Vers 7)
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Dass all das geschehen muss, besagt, dass es von Gottes Heilsplan umfasst ist.33 Damit ist nicht gemeint, dass es Gott ist, der die Kriege und Katastrophen schickt, sondern dass Gott aus dem, was Menschen zu ihrem eigenen Schaden und zum Schaden vieler verschulden, etwas Positives machen kann. Dieses Positive besteht nach Markus 13 darin, dass Christen unter den verschärften Bedingungen ihrer Verfolgung Zeugnis vom wahren Christus ablegen können. Dazu mehr im folgenden Kapitel. Schauen wir zuvor, wie Menschen, die sich von falschen Heilsmittlern verführen lassen, sich und anderen schaden:

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„Denn Volk wird gegen Volk aufstehen und Reich gegen Reich“ (Vers 8a)
174
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Das geschieht in gesteigertem Maße – in einer wechselseitigen, durch religiösen Fanatismus angeheizten Eskalation – wenn die jeweiligen Gegner sich als von (ihrem) Gott gesandte Agenten verstehen: gesandt, um zu Ehren dieses Gottes sich selber zu verherrlichen.

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Dass religiöser Fanatismus Kriege anheizt, zeigt sich auch am Jüdischen Krieg von 66–70. In seinem Werk über diesen Krieg hat der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus die messianischen Ambitionen der jüdischen Freiheitskämpfer stark herausgearbeitet. Er konnte das, weil er einst selber einer von ihnen war. Als ihm die konkurrierenden Anführer zu radikal wurden, schlug er sich auf die Seite der Römer. Dass er dabei nicht getötet wurde oder in Sklaverei geriet, sondern sogar das römische Stadtrecht erlangte, konnte er seinem ideologischen Geschick zuschreiben. Nun besang er die messianische Sendung des die Juden bekämpfenden Feldherrn und späteren Kaisers Vespasian, – natürlich nicht eine Sendung von Jahwe für die Juden, sondern von Jupiter für die Römer. So konnte er Vespasian (wie auch dessen Sohn und Nachfolger Titus)34 beeindrucken und für sich gewinnen.35 Nicht nur die Juden, auch die Römer waren anfällig für religiöse Überhöhungen politischer Konflikte.

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„Denn Volk wird gegen Volk aufstehen und Reich gegen Reich.
Erdbeben werden an verschiedenen Orten sein,
Hungersnöte werden sein.
Anfang der Wehen dies!“ (Vers 8)
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In der Folge verbindet unser Text also das von Menschen verursachte Unheil (Kriege) mit Naturkatastrophen (Erdbeben). Hungersnöte können beides sein: naturbedingt oder von Menschen verschuldet. Gemeinsam ist all diesen Unheilsereignissen, dass sie Schrecken erzeugen. Und das geschieht in gesteigertem Maß, wenn man in ihnen Zeichen für den kommenden Untergang sieht. Das lähmt das nüchterne Verstehen, und es lähmt ein angemessenes Handeln. Die Angststarre kann jederzeit in aggressiven Aktivismus oder in panische Flucht umschlagen.36 Keines von beidem entspricht jener Wachsamkeit, die Jesus in seiner Rede fordert. Dagegen hält Jesus:

178
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„Erschreckt nicht! (Denn das) muss geschehen, (es ist jedoch) noch nicht das Ende. [....] (Erst der) Anfang der Wehen (ist) dies.“ (Vers 7.8)
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6. „Gebt vielmehr acht auf euch selbst“ – Christenverfolgung als Chance für eine weltweite Verkündigung des Evangeliums

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„Gebt vielmehr acht auf euch selbst!
Sie werden euch an Synhedrien [= jüdische Gerichtshöfe] ausliefern
und in Synagogen prügeln.
Ihr werdet um meinetwillen vor Statthalter und Könige gestellt werden ...“ (Vers 9)
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Das ist nun Jesu zweite Aufforderung an die Christen, acht zu geben, und zwar diesmal nicht im Blick auf andere Menschen, um nicht von falschen Propheten und Messiassen irregeführt zu werden, sondern im Blick auf sich selber.37 Kriege und Katastrophen, die in die Hände falscher Heilsmittler treiben können, betreffen die ganze Bevölkerung. Die Verfolgungen, von denen nun die Rede ist, betreffen nur die Christen. Sie werden sowohl von jüdischer als auch von heidnischer Seite angeklagt und verurteilt werden.38 Grund für die Verfolgung ist das freimütige Bekenntnis zu Christus:

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„Ihr werdet um meinetwillen vor Statthalter und Könige gestellt werden ...“ (Vers 9c)
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6.1 „Nicht ihr seid es, die reden, sondern der Heilige Geist“ – Christenverfolgung als Chance

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Die Verfolgung um des Namens Christi willen wird allerdings in Zeiten der Bedrängnis zunehmen. Denn Kriege und Katastrophen können Menschen in eine falsche Religiosität hineintreiben. Wer Messiasse und Propheten fälschlich für von Gott gesandt hält, wird jene als gottlos verdammen, die diesen Messiassen und Propheten nicht nachlaufen.39 Ebenso konnten Christen als gottlos erscheinen, wenn sie überhitzte Endzeiterwartungen nicht teilten, – nicht weil sie selber keine Endzeiterwartungen hätten, sondern weil sie sich nüchtern und wachsam vor vorschnellen realgeschichtlichen Identifizierungen hüten. Angesichts eines zunehmenden nationalreligiösen und apokalyptischen Fanatismus verlangt Jesus diese Nüchternheit von seinen Jüngern sowie von uns als christlichen HörerInnen des Evangeliums.40

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Für solch zugespitzte Verfolgungssituationen verlangt Jesus von seinen NachfolgerInnen, dass sie sich nicht von äußeren (An-)Zeichen blenden oder abschrecken lassen, sondern auf sich achten, das heißt, auf die Anzeichen von Gottes Wirken im eigenen bedrohten Leben. Wer von verfolgenden Tätern zum Opfer gemacht wird, ist nicht zu passivem Leiden verdammt, sondern zu neuer Aktivität berufen. Wer wegen seines Christuszeugnisses vor den jüdischen und heidnischen Gerichten verurteilt wird, hat die Möglichkeit, dort sein Zeugnis erneut vorzubringen und so das Evangelium weiter zu verkünden:

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„Ihr werdet um meinetwillen vor Statthalter und Könige gestellt werden
ihnen zum Zeugnis.
Und allen Völkern muss zuerst das Evangelium verkündet werden.“ (Vers 9c–10)
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Das Gute, das Christen aus dem Schlechten von Krieg, Katastrophen und Verfolgungen machen können, besteht darin, dass sie unter verschärften Bedingungen – verschärft durch die Irrlichter falscher Messias-Christusse und Propheten41 – den wahren Christus verkünden: nämlich jenen Messias, der nicht auf einem Streitpferd, sondern auf einem jungen Esel nach Jerusalem einmarschiert (Mk 11,7), – und auf diesem sanften, liebevollen Weg doch die Macht hat, die Stadt Gottes zu übernehmen.

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Dies ist die Macht des Gekreuzigten, der als leiblich Auferstandener zum Anfang der neuen Schöpfung und als solcher zum Mittler aller Schöpfung wurde.42 Diese Mittlerschaft wird erfahrbar durch den Heiligen Geist, der den Christen bereits jetzt – anfanghaft – einen Zugang zum auferstandenen Christus und als solches zur neuen Schöpfung eröffnet.43 Weil diese neue Schöpfung durch Christus jeden Menschen und jedes Stück alte Schöpfung in dessen verborgenem Innersten berührt, können vom Heiligen Geist geführte Menschen andere Menschen in deren Innerstem erreichen.44 Deshalb kann Jesus die Anweisung geben:

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„Und wenn sie euch abführen und ausliefern,
sorgt nicht im Voraus, was ihr reden werdet.
Sondern was euch in jener Stunde gegeben wird, das redet!
Denn nicht ihr seid es, die reden, sondern der Heilige Geist.“ (Vers 11)
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6.2 Kairos: Gottesbegegnung als Gnade, Freisetzung und (möglicherweise) Gericht

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Das Christuszeugnis im Heiligen Geist, das zugleich ein Zeugnis des Heiligen Geistes (d.h. vom Heiligen Geist gewirkt) ist, vergegenwärtigt Jesus Christus und verwirklicht so auch für andere den Kairos einer Begegnung mit ihm. Kairos ist ein bibelgriechisches Wort für Zeit und meint einen besonderen Zeitpunkt der Gottesbegegnung oder ein Ereignis (der Gottesbegegnung), das seine besondere, begrenzte Zeit hat.45 Dadurch, dass Gott mit seiner Gnade sich im Leben von Menschen offenbart, wird die menschliche Freiheit nicht außer Kraft, sondern frei gesetzt. Tiefer als zuvor erkennt man Gott. Deshalb kann und muss man ihm gegenüber Stellung beziehen. Man kann und muss das Ereignis der Gnade – und damit Gott selber – annehmen oder aber ablehnen.46

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Deshalb bewirkt der Kairos einer (durch ein geisterfülltes Christuszeugnis vermittelten) Gottesbegegnung nicht automatisch Heil und Frieden, sondern kann sich auch destruktiv auswirken. Je nachdem, ob ein Kairos mit der durch ihn freigesetzten Freiheit angenommen oder abgelehnt wird, wirkt er sich als Gnade oder als Gericht aus.

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Und es kommt vor, dass in einer sozialen Gruppe, die ein Christuszeugnis und so einen Kairos der Gottesbegegnung erfährt, manche Menschen das Gnadenangebot annehmen, während andere es zurückweisen. In diesem Fall bewirkt der Kairos nicht nur bei den Ablehnenden Unheil und Unfriede. Es kommt auch zu einer Spaltung zwischen jenen, die das Gotteszeugnis annehmen und jenen, die es zurückweisen.47 In diesem Sinn ist die Fortsetzung von Jesu apokalyptischer Rede zu verstehen:

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Und Bruder wird den Bruder in den Tod ausliefern und der Vater das Kind.
Und Kinder werden sich gegen Eltern erheben und sie töten.“ (Vers 12)
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Man beachte das einleitende „und“. Es knüpft die beschriebene gewalttätige Polarisierung an die vorausgehende vollmächtige Verkündigung durch den Heiligen Geist. So bringt Christus – und die Christen, die ihn im Heiligen Geist vollmächtig verkündigen – den Menschen nicht nur Heil und Frieden, sondern auch jenes Schwert, vor dem Jesus nach dem Lukasevangelium warnt:

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„Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und die Hausgenossen eines Menschen werden seine Feinde sein.“ (Mt 10,35-36)
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Diese Spaltung ist nicht von Gott intendiert, sondern eine Folge eines Heilsdramas,48 die durch den göttlichen Heilswillen ausgelöst wird, der das Heil nicht aufzwingt, sondern mit den Kairoi, die er gibt, die menschliche Freiheit respektiert und freisetzt.49 So bewirkt Gottes Wort eine Spaltung zwischen Menschen und eine Spaltung im Menschen:

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„Denn lebendig ist das Wort Gottes, kraftvoll und schärfer als jedes zweischneidige Schwert; es dringt durch bis zur Scheidung von Seele und Geist, von Gelenk und Mark; es richtet über die Regungen und Gedanken des Herzens; vor ihm bleibt kein Geschöpf verborgen, sondern alles liegt nackt und bloß vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft schulden.“ (Hebr 4,12f)
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6.3 „Von allen gehasst“ und doch mit Aussicht auf Rettung

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„Und ihr werdet von allen gehasst werden um meines Namens willen.“ (Vers 13a)
201
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Diese Ankündigung ist nicht pauschal zu verstehen, sondern als eine Möglichkeit, die passieren kann. Wo das Christuszeugnis Gruppen spaltet, kann ein „Jeder gegen jeden“ in ein „Alle gegen einen“ umschlagen, nämlich gegen die Christen, denen aufgrund ihres Christuszeugnisses die Verantwortung für die Spaltung zugeschrieben wird. So kann es statt zu einer umfassend versöhnten Einig aller, auf die das Evangelium eigentlich hinzielt, zu einer Versöhnung aller gegen Christus bzw. gegen seine Mittler und Zeugen kommen. Auf diese Weise wurden Herodes und Pilatus Freunde (Lk 23,12), und auf diese Weise verbündeten sich in Jerusalem gegen den gesalbten, „heiligen Knecht Jesus [...:] Herodes und Pontius Pilatus mit den Heiden und den Stämmen Israels“ (Apg 4,27). Dazu sagt Jesus an anderer Stelle:

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„Ein Jünger steht nicht über seinem Meister und ein Sklave nicht über seinem Herrn. Der Jünger muss sich damit begnügen, dass es ihm geht wie seinem Meister, und der Sklave, dass es ihm geht wie seinem Herrn. Wenn man schon den Herrn des Hauses Beelzebul nennt, dann erst recht seine Hausgenossen.“ (Mt 10,24f)
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Wer dieser Sündenbockrolle zu entkommen versucht – durch Flucht, Aggression oder faule Kompromisse –, wird dadurch aufgerieben werden. Wer durchhält, kann wie Jesus vom Stein, an dem alle sich stoßen, zum Eckstein werden,50 – indem er oder sie Christus vergegenwärtigt:

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„Wer aber ausharrt bis ans Ende, dieser wird gerettet werden.“ (Vers 13b)
205
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Christen werden – durch alle Verfolgung und Isolation hindurch – gerettet werden, indem sie die Zerreißprobe zwischen Treue zu Gott und (von daher) kritischer Solidarität zu den Menschen aushalten und auf diese Weise selber zum Mittler und Retter für viele werden.

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7. „Sterne werden vom Himmel fallen“ – Apokalypse und Wiederkunft Christi (Parusie)

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Wir haben jetzt – in einer durchmischten Reihenfolge – alle Stationen der Markusapokalypse in den Blick genommen, soweit sie Ereignisse beschreiben. In einer chronologischen Folge unterscheidet der Text zwei Phasen:51

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(1.) die Zeit der Bedrängnis vor dem Ende, mit zwei Unteretappen:

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(1.1) Der Anfang der Bedrängnis („Anfang der Wehen“), mit
       (1.1.1) Kriegen und Naturkatastrophen, sowie
       (1.1.2) Christenverfolgung als Chance zur Verkündigung des Evangeliums
(1.2) Der Höhepunkt der Bedrängnis (Zerstörung Jerusalems)
Diese beiden Unteretappen werden eingerahmt von der Warnung vor falschen Messiassen und Propheten (1.0 und 1.3)(2.) Ende und Vollendung (Apokalypse), mit drei Unteretappen:
(2.1) Kosmische Katastrophen
(2.2) Wiederkunft Christi in Herrlichkeit (Parusie)
(2.3) Sammlung aller Auserwählten
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Dieser zweite Teil, den ich eingangs nur oberflächlich angesprochen habe, soll jetzt genauer untersucht werden. Beginnen wir mit den kosmischen Katastrophen:

211
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„Aber in jenen Tagen nach jener Drangsal
wird die Sonne verfinstert werden,
und der Mond wird seinen Schein nicht geben.
25 Und die Sterne werden vom Himmel fallen,
und die Kräfte in den Himmeln werden ins Wanken gebracht werden.“ (Vers 24f)
212
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Sonne, Mond und Sterne stehen für eine stabile kosmische Ordnung in Raum und Zeit. Sie dienen der räumlichen Orientierung und der Einteilung der Zeiten. Die biblisch-apokalyptische Sprache verwendet für diese geordnete Welt den Begriff Äon. Der alte Äon (der einzige, den wir kennen), d.h. die ganze Schöpfung in ihren räumlichen und zeitlichen, kosmischen und geschichtlichen Dimensionen, wird außer Kraft gesetzt werden, indem Gott die „Kräfte in den Himmeln“ (Vers 25), die diese Weltordnung aufrecht erhalten, zurückzieht.52 Gott tut dies nicht, um die immer schlechter gewordene alte Schöpfung zu vernichten, sondern um sie um die Mitte des von Gott kommenden Menschensohns als neue Schöpfung zu konstituieren:53

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„Und dann werden sie den Menschensohn auf Wolken
mit großer Macht und Herrlichkeit kommen sehen.“ (Vers 26)
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Im Buch Daniel ist der „Menschensohn“ die apokalyptische Figur eines Messias, der nicht in der Linie irdischer Herrscherdynastien, sondern von Gott her kommt.54 Mit dem griechischen Begriff für Kommen bzw. Ankunft wird hier von der Parusiedes Menschensohns gesprochen. In diesem Sinn hat Jesus in den Evangelien die Rede vom Kommen des Menschensohns immer wieder auf sich bezogen. Analog spricht die Markusapokalypse von Jesus Christus, der in Herrlichkeit als neue Mitte einer neuen Welt ankommen wird. „Auf den Wolken“ ist dabei keine räumliche Vorstellung, sondern bedeutet: von Gott her (auch: von Gott her legitimiert), und zwar so, dass er nicht mehr im Verborgenen, sondern für alle Menschen sichtbar kommt. Niemand kann sich mehr der Begegnung mit ihm entziehen.55

215
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Dabei stellt sich die Frage: Wenn die alte Weltordnung untergeht, wer sind dann jene, die den Menschensohn kommen sehen (Vers 26)? Es müssen Menschen aus dem alten Äon sein, am ehesten die Glaubenden.56 Es gibt also eine Kontinuität zwischen alter und neuer Weltordnung. Der alte Äon wird erschüttert, aber nicht ersetzt, sondern transformiert werden: um eine neue Mitte, mit neuen Ordnungen und Gesetzen. Was in der alten Welt gut und gerecht war, kann für die neue Welt eingesammelt werden:

216
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„Und dann wird er die Engel aussenden
und seine Auserwählten aus den vier Winden zusammenbringen,
vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels.“ (Vers 27)
217
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Zusammengebracht, gesammelt werden sie von überallher, aus allen Richtungen, selbst von den äußersten Enden der Welt. Vorausgesetzt ist damit, dass es weit mehr Auserwählte gibt als jene ausdrücklichen ChristusanhängerInnen, die man kennt oder sich auch nur vorstellen kann.57

218
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8. „Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht“ – Wie wir Naherwartung verstehen können

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Jetzt bleibt noch der Schlussteil der Markusapokalypse auszulegen. Auch dieser dritte Teil mit Mahnungen und Warnungen ist in drei Teile ausgefaltet:58

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(3.1) Das Gleichnis vom Feigenbaum
(3.2) Ein dreifaches Amen-Wort            
       (3.2.1) zu Naherwartung (noch für dieses Geschlecht),
       (3.2.2) zur unvergänglichen Gültigkeit der Worte Jesu und
       (3.2.3) zur Nicht-Terminisierbarkeit der Ankunft Jesu
(3.3) Eine dreifache Mahnung zur Wachsamkeit, mit dem Gleichnis vom Türhüter
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8.1 These: Die Naherwartung bezieht sich auf kirchliche Erfahrungen und Ereignisse, die auf Parusie und Apokalypse vorgreifen und so die Entwicklung auf Ende und Vollendung hin beschleunigen

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Im Gleichnis vom Feigenbaum (3.1) und in Jesu erstem Amen-Wort (3.2.1) geht es um eine Naherwartung von Ende und Vollendung. Das ist ein schwieriges Schlüsselthema der Markusapokalypse, der Verkündigung Jesu und der neutestamentlichen Eschatologie insgesamt. Darauf gehe ich in diesem und dem folgenden 9. Kapitel ausführlich ein. Zentrale These wird sein, dass sich die Naherwartung (wonach sich noch in dieser Generation dies alles ereignen wird!) auf gegenwärtige Erfahrungen von Ende und Vollendung bezieht, die durch Jesu Tod und Auferstehung ermöglicht werden (Kap. 9). Ich werde Erfahrungen benennen, welche die Ankunft Jesu und den Weltuntergang vorwegnehmen, und zwar sowohl innerlich-existenziell als auch äußerlich in geschichtlichen Ereignissen. Dadurch, dass sich äußere Ereignisse und innere Erfahrungen, die auf Ende und die Vollendung vorausgreifen, gegenseitig verstärken, treiben sie die Welt- und Menschheitsgeschichte auf Apokalypse und Wiederkunft Christi zu. Ende und Vollendung sind deshalb nicht Termine, sondern existenzielle und heilsgeschichtliche Dynamiken, die seit Jesu Tod und Auferstehung wirken. Deshalb wird die Endzeit nicht erst irgendwann mit dem Weltuntergang (Mond und Sonne sind verfinstert, Sterne fallen vom Himmel) beginnen, sondern hat mit (seit Jesu Auferstehung, Himmelfahrt und Geistsendung) verschärften Bedrängnissen für Welt und Christen bereits begonnen. Endzeit lässt sich von daher präzise bestimmen als die Zeit zwischen Jesu Erhöhung (mit Tod, Auferstehung, Himmelfahrt und Geistsendung) vor zwei-tausend Jahren und dem vor uns liegenden Ende von allem. Diese Endzeit ist zugleich die Zeit der Kirche, und zwar aufgrund eines kausalen Zusammenhangs: Die Kirche als die in alle Welt verstreute und erst bruchstückhaft (auch gegeneinander) sich sammelnde Gemeinschaft aller Menschen, die irgendwie (explizit oder implizit) Christus begegnet sind und seinem Ruf gefolgt sind, ist der eigentliche Ort jener das Ende und die Vollendung vorwegnehmenden und die Welt daraufhin beschleunigenden Erfahrungen und Ereignisse, von denen im Folgenden die Rede sein wird. Die Kirche ist also Ferment für die Apokalypse und die Wiederkunft Christi.59 Oder mit anderen Worten: Mit ihrer Christusbotschaft, die sie verkündigt, mit den Sakramenten, die sie feiert, mit der Gemeinschaft, die sie aus der Mitte Jesu Christi lebt, und mit ihrem integrierenden Dienst vor allem an den Ausgestoßenen und an den Rand Gedrängten, die die Welt braucht, um sich gegen sie zu einen: Mit alldem ist die Kirche (idealerweise)60 Zeichen für das Ende und die Vollendung der Welt, indem sie dieses Bezeichnete (nämlich Ende und Vollendung) gegenwärtig erfahrbar und wirksam macht. Die Kirche ist der „Ort“, an dem Menschen nicht nur auf Ende und Vollendung hin, sondern von Ende und Vollendung her leben.

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Diesen dichtgefassten Zusammenhang werde ich im folgenden, längsten Kapitel eng am Text der Markusapokalypse ausfalten. Es wird dabei nicht nur darum gehen, die Verse zur Naherwartung zu deuten, sondern von ihnen her den vorausgehenden Text über Ende und Vollendung neu und tiefer zu verstehen: kosmische Apokalypse, Wiederkunft Christi und Sammlung der Auserwählten in ihrer jeweiligen Gegenwartsbedeutung. Auf diese Weise werde ich die These begründen, dass Naherwartung sich mit den durch Christus ermöglichten Gegenwartserfahrungen von Apokalypse und Parusie erfüllt.

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8.2 Das Gleichnis vom Feigenbaum (1)

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Beginnen wir mit dem Feigenbaumgleichnis:

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„Vom Feigenbaum aber lernt das Gleichnis:
Wenn sein Zweig schon weich wird und die Blätter herauswachsen,
erkennt ihr, dass der Sommer nahe ist.
29 So auch ihr, wenn ihr dies geschehen seht:
Erkennet, dass es nahe vor der Türe ist!“ (Vers 28f)
227
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Der Feigenbaum verliert seine Blätter im Winter und sie wachsen im kurzen Frühjahr schnell heran. So ist das Austreiben der Blätter ein verlässlicher Hinweis auf den kommenden Sommer. Ebenso gilt es, die Zeichen der Zeit wachsam wahrzunehmen,61 um daraus die Nähe des Endes mit der Wiederkunft Christi zu erkennen.

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Diese verbreitete Erklärung verdeutlicht zwar die Aussageabsicht des Gleichnisses, gibt aber noch kaum Anhaltspunkte, worauf wir denn nun konkret achten sollen. Ich stelle diese Frage noch etwas zurück,62 weil wir dafür einige Klärungen brauchen, die sich aus dem Folgenden ergeben, nämlich aus dem ersten Amen-Wort:

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„Amen, ich sage euch,
dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht.“ (Vers 30)
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Meinten Jesus und das Markusevangelium damit, dass „dies alles“ – einschließlich Weltuntergang und Parusie – innerhalb weniger Jahrzehnte (nämlich der damaligen Generation) geschehen würde?63 Das wäre dann eine terminisierte Naherwartung, die sich als falsch erwiesen hätte. Hat sich also die Urkirche oder sogar Jesus selber mit ihrer für die Glaubensverkündigung zentralen Endzeiterwartung getäuscht? Um eine solche Konsequenz zu verhindern, wurde auf verschiedene Weisen versucht, die Aussage zu entschärfen:

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Erstens durch die Annahme, Jesus habe sich mit „dies alles“ nur auf die Zeit der Bedrängnis vor der eigentlichen apokalyptischen Endzeit bezogen.64 Dann hätte er allerdings recht behalten, denn die Zerstörung Jerusalems als zeichenhafter Höhepunkt der Bedrängnis erfolgte im Jahr 70, also 40 Jahre später. Das war noch innerhalb der zur Zeit Jesu lebenden Generation, also bevor „dieses (gegenwärtig lebende) Geschlecht“ vergehen würde. Aber eine solche Einschränkung ist willkürlich. „Dies alles“ steht unmittelbar nach den apokalyptischen Aussagen von Vers 24–27; es ist deshalb nicht nachvollziehbar, warum sie nicht dazugehören sollten.

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Oder man dehnte die Bedeutung von „dieses Geschlecht“ aus.65 Unser Vers würde dann besagen, dass „dies alles“ geschehen wird, bevor das (sündige) menschheitliche Geschlecht dieses alten Äons vergehen würde. Damit aber wäre unser Vers auf die ziemlich banale Aussage reduziert, dass die Menschheit nicht untergehen wird, bevor Weltuntergang und Wiederkunft Christi stattfinden.66

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Sind wir also gezwungen, entweder den Text problematisch umzudeuten oder aber einen biblischen und/oder jesuanischen Irrtum in der zentralen Frage der Naherwartung anzunehmen? Diesen unglücklichen Alternativen können wir entgehen, wenn wir von der Christusbotschaft her unser gewohntes chronologisches Zeitverständnis transformieren lassen.

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8.3 Transformation der frühjüdischen Apokalyptik durch den Glauben an den auferstandenen Jesus Christus

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Wie bereits oben beschrieben, folgt die frühjüdische Apokalyptik einem Schema zweier sich ablösender Äonen: Die alte Welt- und Schöpfungsordnung wird spektakulär zerbrechen und um die Mitte eines von Gott kommenden Messias oder Menschensohnes als neue Schöpfung konstituiert werden. In diesem Zusammenhang konnte sich auch der Glaube an eine künftige leibliche Auferstehung bilden und weitgehend durchsetzen: Die Verstorbenen werden von Gott erweckt und mit einer neuen Leiblichkeit im neuen Äon leben.67

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Vor diesem Hintergrund wäre der Glaube, dass der Gekreuzigte einst durch Gott auferweckt werden wird, für die meisten zeitgenössischen Juden unproblematisch.68 Als absurd musste den auferstehungsgläubigen Juden aber der von den Jüngern bezeugte Anspruch erscheinen, dass Jesus bereits gegenwärtig leiblich auferweckt ist – und zwar zu einem grundsätzlich neuen, dem Tod nicht mehr ausgesetzten Leben, während die alte Welt doch unbestreitbar weitergeht. Gemäß jüdischer Apokalyptik konnte eine solche Auferstehung doch erst erfolgen – und zwar für alle (Gerechten)69 –, nachdem die alte Schöpfung apokalyptisch untergegangen ist. Weil das ganz offensichtlich noch nicht geschehen war, konnte das Zeugnis der ersten Christen von der bereits erfolgten leiblichen Auferstehung Jesu Christi nur als absurd abgetan werden.70

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Schematisch lässt sich die christliche Transformation jüdischer Apokalyptik als eine Überlappung der Äonen beschreiben. Während der alte Äon weitergeht, hat in Christus die neue Schöpfung bereits begonnen, – und zwar in einer Weise, die den alten Äonen betrifft und verändert:71 nicht nur in den – von vielen Theologen als Legenden relativierten – Erzählungen über die Erscheinungen des Auferstandenen, sondern in einer geistgewirkten inneren Verbundenheit mit dem Auferstandenen, wodurch wir selber in gewisser Weise bereits eine „neue Schöpfung“ sind (2 Kor 5,17). Nicht als ob wir als bereits Auferstandene den Tod hinter uns gelassen hätten;72 aber „in Christus“ ist für uns mitten in der alten, dem Tod verfallenen Schöpfung die neue Schöpfung mit ewigem Leben bereits eine gegenwärtige Realität. So leben Christen nicht nur auf die Vollendung hin, sondern von der Vollendung her.

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8.4 Warum Jesus sich mit der Naherwartung nicht geirrt hat

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Mit einem derart transformierten Zeitverständnis stellt sich auch die Frage nach der Naherwartung – ob sich Weltende und Parusie tatsächlich schon innerhalb der Generation Jesu Christi ereignet haben – auf neue Weise.

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Zunächst: Aus seiner Perspektive hatte Jesus mit seiner Naherwartung in gewisser Weise recht.73 Nicht nur, dass in seinem Tod die Welt für ihn unterging, was für jeden Sterbenden der Fall ist. Mit seiner Auferstehung ging eine neue Schöpfung auf, in der Tod und Böses keine Macht haben. Und zwar nicht nur für ihn: Seine Person wurde aus dem alten in den neuen Äon gerettet, und zwar so, dass durch die Auferweckung dieser neue Äon erst begann. Dieser Aufgang einer neuen Schöpfung wirkt sich auf die ganze alte Schöpfung aus.

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Allerdings hatte Jesus, wie er von den Evangelien bezeugt und rezipiert wurde, dabei eines gewiss nicht Blick: dass die durch seine Auferstehung anbrechende neue Schöpfung nicht bloß wenige Jahrzehnte, sondern Jahrhunderte und Jahrtausende brauchen würde, bis sie die alte Schöpfung an jenes Ende treiben würde, wo sie in die neue Schöpfung transformiert wird. Dass dieses für uns natürlich sehr wichtiges Faktums im Neuen Testament ausgeblendet blieb, stellt aber aus zwei Gründen kein wirkliches Problem und schon gar keine Widerlegung der auf Jesus gründenden Endzeiterwartung dar:

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Erstens betont Jesus mehrfach mit Nachdruck, dass die chronologische und terminologische Frage niemandem, auch ihm selber nicht offenbar ist. Auch zwei Verse weiter in der Markusapokalypse:

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„Was aber jenen Tag und die Stunde betrifft, so kennt sie keiner,
weder die Engel im Himmel, noch der Sohn, sondern nur der Vater.“ (Vers 32)
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Zweitens beschreibt die neutestamentliche Apokalyptik – projiziert auf einen Zeithorizont von wenigen Jahrzehnten – jene Dynamiken, die sich von der Erhöhung Christi (Tod, Auferstehung und Himmelfahrt, Ausgießung des Heiligen Geistes) auf die Erfahrung der Christen und über ihr Zeugnis auf die Wirklichkeit der alten Schöpfung auswirken, so dass diese in Apokalypse und Parusie an ihr Ende und zu ihrer Vollendung getrieben wird. Genau diese Dynamik hat sich mittlerweile zweitausend Jahre lang von Christus her über die Christen auf die Welt ausgewirkt. Wichtig für uns ist nicht die Chronologie, sondern das Verstehen dieser Dynamik, so dass wir begreifen, wie wir wachsam leben können und worauf wir dabei zu achten haben. Und für ein solches der Praxis und Christusnachfolge dienendes Verstehen gibt uns die neutestamentliche Apokalyptik – projiziert auf einen Zeithorizont von wenigen Jahrzehnten – exemplarisch alles, was wir brauchen.

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9. Vorschattungen von Ende und Vollendung in Erfahrungen und geschichtlichen Ereignissen

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9.1 Vorausgreifende Gegenwartserfahrungen von der Ankunft (Parusie) Jesu Christi

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Schauen wir also, wie sich folgende Aussage von Jesu Parusie bereits vorweg in Erfahrungen seiner Ankunft verwirklicht:

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„Und dann werden sie den Menschensohn auf Wolken
mit großer Macht und Herrlichkeit kommen sehen.“ (Vers 26)
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Für die Jünger, denen der Auferstandene erschien, wurde diese Verheißung in einer proleptischen, das heißt auf die Vollendung vorgreifenden, aber sie noch nicht voll einholenden Weise74 eingelöst. Ebenso für Stephanus, als er bei seiner Steinigung „voll Heiligen Geistes in den Himmel starrte“ und dort „die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen“ sah (Apg 7,55). Und wenig später für Saulus/Paulus, als ihn vor Damaskus „ein Licht vom Himmel umstrahlte“, so dass er zu Boden stürzte und eine Stimme sagen hörte: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich“ (Apg 9,3f).

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Von solchen Erfahrungen her beinhaltete das Christuszeugnis der ersten Christen den Anspruch, dass Jesus Christus nicht erst in einer anderen, zukünftigen und (ohne Beziehung zu dieser Welt) jenseitigen Welt auferstehen wird, sondern bereits leiblich75 auferstanden ist. Viele von ihren HörerInnen wurden durch das geisterfüllte Zeugnis, das sie empfingen, selber vom Heiligen Geist erfasst, und dieser öffnete nun ihnen einen erfahrungsmäßigen Zugang zu Christus als dem Auferstandenen und damit zur neuen Schöpfung. Über eine ununterbrochene apostolische Tradition76 können Christen bis heute ihr Leben um die Mitte des (nicht nur bezeugten, sondern im Heiligen Geist erfahrenen) auferstandenen Christus neu ausrichten und solcherart nicht mehr nur auf die Vollendung hin, sondern von der Vollendung her leben. So werden auch wir befähigt und berufen, unsererseits mit sicherer Evidenz77 zu bekennen und zu bezeugen, dass Christus auferstanden ist.

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Es gibt also vorausgreifende Gegenwartserfahrungen von der Ankunft Jesu Christi, ohne dass dadurch verdeckt würde, dass die Parusie als für alle sichtbares Ereignis noch aussteht. Im Gegenteil: Da die beglückenden78 Erfahrungen seiner gegenwärtigen Ankunft in den Kairoi unseres Lebens stets nur begrenzte sind, da sie noch nicht das ganze Leben und die ganze Welt erfasst haben, wächst damit die Sehnsucht, dass er kommen möge „wie im Himmel, so auf der Erde“79. Und die gesteigerte Sehnsucht nach seinem Kommen ermöglicht wiederum stärkere Erfahrungen seiner Gegenwart.80

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9.2 Die Welt geht einem unter: Vorausgreifende Gegenwartserfahrungen der kosmischen Apokalypse

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Allerdings bezieht sich die Naherwartung von Vers 29 – dass dieses Geschlecht nicht vergehen wird, bevor dies alles geschieht – auch auf die Aussagen zu einer kosmischen Apokalypse:

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„Aber in jenen Tagen nach jener Drangsal
wird die Sonne verfinstert werden,
und der Mond wird seinen Schein nicht geben.
Und die Sterne werden vom Himmel fallen,
und die Kräfte in den Himmeln werden ins Wanken gebracht werden.“ (Vers 24f)
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Wenn der hier vorgestellte Deutungsansatz zu Jesu Naherwartung – dass diese sich in vorausgreifenden Gegenwartserfahrungen vorweg erfüllt – richtig ist, dann müsste es auch vorausgreifende Gegenwartserfahrungen des Weltuntergangs geben.

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Wir haben schon festgestellt: Sonne, Mond und Sterne stehen nicht bloß (und nicht primär) für einen Teil des empirisch beschreibbaren Kosmos, sondern dienen als Orientierungspunkte für unsere Welterkenntnis in Raum und Zeit. Wer Christus als den Auferstandenen und als Anfang einer neuen Schöpfung erfährt, ist mit einer Wirklichkeit konfrontiert, die die Kategorien unserer vertrauten, an den himmlischen Orientierungspunkten „aufgehängten“ und dem alten Äon zugehörigen Raum-Zeit-Welt sprengt. In letzter Konsequenz81 stellt deshalb eine authentische Christuserfahrung – von Jesus Christus als leiblich Auferstandenem und Repräsentanten einer neuen Schöpfung – vor die Wahl, entweder diese Erfahrung als absurd zu verwerfen, oder aber das vertraute Kategoriensystem zerbrechen zu lassen. Wer Letzteres zulässt, dem verfinstert sich die Sonne; dem gibt der Mond seinen Schein nicht mehr, und dem fallen die Sterne vom Himmel (Vers 24f). Kurz: Seine bzw. ihre Ontologie, das heißt ihr gelebtes Seinsverständnis, zerbricht. In dieser kritischen Phase (die als Teil einer Christuserfahrung mehr oder weniger explizit sein kann) weiß man buchstäblich gar nichts mehr: Nicht was Gott, was Mensch, was Welt ist, nicht wer ich bin und wer mein Nächster ist. Diese beinah totale Verunsicherung wird dafür in Kauf genommen, dass man ein Einziges aufrechterhalten und im stärkstmöglichen Sinn glauben kann,82 was einem damit zum einzigen Halt des ganzen eigenen Seins und der ganzen Welt wird: dass Jesus Christus lebt.

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Diese schlichte Einsicht hat das Potenzial, unser vertrautes Lebens- und Orientierungswissen zu sprengen, denn es bedeutet nicht nur Rückkehr in das alte, sterbliche Leben (wie die Auferweckung von Lazarus), sondern den Anfang einer neuen Schöpfung, die den Tod nicht kennt.83 Diese neue Schöpfung betrifft nicht nur Jesus Christus, sondern steht uns allen offen,84 – und zwar allein durch Christus.85 Und all das sind nicht nur Aussagen über eine ferne Hinterwelt irgendwann nach unserem Tod. Diese Botschaft bricht durch das anstößige Zeugnis von Christen und durch eigene, vom Heiligen Geist vermittelte Erfahrung mitten in die gegenwärtige Welt ein: Wenn die Welt in ihrem innersten, ihr selbst verborgenen Wurzelgrund auf eine neue Schöpfung bezogen ist, die den Tod nicht kennt, dann haben die Todesmächte in all ihren bedrohlichen und faszinierenden Formen in dieser Welt ausgespielt. Zumindest gilt das für jene, denen – durch den auferstandenen Christus, im Heiligen Geist – bereits jetzt ein Ausblick in die neue Schöpfung eröffnet wird. Und dann gilt es, in dieser Welt mit einer radikal neuen Zielsetzung zu leben:

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„... dieses Vergängliche muss sich mit Unvergänglichkeit bekleiden und dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit. Wenn sich aber dieses Vergängliche mit Unvergänglichkeit bekleidet und dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit, dann erfüllt sich das Wort der Schrift: Verschlungen ist der Tod vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ (1Kor 15,54f)
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Was heißt es und wie geht es, dass dieses Vergängliche, das wir sind und das diese Welt ist, sich mit Unvergänglich bekleidet? Es bedeutet, dass wir immer mehr von diesem verborgenen Innersten in uns und aller Schöpfung her leben: von Christus, dem Auferstandenen und dem Aufgang der neuen Schöpfung. Mit der Konsequenz, die Paulus beschrieben hat: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“, so dass ich in Christus – aus ihm als meine neue Mitte – neu lebe. Und es bedeutet, dass es das vordringlichstes Ziel unseres Lebens in dieser Welt ist, dass wir mit Gottes Hilfe diese verborgene Mitte allen sichtbar machen.

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Vieles von diesem Potenzial, das in den schlichten Worten „Jesus lebt“ verborgen ist, hatte Saulus/Paulus vor seiner Bekehrung von den Urchristen vernommen, aber bloß äußerlich. Im Rahmen seines bestens geschulten Wissens über Gott, Mensch und Welt hatte all das keinen Platz. Es war nicht nur unableitbar, sondern völlig absurd. Denn es würde all das sprengen, was doch jeder vernünftige Mensch mit Sicherheit wusste. Deshalb war es für Saulus/Paulus klar: Jesus konnte nicht auferweckt sein, leben, während diese alte Welt noch weiterlief. Er konnte nur ein falscher Messias sein. Und deshalb konnten die Christen konnten nur ärmste Fehlgeleitete und gefährlichste Irrlehrer sein. Deshalb musste er sie verfolgen.

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Und nun hatte er eine Erfahrung gemacht, die sein festgefügtes Weltbild widerlegte. Weil er nicht „gegen den Stachel ausschlug“ (Apg 26,14), sondern diese Erfahrung gelten ließ, musste ihm daran sein Weltwissen zerbrechen. Er erblindete, – nicht nur körperlich, sondern (fast) total. Nur das eine brannte sich ihm ein: „Jesus lebt“ – in jenem gleißenden Licht, heller als die Sonne (Apg 26,13), das ihm alles andere verdunkelte.

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9.3 Ein neuer Aufgang nach dem Untergang: kein mystischer Irrationalismus

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An Paulus zeigt sich aber auch, dass dieses Zerbrechen aller Kategorien keine endgültige Zerrüttung – und damit einen mystischen Irrationalismus – bedeutet. So wie er nach drei Tagen wieder körperlich sehen konnte,86 so fügten sich die zerbrochenen Teile seines Welt- und Gottwissens um die Mitte des gekreuzigten Messias neu zusammen. All sein Wissen jüdischer Theologie, das er vor seiner Bekehrung angesammelt hatte, konnte er nachher wieder einsetzen. Ja, er konnte damit schärfer argumentieren als zuvor. Allerdings mit einer gegenüber früher völlig umgekehrten Pointe:87 dass der gekreuzigte Jesus Christus der Messias ist; dass er bereits leiblich auferstanden ist, obwohl der alte Äon noch weitergeht; und dass es uns von daher möglich ist und dass wir dazu beauftragt sind, mitten im alten Äon weiterzuleben aus einer diesen transzendierenden, der neuen Schöpfung zugehörigen Mitte:

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„Unsere Heimat aber [mit Bürgerrecht] ist im Himmel. Von dorther erwarten wir auch Jesus Christus, den Herrn, als Retter, der unseren armseligen Leib verwandeln wird in die Gestalt seines verherrlichten Leibes, in der Kraft, mit der er sich alles unterwerfen kann.“ (Phil 3,20f)
„Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden. Aber das alles kommt von Gott, der uns durch Christus mit sich versöhnt und uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen hat.“ (2Kor 5,17-18)
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9.4 Vorerfahrungen von Apokalypse und Parusie sind kirchlich und weltverändernd

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Vor-Erfahrungen von Parusie und von Weltuntergang hängen also – wie in Kap. 9.1–9.3 beschrieben – untrennbar miteinander zusammen. Dies sind grundstürzende und ein neues Leben schaffende Erfahrungen, die seit der Auferstehung Jesu immer wieder Menschen machen. Wer sie annimmt, wird eben dadurch Christ. Das christliche Initiationssakrament der Taufe symbolisiert genau diesen Umbruch als einen Durchgang durch einen Tod in ein neues Leben:

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„Wisst ihr denn nicht, dass wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind? Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod; und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben. Wenn wir nämlich ihm gleich geworden sind in seinem Tod, dann werden wir mit ihm auch in seiner Auferstehung vereinigt sein.“ (Röm 6,3–5)
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Diese Initiation durch Tod in ein neues Leben ist darauf hin angelegt, sich gleichsam epidemisch und pandemisch über die ganze Menschheit auszubreiten, – nicht wie eine ansteckende Krankheit, sondern als ihr Gegenteil, weil nicht lebenzersetzend, sondern heilend und Leben schaffend; und über ein „Gesetz“ der Ausbreitung, das nicht mechanistisch–zwingend, sondern „kairologisch“, Freiheit und Entscheidung freisetzend ist. So ergibt sich der Auftrag zur Mission und Evangelisierung, der den durch die Taufe neugeborenen Christen sozusagen in ihre Gene gelegt ist.88 Erneuerte Christen sind Salz der Erde (Mt 5,13), ein Ferment zur Verwandlung der Welt. Für sie, die Kirche und die Welt hängt alles davon ab, dass sie diesem erneuerten Sein entsprechend leben.

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9.5 Vom Evangelium zur Apokalypse: Die Zumutung einer authentischen Christusverkündigung für die Welt

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Daran erkennt man eine echte Erfahrung von Christus als dem Auferstandenen: Christus ist so in das eigene Leben eingebrochen, dass man die Welt nicht mehr so verstehen und in der Welt nicht mehr so leben kann wie zuvor.89 Der in das Leben getretene Christus verlangt den Platz in der Mitte, als Angelpunkt und Eckstein von allem anderen.90 Dafür muss diese Mitte von allem anderen, was bisher absolut galt (die Bibel spricht hier von Götzen), leergeräumt werden. Und wenn das wegfällt, an dem die eigene Welt bisher aufgehängt war, bricht einem das bisherige Welt- und Wertewissen auseinander. Es zerfällt in Trümmer, die – zusammenhanglos – keinen Sinn mehr ergeben. Dies ist die Stunde der Apokalypse mitten in der Welt und mitten im eigenen Leben: Die Welt ist einem untergegangen und Christus regiert absolut.

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Doch auch wenn an Christus, dem Stein des Anstoßes, alles, was nicht Christus ist, zerbricht,91

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geht nichts verloren. Das Zerbrochene ordnet sich neu um die angenommene Mitte des Evangeliums von Jesus, dem Christus. Die größere Tiefe (einer restlosen Selbstauslieferung an Jesus Christus) wird zur größeren Weite – einer Toleranz aus Liebe, die alles erträgt (1 Kor 13,7) und allen alles werden kann,92 ohne dass man ein Wendehals oder Relativist geworden wäre. Denn das Absolutum, an dem alles hängt und von dem her alles zusammenhängt, ist Christus, der, weil er den Platz in der Mitte bekommen hat, vom Stein des Anstoßes zum Eckstein geworden ist.93

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Daraus ergibt sich die maximale Zumutung einer authentischen Christusverkündigung. Das Zeugnis ist maximal plausibel, weil nichts Wahres, das die Welt kennt, verworfen wird. Und gerade so ist dieses Zeugnis maximal provozierend, weil es Christus einen Ort einräumt, den die Welt nicht frei hält.94 Deshalb wird ein authentisches Christuszeugnis immer anstößig sein.

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Das wirft ein neues Licht auf die Prophetie der Christenverfolgung in der Markusapokalypse:

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„Sie werden euch an Synhedrien [= jüdische Gerichtshöfe] ausliefern
und in Synagogen prügeln.
Ihr werdet um meinetwillen vor Statthalter und Könige gestellt werden
ihnen zum Zeugnis.“ (Vers 9)
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Wir sehen nun deutlicher, warum diese Verfolgung ist, und wie sie mit Erschütterungen zusammenhängt, die Menschen in der Begegnung mit Christus erfahren und durch eine authentische Christusverkündigung anderen Menschen – bis an die Grenzen der Erde – zumuten:

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„Und allen Völkern muss zuerst das Evangelium verkündet werden.“ (Vers 10)
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Und es wird auch deutlicher, wie der Heilige Geist, durch diese Christen redet:

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„sorgt nicht im Voraus, was ihr reden werdet.
Sondern was euch in jener Stunde gegeben wird, das redet!
Denn nicht ihr seid es, die reden, sondern der Heilige Geist.“ (Vers 11)
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Der Heilige Geist führt hin und zurück zur Mitte des Christuszeugnisses.95 Er eröffnet einen Zugang zu jener heiligen Mitte, in der allein Christus ohne gravierende Entstellungen aufgenommen werden kann,96 – und von der allein her er der Stein des Anstoßes ist.

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9.6 Spiralen der Eskalation zwischen Apokalypse und Evangelisierung

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Damit hat sich nun innerhalb des apokalyptischen Ablaufplans der Markusapokalypse ein Rückschluss (bildhaft gesprochen: eine Schleife) von Vers 27 zurück zu Vers 9 ergeben: Die Verkündigung des Evangeliums, die durch individuelle und kirchliche Vorweg-Erfahrungen von Parusie und Apokalypse angefacht wird, treibt auch den verborgenen Widerstand von Menschen und Mächten gegen Christus in die Höhe und polarisiert so eine für Christus noch nicht entschiedene Welt.97 Die Evangelisierung beschleunigt die Apokalypse und die Apokalypse wiederum die Evangelisierung.98

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Man darf also die in der Markusapokalypse genannte Ereignisfolge nicht einfach chronologisch interpretieren. Vielmehr handelt es sich um exemplarisch dargestellte Etappen einer „eschatologischen Eskalation“ oder um „eschatologische Kettenreaktionen, die in der Parusie des Menschensohnes kulminieren“99. Spätere Stufen (von überbordender Gewalt oder von proleptisch erfahrener Apokalypse und Parusie) können frühere Stufen (von gesteigertem Schrecken, Anhängerschaft an falsche Heilsmittler sowie von Christenverfolgung) befeuern. Dadurch bilden sich selbstverstärkende Schleifen oder Spiralen zwischen einer authentischen Evangeliumsverkündigung und einer daran sich aufbäumenden Gewalt.100 Auf diese Weise wird die Ausbreitung des Evangeliums auf dramatische Weise vorangetrieben – und zugleich die Gewalt in Richtung auf Apokalypse. Am unabsehbaren Ende dieser zugleich im Guten und im Schlechten eskalierenden Prozesse stehen Weltuntergang und Parusie als finale, die gesamte Schöpfung und jede Freiheit erfassende Vorgänge. Parusie und Apokalypse: Dieses Unvorstellbare können wir nur extrapolierend aus jenen proleptischen Gegenwartserfahrungen von Parusie und Apokalypse erahnen, die durch die gottgesandte Kairoi ausgelöst werden und sich als Gnade und Gericht auswirken können.

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9.7 Der Unterschied zwischen dem eigentlichem Weltende und seinen Vor-Erfahrungen

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Eigentliches Weltende und eigentliche Parusie unterscheiden sich von ihren vorschattenden Gegenwartserfahrungen dadurch, dass es nichts und niemanden mehr geben wird, das bzw. der sich den Erschütterungen des alten Äons und dem damit verbundenen Kommen des Menschensohns entziehen kann. Matthäus macht diesen unterscheidenden Punkt zwischen zukünftig-endgültiger und gegenwärtig sich vorschattender Parusie deutlicher als Markus:

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„[...] wie der Blitz bis zum Westen hin leuchtet, wenn er im Osten aufflammt, so wird es bei der Ankunft des Menschensohnes sein“ (Mt 24,26f)
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Im Unterschied dazu sind die größeren und kleineren Kairoi einer geistgewirkten Erfahrung von Christus als dem Auferstandenen und als Anfang einer neuen Schöpfung wie Lichtblitze, die einem kleineren oder größeren Kreis von Menschen tiefer oder weniger tief aufleuchten und in solcher Partikularität noch ignoriert oder verdrängt werden können.

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9.8 „Die bösen Stunden bis an den Brunnenpunkt erleben“ – Wie Gott die Tage der großen Bedrängnis verkürzt (2)

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„Und wenn der Herr die Tage nicht abgekürzt hätte,
würde kein Fleisch gerettet werden.
Aber wegen der Auserwählten, die er erwählte, hat er die Tage abgekürzt.“ (Vers 20)
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Wir stellten zu diesem Vers bereits fest, dass er einen Gegenentwurf zu einem gewalttätigen zelotischen Messianismus darstellt.101 Denn viele gegen die Römer kämpfende Zeloten waren überzeugt, man könnte durch einen leidenschaftlichen Kampf für Gott und gegen das Böse Gott dazu zwingen, zugunsten seiner Kämpfer und Märtyrer für Israel einzugreifen, – ebenso wie durch ein gesteigertes eigenes Leiden, das man durch den leidenschaftlichen Kampf provoziert. Auf diese Weise könne man die Zeit bis zur endgültigen Durchsetzung des Gottesreichs verkürzen. Im Gegensatz dazu betont die Markusapokalypse, dass es allein Gott ist, der aus eigener Initiative die Zeit des Leidens verkürzt.

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Unsere Überlegungen zu gegenwärtigen Vor-Erfahrungen von Parusie und Weltuntergang geben nun eine Idee davon, wie Gott die Zeit des Leidens verkürzen kann, ohne dass er in den Weltlauf eingreift, indem er dem Gewalttäter in den Arm fällt.102 Gott kann mitten in einer unerträglichen Leidenszeit beglückende Erfahrungen seiner Ankunft schenken, und zwar nicht – wie bei einer Beruhigungsdroge – zum Rückzug aus dieser Welt in einen Himmel, der aus irdischer Perspektive nur wie eine Traum- und Hinterwelt erscheinen kann, sondern als Ankunft mitten in dem Grauen dieser Welt. Ein Schleier wird weggezogen,103 und ein bedrohliches Stück Schöpfung (ein Mensch oder irgendeine geschöpfliche Wirklichkeit) wird transparent auf jenen göttlichen Ursprungspunkt, von dem her sich dieses hässliche Stück Schöpfung als im Grunde absolut schön, gut und liebenswert offenbart, so dass es sich von diesem noch unverdorbenen Kern her als transformierbar und erlösbar erweist für jene neue Schöpfung, in der es den Tod und das Böse nicht mehr gibt. Es wäre vermessen, solche Möglichkeiten am theologischen Reißbrett zu konstruieren. Und es wäre zynisch, sie den Leidenden und Opfern unserer Welt als greifbare Möglichkeit zu demonstrieren. Aber der Zugang zu solchen Gedanken ergibt sich nicht aus der Theorie, sondern aus Lebenserfahrungen, die hart an die Grenze des Vorstellbaren gehen und doch ernst genommen werden müssen: Immer wieder berichten Menschen von Erfahrungen in Grenzsituationen, die dem eben Beschriebenen entsprechen. Man könnte dazu nochmals auf das biblische Zeugnis des Stephanus verweisen, der den Himmel offen sah, während die Steine auf ihn flogen.104 Stattdessen führe ich zwei Beispiele aus der jüngeren Geschichte an; zunächst ein Zeugnis des Jesuiten Alfred Delp, der 1944 von den Nationalsozialisten verhaftet wurde und in sicherer Erwartung der Todesstrafe in seiner Kerkerzelle folgende Erfahrung machte:

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„Ich habe viel mit dem Herrgott zu tun und dranzugeben. Aber das eine ist mir gewiss wie selten: die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen. wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schweren und in den bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen. Das gilt [...] für alles Schöne und auch für das Elend. In allem will Gott Begegnung feiern und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort.“105
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Erschütternd ist, dass Alfred Delp diese Erfahrung nicht – wie viele andere – in der schönen Natur machte, sondern in einer Todeszelle.

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Auch durch solche Erfahrungen kann Gott unerträgliches Leiden verkürzen. Und es reicht nicht, das auf die Ausschüttung körpereigener Opiate in Extremsituationen zurückzuführen. Das vielleicht auch. Aber zugleich weit mehr: Diese Erfahrungen tragen ein Potenzial in sich, über jede vorstellbare Grenze hinaus zu lieben und durch das solcherart gelebte Christuszeugnis Menschen in einer Weise erreichen, die unsere üblichen Vorstellungen sprengen.

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Ein starkes Zeugnis für ein solches Tun, das niemals geleistet, sondern nur mit einer großen Gnade mitvollzogen werden kann, hat für mich eine amerikanische pfingstlerisch-freikirchliche Pastorin gegeben. Ihr langjähriger Einsatz für Kriegswaisen und viele andere Menschen in Mosambik und darüber hinaus106 macht ihr Zeugnis glaubwürdig:

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„Als wir in London lebten, verbrachten wir viel Zeit im Dienst auf den Straßen für die Obdachlosen. Während dieser Zeit lernte ich einen todkranken Alkoholiker kennen, der Patrick hieß. Zwei Jahre lang kam er fast jeden Tag ganz nahe zu mir, sah mir direkt in die Augen und sagte mir, ich solle zur Hölle gehen. Dennoch brachte ich ihm weiterhin Essen und sagte ihm, dass ich ihn liebe, und immer wieder schrie ich zu Jesus, er möge mich lehren, wie ich seine Liebe diesem Mann mitteilen konnte. Eines meiner regelmäßigen Gebete richtet sich an den Herrn, dass er mir zeigt, wie ich lieben kann. Ich will nichts anderes als im Herzen Jesu leben und seine Liebe einer sterbenden Welt vergegenwärtigen. Jahrelang besuchte ich Patrick fast jeden Tag und sprach zu ihm von der Liebe. Oft spuckte er mich an. Manchmal nahm er mein Essen und manchmal warf er es weg.
Als ich eines Tages wieder auf der Straße war, begann eine Frau, der ich diente, mich zu schlagen. Sie war eine überaus hasserfüllte und zerbrochene Person. Sechzehn mal war sie vergewaltigt worden, und sie hatte ein Jahr mit einer gebrochenen Hüfte im Krankenhaus verbracht. Sie war eine Lesbierin und wie ein Mann angezogen.
Schon oft hatte ich ihr gesagt, dass ich sie liebe und dass Jesus sie liebt, als ich sie hielt, ihr zu essen gab und ihr geistlich diente. Eines Tages war sie schwer betrunken und auf Drogen. Sie schlug und stieß mich, aber alles, was ich verspüren konnte, war eine überströmende Liebe für sie. Ich sah sie an und sie war schön für mich.
Jean hatte eine zerbrochene Flasche in der Hand und drohte, dass sie mein Gesicht zerschneiden und mich in die Themse werfen wolle. Ich sagte ihr, wie wunderschön sie war! Ich wusste, dass auch sie zur Adoption berufen und vorherbestimmt war, eine Tochter Gottes zu sein. Als sie mir sagte, dass sie mich töten wolle, war alles, was ich sehen konnte, Schönheit. Ich sagte ihr, dass ich sie liebe. Nach einer gewissen Zeit begann ich mich sehr müde zu fühlen und ich dachte, ich würde in Ohnmacht fallen oder sterben. Ich sagte Gott, dass ich, egal was passieren würde, nur wollte, dass seine Liebe an diesem Ort bekannt werden würde. Patrick sah dem allen zu, und schließlich sagte er, dass er die Polizei verständigen wollte. Ich antwortete ihm, er solle das nicht tun, denn ich wollte nicht, dass Jean wieder ins Gefängnis müsse. Dann kam dieser Mann, der mir zwei Jahre lang gesagt hatte, ich solle zur Hölle fahren, und rettete mich von ihr. Zwei Jahre lang hatte ich ihn geliebt, aber er konnte diese Liebe nicht verstehen oder spüren, weil zu viel Schmerz in seinem eigenen Herzen war. Patrick riss mich von Jean weg, begann dann auf dieser Straße zu weinen und sagte: „Jahrelang hast du mir gesagt, dass Jesus mich liebt. Jetzt habe ich diese Liebe gesehen und ich will ihn.“ Wir hielten uns nur gegenseitig fest, als etwas in ihm aufbrach. Er hielt mich und ich hielt ihn. In seinen schmutzigen Kleidern, Schorf, Läusen und seinem alkoholisierten Zustand hielt ich ihn nur fest. An diesem Tag begegnete er Jesus, weil er Liebe sah.
Ich glaube, wir haben das Evangelium verkompliziert. Jesus will uns auf die Einfachheit der Liebe reduzieren. Mein Sehnsuchtsruf ist es, in Gottes Herz so vollständig verborgen zu sein, dass ich seine Herrlichkeit widerspiegle und niemals antaste. Ich will ganz verborgen in seinem Inneren sein und ihn lieben; seine Liebe den Verlorenen spürbar vergegenwärtigen, den Sterbenden und den Zerbrochenen. Überall, wo ich hinkomme, möchte ich sein Duft sein und lieben, nicht nur mit Worten, sondern in Tat und Wahrheit.
Eine Woche, nachdem Jean mich töten wollte, kam sie mit einem Dutzend Rosen in mein Haus und sagte: „Es tut mir leid, dass ich versuchte, dich zu töten. Ich möchte Jesus.“ Was für ein wunderbarer Tag! Sie wurde freigesetzt von ihrem Hass und ihrem Schmerz. An diesem Tag kam sie heim in das Haus des himmlischen Vaters.“107
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9.9 Der Zusammenhang zwischen inneren und äußeren (katastrophischen) Untergangserfahrungen

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Beide Zeugnisse, von Alfred Delp und von Heidi Baker, geben aus unterschiedlicher Perspektive eine Ahnung davon, dass (auf die Apokalypse vorgreifende) Untergangserfahrungen sowohl existenziell als auch in der Weise von (lebens-)geschichtlichen Katastrophen erfahren werden können, – und zwar so, dass sich beides gegenseitig verstärkt.

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Man würde die apokalyptischen Unheilsprophetien der Bibel unzulässig verinnerlichen, wenn man sie nur auf das Zerbrechen unserer Kategorien von Welt beziehen würden.108 Es wurde bereits genügend deutlich, wie stark die Markusapokalypse die Bedrängnisse vor dem Ende auf

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historische Katastrophen wie die Zerstörung Jerusalems und auf biographische Katastrophen wie die am eigenen Leib erlebte Christenverfolgung bezieht. Wer in solche Situationen verstrickt ist, dem geht nicht nur innerlich eine Welt unter, sondern er oder sie steht vor den faktischen Trümmern seines Lebens, seiner Mitmenschen und seiner Welt, – wenn man überhaupt noch am Leben ist.

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Es wäre aber auch unzulänglich, für die biblischen Prophetien der Katastrophen und Untergänge, die dem Ende vorausgehen, einen Gegensatz aufzubauen und sie entweder existenziell oder realgeschichtlich-katastrophisch zu deuten. Vielmehr hängt beides miteinander zusammen und kann sich gegenseitig verstärken.

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Dies hat zunächst damit zu tun, dass sich die Selbstoffenbarung Jesu Christi in den Menschen und in der Welt zugleich nach innen und nach außen entfaltet. Man kann hier von einer direkten Proportionalität (d.h. einer gleichsinnigen Steigerung miteinander) zwischen Intensität (= konzentrierte Innerlichkeit) und Extensität (=Ausgedehntheit) oder zwischen Tiefe und Weite sprechen.109 Diesen Zusammenhang wechselseitiger Verstärkung will ich nun in beiden Richtungen verdeutlichen:

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1. Von der Tiefe (der Christuserfahrung) zur Weite (der Evangelisierung): Je tiefer ein Mensch von der christlichen Offenbarung erfasst ist, d.h. je mehr auch verborgene und verdrängte Anteile der eigenen Persönlichkeit in ein Ja zu dieser Erfahrung hineingenommen und solcherart integriert sind, desto stärker und weiter wird die Ausstrahlung dieser Persönlichkeit sein. Der am Ende des Markusevangeliums formulierte universale Missionsauftrag „Geht hinaus in die ganze Welt, verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung“ (Mk 16,15) ist deshalb kein Ruf in einen hektischen Aktivismus, weil er auf einer tiefgreifenden inneren Verwandlung von Christen gründet, denen es solcherart konnatural (d.h. ihrer gewandelten Natur entsprechend) geworden ist, Christus auszustrahlen. Sie leuchten, noch bevor sie den Mund aufgemacht oder irgendwo Hand angelegt haben, – wenn sie nicht dieses ausstrahlende Licht (das ganz ihr eigenes ist, weil es mehr als ihr eigenes ist) in einer gegenläufigen Tätigkeit „unter den Scheffel stellen“ (Mt 5,15). Dieses Ausstrahlen ist eine Wirkung des Heiligen Geistes. Deshalb gibt Jesus in der Markusapokalypse den Auftrag:

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„sorgt nicht im Voraus, was ihr reden werdet.
Sondern was euch in jener Stunde gegeben wird, das redet!
Denn nicht ihr seid es, die reden, sondern der Heilige Geist.“ (Vers 11)
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2. Von der Weite (der Evangelisierung) zur Tiefe (der Christuserfahrung): Das heißt aber nicht, dass die konkrete willentliche Anstrengung von Mission und Evangelisierung überflüssig wäre. Gerade weil diese nicht in der Vermittlung eines Christusbildes besteht, sondern in einem bezeugenden Verweis auf den unverfügbaren und jedes begriffliche Erfassen übersteigenden lebendigen Christus, erfolgt Evangelisierung idealerweise auf Augenhöhe. Zu ihr gehört auch eine Rückwirkung von den Evangelisierten auf den Evangelisierenden, die nicht etwa nur schwächend ist. Weil und insofern der bezeugte Christus wirklich Christus selber (und nicht bloß eine Idee von ihm) ist, wird man ihn zugleich von den anderen, denen man ihn bezeugt, empfangen. Evangelisierung ist so nicht nur ein Lehrprozess, sondern zugleich ein Lernprozess. Die Welt, in die man hinausgeht, um ihr „Christus zu bringen“, ist in ihrem Wurzelgrund schon Christi voll, und so empfängt man ihn mehr als man ihn gibt. Auf diese Weise wächst der Christusglaube von der Weite (seiner missionarischen Bezeugung) in die Tiefe.110

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So befördert die Verinnerlichung des Gotteswortes (in alle verborgenen Tiefen und Untiefen der eigenen Personalität) die Ausweitung von Gottes Offenbarung in der Geschichte – und umgekehrt.111

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Diese wechselseitige Verstärkung (Proportionalität) von größerer Tiefe und größerer Weite will nun auf das Verhältnis von inneren und äußeren Untergangserfahrungen beziehen:

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1. Von äußeren zu inneren Untergangserfahrungen: Einerseits können (lebens-)geschichtliche Katastrophenerfahrungen die Bereitschaft zu einer tieferen Aufnahme des Evangeliums erleichtern. Damit ist mehr gemeint als die fragwürdige Weisheit, dass Not beten lehrt. Keinesfalls soll jedenfalls die zynische Auffassung vertreten werden, dass (lebens-)geschichtliche Zerbrechenserfahrungen als solche ein Fenster zu Gott öffnen würden. Aber, wie die Beispiele von Alfred Delp und Heidi Baker verdeutlichten, sind authentische Christuserfahrungen auch mitten in Katastrophen möglich.

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Wo immer Gott solche Kairoi gibt, sind Menschen dazu befähigt und aufgerufen, sie für ihr Leben anzunehmen und sie so überhaupt erst zu lebens- und weltbestimmenden Erfahrungen zu machen.112 Solches steht und fällt, wie beschrieben,113 mit der Bereitschaft, sich sein bewährtes Weltbild zerbrechen zu lassen; und davor schrecken Menschen instinktiv zurück. Auf diese Weise werden Christuserfahrungen vereitelt oder bleiben nur oberflächlich und relativ wirkungslos.114 Wem aber aufgrund (lebens-)geschichtlicher Katastrophen seine Welt schon aus den Fugen geraten ist, der oder die ist offener für eine Gnadenerfahrung, wenn sie von Gott her ergeht.115

310
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2. Von inneren zu äußeren Untergangserfahrungen: Andererseits verkünden Menschen, denen Christus durch existenzielle Zerbrechenserfahrungen hindurch zur absoluten Mitte ihres Lebens wurde, das Evangelium „mit Vollmacht“116. Sie können verstärkt vom Heiligen Geist verwendet werden, andere Menschen in einen Kairos der Christusbegegnung zu führen (vgl. Vers 11c). Wenn diese den Kairos zurückweisen, wird ihnen das nicht nur selber zum Gericht, sondern sie werden in eine verschärfte Destruktivität getrieben, sodass sie die Bezeugenden verfolgen (vgl. Vers 9–13) und insgesamt ein Klima der Gewalt anheizen.

311
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Es wirken sich also äußere Katastrophenerfahrungen auf innere (den Weg in eine tiefere Christusbeziehung begleitende) Zerbrechenserfahrungen aus und umgekehrt. Für eine gegenwartsbezogene Deutung von Untergangserfahrungen schließen sich der existenzielle und der sozial-geschichtliche Ansatz nicht aus, sondern beide hängen untrennbar miteinander zusammen.

312
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9.10 „Und dann wird er die Engel aussenden“ – Vorausverwirklichungen der eschatologischen Sammlung

313
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In den Kapiteln 9.1–9.9 habe ich gezeigt, dass sowohl die Wiederkunft Christi als auch kosmische Erschütterungen ansatzweise bereits in der Gegenwart erfahren werden können. Mit diesem Nachweis wollte ich aufzeigen, dass die Naherwartung Jesu, der Evangelien und der frühen Kirche sich legitim auf bereits gegenwärtige Erfahrungen von Apokalypse und Parusie bezieht, – und zwar auf solche Gegenwartserfahrungen, die nicht bloß innerlich bleiben, sondern unsere Welt auf Ende und Vollendung hin vorantreiben.

314
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Nun nennt die Markusapokalypse für die Zeit von Ende und Vollendung außer den kosmischen Erschütterungen und der Wiederkunft Christi noch ein drittes Ereignis:

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„Und dann wird er [der Menschensohn] die Engel aussenden
und seine Auserwählten aus den vier Winden zusammenbringen,
vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels.“ (Vers 27)
316
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Es ist verhältnismäßig einfach, auch für diese Sammlungsbewegung bereits gegenwärtige Vor-Erfahrungen und Vor-Verwirklichungen zu finden. Diese bestehen in der erfahrenen und vollzogenen Verkündigung des Evangeliums, die alle Menschen erreichen muss:

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„Und allen Völkern muss zuerst das Evangelium verkündet werden“ (Vers 10)
318
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Dadurch, dass die Menschen diese Verkündigung annehmen, werden sie von Berufenen zu Auserwählten,117 und diese Auserwählten bleiben nicht nur für sich, sondern gehen in eine Beziehung zueinander, die – in einem sehr weiten Sinn – Kirche genannt wird.118

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9.11 Wie Gott die Welt in den Untergang treibt, ohne deshalb gewalttätig zu sein. Folgerungen für die Auslegung von Vers 24–26 über Apokalypse und Parusie

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Eine methodische Zwischenbemerkung: Die hier durchgeführte Auslegung der Markusapokalypse praktiziert eine „Hermeneutik der Nachfolge“, wobei Hermeneutik die Kunst der rechten Auslegung ist. Das heißt, es geht um einen „hermeneutischen Zirkel“, d.h. ein das Verstehen vertiefendes Hin- und Herpendeln zwischen theoretischem Verstehen und praktischer Anwendung im Versuch, das Verstandene umzusetzen. Diese Anwendungsversuche, die immer wieder auch scheitern, werfen neue Fragen auf, ob und inwieweit man das bisher Verstandene auch richtig verstanden hat. — Wie soll eine solche „praktische Hermeneutik“, die theoretisches Verstehen und praktisches Leben untrennbar verknüpft, in einem Text wie dem vorliegenden, der doch theoretisch ist, umgesetzt werden? Das geschieht hier dadurch, dass die Gegenwartsbedeutung von scheinbar fernliegenden Ereignissen – hier: von Weltuntergang und Wiederkunft Christi – erschlossen wird. Die Erschließung von Ende und Vollendung vorwegnehmenden Gegenwartserfahrungen hat das Ziel, dass wir uns in ihnen mit unseren eigenen Erfahrungen näherungsweise wiederfinden können, und dass wir durch die gegenwartsbezogenen Ausführungen in solche Erfahrungen und ihnen entsprechende Entscheidungen eingewiesen werden können.

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Eine solche mystagogische – d.h. in das Geheimnis von Gott und seiner Heilsgeschichte einwesende – Auslegung wirkt sich auch auf das Verständnis der biblischen Texte selber aus.119 Demgemäß lassen „proleptische“ Gegenwartserfahrungen von Wiederkunft Christi und Weltuntergang die biblische Rede von kosmischen Erschütterungen und der Wiederkunft Christi in neuen Facetten aufleuchten. Eine solche Rückwirkung von der gelebten/erfahrenen Lebenspraxis auf das Verständnis des biblischen Textes möchte ich im Folgenden an einem Punkt verdeutlichen:

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Bei den existenziellen Gegenwartserfahrungen von Apokalypse und Parusie hat sich gezeigt,120 dass die Erfahrung der Ankunft Christi dem existenziell erfahrenen Weltuntergang (dass einem die Welt mit ihren vertrauten Kategorien untergeht) vorausgeht und diese Zerbrechenserfahrung provoziert. Müssten wir von daher nicht auch für den biblischen Text annehmen, dass die Wiederkunft Christi in Herrlichkeit (Vers 26) den kosmischen Erschütterungen (Vers 24–25) vorausgeht?

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Dafür spricht, dass das Passiv in apokalyptischen Texten („Die Sonne wird verfinstert werden“; „Die Kräfte in den Himmeln werden ins Wanken gebracht werden“) indirekt auf ein Handeln Gottes verweist: Er verfinstert die Sonne und den Mond; er lässt die Sterne vom Himmel fallen, und er erschüttert die Kräfte in den Himmeln (die die Welt zusammen halten).

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Das wirft die bange Frage nach dem Gottesbild auf: Erweist sich Gott am Ende doch als furchtbar gewalttätig? Oder religionskritisch gefragt: Erweist sich angesichts der biblisch-apokalyptischen Texte der biblische (und biblisch begründete christliche) Gottesglaube als Projektionsfläche für Gerechtigkeitshoffnungen, die in Rachephantasien ausarten?121 Schärfer noch als in der Markusapokalypse, die ja „nur“ kosmische Erschütterungen beschreibt, stellt sich dieses Problem in der Johannesoffenbarung, denn sie beschreibt die zerstörerischen Auswirkungen dieser kosmischen Erschütterungen auf die Welt und die Menschen:

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„Der dritte Engel blies seine Posaune. Da fiel ein großer Stern vom Himmel; er loderte wie eine Fackel und fiel auf ein Drittel der Flüsse und auf die Quellen. Der Name des Sterns ist ‚Wermut‘. Ein Drittel des Wassers wurde bitter, und viele Menschen starben durch das Wasser, weil es bitter geworden war. Der vierte Engel blies seine Posaune. Da wurde ein Drittel der Sonne und ein Drittel des Mondes und ein Drittel der Sterne getroffen, so dass sie ein Drittel ihrer Leuchtkraft verloren und der Tag um ein Drittel dunkler wurde und ebenso die Nacht. Und ich sah und hörte: Ein Adler flog hoch am Himmel und rief mit lauter Stimme: Wehe! Wehe! Wehe den Bewohnern der Erde! Noch drei Engel werden ihre Posaunen blasen.“ (Offb 8,11-13)
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Es ist charakteristisch für apokalyptische Texte, dass sie das apokalyptisch überbordende Unheil – welches das innergeschichtlich überbordende Unheil extrapoliert – auf Gott zurückführen, und zwar in alttestamentlichen Texten häufig explizit, im Neuen Testament – wie hier in der Markusapokalypse – gewöhnlich implizit: mit Passivformulierungen, die indirekt auf Gott als Urheber verweisen.

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Dazu ist es wichtig zu sehen: Auch im Hinblick auf Gott und die apokalyptische Gewalt hat die neutestamentliche Apokalyptik die alttestamentliche nicht nur beerbt, sondern transformiert.122 Dies geschah vor allem dadurch, dass als Ausführender des göttlichen Heilsplans Jesus Christus erscheint, – noch relativ verborgen während seines Wirkens vor seinem Tod und von allen gesehen (auf den Wolken des Himmels) bei seiner Parusie am Ende der Zeiten. Dabei wird durchgängig – bis in die Johannesoffenbarung hinein – deutlich, dass dieses Wirken Jesu ohne jede Gewalt erfolgt.123 Ziel seines Wirkens ist das Heil für alle Menschen, entsprechend dem Willen Gottes, „dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1 Tim 2,4). Dieses Heilswirken respektiert die menschliche Freiheit, ohne die Menschen deshalb den Folgen einer zerstörerischen „Freiheit zur Unfreiheit“ einfach zu überlassen. Dies ist durch Kairoi möglich, die die Freiheit der Menschen für Gott, für ihr Heil und für das Heil der Schöpfung freisetzen. Die in einem Kairos freigesetzte Freiheit ermöglicht auch eine verschärfte Zurückweisung von Gott, eigenem Heil und Heil der Schöpfung. Durch zurückgewiesene Kairoi werden Menschen für sich und viele andere zum Unheil. Diese Verschärfung kann Gott nur durch die Gewährung neuer, tiefer greifender Kairoi überwinden, – was aber die Gefahr einer dramatischen Eskalation der Freiheit zum Bösen und damit des Bösen selber beinhaltet; denn es entspricht der in fortgesetzten Kairoi immer neu und immer tiefer freigesetzten Freiheit von Menschen, dass sie immer neu und immer tiefer und folgenschwerer ein Nein zu Gott und damit ein zerstörerisches Nein zu sich selber, ihren Mitmenschen und der Welt sprechen können. Solche Dynamiken notorisch zurückgewiesener Heils-Chancen gibt es nicht nur für Einzelmenschen, sondern für Gemeinschaften und verschiedene Kollektive bis hin zur Weltgesellschaft.124 Auf solch indirekte Weise wirkt Jesus mit seinem Impuls des Evangeliums nicht als Verursacher, wohl aber als Auslöser einer apokalyptisch sich steigernden Gewalt. Dass diese apokalyptischen Eskalationen durch Gottes Heilsplan von immer neu gesetzten Kairoi und Zeichen der Zeit zuletzt ein gutes Ende finden – mit einer „leeren Hölle“ –, können wir nicht wissen, wohl aber hoffen. Diese Hoffnung hat einen starken Grund im Kreuz, das uns zeigt, wie weit Gott durch Jesus Christus den verlorenen und destruktiv gewordenen „Schafen“ nachgeht.125

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All dem entspricht, dass die kosmischen Erschütterungen, von denen die Verse 24–25 sprechen, von Gott durch Jesus Christus bewirkt werden, und zwar ohne jede direkte zerstörerische Gewalt.126 Demgemäß begleiten die kosmischen Erschütterungen die Parusie Christi. Sie sind jener Teil des sich vollendenden Prozesses seines Kommens, den man zuerst wahrnimmt, bevor man ihn selber kommen sieht.

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10. Jesu Endzeit-Worte sind verlässlich, aber nicht informativ – Das zweite und dritte Amen-Wort

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10.1 „Meine Worte werden nicht vergehen“ – Die Verlässlichkeit Jesu Christi durch alle Brüche hindurch

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Ausgehend vom bisher Entfalteten lässt sich das zweite und das dritte Amen-Wort vergleichsweise mühelos verstehen:

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„Der Himmel und die Erde werden vergehen,
meine Worte aber werden nicht vergehen.“ (Vers 31)
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Wie oben beschrieben, kann dieses Vergehen von Himmel und Erde sich in Vor-Erfahrungen von Christus-Aufgang und Welt-Untergang bereits gegenwärtig vorschatten: nicht nur, wenn den Menschen durch erlebte Katastrophen ihre Welt zerbricht, sondern auch durch ein Aufgehen von Christus als Gottes lebendigem Wort, das nur angenommen werden kann, wenn man akzeptiert, dass einem daran die Welt, wie man sie bisher verstand, zerbricht. So werden einem Himmel und Erde vergehen. Man weiß nicht mehr was Gott, was Mensch, was Welt ist, sondern nur noch eines: dass Christus als Auferstandener Herr ist – wahrer Gott127 – und zugleich wahrer Mensch, und dass alle Welt durch ihn und auf ihn hin ist, den Mittler aller Schöpfung.128 So erschließt sich bereits für die Gegenwart der zweite Halbsatz vom ersten her: Weil mir Himmel und Erde untergegangen sind (und ich dieses Zerbrechen im Vertrauen auf den mir begegnenden Christus zugelassen habe), erweisen sich Jesu Worte als unvergänglich. Und aus dem unvergänglichen Wort, das Christus nicht nur spricht, sondern ist, erwachsen einem neue Kategorien für das Verstehen von Gott, Welt, Mensch. So gehen einem Gott, Welt, Mensch neu auf: „ein neuer Himmel und eine neue Erde“ (Offb 21,1).

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10.2 „Tag und Stunde kennt keiner, auch nicht der Sohn“ – Angewiesen auf den unvorhersehbaren Kairos

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Gehen wir von daher weiter zur dritten Amen-Aussage:

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„Was aber jenen Tag und die Stunde betrifft, so kennt sie keiner,
weder die Engel im Himmel, noch der Sohn, sondern nur der Vater.“ (Vers 32)
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Die ganze bisherige Auslegung machte deutlich: Die von den Jüngern eingangs gestellte Frage nach Termin und (äußeren) Anzeichen für den Untergang von Tempel und Welt (Vers 4) wird von Jesus in eine ganz andere Richtung geführt. Es geht nicht um ein wie ein Naturereignis äußerlich hereinbrechendes Einzelereignis, von dem man sagen könnte: „Seht, hier ist es!, oder: Dort ist es!“ (Lk 17,21), sondern um einen komplexen dramatischen Prozess, der sich bis an die äußersten Grenzen von Menschheit, Welt und Kosmos und bis hinein in die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele ausbreitet. Lukas macht diesen Punkt noch deutlicher als Markus:

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„Auf die Frage der Pharisäer, die von ihm wissen wollten, wann das Reich Gottes kommen werde, antwortete er [Jesus] mit diesen Worten:
Das Reich Gottes kommt nicht auf beobachtbare Weise;
man wird nicht sagen: Seht, es ist hier oder es ist dort.
Denn: Das Reich Gottes ist in/unter euch
[präziser: Denn es verhält sich so, dass das Reich Gottes in dem Raum ist, der der Eure ist.]“ (Lk 17,20f)129
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Ein chronologisches Vorherwissen von Tag und Stunde der Parusie gibt es also nicht. Aber der 32. Vers der Markusapokalypse sagt noch mehr. Tag und Stunde sind in den Evangelien meist nicht chronologische, sondern „kairologische“ Begriffe: Sie benennen den souverän von Gott bestimmten Zeitpunkt des Aufblitzens seiner Gegenwart im auferstandenen Christus, sei es final-eschatologisch, wie der Blitz von Osten nach Westen,130 oder gegenwärtig-eschatologisch in einer partikulären Vorschattung von Ende und Vollendung, so dass man sich dem noch entziehen kann. Und auch was diese Vorschattungen in den Kairoi der menschlichen Lebenszeit betrifft, bezeugen die Evangelien wiederholt, dass selbst Jesus den Zeitpunkt des jeweils ihm zukommenden Kairos nicht kannte.131Weil er ihn nicht kannte, war er kompromisslos aufmerksam und wachsam dafür, so dass er sein Handeln augenblicklich unterbrach und neu ausrichtete, wenn ihm – vermittelt durch den Heiligen Geist – Gottes Wille aufleuchte. Das machte sein Verhalten unberechenbar und irritierend.132 So galt für ihn, was er gemäß dem Johannesevangelium dem Nikodemus erklärte:

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„Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist.“ (Joh 3,8)
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11. „Gebt acht, wachet!“ – Achten auf den jeweiligen Kairos

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11.1 Das Gleichnis vom Feigenbaum (2)

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Man kann also den Zeitpunkt der Ankunft Gottes nicht vorherwissen: nicht für seine Wiederkunft am Ende der Zeiten und nicht für die vielen Kairoi der Lebens- und Weltgeschichte, in denen sie sich vorschattet. Dennoch gibt es Zeichen, die auf den Kairos vorausweisen.133 Sie gilt es zu beachten, um nicht unvorbereitet in einen Kairos der Selbstoffenbarung Gottes hineinzustolpern. Von daher lässt sich die noch offen gebliebene Frage beantworten, was wir vom Feigenbaum-Gleichnis für unser Leben lernen sollen:134

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„Vom Feigenbaum aber lernt das Gleichnis:
Wenn sein Zweig schon weich wird und die Blätter herauswachsen,
erkennt ihr, dass der Sommer nahe ist.“ (Vers 28)
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Der Sommer als Zeit der Ernte und auch des Gerichts135 steht nicht bloß für das Weltende. Jeder Kairos einer Christuserfahrung – explizit oder implizit, für einzelne oder für viele zugleich – ist schon „ein Stück Sommer“. Der Sommer ist ja nicht eine dinghafte Wirklichkeit, sodass man von ihm sagen könnte: „Er ist da“, oder „Er ist noch nicht da“, wie von einem Autobus.136 Ebenso verhält es sich mit dem Gottesreich, das mit Weltuntergang und Parusie restlos angekommen sein wird.

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Der Feigenbaum verweist indirekt auf den Sommer. Schon der erste sprossende Zweig ist ein Stück Sommer, – ein „Jetzt schon“ des Sommers, das den aufmerksamen Blick sofort auf die anderen Zweige lenkt, sodass man möglicherweise feststellt: „Nein, er ist noch nicht da“.137 Und doch wird man damit das „Jetzt schon“ des Sommers, das sich aus dem knospenden Zweig ergab, nicht als Irrtum bezeichnen und zurücknehmen. Vielmehr wird man zum Urteil gelangen: „Der Sommer ist im Kommen“. Und wenn man den Sommer sehnsüchtig erwartet, wird jeder blühende Zweig die Aufmerksamkeit auf weitere blühende Zweige erhöhen.

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So ist es mit dem Kommen des Gottesreichs, das Jesus seit dem Beginn seines öffentlichen Wirkens verkündete: Es ist „im Kommen“.138 Und wie die Wahrnehmung von knospenden oder nicht knospenden Zweigen das Urteil, dass der Sommer im Kommen ist, bestätigt und nicht widerlegt, so ist es auch bei Einzelurteilen, dass das Reich Gottes schon angekommen ist (Lk 11,20), oder dass man um sein Kommen bitten soll, weil es noch nicht gekommen ist (Lk 11,2). Vielmehr steigert die Erfahrung seines lokal eingeschränkten Gekommenseins – in einem Teil meiner Personalität bzw. einem räumlich und zeitlich begrenzten Bereich dieser Welt – die Sehnsucht seines uneingeschränkten Kommens: „wie im Himmel so auf Erden“.139 — Und umgekehrt: Die gesteigerte Sehnsucht nach einer uneingeschränkten Ankunft Jesu Christi und seines Reichs disponiert uns für die Kairoi in unserem Leben und unserer Welt. Es ist wie beim Bauern, der in gesteigerter Erwartung des kommenden Sommers die Zweige des Feigenbaums sorgfältiger inspiziert.

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11.2 Achtgeben auf negative Zeichen und „negative Kairoi“

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Allerdings gibt es nicht nur positive Vorzeichen, sondern auch Negativzeichen, die zu beachten sind: Hindernisse, von denen wir uns nicht ablenken lassen dürfen, um nicht für den kommenden Kairos blockiert zu sein. Die Markusapokalypse weist vorrangig auf Negativzeichen hin: In der Warnung vor falschen Propheten und Messiassen – „Gebt acht, dass euch nicht jemand irreführt“ (Vers 5) – sowie vor dem „Gräuel der Verwüstung“, der „steht, wo er nicht soll“, als Bild für einen falschen Messias und Antichrist, der jene Mitte besetzt, die für den wahren Gott offenzuhalten ist.

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Im Blick auf diese falschen Mittler kann von einer falschen Ankunft und, auf diese vorausweisend, von negativen Kairoi gesprochen werden. Bis jetzt haben wir den positiven Kairos beschrieben als vorausweisendes Ereignis einer (noch eingeschränkten) Ankunft Jesu Christi mitten in unserer Welt. Das ist ein Heilsangebot, dem unverzüglich zugestimmt werden muss, um die begrenzte Zeit des Kairos nicht zu verpassen. Das Auftreten von falschen Propheten und Messiassen bzw. Christussen ist hingegen ein negativer Kairos: ein Ereignis mit einem kollektiven Sog, sich ihm anzuschließen, dem man aber mit aller Entschieden widerstehen muss. Es gilt, acht zu geben (Verse 5 und 23), um sich nicht verführen zu lassen (Vers 5) und unter Umständen sogar, unverzüglich die Flucht zu ergreifen (Vers 14–16).

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Andere Situationen erscheinen fälschlich wie ein negativer Kairos, aus dem wir uns schnellstens zurückziehen müssten, weil Gefahr im Verzug ist. Als Beispiel dafür nennt die Markusapokalypse Verfolgungssituationen für Christen. Bei schärferem Hinschauen – gemäß Jesu Aufforderung: „Gebt vielmehr acht auf euch selbst“ (Vers 9) – entpuppen sie sich als positiver Kairos, den wir beherzt ergreifen sollen, weil uns gerade hier Christus sendet und durch den Heiligen Geist stärken will:

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„Gebt vielmehr acht auf euch selbst!
Sie werden euch an Synhedrien ausliefern
und in Synagogen prügeln.
[...]
Und wenn sie euch abführen und ausliefern,
sorgt nicht im Voraus, was ihr reden werdet.
Sondern was euch in jener Stunde gegeben wird, das redet!
Denn nicht ihr seid es, die reden, sondern der Heilige Geist.“ (Vers 9–11)
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11.3 „Seid wachsam, denn der (nächste) Kairos ist nahe“

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Von daher können wir nun auf den Schlussteil der Markusapokalypse eingehen und die Frage aus dem ersten Kapitel beantworten: „Seid wachsam, aber wofür?“

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Dreimal fordert der Schlussteil (Vers 33–37) der Markusapokalypse zur Wachsamkeit auf. Und dreimal mahnte der Abschnitt über die Bedrängnis vor dem Ende (Vers 5–23), acht zu geben. Beide Ermahnungen – zum Achtgeben und zum Wachsamsein – sind im Vers 33 (mit dem der Schlussteil über die Wachsamkeit beginnt) miteinander verknüpft:

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Gebt acht, wachet!
Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist.“ (Vers 33)
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Achtgeben und Wachen hängen eng miteinander zusammen, unterscheiden sich aber deutlich voneinander. Wir können fragen, worauf wir achten sollen. Aber es klingt sprachlich zumindest holprig, wenn wir fragen, worauf oder wofür wir wachen sollen. Denn während Achtgeben fokussiert ist – auf bestimmte zeichenhafte Ereignisse, die die Markusapokalypse benennt –, gilt es beim Wachen, in alle Richtungen offen zu sein. Denn das Ereignis kann in einer unerwarteten Gestalt zu einer unerwarteten Zeit an einem Ort auftauchen, den man nicht vermutet hätte. Diese Unbestimmtheit macht das Wachen schwierig. Es erfordert eine kluge Mitte zwischen übertriebener Fokussierung, die den Blickwinkel gefährlich einengt, und Achtlosigkeit. Ebenso gilt es, die goldene Mitte zu finden zwischen überzogener Konzentration, die auf die Dauer nicht durchgehalten werden kann, und einer Zerstreutheit, die uns Wesentliches übersehen lässt. Wie aber soll man eine solche Wachsamkeit für eine lange Zeit durchhalten, ohne dass etwas passiert?

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„Gebt acht, wachet!
Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit (Kairos!) da ist.“ (Vers 33)
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Zeit wofür? – Wenn es sich hier exklusiv um die Wiederkunft Christi nach dem Untergang dieser Welt handelt, wird die Aufforderung zur Wachsamkeit absurd. Zweitausend Jahre Warten auf den „Sankt Nimmerleinstag“? Oder Jahrzehnte wachsam sein, weil man jederzeit sterben (und dann vor den Weltenrichter kommen) kann? Wie soll das gehen?

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Das Wort für Zeit in Vers 33b lautet allerdings „Kairos“. Gemeint ist damit ein Ereignis, das von der neuen Schöpfung in die alte hereinbricht und deshalb das chronologische Zeitmaß der alten Schöpfung sprengt. Es ist wie ein gleißendes Licht, das an verschiedensten Punkten unseres Raum-Zeit-Kontinuums „vorglüht“, sein Licht vorauswirft, wie eine große Gestalt einen Schatten vorauswirft, und sich deshalb vorlichtet, nicht vorschattet. Das sind die Zeichen, die unsere Aufmerksamkeit wach halten können: die positiven Realsymbole von Christi Ankunft, weil sie auf diese (als endgültige) nicht nur verweisen, sondern sie selber (wenn auch in noch eingeschränkter Weise) bereits sind; und auch die dunklen Zeichen verpasster Kairoi, die die abgründige Möglichkeit einer letzten Verneinung, wie sie durch den Antichrist symbolisiert werden, nun tatsächlich vorschatten.

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11.4 „Wachet also, denn ihr wisst nicht, wann der Herr des Hauses kommt“ – Das Gleichnis vom Türhüter

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Der positive Kairos von Jesu (innergeschichtlich sich vielfältig vorschattender) Ankunft ist schließlich das Thema des die Markusapokalypse abschließenden Gleichnisses vom Türhüter:

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„(Es verhält sich) wie mit einem Mann,
       der außer Landes ging, sein Haus verließ
       und seinen Knechten Vollmacht gab, jedem einzelnen sein Werk.
       Und dem Türhüter befahl er, dass er wache.
35Wachet also,
       denn ihr wisst nicht, wann der Herr des Hauses kommt,
ob abends oder zur Mitternacht oder beim Hahnenschrei oder morgens,
36    dass er nicht plötzlich kommt und euch schlafend findet.
37 Was ich aber euch sage, sage ich allen: Wachet!“ (Vers 34–37)
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Der Mann, der sein Haus verließ und seine Knechte mit Vollmacht zurückließ, steht – wie in ähnlichen Gleichnissen – für Gott.140 Symbolisiert das verlassene Haus (Vers 34a) also eine von Gott verlassene Welt? Wird die menschliche Autonomie erst durch den Rückzug Gottes ermöglicht? Oder gilt im Gegenteil, dass alles Gnade ist? Bei dieser schiefen Alternative trifft eher das Letztere zu. Alles ist von Gott getragen und in diesem Sinn auch begnadet. Aber Gnade als ein Begegnungsgeschehen mit Gott bedarf, um zustande zu kommen, einer eigenen Konkretisierung oder Aktuierung der bereits mit der Schöpfung gegebenen gnadenhaften Grundfähigkeit des Menschen für Gott.141 Als personales, freies Geschehen ist eine Begegnung mit Gott nicht unterschiedslos überall gegeben, sondern hat ihre jeweilige Zeit, ihren Kairos. Auch wenn es größere und kleinere Kairoi gibt und unsere Lebenswelt und -zeit von unzähligen kleinsten Kairoi durchzogen ist, lösen sich diese Kairoi nicht in ein Kontinuum unterschiedsloser Gottespräsenz auf. Es gibt Zeiten, die „flacher“ sind, weil unsere Freiheit sich „flacher“ vollzieht:142 Sie reduziert sich dann weitgehend auf eine Wahlfreiheit zwischen belanglosen Alternativen. Etwa am Einkaufsregal bei der Auswahl zwischen zwanzig verschiedenen Wurstsorten. Aber mitten in solch oberflächlicher Beschäftigung steht uns auf einmal ein Mensch gegenüber, der für uns so wichtig wie unbequem ist. Lassen wir uns auf eine Begegnung ein oder nicht? Und treffen wir eine solche Entscheidung aus einer stets wachsamen Erwartung auf den, der da kommen wird?143

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Dies ist nur eines von zahllosen Beispielen, wie ein Kairos mitten in unser alltägliches Leben einbricht. Es gibt Zeiten – und eigentlich ist dies der Normalfall – in denen Gott (scheinbar) schweigt.144 Dann gilt es, mit bestmöglicher Verantwortung das jeweils Richtige zu erkennen, es zu wählen und nach Kräften zu tun. Und es gibt den Sonderfall, den Kairos, wo Gott – manchmal in einer verborgenen, anonymen Weise145 – zu uns spricht.146 Dieser Sonderfall ist im Türhüter-Gleichnis mit der Rückkehr des Herrn angesprochen.

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Es gibt also nicht nur die große endgültige Rückkehr des Herrn in der Parusie Christi, auf die die Menschheit mittlerweile 2000 Jahre lang wachsam warten sollte, oder auf die jeder Mensch ein Leben lang warten soll bis zu seinem Lebensende. Wie sollen wir auf einen solchen „Sankt-Nimmerleinstag“ mit unausgesetzter Wachheit warten können? Aber darum geht es gar nicht. Denn der finale Zeitpunkt schattet sich in unzähligen Kairoi vor, die buchstäblich in jedem Augenblick über uns hereinbrechen können. Vielleicht erst abends oder zur Mitternacht oder beim Hahnenschrei oder morgens (Vers 35), vielleicht aber auch schon früher. Möglicherweise in dieser Stunde, die ich lesend verbringe.

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12. Jemand muss wachen ... (Poetischer Abschluss)

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Jemand muss zuhause sein,
Herr,
wenn du kommst.
Jemand muss dich erwarten,
unten am Fluss
vor der Stadt.
Jemand muss nach dir Ausschau halten,
Tag und Nacht.
Wer weiß denn, wann du kommst?
Herr,
Jemand muss dich kommen sehen
durch die Gitter seines Hauses,
durch die Gitter –
durch die Gitter deiner Worte,
deiner Werke,
durch die Gitter der Geschichte,
durch die Gitter des Geschehens
immer jetzt und heute
in der Welt.
Jemand muss wachen,
unten an der Brücke,
um deine Ankunft zu melden,
Herr,
du kommst ja doch in der Nacht,
wie ein Dieb.
Wachen ist unser Dienst.
Wachen.
Auch für die Welt.
Sie ist oft so leichtsinnig,
läuft draußen herum
und nachts ist sie auch nicht zuhause.
Denkt sie daran,
dass du kommst?
Dass du ihr Herr bist
und sicher kommst?
Jemand muss es glauben,
zuhause sein um Mitternacht,
um dir das Tor zu öffnen
und dich einzulassen,
wo du immer kommst.
Herr, durch meine Zellentüre
kommst du in die Welt
und durch mein Herz
zum Menschen.
Was glaubst du, täten wir sonst?
Wir bleiben, weil wir glauben.
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Zu glauben und zu bleiben

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sind wir da, draußen,

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am Rand der Stadt.

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Herr,

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und jemand muss dich aushalten,

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dich ertragen, ohne davonzulaufen.

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Deine Abwesenheit aushalten,

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ohne an deinem Kommen zu zweifeln.

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Dein Schweigen aushalten

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und singen.

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Dein Leiden, deinen Tod mitaushalten

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und daraus leben.

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Das muss immer jemand tun

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mit allen andern

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und für sie.

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Und jemand muss singen,

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Herr,

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wenn du kommst!

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Das ist unser Dienst:

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Dich kommen sehen und singen.

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Weil du Gott bist.

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Weil du die großen Werke tust,

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die keiner wirkt als du.

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Und weil du herrlich bist

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und wunderbar,

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wie keiner.

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Komm, Herr!

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Hinter unsern Mauern

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unten am Fluss

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wartet die Stadt auf dich.

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Amen.

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Silja Walter: Gebet des Klosters am Rand der Stadt147

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Anhang 1: Zur Methode einer „mystagogisch-dramatischen Schriftauslegung“

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Die hier durchgeführte Interpretation der Markusapokalypse ist ein Beispiel einer mystagogisch-dramatischen Schriftauslegung,148 mit einer Hermeneutik der Nachfolge, die ich in diesem Nachtrag knapp erläutern will.

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A.1 Mystagogisch-dramatische Schriftauslegung

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1. Zum Begriff „dramatisch“: Diese Methode ist im Umfeld der Innsbrucker dramatischen Theologie entstanden,149 die mit dem Begriff des Kairos heilsgeschichtliche Ereignisse von Gnade und Gericht zusammenschaut und damit den fatalen Eindruck eines gewalttätigen Gottes überwindet, ohne die Dringlichkeit von Jesu Gerichtsworten zu vernachlässigen.

405
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2. Das Wort „mystagogisch“ bezieht sich auf den Begriff Mystagogie, der eine Einweisung („Mystagogie“) in das Geheimnis („Mysterium“) von Gottes Gnade und Herrlichkeit bezeichnet.150

406
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3. Zum Begriff „Schriftauslegung“: Die Bibel ist nicht ein theoretisches Lehrwerk oder eine Sammlung von moralischen und lebenspraktischen Anweisungen, sondern – als Heilige Schrift und als Vergegenwärtigung des lebendigen Wortes Gottes – eine „Mystagogie“ in ein Leben der Nachfolge Christi und dadurch in ein erneuertes Leben „in Christus“.

407
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A.2 Hermeneutik der Nachfolge

408
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Der mystagogisch-dramatischen Schriftauslegung entspricht eine Bibelhermeneutik, d.h. eine Kunst richtiger Schriftauslegung, die von einem praktisch-hermeneutischen Zirkel zwischen Verstehen und Nachfolge geprägt ist: Man versucht zu leben, was man von der Heiligen Schrift verstanden hat. Aus diesen mehr oder weniger geglückten Umsetzungsversuchen ergeben sich „richtige“ Fragen an die Heilige Schrift, die zu ihrer vertieften Erkenntnis und dadurch zu neuen, präzisierten und korrigierten Herausforderungen für das Leben führen.

409
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Dabei geht es um ein kirchliches – im weiten, „katholischen“ Sinn151 – Verständnis der Heiligen Schrift: Die mystagogisch-dramatische Schriftauslegung verlangt nach einer Christus-Nachfolge (und setzt sie voraus), die nie nur individuell bleibt, sondern in jene heilsgeschichtliche Gemeinschaft von Christus-NachfolgerInnen aus aller Welt und aller Zeiten einfügt, die Kirche genannt wird.

410
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A.3 Die dramatische Bibelhermeneutik Jesu

411
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Wer solcherart das im geschriebenen Wort Gottes verdichtete lebendige Wort Gottes nicht nur hört, sondern zu leben versucht, wird von daher die Bibel immer besser verstehen. Ihm/ihr gilt das Wort Jesu an seine Jünger bzw. Nachfolger: „Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Himmelreichs zu erkennen“ (Mt 13,11). Jesus sagt dies zu den Jüngern, die ihm nachfolgen, als Antwort auf ihre irritierte Frage, warum er zum Volk in Gleichnissen (was hier heißt: in unverständlicher Rätselrede) spricht:

412
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„Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Himmelreichs zu verstehen;
ihnen aber ist es nicht gegeben.
12 Denn wer hat, dem wird gegeben und er wird im Überfluss haben;
wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat.
13 Deshalb rede ich zu ihnen in Gleichnissen,
weil sie sehen und doch nicht sehen
und hören und doch nicht hören
und nicht verstehen.
14 An ihnen erfüllt sich das Prophetenwort Jesajas:
Hören sollt ihr, hören und doch nicht verstehen;
sehen sollt ihr, sehen und doch nicht einsehen.
15   Denn das Herz dieses Volkes ist hart geworden.
Mit ihren Ohren hören sie schwer
und ihre Augen verschließen sie,
damit sie mit ihren Augen nicht sehen
und mit ihren Ohren nicht hören
und mit ihrem Herzen
nicht zur Einsicht kommen
und sich bekehren und ich sie heile.
16 Eure Augen aber sind selig, weil sie sehen, und eure Ohren, weil sie hören.
17 Denn Amen, ich sage euch:
Viele Propheten und Gerechte haben sich danach gesehnt
zu sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen,
und zu hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört.“ (Mt 13,11–17 NEÜ)
413
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Das ist für mich ein bibelhermeneutischer Schlüsseltext. Jesus wirbt hier für eine Hermeneutik der Nachfolge, die in die Geheimnisse des Himmelreichs (Mt 13,11) ebenso einführt wie in das, „was seit der Schöpfung der Welt verborgen war“ (Mt 13,35). Und er stellt diese Hermeneutik der Nachfolge in Gegensatz zu lebenspraktisch unengagierten Verstehensversuchen, die nach seinem Urteil in eine Spirale fortschreitenden Missverstehens treiben:

414
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„Wer aber nicht [in der Weise einer lebenspraktischen, Christus nachfolgenden Aneignung des Gehörten] hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat.“ (Mt 13,12)
415
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Wie kann und muss sich die akademisch-wissenschaftliche Theologie und Exegese angesichts dieser in den Evangelien verankerten dramatischen Hermeneutik verstehen? Gewiss wird sie dadurch nicht einfach disqualifiziert. Aber herausgefordert zu einer „Bekehrung des Denkens“152 wird sie allemal.

416
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Anhang 2: Literaturverzeichnis

417
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Bibeltexte werden nach der alten Einheitsübersetzung von 1980 zitiert, außer den Texten aus der Markusapokalypse (kenntlich gemacht durch eine Quellenangabe ausschließlich mit Versnummer). Diese sind nach der Arbeitsübersetzung im 2. Kapitel (angelehnt an Gnilka, Das Evangelium des Markus) zitiert. Auf andere Bibelübersetzungen wird jeweils hingewiesen.

418
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Baker, Heidi und Rolland: Es gibt immer genug! Rolland und Heidi Bakers Dienst unter den Armen. Lüdenscheid 2003.

419
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Baker, Heidi, Primacy of Love. In: Clark, Randy (Hg.), Supernatural Missions. Mechanicsburg: Apostolic Network of Global Awakening, 249-262; im Internet: http://renewaljournal.wordpress.com/2012/07/19/primacy-of-love-in-missions-with-power-byheidi-baker (letzter Zugriff: 2. 12. 2017)

420
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Balthasar, Hans Urs von:

421
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—   Theodramatik II = Band II: Die Personen des Spiels, Teil 2: Die Personen in Christus. Einsiedeln 1978.

422
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—   Theodramatik III = Band III: Die Handlung. Einsiedeln 1980.

423
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—   Theodramatik IV = Band IV: Band IV: Das Endspiel. Einsiedeln 1983.

424
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Bayer, Hans: Das Evangelium des Markus (Historisch-Theologische Auslegung Neues Testament), Gießen 2008.

425
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Bovon, François: Das Evangelium nach Lukas. 3. Teilband (Lk 15,1-19,27) (EKK III/3. Zürich 22001.

426
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Christ, Karl, Geschichte der römischen Kaiserzeit. Von Augustus zu Konstantin. München 62009.

427
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Delp, Alfred: Gesammelte Schriften, Band 4, Frankfurt 1984.

428
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Erlemann, Kurt: Propheten und Messiasse, in: J. Zangenberg (Hg.), Neues Testament und antike Kultur, Band 3: Weltauffassung – Kult – Ethos, Neukirchen–Vluyn 2011, 40–44.

429
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Frevel, Christian: Geschichte Israels, Stuttgart 2016.

430
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Girard, René:

431
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—   Das Ende der Gewalt. Analyse des Menschheitsverhängnisses. Erkundungen zu Mimesis und Gewalt mit Jean-Michel Oughourlian und Guy Lefort. Freiburg i.Br.-Basel-Wien 2009.

432
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—   Im Angesicht der Apokalypse. Clausewitz zu Ende denken. Berlin 2014.

433
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Gnilka, Joachim: Das Evangelium nach Markus (Mk 8,27-16,20) (EKK II/2). Neukirchen-Vluyn/Düsseldorf 62008.

434
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Hahn, Ferdinand: Frühjüdische und urchristliche Apokalyptik (Biblisch-Theologische Studien 36), Neukirchen-Vluyn 1998.

435
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Hünermann, Peter: Gottes Handeln in der Geschichte. Theologie als Interpretatio temporis. In: M. Böhnke u.a. (Hg.), Freiheit Gottes und der Menschen. Festschrift für Thomas Pröpper Regensburg 2006, 109–135.

436
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Josephus, Flavius: Bellum Judaicum. Deutsch: Der jüdische Krieg, übersetzt von Hermann Endrös, München 1982.

437
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Kehl, Medard: „Bis du kommst in Herrlichkeit ...“. Neuere theologische Deutungen der „Parusie Jesu“. In: J. Pfammater / E. Christen (Hg.), Hoffnung über den Tod hinaus (Theologische Berichte XIX). 1990, 95-137.

438
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Kessler, Hans: Was kommt nach dem Tod? Über Nahtoderfahrungen, Seele, Wiedergeburt, Auferstehung und ewiges Leben. Kevaler 2014.

439
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Montefiore, Simon Sebag: Jersualem. Die Biographie, Frankfurt 2011.

440
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Niewiadomski, Józef,

441
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—   „Denial of the Apocalypse“ versus „Fascination with the Final Days“. Current Theological Discussion of Apocalyptic Thinking in the Perspective of Mimetic Theory. In: R. Hamerton-Kelly (Hg.), Politics & Apocalypse. Studies in Violence, Mimesis and Culture. Michigan 2007, 51-67.

442
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—   Hoffnung im Gericht. Soteriologische Impulse für eine dogmatische Eschatologie. In: ZKTh 114 (1992), 113-126, im Innsbrucker Theologischen Leseraum: http://theol.uibk.ac.at/itl/170.html

443
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Palaver, René Girards mimetische Theorie. Im Kontext kulturtheoretischer und gesellschaftspolitischer Fragen (BMT 6). Münster 2001.

444
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Sandler, Willibald (allgemein):

445
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—   Apocalypse and Eucharist. Towards a non-sacrificial understanding of the Revelation of John. Nach einem Vortrag, gehalten auf dem Symposium des Colloquiums on Violence and Religion (COV&R) 2008 zum Thema „Catastrophe and Conversion. Political Thinking for the New Millennium“, Riverside – University of California, 18. – 21. 6. 2008. Im Innsbrucker Theologischen Leseraum: http://theol.uibk.ac.at/itl/666.html.

446
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—   „Denn sie wissen, was sie tun“ – Freiheit, Heilsverantwortung und Erlösbarkeit des Menschen bei Raymund Schwager und Karl Rahner, in: Niewiadomski, Józef (Hg.), Das Drama der Freiheit im Disput, Freiburg i. Br. 2017, 116-149.

447
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—   Die gesprengten Fesseln des Todes. Wie wir durch das Kreuz erlöst sind. Kevelaer 2011; im Innsbrucker Theologischen Leseraum: http://theol.uibk.ac.at/itl/900.html.

448
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—   Die offen zu haltende Mitte. Negative Theologie in dramatischer Polyperspektivität. In: Ders., Skizzen zur dramatischen Theologie. Erkundungen und Bewährungsproben. Freiburg i.Br. 2012, 71-90. Online: http://theol.uibk.ac.at/itl/877.html

449
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—   Dramatische Theodizee. Wahrnehmung und Überwindung des Bösen aus der Perspektive einer dramatischen Theologie. In: Ders., Skizzen zur dramatischen Theologie, 293-334, im Innsbrucker Theologischen Leseraum: http://theol.uibk.ac.at/itl/909.html

450
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—   Gottesrede und die Fallen der Evangelisierung. In: M. Lintner (Hg.), God in Question. Religious Language and Secular Languages. Brixen 2014, 323-337.

451
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—   Kairos und Parusie. Kairos als Ereignis des in Christus angekommenen und angenommenen Gottes. In: ZkTh 136 (2014), 10-31. Ausführlichere Fassung im Innsbrucker Theologischen Leseraum: http://theol.uibk.ac.at/itl/1018.html

452
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—   „Nutzt den Kairos!“ Biblische Grundlagen für ein christliches Leben aus der Kraft und Führung Gottes. Gekürzt in: J. Panhofer / N. Wandinger (Hg.), Kirche zwischen Reformstau und Revolution. Vorträge der 13. Innsbrucker Theologischen Sommertage 2012 (theologische trends 22). Innsbruck: innsbruck university press 2013, 53-87, online: https://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/texte/1006.html

453
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—   René Girards „Clausewitz zu Ende denken“ im Blick auf eine dramatische Theologie und Spiritualität, in: ders., Skizzen zur dramatischen Theologie, 589–642. demnächst auch im Innsbrucker Theologischen Leseraum: http://theol.uibk.ac.at/itl/1220.html

454
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—   Skizzen zur dramatischen Theologie. Erkundungen und Bewährungsproben, Freiburg i.Br. 2012.

455
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Sandler, Willibald (mystagogisch-dramatische Schriftauslegung)

456
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—   Siehe Anhang 3.

457
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Schambeck, Mirjam, Mystagogisches Lernen. Zu einer Perspektive religiöser Bildung (Studien zur Theologie und Praxis der Seelsorge 62), Würzburg 2006.

458
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Schwager, Raymund:

459
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—   Apokalyptik. Über die Verbindlichkeit der biblischen Bilder vom Ende der Geschichte, In: SaThZ 1 (1997), 2-14.

460
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—   Eschatologie. Manuskript zur Vorlesung (1992). Im Innsbrucker Theologischen Leseraum: https://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/texte/230.html

461
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Stosch, Klaus von: Gott – Macht – Geschichte. Versuch einer theodizeesensiblen Rede vom Handeln Gottes in der Welt. Freiburg ; Wien u.a. 2006.

462
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Walter, Silja, Gesamtausgabe, Band 6, Prosa, Fribourg 2001

463
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Wright, Nicholas Tom: Von Hoffnung überrascht. Was die Bibel zu Auferstehung und ewigem Leben sagt. Neukirchen-Vluyn 2011.

464
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Anhang 3: Texte von Willibald Sandler zur mystagogisch-dramatischen Schriftauslegung

465
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Publikationen in umgekehrt chronologischer Reihenfolge

466
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—   Gabe und Gericht. Eine mystagogisch-dramatische Auslegung des Gleichnisses von den Talenten (Mt 25,14-30), im Innsbrucker Theologischen Leseraum: http://theol.uibk.ac.at/itl/1218.html (original veröffentlicht: 21. 11. 2017)

467
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—   Ihr seid die Lampen, die ihr tragt – Lasst euch mit Heiligem Geist füllen! Die Dramatik von Gnade und Gericht im Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen (Mt 25,1-13), im Innsbrucker Theologischen Leseraum: http://theol.uibk.ac.at/itl/1217.html (original veröffentlicht: 14. 11. 2017)

468
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—   Nein sagen und „Nein tun“. Die größere Dramatik im Gleichnis von den beiden Söhnen (Mt 21,28-31), im Innsbrucker Theologischen Leseraum: https://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/texte/1211.html (original veröffentlicht: 3. 10. 2017)

469
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—   In den Himmel ohne Vorbedingungen? Zur Dramatik von Gnade und Gericht im Gleichnis vom königlichen Hochzeitsmahl (Mt 22,1-14), im Innsbrucker Theologischen Leseraum: https://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/texte/1214.html (original veröffentlicht: 21. 10. 2017)

470
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—   Jederzeit beten und sich nie entmutigen lassen. Eine praxisorientierte Auslegung des Gleichnisses von der zudringlichen Witwe (Lk 18,1-8), Originalbeitrag für den Innsbrucker Theologischen Leseraum: https://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/texte/1170.html (publiziert: 14. 10. 2016)

471
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—   Christus nachfolgen – wie geht das? Biblische Herausforderungen. In: W. Guggenberger / S. Paganini (Hg.), Jesus nachfolgen. Auf der Suche nach christlichen Lebensformen. Vorträge der 10. Innsbrucker Theologischen Sommertage (theologische trends 16). Innsbruck: innsbruck university press (IUP) 2010, 77-105; im Innsbrucker Theologischen Leseraum: http://theol.uibk.ac.at/itl/826.html.

472
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473
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Anmerkungen

474
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1 Neben Markus 13: Matthäus 24 und Lukas 21.

475
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2 Die Übersetzung hält sich mit geringen Abweichungen an: Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 208. Hervorhebungen in Bibelzitaten sind durchgängig von mir.

476
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3 Vgl. Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 199, 203.

477
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4 Einen Hinweis darauf gibt im zitierten Text lediglich der kursiv gesetzte Vers 33.

478
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5 Das griechische Wort lautet blépein, was die Grundbedeutung Schauen hat und von daher Achtgeben bedeuten kann.

479
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6 Die Übersetzung hält sich mit geringen Abweichungen an Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 181, 185, 189, 193, 199, 203, 208. Die Untergliederung mit den Zwischenüberschriften stammt ebenso wie die Hervorhebungen von mir.

480
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7 Dies ist nicht nur der längste, sondern der einzige geschlossene lange Redeteil im Markusevangelium. In der Länge ist er nur noch vergleichbar mit der Gleichnisrede in Mk 4. Diese steht am Anfang von Jesu Verkündigung und weist die Menschen in den Kairos seines öffentlichen Wirkens ein. Die Rede der Markusapokalypse steht am Ende von Jesu Verkündigung und bereitet die Jünger auf die Endzeit zwischen Auferstehung und Parusie vor. Vgl. Hahn, Frühjüdische und urchristliche Apokalyptik, 117f.

481
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8 Mit „vollenden“ wird auch deutlich, dass sie – im Einklang mit jüdischer Apokalyptik – nicht nur an Weltuntergang, sondern an die daran anschließende Neuschöpfung denken.

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9 Vgl. die Verse 5, 9, 23. In der obigen Übersetzung habe ich die entsprechenden Stellen besonders hervorgehoben.

483
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10 Vgl. Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 195.

484
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11 Vgl. Dan 8,13; 9,27.

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12 Vgl. Frevel, Geschichte Israels, 353.

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13 Vgl. dazu biblisch 1 Makk 1,20–53, sowie den Überblick in: Hahn, Frühjüdische und urchristliche Apokalyptik, 21–36.

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14 Vgl. die Bücher 1 Makk und 2 Makk.

488
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15 Vgl. Dan 11,36–39.

489
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16 Dan 11,40-45 gibt eine Untergangsprophetie bezüglich Antiochus IV.

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17 Vgl. dazu Erlemann, Propheten und Messiasse.

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18 Abgesehen von einigen herodianischen Festungen, die von den Aufständischen besetzt wurden; darunter die Festung Masada, die durch die Römer erst im Jahr 74 n.Chr. zurückerobert wurde.

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19 Die Zeloten (vom griechischen zēlōtēs = Eiferer) waren eine antirömische Freiheitsbewegung aus dem 1. Jahrhundert nach Christus. Auch unter den Aposteln gab es einen Zeloten (Simon der Zelot, Lk 6,15; Apg 1,13).

493
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20 Nach dem Bericht von Flavius Josephus, Der jüdische Krieg, handelt es sich um Johannes von Gischala und Schimon bar Giora. Eine ziemlich reißerische, aber auf historischen Dokumenten fußende Beschreibung der Vorgänge gibt Montefiore, Jersualem 191–203.

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21 Flavius Josephus, Bellum Judaicum II,280 und VI,420.

495
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22 Cassius Dio, Römische Geschichte 65, 6, 3. Zitiert nach Karl Christ, Geschichte der römischen Kaiserzeit. Von Augustus zu Konstantin. München 62009, 252.

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23 Gnilka stellt in Bezug auf die Schlussphase des Ersten Jüdischen Kriegs fest, „daß die durch zelotische Profeten bei den Juden gefestigte Hoffnung auf ein unmittelbares Eingreifen Gottes gleichsam im letzten Augenblick nochmals entflammt wurde. Je größer die Not, desto näher ist das helfende Einschreiten von oben, lautete die apokalyptische Erwartung“ (Das Evangelium nach Markus, 184).

497
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24 Tatsächlich war 60 Jahre später ein Auslöser des Bar-Kochba-Aufstandes (132–135) der römische Plan, an der Stelle des Tempels ein Jupiterheiligtum zu errichten. Vgl. Frevel, Geschichte Israels, 378.

498
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25 Griechisch heißt es: „tò bdélygma tēs erēmōseōs“.

499
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26 Vgl. Hahn, Frühjüdische und urchristliche Apokalyptik, 116.

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27 Die Bezeichung Anti-Christ ergibt sich hier daraus, dass Christus der Gesalbte, und damit (im apokalyptischen Kontext) der Messias bedeutet.

501
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28 Im Ersten Jüdischen Krieg traten zelotische Befreiungskämpfer im Namen Gottes auf und wurden von vielen als gottgesandte Befreier gesehen. Im Zweiten Jüdischen Krieg, auch Bar-Kochba-Aufstand genannt (132–135), trat Simon bar Kosiba ausdrücklich als von Gott gesandter und vorhergesagter Messias auf. Er nannte sich „bar Kochba“, also Sternensohn, und beanspruchte damit, die Prophetie aus Levitikus zu erfüllen: „Ein Stern geht in Jakob auf, ein Zepter erhebt sich in Israel. Er zerschlägt Moab die Schläfen und allen Söhnen Sets den Schädel“ (Num 24,17). Der Aufstand wurde von Kaiser Hadrian mit aller Härte niedergeschlagen. Seitdem war Juden bei Todesstrafe verboten, den Bereich des ehemaligen Jerusalem zu betreten, wo nun die römische Garnisonsstadt Aelia Capitolina aufgebaut wurde. Vgl. Frevel, Geschichte Israels 377–380, Montefiore, Jerusalem 210–212.

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29 Vgl. den von Cassius Dio dokumentierten Wahnsinn der ermordeten, einander mordenden oder sich umbringenden Juden bei der Eroberung Jerusalem, und dazu das Zitat oben, am Ende von Kap. 4.2.

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30 Man muss sich eine solche Zunahme nicht linear vorstellen. Vgl. dazu mein geschichtstheologisches Modell einer divergent-zyklischen Eskalation von Gewalt in der Welt, im Kapitel „Die Gegenwärtigkeit von Apokalypse“ meines Aufsatzes: René Girards „Clausewitz zu Ende denken“ im Blick auf eine dramatische Theologie und Spiritualität, 634–639.

504
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31 Vgl. unten, Kapitel 9.8: „Die bösen Stunden bis an den Brunnenpunkt erleben“ – Wie Gott die Tage der großen Bedrängnis verkürzt (2).

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32 Vgl. dazu unten, Kap. 9.11.

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33 Die griechische Formel „deî“ bzw. „deî genésthai“ (= „Es ist notwendig, dass“) markiert im Neuen Testament häufig, am meisten bei Lukas, eine in Gottes Heilsgeschichte verankerte Notwendigkeit. Man spricht deshalb von einem „heilsgeschichtlichen deî“.

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34 Titus war es, der im Auftrag seines Vaters (der damals noch nicht Kaiser war), die Belagerung und Zerstörung Jerusalems durchführte.

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35 Karl Christ schreibt über Flavius Josephus: „Nachdem er die messianischen Erwartungen seiner Religion und seines Volkes auf Vespasian übertragen und diesem die Herrschaft in Aussicht gestellt hatte, erhielt er von Vespasian Freiheit und römisches Bürgerrecht“ (Ders., Geschichte der römischen Kaiserzeit, 250).

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36 Starre, Flucht und Angriff (freeze, flight, fight, fright) sind archaische Stresssysteme, die im Menschen evolutiv angelegt sind. Wie Traumatheorien zeigen, sind diese Reaktionssysteme so tief im menschlichen Gehirn verankert, dass sie im Ernstfall bewusst kaum gesteuert werden können. Jesu Aufforderung, nicht zu erschrecken, ist in einer radikalen seinsmäßigen Verwandlung begründet, die er durch sein Wirken ermöglicht. Dabei verdeutlicht seine extreme körperliche Angstreaktion am Ölberg (Blut schwitzen, vgl. Lk 22,44), dass es nicht um eine Unterdrückung oder Überwindung spontaner Stressreaktionen geht, sondern darum, sich in und mit seiner Angst rechtzeitig wieder zu fangen und so ein panisches, kontraproduktives Verhalten zu vermeiden.

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37 Wieder soll der Blick nicht, wie die Jünger meinten, auf äußere Zeichen für das Ende gehen. Zuerst warnte Jesus in der Markusapokalypse vor falschen äußeren Zeichen. Nun sollen sie in richtiger Weise auf sich achten. Vgl. 2 Joh 8: „Achtet auf euch, damit ihr nicht preisgebt, was wir erarbeitet haben, sondern damit ihr den vollen Lohn empfangt.“

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38 Synhedrien sind jüdische Lokalgerichte in den einzelnen Städten. Statthalter und Könige sind heidnische Instanzen.

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39 Gleiches gilt ja schon für andere ambivalente Mittler und Symbole für Gott, – vor allem für den Tempel: Dass Jesus dem Tempel nicht jene Heilsmittlerfunktion zugestand, die ihm traditionell (bis zu dessen Zerstörung im Jahr 70) vom Judentum zugemessen wurde, ließ ihn für seine Gegner als gottlos erscheinen.

513
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40 Mit den Worten aus einer Parallelstelle im Lukasevangelium: „Gebt acht, dass man euch nicht irreführt! Denn viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin es!, und: Die Zeit ist da. – Lauft ihnen nicht nach!“ (Lk 21,8)

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41 So geschichtlich am explizitesten im Bar Kochba Aufstand (128–130). Vgl. oben, Anm. 28.

515
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42 Vgl. Kol 1,16f: „Denn in ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten; alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen. Er ist vor aller Schöpfung, in ihm hat alles Bestand.“ Weiters: Joh 1,3; Röm 11,36; 1 Kor 8,6; Hebr 1,2–3.

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43 Vgl. dazu Apg 7,55f über Stephanus bei seiner Steinigung: „Er aber, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen und rief: Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.“ – Weiters Eph 2,18: „Durch ihn [Christus] haben wir beide in dem einen Geist Zugang zum Vater.“ (Eph 2,18) – „Gott aber, der uns und euch in der Treue zu Christus festigt und der uns alle gesalbt hat, er ist es auch, der uns sein Siegel aufgedrückt und als ersten Anteil (am verheißenen Heil) den Geist in unser Herz gegeben hat.“ (2 Kor 1,21f).

517
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44 Wie es dem Petrus in seiner Pfingstpredigt glückte: „Als sie das hörten, traf es sie mitten ins Herz, und sie sagten zu Petrus und den übrigen Aposteln: Was sollen wir tun, Brüder?“ (Apg 2,37).

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45 Dies ist eine Erklärung von Kairos in erster Näherung. Im Kapitel 11.2 werde ich auf die Möglichkeit eines negativen Kairos hinweisen, bei dem es darum geht, sich auf bestimmte Dinge nicht einzulassen, um für eine echte Gottesbegegnung freizubleiben. Auch dabei kann es sich um einen Kairos handeln, d.h. um eine Gnade, die ihre besondere Zeit hat: nämlich die Gnade, Zeichen der Zeit zu unterscheiden, – auch negative Zeichen. Zum Begriff Kairos, der für die hier durchgeführte Methode einer mystagogisch-dramatischen Schriftauslegung (vgl. Kap. 11) zentral ist, siehe W. Sandler, Nutzt den Kairos; weiters den fachtheologischen Artikel: Sandler, Kairos und Parusie.

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46 Das wird schon in der „Kurzformel“ von Jesu Verkündigung nach Markus deutlich: „Die Zeit (Kairos) ist erfüllt, das Himmelreich ist nahe. [Deshalb] kehrt um und glaubt an das Evangelium“ (Mk 1,15). Die Aufforderung im zweiten Teil („müssen“) gründet im befähigenden Kairos, der im ersten Teil angesprochen wird („kann“).

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47 In diesem Zusammenhang ist Lukas 12,51 zu verstehen, wonach Jesus nicht gekommen ist, Frieden zu bringen, sondern Spaltung. Vor allem das Johannesevangelium beschreibt mehrfach die spaltende Wirkung von Jesu Verkündigung unter Menschen, die sich nicht auf seine Botschaft einlassen wollen. Vgl. Joh 7,43; 9,16; 10,19. Die Apostelgeschichte erzählt davon, wie Paulus sich gegen die Anklage der Juden (zum Teil erfolgreich) verteidigte, indem er durch die Bezeugung der Auferstehung Spaltung bei ihnen bewirkte (Apg 23,6f; vgl. Apg 24,21).

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48 Der hier angesprochene Zusammenhang kann gut verdeutlichen, worum es in der dramatischen Theologie geht. Gottes Heilswirken ist geschichtlich als Heilsgeschichte und – zugleich freiheitlich – als Heilsdrama zu verstehen, weil die von Gott gewährte Freisetzung dem Menschen auch Macht zu einer Zurückweisung Gottes und seiner Schöpfung verleiht. Zur dramatischen Theologie vgl. Sandler, Skizzen zur dramatischen Theologie, 19–26.

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49 Vgl. dazu ausführlicher unten, Kap. 9.11.

523
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50 Vgl. Mk 12,10f: „Habt ihr nicht das Schriftwort gelesen: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden; das hat der Herr vollbracht, vor unseren Augen geschah dieses Wunder?“

524
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51 Vgl. die Gliederung der Markusapokalypse, oben in Kapitel 2.

525
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52 Dass diese universale kosmisch-geschichtliche Erschütterung auf Gott (und nicht etwa auf böse Mächte) zurückzuführen ist, wird im Text nicht ausdrücklich gesagt. Dennoch ist der Text genau so zu verstehen, indem man mit der grammatischen Konstruktion eines „passivum divinum“ (eines auf Gott bezogenen Passivs) rechnet: „Die Kräfte in den Himmeln werden ins Wanken gebracht werden“, – und zwar von Gott.

526
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53 Es ist Aufgabe einer weiterführenden systematisch-theologischen Reflexion, den heilsgeschichtlichen Bogen von der anfänglichen Schöpfung bis zur eschatologischen Neuschöpfung so zu verstehen, dass Gottes Überführung der alten in die neue Schöpfung von sich her frei von jeder Gewalt ist, sodass die Gewalt, die mit diesem Prozess verbunden ist, allein dem Widerstand einer gefallenen Schöpfung zuzuschreiben ist. Vgl. dazu unten, Anm. 126.

527
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54 „Immer noch hatte ich die nächtlichen Visionen: Da kam mit den Wolken des Himmels einer wie ein Menschensohn. Er gelangte bis zu dem Hochbetagten und wurde vor ihn geführt. Ihm wurden Herrschaft, Würde und Königtum gegeben. Alle Völker, Nationen und Sprachen müssen ihm dienen. Seine Herrschaft ist eine ewige, unvergängliche Herrschaft. Sein Reich geht niemals unter.“ (Dan 7,14)

528
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55 Dass das zugleich das Weltgericht bedeutet, wird von Lukas und Matthäus betont (vor allem in der Weltgerichtsrede Mt 25,39-46), noch nicht aber in der Markusapokalypse.

529
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56 Damit ist nicht vorausgesetzt, dass Weltuntergang und Parusie so kommen werden, dass es auf Erden Menschen gibt, die beides (!) überleben, um die Vorgänge sehen zu können. Selbstverständlich ist anzunehmen, dass die endgültige Erschütterung dieser Welt eine ist, die innerhalb der alten Schöpfung kein Mensch überlebt (Vgl. dazu 1 Kor 15,50: „Fleisch und Blut können das Reich Gottes nicht erben; das Vergängliche erbt nicht das Unvergängliche“, sowie in systematischer Reflexion: Kehl, Bis du kommst in Herrlichkeit). Das „Sehen“, von dem Vers 36 spricht, ist Menschen zuzuschreiben, deren Personalität durch den Tod hindurch so erhalten blieb, dass sie in eine neue Schöpfung hinein auferstehen können, – und zwar so, dass es sie selber sind, und nicht eine neu geschaffene Kopie von endgültig untergegangenen Personen.

530
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57 Vgl. dazu auch den Vers 10: „Und allen Völkern muss zuerst das Evangelium verkündet werden.“

531
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58 Vgl. die gegliederte Übersetzung im 2. Kapitel.

532
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59 Genauer müsste man sagen: Die Kirche ist Ferment für und von Apokalypse und Parusie. Sie ist Ferment für Apokalypse und Parusie, insofern sie die Welt auf dieses vollendende Ende hin treibt. Und sie ist Ferment von Apokalypse und Parusie, weil sie – durch die zu beschreibenden Vorweg-Erfahrungen – bereits Anteile dieses Zieles in sich enthält, von ihnen her lebt und so die Welt auf Ende und Vollendung hintreiben kann.

533
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60 Mit „idealerweise“ meine ich: Die Kirche ist all das in der Weise, dass sie von ihrem Wesen, ihrer Berufung her dazu bestimmt ist. Natürlich bleibt sie (bzw. bleiben wir) immer wieder hinter dieser Berufung zurück. Dann und in dem Maße, als das der Fall ist, wird der Kirche (bzw. uns) diese Bestimmung zum Gericht. So verstanden ist eine „ideale“ Beschreibung einer Wirklichkeit weder abgehoben noch ideologisch, – obwohl sie immer wieder in Gefahr ist, (hinter ihre Bestimmung zurückfallend) genau das zu werden.

534
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61 Unter Zeichen der Zeit werden seit dem Zweiten Vatikanum „jene Phänomene [verstanden], die durch ihre Allgemeinheit und ihre große Häufigkeit eine Epoche charakterisieren und durch welche sich die Nöte und die Wünsche [...] der gegenwärtigen Menschheit ausdrücken“ (zitiert nach Hünermann, Gottes Handeln in der Geschichte 126). Dabei ging das Konzil davon aus, dass vor allem diese Nöte und Wünsche Gott ein besonderes Anliegen sind und sie deshalb zugleich Zeichen Gottes an uns und die Kirche sind, diesen Sehnsüchten und Nöten zu entsprechen (was nicht automatisch heißt, sie zu erfüllen). Von daher gibt es eine enge Beziehung zwischen Kairos und Zeichen der Zeit, wobei Zeichen der Zeit (gemäß der oben genannten Bestimmung) große Kairoi für viele Menschen zugleich (etwa auch eine Nation oder Europa) oder auch für die ganze Menschheit oder die ganze Kirche für einen längeren Zeitraum (etwa eine ganze Epoche) sind. – Ein enges Verhältnis zwischen Kairos und „Zeichen der Zeit“ bringt das Jesuswort in Lk 12,56 zum Ausdruck: „Ihr Heuchler! Das Aussehen der Erde und des Himmels könnt ihr deuten. Warum könnt ihr dann die Zeichen dieser Zeit nicht deuten?“, wobei der etwas freien Übersetzung der Einheitsübersetzung mit „Zeichen der Zeit“ im Urtext die Formulierung „dieser Kairos“ entspricht, – in der wörtlichen Übersetzung des Münchener Neuen Testaments von 1984: „Diese Zeit aber, wie(so) wißt ihr (sie) nicht zu prüfen?“

535
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62 Im Kapitel 11.1 werde ich auf diese offen gebliebene Frage eingehen.

536
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63 Die gleiche Frage stellt sich zu Mk 9,1: „Amen, ich sage euch: Von denen, die hier stehen, werden einige den Tod nicht erleiden, bis sie gesehen haben, dass das Reich Gottes in (seiner ganzen) Macht gekommen ist.“

537
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64 Zum Beispiel nennt Hans Bayer in seinem evangelikalen Markuskommentar diese Auslegung als eine mögliche „Alternative“. Er bevorzugt aber die nachfolgend dargestellte zweite Form der Entschärfung von Mk 13,30. Vgl. ders., Das Evangelium des Markus, 448.

538
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65 Vgl. Bayer, ebd. 447f.

539
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66 Banal ist diese Aussage im Hinblick auf die Forderung Jesu, wachsam zu sein: Das Ende, dessen wir uns jederzeit bewusst sein sollen, rückt auf jeden Fall in unerreichbare Ferne. Nicht banal ist eine solche Aussage im Blick auf kosmologische Vorstellungen, wie sie seit dem 20. Jahrhundert von den Naturwissenschaften her begründet werden: „Angesichts der neuen Kenntnisse über die Entwicklung des Kosmos treten das Ende der Menschheit und das Ende der Welt tatsächlich auseinander“ (Schwager, Apokalypse 3).

540
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67 Dabei gab es im späten Alten Testament zwei unterschiedliche Vorstellungen: erstens, dass nur die Gerechten auferweckt werden; zweitens, dass alle Menschen auferweckt und gerichtet werden.

541
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68 Abgesehen von den Sadduzäern, die den Auferstehungsglauben leugneten. Vgl. Mk 12,18 par., sowie Apg 23,8.

542
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69 Entsprechend den beiden unterschiedlichen Vorstellungen, wie in der vorletzten Anmerkung genannt.

543
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70 Vgl. zu dieser Transformation jüdischer Apokalyptik bzw. des jüdischen Auferstehungsverständnisses: Wright, Von Hoffnung überrascht, 53–63; sowie Schwager, Apokalyptik.

544
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71 Die Annahme einer Überlappung der Äonen, mit einer Gleichzeitigkeit zwischen weitergehendem altem Äon und mit dem Auferstandenen Christus bereits begonnener neuer Schöpfung ist logisch nicht unproblematisch. Denn sie scheint eine beiden Äonen übergeordnete Zeit anzunehmen, obwohl ja unsere Zeitstrukturen an den alten Äon gebunden sind. Sinn macht der Anspruch einer solchen Überlappung oder Gleichzeitigkeit erst durch den Anspruch, dass Teile der neuen Schöpfung inmitten der alten Schöpfung aufscheinen können, dort auch zeitlich datierbar sind und reale Auswirkungen haben.

545
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72 Die Auffassung, dass auch für uns die Auferstehung schon geschehen ist, kann nur auf eine Metaphorisierung und Spiritualisierung der Auferstehung als solcher hinauslaufen und wird als solcherart gnostische Position in 2 Tim 2,18 zurückgewiesen.

546
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73 Dass die Naherwartung von Weltende und Weltvollendung sich aus der Perspektive Jesu mit seinem Tod und seiner Auferstehung tatsächlich erfüllt, betont Hans Urs von Balthasar in ders., Theodramatik II/2, 53-135. Dieser eingeschränkten Perspektive, die die sich hinziehende Zeit der Kirche weitgehend außer Betracht lässt, entspricht unter den Apokalypsen der Evangelien die Markusapokalypse am ehesten. Dies betont Hahn, Frühjüdische und urchristliche Apokalyptik, 118.

Allerdings kommt bei der These von Balthasars zu kurz, dass der Jesus der Evangelien sehr wohl apokalyptische Entwicklungen nach seinem Tod in den Blick nimmt, – allen voran der Untergang Jerusalems. Vgl. dazu die Aussage Raymund Schwagers, die als Kritik an Balthasars These verstanden werden kann: „Die Rede Jesu vom baldigen Ende meint deshalb nicht nur das, was in seinem eigenen Geschick geschehen ist (Kreuz, Auferweckung und Geistsendung)“ (Schwager, Eschatologie, https://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/texte/230.html#74).

547
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74 Zum entscheidenden Unterschied zwischen der eigentlichen, finalen Vollendung und ihren gegenwärtigen Vor-Erfahrungen vgl. unten, Kap. 9.7.

548
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75 Mit der Rede von einer leiblichen Auferstehung wird ausgesagt, dass diese Auferstehung die ganze menschliche Existenz und Personalität mit ihrer ganzen Geschichte und all ihren Beziehungen umfasst. Vgl. Kessler, Was kommt nach dem Tod, 202–216, besonders 212.

549
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76Tradition ist hier nicht primär als Summe von Inhalten, sondern als vom Heiligen Geist geführter Vorgang der Weitergabe des Christuszeugnisses verstanden. „Ununterbrochene apostolische Tradition“ bedeutet von daher den Vorgang einer solchen prozesshaften Tradition, die zurückgeht bis zum Auferstehungszeugnis der Apostel. In diesem Sinn ist im großen Glaubensbekenntnis die Aussage „Wir glauben [...] die [...] apostolische Kirche“ zu verstehen.

550
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77 Diese sichere Evidenz oder Überzeugung fußt nicht nur auf dem als verlässlich bewerteten Zeugnis anderer, sondern auch auf eigener Geisterfahrung und der Tragfähigkeit eines Lebens, das man auf diesem Fundament neu ausgerichtet hat.

551
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78 Damit ist nicht gesagt, dass alle Erfahrungen einer bereits gegenwärtigen Ankunft Christi in den Kairoi unseres Lebens und den Zeichen der Zeit in unserer Welt beglückend sind. Sondern: Insofern sie beglückend sind, wecken sie eine Sehnsucht nach mehr. Und dieses „Mehr“ bedeutet nicht eine Relativierung der jetzt schon erfahrenen (anonymen) Christusbegegnung als „noch nicht ganz“, sondern eine Ausweitung dieses hier und jetzt erfahrenen „Ganz-Angekommenseins“ Jesu Christi auf das ganze Leben (mit all den noch unintegrierten „dunklen“ Anteilen der eigenen Seele), auf alle Welt und (damit) auf ein Bleiben für alle Zeit.

552
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79 Vgl. die Vaterunserbitte in Mt 6,10.

553
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80 Stärker werden Erfahrungen der Gegenwart Christi in dem Sinn, dass größere Anteile der eigenen Persönlichkeit für die Annahme dieser Erfahrung geöffnet werden.

554
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81 Ich schreibe „in letzter Konsequenz“, weil die Sprengkraft, die eine authentische Christuserfahrung für unsere überkommenen Kategorien ausübt, bei konkreten Christuserfahrungen gewöhnlich mehr oder weniger implizit bleibt. In voller Härte durchgebrochen ist sie in der Christusvision von Paulus, wie sie mehrfach in der Apostelgeschichte bezeugt wird.

555
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82 Glaube im biblisch gemeinten, stärkstmöglichen Sinn bedeutet, die ganze Existenz auf dem sich offenbarenden Gott zu gründen.

556
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83 So wird Paulus später, nachdem er durch seine Zerbrechenserfahrung hindurchgegangen ist, bezeugen: „Wir wissen, dass Christus, von den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt; der Tod hat keine Macht mehr über ihn“ (Röm 6,9).

557
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84 Vgl. 1 Kor 6,14: „Gott hat den Herrn auferweckt; er wird durch seine Macht auch uns auferwecken.“ — Vgl. weiters die ausführliche Argumentation von Paulus, dass der Anspruch von Jesu Auferweckung sinnlos ist, wenn es nicht insgesamt eine Auferstehung der Toten gibt: „Wenn aber verkündigt wird, dass Christus von den Toten auferweckt worden ist, wie können dann einige von euch sagen: Eine Auferstehung der Toten gibt es nicht? Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, ist auch Christus nicht auferweckt worden. Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos. Wir werden dann auch als falsche Zeugen Gottes entlarvt, weil wir im Widerspruch zu Gott das Zeugnis abgelegt haben: Er hat Christus auferweckt. Er hat ihn eben nicht auferweckt, wenn Tote nicht auferweckt werden. Denn wenn Tote nicht auferweckt werden, ist auch Christus nicht auferweckt worden. Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube nutzlos, und ihr seid immer noch in euren Sünden“ (1 Kor 15,13–17).

 

558
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85 Vgl. Röm 8,11: „Wenn der Geist dessen in euch wohnt, der Jesus von den Toten auferweckt hat, dann wird er, der Christus Jesus von den Toten auferweckt hat, auch euren sterblichen Leib lebendig machen, durch seinen Geist, der in euch wohnt.“ — Ähnlich 1 Thess 4,14 und 2 Kor 4,14.

559
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86 Vgl. Apg 9,9.

560
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87 Dieser Glaube an den auferstandenen Christus mit all den daraus sich ergebenden Konsequenzen wird möglich, wenn man nicht versucht, ihn aus dem Bisherigen abzuleiten, sondern weil er (genauer: der jedes Verstehen übersteigende Christus selber) den Angelpunkt eines neuen Weltbildes ausmacht. In seinem Licht macht dann alles andere auch Sinn. Vieles am etablierten Weltwissen kann übernommen werden. Aber alles zeigt sich in einer anderen Perspektive, von einer neuen Mitte her und mit einem neuen Ziel.

561
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88 Der Drang, den Paulus beschreibt, ist erneuerten Christen in ihr Sein geschrieben: „denn ein Zwang liegt auf mir. Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!“ (1 Kor 9,16). Allerdings ist es kein gewaltsam aufgezwungener, sondern ein frei gewählter Zwang: Ich kann nicht anders, als Christus zu verkünden, weil ich mich dazu bestimmt habe, indem ich ihn als die Mitte eines neuen Lebens angenommen und deshalb in allem, was ich bin, sage und tue (explizit oder implizit), gar nicht anders kann, als diese Mitte zu bezeugen. — In dieser für uns uneinholbar idealen Weise wird uns von den Evangelien die Identität Jesu in seinem Verhältnis zum himmlischen Vater beschrieben; am ausdrücklichsten bei Johannes: „Der Sohn kann nichts von sich aus tun, sondern nur, wenn er den Vater etwas tun sieht. Was nämlich der Vater tut, das tut in gleicher Weise der Sohn“ (Joh 5,19). Dieses Nichtkönnen gründet in einer unvordenklichen Selbstbestimmung des Sohnes, nur dem Willen des Vaters folgen zu wollen. Paulus kann sich dieser Radikalität des „Gott-Wollens“ durch seine gelebte radikale Christozentrik annähern. Er will nur noch Christus kennen, und zwar als den Gekreuzigten (1 Kor 2,2).

562
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89 „Anders als zuvor“ bedeutet: Anders als bevor man überhaupt solche Christus-Erfahrungen gemacht hat. Natürlich werden auch (und vor allem) erneuerte Christen authentische Christuserfahrungen machen. Diese fortgesetzten Erfahrungen werden sie nicht dazu führen, dass sie nicht mehr wie zuvor leben können, sondern so mit Christus weiterzuleben, wie sie seit ihren ersten Christuserfahrungen begonnen haben.

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90 Von jedem anderen Ort, den man ihm einräumte, müsste Christus früher oder später verworfen werden. Er müsste dem, das die Mitte besetzt (Jesus spricht z.B. vom Mammon) geopfert werden. Und jene VerfechterInnen einer negativen Theologie oder Philosophie, die die verborgene Mitte von allem absolut leer halten wollen, müssten ihm die Tür weisen, weil sonst die Gefahr zu groß wird, dass er diese Mitte besetzt. — Er besetzt sie wirklich, aber nicht wie ein Götze, sondern um in allem dem himmlischen Vater die Ehre zu geben. Dieser Unterschied ist für uns derart erfahrbar, dass der wahre Christus selber niemals festgehalten werden kann (vgl. Joh 20,17). Er entzieht sich unseren Versuchen, ihn zu verstehen und ihn für unsere Absichten zu vereinnahmen.

564
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91 Ein solches Zerbrechenlassen allen Wissens – zumindest so, dass man auf kein Wissen bauen will als auf das Wissen um Jesus Christus – ist bei Paulus angedeutet, wenn er sagt: „Als ich zu euch kam, Brüder, kam ich nicht, um glänzende Reden oder gelehrte Weisheit vorzutragen, sondern um euch das Zeugnis Gottes zu verkündigen. Denn ich hatte mich entschlossen, bei euch nichts zu wissen außer Jesus Christus, und zwar als den Gekreuzigten. Zudem kam ich in Schwäche und in Furcht, zitternd und bebend zu euch. Meine Botschaft und Verkündigung war nicht Überredung durch gewandte und kluge Worte, sondern war mit dem Erweis von Geist und Kraft verbunden, damit sich euer Glaube nicht auf Menschenweisheit stützte, sondern auf die Kraft Gottes.“ (1Kor 2,1-5).

565
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92 Ein Beispiel für eine solche allen gegenüber offene Solidarität, die fern von jeder eigenen Haltlosigkeit ist, gibt Paulus im ersten Korintherbrief: „Da ich also von niemand abhängig war, habe ich mich für alle zum Sklaven gemacht, um möglichst viele zu gewinnen. Den Juden bin ich ein Jude geworden, um Juden zu gewinnen; denen, die unter dem Gesetz stehen, bin ich, obgleich ich nicht unter dem Gesetz stehe, einer unter dem Gesetz geworden, um die zu gewinnen, die unter dem Gesetz stehen. Den Gesetzlosen war ich sozusagen ein Gesetzloser – nicht als ein Gesetzloser vor Gott, sondern gebunden an das Gesetz Christi –, um die Gesetzlosen zu gewinnen. Den Schwachen wurde ich ein Schwacher, um die Schwachen zu gewinnen. Allen bin ich alles geworden, um auf jeden Fall einige zu retten.“ (1Kor 9,19-22) – Eine solche umfassende Solidarität ist deshalb frei von allem Relativismus, weil Paulus sich zuvor rückhaltlos auf Jesus Christus eingelassen hat. Dies wird durch den Halbsatz am Anfang angedeutet („Da ich also von niemand abhängig war ...“), und am Anfang des Briefs durch seine Entscheidung bestätigt, nur mehr Christus zu kennen. Vgl. dazu die vorige Anmerkung.

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93 Vgl. Mk 12,10 par: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden“.

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94 Daran, dass sie diesen Raum nicht freihält, erkennt man „Welt“ in jenem kritischen Sinn, wie das Neue Testament, zumal das Johannesevangelium, davon meistens spricht. Demgegenüber braucht die Welt (nun nicht im kritischen Sinn, sondern deskriptiv als das Ganze der Wirklichkeit, die wir nicht auf einen Nenner bringen können und auch nicht dürfen) eine negative Theologie, die jene verborgene Mitte, an der die Würde des Menschen und eine unantastbare Schönheit alles Seienden hängt, offenhält und jeden Okkupationsversuch destruiert. Vgl. dazu Sandler, Die offen zu haltende Mitte.

Aber okkupiert nicht auch die beschriebene radikale Bekehrung mit der Absolutsetzung Jesu Christi diese Mitte, vielleicht sogar in einer noch extremeren und gefährlicheren Weise? Tatsächlich ist die Grenze des eben Beschriebenen zum Extremismus und Fanatismus schmal. Wie sonst kaum jemals steht bei einem solchen existenziellen „Weltuntergang“ diese Mitte zur Disposition: Man könnte etwas Menschengemachtes hineinsetzen, – ein bestimmtes Christus-Programm, eine bestimmte Theologie und Ideologie. Im Gleichnis gesprochen: Man könnte auch alles für eine falsche Perle hingeben (vgl. Mt 13,45f). Alles hängt nun davon ab, ob es Christus ist, der uns erwählt, oder ob es wir sind, die Christus erwählen wollen (vgl. Joh 15,16; 1 Joh 4,10.19). Darin liegt eine besondere Verantwortung von SeelsorgerInnen, die Menschen begegnen, die sich in einem solchen Umbruch befinden: die Versuchung von Sektenführern, diese freigewordene Mitte mit eigenen Programmen, Ideen und Ideologien zu füllen. Demgegenüber gilt es, diese Mitte behutsam offenzuhalten, weil es der – auch der Seelsorgerin unverfügbare – Christus ist, der selber in diese Mitte eintritt und dem bereiten Menschen zeigt, was sein Weg ist.

568
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95 Denn „keiner kann sagen: Jesus ist der Herr!, wenn er nicht aus dem Heiligen Geist redet“ (1 Kor 12,3b).

569
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96 Solches gilt z.B. für den scheinbar in sich unvereinbaren Anspruch, dass Jesus Christus wahrer Gott und wahrer Mensch ist. Versucht man, Christus in einen vorgegebenen Verstehenshorizont mit einem gegebenen Vorverständnis von „Gott“ und „Mensch“ einzuordnen, kann der Widerspruch nicht beseitigt werden, und man muss eines der beiden Attribute auf Kosten des anderen wählen. Anders, wenn man in einem Durchgang durch ein Zerbrechen alles Verstehens Jesus Christus in die Mitte von allem aufnimmt. Dann ist man zugleich herausgefordert und befähigt, von dem absoluten Referenzpunkt Jesu Christi als wahrem Gott und wahrem Menschen her ganz neu zu verstehen, was „Mensch“ und was „Gott“ bedeutet. — Ähnlich verhält es sich mit Jesu Verkündigung eines Gottesreichs, das in dieser Welt, aber nicht von dieser Welt ist; ebenso mit der erneuerten Existenz von Christen, für die genau dieses „in der Welt, aber nicht von der Welt“ gilt (vgl. Joh 15,19; 17,14-16; Röm 12,2; 2 Kor 10,3), und in vielem anderen.

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97 Diese die Apokalypse anheizende Wirkung der Evangeliumsverkündigung hat Raymund Schwager im Gefolge von René Girard herausgearbeitet, und zwar im Blick auf unterschiedliche Formen, mit der Bedrohung einer kollektiv sich verstärkenden Gewalt umzugehen. Gemäß Girards mimetischer Theorie und Schwagers dramatischer Theologie neigen menschliche Kollektive – von kleinen Gruppen bis zur globalisierten Weltgesellschaft – bis tief die sie konstituierenden Strukturen hinein dazu, Frieden und Versöhnung durch einigende Absetzung von bestimmten Anderen (die solcherart zu Sündenböcken gemacht werden) sicherzustellen. Jesus hat diesen Sündenbockmechanismus aufgedeckt und mit einer radikalen Umkehr zu Gott in der Nachfolge Christi zugleich eine anspruchsvolle Alternative eröffnet.

Für jene, die sich auf diese Umkehr nicht einlassen wollen, hat das Evangelium somit ebenso eine zersetzende Wirkung wie auf eine Kultur, der sich einer einheitsstiftenden Gewalt verdankt. Im Laufe der nachchristlichen Geschichte wurde diese nicht nur befreiende, sondern auch zersetzende Kraft des Evangeliums immer tiefer in die menschlichen Kulturen eingesenkt. Aufgrund dieser zersetzenden Kraft müssen die „nachchristlichen“ Versuche, das Rad hinter den christlichen Impuls in Richtung auf ein (neues) Heidentum zurückzudrehen, indem man entschieden zum Konzept einer Einigung gegen andere zurückkehrt, immer rücksichtsloser ausfallen. Die Anzahl der Opfer, die aufgehäuft werden müssen, damit der Sündenbockmechanismus einer Einigung gegen andere (ohne übrigbleibende Gegner gegen eine solche Einigung) funktioniert, steigert sich ins Unermessliche. Die wachsende Zahl von Genoziden in unserer Geschichte, allen voran der Holocaust des Dritten Reichs, sind von daher als Zeichen einer apokalyptischen Entwicklung zu interpretieren. Vgl. dazu: Girard, Das Ende der Gewalt, v.a. 239–244, 257–260; ders., Im Angesicht der Apokalypse; Palaver, René Girards mimetische Theorie, v.a. 311-321; Niewiadomski, Denial of the Apocalypse, v.a. 59–64; Schwager, Apokalyptik; Sandler, René Girards „Clausewitz zu Ende denken“.

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98 Dabei gilt Letzteres, weil extreme innerweltliche Bedrängnisse die vertraute Welt mit ihren Ontologien (d.h. Seinsvorstellungen) zerbrechen lassen kann. Und wem seine Welt bereits zerbrochen ist, der tut sich leichter damit, den grundstürzenden Kairos einer Christus- und Auferstehungserfahrung anzunehmen. Das meint Jesus in der Bergpredigt, wenn er die Armen, Trauernden, Leidenden und Verfolgten selig preist, weil ihnen das Himmelreich gehört (vgl. Mt 5,3–12).

572
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99 So schreibt Bayer, Das Evangelium des Markus, 472, – allerdings nicht im Plural, sondern im Singular: „Wie oben bereits ausgeführt, geht es in V. 5–23 thematisch jedoch nicht ausschließlich um die Zerstörung Jerusalems und des Tempels (nicht einmal ausschließlich in V. 14–18), sondern um eine eschatologische Kettenreaktion, die in der Parusie des Menschensohnes kulminiert. Mit anderen Worten: Jesus beantwortet die lediglich auf den Tempel bezogene Frage der Jünger bezüglich ‚diese(r) Dinge‘ (V. 4) weit ausführlicher und breiter als erwartet. Die Trübsal, die mit der Zerstörung Jerusalems und des Tempels verbunden ist, gilt somit als Anfang und Muster. In jeder neuen und darauf folgenden Situation der eschatologischen Kettenreaktion ist Wachsamkeit geboten; die Trübsal, die vor der Parusie besteht (V. 19), soll zur Wachsamkeit vor Irrlehrern anleiten (V. 21–23).“ – Ich stimme hier Bayer zu, möchte aber diese „eschatologische Kettenreaktion“ noch prinzipieller verstehen. Deshalb gebrauche ich den Begriff im Plural. Leitend ist für mich dabei eine dramatische Theologie, die noch vor Raymund Schwager und der Innsbrucker Dramatischen Theologie von Hans Urs von Balthasar entwickelt wurde, und zwar mit seinem Gesetz einer „dramatischen Eskalation“. Vgl. ders., Theodramatik III, 43–55; IV 245f.

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100 Auch ohne dass die Verkündigung des Evangeliums selber durch Einlagerungen von Gewalt pervertiert würde. Im Gegenteil: In dem Maß, als Evangelisierung und Mission sich reiner vom Heiligen Geist leiten lassen, wird ihre Botschaft „schärfer“: sie kann stärkere Zustimmung aber auch verheerendere Ablehnung hervorrufen.

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101 Vgl. oben, Kapitel 4.4.

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102 Kann Gott einem bestialischen Täter nicht durch den sprichwörtlichen Blitz vom Himmel oder durch einen Herzinfarkt bei seiner Untat in den Arm fallen? Eine solche interventionistische Annahme bringt theologisch zahlreiche Schwierigkeiten mit sich: nicht nur, dass durch ein solches Eingreifen Gottes die Autonomie der geschaffen Welt wie auch der menschlichen Freiheit gefährdet scheint. Es verschärft sich auch die Theodizeeproblematik, wie die Annahme eines guten und gerechten Gottes mit der Faktizität von Leiden, Bösem und Übel vereinbar ist. Wenn Gott nämlich derart eingreifen und das Böse unterbrechend kann, warum tut er es in so vielen Fällen himmelschreiender Gewalt offensichtlich nicht? Aus diesem Grund neigen zahlreiche Theologen dazu, Gott eine solche Eingriffsmöglichkeit prinzipiell abzusprechen. So etwa, Stosch, Gott – Macht – Geschichte, 156–162. Im Unterschied dazu denke ich, dass man (1.) Gott eine solche Möglichkeit nicht absprechen kann, dass Gott (2.) gewiss Gründe hat, warum er in vielen Fällen nicht eingreift, und dass (3.) uns diese Gründe in vielen Fällen nicht bekannt sind. Auch wenn man die tiefsten Gründe, warum und wie Gott (nicht) handelt, nicht einsehen kann, haben wir doch die Möglichkeit, allgemein nachzuvollziehen, wie Gott durch Steigerung und nicht durch (gewaltsame) Einschränkung menschilcher Freiheit Menschen zur Umkehr und Erlösung führt. Diese Annahme ist für eine kairologische (d.h. am Kairos-Begriff orientierte) Theologie zentral. Und aus ihr ergibt sich geschichtstheologisch die Annahme einer dramatischen Eskalation des Guten und des Bösen im Weitergang der Welt- und Heilsgeschichte auf Ende und Vollendung zu. Vgl. dazu: Sandler, Dramatische Theodizee, v.a. 316–322, sowie online https://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/texte/909.html#ch6

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103 Vgl. dazu 2 Kor 3,15–18: „Bis heute liegt die Hülle auf ihrem Herzen, [...]. Sobald sich aber einer dem Herrn zuwendet, wird die Hülle entfernt. [...] Wir alle spiegeln mit enthülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wider und werden so in sein eigenes Bild verwandelt, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, durch den Geist des Herrn.“

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104 „Er aber, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen und rief: Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen. Da erhoben sie ein lautes Geschrei, hielten sich die Ohren zu, stürmten gemeinsam auf ihn los, trieben ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn. [...] So steinigten sie Stephanus; er aber betete und rief: Herr Jesus, nimm meinen Geist auf! Dann sank er in die Knie und schrie laut: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!“ (Apg 7,56-60)

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105 Delp, Gesammelte Werke, Band 4, 26. Alfred Delp hatte dieses Zeugnis einige Wochen vor seiner Hinrichtung in einem Brief aus dem Gefängnis geschmuggelt.

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106 Vgl. Heidi und Rolland Baker, Es gibt immer genug. — Weiters die Homepage der von ihr gegründeten Organisation Iris Ministries: http://www.irisglobal.org

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107 Eigene Übersetzung von: Heidi Baker, Primacy of Love.

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108 Eine solche Verinnerlichung, die die realgeschichtlichen Dynamiken von Gewalt und Vernichtung außer Betracht lässt, ist das Problem von sogenannten tiefenpsychologischen Deutungen der Bibel, wie sie vor allem durch Eugen Drewermann populär wurden.

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109 Vgl. dazu oben, Kapitel 9.5.

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110 Vgl. dazu Sandler, Gottesrede und die Fallen der Evangelisierung.

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111 Deshalb sind eine dezidierte Wort Gottes-Theologie (wie in der dialektischen Theologie bei Karl Barth) und ein Konzept von Offenbarung als Geschichte (wie in der „Pannenberg-Schule, die eine Wort-Gottes-Theologie kritisiert) recht verstanden keine Gegensätze, sondern verstärken sich gegenseitig.

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112 Bereits das Wort Erfahrung verweist auf eine Aktivität des Aufnehmens und Aneignens (nämlich: Fahren), ohne die es keine eigentliche Erfahrung sondern allenfalls ein (den Menschen nur zerstreuenden, nicht verändernden) Erlebnis geben würde.

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113 Vgl. oben, Kap. 9.2.

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114 Auf beides verweist Jesus mit dem Gleichnis vom Sämann. Vereitelt wird die Gnadenerfahrung, wo der Same des Gottesworts auf den Weg fällt. Dass die Gnadenerfahrung oberflächlich und relativ wirkungslos bleibt, wird mit den Samen beschrieben, die auf felsigen Boden fallen: „Sobald sie es hören, nehmen sie es freudig auf; aber sie haben keine Wurzeln, sondern sind unbeständig, und wenn sie dann um des Wortes willen bedrängt oder verfolgt werden, kommen sie sofort zu Fall.“ (Mk 4,16f par Mt 13,20f).

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115 Deshalb kann Jesus in der matthäischen Bergpredigt und mehr noch in der lukanischen Feldrede die real Armen, Hungernden, Trauernden und Verfolgten selig sprechen. Sie sind nicht selig, weil ihnen das Unheil zugefügt wurde, sondern weil jetzt eine Gnade erfolgt ist, für die sie nun offener sind. Ebenso werden von daher die Weheworte bei Lukas verständlich: Wehe den Reichen, Satten, Lachenden und von allen Gelobten, weil und insofern sie durch diese ihre intakte Welt davon abgehalten werden, sich durch den Kairos der Begegnung mit Christus (in den hinein die Seligsprechungen und Weheworte gesprochen sind) zerbrechen zu lassen und so das göttliche Licht einer neuen Schöpfung und des ewigen Lebens in ihr Leben hereinzulassen.

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116 Vgl. – in Weiterführung der vollmächtigen Verkündigung Jesu in Lk 4,36 – die Vollmacht der von Jesus ausgesandten Jünger: Lk 10,17–20.

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117 Vgl. Mt 22,7: „Denn viele sind gerufen, aber nur wenige auserwählt“ im Kontext des vorausgehenden Gleichnisses von der Einladung zum Hochzeitsmahl. Dazu: Sandler, In den Himmel ohne Vorbedingungen? Zur Dramatik von Gnade und Gericht im Gleichnis vom königlichen Hochzeitsmahl (siehe Anhang 3).

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118 Hier ist nochmals (nach Anm. 76) auf das Große Glaubensbekenntnis zu verweisen, mit dem Bekenntnis „Wir glauben an [...] die [...] katholische [...] Kirche“, wobei katholisch keine konfessionelle Einschränkung markiert, sondern – im Gegenteil – „allumfassend“ bedeutet. Das Zweite Vatikanische Konzil entspricht dieser Weite, indem sie verschiedensten Religionen und Menschen ein gestuftes Nahverhältnis zur Kirche zuspricht, anstatt mittels scharfer Kriterien Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit gegeneinander zu stellen.

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119 Das heißt, die Anwendung (im Fachbegriff: Applikation) folgt dem Verstehen nicht nur nach, sondern geht ihm auch voraus. Dies lässt sich fachsprachlich so ausdrücken, dass ein hermeneutischer Zirkel zwischen Verstehen und Anwenden besteht. Dieser praktisch-hermeneutische Zirkel ist für das rechte Verstehen der Bibel und insbesondere der Evangelien deshalb von vorrangiger Bedeutung, weil die Botschaft Jesu bereits inhaltlich zentral auf Anwendung, Applikation zielt: „Was sagt ihr zu mir: Herr! Herr!, und tut nicht, was ich sage?“ (Lk 6,46)

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120 Vgl. v.a. die Kapitel 9.1–9.2.

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121  Für diese Problematik ist die Theorie René Girards und ihre theologische Rezeption in der Innsbrucker dramatischen Theologie wichtig. Hier wird nicht religionskritisch behauptet, dass das biblische Gottesbild das Produkt menschlicher Gerechtigkeitssehnsüchte und Rachephantasien (frei nach Nietzsche: von „Gerächtigkeitsphantasien“) sei, wohl aber, dass solche Vorstellungen die Selbstoffenbarung eines wesentlich gewaltlosen Gottes immer wieder entstellt haben. Diese Entstellung betrifft nicht nur unser unzulängliches Bibelverständnis, sondern auch die Bibel selber, insofern sie „Gotteswort im Menschenwort“ (2. Vatikanum, Dei Verbum) ist: Die biblische Heilsgeschichte beschreibt einen langen, mühsamen und von immer neuen Rückschlägen gezeichneten Weg der Menschen aus der Gewalt, und bei dieser Beschreibung können biblische Inhalte und Aussageformen nicht säuberlich auseinanderdividiert werden. — Der entstellende Einfluss von Rachephantasien auf Apokalypse und Eschatologie wurde innerhalb der Innsbrucker Dramatischen Theologie von Józef Niewiadomski anschaulich herausgearbeitet. Vgl. ders., Hoffnung im Gericht.

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122 Zu dieser Transformation vgl. Schwager, Apokalyptik.

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123 So ist es „das Lamm, wie geschlachtet“, also der Messias als gekreuzigter (also als wehrlos die Gewalt ertragende und nicht sie aktiv niederschlagend), der die Siegel am Buch des Lebens löst und so die apokalyptischen Plagen auslöst (Offb 5). Selbst der „Zorn des Lammes“ (Offb 6,16) ist in diesem Zusammenhang zu verstehen. Zur Johannesapokalypse vgl. Sandler, Apocalypse and Eucharist.

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124 Sie werden ausgelöst durch kollektive Kairoi oder „Zeichen der Zeit“. Zu den Zeichen der Zeit vgl. oben, Anm. 76.

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125 Vgl. dazu Sandler, Die gesprengten Fesseln des Todes; ders., Denn sie wissen, was sie tun.

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126 Man muss sich dies nicht so vorstellen, dass die technologische Macht und die Destruktivität der Menschheit so zunehmen werden, dass sie den Weltuntergang (auch auf einer kosmischen Ebene??) selbst bewirken können, so wie sie die Zerstörung Jerusalems selber verursacht haben. Auch wenn die Selbstzerstörung der Menschheit ein wichtiger Faktor für ein heutiges Verständnis apokalyptischer biblischer Texte ist (worauf Raymund Schwager, immer wieder hingewiesen hat), muss die Eschatologie hier tiefer ansetzen: Wenn man von Auferstehung und Neuschöpfung her die Schöpfung der Welt neu durchdenkt, so ergibt sich, dass Gott die Schöpfung von Anfang an zweistufig konzipiert hat, – nämlich von der alten Schöpfung auf eine neue Schöpfung hin, die Tod, Böses und Verführung zum Bösen nicht mehr kennt. Solches wäre für die erste Schöpfung ohne Verlust der menschlichen Freiheit nicht möglich gewesen, für die neue Schöpfung aber schon, insofern die menschliche Freiheit durch eine gewachsene Entschiedenheit für Gott sich selber für Gott und dass Gute „befestigt“ hat. In einer Grenzüberlegung könnte man sich fragen, wie der Übergang von der alten zur neuen Schöpfung erfolgt wäre, wenn es keine Sünde gegeben hätte, weil die Menschen von Anfang an die Möglichkeit zu einem Ja zu Gott und seiner Schöpfung in den Kairoi der Geschichte angenommen hätten. Es wäre gewiss ein linegewaltloser Übergang gewesen, der aber ein Vergehen der „Eckpunkte“ der alten Schöpfung (Gestirne und Kräfte des Himmels) dennoch beinhaltet hätte. Erst durch eine Welt, die sich im Widerstand gegen Gott aufgebäumt hat, wird der Übergang von alter zu neuer Schöpfung unvermeidlich furchtbar und von Gewalt begleitet. Die Johannesoffenbarung betont diesen gewalttätigen Modus der kosmischen Erschütterungen, während die Markusapokalypse nicht eigens auf diese gewalttätige Ausformung des Übergangs für eine gefallene Schöpfung eingeht. Eine solche legt sich von den vorausgehend beschriebenen, sich steigernden Bedrängnissen her nahe.

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127 Dieses Bekenntnis gründet in einem existenziell vollzogenen Niederfallen vor ihm, wie etwa der Apostel in der Begegnung mit dem Auferstandenen: „Mein Herr und mein Gott“ (Joh 20,28).

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128 Vgl. oben, Anm. 42

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129 Diese Übersetzung folgt Bovon, Das Evangelium nach Lukas. 3. Teilband, 160.

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130 Vgl. oben, Kapitel 9.6 zu Mt 24,26f.

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131 Zwei Beispiele im Johannesevangelium: 1. Bei der Hochzeit zu Kana antwortet Jesus seiner Mutter, die ihn darauf hinwies, dass der Hochzeitsgesellschaft der Wein ausgegangen war: „Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ Wenige Augenblicke später vollbringt er ein Weinwunder. Der Kairos (wenn er sich, was nahe liegt, nicht ausschließlich auf Tod und Auferstehung Jesu bezieht, sondern auf das auf dieses Ereignis vorausverweisende Wunder) hat sich also ergeben, obwohl Jesus wenige Augenblicke davor noch nichts davon gewusst hatte. — 2. Als Jesu Brüder ihn auffordern, nach Judäa zu ziehen, damit er öffentlich wirke, antwortet er ihnen: „Meine Zeit (Kairos) ist noch nicht gekommen, für euch aber ist immer die rechte Zeit (Kairos)“ (Joh 7,6). Demgemäß sagt Jesus ihnen, dass er nicht hinauf zum Fest nach Jerusalem/Judäa gehen wird. Wenig später aber geht er doch hin (Vers 10): zunächst heimlich, aber wenig später lehrte er dort auch öffentlich (Vers 14). Auch hier hat sich in kurzer Zeit ein Kairos ergeben, ohne dass Jesus das vorherwusste.

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132 Vgl. die beiden Beispiele aus der vorigen Anmerkung. Oder auch Jesu scheinbar wankelmütige Reaktion auf die Bitte der syrophönizischen Frau (Mk 7,25–30 par. Mt 15,22–28)

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133 Gibt es für jeden Kairos Zeichen, die ihn ankündigen? Das scheint kaum möglich zu sein, wenn wir die unzähligen kleinen und winzigen Kairoi berücksichtigen, in denen der Auferstandene in unserem Leben und unserer Welt ankommt. Andererseits ist ein Kairos nicht nur Ankunft, sondern als Ankunft zugleich Zeichen für seine endgültige Ankunft (Parusie). Auf diese Weise ist jeder Kairos geradezu ein sakramentales Zeichen (Realsymbol) für die Parusie: nämlich ein Zeichen, welches das, was es bezeichnet, bereits ansatzweise verwirklicht. Mit „ansatzweise“ ist dabei keine Abschwächung gemeint. Da, wo Christus erscheint, erscheint er ganz. Aber dieses Erscheinen, das die Dynamik in sich trägt, sich über die gesamte Wirklichkeit auszubreiten, wird sofort an Widerständen – im Menschen und in seiner Umwelt – gebrochen. — Damit können wir die Frage, ob es für jeden Kairos Zeichen gibt, die ihn ankündigen, differenziert beantworten: ja, in einer zumindest indirekten Weise. Unsere bisherige Lebens- und Weltgeschichte ist voll von Verweisen und Verheißungen, die auf Christi endgültiges Kommen verweisen. Und damit verweisen sie – indirekt – auch auf jedes weitere Zeichen, welches seinerseits auf dieses endgültige Kommen verweist.

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134 Diese Frage blieb im Kapitel 8.2 noch offen.

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135 Weil der Bauer aufgrund mangelnder Früchte den Feigenbaum umhauen lassen könnte. Vgl. dazu Jesu Verfluchung eines fruchtlosen Feigenbaums in Mk 11,13f. Die Gerichtsdimension von Weltende und Parusie bleibt in der Markusapokalypse unberücksichtigt. Ausgearbeitet wird sie in den anderen synoptischen Apokalypsen Mt 24 und Lk 21.

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136 Die Festlegung des Sommeranfangs auf einen bestimmten Kalendertag ist konventionell und immer ein Stück weit willkürlich. So kann man am 20., 21. oder 22. Juni in die Natur hinausschauen und unter Umständen feststellen: Nein, der Sommer ist noch nicht da.

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137 Vgl. das Warten Noahs auf das Ende der Sintflut (Gen 8,8–12): Dreimal schickt er eine Taube aus, bis sie nicht mehr zurückkehrte. Das war für ihn ein Zeichen, dass die Flut am Versiegen war

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138 Vgl. Mk 1,15: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe gekommen.“

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139 Wobei der eingeschränkte Bereich seiner Ankunft den Himmel in dieser Welt vergegenwärtigt. Die Vaterunserbitte „Wie im Himmel, so auf Erden“ konkretisiert sich angesichts einer räumlich, zeitlich und personal (in der Tiefe und Kompromisslosigkeit ihrer existenziellen Annahme) noch eingeschränkten Ankunft Christi zur Bitte: Wie du hier angekommen bist, so mögest du in jedem Bereich dieser Welt und meiner Personalität ankommen.

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140 Vgl. ähnlich gelagerte Himmelreichgleichnisse vor allem bei Matthäus: das Gleichnis von den bösen Winzern (Mt 22,1–14), das Gleichnis vom treuen und ungetreuen Knecht (Mt 24,45–51) und das Gleichnis von den Talenten (Mt 25,14–30).

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141 Karl Rahner spricht hier vom „übernatürlichen Existential“.

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142 Präziser können wir mithilfe von Karl Rahners Theologie der Freiheit eine solche „flache Zeit“ und Freiheit so verstehen, dass Gott zwar – wie in allem – gegenwärtig ist und wir – wie jederzeit – uns aus der Grundbegnadung eines übernatürlichen Existentials vollziehen, dass aber Gott aber kaum als „Gegenstand“ unserer Wahl in den Horizont unserer Freiheit tritt. So hat die Gnade der Gottesbegegnung immer auch den Charakter eines Ereignisses, das von Gott gesetzt wird, wann und wo – und wie weit und tief – er will.

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143 Nicht auf alles müssen oder dürfen wir uns einlassen. Konsequentes Christsein ist deshalb nicht die totale Überforderung, weil wir dabei ein Gespür dafür zu entwickeln haben, welche Herausforderungen uns wirklich als Kairos von Gott zugespielt werden, und welche uns so (von anderen oder von uns selber) zugemutet werden, dass wir sie zurückweisen dürfen, ja müssen. So war es ja auch bei Jesus, der das Ansinnen eines Mannes, er solle dessen Bruder auffordern, das Erbe mit ihm zu teilen, scharf zurückwies (Lk 12,13f).

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144 Präziser müsste man von Zeiten sprechen, in denen Gott nicht so spricht, dass er uns damit zu einer Entscheidung für ihn freisetzt und herausfordert. Diese Präzisierung hält die zeitweilige glückliche Möglichkeit offen, dass wir aus einer Entschiedenheit für Christus so „in ihm“ leben, dass er in allen Dingen zu uns spricht, – ohne uns aber zu einer eigenen Entscheidung herauszufordern. Auch Gottes Ruf kann ja in der Weise erfolgen, dass er uns freie Bahn signalisiert: „Wähle, was dir richtig erscheint, du bist im grünen Bereich.“

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145 Vgl. das Weltgerichtsgleichnis (Mt 25,39–56): „Wann haben wir dir (nicht) zu essen gegeben? ...“

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146 Bzw. präziser: dass Gott so zu uns spricht, dass wir dadurch zu einer Entscheidung in Bezug auf ihn befähigt und herausgefordert werden.

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147 Silja Walter, Gesamtausgabe, Band 6, 336f.

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148 Weitere Beispiele einer mystagogisch-dramatischen Auslegung sind im Anhang 3 zusammengestellt.

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149  Vgl. vor allem das stark bibeltheologisch arbeitende systematisch-theologische Werk von Raymund Schwager: Jesus im Heilsdrama. Zu meiner eigenen dogmatischen Entfaltung der dramatischen Theologie vgl. meine Habilitationsschrift: Skizzen zur dramatischen Theologie.

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150 In der frühen Kirche wurden mystagogische Katechesen im Zusammenhang mit dem Sakrament der (Erwachsenen-)Taufe verfasst. Vgl. Cyrill von Jerusalem, Mystagogische Katechesen. Grundsätzlich zu einer mystagogischen Theologie vgl. Schambeck, Mystagogisches Lernen.

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151 Katholisch in dem universalen Sinn des zweiten Merkmals von Kirche im Apostolischen Glaubensbekenntnis: „Ich glaube an die heilige katholische Kirche“.

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152 Vgl. Röm 12,2: „Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist.“

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