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Jederzeit beten und sich nie entmutigen lassen
(Eine praxisorientierte Auslegung des Gleichnisses von der zudringlichen Witwe (Lk 18,1-8))

Autor:Sandler Willibald
Veröffentlichung:
Kategorieartikel
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2016-10-14

Inhalt

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Eine Witwe hört nicht auf, ihr Recht einzufordern, bis der gleichgültige Richter genervt nachgibt. Mit diesem Gleichnis gibt Jesus eine weitere Anleitung zu einem starken, vollmächtigen Glauben. Zwei Anleitungen finden wir im Lukasevangelium kurz zuvor:

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(1) Lk 17,5-10: das Bildwort vom „Glauben wie ein Senfkorn“, der – als unausreißbar geltende – Maulbeerbäume mit einem bloßen Wort ins Meer verpflanzen kann, verbunden mit Jesu Aufforderung zu einem Dienen in Demut, worin erstaunlicherweise der Schlüssel zu einem solchen Glauben besteht.

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(2) Lk 17,11-19: die Erzählung von den zehn Aussätzigen, die sich auf die bloße Aufforderung Jesu, sich den Priestern zu zeigen, auf den Weg machten, noch bevor sie etwas von einer Heilung bemerkt hatten. Dieser eindrucksvolle Wunderglaube wird vom Heilsglauben eines der Zehn, eines Samariters, in den Schatten gestellt: Als er die Heilung bemerkte, kehrte er unverzüglich zu Jesus zurück, lobte Gott und warf sich dankbar vor die Füße Jesu. Zu ihm sagte Jesus: „Dein Glaube hat dich gerettet“ (Lk 17,19).

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Wenig später kommt das hier auszulegende Gleichnis von der unbeirrt Gerechtigkeit fordernden Witwe. Mit diesen drei und noch weiteren Texten führt uns der Jesus des Lukasevangelium durch eine Schule des Glaubens. Es geht nicht bloß um ein theoretisches Einsehen, worin wahrer Glaube besteht, sondern um eine Anleitung zur Praxis, – in der Nachfolge Jesu.

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Um dieser Intention gerecht zu werden, muss auch eine Auslegung dieses Textes sich den Schwierigkeiten stellen, wie ein jederzeitiges Beten, ohne sich entmutigen zu lassen, überhaupt durchführbar sein soll, und wie wir Jesu Verheißung einer schnellen Erhörung verstehen können, angesichts verbreiteter Erfahrungen von unerhörten Gebeten. In diesem Sinn werde ich im Folgenden eine auf die geistliche Praxis ausgerichtete Auslegung anbieten.

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1. Eine genaue Übersetzung des Textes

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Beginnen wir mit einer genauen Übersetzung des Textes. Ich gehe dazu von der geläufigen Einheitsübersetzung aus und modifiziere sie dort, wo es mir als hilfreich erscheint. Kursiv gesetzte Teile weisen auf veränderte Übersetzungen hin. In den Fußnoten erläutere ich die Modifikationen.

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„[Vers 1] Jesus erzählte ihnen ein Gleichnis zur Notwendigkeit,1 dass sie jederzeit2 beten und sich nie entmutigen lassen3 sollten:

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[V2] In einer Stadt lebte ein Richter, der Gott nicht fürchtete und auf keinen Menschen Rücksicht nahm. [V3] In der gleichen Stadt lebte auch eine Witwe, die immer wieder zu ihm kam und sagte: Verschaff mir Recht gegen meinen Feind! [V4] Während langer Zeit4 wollte er nichts davon wissen. Dann aber sagte er sich:

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Ich fürchte zwar Gott nicht und nehme auch auf keinen Menschen Rücksicht; [V5] weil mir jedoch diese Witwe Mühe bereitet,5 will ich dieser Witwe zu ihrem Recht verhelfen. Sonst kommt sie am Ende noch und schlägt mich ins Gesicht.

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[V6] Und der Herr fügte hinzu:

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Bedenkt, was der ungerechte Richter sagt. [V7] Sollte Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht zu ihrem Recht verhelfen?6 [V8] Ich sage euch: Er wird ihnen schnell7 ihr Recht verschaffen. Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde (noch) Glauben vorfinden?“ (Lk 18,1-8)

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2. Wir müssen Gott nicht erst mit anstrengendem Beten umstimmen

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Jesus spricht hier ausdrücklich von einer Notwendigkeit (Vers 1)8. Das heißt: Wenn wir nicht, wie hier gefordert, jederzeit offen für Gebet sind,9 ohne uns entmutigen zu lassen, wird uns die Erfahrung eines Recht verschaffenden, heilvoll und mächtig handelnden Gottes versagt bleiben. Das Gleichnis von der zudringlichen Witwe bringt genau das zum Ausdruck. Wäre sie dem ungerechten Richter nicht mit ihren unablässigen Bitten auf die Nerven gefallen, hätte dieser ihr nicht Recht verschafft.

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Aber sollen wir denn Gott mit unaufhörlichen Bitten „Mühe bereiten“ oder auf die Nerven gehen, wie man „paréchein kópon“ auch übersetzen könnte (Vers 5)? Gott ist doch kein „Richter der Ungerechtigkeit“ (so wörtlich in Vers 6). Ein solches Gottesbild ist vom Gleichnis allerdings auch nicht gemeint. Es handelt sich hier um einen Vergleich der Steigerung, so wie an einer früheren Stelle im Lukasevangelium:

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„Wenn nun schon ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gebt, was gut ist, wieviel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten.“ (Lk 11,13)
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Weil Gott gut und gerecht ist, müssen wir ihn auch nicht durch Sturmgebete zur Hilfe bewegen. Demgemäß sagt Jesus in der Bergpredigt:

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„Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen. Macht es nicht wie sie; denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet“ (Mt 6,7f).
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Aber wie geht es damit zusammen, dass Jesus im hier besprochenen Gleichnis sagt: Es ist notwendig, dass wir beten, ohne sich entmutigen zu lassen?

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3. Jederzeit beten, um bereit zu sein für den Kairos der Erhörung

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Den Schlüssel für ein rechtes Verständnis gibt der letzte Satz des heutigen Evangeliums:

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„Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde (noch) Glauben vorfinden?“ (Vers 8b)
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Auf den ersten Blick fällt es nicht leicht zu erkennen, was dieser Satz mit dem vorausgehenden Thema zu tun hat. Handelt es sich hier um die Parusie, die Wiederkunft Christi am Ende der Zeiten? Gewiss: Wenn die Menschen unausgesetzt beten, dann wird das ihren Glauben auch für den Tag des (Jüngsten) Gerichts stärken. Was aber hat das zu tun mit der Erfüllung von Bitten mitten in unserem Leben?

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Verständlicher wird der Satz, wenn wir das „Kommen Jesu“ in der Weise eines Kairos verstehen: das heißt als Gnadenereignis mitten in unserem Leben, wo Jesus kommt und uns so für den Glauben eine Tür oder ein Licht aufgeht. Das kann ein Ereignis von ausdrücklich religiösem Charakter sein, muss aber nicht. Wie vor allem die Weltgerichtsrede betont – „Wann haben wir dich hungernd gesehen?“ (Mt 25,37.44) – kann Jesus auch inkognito kommen. Das geschieht möglicherweise in einer herausfordernden Begegnungen – wie im Gleichnis vom barmherzigen Samariter –, in beglückenden Erfahrungen oder auch in Erschütterungen unseres Lebens. Es können Sternstunden und Ölbergnächte unseres Lebens sein oder kleine, unauffällige Ereignisse, in denen uns ein wenig mehr von Gott aufgeht. Es gilt vor allem, die vielen kleinen Kairoi unseres Lebens wahrzunehmen und zu nutzen. Auch hier geschieht das ganz konkret für uns, was Jesus über sein Wirken zusammenfassend verkündigt:

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„Die Zeit (wörtlich: der Kairos!) ist erfüllt. Und das bedeutet: die Königsherrschaft Gottes ist zum Greifen nahe gekommen. Deshalb: Kehrt um (weil ihr das jetzt könnt, denn jetzt habt ihr die Orientierung und die Motivation dazu) und glaubt an das Evangelium“ (Mk 1,1510).
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„Königsherrschaft Gottes“ bedeutet dabei: Durch das Ankommen Gottes wird die Ordnung dieser Welt zum Besseren verändert. Gerechtigkeit wird wiederhergestellt, was auch heißt: Gerechte Bitten werden erhört. Und genau das ist das Thema von unserem Evangelium.

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Die Aussage, dass diese göttliche Königsherrschaft „zum Greifen nahe“ gekommen ist, bezeichnet einen Prozess, der durch Gottes vollmächtiges Handeln bereits angefangen hat, der aber noch nicht zum erfolgreichen Abschluss gekommen ist.11Dass er zum Abschluss kommt, hängt von unserem Mittun ab, und – dafür – auch von unserer Disposition, die Gnadenchance aktiv mitwirkend wahrzunehmen.

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Genau darum geht es in einem Kairos: Eine Tür ist geöffnet und es gilt, sie zu durchschreiten. Ein Licht ist aufgegangen, und wir müssen uns auf das Sehen einlassen, um dadurch innerlich gewandelt und befähigt zu werden, nicht bloß unsere eigenen, sondern – mit Ihm kooperierend – Gottes Taten tun.12

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Genau dafür ist unser „Beten ohne Unterlass“ nötig: Nicht um Gott Mühe zu bereiten, sondern um nicht selber zu ermüden in unserem Vertrauen auf Ihn. Damit er, wenn er auf die Erde – mitten in unser Leben – kommt, Glauben vorfindet (Vers 8b): sodass wir bereitet, disponiert sind, um die Gnadenchance zu ergreifen und nach Kräften mitzumachen.13

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4. Ein Beispiel: sich betend offen halten für einen Kairos der Versöhnung

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Ein konkretes Beispiel: Eine Frau liegt im Streit mit ihrer Schwester. Mehrere Versöhnungsversuche sind gescheitert, sodass mit einer gütlichen Einigung nicht mehr zu rechnen war. Dennoch hat die Frau ihre Bitten um eine Versöhnung viele Monate lang immer wieder vor Gott getragen. Im betenden Ringen konnte sie ihre aufkommende Resignation und Verbitterung immer wieder in neues Zutrauen transformieren.14 So gelang es ihr, „nicht entmutigt zu werden“ (Vers 1), – nicht nur im Gebet, sondern in ihrem glaubenden Vertrauen auf Gott, dass er – zu gegebener Zeit – helfen wird. Eines Tages nach vielen Monaten erhielt sie einen Anruf von ihrer Schwester. Zwar sagte sie auch manches schwer Erträgliches, aber es war eine gewisse Offenheit vorhanden. Ein kleiner Kairos, den die Frau – weil sie sich in ihrem Glauben nicht entmutigen lassen hatte – aufgreifen konnte. Eine Begegnung ergab die Nächste, und nach einiger Zeit war Versöhnung geglückt. Gott hatte ihre Bitten erhört. Gott konnte das Erbetene erfüllen, denn „bei seinem Kommen hat der Menschensohn Glauben vorgefunden auf der Erde“ (vgl. Vers 8).

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5. Glaube als ein „Talent“, das wir erhalten haben, um es betend einzusetzen und wachsen zu lassen

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Dieser Glaube ist nicht einfach eine Leistung, die wir aus eigener Kraft erbringen könnten und die sich deshalb einfordern lässt. Pauschal von den Menschen zu fordern, dass sie glauben und unausgesetzt beten müssen, wäre ein schlechter Moralismus. Damit würde man den Menschen Lasten aufladen, die sie nicht tragen können (vgl. Lk 11,46). Jesus richtet dieses Gleichnis nicht an alle Menschen, sondern an seine Jünger.15

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Für uns heutige LeserInnen bedeutet das: Die Aufforderung dieses Gleichnisses, allezeit zu beten, betrifft uns dann und insoweit, als wir Gnadenerfahrungen einer Begegnung mit Gott bereits gemacht haben und deshalb auch beten können. Glaube bzw. Glaubenskraft entspricht damit den Talenten, die der Herr seinen Dienern in unterschiedlicher Menge gegeben hat. Es geht nicht um die absolute Menge, sondern wie viel man aus dem Vielen oder Wenigen, das man erhalten hat, macht. Es gilt, den durch bisherige erhaltene und aktiv wahrgenommene Gotteserfahrungen erhaltenen Glauben durchzuhalten, so dass er nicht ermüdet und trotz aller Widrigkeiten und trotz Gottes scheinbarer Tatenlosigkeit sogar wächst. Und dies geschieht, indem wir „jederzeit beten“ ohne uns entmutigen zu lassen

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6. Wie Gott unser Beten erhört: Veränderung der Wirklichkeit und Veränderung von uns selbst mit unserer Sichtweise der Wirklichkeit

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In unserer Evangelienstelle scheint Jesus uns eine sichere und umgehende Erhörung all unserer Bitten zuzusagen, wenn wir nur unausgesetzt zu ihm beten:

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„Sollte Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht zu ihrem Recht verhelfen? Ich sage euch: Er wird ihnen schnell ihr Recht verschaffen.“ (Vers 7-8)
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Jesu Frage im ersten Satz ist appellativ zu verstehen: Sie will den Zuhörenden den Ausruf entlocken: Ja natürlich wird der Gott der Gerechtigkeit noch viel eher helfen als der „Richter der Ungerechtigkeit“ (Vers 6 in wörtlicher Übersetzung). Gott wird es bereitwillig tun und nicht unwillig. Wie in der Bergpredigt gesagt, wird er unserem Bitten zuvorkommen: Auch jenen, die nicht beten, wird Gott zu Seiner Zeit begegnen. Aber nehmen sie diesen Gnaden-Kairos überhaupt wahr? Und können sie die sich unerwartet öffnende Tür – etwa für eine Versöhnung mit jemand Unversöhnten – durchschreiten?

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Es geht also nicht darum, unausgesetzt zu „plappern wie die Heiden“ (Mt 6,7), wie die Baalspriester am Berg Karmel, die meinten, ihren Gott durch anstrengenden Frömmigkeitsaktivismus zum Handeln bewegen zu können (vgl. 1 Kön 18). Es reicht das ruhige, zuversichtliche Gebet, welches der Prophet Elija im Gegensatz zu den Baalspriestern sprach.

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Allerdings wurde Elijas Gebet sofort erhört. Wir hingegen bitten oft, ohne dass wir Erhörung erfahren. Und setzt unser Evangelientext nicht eine verzögerte Erhörung unserer Gebete voraus, wenn es heißt, wir sollen jederzeit beten, ohne uns dabei entmutigen zu lassen? Würden wir sofort die Erfüllung unserer Gebete erfahren, dann wäre es doch gar nicht mehr notwendig, „allezeit zu beten und darin nicht nachzulassen“ (Vers 1, EÜ). Welchen Sinn hat dann aber noch das Versprechen, dass Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm rufen ... unverzüglich ihr Recht verschaffen“ wird (Vers 7f, EÜ)? Wenn er ihnen unverzüglich Recht verschaffte, dann müssten sie ja nicht Tag und Nacht zu ihm rufen.

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Dieser scheinbare Widerspruch im Text und auch zu unserer Erfahrung unerhörter Gebete lässt sich auf ein Missverständnis zurückzuführen: Er ergibt sich dann, wenn wir uns ein bestimmtes Gebetsanliegen vorstellen, das Christen so lange vor Gott tragen sollen, bis genau diese Bitte von Gott erfüllt ist. Diese einfache, schematische Annahme ist allein schon deshalb falsch, weil es in Vers 1 nicht heißt „jederzeit bitten“, sondern „jederzeit beten“. Beten ist viel weiter als das bloße Vortragen einer Gebetsbitte. Beten besteht darin, dass ich mein ganzes Leben und Sein zusammen mit meinen Anliegen Gott hinhalte, um mich selber und diese meine Anliegen in gewandelter Weise von Gott zurückzuerhalten, – und dies immer wieder von Neuem. Beten ist ein dialogischer Prozess, in dem Gott auf sehr unterschiedliche Weise antworten kann: nicht nur, indem er Bitten erfüllt oder mir bestimmte Einsichten offenbart, sondern auch dadurch, dass ich selber von Gott im Prozess des Betens verwandelt werde. Gott erhört unser Beten auf zumindest zwei Ebenen: indem Er bestimmte Wirklichkeiten – zum Beispiel einer Krankheit – verändert und indem Er mich mit meiner Sicht dieser Wirklichkeit verändert. Das war auch schon bei den Wundern Jesu so: Jemand bittet um eine körperliche Heilung und Jesus sagt ihm: Deine Sünden sind dir vergeben (vgl Lk 5,20). Erhörung von Gebeten kann bedeuten, dass jemand gemäß der Bitte geheilt wird oder dass jemand das Geschenk empfängt, die Krankheit als Teil eines Heilswegs anzunehmen, auf dem er oder sie von Gott geführt und auch gesendet wird. Manche meinen, es ginge immer nur um eine Erfüllung des Erbetenen, und diese würde uns von Gott gewährt, wenn wir nur entschieden genug glauben. Andere meinen, es ginge immer nur um eine göttliche Hilfe, bestimmte Wirklichkeiten würdevoll annehmen zu können, weil Gott heute keine Wunder auf der Ebene der Naturwirklichkeiten mehr wirken würde. Jeder dieser Auffassungen ist ein Missverständnis und eine Verkürzung. Ein erhörtes Gebet kann das eine oder das andere sein; und meist ist es eine Verbindung von beidem. Denn, wie gesagt: Beten ist ein Prozess, und dieser Prozess lässt die Betenden – auch mit ihren Sichtweisen und bestimmten Gebetsanliegen – nicht unverändert. Betend werden wir dahin geführt, dass wir – wie Jesus und wie er es uns im Vaterunser lehrte – nur noch eines wollen: „Dein Wille geschehe“16 (Lk 6,10). Damit nähern wir uns dem an, was das Johannesevangelium „Bitten in Seinem Namen“ nennt (Joh 14,13.14; 15,16), – jeweils mit der sicheren Zusage, dass der himmlische Vater solche Bitten erfüllen wird.

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Es ist einer der irritierendsten Widersprüche zu unseren oft frustrierenden Erfahrungen mit nicht erhörten Bittgebeten, dass diese sichere Erfüllung uns im Johannesevangelium gleich sechsmal zugesagt wird.17 Der Schlüssel für ein rechtes Verständnis liegt in der recht verstandenen Bedingung eines Betens „in Jesu Namen“. Wer diese Bedingung übersieht, degradiert Gott zum Erfüllungsgehilfen unserer Wünsche. Wer die Bedingung absolut nimmt, kann sich der Provokation dieser Texte auf billige Weise entziehen, indem er immer dann, wenn eine Bitte nicht erfüllt wird, feststellt, dass sie dann wohl nicht dem Willen Gottes entsprechen würde. Die Vollmacht des bittenden Christen würde dann jener des Königs in Exupery´s „Der kleinen Prinz“ gleichen, der seine Befehlsgewalt über das Aufgehen der Sonne nur dann zu demonstrieren weiß, wenn eben Zeit des Sonnenaufgangs ist. Zwischen diesen beiden Straßengräben öffnet sich jener Mittelweg eines existenziellen Gebetsprozesses, in dem Gott Wirklichkeiten und unsere Sicht der Wirklichkeiten verändert, – wie oben beschrieben.
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Es gilt also, Beten als einen Prozess zu begreifen, dem wir uns „jederzeit“ (Vers 1) aussetzen, indem wir „Tag und Nacht zu ihm schreien“ (Vers 7). Die Einheitsübersetzung ist hier nicht ganz präzise und auf diese Weise missverständlich. Wie sollen wir es schaffen, „allzeit zu beten ... ohne darin nachzulassen“ (Vers 1, EÜ), wenn wir doch auch viele andere Aufgaben in der Welt haben. Aber worum es hier geht, ist nicht eine gleichmäßig durchgehaltene Gebetsaktivität, das dann eben wie ein „Plappern wie die Heiden wäre“18, sondern ein unausgesetztes sich der Gegenwart Gottes Aussetzen. Alles – und mich selbst – halte ich jederzeit Ihm entgegen, um alles – und mich selbst – je neu und gewandelt zu empfangen, – in jedem Atemzug. Und wenn ich in Not bin, kann dieses unausgesetzte Entgegenhalten wie ein Schreien sein (Vers 7, sowie zahlreiche Psalmen). Das ist ein dialogischer Prozess. Und weil es dabei nicht nur darum geht, auf Gott einzuwirken,19 sondern sich selbst von Ihm formen zu lassen, handelt es sich hier um ein Ringen, einen Kampf, nicht nur mit Gott, sondern zugleich mit mir selbst und meinen Widerständen. Verändert wird dabei nicht Gott, sondern vor allem ich selber, – und zwar nicht nur daraufhin, dass ich das Unheil, das ich klagend Gott entgegenhalte, annehmen kann, sondern auch dafür, dass ich mit einem Kairos einer gottgewirkten Wirklichkeitsveränderung mitwirken kann, – wie oben am Beispiel der Versöhnung der beiden Schwestern beschrieben. Und das zweite ist nicht ohne das erste möglich. Veränderung setzt Annahme voraus.

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Wie verhält es sich nun mit dem Versprechen einer unverzüglichen Erhörung?

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„Sollte Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht zu ihrem Recht verhelfen, sondern zögern? Ich sage euch: Er wird ihnen unverzüglich ihr Recht verschaffen.“ (Vers 7-8, EÜ)
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Man könnte darauf hinweisen, dass Gott bereits im Prozess des Betens unverzüglich zu handeln beginnt, – indem Er den Betenden verändert oder etwas in der Welt bewirkt, was vom Betenden nicht wahrgenommen wird. Aber solange die Beterin davon nichts wahrnimmt, entspricht es nicht der Aussageabsicht des Textes: Dass Gott den Auserwählten Recht verschafft, ist gewiss als eine Realität gemeint, die auch erfahrbar ist. Und erfahrbar von einer Gebetserhörung ist oft lange nichts.

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Diese Schwierigkeit entsteht dadurch, dass die Einheitsübersetzung uns hier auf eine falsche Spur führt. Dass Gott „nicht zögert“ (Vers 7, EÜ), ist eine Interpretation ohne direkten Anhalt im Urtext. Die Einheitsübersetzung hat diese Aussage interpretierend hinzugefügt, um das im folgenden Satz Gesagte vorweg zu unterstreichen: „Gott wird ihnen unverzüglich ihr Recht verschaffen.“ Das hier verwendete griechische Wort „en táchei“ kann heißen: „unverzüglich“, „in Kürze“ oder „schnell“. Das muss nicht bedeuten, dass Gott sofort nach dem Aussprechen des Gebets rettend handelt. „Schnell“ heißt nicht zwangsläufig „sofort“. Es ist auch möglich, dass etwas erst nach langer Zeit passiert, – und dann schnell. Genau so verhält es sich auch mit dem Widerstand des ungerechten Richters:

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„Und während langer Zeit wollte er nicht. Dann aber sagte er bei sich selbst ...“ (Vers 4)
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Das „während langer Zeit“ markiert die lange, scheinbar endlos dahinlaufende Chronos-Zeit (wörtlich: „epì chrónon“), während der sich kein Erfolg, keine Erhörung einzustellen scheint. Das „dann aber“ markiert einen unerwarteten Umschlag zu einem Ereignis des Heils, einem Kairós. Im Unterschied zu vorher läuft hier auf einmal alles sehr schnell ab.

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Analog verhält es sich bei der durch das Gleichnis angezeigten heilsgeschichtlichen Wirklichkeit. Dann, wenn der Herr kommt, wird alles sehr schnell gehen. In unserem Beispiel vom 4. Kapitel: Zu „Seiner Zeit“ schreitet die Versöhnung im Nu voran, – so schnell, dass die Frau Mühe hatte, mit dem handelnd voranschreitenden Gott mitzuhalten und die sich öffnenden Wege zu durchschreiten. Unausgesetztes Beten dient dazu, für solche Gnaden-Zeiten (Kairoí), in denen Gott wirkt und dafür unser Mittun braucht, wach zu bleiben. Immer wieder schärft uns Jesus diese Wachsamkeit ein, besonders eindrucksvoll im Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen (Mt 25,11-13).

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Gottes Erhörung erfolgt aber meist nicht nur durch eine einzelnes Gnaden-Ereignis, sondern – wie wir im 6. Kapitel gesehen haben – durch einen Prozess der Wandlung von Beter und Wirklichkeit. Dieser Prozess läuft nicht einfach kontinuierlich ab, sondern ist durch größere und kleinere Kairoi gezeichnet, in denen die betend-bittende Person etwas von Gottes Handeln erfährt – an der im Gebet vorgelegten Wirklichkeit oder an sich selber – und so zu einem zustimmenden Mittun mit Gottes Handeln ermächtigt und aufgerufen ist. Dieses einstimmende Mittun, mit dem man einem kleineren oder größeren Kairos entspricht, kann auch in einem vom Geist Gottes getragenen und solcherart intensivierten Beten bestehen. Demgemäß fordert Jesus in Vers 1 nicht ein gleichmäßiges, ununterbrochenes Durchbeten („allzeit ... ohne nachzulassen“ EÜ), sondern eine jederzeitige Offenheit zu beten, in einer auf Gott hin achtsamen Grundhaltung (etwa durch ein betendes Atmen, das jede Tätigkeit begleiten kann), gleichsam als Nullstufe oder „Stand-by-Haltung“ von Gebet, aus dem dann jeweils zu Seiner Zeit ein kraftvolles, vom Heiligen Geist getragenes Beten gleichsam anschwellen kann. Demgemäß fordert Jesus in Vers 1 nicht – quantitativ – „allzeit zu beten“, sondern – qualitativ – „jederzeit bereit zu sein, sich in ein tieferes Gebet führen zu lassen“.20

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Der beschriebene Zusammenhang wird noch deutlicher im Epheserbrief: „Nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, das ist das (vollmächtige) Wort Gottes. Hört nicht auf, zu beten und zu flehen! Betet jederzeit im Geist“ (Eph 6,17f). Dazu erklärt Norbert Baumert: „Das Bittgebet soll also jedesmal so durchgeführt werden, daß es ,aus dem Geist‘ kommt (dadurch werden die Bitten geläutert), und darum sollen die Epheser auch sorgsam auf den Geist hinhorchen und aufmerken, und zwar bei jedem intensiven, ausdauernden‘ Fürbittgebet. Dann sollen sie sich nicht von ihren eigenen Wünschen leiten lassen, sondern auf die Führung des Geistes achten, sei es in der vom Geist geführten freien Gebetsgemeinschaft, sei es im privaten Gebet.“21 Von daher hält Baumert die Einheitsübersetzung zu diesem Text für unzulänglich: „Was soll die Aufforderung ‚betet jederzeit im Geist‘ (EÜ)? Selbst wenn wir (in einem weiten Sinn) allezeit beten sollen, können wir doch nicht ohne Unterbrechung ,im Geiste beten‘. Sobald man also diesen Ausdruck ernst nimmt, wirkt die Formulierung überzogen“ (ebd.). Baumert schlägt als Übersetzung vor: „in jedem Fall, jedesmal“, oder auch „bei jedem aktuellen Anlass“.
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Damit wir in der Weise, wie das Neue Testament es nicht nur in unserem Evangelientext, sondern öfter einschärft, unausgesetzt beten können, braucht es auch ein richtiges Glaubenswissen. Um nicht an der Güte und Heilsmacht Gottes zu verzweifeln, ist es wichtig zu wissen, dass Gottes Handeln seinen Kairos hat, dessen Zeitpunkt uns nicht zugänglich ist und von uns nicht manipuliert werden kann. Uns „steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat“ (Apg 1,6).

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7. Aber warum lässt sich Gott so viel Zeit und greift nicht sofort ein?

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Dass Gott nicht sofort eingreift, sondern sich Zeit lässt, hat nicht mit einer göttlichen Launenhaftigkeit zu tun, sondern mit der Weise, wie er die Welt geschaffen hat und wie er sein Heil wirkt. Er hat die Menschen nicht bloß als Objekte seines Gnadenwirkens, sondern als freie Personen geschaffen, die zum Mitwirken an seinem Heil bestimmt sind. Erlösung ist deshalb immer auch Selbsterlösung,22 ohne dass damit irgendwelche Abstriche an der Exklusivität des göttlichen Erlösens gemacht würden. Denn zum Mitwirken an unserer Erlösung und an der Erlösung anderer werden wir jeweils erst durch Sein Gnadenwirken – in bestimmten Kairoi – freigesetzt. Ohne Ihn können wir nichts tun. Und mit Ihm können wir alles tun, – aber eben nicht, was wir uns einbilden, sondern was Gott uns zeigt.23

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Gott aber verwirklicht dadurch seine liebende Allmacht, dass Er sich dazu bestimmt, sich von den Menschen bestimmen zu lassen. In einem Gnaden-Kairos setzt Gott zugleich mit bestimmten Erfahrungsinhalten bei den angesprochenen Menschen eine Wahlfreiheit frei, auf dieses Ereignis selber zustimmend oder ablehnend zu reagieren. Und diese Reaktion macht für Gott einen Unterschied. Kairos bedeutet Freisetzung des Menschen zum Guten in der Weise, dass Gott eine Tür öffnet. Wird sie nicht durchschritten, geht sie wieder zu, und für den Angesprochenen, aber auch für andere Betroffene ist eine Heilsmöglichkeit verpasst. Wie im Gleichnis vom barmherzigen Samariter: Weil der Priester und der Levit, denen Gott gegeben hat, die Not des unter die Räuber Gefallenen zu sehen, diesen Kairos nicht genutzt haben, sondern „auf der anderen Seite vorbeigingen“ (Lk 10,31f), blieb der Arme für eine längere Zeit im Straßengraben liegen. Das heißt nicht, dass Gott nun hilflos ist. Er schafft andere Kairoi. Aber das braucht Zeit.

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Das ist kurz gesagt der Grund dafür, dass die Gebete der leidenden Gerechten so oft und oft so lange unerhört bleiben. Die Zusammenhänge von angenommenen und zurückgewiesenen Gnadenchancen sind in einer unendlich vernetzten Welt dermaßen komplex, dass sie von uns nicht annähernd durchschaut werden können. Wir können aber gewiss sein: Gott zögert nicht, jede Möglichkeit zu nutzen, Bedürftigen und Bittenden Hilfe zu verschaffen. Aber die Berücksichtigung einer freien und auf freies Mitwirken mit Gott angelegten Schöpfung erfordert Umwege und Verzögerungen.

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Gottes Heilsplan zielt darauf, dass alle Menschen gerettet werden (vgl. 1 Tim 2,4). In die Durchführung dieses Planes mit seinen Wegen und Umwegen wird das Tun und Nichttun, das Glauben und Nichtglauben, sowie das Bitten und Nichtbitten der Menschen laufend mit eingewoben. So ergibt sich ein tiefer Zusammenhang zwischen zwei Notwendigkeiten, auf die vor allem Lukas mit dem griechischen Wörtchen deì (d.h. „notwendig“) immer wieder hinweist: die heilsgeschichtliche Notwendigkeit, nach der es zum Beispiel für Gottes Heilsplan unerlässlich war, dass Jesus nach Jerusalem ging, um dort zu sterben; – und die moralische Notwendigkeit, die Jesus in Vers 1 anspricht:24

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„Jesus erzählte ihnen ein Gleichnis zur Notwendigkeit (griechisch: „pros to dein“), dass sie allezeit beten und sich nie entmutigen lassen“.
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Ein solches Verhalten öffnet für Gott Spielräume für sein Heilshandeln; und zwar nicht, weil durch das anhaltende Bitten Gottes Bereitschaft erst geöffnet werden müsste, sondern weil dadurch die Menschen sich öffnen und so geeignete Werkzeuge für Gottes Heilswirken werden. Und auch diese Selbstöffnung verdankt sich nochmals einem vorausgehenden Heilshandeln Gottes, das von Menschen angenommen wurde und so Frucht tragen konnte. Die Aufforderung, allzeit zu beten ohne sich entmutigen zu lassen, ist Menschen nur in dem Maße zumutbar, als sie bereits früher Gott – dank Seiner Heilsgnade – kennen gelernt und angenommen haben. In diesem Sinn richtet sich Jesu Aufforderung eines jederzeitigen Betens an „seine Auserwählten“:

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„Sollte Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht zu ihrem Recht verhelfen, sondern zögern?“ (Vers 7)
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Wenn Christen also – bewegt durch eigene Not oder die Not von Menschen, die ihnen Gott ans Herz gelegt hat – Tag und Nacht „zu Gott schreien“, werden die Handlungsspielräume des allmächtigen und guten Gottes erweitert, und auf diese Weise Umwege sowie Verzögerungen verkürzt: und zwar nicht nur für die ausgesprochenen Gebetsanliegen, sondern für viele andere Notsituationen, deren Zusammenhänge mit unserem Beten wir nur erahnen können.

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Anmerkungen

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1 In der Einheitsübersetzung ist „zur Notwendigkeit“ ausgelassen. Der Urtext verwendet hier eine Abwandlung des Wörtchens dei, – ein Schlüsselwort im Lukasevangelium, das eine heilsgeschichtliche Notwendigkeit besagt. Das heißt, dass ein solches unbeirrtes Beten dafür notwendig ist, dass sich Gottes Heilswille durchsetzen kann. Wird es dennoch unterlassen, dann heißt das zwar nicht, dass dadurch Gottes Heilswille insgesamt vereitelt wird, aber es kommt zu geschichtlichen Verzögerungen, – bis sich Menschen finden, die so beten.

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2 In der Einheitsübersetzung heißt es: allezeit. Im Unterschied zum quantitativen „allezeit“ wähle ich das mehr qualitativ akzentuierende Wort „jederzeit“. Es geht hier nämlich nicht um ein gleichmäßig durchgängiges Beten, das gar nicht möglich wäre, sondern um eine jederzeitige Offenheit für ein Beten, das die jeweilige Gnadensituation (Kairos) für ein intensiviertes Beten aus der Kraft Gottes (im Heiligen Geist) nutzt. Vgl. dazu Norbert Baumert: „Die Aufforderung dagegen, allezeit (pántote Lk 18,1) oder ,ohne Unterlaß‘ (adialeíptos 1 Thess 5,17) zu beten, sagt nicht ,jede Minute ununterbrochen‘, sondern – ähnlich wie sich ,allezeit freuen‘ (1 Thess 5,16) –, daß dies die durchgehende Grundhaltung unseres Lebens sein soll“ (N. Baumert, KAIROS – ein Zeitbegriff? In: Ders., Antifeminismus bei Paulus? Einzelstudien. Würzburg 1992, 357-446, hier: 421).

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3 Einheitsübersetzung: „und darin nicht nachlassen“. Damit würde die Vorstellung eines quantitativ-gleichmäßigen Durchhalten des Betens über eine lange Zeitstrecke weiter unterstrichen, – und ein solches ist eben praktisch nicht durchführbar. Das griechische Verb „engkakeîn“ bedeutet ermüden oder mutlos werden. Es geht darum, die Offenheit für ein Beten, das sich aus der Kraft Gottes jederzeit intensivieren kann, nicht aufzugeben, – auch nicht angesichts einer scheinbaren Erfolglosigkeit über eine längere Zeitdauer hinweg (vgl. dazu Vers 4 und die Anm. dazu). Die hier gewählte Übersetzung findet sich begründet in: F. Bovon, Das Evangelium nach Lukas. 3. Teilband (Lk 15,1-19,27) (EKK III/3. Zürich 22001, 185.

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4 Wörtlich heißt es „während langer Zeit“, mit dem Wort „Chronos“, was eine unterschiedslos dahinlaufende, quantitative Zeit (wie sie mit einem „Chronometer“ gemessen wird), besagt: eine sich hinziehende Zeitdauer, während der sich scheinbar nichts heilsgeschichtlich Relevantes ereignet und die Gebete deshalb ohne Erhörung zu sein scheinen. Dadurch laufen die Betenden Gefahr, in ihrem Beten mutlos zu werden bzw. zu ermüden. Im Gegensatz dazu steht das Wort „Kairos“, das nicht nur im biblischen, sondern auch im profanen Griechisch eine besondere Ereigniszeit meint, die als Gelegenheit oder Chance wahrgenommen wird. Im vorliegenden Satz wird eine solche Ereigniszeit mit dem Wort „dann aber“ angezeigt, – was im Kontrast steht zum vorausgehenden „während langer Zeit“.

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5 Im Unterschied zur Einheitsübersetzung: „trotzdem will ich dieser Witwe zu ihrem Recht verhelfen, denn sie lässt mich nicht in Ruhe.“ — Die griechische Phrase „paréchein kópon“ bedeutet: Mühe, Schwierigkeiten oder auch Ärger bereiten. Man könnte auch sagen: auf die Nerven gehen.

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6 Die Einheitsübersetzung ergänzt: „sondern zögern“? Das steht nicht im Text, wird aber durch eine zumindest missverständliche Deutung des folgenden Verses nahegelegt: Er wird helfen ohne zu zögern.

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7 Die griechische Phrase „en táchei“ kann unverzüglich oder schnell bedeuten. Das kann sich auf die Zeitspanne zwischen Bitte und tätiger Erhörung beziehen; dann bedeutet es „unverzüglich“ oder „ohne zu zögern“, wie die Einheitsübersetzung im vorausgehenden Vers interpretierend hinzufügt. Es kann sich aber auch auf den Ablauf der tätigen Erhörung beziehen, die unter Umständen erst viel später und anders als erwartet erfolgt.

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8 In der Einheitsübersetzung ist dies ausgelassen. Vgl. oben, Anm. 1.

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9 In Vers 1 heißt es Beten. Der folgende Text konzentriert sich aber auf das Bittgebet. Die Bedeutung einer jederzeitigen Bereitschaft zum Dank wird in der früheren Perikope über die zehn geheilten Aussätzigen und den dankbaren Samariter angesprochen (Lk 17,11-19).

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10 In eigener, interpretierender Übersetzung.

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11 Die Bibel beschreibt diese prozesshafte Ankunft des Gottesreichs mit Wachstumsgleichnissen von einem Samenkorn oder Senfkorn. Vgl. v.a. Mk 4.

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12 Um diesen Zusammenhang geht es im Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Vgl. dazu meinen Text „Anleitung zum ewigen Leben“, – demnächst hier im Leseraum.

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13 Darin liegt die Bedeutung der Umkehr-Predigt von Johannes dem Täufer als Vorläufer für das Kommen Jesu. Obwohl Johannes der Täufer eine Gerichtspredigt bringt und Jesus ein bedingungsloses Gnadenangebot bringt, widerspricht sich beides nicht, sondern ergänzt sich. Wer für das bedingungslose Gnadenangebot nicht durch Umkehr disponiert ist, läuft Gefahr, es nicht aufzunehmen, sonder als unvereinbar mit dem eigenen Lebensentwurf zurückzuweisen. Und wo wird ihm der Gnaden-Kairos zum Gericht werden: nicht zu einem von oben verfügten Gericht, sondern zu einem – selbst verschuldeten und gewählten – Selbstgericht.

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14 Solche Transformationen durch ein betendes Ringen mit Gott und der eigenen Leidsituation werden eindrucksvoll in zahlreichen Psalmen dokumentiert.

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15 Wenn es am Anfang unseres Textes heißt: „Jesus sagte ihnen durch ein Gleichnis, dass sie allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten“, dann sind damit nach Lk 17,22 die Jünger gemeint.

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16 Vgl. die Vaterunserbitte in Lk 6,10 mit der Ölbergbitte Jesu in Lk 22,42: „Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen.“

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17 Vgl. zusätzlich zu den zuvor genannten drei Stellen noch Joh 15,7, 15,16, 16,24.

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18 Vgl. oben, Kap 2.

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19 Kann man denn überhaupt auf Gott einwirken? Entgegen einer langen theologisch dominierenden Tradition – auch bei Thomas von Aquin – müssen wir annehmen, dass unser Beten für Gott einen Unterschied macht, – nicht so, dass wir Gott manipulieren könnten und ihn so in seiner Allmacht beschränken, sondern dadurch, dass Gott sich bereits mit der Schöpfung einer auf Freiheit angelegten Welt dazu bestimmt hat, sich von anderen bestimmen zu lassen. Von daher können wir annehmen: Wenn wir Gott um etwas bitten, so ist in dieser Bitte der Wunsch und die Hoffnung verbunden, dass dieses Bitten für Gott einen Unterschied macht.

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20 Vgl. dazu oben, Anm. 2.

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21 Baumert, Kairos (s. oben Anm. 2), 421.

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22 Das hat Karl Rahner mit Recht immer wieder betont.

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23 So ist es – für uns beispielgebend – auch bei Jesus. Vgl. Joh 5,19f.

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24  Vgl. Lk 22,39-46; 24,5-8.46. Dazu Bovon (s. Anm. 3) 190.

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