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„Nutzt den Kairos!“ – Biblische Grundlagen für ein christliches Leben aus der Kraft und Führung Gottes

Autor:Sandler Willibald
Veröffentlichung:
Kategorieartikel
Abstrakt:
Publiziert in:Aufsatz auf der Grundlage eines Vortrags auf den Innsbrucker Theologischen Sommertagen 2012. Gekürzt publiziert in: J. Panhofer / N. Wandinger (Hg.), Kirche zwischen Reformstau und Revolution. Vorträge der 13. Innsbrucker Theologischen Sommertage 2012 (theologische trends 22). Innsbruck: innsbruck university press 2013, 53-87.
Datum:2013-05-30

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Einleitung

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„Den Kairos nutzen“ bedeutet, eine Chance oder Gelegenheit zu ergreifen. Diese Gelegenheit hat ihre begrenzte Zeit. Einen Kairos kann man versäumen. In der Bibel wird der Begriff Kairos häufig in einem ausdrücklich theologischen Sinn gebraucht. Er bedeutet dann eine von Gott frei gesetzte Gnadenchance („Gnaden-Kairos“). In solchen Situationen offenbart sich Gott bestimmten Menschen tiefer und stellt sie dadurch vor Entscheidungen, die ein Ja oder Nein zu Ihm bedeuten. Die Gottesreichbotschaft Jesu wird im Markusevangelium ausdrücklich als ein solcher Gnaden-Kairos bezeichnet:

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„Die Zeit (καιρός / Kairos) ist erfüllt, das Reich Gottes (βασιλεία το θεο  / basileia tou theou = Königsherrschaft Gottes) ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium“ (Mk 1,15).]
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Jesus hat diese Verkündigung durch Wunderheilungen und Dämonenaustreibungen bekräftigt. Die Begegnung mit dem heilenden und befreienden Jesus wurde für Menschen zum Kairos, einer Gnadenchance, in der sie dem wahren Gott in Seiner Liebe und Seinem Heilswillen auf eine bisher nicht gekannte Weise begegneten. Durch Jesu Wort und Tat erfuhren sie das Gottesreich – das heißt Gottes heilende und befreiende, versöhnende und gemeinschaftstiftende Königsherrschaft (βασιλεία το θεο / basileia tou theou) – als eine hier und jetzt gegenwärtige Wirklichkeit. Durch diesen Kairos der erfahrenen Nähe des Gottesreichs (Mk 1,15a) werden die Menschen – in der Begegnung mit Jesus – fähig, seinem Aufruf zu folgen:

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Kehrt um und glaubt an das Evangelium“ (Mk 1,15b).]
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Umkehren (metanoei/n / metanoein) bedeutet, dem eigenen Leben eine neue Ausrichtung zu geben, die der erfahrenen Liebe und Güte Gottes entspricht.1 Das Evangelium (εὐαγγέλιον / eu-angelion = gute Botschaft) ist die Frohbotschaft oder gute Nachricht, dass Gott in dieser Welt begonnen hat, sein Friedensreich zu errichten, – konkret erfahrbar gemacht durch Jesu Heilungs- und Befreiungswunder. An das Evangelium zu glauben bedeutet, Gott zuzutrauen, dass diese seine Herrschaft im Begriff ist, sich über die ganze Welt auszubreiten, und aus diesem Zutrauen zu leben. Glaubend kann ich annehmen, dass die Armen und Bedürftigen selig sind, weil Gott selber sich für sie einsetzt (Seligpreisungen). Glaubend kann ich meinen Feinden in rückhaltloser Liebe begegnen, weil ich damit dem bedingungslosen Heilsangebot Gottes entspreche und Gott den Hass und die Zerstörungswut der Feinde gewiss überwinden wird (Bergpredigt). Glaubend kann ich Gott voll Zuversicht dafür danken, dass Er schon gegeben hat (bzw. im Begriff ist zu geben), worum ich ihn bitte (Mk 11,24)2. Seligpreisungen, Bergpredigt und Zusage von Glaubensmacht beschreiben damit eine christliche Lebensform, die aus dem Gnaden-Kairos von Jesu vollmächtiger Gottesreichverkündigung heraus möglich und geboten wird.

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Nach seinem Kreuzestod gebot der Auferstandene den Jüngern, zu warten, bis sie mit der „Kraft aus der Höhe“ (Lk 24,49), dem Heiligen Geist, erfüllt werden. Seit Pfingsten erfuhren sie durch das Wirken des Heiligen Geistes neue Gnaden-Kairoi. Von solchen Kairos-Erfahrungen her wurden für die urkirchlichen Christengemeinden die Bergpredigt und ein Berge versetzender Glaube lebbar. Die ersten Kapitel der Apostelgeschichte (Apg 2-5) berichten in exemplarischer Weise davon. Auch für uns heutige Christen gibt es vielgestaltige, größere und kleinere Kairoi, in denen die Erfahrung des lebendigen Gottes in Jesus Christus und durch den Heiligen Geist konkreter wird. Solche Erfahrungen ermöglichen ein christliches Leben bis hin zur radikalen Ethik der Bergpredigt und einem Berge versetzenden Glauben.

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Neutestamentliche Texte leiten uns an, „den Kairos zu nutzen“ und solcherart ein christliches Leben mit Gottes Kraft zu führen. Zum Beispiel im Austausch mit Nichtglaubenden:

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„Seid weise im Umgang mit den Außenstehenden, nutzt die Zeit (Kairos)! Eure Worte seien immer freundlich, doch mit Salz gewürzt; denn ihr müsst jedem in der rechten Weise antworten können“ (Kol 4,5f).]
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Wenn wir im Kontakt mit Nichtgläubigen den Kairos wahrnehmen und nutzen, werden wir Menschen zu einer Zeit und auf eine Weise ansprechen, die ihnen entspricht und sie im Herzen bewegt. Ohne eine durch Gottes Gnadenwirken verfeinerte, geistgeleitete Aufmerksamkeit und Folgsamkeit wird Evangelisation3 schnell mühsam, uneffektiv und zu einer Zumutung für „evangelisierte“ Menschen.

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Oder in der Bewährung mitten in einer verderbten Welt:

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„Nutzt die Zeit (Kairos); denn diese Tage sind böse“ (Eph 5,16).]
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In Situationen der Bedrängnis und Verfolgung eröffnet ein Gnaden-Kairos Spielräume zu einem kreativen Handeln, das weder resigniert noch attackiert, sondern Versöhnung aktiv ermöglicht.

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Christen glauben an einen lebendigen, handelnden Gott. Bei Seinem innerweltlichen Handeln berücksichtigt Gott aber die menschliche Freiheit. Wenn Menschen sich in Freiheit dazu entscheiden, sich von Gott leiten zu lassen, eröffnen sie Ihm heilvolle Handlungsmöglichkeiten, die Gott in Seiner Freiheit nutzt, indem er zu Seiner Zeit Kairoi eröffnet.4 Kairoi markieren die „Kontaktstellen“ zwischen göttlicher und menschlicher Freiheit, göttlichem und menschlichem Handeln. Diese Kontaktstellen sind in unserer Welt in einem hohen Maß gestört, auch für Christen und im kirchlichen Bereich. Menschen bemühen sich dann wohlmeinend um „Werke für den Herrn“, anstelle „Werke des Herrn“ – also von Ihm geleitet, und folglich unterstützt durch Seine Kraft – zu vollbringen. Die Folge ist ein kräftezehrender und uneffektiver Aktivismus. Solch frustrierende Erfahrungen treiben engagierte Christen ins entgegengesetzte Extrem einer resignierten Passivität. Um dieser Problematik zu entkommen, ist es von großer Bedeutung, einen Sinn für Kairoi und die Kunst eines „Lebens aus dem Kairos“ von biblischen Grundlagen her wiederzugewinnen. Daran wollen wir im Folgenden arbeiten, indem wir auf die Bedeutung von Kairoi im Wirken Jesu (1.), in der frühen Kirche (2.) und für heutige Christen (3.) eingehen.

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1. „Die Zeit ist erfüllt“ (Mk 1,15) – Kairos im Leben und Wirken Jesu

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1.1 „Der Sohn kann nichts von sich aus tun ...“ (Joh 5,19) – Jesu Gottesbeziehung als Quelle für seine Verkündigung in Wort und Tat

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Jesu Leben hatte eine einzige Mitte: seine Beziehung zum „Vater, dem Herrn des Himmels und der Erde“ (Mt 11,25). Zeitlebens hat Jesus sich dazu bestimmt, sich in allem von seinem himmlischen Vater bestimmen zu lassen:

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„Der Sohn kann nichts von sich aus tun, sondern nur, wenn er den Vater etwas tun sieht. Was nämlich der Vater tut, das tut in gleicher Weise der Sohn.“ (Joh 5,19).]
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Auf diese Weise machte Jesus sein Leben zu einem Raum, in dem Gott ohne jede Einschränkung herrschen konnte.5 Die Königsherrschaft Gottes (Mk 1,15) wurde in Jesu Person leibhafte Wirklichkeit. Sein ganzes Leben kann begriffen werden als Erfüllung der beiden Vaterunserbitten: „Dein Reich komme“ und „Dein Wille geschehe“ (Mt 6,10; Lk 11,2).

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Jesu Verkündigung ist ganz Ausdruck seines Seins in radikaler Gottbezogenheit und kann nur von daher verstanden werden. Er verkündigte den Menschen, dass das Gottesreich nahegekommen ist, und zwar in Formulierungen, die zwischen „jetzt schon da“ und „noch nicht ganz da“ variieren.6 Von Jesu gottbezogenem Leben her lässt sich das sehr genau verstehen: Gott ist jetzt schon in der Welt zur Herrschaft gelangt im Seins- und Wirkbereich von Jesu Leben. Für die Menschen, die Jesus begegneten, war das Reich Gottes nahe gekommen, schon allein dadurch, dass Jesus in ihr Leben trat. Das Gottesreich war für sie zum Greifen nahe gekommen, weil von Jesus Gottes heilvolle Gegenwart mit großer Faszinationskraft ausstrahlte. Der Funke konnte überspringen. So lange er aber noch nicht übergesprungen war, war die Gottesherrschaft noch nicht bei ihnen angekommen. Und so lange dieses sich ausbreitende Feuer noch nicht wie ein Flächenbrand die ganze Welt erfasst hatte7, war das Reich Gottes noch nicht „in seiner ganzen Macht“ (Mk 9,1) in der Welt angekommen. Gemäß Jesu Lehre ist das Gottesreich gegenwärtig wie ein winziges Samenkorn, welches aber die Kraft in sich trägt, zum großen Baum zu werden, der den ganzen Lebensraum ausfüllt (Mk 4,31f), das aber auch zugrunde gehen kann, wenn es nicht auf fruchtbaren Boden fällt (Mk 4,4-7).

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So ist es auch ohne inneren Widerspruch, wenn Jesus einerseits verkündete, dass das Reich Gottes bereits zu den Menschen gelangt ist und dennoch die Jünger im Vaterunser beten lehrte: „Dein Reich komme“ (Mt 6,10; Lk 11,2):

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„Wenn ich aber die Dämonen durch den Finger Gottes austreibe, dann ist doch das Reich Gottes schon zu euch gekommen“ (Lk 11,208).
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Es ist bereits ganz angekommen an dem Ort, wo Jesus ist und wirkt. Und dieses Wirken Jesu hat das Potenzial, auf die ganze Welt überzugreifen – zuletzt „wie der Blitz bis zum Westen hin leuchtet, wenn er im Osten aufflammt“ (Mt 24,27). Das Gottesreichs kann sich allerdings nicht ohne die freie Zustimmung der Menschen ausbreiten.9 Deren Entscheidungsbereitschaft aber wird durch das Christusereignis auf das Äußerste herausgefordert: nicht nur in direkten Begegnungen mit Jesus, sondern darüber hinaus in einer Wirkungsgeschichte des Evangeliums, die bis in unsere Gegenwart und darüber hinaus reicht. So hat Jesus mit seiner Gottesreichverkündigung ein Heils-Drama ausgelöst, welches im Kreuzestod Jesu seinen Höhepunkt findet und seine Reichweite über die ganze Welt- und Heilsgeschichte entfaltet.

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Nicht nur Jesu Verkündigung in Worten, sondern auch sein Heilshandeln ist von seiner radikalen Gottbezogenheit her und nur von daher nachvollziehbar. Dass Jesus nur tun konnte, was er seinen Vater tun sah (Joh 5,19), äußerte sich in einer eigenartigen Sprunghaftigkeit seines Handelns. Als Maria ihn bei der Hochzeit zu Kana darauf hinwies, dass der Wein ausgegangen war, gab Jesus eine ablehnende Antwort:

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„Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen“ (Joh 2,4). 
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Unmittelbar darauf aber wirkt er sein erstes Wunder, – Zeichen für die Gegenwart der Stunde bzw. des Kairos der anbrechenden heilvollen Gottesherrschaft.10

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Ein weiteres Beispiel: Als seine Brüder Jesus auffordern, nach Judäa, also in das Gebiet Jerusalems zu ziehen, um dort zu verkündigen, antwortet er ihnen:

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Meine Zeit (Kairos) ist noch nicht gekommen, für euch aber ist immer die rechte Zeit (Kairos) ... Geht ihr nur hinauf zum Fest; ich gehe nicht zu diesem Fest hinauf, weil meine Zeit noch nicht erfüllt ist.“ (Joh 7,6.8).
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Wenig später aber heißt es:

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„Das sagte er zu ihnen, und er blieb in Galiläa. Als aber seine Brüder zum Fest hinaufgegangen waren, zog auch er hinauf, jedoch nicht öffentlich, sondern heimlich.“ (Joh 7,10).
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Also war sein Kairos doch gekommen? Gewiss hat Jesus weder sich noch seine Brüder getäuscht. Vielmehr ließ er sich in jedem Augenblick von Gott führen, und so konnte sich ihm unvermittelt eine Tür öffnen, die zuvor noch verschlossen war.11

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So geschah es auch bei der heidnischen Frau aus Tyros-Sidon, die Jesus um Befreiung ihrer Tochter bat: Zuerst ignorierte Jesus sie. Auf das Zureden seiner Jünger – „Befrei sie, denn sie schreit hinter uns her“ – sagte er ihr: „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israels gesandt“ (Mt 15,24). Sie lässt sich nicht abweisen, fällt vor ihm auf die Füße und bittet Jesus: „Herr, hilf ihr“. Darauf Jesus: „Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen.“ Unbeirrt hält die Frau an ihrer Bitte fest: „Ja, du hast recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“ – „Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.“ Vielen Lesern kommt dieses Verhalten Jesu abweisend, beleidigend und zuletzt auch noch inkonsequent vor. Dieser Eindruck entsteht aber nur, wenn Jesu Tun und Lassen in seinem eigenen Ermessen standen.12 Wie konnte er dann so hartherzig sein? Aber Jesus wusste sich, wie er erklärte, nur zu den Kindern Israels gesandt.13 Was abseits von seiner Berufung lag, schaute er nicht einmal an. Deshalb gab er der Frau zunächst keine Antwort (Mt 15,23). Ihr zudringliches Bitten aber machte für Gott einen Unterschied.14 Ohne dass sich die Sendung Jesu damit grundsätzlich über Israel hinaus ausgeweitet hätte, bekam Jesus – vom Vater, durch den Heiligen Geist – „grünes Licht“ für die Heilung.

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Umgekehrt konnte eine zunächst offene Tür aufgrund des Unglaubens von Menschen zugehen. So geschah es in Jesu Heimatstadt Nazaret, wo er mit seiner Botschaft zurückgewiesen wurde:
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„Und er konnte dort kein Wunder tun; nur einigen Kranken legte er die Hände auf und heilte sie“ (Mk 6,5).

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1.2 „Und er nahm Jesus freudig bei sich auf“ (Lk 19,6) – Zachäus als Beispiel für einen angenommenen Gnaden-Kairos

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Als Jesus den reichen Zollpächter Zachäus über sich auf einem Baum sieht, erfährt er einen Ruf von seinem himmlischen Vater, dem er umgehend Folge leistet, indem er den Zöllner auffordert:

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„Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.“ (Lk 19,4).
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Dadurch, dass Jesus dem Handeln Gottes unbegrenzten Raum gibt, kann Gott vermittelt durch Jesus einen Gnaden-Kairos für Zachäus freisetzen. Dieser Kairos hat seine eng begrenzte Zeit, wie wir durch die dringende Aufforderung Jesu an Zachäus erfahren:

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„Komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.“]
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Zachäus greift diese dringende Einladung umgehend auf:

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„Da stieg er schnell herunter und nahm Jesus freudig bei sich auf“ (Lk 19,6).15
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Dieser Gehorsam entspringt nicht einer verbissenen Pflichtethik, sondern er geschieht freudig. Zachäus ist sozusagen beflügelt durch die glaubende Erwartung und ansatzweise Erfahrung eines göttlichen Heilswirkens.16 In der Begegnung mit Jesus springt auf Zachäus der Funke über: Die durch Jesus verkörperte Gegenwart des Gottesreichs – die zunächst auf Jesus und sein Wirken beschränkt ist – ist für ihn zum Greifen nahe gekommen, und da er zugreift, wird es für ihn reale Gegenwart. So stellt Jesus abschließend fest:

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Heuteist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist“ (Lk 19,9)17.
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Als Sohn Abrahams hat sich Zachäus durch seinen kompromisslosen Gehorsam erwiesen.18 Der Erfahrung einer maßlosen göttlichen Heilszuwendung19 entsprach er – als konkretem Schritt seiner Umkehr (Mk 1,15b) – durch eine maßlose Wiedergutmachung von Unrecht:

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„Herr, die Hälfte meines Vermögens will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück“ (Lk 19,8).
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1.3 „Und er ging traurig weg“ (Mk 10,22) – Der reiche Jüngling als Beispiel für einen versäumten Kairos

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Häufiger sind in den Evangelien Erzählungen von verpassten Kairoi. Beklemmend ist die Geschichte vom reichen jungen Mann, der von Jesus wissen wollte, was er tun müsse, um das ewige Leben zu erlangen. Auf Jesu Antwort, er solle die Gebote halten, entgegnete er, dass er diese von Jugend an befolgt habe. Dennoch aber fehlt dem jungen, reichen, vornehmen und gerechten Menschen etwas, wie sein drängendes Fragen gegenüber Jesus zeigt. Die ungesättigte Sehnsucht des Mannes bewegt Jesus, und er kann ihm einen Gnaden-Kairos eröffnen:

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„Da sah ihn Jesus an, und weil er ihn liebte, sagte er: Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!“ (Mk 10,21)]
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Jesus lädt den Mann auf ungewöhnlich herzliche Weise in die Nachfolge ein.20 Man könnte sich vorstellen, dass er wie Zachäus – beflügelt von der in Jesus erfahrenen Güte Gottes21 – voll Freude einer Einladung Folge leistet, die über alles Erwartbare hinausging: Jesus – dem er sich mit höchster Ehrerbietung genähert hatte22 – lädt ihn ein, ihm nachzufolgen und so das Leben künftig an seiner Seite zu verbringen! Wenn man sich das vorstellt, erscheint die Reaktion des Mannes geradezu tragisch:

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„Der Mann aber war betrübt, als er das hörte, und ging traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen“ (Mk 10,22).]
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Mit seiner nachfolgenden Lehre macht Jesus deutlich, dass dieser Mann sich mit seiner Ablehnung den Zugang zum Himmelreich verstellt hat. Weil sein Herz von einem weltlichen Gut gefangen genommen war, konnte Gott für ihn nicht schlechthin „der Gute“ sein (Mk 10,18). Den Jüngern, die bestürzt fragen, wer dann noch gerettet werden kann, antwortet Jesus: „Für Menschen ist das unmöglich, aber nicht für Gott; denn für Gott ist alles möglich“ (Mk 10,27). Diese Möglichkeit ist an ein Handeln Gottes gebunden, das seine Zeit, seinen Kairos hat. Unter dem Wirken des Heiligen Geistes wird es – nach dem Zeugnis der Apostelgeschichte – der Jerusalemer Urgemeinde möglich sein, den Besitztrieb zu überwinden: „Keiner nannte etwas von dem, was er hatte, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam“ (Apg 4,32).

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1.4 „Er aber schritt mittn durch die Menge hindurch und ging weg“ (Lk 4,30) – Die Dramatik eines versäumten Kairos

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Wer einen Gnaden-Kairos versäumt, wird nicht einfach nur zurückgeworfen auf seinen Stand vor der Gottesbegegnung, sondern er läuft Gefahr, sich in eine verschärfte Gottesfeindschaft zu verstricken. Diese Dramatik zeigt sich bei Jesu erstem – und zugleich letztem – Auftritt in der Synagoge seines Heimatortes Nazaret. Der entsprechende Text bei Lukas fasst das Verkündigungswirken Jesu vorwegnehmend zusammen, inhaltlich ähnlich wie Mk 1,15, aber in Form einer dramatischen Erzählung. Inhaltlich entfaltet Jesus seine Gottesreichbotschaft, indem er aus dem Propheten Jesaja zitiert:

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„Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.“ (Lk 4,18-19).
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Dass der Kairos erfüllt und das Gottesreich nahegekommen ist (Mk 1,15), sagt Jesus, indem er den Jesajatext kommentiert:

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Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt23“ (Lk 4,21).
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In der Folge entfaltet die Erzählung die Dramatik eines versäumten Kairos: Eine anfängliche Zustimmung – „und alle pflichteten ihm bei“ (Lk 4,22a)24 – weicht beinah unvermittelt einer um sich greifenden besserwisserischen Skepsis: „Ist das nicht der Sohn Josefs?“ (Lk 4,22c). Das dazwischen gesetzte „sie staunten darüber, wie begnadet er redete“ (Lk 4,22b) schillert zwischen aufrichtiger Bewunderung und neidvoll-reservierter Faszination.

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Jesus reagiert mit scharfen Worten, eigentlich mit einer Gerichtsansage. Das zeigt zweierlei: erstens, dass die Menschen (nach Jesu Urteil) von seiner Gottesreichbotschaft im Herzen erreicht wurden;25 zweitens, dass Jesus ihre Reaktion als unangemessen, ja als Zurückweisung des göttlichen Heilsangebots auffasste.26 Wo Jesu Gottesreichverkündigung angekommen ist, aber nicht angenommen wird, wechselt er von der bedingungslosen Heilszusage zur warnenden Gerichtsbotschaft.

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Mit seiner Gerichtsrede deckt Jesus die Motive auf, die die Menschen an einer glaubenden Zustimmung hinderten:

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Als Einzelpersonen verglichen sie sich mit dem Mann aus dem gleichen Dorf: „Ist das nicht der Sohn Josefs“ – also einer wie wir? Dem entspricht Jesu Kritik: „Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt“ (Lk 4,24).

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Als Bewohner Nazarets, Jesu früherem Heimatort, rivalisierten sie mit der Stadt Kafarnaum, Jesu gegenwärtigem Wohnsitz: „Sicher werdet ihr mir das Sprichwort vorhalten: Arzt, heile dich selbst! Wenn du in Kafarnaum so große Dinge getan hast, wie wir gehört haben, dann tu sie auch hier in deiner Heimat!“ (Lk 4,23)

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Als Juden fühlten sie sich gegenüber den Heiden von Gott erwählt und bevorzugt. Gegen diesen Anspruch zeigt Jesus auf, dass Elia und Elischa, die wirkmächtigsten Propheten des Alten Testaments, ihre größten Wunder nicht an Juden, sondern an Heiden gewirkt hatten.

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In jedem der drei Fälle liegt das Problem darin, dass die Bewohner Nazarets ihre individuelle und gemeinschaftliche Identität nicht mit ungeteiltem Herzen von Gott empfingen, sondern durch einen vergleichend-taxierenden Seitenblick auf die jeweils anderen, gemäß dem Motto: „Wir sind, wer wir sind, weil wir nicht so sind wie diese anderen da“: als Nazarener gegenüber den Kafarnaiten und als Juden gegenüber den Heiden. Und im Miteinander der Dorfgemeinschaft hat sich gefälligst niemand herauszunehmen, dass er zu etwas Besseren berufen wäre als die anderen.

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Den Gerichtsworten, die Jesus nach einer Zurückweisung seiner Botschaft vorbringt, entspricht die vorausgehende Gerichtswarnung des Täufers, der die Menschen zu einer Herzenshaltung führen wollte, mit der sie die Botschaft Jesu hätten annehmen können:

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„Das Volk zog in Scharen zu ihm [Johannes dem Täufer] hinaus, um sich von ihm taufen zu lassen. Er sagte zu ihnen: Ihr Schlangenbrut, wer hat euch denn gelehrt, dass ihr dem kommenden Gericht entrinnen könnt? Bringt Früchte hervor, die eure Umkehr zeigen, und fangt nicht an zu sagen: Wir haben ja Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann aus diesen Steinen Kinder Abrahams machen.“ (Lk 3,7f)
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An diesem vom Täufer kritisierten Punkt sind die Synagogenbesucher Nazarets gescheitert. Wie Johannes gewarnt hatte, gründeten sie ihr Urteil nicht auf Früchte, sondern auf Zugehörigkeit. So konnten sie die Gottesreichbotschaft Jesu nicht annehmen. Als Jesus ihren individuellen, dörflichen und völkischen Chauvinismus, (der der Annahme seiner Verkündigung im Weg stand), kränkte, indem er darlegte, dass Gott die jeweils Außenstehenden bevorzugte, fühlten sie sich in ihrer gemeinschaftlichen Identität bedroht und reagierten mit äußerster Aggressivität.

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„Als die Leute in der Synagoge das hörten, gerieten sie alle in Wut. Sie sprangen auf und trieben Jesus zur Stadt hinaus; sie brachten ihn an den Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt erbaut war, und wollten ihn hinabstürzen. Er aber schritt mitten durch die Menge hindurch und ging weg.“ (Lk 4,28-30).
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Der letzte Satz besiegelt den verpassten Kairos. Er ist unwiederbringlich verloren. Die Vorstellung, Jesus könnte durch einen neuerlichen Auftritt in Nazaret ihre Herzen doch noch gewinnen, wäre absurd.

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1.5 „Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht wird“ (Joh 12,33) – Kairos und Kreuz

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Für die Synoptiker beginnt der eigentliche Gnaden-Kairos mit Jesu vollmächtiger Gottesreichverkündigung. Johannes hingegen konzentriert die zentrale Heilszeit, Jesu Stunde, ganz auf seine Kreuzigung, Auferstehung und Sendung des Heiligen Geistes, die er alle drei im einen Ereignis von Jesu „Erhöhung“ zusammenschaut.27

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Der Kairos von Jesu Verkündigung und die Kairos-Stunde seine „Erhöhung“ schließen sich aber nicht gegenseitig aus, sondern sind miteinander verbunden: als Anfangs- und Endpunkt eines großen Kairos, nämlich einer zeitlich begrenzten Heilszeit, die Israel durch die Verkündigung Jesu angeboten und von ihm letztendlich zurückgewiesen wurde. Das Unglück dieser Zurückweisung bringt Jesus in seiner Klage über Jerusalem zum Ausdruck:

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„Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was dir Frieden bringt. Jetzt aber bleibt es vor deinen Augen verborgen. 43 Es wird eine Zeit für dich kommen, in der deine Feinde rings um dich einen Wall aufwerfen, dich einschließen und von allen Seiten bedrängen. 44 Sie werden dich und deine Kinder zerschmettern und keinen Stein auf dem andern lassen; denn du hast die Zeit der Gnade [καιρὸν τ ς ἐπισκοπ ς / kairon tes episkopes = den Kairos des Besuchs bzw. der Heimsuchung] nicht erkannt.“ (Lk 19,41-44)
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Die Zurückweisung des Heils-Kairos treibt Israel in eine verschärfte Gottesfeindschaft, bis zur Kreuzigung des göttlichen Heilsmittlers. Aber mit dem Kreuz – als Zeichen der Ablehnung von Jesu Gottesreichverkündigung – ist die Verkündigung des ankommenden Gottesreichs nicht gescheitert, sondern überhaupt erst wirksam gemacht worden. Denn mit Kreuz, Auferstehung und Geistausgießung hat Jesus das tiefste Nein der Welt zur Gottesherrschaft aufgefangen und eine neue, mächtige Folge von Gnaden-Kairoi eröffnet. Ein Zeugnis dafür ist die Apostelgeschichte, in der ab Pfingsten jenen, die Jesus ans Kreuz gebracht hatten, durch das Wirken des Heiligen Geistes neue Heilsmöglichkeiten eröffnet wurden.28

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Indem Jesus mit seinem Erlösungstod die Macht des Neins zu Gott – in Sünde und ihren Konsequenzen von Begierde, Angst und Tod – aufgebrochen hat, kann sich die Gottesreichbotschaft Jesu letztlich unaufhaltsam „bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20) ausbreiten.

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1.6 „So wird es bei der Ankunft des Menschensohnes sein“ (Mt 24,27) – Kairos und Parusie

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So ergibt sich ein tiefes inneres Band zwischen Jesu irdischem Wirken, seiner Erhöhung und der für das Ende der Zeiten erwarteten Wiederkunft Christi. Exemplarisch lässt sich dieser Zusammenhang an Mk 9,1 aufweisen:

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„Und er [Jesus] sagte zu ihnen: Amen, ich sage euch: Von denen, die hier stehen, werden einige den Tod nicht erleiden, bis sie gesehen haben, dass das Reich Gottes in Macht gekommen ist.“29
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Wenn sich diese Aussage ausschließlich auf die Wiederkunft Christi am Ende der Zeiten bezöge, so wäre sie ein Beleg für eine Naherwartung Jesu bzw. der frühesten Kirche, die durch den Fortlauf der Geschichte widerlegt worden wäre. Mk 9,1 ist aber eine „mehrdeutige“ Verheißung, die das Andrängen der Gottesherrschaft zugleich in verschiedenen Etappen anspricht:

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Auf einer ersten Bedeutungsebene wird sie eingelöst durch die unmittelbar an diese Stelle anschließende Verklärung Jesu, in der das Gottesreich in Macht für einige der Jünger sichtbar wurde.30 Sichtbar wurde bei Jesu Verklärung, dass Gott in Jesus Christus seine Herrschaft bereits „in Macht“ (Mk 9,1) auf Erden angetreten hatte. Der Unterschied zwischen der für die Jünger direkt an Jesus erfahrbaren Gottesreichpräsenz und der Wiederkunft Christi am Ende der Zeiten besteht nicht in der Qualität der Gottesherrschaft, sondern allein in seiner Reichweite. Während des irdischen Wirkens Jesu verlief die Ausbreitung des Gottesreichs noch überaus mühsam, wie die Erzählung von der Heilung des besessenen Jungen (Mk 9,14-28) unmittelbar nach der Verklärungsperikope drastisch belegt.

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Nach Jesu Tod, Auferstehung und Geistsendung wurde das Kommen Gottes „in Macht“31 sichtbar durch die rasante Ausbreitung der Urkirche, wie sie die Apostelgeschichte belegt. Einige derer, die gemäß Mk 9,1 bei Jesus standen, waren Zeugen dieser nachösterlichen und pfingstlichen Entwicklung.

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Aufgabe der Kirche ist es, evangelisierend „bis an das Ende der Erde Heil zu sein“ (Apg 13,47) und so die Welt zu präparieren für die endgültige Wiederkunft Jesu Christi, bei der der „Zündfunke“ der in ihm angenommenen Gottesgegenwart sich wie ein Lauffeuer über die ganze Welt ausbreiten kann, ohne aufgehalten zu werden:

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„Denn wie der Blitz bis zum Westen hin leuchtet, wenn er im Osten aufflammt, so wird es bei der Ankunft des Menschensohnes sein“ (Mt 24,27).
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Das „Kommen des Gottesreichs in Macht“ erweist sich somit als ein dynamischer Prozess, der mit der Gottesreichbotschaft Jesu seinen Anfang nahm, in den Kairoi des Geistwirkens für die Kirche immer wieder als gegenwärtig erfahrbar ist und auf seine vollständige Durchsetzung mit der Wiederkunft Christi am Ende der Zeiten vorausgreift.32

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„Parusie“ in der wörtlichen Bedeutung einer Ankunft Christi war damit für die Kirche von Anfang an niemals nur zukünftig, sondern sie ist stets auch gegenwärtige Erfahrung, – nicht unterschiedslos durchgängig, sondern in unterscheidbaren Gnaden-Kairoi, welche die Parusie (im Sinne der letzten Ankunft Christi) zeichenhaft vorwegnehmen und der Hoffnung darauf somit immer wieder einen Grund geben. Dieses Ineinander von als erfahren bezeugter Gegenwart des Herrn und flehend herbeigerufener endzeitlicher Ankunft zeigt sich im urchristlichen Ruf „Maranatha“, der je nach Akzentuierung bedeuten konnte „Der Herr ist gekommen!“ („Maran atha“) – oder: „Herr, komm!“ (Marana tha).33 Wegen dieses Zusammenspiels von Gegenwartserfahrung und Zukunftserwartung konnte die erfahrene „Parusieverzögerung“, die eine gewiss bestehende chronologische Naherwartung korrigierte, die frühe Kirche niemals wirklich beunruhigen.34

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2. „Zur Zeit der Gnade erhöre ich dich“ (2 Kor 6,2) – Kairos im Leben der ersten Christen

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2.1 „Zeiten des Aufatmens“ (Apg 3,20) – Das Leben der Jerusalemer Urgemeinde unter der Führung des Heiligen Geistes

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Die Jerusalemer Urkirche wurde ins Leben gerufen durch den Kairos der Geistausgießung zu Pfingsten. Der Auferstandene wies die Jünger an, zu warten, bis sie „mit der Kraft aus der Höhe erfüllt werden“ (Lk 24,49). Die pfingstliche Ausgießung des Heiligen Geistes erfolgte „zu Seiner Zeit“ – unberechenbar, als ein von Gott in Seiner Souveränität bestimmter Gnaden-Kairos.

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In diesem Sinn stellt Jesus gemäß Apg 1,7f fest:

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„Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat. Aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen wird.“
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Mit „Zeiten und Fristen“ (χρόνους ἢ καιροὺς / chronous e kairous, also wörtlich: Fristen oder Kairoi) meint Jesus den ganzen heilsgeschichtlichen Prozess bis zu seiner endzeitlichen Wiederkunft. Mit dieser Antwort korrigiert er die Frage der Jünger nach einem chronologischen Zeitpunkt der Parusie: „Herr, stellst du in dieser Zeit (Chronos) das Reich für Israel wieder her?“ Mit der Abweisung jeder Zugriffsmöglichkeit auf Gottes Zeitplan verpflichtet Jesus die Jünger positiv auf eine restlose Selbstauslieferung an Gottes Willen, wie er sich zu Gottes festgesetzten Zeiten je neu zuschickt. Diese Selbstauslieferung in einem Verzicht auf jedes eigenmächtige Wissen- und Verfügenwollen war ja auch bestimmend für Jesu eigenes Leben. Dem entspricht es, wenn er feststellt:

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„... jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, ... nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater“ (Mk 13,21 = Mt 24,36).
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Darin besteht die Wirkung des zu Pfingsten ausgegossenen Heiligen Geistes: Die Jünger erfahren Gottes Herrlichkeit, eine überfließende Freude im Gotteslob und die Ermächtigung zu einem freimütigen, kraftvollen Verkündigen von Gottes Wort. Wachsende Angriffe von außen werden von der jungen Gemeinde mutig und voller Freude (Apg 5,41) ertragen.35 Auch innere Erschütterungen können sie nicht aus dem Gleichgewicht bringen.36 In der Bewältigung sozialer und materieller Herausforderungen erweisen sie sich als tüchtig.37 All dies wird ermöglicht durch eine ungeteilte Herzensausrichtung der Christen auf den einen Gott, in der sich die radikale Gottesbeziehung Jesu widerspiegelt. Von dieser Mitte her ist materielle Sorge und Vorsorge kein Problem mehr für die junge Gemeinde:38

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„Die Gemeinde der Gläubigen war ein Herz und eine Seele. Keiner nannte etwas von dem, was er hatte, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam.“ (Apg 4,32)]
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Mit diesem selbstlosen Ethos antworten die ersten Christen angemessen auf die geistgewirkte Gotteserfahrung, gemäß Jesu Lehre:

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„Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben“ (Mt 6,33).
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Die Praxis der ersten Jerusalemer Christen lässt sich als ein Kapitel gelebter Bergpredigt begreifen. Immer wieder hat die modellhafte Darstellung dieser Gemeinde durch die Apostelgeschichte die Sehnsüchte von Menschen nach radikal neuen Gemeinschaftmodellen – in Gütergemeinschaft und Gewaltlosigkeit – beflügelt. Bemerkenswert und nicht kopierbar ist allerdings die Eigenart, in der die ersten Christen diese Lebensform lebten: in Freiheit und aus Freude heraus. Nach dem Zeugnis der Apostelgeschichte ist das nur möglich durch das Wirken des Heiligen Geistes, aus dem immer neu sich zuschickenden Kairos der Gottesnähe, in einer Grundhaltung, in der eine ungeteilte Herzensausrichtung auf den heilvoll erfahrenen Gott das Fundament von allem bildet. So und nur so wird die Berpgpredigt lebbar.

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Von dieser Mitte her ergibt sich für die ersten Christen jene eigenartige Kombination von Ohnmacht und Vollmacht, Nichtskönnen und Allesvermögen, die Jesus exemplarisch gelebt hat: Die Christen können nichts aus sich allein bewirken, sondern sind in allem angewiesen auf die Führung Gottes. Ein kompromissloser Liebesgehorsam eröffnet ihnen den Zugang zu einer gottgewirkten Vollmacht, die in den Evangelien verheißen und den Kirchen bis in die Gegenwart meist weitgehend versperrt geblieben ist: „Wenn ihr in mir bleibt und wenn meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten“ (Joh 15,7).

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Exemplarisch zeigt sich diese aus radikaler Selbstauslieferung erwachsende Vollmacht in der Begegnung von Petrus und Johannes mit einem gelähmten Bettler vor der Synagoge:

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„Silber und Gold besitze ich nicht. Doch was ich habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi, des Nazoräers, geh umher!“ (Apg 3,6). 
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Die Apostel wirken ohne materielle Macht und mit geistlicher Vollmacht. Eine bittere Kritik hat die Umkehrung dieses Verhältnisses für die spätere Kirche beklagt: Silber und Gold besitze sie zwar; dafür könne sie zu niemandem mehr sagen: „Im Namen Jesu Christi, geh umher“.

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Wichtig ist hier zu sehen, dass die materielle Armut, die sich im angeführten Schriftzitat an den ersten Christen zeigt, eine wesentlich selbstgewählte ist, indem sie freiwillig auf jede eigene Vorsorge verzichten. Und dieser Verzicht ergibt sich aus einer ungeteilten Herzensausrichtung auf Gott, – von der Gottesliebe zur Nächstenliebe, die sich in Sozialverantwortung bewährt. Die daraus erwachsende geistliche Vollmacht bei irdischer Mittellosigkeit und Verzicht auf Vorsorge beschränkt sich nicht auf den finanziellen Bereich. Auch in der Evangelisation – oft in Situationen der Anklage – entsprechen die ersten Christen der Aufforderung Jesu:

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„Und wenn man euch abführt und vor Gericht stellt, dann macht euch nicht im Voraus Sorgen, was ihr sagen sollt; sondern was euch in jener Stunde eingegeben wird, das sagt! Denn nicht ihr werdet dann reden, sondern der Heilige Geist.“ (Mk 13,11, par. Mt 10,19, Lk 12,11).]
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Durch eine restlose Selbstauslieferung an die Führung Gottes im Heiligen Geist gelang es den ersten Christen, trotz ihrer Ungebildetheit (vgl. Apg 4,13) vollmächtig zu lehren. Daraus erwächst eine extreme Fruchtbarkeit der Evangelisation. Nach der Pfingstpredigt des Petrus heißt es:

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„An diesem Tag wurden (ihrer Gemeinschaft) etwa dreitausend Menschen hinzugefügt“ (Apg 2,40).]
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Solche vollmächtige Evangelisation39 kann gewiss nicht gemacht werden,40 denn sie ist jeweils Frucht eines souverän von Gott gesetzten heilsgeschichtlichen Kairos. Allerdings ist Gott selbst mit einem so machtvollen Geistwirken auf Menschen angewiesen, die sich Seinem Wirken kompromisslos zur Verfügung stellen: in einer Selbstauslieferung an Gottes Führung, mit der sie wie Jesus nichts tun könen als was sie den himmlischen Vater tun sehen (vgl. Joh 5,19).

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Es ist der Heilige Geist, der die Aktivitäten der ersten Christen leitet. Er führt den Petrus (Apg 4,8), die ganze Gemeinde (4,31), den Stephanus (6,10) zur freimütigen Verkündigung des Gotteswortes. Er bezeugt ihnen das Heilswirken Jesu (5,32). Er ruft den Philippus auf entfernte, gefährliche Wege, um einen äthiopischen Kämmerer zu evangelisieren (8,26). Und es kommt zu dessen Taufe, weil Philippus sich vom Heiligen Geist ganz präzise Schritt für Schritt führen lässt („Geh und folge diesem Wagen ...“, 8,29), ein gefügiges Werkzeug ohne jeden Anspruch auf eigenen Lohn und Nutzen („vom Geist entführt“, 8,39). Der Heilige Geist leitet den Jünger Hananias an, den als Christenverfolger berüchtigten Saulus aufzusuchen (9,13), und infolge seines kompromisslosen Gehorsams kann Paulus geheilt, getauft, und zu einer gewaltigen Missionsberufung eingesetzt werden. Der Heilige Geist weist den – durch eine Vision vorbereiteten – Petrus an (10,19), dem heidnischen Kornelius in dessen Haus zu folgen (für fromme Juden unvorstellbar), und ergießt sich über die heidnische Hausgemeinschaft – in einer einmaligen Umkehrung der Reihenfolge von Geistausgießung und Taufe (10,44) –, sodass Petrus nicht mehr zögern kann, den bis dato unvorstellbaren Schritt zu tun und Heiden zu taufen, ohne dass sie zuvor zum Judentum konvertieren und sich dem mosaischen Gesetz unterwerfen. Der Heilige Geist bestimmt Paulus und Barnabas zur ersten Missionsreise (13,2.4) und führt beim Apostelkonzil die Jerusalemer Urgemeinde zur Bestätigung einer vom Judentum unabhängigen Heidenmission (15,28). Zweimal durchkreuzt der „Geist Jesu“ (16,7) bei der zweiten Missionsreise die Pläne von Paulus und Silas, um sie schließlich zur Mission nach Europa zu senden.

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Durch all diese Schritte wurde das frühe Christentum in eine – für die jüdischen Urchristen gänzlich unvorstellbare – Flexibilität geführt, ohne die es sich nicht zur Weltreligion hätte ausbreiten können. Diese Entwicklung war nur dadurch möglich, dass Christen sich auch gegen eigene Vorstellungen und Pläne bis ins Einzelne vom Heiligen Geist führen ließen. Wo Christen ihre ungeteilte Herzensausrichtung auf Gott hin verloren, drohten Tod und Gericht – wie bei Hananias und Saphira (Apg 5) –, vor allem aber Spaltung:

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Die Frage der Heidenmission wurde nicht durchwegs so glatt gelöst wie anfänglich bei Petrus und später am Apostelkonzil, wo jeweils ein vorbildliches Hören auf den Heiligen Geist die bedrohte Gemeinschaft sogar stärkte. Vor diesen Beschlüssen war es in Antiochien zu „großer Aufregung und heftigen Auseinandersetzungen“ (15,2) gekommen, und die Nachfrage von Paulus und Barnabas in Jerusalem führte auch dort zunächst zu „heftigem Streit“ (15,7). Auch nach der geistgewirkten und durch ein Hören aller Beteiligten auf den Heiligen Geist wunderbar wiedergewonnenen Gemeinschaft der Kirchen konnte der Konflikt jederzeit neu aufbrechen. Unmittelbar danach kam es zwischen dem bewährten Missionsteam Barnabas und Paulus „zu einer heftigen Auseinandersetzung“ (15,39) und in der Folge zur Trennung; im Hintergrund dürften auch judenchristliche Differenzen zur Heidenmission gestanden haben.41

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Es zeigt sich, dass die Beschreibung der missionarischen Urkirche in der Apostelgeschichte nicht idealisierend, sondern exemplarisch ist. Vielmehr zeichnet sie scharf heraus, dass Friede und Fruchtbarkeit nur möglich sind, wenn die Christen sich zu jeder Zeit ganz der Führung des Heiligen Geistes überantworten. Der Heilige Geist, der ein vollmächtiges Wirken von Christen im Gleichklang mit Gottes Handeln – und so mit Gottes Vollmacht – ermöglicht, ist zugleich in höchstem Maß „flüchtig“.42 Nur allzuleicht kann er „betrübt“ (Eph 4,3043) oder gar ausgelöscht werden (1 Thess 5,19). Und wo er ausfällt, führt die (missionarische) Sammlung zur Spaltung.44

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2.2 „Jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade“ (2 Kor 6,3) – Kairos bei Paulus

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Die Bekehrungserfahrung des Saulus stellt einen Gnaden-Kairos in Extremform dar: Ohne Vorwarnung trifft ihn Gott wie ein Blitz, streckt ihn zu Boden und blendet ihn. Gottes Befehl „Steh auf und geh in die Stadt; dort wird dir gesagt werden, was du tun sollst“ und die ihn begleitenden Umstände erscheinen so gewalttätig, dass alle Freiheit des Saulus gebrochen scheint. Und doch ist selbst hier noch Freiheit vorausgesetzt: „Es wird dir schwerfallen, gegen den Stachel auszuschlagen“ (Apg 26,1). Saulus könnte sich widersetzen, und so ist es sein freier Entschluss, dass er sich in jene radikale Nachfolge begibt, zu der Gott ihn ruft. Der Preis dafür ist hoch: Der bei den Juden Hochangesehene riskiert Ansehen und Zugehörigkeit – binnen kurzen wollen ihn die Juden töten (Apg 9,23) – und beginnt in christlichen Kreisen, wo er wegen seiner früheren Christenverfolgung beargwöhnt wird, ganz unten.

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Sein Weg der Nachfolge ist gezeichnet von Lernprozessen. Nachdem der Heilige Geist sein Missionskonzept durchkreuzt und ihn nach Europa geschickt hat, scheitert er in Athen mit seiner Mission trotz einer glanzvollen Rede (Apg 17,22-34)45. In Korinth, seiner nächsten Station, beschließt er, auf alle rhetorische Raffinesse zu verzichten und nur noch Christus kennen zu wollen, und zwar als den Gekreuzigten.

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„Als ich zu euch kam, Brüder, kam ich nicht, um glänzende Reden oder gelehrte Weisheit vorzutragen, sondern um euch das Zeugnis Gottes zu verkündigen. Denn ich hatte mich entschlossen, bei euch nichts zu wissen außer Jesus Christus, und zwar als den Gekreuzigten. 3 Zudem kam ich in Schwäche und in Furcht, zitternd und bebend zu euch. 4 Meine Botschaft und Verkündigung war nicht Überredung durch gewandte und kluge Worte, sondern war mit dem Erweis von Geist und Kraft verbunden, 5 damit sich euer Glaube nicht auf Menschenweisheit stützte, sondern auf die Kraft Gottes.“ (1Kor 2,2-5)
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Auf den ersten Blick klingt der Text widersprüchlich. Wie geht ein Auftreten „in Schwäche und in Furcht, zitternd und bebend“ zusammen mit dem „Erweis von Geist und Kraft“? Aber es wird verständlich, wenn man bedenkt, dass sich Paulus entschlossen hat, nicht mit eigener „gelehrter Weisheit“, sondern allein mit der Kraft Gottes aufzutreten. Eigene gelehrte Weisheit ist verfügbar, Gottes Kraft nicht. Gottes Gnade hat ihren Kairos, sie stellt sich unkalkulierbar ein, und das heißt: Wer auf sie setzt, geht wie auf Wasser.46 Man kann gar nicht mehr anders, als jeden Moment Gottes Weisung zu folgen und wird dabei auch geführt, wohin man nicht will.47 Es ist ein Weg radikaler Christusnachfolge, unter Umständen bis ans Kreuz. Davon spricht Paulus, wenn er sagt, er habe sich entschlossen, bei den Korinthern „nichts zu wissen außer Jesus Christus, und zwar als den Gekreuzigten“.

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Damit wird Paulus selber zum Christustypus und so zum Vorbild für die Christen seiner Gemeinden48. Wie Christus für die ihm Begegnenden selber zum Gnaden-Kairos wurde, so wird nun Paulus für die Christen zum Kairos. Deutlich wird das in einem Text, dessen volles Verständnis sich erst bei genauerem Hinsehen erschließt. Im zweiten Korintherbrief schreibt Paulus seiner Gemeinde:

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„Als Mitarbeiter Gottes ermahnen wir euch, dass ihr seine Gnade nicht vergebens empfangt. Denn es heißt: Zur Zeit der Gnade erhöre ich dich, am Tag der Rettung helfe ich dir. Jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade; jetzt ist er da, der Tag der Rettung.3 Niemand geben wir auch nur den geringsten Anstoß, damit unser Dienst nicht getadelt werden kann. 4 In allem erweisen wir uns als Gottes Diener: durch große Standhaftigkeit, in Bedrängnis, in Not, in Angst, 5 unter Schlägen, in Gefängnissen, in Zeiten der Unruhe, unter der Last der Arbeit, in durchwachten Nächten, durch Fasten, [...] 9 wir werden verkannt und doch anerkannt; wir sind wie Sterbende, und seht: wir leben; wir werden gezüchtigt und doch nicht getötet; 10 uns wird Leid zugefügt, und doch sind wir jederzeit fröhlich; wir sind arm und machen doch viele reich; wir haben nichts und haben doch alles.“ (2Kor 6,2-10)
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Der Text scheint in zwei Teile zu zerfallen. Im ersten (6,2) wird der Gemeinde ein Gnadenkairos zugesprochen, verbunden mit einer Ermahnung; im zweiten (6,3-10) beschreibt Paulus die radikale Nachfolgeexistenz von sich und anderen Aposteln. Ein Zusammenhang zwischen diesen beiden Teilen wird erst mit einer Interpretation ersichtlich, wonach Paulus durch sein gelebtes Vorbild für die Gemeinde selber zum Gnaden-Kairos wird.49 Das anfängliche Zitat aus den Gottesknechtliedern – „In einem Augenblick, der (mir) gefiel, habe ich dich erhört, und an einem Rettungstag bin ich dir zu Hilfe gekommen“50 bezieht sich demnach (dem alttestamentlichen Kontext entsprechend) auf Paulus als Heilsmittler. Die angeschlossene Interpretation des Gottesknechtzitats lautet wörtlich „Siehe, (hier) nun ein (solcher) Kairos, der Gott wohlgefällt“. Der Kairos, den Paulus für die korinthische Gemeinde benennt, ist er selbst, der in Bedrängnis und Gottgetragenheit, in Not und Freude für die Korinther zum Ereignis des angekommenen und angenommenen Gottesreichs geworden ist und sie so – wie Christus – dazu auffordert und zugleich befähigt, in die gleiche Existenzform einzutreten.

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2.3 „Unsere Heimat aber ist im Himmel“ (Phil 3,20) – Eine „ver-rückte“ christliche Perspektive

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Von Jesu Verkündigung her wurde bereits klar: Für Jesus und für die ihm Nachfolgenden ist das Reich Gottes keine apokalyptische Zukunftsvision, sondern bereits reale Gegenwart: In der Person Jesu Christi ist Gottes Herrschaft ganz in dieser Welt angekommen und angenommen. Dieses „ganz Angekommensein“ beschränkt sich aber zunächst auf einen engen Wirkradius. Doch hat Jesus durch seinen Erlösertod die Bedingungen geschaffen, dass das Samenkorn Gottesreich sich unbesiegbar ausbreitet. Entweder es wird direkt angenommen, oder es wird zurückgewiesen; dann aber stirbt es und erwacht gerade durch sein Zugrundegehen zu einer erweiterten Wirksamkeit, – wenn auch auf dramatischen Umwegen und entsprechenden zeitlichen Verzögerungen. Dieses Angekommensein des Gottesreichs im Angekommensein Jesu Christi setzt sich nach Jesu Auferstehung und Himmelfahrt, in der Zeit der Kirche, unter gewandelten Bedingungen fort. Einerseits bleibt Jesus anwesend, – pneumatisch, d.h. durch das Wirken des Heiligen Geistes: gemäß seiner Verheißung „Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20), sowie in seiner realen Gegenwart im sakramentalen Vollzug der Eucharistie. Andererseits ist diese Präsenz nicht einfach gleichmäßig gegeben, sondern erreicht die Menschen und die Kirche immer wieder neu: in einem Handeln Gottes, das als unverfügbar freies seine Zeit, seinen jeweiligen Kairos hat. Das heißt, für die Zeit der Kirche ist Jesus Christus schon da und wird doch immer wieder und immer neu erwartet. Erwartet und erbeten werden von der Kirche Ereignisse seiner erneuten, vertieften und verstärkten Ankunft – in Gnadenerfahrungen für einzelne oder als Erweckung und Erneuerung einer breiten Öffentlichkeit von Kirche und Welt –, sowie als allumfassende, endgültige Ankunft Jesu Christi und mit ihm des Gottesreichs am Ende der Zeiten.

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Im Sinne der Gottesreichverkündigung Jesu leben Christen also nicht nur auf das Gottesreich hin, sondern zugleich vom Gottesreich her. In Christus ist das Gottesreich, das heißt die vollkommen angenommene Herrschaft Gottes in dieser Welt, bereits gegenwärtig. Es ist bereits vor zweitausend Jahren angekommen und wirkt von daher bis in die Gegenwart: in der Welt durch die Kirche, in der Kirche durch die Präsenz Jesu Christi, – verborgen und beschränkt zwar, darin aber dennoch ganz, ohne Vorbehalt. Christen durchlaufen einen Prozess der Bekehrung des Denkens:51 Die verborgene Präsenz des Gottesreichs in dieser Welt wird zur eigentlich bestimmenden Mitte ihrer Existenz, und von dieser Mitte her wird alles, was „dieser Welt“ als greifbare Wirklichkeit gilt, relativiert. Diesen radikalen Perspektivwechsel bezeugt Paulus im Brief an die Philipper, wenn er schreibt:

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Unsere Heimat (políteuma = Bürgerrecht, politische Heimat) aber ist im Himmel.Von dorther erwarten (oder: empfangen52) wir auch Jesus Christus, den Herrn, als Retter“ (Phil 3,20).
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Welches Potenzial dieser Perspektivwechsel für ein christliches Glaubensleben entwickeln kann, soll im abschließenden Kapitel entfaltet werden.

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3. „Nutzt den Kairos“ (Kol 4,5; Eph 5,16) – Leben aus der Kraft und Führung Gottes für Christen heute

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Auch gegenwärtig sind Christen aufgerufen, den Kairos zu nutzen. Die Gefangenschaftsbriefe des Paulus fordern Christen dazu vor allem angesichts ihres Lebens mitten in einer heidnischen Welt auf. So im alltäglichen Kontakt mit Nichtchristen:

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„Seid weise im Umgang mit den Außenstehenden, nutzt die Zeit (Kairos)! Eure Worte seien immer freundlich, doch mit Salz gewürzt; denn ihr müsst jedem in der rechten Weise antworten können“ (Kol 4,5).]
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Die Zeit nutzen – oder wörtlich: den Kairos auskaufen – bedeutet, jede sich von Gott her bietende Gelegenheit zum Einsatz zu bringen. Daraus ergibt sich ein Evangelisieren und Zeugnisgeben, das nicht aufgesetzt oder aufgedrängt wird, sondern zwanglos aus den alltäglichen Begegnungssituationen erwächst, im auf Gott ausgerichteten Sein des Christen begründet.

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Ebenso unter der Anforderung eines reinen Lebens mitten in einer verdorbenen Welt:

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„Lebt als Kinder des Lichts! [...] 10 Prüft, was dem Herrn gefällt, 11 und habt nichts gemein mit den Werken der Finsternis, die keine Frucht bringen, sondern deckt sie auf![...] 15 Achtet also sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht töricht, sondern klug. 16Nutzt die Zeit (wörtlich: Kauft den Kairos aus); denn diese Tage sind böse“ (Eph 5,8-16).
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In „bösen Tagen“, wo Christen viel Dunkel und nur wenige Lichtblicke um sich haben, gilt es, jeden sich von Gott her bietenden Gnaden-Kairos zu nutzen.53 Die Wahrnehmung von Kairoi sowie die Erkenntnis des Willens Gottes wird geschärft durch eine ungeteilte Ausrichtung auf Gott, wie sie vor allem im gemeinschaftlichen Lobpreis verwirklicht wird. Davon handelt die Fortsetzung der zitierten Epheserstelle:

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„Darum seid nicht unverständig, sondern begreift, was der Wille des Herrn ist. 18 Berauscht euch nicht mit Wein – das macht zügellos –, sondern lasst euch vom Geist erfüllen! 19 Lasst in eurer Mitte Psalmen, Hymnen und Lieder erklingen, wie der Geist sie eingibt. Singt und jubelt aus vollem Herzen zum Lob des Herrn! 20 Sagt Gott, dem Vater, jederzeit Dank für alles im Namen Jesu Christi, unseres Herrn!“ (Eph 5,17-20)]
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Im „Danksagen für alles“ halten die Christen aktuelle Unheilssituationen in die Atmosphäre eines himmlischen Lobpreises hinein. Das bewirkt einen Perspektivwechsel. Das Irdische erscheint „vom Himmlischen her“ in einem anderen Licht. So verwirklichen Christen durch eine Praxis gemeinschaftlichen Lobpreisens und Dankens das Pauluswort, von dem schon im vorigen Kapitel die Rede war:

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„Unsere Heimat aber ist im Himmel. Von dorther erwarten wir auch Jesus Christus, den Herrn, als Retter“ (Phil 3,20).]
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3.1 „Glaubt nur, dass ihr es schon erhalten habt“ (Mk 11,24) – Zuversichtliches Bitten „im Modus der Vorzukunft“

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Der Perspektivwechsel, wonach Christen nicht nur auf die himmlische Vollendung hin sondern vor allem von ihr her leben, hat große Auswirkungen im Umgang mit Bedrängnissen. Christen sind überzeugt, dass Christus uns bereits erlöst (Offb 1,5) und die lebensfeindlichen Mächte der Welt besiegt hat (Joh 16,33). Dieser Sieg ist unausweichlich.54 Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er sich in einem bestimmten Problembereich durchgesetzt hat. Wenn Christen mit Bedrängnissen konfrontiert sind (bei sich oder bei anderen), sind sie gehalten, primär nicht auf das Problem zu schauen, sondern auf Jesus Christus, in dem die Bedrängnis grundsätzlich bereits überwunden ist. Diese Ausrichtung begründet jene glaubende Zuversicht, die Jesus als Voraussetzung für ein rechtes Bitten genannt hat:

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„Darum sage ich euch: Alles, worum ihr betet und bittet – glaubt nur, dass ihr es schon erhalten habt, dann wird es euch zuteil“ (Mk 11,24).
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Wie ist ein solcher Glaube möglich, ohne dass man die faktische Unheilssituation ignoriert?55 Glaubend kann ich darauf vertrauen, dass Gott mich – bzw. einen Menschen in Bedrängnis, für den ich mich einsetze – zu jenem Ziel führen wird, das wir als himmlische Vollendung bezeichnen. Wer in diese eschatologische Vollendung, die wir als Himmel bezeichnen, eingeht, ist mit seiner ganzen Existenz und seiner ganzen Geschichte ins Heil geführt. Das heißt, aus der Perspektive der himmlischen Vollendung wird jedes Ereignis, das während des Lebens geschehen ist, gut gewesen sein. Das schließt nicht aus, dass Ereignisse für sich selbst betrachtet schlecht waren. Aber auch etwas von sich her Schlechtes – zum Beispiel die schuldhafte Verletzung oder der Verlust eines Menschen – kann sich von einem späteren Zusammenhang her als etwas erweisen, das doch für etwas „gut war“, sodass ich Gott dafür danken kann. Himmlische Vollendung als Eingehen in die Fülle des Heils bedeutet in dem Sinn, „dass alles gut war“.56

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Vom Himmel her leben bedeutet, die gegenwärtigen Herausforderungen von dieser Perspektive der Vollendung, auf die ich glaubend-hoffend vorgreife, her zu betrachten. Glaubend kann ich also über eine gegenwärtige Bedrängnis zuversichtlich sagen:

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„Es wird gut gewesen sein“.
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Im Unterschied zum Urteil „Es ist gut“ wird damit das faktisch noch bestehende Unheil nicht verdrängt. Und im Unterschied zu einem Verharren im Urteil „Es ist nicht gut“ öffne ich mich glaubend für die Perspektive Gottes. Gegenüber einer klagenden, aggressiven oder schuldzuschreibend-erklärenden Problemfixierung vollziehe ich damit jenen Perspektivwechsel, den Jesus in Bezug auf den Blindgeborenen vorgibt:

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„Weder dieser hat gesündigt noch seine Eltern, vielmehr sollen die Werke Gottes an ihm offenbar werden“ (Joh 9,3)57.
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Die Aussage lässt offen, wann die Werke Gottes offenbar werden sollen. Wie Jesus, so sind auch die Menschen in der Nachfolge Jesu gehalten, den rechten Zeitpunkt für Gottes Heilshandeln Ihm zu überlassen. Der Glaube, dass die gegenwärtige Unheilssituation gut gewesen sein wird, ist offen für jeden Zeitpunkt und jeden Modus eines Gutwerdens: sofort oder am Ende der Zeiten. Damit eröffnet er Gott einen maximalen Handlungsspielraum.

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Diese Haltung ist abwartend, aber keineswegs passiv. Gottes Handeln kann nämlich einen Ruf beinhalten, dass ich etwas von Ihm Vorgegebenes selber ausführe – was dann mit Gottes Kraft geschieht. Gott handelt dann – sozusagen in freier Kooperation – durch einen Menschen, der bereit ist, zur rechten Zeit das von Ihm vorgegebene weiterzuführen. So geschah es beispielgebend bei Jesus. Er wusste sich gesandt, „die Werke, die sein Vater ihm übertragen hat, zu Ende zu führen“ (vgl. Joh 5,36), – und dazu musste er den Tag nutzen, d.h. die rechte Zeit, den Kairos, den Gott ihm vorgegeben hat:58

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„Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat; es kommt die Nacht, in der niemand mehr etwas tun kann“ (Joh 9,4).
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Dass die Nacht kommt, in der niemand mehr etwas tun kann, besagt, dass es ein „Zu spät“ gibt.59 Der Kairos kann versäumt werden. Und die Pluralform „wir müssen ...“ bedeutet, dass auch die Jünger – und ebenso wir Christen – wie Jesus den Kairos nutzen müssen, damit „die Werke Gottes ... offenbar werden“ (Joh 9,3) können. Dafür ist es nötig, für jeden möglichen Ruf Gottes zu jeder Zeit offen zu sein. Das wird ermöglicht durch die glaubende Perspektivumkehr zu einem „Leben vom Himmel her“, – in einer jederzeitigen Erwartung, dass die Dinge durch Gottes Handeln gut gewesen sein werden.

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3.2 „Komm schnell herunter!“ (Lk 19,5). Gelassenheit und Dringlichkeit – Normalfall und Sonderfall

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Jesus lebte ein Leben in großer Gelassenheit. Mitten im Seesturm konnte er schlafen,60 und auf die dringende Warnung, er solle vor Herodes fliehen, antwortete er: „Ich treibe Dämonen aus und heile Kranke, heute und morgen, und am dritten Tag werde ich mein Werk vollenden“ (Lk 13,32). Wir finden aber auch ein starkes Drängen in Jesu Wirken:

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„Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen! Ich habe aber eine Taufe, womit ich getauft werden muss, und wie bin ich bedrängt, bis sie vollbracht ist!“ (Lk 12,49f Elberfelder)
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Gelassenheit und Dringlichkeit schließen sich nicht aus,61 sondern empfangen ihren Rhythmus von der Führung des himmlischen Vaters durch den Heiligen Geist, die ihren jeweiligen Kairos hat. Ebenso gilt es für die Christen in der Nachfolge Jesu. Für den Normalfall, wenn also nicht aktuell ein besonderer Ruf Gottes ergeht, ist eine Haltung gelassener Achtsamkeit angemessen. Wenn aber ein Kairos ergeht, dann „ist Sonderfall“: Hier gilt es, umgehend die Gunst der Stunde zu nutzen, um mit Gottes Kraft wirken zu können. Wie bei Zachäus: „Komm schnell herunter ...“62. Jesus konnte Menschen geradezu „stressen“, wenn es darum ging, den Kairos nicht zu versäumen:

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„Zu einem anderen sagte er: Folge mir nach! Der erwiderte: Lass mich zuerst heimgehen und meinen Vater begraben. 60 Jesus sagte zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes! 61 Wieder ein anderer sagte: Ich will dir nachfolgen, Herr. Zuvor aber lass mich von meiner Familie Abschied nehmen. 62 Jesus erwiderte ihm: Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes.“ (Lk 9,59-62)
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3.3 „Dein Wille geschehe“ (Mt 6,10). Gott alles anbieten – und warten

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Eine wichtige Voraussetzung, dass Gott durch mein Leben handeln kann, ist meine ausdrückliche Bereitschaft, mit der ich Ihm mein Leben anbiete. Auch der Akt einer Lebenshingabe, der sich in unterschiedlicher Tiefe von Zeit zu Zeit wiederholen kann, ist angewiesen auf Gottes Gnade, die ihren Kairos hat. Manchmal werden Menschen durch ein Ereignis tief bewegt und liefern sich Gott in einem radikalen Akt aus. Einen Kairos, an dem man zu so einem Schritt befähigt ist, gilt es unverzüglich zu nutzen, indem man sich Gott entschieden anbietet. Es ist wichtig, dass ein solches Angebot nicht bloß theoretisch bleibt, sondern die Bereitschaft umfasst, es mit Taten einzulösen. Aber diese Taten dürfen nicht eigenmächtig gesetzt werden, – zum Beispiel in Nachahmung eines Vorbilds, das mich gerade bewegt hat. Wenn kein konkreter Auftrag ergangen ist, empfiehlt es sich deshalb, Gott in einem Hingabegebet anzubieten, dass man kompromisslos Seinem Ruf folgen will, egal was Er verlangt, – um dann in zuversichtlicher Achtsamkeit auf einen Kairos zu warten, an dem Gott einen bestimmten Ruf gibt.

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3.4 „Wir sind unnütze Sklaven“ (Lk 17,1) – Nicht nur lösungsorientiert, sondern erlösungsorientiert handeln

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Gott hat nicht nur allgemeine Gebote, die seinen Willen für uns ausdrücken, sondern er hat ganz konkrete Pläne für jeden Menschen, die ihren jeweiligen „Kairos“ haben und erkannt und befolgt werden sollen. Dieser Plan Gottes begrenzt unsere Freiheit des Menschen nicht, sondern entgrenzt sie. Wenn wir uns von Gottes Plänen leiten lassen, bewegen wir uns in einem „Aufwind des Heiligen Geistes“, der unsere Werke effektiv und fruchtbar macht. Diese geistliche Bewegungsweise ist vergleichbar mit dem Gleiten eines Adlers, der die Thermik nützt, mit dem Segeln im Wind oder mit dem Wellenreiter, der sich von der Welle tragen lässt, die ihren „Kairos“ hat, der kraftvoll genutzt werden muss. Achtsames Wahrnehmen, geduldiges Warten und voller Einsatz der verfügbaren Kräfte zum rechten Zeitpunkt spielen hier zusammen. Man bewegt sich selbst und ist doch ganz am Puls der vorgegebenen Kraftquelle. Ein wesentlicher Unterschied zu diesen Vergleichen: Der Bezug zwischen Mensch und Gott ist nicht nur energetisch, sondern personal. Es geht nicht bloß um ein Nutzen von Ressourcen, das trainiert werden kann, sondern um ein Hören und Gehorchen in liebender Aufmerksamkeit.

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Diese Form der geistlichen Bewegung setzt nicht nur die demütige Bereitschaft, sich führen zu lassen voraus, sondern auch eine freie Beweglichkeit dazu. Diese ist in unserer Lebenswelt weithin blockiert. Wir sind eingespannt in ein „Hamsterrad“ von Verpflichtungen. Und auch wenn wir uns – in Befolgung von Gottes persönlichem Ruf – für eine gute Sache einsetzen, neigen wir dazu, das möglichst effektiv und professionell anzugehen. Das bedeutet: viele Verpflichtungen und wenig Spielraum, um Gottes Führung im Einzelnen zu folgen oder sie überhaupt wahrzunehmen. Wir verfügen über viele Mittel, haben aber keine Zeit.

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Um angesichts dieser Problematiken „den Kairos nutzen“ zu können, muss eine Kultur der Unterbrechung und „Entschleunigung“ eingeübt werden. Das wird durch den christlichen Perspektivwechsel überhaupt erst möglich. Durch ein Leben nicht mehr auf den Himmel hin, sondern von der himmlischen Vollendung her handeln wir nicht mehr primär problemorientiert, ergebnisorientiert oder lösungsorientiert, sondern – erlösungsorientiert. Erlösungsorientiertes Handeln unterscheidet sich von lösungsorientiertem Handeln dadurch, dass Erlösung nicht verfügbar ist. Erlösungsorientiert handle ich, wenn ich – einem Ruf folgend – mich zum Beispiel für einen suchtkranken Menschen einsetze und dabei überhaupt nicht erwarte, dass es ihm dadurch besser gehen muss. Ich wünsch es natürlich, ich bete darum und setze mich auch dafür ein. Aber zugleich weiß ich, dass es letztlich Geschenk, Gnade ist. Ich tu, was ich im Hören auf Gott als richtig erkannt habe, dass ich mit dem suchtkranken Menschen Zeit verbringe und ihm helfe. Aber ich weiß, dass ich damit keinerlei Anspruch auf Erfolg und Belohnung habe:

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„So soll es auch bei euch sein: Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Sklaven; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan“ (Lk 17,1).
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Diese demütige Haltung setzt mich frei, meinen Einsatz zu begrenzen, anstelle ihn so lange voranzutreiben, bis ich – lösungsorientiert – durch Erfolg belohnt werde. Das schließt keineswegs aus, dass ich mich mit aller Kraft für ein Projekt einsetze, aber ich bin nicht gezwungen, es unter allen Umständen durchzuziehen. Ich kann laufend mithorchen, ob Gott mich hier weiter behalten oder woanders einsetzen will, – selbst auf die „Gefahr“ hin, dass dann jemand anders die Früchte meines Tuns erntet. So kann ich mich engagieren, ohne auch nur ungewollt einen subtilen Druck auf Hilfeempfänger auszuüben, dass sie mein Engagement durch Erfolg belohnen, und ich bin nicht erpressbar durch allfällige Ansprüche von ihnen.

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Solche Druckfreiheit wahrt nicht nur die Würde von Hilfsbedürftigen und erhöht nicht nur die Heilungsschancen von psychisch Belasteten, sie setzt auch neue Möglichkeiten bei Verhandlungen und in der Diplomatie bei. Das zeigte sich bei den erfolgreichen Friedensverhandlungen, die die christliche Gemeinschaft Sant´ Egidio bis 1992 mit den Kontrahenten im Bürgerkrieg von Mosambik führte. Einer der Verhandler aus der römischen Gemeinschaft schreibt dazu:

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„Die Arbeit der Gemeinschaft [Sant´ Egidio] hat sie auch gelehrt, geduldig zu sein. Wenn die Außenministerin eines bedeutenden Staates eine Reise unternimmt, um in einem konkreten Konflikt zu vermitteln, hat sie nur begrenzte Zeit, und der Einsatz muss positive Ergebnisse haben. Sie darf keinen Misserfolg riskieren, weil Misserfolg ihre Glaubwürdigkeit beeinträchtigen würde und weil ein Druck von der öffentlichen Meinung her besteht, oder weil Wahlen vor der Tür stehen. Aber wie können Konflikte, die sich über mehrere Jahrzehnte entwickelt haben, in wenigen Monaten aufgelöst werden? Die Gemeinschaft hat keinen Termindruck für Ergebnisse.“63
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Das Beispiel verdeutlicht, was erlösungsorientiertes im Unterschied zu lösungsorientiertem Handeln ist. Die Gemeinschaft Sant´ Egidio lernte es nicht nur durch diplomatische, sondern durch ihre spirituelle Praxis, im Blick auf einen Gott, der seine Pläne gewaltlos durchsetzt, weil er den Menschen Zeit lässt64, und im Blick auf Jesus Christus, den gewaltfreien Erlöser.

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Die Praxis eines erlösungsorientierten Handelns lässt eine Grundhaltung der Gelassenheit entstehen, die auch unter hohem äußeren Druck nicht verloren geht. Und sie setzt Spielräume frei, in denen von Gott geschenkte Kairoi wahrgenommen und genutzt werden können.

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3.5 „... aber die Zeichen der Zeiten könnt ihr nicht beurteilen“ (Mt 16,3) – Kairos und Zeichen der Zeit

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Das Wahrnehmen und Nutzen von Kairoi ist eine Kunst, die weit über eine individuelle christliche Spiritualität hinausgeht. Sie ist auch unverzichtbar für die Kirche im Großen. Für sie gibt es nicht nur kleine, sondern auch große, geradezu epochale Kairoi. Dies ist seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ein zentrales Thema für die katholische Kirche geworden, das unter dem Titel Zeichen der Zeit verhandelt wird. Darunter sind Situationen, Entwicklungen und Sensibilisierungen nicht nur im christlichen Bereich, sondern in der gegenwärtigen Welt zu verstehen, die als ein Ruf Gottes an die Kirche interpretiert werden: Arbeiterfrage, Frauenbefreiung, Entkolonisierung der Völker, Verfassungsreform durch Menschenrechte, Kriegsverhütung durch Organisationen wie die Vereinten Nationen.65 Die Wahrnehmung von Zeichen der Zeit war für das Zweite Vatikanum maßgeblich. Das begann schon damit, dass dieses Konzil überhaupt zustande kam. Anders als bei früheren Konzilien wurde es nicht durch lehrmäßige Konflikte veranlasst, sondern aus dem Anliegen einer Öffnung der Kirche über die eigenen Mauern hinaus, – eine Öffnung, die nach dem Urteil von Johannes XXIII. an der Zeit war.66 Die „Pastorale Konstitution über die Kirche in der Welt von heute“ machte diese Orientierung zum Programm. Das zeigte sich bereits in dem Umstand, dass ein solch neuartiges Dokument – mit primärer Ausrichtung auf die Herausforderungen der gegenwärtigen Welt, die nicht defensiv zurückgewiesen, sondern positiv aufgegriffen wurden – überhaupt verfasst werden konnte.

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„Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi“ (Gaudium et Spes 1,1).
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Dieser Anfangssatz der Pastoralkonstitution gibt nicht nur das Feld für die Wahrnehmung von Zeichen der Zeit vor – die Herzensanliegen von Menschen der ganzen Welt, darunter vor allem die Armen und Bedrängten –, sondern wirft auch die Frage nach perspektivischen Unterschieden zwischen Welt und Kirche auf. Gibt die „Welt“ mit ihrem auch methodologisch geschärften Problembewusstsein nur die Themen für Christen, Kirche und Theologie vor oder auch die Weisen ihrer Beurteilung und daraus sich zwingend ergebende Handlungsoptionen? Die Frage, die vom Konzil selbst differenziert angegangen wird, birgt Sprengstoff für die nachkonziliare Epoche, – zum Beispiel in den kirchlichen Kontroversen um die Befreiungstheologie. Dass Christen die Wahrnehmungs- und Beurteilungsperspektiven der „Menschen von heute“ in deren „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst“ zwar teilen müssen, aber nicht einfach übernehmen können, zeigt sich auch an der geschichtlichen Problematik einer an Zeichen der Zeit orientierten Theologie in den Jahren des Nationalsozialismus. Dort haben weltoffene Theologen den Nationalstolz eines „völkischen Bewusstseins“ unkritisch in die kirchliche Theologie integriert.67 Zeitphänomene können in hohem Maß ambivalent sein und bedürfen deshalb für Christen, Kirche und Theologie nicht nur der Aufnahme in theologische Kontexte, sondern zugleich einer klugen Unterscheidung. Nur in diesem Sinn ist die Wahrnehmung von Zeichen der Zeit in den Evangelien grundgelegt:

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„Und die Pharisäer und Sadduzäer kamen herbei, und um ihn [Jesus] zu versuchen, baten sie ihn, er möge ihnen ein Zeichen aus dem Himmel zeigen. 2a Er aber antwortete und sprach zu ihnen: 2b Wenn es Abend geworden ist, so sagt ihr: Heiteres Wetter, denn der Himmel ist feuerrot; 3 und frühmorgens: Heute stürmisches Wetter, denn der Himmel ist feuerrot und trübe. Das Aussehen des Himmels wisst ihr zwar zu beurteilen, aber die Zeichen der Zeiten (σημε α τ ν καιρ ν / semeia tôn kairôn – Zeichen der Kairoi) könnt ihr nicht beurteilen. Diese böse und treulose Generation fordert ein Zeichen, aber es wird ihr kein anderes gegeben werden als das Zeichen des Jona. Und er ließ sie stehen und ging weg.“ (Mt 16,1-3 Elberfelder).
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Das ist der einzige biblische Beleg, der ausdrücklich von Zeichen der Zeit spricht; zudem finden sich die dafür entscheidenden Verse 2b-3 nur bei einigen späteren Textzeugen des Matthäusevangeliums, weshalb sie von den meisten Übersetzungen ausgelassen werden. Aber das tut der Bedeutung des Themas keinen Abbruch. Wichtig ist der Zusammenhang, in dem hier von Zeichen der Zeit gesprochen wird: Die Zeichen, um die es hier geht, sind primär Wundertaten Jesu, die Gottes innergeschichtliches Handeln in Jesus Christus bezeichnen . Wenn nun der Auferstandene den Aposteln – und damit den Christen aller Zeiten – verheißt: „Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“, dann ist damit eine Präsenz Christi nicht nur zeitlich bis zur Parusie, sondern auch räumlich „bis zum Ende der Welt“ ausgesagt. Nicht nur in der Kirche, sondern in der ganzen Welt ist Christus gegenwärtig. Diese Präsenz ist keine unterschiedslose, sondern eine, die Ort, Zeit und Ereignischarakter hat. Deshalb ist es unverzichtbar, Zeichen der Zeit, Kairoi in allen Bereichen der Welt – auch außerhalb der Kirche – aufzusuchen und zu finden.

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Für die Wahrnehmung und Unterscheidung der Zeichen der Zeit ist jene ungeteilte Ausrichtung auf Jesus Christus und sein Reich – vom Himmel her und nicht einfach daraufhin – maßgeblich, von der in diesem Aufsatz wiederholt die Rede war. So muss die Kirche die größere Weite – im Blick auf die Herausforderungen der Welt von heute – in einer größeren Tiefe verwurzeln: in einer radikalen Ausrichtung auf den Willen Gottes, wie er sich durch Jesus Christus und im Heiligen Geist immer wieder über Kairoi den Christen zuspricht. Das erfordert, dass sie über die Befolgung von zeitübergreifenden christlicher und kirchlicher Lehre hinaus eine tiefe personale Begegnung mit Christus suchen, der immer wieder neu seinen Heiligen Geist ausgießt. Auch für dieses Anliegen war das Zweite Vatikanische Konzil wegweisend, beginnend mit der Bitte von Johannes XXIII. um eine Neuausgießung des Heiligen Geistes am Vorabend des Konzils,68 mit seiner durchgängigen Betonung einer personalen, heilsgeschichtlichen Gottesbeziehung und mit seinem Einsatz für eine Evangelisierung, die auch auf Umkehr und Erneuerung nach innen zielt. Weltoffenheit und Neuevangelisierung sind zwei zentrale Aufgaben, die das Zweite Vatikanum der nachkonziliaren Kirche mitgegeben hat. Beide sind untrennbar miteinander verbunden und erfordern sich gegenseitig. Die Gefahr besteht, dass sie auseinandergerissen und von verschiedenen kirchlichen Lagern gegeneinander ausgespielt werden. Für beide wesentlich und beide verbindend ist die Aufmerksamkeit für den jeweiligen Kairos von Gottes Wirken – in der größeren Tiefe einer Selbstübergabe an Seine personale Führung und in der größeren Weite einer Wahrnehmung der Zeichen der Zeit.

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Anmerkungen

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1  Μετανοε ν bedeutet wörtlich: dem Nous – also dem Grundvermögen von Wahrnehmung, Denken und Urteil – eine andere Ausrichtung zu geben.

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2 Vgl. unten, Kapitel 3.1.

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3 Nach Lukas Bormann ist mit dem „Wort“ (λόγος / Logos, im griechischen Text im Singular) in Kol 4,6 „nicht die Verkündigung gemeint, sondern die Alltagskommunikation“ (Der Brief des Paulus an die Kolosser, Leipzig 2012, 187), während Eduard Schweizer vom Anliegen einer „missionarischen Verantwortung gegenüber den Fragen der außerhalb der Gemeinde Lebenden“ (Schweizer, Der Brief an die Kolosser [EKK], Zürich 1976, 174) spricht. Beides geht miteinander zusammen, wenn man unter Evangelisation eine das ganze Leben umfassende Grundhaltung versteht.

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4 Gott hat allerdings auch die Freiheit, Kairoi der Begegnung mit Ihm für Menschen zu eröffnen, die nicht dafür offen sind. Ein solcher Kairos kann sich dann aber als Gericht auswirken, nicht nur für den Angesprochenen, sondern durch dessen unangemessene Reaktion auch auf dessen Umwelt. Ein direkt heilvolles Wirken Gottes setzt die freie Kooperationsbereitschaft von Menschen voraus.

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5 Vgl. dazu Hebr 10,5-7: „Darum spricht Christus bei seinem Eintritt in die Welt: Schlacht- und Speiseopfer hast du nicht gefordert, doch einen Leib hast du mir geschaffen; an Brand- und Sündopfern hast du kein Gefallen. Da sagte ich: Ja, ich komme – so steht es über mich in der Schriftrolle –, um deinen Willen, Gott, zu tun.“

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6 Vgl. dazu Mk 1,15: „Die Königsherrschaft Gottes ist nahe gekommen“. Das griechische Verb dafür lautet engiken (ἤγγικεν) und steht im Perfekt. Damit wird grammatikalisch ein Ereignis angesprochen, das bereits angefangen hat (oder unmittelbar vor der Tür steht), aber noch nicht abgeschlossen ist, – im Unterschied zur Zeitform des Aorist, die eine bereits abgeschlossene Vergangenheit benennt. Schon aus dieser grammatikalischen Zeitform haben Exegeten geschlossen, dass Jesus die Königsherrschaft Gottes als zugleich gegenwärtig („jetzt schon“) und zukünftig („noch nicht“) angesagt hat.

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7 Vgl. das Jesuswort in Lk 12,49: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!“

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8“Zu euch gekommen“ (ἔφθασεν / ephthasen) steht im Aorist und bezeichnet damit ein bereits abgeschlossenes Ereignis. Es beschreibt eine bereits erfolgte Ankunft des Gottesreichs mehr im räumlichen als im zeitlichen Sinn.

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9  Dieses Nichtausbreitenkönnen steht nicht im Widerspruch zu Gottes Allmacht, weil Gott selbst sich darauf festgelegt hat, die Menschen Freiheit der Menschen nicht zu zerbrechen, sondern die Menschen mit ihrer Freiheit zu erlösen.

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10 Die Begriffe Kairos und Stunde liegen in ihrer Bedeutung nahe beieinander. Das Johannesevangelium bevorzugt den Begriff „die Stunde“ und beschreibt damit eine Dynamik, die ganz auf die Erhöhung in Kreuz und Auferstehung zuläuft. Zum Zusammenhang von Kairos und Kreuz vgl. unten, Kapitel 1.5.

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11 Wurde Jesus selber durch den Kairos überrascht? Hat er es zuvor selbst noch nicht gewusst, dass er gleich nach Jerusalem gehen wird? Offenbar nicht, denn sonst hätte er seine Brüder belogen gehabt. Die kirchliche Tradition (in den Auffassungen der kirchlichen Theologen, nicht in verbindlichen lehramtlichen Aussagen, allerdings vgl. Weltkatechismus Nr. 473) konnte sich nicht vorstellen, dass Jesus als Sohn Gottes nicht allwissend gewesen wäre. Wir müssen aber eine Begrenzung seines Wissens annehmen, die sich aus seiner Menschwerdung und freiwilligen Erniedrigung (Kenose, vgl. Phil 2,7) ergibt. Jesus hat sich in allem seinem Vater unterworfen, sodass er nichts tun konnte, was was er den Vater tun sah (Joh 5,19; vgl. oben). Zu diesem seinem Sendungsgehorsam gehörte auch, dass er nur wissen wollte, was der Vater ihm jeweils zusprach. Von daher hatte er immer wieder auch eine Herzenserkenntnis, die über das normale Wissen von Menschen hinausging (vgl. Mt 9,4; 12,25; Lk 6,8; 7,39f; Joh 18,4), aber eben nur so weit, als es ihm der Heilige Geist offenbarte. So kann zwanglos angenommen werden, dass Jesus Dinge nicht wusste, etwa wer ihn in der Menge berührt hatte (Mk 5,31 par. Lk 8,45), den Willen des Vaters bei Jesu Ölbergbitte (Mt 26,39) oder – vor allem – den Zeitpunkt der Parusie (Mk 13,32 par. Mt 24,36). Und dies, ohne dass man Joh 16,30 zurückweisen müsste: „Jetzt wissen wir, dass du alles weißt und von niemand gefragt zu werden brauchst. Darum glauben wir, dass du von Gott gekommen bist.“ Diese Allwissenheit steht in dem Kontext, wo der Vater dem Sohn seinen Weg offenbart hat. Zu dieser Deutung der Allwissenheit Jesu vgl. Hans Urs von Balthasar, Theodramatik. Band II: Die Personen des Spiels. Teil 2: Die Personen in Christus. Einsiedeln 1978, 159f, 175-180.

181
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12 Wie bei den Menschen dieser Welt, für die im Johannesevangelium die Brüder Jesu stehen: „Für euch aber ist immer ‚Kairos‘“ (Joh 7,6).

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13 Diese Begrenzung seiner Sendung gab Jesus auch an seine Jünger weiter: „Geht nicht zu den Heiden, und betretet keine Stadt der Samariter, sondern geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“ (Mt 10,5f). Damit ist das Heil für die Heiden nicht ausgeschlossen. Jesus folgte vielmehr dem zweistufigen alttestamentlichen Konzept, wonach ein erneuertes Israel zur Stadt auf dem Berg wird (vgl. Mt 5,14-16), von der dann alle Menschen angezogen werden. Vgl. dazu die alttestamentlichen Verheißungen einer Völkerwallfahrt zum Berg Zion (vgl. Mi 4,1f, Jes 2,2-4), und zur Beschränkung der Sendung Jesu auf das Volk Israel: Gerhard Lohfink, Wem gilt die Bergpredigt? Beiträge zu einer christlichen Ethik. Freiburg i.Br. 1988, 107-109.

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14 Jesus selber lehrt seine Jünger – und damit auch uns –, zudringlich zu bitten. Vgl. Lk 11,5-13. Natürlich ist auch nicht auszuschließen, dass Jesus selbst – bewegt durch die Frau – den Vater bat. Aber tätig werden konnte er für die Frau erst, nachdem er „grünes Licht“ vom Vater erhalten hatte.

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15 Die Erzählung betont die präzise Folgsamkeit des Zachäus. Dem „Steig schnell herunter“ (σπεύσας  / κατάβηθι speusas katabethi) entspricht in wörtlicher Wiederholung: „Er stieg schnell herunter“ (σπεύσας κατέβη / speusas katebe). Diese Präzision des Gehorsams wird in der Bibel immer wieder dort berichtet, wo von Gottes effektivem Handeln in der Welt vermittelt durch Menschen die Rede ist.

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16 Vgl. in diesem Sinn das Gleichnis vom Schatz und der Perle: „Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der in einem Acker vergraben war. Ein Mann entdeckte ihn, grub ihn aber wieder ein. Und in seiner Freude verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte den Acker.“ (Mt 13,44)

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17 Die grammatikalische Zeitform des Aorist „ist Heil widerfahren“ (σωτηρία ...  ἐγένετο / soteria ... egeneto) benennt ein bereits abgeschlossenes Ereignis.

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18 Abraham ist in der Bibel der Inbegriff eines glaubenden Gehorsams. Vgl. Gen 22; Hebr 11,8-12.

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19 Maßlos ist diese Heilszuwendung, weil sie in keiner Relation zu vorausgehenden Verdiensten von Zachäus steht.

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20 Wörtlich: Jesus aber, ihn anblickend, liebte ihn. „ἠγάπησεν“ bedeutet, in einer Handlung – zum Beispiel Umarmung oder Kuss – ein Zeichen der Liebe zu geben. Vgl. dazu Joachim Gnilka, Das Evangelium nach Markus (EKK II/2) (Mk 8,27-16,20), Neukirchen-Vluyn/Düsseldorf 62008, 83.

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21 Vgl. dazu vorausgehend: „Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott, dem Einen“ (Mk 10,18).

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22 Vgl. den Anfang der Erzählung: Der junge Mann „... fiel vor ihm [Jesus] auf die Knie und fragte ihn: Guter Meister ...“ (Mk 10,17).

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23 Für „erfüllt“ steht hier peplerotai (πεπλήρωται), mit dem gleichen Wort und in der gleichen Perfektform wie in Mk 1,15: „Der Kairos ist erfüllt“.

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24 Übersetzung nach Michael Wolter, Das Lukasevangelium (Handbuch zum Neuen Testament 5). 2008, 189.

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25 Denn wir können annehmen, dass Jesus nur Menschen mit Gerichtsworten konfrontiert hat, bei denen seine Gottesreichbotschaft angekommen, aber als angekommene, im Herzen begriffene nicht angenommen wurde. Dieser Annahme entspricht Lk 4,22a: „und alle pflichteten ihm bei“ (wörtlich: alle stellten ihm ein [positives] Zeugnis aus).

195
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26 Dem entspricht die Frage „Ist das nicht ein/der Sohn Josefs“ in V.22c. Die Frage erinnert an Mk 6,3: „Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns? Und sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab.“ Auch wenn die Ablehnung durch die Synagogenbesucher Nazarets bei Lk weniger explizit ist als bei Mk, muss sie als gravierend gewertet werden, weil sonst Jesu anschließende kritische Reaktion nicht nachvollziehbar wäre.

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27 Zur Sendung des Heiligen Geistes vgl. Joh 19,30: „Als Jesus von dem Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! Und er neigte das Haupt und gab seinen Geist auf.“ – Wörtlich: er übergab oder überlieferte seinen Geist, mit dem bedeutungsschweren Wort „pardidonai“.

197
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28 Vgl. dazu Willibald Sandler, Die gesprengten Fesseln des Todes. Wie wir durch das Kreuz erlöst sind. Kevelaer 2011, 111-113.

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29 Die Einheitsübersetzung gibt eine eingeklammerte Ergänzung: „dass das Reich Gottes in (seiner ganzen) Macht gekommen ist“. – Diese erklärende Hinzufügung ist aber problematisch, da sie die – im Folgenden noch zu beschreibende – Vielschichtigkeit der Stelle einseitig in Richtung auf die Parusie auflöst.

199
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30 Vgl. die Entsprechung „bis sie gesehen haben“ (Mk 9,1) zu: „Während sie den Berg hinabstiegen, verbot er ihnen, irgend jemand zu erzählen, was sie gesehen hatten, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden sei“ (Mk 9,9).

200
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31 Vgl Mk 9,1 („ἐν δυνάμει“ / „en dynamei“) mit Röm 1,4, wonach Jesus Christus, „dem Geist der Heiligkeit nach eingesetzt ist als Sohn Gottes in Macht (evn duna,mei/ en dynamei)seit der Auferstehung von den Toten“.

201
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32 Nach Hans Weder „fügen die futurisch-apokalyptischen Textpassagen den gegenwartsbezogenen Aussagen nichts Fremdes hinzu.“ (Hans Weder, Gegenwart und Gottesherrschaft. Überlegungen zum Zeitverständnis bei Jesus und im frühen Christentum (Biblisch-theologische Studien 20) 1993, 76.)

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33 Zum untrennbaren Zusammenhang von beidem vgl. Benedikt XVI., Jesus von Nazareth. Zweiter Teil: Vom Einzug in Jerusalem bis zur Auferstehung, Freiburg-Basel-Wien 2011, 314. Für eine genauere Analyse: Geoffry Wainwright, Eucharist and Eschatology, London 1973, 68-70.

203
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34 In diesem Sinn: Kurt Erlemann, Hat sich Jesus geirrt? Überlegungen zur Endzeiterwartung im Neuen Testament In: Religionsunterricht an höheren Schulen 43 (2000), 225-233, v.a. 228.

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35 So nach den Schlägen, die sie zusammen mit einem Predigtverbot vor dem Hohen Rat erhalten hatten: „Sie aber gingen weg vom Hohen Rat und freuten sich, dass sie gewürdigt worden waren, für seinen Namen Schmach zu erleiden“ (Apg 5,41).

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36 Vgl. die Erzählung über Hananias und Saphira (Apg 5) und die Ausweitung der Evangelisierung auf eine Heidenmission (v.a. Apg 15).

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37 Vgl. die urchristliche Gütergemeinschaft und die Einsetzung von Diakonen für eine gerechte Regelung der Witwenversorgung (Apg 6,1-5).

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38 Die den Zugang zum Gottesreich blockierende Macht des Reichtums, von dem Jesus nach dem Weggang des reichen Jünglings spricht, ist gebrochen. Vgl. dazu oben, Kapitel 1.3.

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39 Auch wenn die Zahl symbolisch ist: An einer starken Fruchtbarkeit der urkirchlichen Evangelisation lässt sich nicht zweifeln.

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40 Auch hier haben Kirchenkritiker eine Umkehrung der Verhältnisse beklagt: Damals eine Predigt und dreitausend Bekehrte, heute dreitausend Predigten und ein Bekehrter. Dass ein solches Klagen unfair und perspektivlos ist, liegt allerdings auf der Hand.

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41 Es ging um Johannes Markus, ein angesehenes Mitglied der Jerusalemer Urgemeinde, der auf der ersten Missionsreise mit Paulus und Barnabas mitgearbeitet hatte. In Perge in Pamphylien „trennte sich [Johannes Markus] von ihnen und kehrte nach Jerusalem zurück“. Dass das nicht in Frieden geschah, deutet sich schon dadurch an, dass von keinen Missionstätigkeiten in Perge berichtet wird. Perge war stark heidnisch geprägt (es stand dort ein bekanntes Artemis-Heiligtum), und so ist es wahrscheinlich, dass Kontroversen zur Heidenmission den Grund zur Trennung abgaben (vgl. Rudolf Pesch, Die Apostelgeschichte [Apg 1-12] [EKK V/1]. Zürich 1986, 32f). Zur zweiten Missionsreise unmittelbar nach dem Apostelkonzil wollte Barnabas Johannes Markus mitnehmen, „doch Paulus bestand darauf, ihn nicht mitzunehmen, weil er sie in Pamphylien im Stich gelassen hatte, nicht mit ihnen gezogen war und an ihrer Arbeit nicht mehr teilgenommen hatte“ (Apg 15,38). Nach einem heftigen Streit trennte sich Paulus von Barnabas und beide setzten ihre Missionsarbeit mit anderen Partnern getrennt fort.

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42 Dies hängt mit der Behutsamkeit Gottes zusammen, der den Menschen niemals vergewaltigen kann. Im Heiligen Geist bewegt Gott Menschen von ihrem Innersten heraus und will sie dennoch nicht manipulieren. Deshalb setzt sich das Wirken des Heiligen Geistes eine klare Entschiedenheit des Menschen, sich von Gott führen zu lassen, voraus.

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43 in der Übersetzung der Elberfelder Bibel. Die Einheitsübersetzung schreibt freier „beleidigt“.

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44 Die Mahnung Jesu, „wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut“ (Mt 12,30), konkretisiert sich gemäß der Apostelgeschichte in der Haltung zum Heiligen Geist, der ja Mittler Christi ist.

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45 Man beachte die Spannung zwischen des Paulus heftigen Zorn über die Götzenbilder in der Stadt (17,16) und seiner allzu diplomatischen Thematisierung dieses Ärgernisses: „Athener, nach allem, was ich sehe, seid ihr besonders fromme Menschen ...“ (16,22).

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46 Vgl. den Gang von Petrus auf dem Wasser, Mt 14,28-31.

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47 Vgl. Joh 21,18

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48 Vgl. 1 Kor 4,16; 11,1

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49 Zu dieser Interpretation vgl. Norbert Baumert, Mit dem Rücken zur Wand. Übersetzung und Auslegung des zweiten Korintherbriefs. Würzburg 2008, 122-126.

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50 Vgl. die Arbeitsübersetzung von 2 Kor 6,1-4 bei Baumert, ebd. 122f: „6,la Die wir aber (euch dazu) helfen und vor Augen halten, 1b daß ihr euch auf die Zuwendung Gottes nicht unbegründet eingelassen habt 2a – heißt es doch: „In einem Augenblick, der (mir) gefiel, habe ich dich erhört, 2b und an einem Rettungstag bin ich dir zu Hilfe gekommen“ (Jes 49,8) –, 2c(wir) sind also offensichtlich ein (solcher) ̦Augenblick, der Gott wohlgefällt‘, 2d sind also offensichtlich ein (solcher) ,Rettungstag‘, 3a indem wir auf keinen Fall irgendeinen Anstoß geben, 3b damit der Dienst nicht verunglimpft werde, 4a sondern auf jeden Fall wir uns als Diener Gottes erweisen 4b durch große Geduld – in Bedrängnissen, in Notlagen, bei Engpässen, ...“

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51  Vgl. Röm 12,2: „Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist" (Röm 12,2). Eine präzise Übersetzung bringt die Brisanz des Verlangten schärfer zum Ausdruck: „Und seid nicht gleichförmig dieser Welt, sondern werdet verwandelt durch die Erneuerung des Nous“. Nous bezeichnet dabei das menschliche Grundvermögen zu Wahrnehmung, Denken und Urteil. Damit trifft sich Paulus mit einem zentralen Anliegen von Jesu Gottesreich-Verkündigung: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!" (Mk 1,15). „Kehrt um" heißt wörtlich: Meta-noeîte (metanoei/te), also: Ändert euren Nous. Das bedeutet auch, dass man dem Grundvermögen von Wahrnehmung, Denken und Urteil eine andere Ausrichtung gibt.

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52 Vgl. Norbert Baumert, Der Weg des Trauens. Übersetzung und Auslegung des Briefes an die Galater und des Briefes an die Philipper. München 2009, 387.

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53 „Für den Christen ist die gleiche Zeit, die äußerlich vom Bösen beherrscht wird, die ‚willkommene Zeit, der Tag des Heils‘ (2 Kor 6,2), die zum Guten verfügbare und anfordernde Zeit (vgl. Gal 6,10). Gerade weil die Leser von Sünde und Finsternis umstellt sind, sollen sie den Ruf der Zeit erkennen, der sie als Kinder des Lichts zu einem anderen Leben verpflichtet“ (Schnackenburg, Der Brief an die Epheser [EKK 10], Zürich 1982, 240).

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54 Ein hilfreiches militärisches Bild dafür ist die Entscheidungsschlacht, die den Ausgang eines Kriegs vorwegnimmt, auch wenn Kämpfe noch weitergehen, bis sich der Sieg überall durchgesetzt hat. Im Englischen wird hier unterschieden zwischen D-Day (Day of Decision, Tag der Entscheidung) und V-Day (Day of Victory, Tag des Siegs). Für den Zweiten Weltkrieg war der Einzug der Alliierten in der Normandie ein D-Day. Von da an war der Krieg für Hitler definitiv nicht mehr zu gewinnen. Gemäß dem christlichen Glauben war der Erlösungstod Christi und seine Auferstehung der D-Day im menschheitsgeschichtlichen Heilsdrama. Seine Wiederkunft in Herrlichkeit (Parusie) wird V-Day sein. Die Zwischenzeit – Zeit der Kirche – ist Zeit des Kampfes, aber aus der Perspektive, dass Gott in Christus „die Welt besiegt“ hat (Joh 16,33). Der Vergleich geht vermutlich auf Oscar Cullmann zurück, der ihn 1945 in einem Werk über christliches Zeitverständnis vorlegte. Vgl. ders., Christus und die Zeit, Die urchristliche Zeit- und Geschichtsauffassung. Tübingen 21948. 72f.

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55 Die Gefahr einer Wirklichkeitsverleugnung durch den Anspruch eines vollmächtigen Betens ist verbreitet im pfingstlerischen und charismatischen Umfeld, unter dem Einfluss einer Bewegung von Geistheilung und positivem Denken, die auf das 19. Jahrhundert zurückgeht. Vgl. zur sogenannten Wort-des-Glaubens-Bewegung die differenzierte Abhandlung von William DeArteaga: Quenching the Spirit. Discover the Real Spirit Behind the Charismatic Controversy. Lake Mary 1996.

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56 Vgl. dazu Karl Rahner, Trost der Zeit, in: Schriften zur Theologie, Bd. III. Zur Theologie des geistlichen Lebens. Einsiedeln-Zürich-Köln 1956, 169-188, hier besonders 180-183.

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57 Übersetzung nach Michael Theobald, Das Evangelium nach Johannes, Kapitel 1-12 (Regensburger Neues Testament). Regensburg 2009, 624.

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58 Michael Theobald stellt zur Stelle fest: „Alles Wirken steht unter dem geschichtlichen Anruf der Stunde, ‚solange es Tag ist‘, so auch Jesu Wirken. Ihm ist vom Vater, der ihn gesandt hat, die Zeit zugemessen, und so muss er sie mit den Werken, die dieser ihm aufträgt, auch erfüllen" (Theobald, Das Evangelium nach Johannes 1-12, ebd. 636).

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59 „Weil das Tun von Zeichen und Wundern Proprium des irdischen Jesus ist, d. h. seines öffentlichen Wirkens in Israel, das ein definitives Ende haben wird (vgl. 12,35f.), liegt in solcher Zeitgebundenheit seines Wirkens für die Welt auch die drohende Möglichkeit eines Zu-spät beschlossen (vgl. 7,33; 8,21). Was aber für die Zeitgenossen des irdischen Jesus gilt, gilt analog auch für alle Generationen danach: Weil die Verkündigung Jesu ein Ereignis in der Zeit ist, bleibt sie von der Warnung eines »Zu-spät« umschlossen. Für das Leuchten des Lichts gibt es einen Kairos!“ (Theobald, Das Evangelium nach Johannes 1-12 , ebd. 637).

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60 Vgl. Mk 4,38 par. Mt 8,24, Lk 8,23.

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61 Vgl. dazu H. U. von Balthasar, Theodramatik . Band II: Die Personen des Spiels. Teil 2: Die Personen in Christus. Einsiedeln 1978, 83.

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62 Lk 19,5. Vgl. dazu oben, Kapitel 1,2.

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63 „The community's work has also taught it to be patient. When the foreign minister of an important country travels to mediate in a given situation, he or she has limited time yet their mission must lead to results. They cannot risk failing because failure would damage their credibility, because there is pressure from public opinion or because elections are imminent. But how can conflicts that have taken shape over several decades be solved in a matter of months? The community has no target date for results“ (Mario Giro, Sant’ Egidio’s diplomacy of friendship, In: The UNESCO Courier January [2000], 33-34. Im Internet: http://unesdoc.unesco.org/images/0011/001184/118482e.pdf).

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64 Zur Gewaltlosigkeit, die Gott mit seinem Handeln bewirkt, weil er den Menschen Zeit lässt, vgl. Gerhard Lohfink, Braucht Gott die Kirche? Zur Theologie des Volkes Gottes, Freiburg i. Brsg. 1998, 43-45.

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65 Diese Themen wurden vom Konzilspapst Johannes XXIII. in seine Sozialenzyklika Pacem in Terris (1963) als Zeichen der Zeit behandelt. Vgl. dazu Christian Bauer, Zeichen der Zeit? Ortsbestimmungen des Zweiten Vatikanums In: Lebendige Seelsorge 63 (2012), 203-211, hier: 204.

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66 Johannes XXIII. hat den Begriff des aggiornamento eingeführt: „Angelo Roncalli war ein geistlicher Mensch; er hat das Aggiornamento daher [...] über das Moment der Aufmerksamkeit bestimmt. Gegenwärtig werden verlangt Aufmerksamkeit für die gegenwärtige Realität [...] Darin liegt [...] das Geheimnis der faszinierenden Einfachheit von Johannes. Es ist die Demut, wahrzunehmen, was hier und heute der Fall ist" (Hans Joachim Sander, Glauben im Zeichen der Zeit, Die Semiotik von Peirce und die pastorale Konstituierung der Theologie (unveröffentlichte Habilitationsschrift), Würzburg 1996, 146, zitiert nach: Christian Bauer, Zeichen der Zeit, ebd. 204).

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67 Christian Bauer bringt das Beispiel des Dogmatikers Karl Adam: „Unter dem Anspruch der Zeichen seiner Zeit lehrte dieser eine ‚volksdeutsche Gegenwartstheologie‘, und zwar als ein Vertreter der theologischen Avantgarde. Auch das ist ‚weltoffene Katholizität‘ (Seekler) Tübinger Schule. Diese Zusammenhänge desavouieren nun jedoch keineswegs jede Form einer prägnant zeitsignierten Theologie – aber sie verkomplizieren ihn. Das Problem ist nicht der theologische Gegenwartsbezug an sich, sondern vielmehr ein falscher theologischer Gegenwartsbezug.“ (Bauer, Zeichen der Zeit, ebd. 208).

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68 Bei der offiziellen Ankündigung des Konzils – in der Apostolischen Konstitution Humanae Salutis vom 25. Dezember 1961 – betete Johannes XXIII: „Erneuere in dieser unserer Zeit von neuem wie einst zu Pfingsten Deine Wunder. Gewähre der Heiligen Kirche, dass sie mit Maria, der Mutter Jesu, einmütig und inständig im Gebet ausharre und unter der Führung des Heiligen Petrus das Reich des göttlichen Erlösers ausbreite, das Reich der Wahrheit und der Gerechtigkeit, das Reich der Liebe und des Friedens. Amen“ (eigene Übersetzung). Dieses Gebet ist Teil eines umfassenderen Gebets für einen guten Verlauf des Konzils, das Johannes XXIII. bereits am 23. September 1959 veröffentlichen ließ, damit es nach den Gottesdiensten und in privater Frömmigkeit so häufig wie möglich von der ganzen Kirche gebetet werde. Vgl. Johannes XXIII., Apostolische Konstitution Humanae Salutis, 25. Dezember 1961; sowie Acta Apostolicae Sedis 1959, 832.

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